Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

sündenfall, m.

sündenfall, m.
1)
an ältesten sprachgebrauch (s.sünde V 1 a) anknüpfende bezeichnung für sünde, vgl. im mhd.:
hastu ervrowet bewilen
mit sunden valle dinen vient
väterbuch 33117 Reissenb.;
besonders für schwere einzelversündigung: wie oft die seel durch einen schweren sündenfall gestürzet und bis zu der höllen verführet ... worden Meyfart himml. Jerusal. (1630) 2, 228; es werden aber die gläubigen versucht vom satan, der in ihnen böse gedanken ... suchet zu erwecken, damit er sie zu einem sündenfall bringen möge Chr. Starke synopsis 3 (1737) 1411; in jüngerer sprache seltener und in erotischem, schon von 2 beeinflusztem sinne: gewisz würde er ... über den sündenfall der frau gemahlin ein lauteres zeter erhoben haben, wenn er nicht noch vom verbotenen apfel den mund voll gehabt hätte Th. G. v. Hippel kreuz- u. querzüge 1, 32; er (Thümmel) entschuldigt seinen sündenfall mit dem heiszen klima, mit der wiszbegierde, psychologische erfahrungen zu machen Gervinus gesch. d. dtsch. dichtung (1853) 5, 190.
2)
jünger ist die spezielle bedeutung nach sünde I A 3: 'die erste sünde, die sünde Adams und Evas', nach 1. Mos. 3, seit dem 17. jh. vielfach belegt und in neuerer sprache durchaus vorherrschend: unsre natur durch den sündenfall so verderbet, dasz unser dichten und trachten bösz ist von jugend auf Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 8 (1649) 315; demnach er (Adam) aber durch den sündenfall im paradeis seinen leib dem todt unterwarff Grimmelshausen 1, 747 Keller; im christlichen sprachgebrauch besonders als stück biblischen glaubens und als dogmatischer, zur erbsünde gehöriger begriff: es war das ein schlankes gebäude von grünen kacheln, welche ... die geschichte der erschaffung des menschen und des sündenfalls darstellten G. Keller (1889) 5, 235; bilder von schöpfung, sündenfall, erlösung Scherer lit.-gesch. 246; die lehre (von der erbsünde) sezte ich als wahr voraus, hielt ein angebornes verderben des menschen für schriftwahrheit, leitete es noch immer vom sündenfalle her Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 2, 61; ich erinnere mich, dasz wir auf einem spaziergange von Wartensleben sprachen, als von jemand, der nicht an den sündenfall ... glaubte Bismarck briefe an s. braut 60.
3)
in allgemeinerer oder übertragener, an 2 angelehnter verwendung: es war für John ein paradies, in welchem kein sündenfall möglich schien G. Keller (1889) 5, 75; (Schlippenbach) stellte ihm (dem gr. kurfürsten) den übertritt zum kaiser als eine art von neuem sündenfall dar H. Prutz preusz. gesch. (1900) 2, 44; denn dem sündenfall im paradiese (sünde wider das blut) folgte noch immer die vertreibung aus demselben Adolf Hitler mein kampf (1933) 320; es ist zugleich sein (Philipps v. Hessen) menschlicher und politischer sündenfall gewesen K. Brandi reformation (1927) 292; unpersönlichem beziehungswort zugeordnet: der dramatische jambus ist den deutschen dichtern meistens nur gelegenheit zum sündenfall des gedankens, der mit sich selbst zu kokettiren anfängt Hebbel tageb. 1, 418 Werner; als ob jener primäre zustand (der naivität des rechtes) doch das eigentliche paradies, das auftreten der gesetzgebung aber den sündenfall des rechts bezeichne Ihering geist d. röm. rechts 2, 1, 31. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1145, Z. 31.

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Zitationshilfe
„sündenfall“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCndenfall>, abgerufen am 07.08.2020.

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