Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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sunder

sunder,
s. sonder.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1158, Z. 73.

sünder, m.

sünder, m.,
peccator. ableitung von sünde, f. ahd. sundâre Graff 6, 265, noch selten und wohl auf den glossator Notkers beschränkt, in älterer zeit dafür suntig(o) Graff 6, 263 (s. sündig), häufiger erst seit dem 12. jh.: aller suntære Vorauer sündenklage 40; sundære 798 in: dt. ged. d. 11. u. 12. jh. Waag. mhd. sündære, sünder, gelegentlich als swm. der armen suntæren altdt. pred. St. Paul 66 J. sünder bezeichnet den, der sünde tut oder tat, ebenso den, der mit den folgen und dem charakter der tat behaftet ist, ohne dasz immer eine sichere unterscheidung möglich wäre. im übrigen schlieszt sich das wort inhaltlich an die in sünde I-III dargelegte entwicklung an (doch vgl. u. 3).
1)
sünder ist in älterer zeit ausschlieszlich, in jüngerer vorzugsweise religiös gemeint.
a)
als bezeichnung für den menschen in seiner unwürdigkeit vor gott, in christlichem gebrauch also oft für den menschen schlechthin: er (gott) negât uuek sunderro (viam peccatorum) bei Notker 2, 53, 10 P.;
das ich (Jesus in Gethsemane) kum in der súnder hant
schweizer Wernher Marienleben 8577;
gott haszte die menschen als sünder Dusch verm. schr. (1758) 193;
ob wohl hoch über des donners bahn
sünder auch und sterbliche sind?
Klopstock oden 2, 65 M.-P.;
geh in ein kloster. warum wolltest du sünder zur welt bringen? Shakespeare 3, 236;
spricht doch
im beichtstuhl selbst der mensch nur zu dem menschen.
es spricht der sündige den sünder frei
Schiller 12, 561 G.
vor allem nach Röm. 3, 23: denn es ist hier kein unterschied: sie sind allzumal sünder und mangeln des ruhmes, den sie bei gott haben sollten; im anschlusz daran sprichwörtlich: wir seind alle sünder Kramer 2 (1702) 1040ᵇ; dasz wir eben allzumal sünder und der barmherzigkeit des erlösers bedürftig seien G. Keller (1889) 2, 64; darum Adam als erster sünder (s.sünde I A 3):
ihr seelen insgesamt,
die ihr ... vom ersten sünder stammt
Lohenstein himmelschlüssel (1708) 17.
in synonymer verbindung mit gottlos: Paulus nennt es werk der sünder und gottlosen Seb. Franck sprichw. (1545) 1, 85ᵇ; rechne mich, mein gott, doch nicht unter die verkehrten sünder, unter der gottlosen haufen B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 2.
b)
betont. vom teufel: unde der tievel stande ze sinero zeseuuun. der ist der sundâre (peccator), der lêrta in iz bei Notker 2, 469, 23 P. sonst ein bestimmter, in besonderem sinne sündiger mensch: ich in diser welt als ein sünder gelebt han Arigo decamer. 26 Keller; der sünder verachtet seinen nechsten Wickram 2, 153 Bolte; es sind z. e. verirrte, lasterhafte, sünder und sünderinnen in der gemeinde Miller pred. fürs landvolk (1776) 2, 31; selten mit bestimmung der sündigen tat durch ein adjektiv: als die sinlichen sunder und die hoffertigen heyligen Luther 18, 510 W.
c)
sünder und heiliger in typischer beziehung: ein tapferer starker sünder, ehe er heilig wird Luther 24, 244 W.; grosze heiligen sind auch sünder Petri weiszheit (1604) 1, d 3ᵇ; heilige sind zu sündern geworden Fr. H. Jacobi (1812) 5, 49; auch sünder und gerechter:
denn gott ob den gerechten helt ...
die sünder aber schrecklich felt
Ringwaldt handbüchlein (1586) a 4ᵇ;
wenns wahr ist, dasz die gerechten nicht allein hineinkommen (in den himmel), sondern auch die sünder, die busze tun
Lenz ges. schr. 1, 83 Tieck;
er (gott) schickte nicht aus, nach gerechten zu suchen, sondern er verzieh den sündern
K. H. Waggerl jahr d. herrn (1933) 199.
d)
abgrenzbar ist auch der kirchliche gebrauch: wer die kirch nit hört, der ist ze achten für einen heid und offen sünder Berthold v. Chiemsee theologie 121 Reithm.; ob schon ein pabst ... möge binden und losmachen die sünder Äg. Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 142; er sieht aus wie ein harter capuziner, dessen fastenpredigt die sünder aufregen soll Göthe I 49, 240 W.
