Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sünderin, f.

sünderin, f.,
peccatrix; mhd. suntære: mîn armer suntæren kaiserchronik 15471 Schröder; sündærinne, -în.
1)
wie sünder in seinem ganzen bedeutungs- und anwendungsbereich, darum seit alters in der formel sünder und sünderin:
und alle sunder und sunderin sich bekeren
Alsfelder passionsspiel 3, 78 Grein;
uns alle zeit vor sunder und sunderin halden Luther 10, 2, 499 W.;
heilige leute, sie wollten besonders dem sünder
und der sünderin wohl
Göthe I 1, 324 W.;
o herre god, ... erbarme dich uber mich arme sunderinnen Wigand Gerstenberg chronik 146 Diemar; dasz sie endlich wie eine arme sünderin ihren nacken dem beil willig darreichte Göthe I 23, 272 W.
2)
spezieller und betonter als bei sünder (s. dort 2) ist die erotische verwendung; besonders von Maria Magdalena:
er sprach daz (sie) ware
ein gemeineu sundarin
(Luc. 7, 39) frau Ava leben Jesu v. 865 Piper;
die heilig cristenheit singet von einer sünderin, mer von einer goͤtlichen minnerin also: ... quando lavit cor Mariae poenitentis imber spiritus sancti Seuse 451 Bihlmeyer; Magdalena, dy sunderin altdtsche passionsspiele aus Tirol 450 Wackernell; vgl. noch Hans Sachs 11, 427 lit. ver.; Maria Magdalena, die gewesene sünderin Schupp schr. (1663) 199; sünderin im sinne von 'dirne', die spezialisierung der bedeutung ist meist durch ein adjektiv gekennzeichnet: er habe einest 12 gemeiner sünderinn bekert von irem sündigen leben Seuse 116 Bihlmeyer; Pelagia war ein offentliche sünderin zu Antiochia Abr. a s. Clara Judas 3 (1692) 28; ebenso gut finden wir berechnet, dasz man den freunden der natur und kunst einige ganz- und halbnackte schöne sünderinnen vorzeigt Göthe I 47, 366 W.; in seinen (Ecks) briefen lesen wir, dasz er ... die schönen sünderinnen in Leipzig nicht unbemerkt liesz Ranke s. w. (1867) 1, 280; sie scheint ... eine anerkannte dirne ... gewesen zu sein, ... und ich nenne dergleichen philisterei, weil ... der schutz solcher sünderinnen nur durch eine philistergesinnung in einem staate kann eingeführt werden Cl. Brentano (1852) 5, 402; auch allgemeiner, die sittlich leichtfertige; so von Philine: die zierliche sünderin Göthe I 21, 304 W.; ihre locken berührten die stirn der sünderin (der geliebten Moses Freudensteins) W. Raabe hungerpastor (1864) 2, 232.
3)
in bildlicher anwendung auf abstracta, meist jüngeren gebrauchs: sunst ist sie (die kirche) nicht anders denn eine sunderin Luther 34, 1, 466 W.; die seele wird allhier als ein buszfertige sünderin eingeführet Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 4 (1644) 150;
emfindung, schmuck der menschlichkeit! ...
du sollst mir immer heilig sein,
dich nicht zur sünderin entweihn
R. Z. Becker mildheimisches liederbuch (1799) 72;
sünderin vernunft,
bekehre dich zur frommen tollheit wieder
Schiller 5, 21 G.;
wie ganz anders die mode! ihrer natur nach ist sie keine sünderin ..., aber sie wird eine sünderin, wenn sie sich ungebührliches ... anmaszt E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 2, 160.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1165, Z. 4.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
sühnungsweg
Zitationshilfe
„sünderin“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCnderin>, abgerufen am 08.05.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)