e)
darüber hinaus in der durch sünde I C-E, den zusammenhang von strafe, reue, beichte und vergebung der sünde natürlich gegebenen anwendung:
damit nicht umb der sünder willn
gottes zorn schwerlich sei zu stilln
jedermannes jammerklage (1621) c 1ᵇ;
wer busz zu rechter zeit verricht,
der soll in warheit leben.
gott will den todt desz sünders nicht
Spee trutznachtigall (1649) 74;
... der (gott) nicht des sünders tod,
nur seine reue will
sammlung v. schauspielen (1764) 2, 77;
und endlich starb der fromme, der gerechte,
allhier auf Golgatha für sünder und für knechte
J. Fr. W. Zachariä poet. schr. (1763) 3, 219;
allen sündern soll vergeben
und die hölle nicht mehr sein
Schiller 4, 5 G.
die adjektivischen gradbestimmungen wie bei sünde I D 4 b und c: sü wenent, sü sint ... grosze sünder Seuse 508 Bihlmeyer; ein groszer sünder kann nimmermehr umkehren Schiller 11, 199 G.; denn wie wol ich ein groszer, schwerer, schendlicher sunder bin gewest Luther 26, 508 W.; die kleinsten sünder tun die gröszte busze Marie v. Ebner-Eschenbach (1893) 1, 38; offenbarer, ärgerlicher sünder Kramer 2 (1702) 1040ᵇ (s. auch u. 6); dasz keine öffentliche sünder und keine hurer und ehebrecher ... sollen geduldet werden M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 4, 135; heimlicher sünder Kramer 2 (1702) 1040ᶜ; richter über heimliche sünder G. Forster (1843) 8, 11; darüber hinaus in fester formel verstockter sünder (im anschlusz an bibelstellen wie 2. Mos. 4, 21; 14, 17; Mt. 13, 15; Röm. 2, 5 u. ö., vgl. auch verstockt teil 12, 1, 1761 s. v. verstocken D): auff das ... die verstockten sünder ... uberzeuget würden Ringwaldt warheit (1598) a 3ᵇ; verstockte sünder stehen nicht zu beklagen Petri weiszheit (1604) 1, f 4ᵃ; so barmherzig gott ist gegen die buszfertigen, so unbarmherzig ist er auch gegen die verstockten und frevelen sünder Butschky Pathmos (1677) 75; sieh auch unter 4 c, sp. 1161. in geläufiger verbaler wendung: einen sünder bekehren Kramer 2 (1702) 1040ᶜ; alse daz her (gott) einen sundere bekerit paradisus animae intellig. 17, 14 Strauch;
lieferst du
wie ein bekehrter sünder selbst dich aus?
H. v. Kleist 1, 44 E. Schm.
2)
sünder begegnet seit dem frühen 16. jh. auch als blosz sittlicher begriff (vgl.sünde II): nyd und hasz ist nun von willen des súnders Terenz deutsch (1499) 158ᵇ anm.; ein sünder kan zwischen gutem und bösem nicht unterscheiden Joh. Barth weiberspiegel (1565) p 4ᵃ;
dieser sünder gelestert hat
die königliche majestat
J. Ayrer dramen 316 Keller;
daher gibts auch mehr liederliche, offenbar frevelnde sünder, als versteckte bösewichter Schubart leben u. gesinn. (1791) 1, 178; geizhälse, mörder und andre sünder Ratzel völkerkde (1885) 2, 315. ein besonderer erotischer gebrauch mehr bei der weiblichen form (s. u.), angedeutet aber in der jüngeren formel alter sünder: durch was für einen mächtigen talisman der alte sünder sich eine so grosze gewalt über die schönen Jemalitterinnen zu verschaffen wuszte Wieland I 10, 497 akad.; und so sehr es dem alten sünder Sven darum zu tun war, er kriegte es nicht aus Jasper heraus, bei welchem mädchen er die nacht zugebracht hatte Helene Voigt-Diederichs Luise (1935) 41. gewöhnlich mehr oder weniger abgeschwächt (s. u. 4 c und sünde III B 1):
Luna, die weiland keusche maid,
liebäugelt auf den köpfen alter sünder
am hellen tag und höhnt uns arme kinder
G. Keller (1889) 1, 405;
sie faszte mich schärfer ins auge ..., dasz mir alten sünder das blut in die wangen stieg Marie v. Ebner-Eschenbach 4, 234; vgl. auch Martin-Lienhart elsäss. 2, 365. vereinzelt im anschlusz an sünde II B 1 c: allen stummen sündern unde die behaft sint mit den rufenden sünden codex 39 d. Zeitzer domherrenbibl. (15. jh.) in: zs. f. dt. philol. 9, 147.
3)
der zum tode verurteilte, wohl in verkürzender anlehnung an armer sünder, s. u. 5 b:
wan ich das schwert thue aufheben,
so geb got dem sünder das ewige leben (um 1600)
H. Ziegler geschützinschriften 71;
sündern, die da sterben sollen,
gibt man, was sie haben wollen
Logau s. sinnged. 162 lit. ver.;
dann auch in der erweiterung auf andere missetäter: wer ungerufen beim richter sich entschuldigt, kommt als sünder in sein buch J. J. Chr. Bode Montaigne (1793) 5, 207; die deportation entfernte den sünder von seiner heimat, in welcher er durch sein betragen gefährlich zu werden drohte Zschokke s. ausgew. schr. (1824) 2, 165.
4)
aus der jüngeren bedeutungssphäre III des grundworts heben sich heraus
a)
sünder als der in torheit oder geschmacksverirrung verstrickte (s.sünde III A 2, 3): es sind mir hier und da ... gelegenheiten aufgestoszen, einige critische sünder zu züchtigen Wieland I 3, 517 akad.; ein alter poetischer sünder, der sich ... zum richter aufgeworfen Göthejahrb. (1880) 1, 180; ästhetische sünder stehen darin gegen moralische zurück Hebbel tageb. 2, 243 Werner.
b)
sünder in gutmütiger abschwächung oder komischer übertreibung (s.sünde III B 1, 2): ich sünder! an den lieben Giseke habe ich so lange nicht geschrieben Klopstock br. 59 Lappenberg; damit schliesze ich ... und bitte mich nicht so lange auf antwort warten zu lassen, als ich sünder es getan fürst Pückler briefwechsel (1873) 4, 122.
c)
so besonders in formelhafter verbindung mit adjektiven: ha, ha alter sünder! das (gewählt zu werden) ists doch nur, was ihr so im stillen ambirt Gutzkow ritter v. geiste (1850) 1, 162; aber was auch der alte graue sünder, der college Eckerbusch, darüber (über die nase seiner frau) sagen mochte W. Raabe Horacker (1876) 110; so auch die ältere verbindung verstockter sünder (s. oben 1 e) gebraucht: es war keine andachtsübung, kein in drei treffen geteilter angriff an die verstockten sünder H. P. Sturz schr. (1779) 2, 332; 'du spitzbube!', rief Friedrich dem verstockten sünder zu Marie v. Ebner - Eschenbach 3, 12; einen hartnäckigeren sünder haben wir nicht leicht gesehen Gerstenberg recensionen 63 lit.-denkm.; du bist ein hartgesottener sünder Schiller 3, 31 G.; und der c-durrührung des schluszgesangs entziehen sich wohl nur recht hartgesottene sünder H. Joach. Moser gesch. d. dtsch. musik (1928) 3, 330; er (der vagant) ist ein unverbesserlicher sünder Scherer lit.-gesch. 74.
5)
die im sprachleben des wortes gebräuchlichste und entwicklungsfähigste formel armer sünder spiegelt die in 1-4 gegebene bedeutungserweiterung greifbar wider.
a)
häufig schon mhd. und in älterer geistlicher literatur wie 1 a: der mensch vor gott:
(gott sagt:) vil armer sünder, ganc von mir,
trost und gnade versag ich dir
von dem jungesten tage 65 Will.;
dann er ist fromb, biderb und grecht,
so wir allsamen sind arm sünder
H. R. Manuel weinspiel 2480 ndr.;
möchten aber wir armen sünder keinen weg ee in die liebe gottes geführt werden, denn so wir gelert wurdind Zwingli fryh. d. spysen 13 ndr.; wie der arme sünder wieder zu gott in seinen bund kann treten Jac. Böhme s. w. 3, 327 Schiebler; gegrüszt seist du, Maria ..., bitte für uns arme sünder! Annette v. Droste-Hülshoff w. (1878) 2, 266; sprichwörtlich: wir sind alle arme sünder untersuch. d. vornehmsten teutsch. sprichw. (1725) 1, 112.
b)
der angeklagte in einem peinlichen gerichtsverfahren, der zum tode verurteilte, der gehenkte. als formel der rechtssprache vom 16. bis ins späte 18. jh. bezeugt (s. auch arm teil 1, 555): dornach zeuggt der scharffrichter den armen sünder zu sich und fürtt in hinaus (aus einem Zörbiger schöffenbuch von 1564) thüring.-sächs. zs. f. gesch. u. kunst 12, 23; judex ad carnificem: so uberantworte ich dir diesen kegenwertigen armen sünder, das du ihn hinausführest und an ihm vollnbringest, was ihm rechtlich zuerkannt worden ist (ca. 1620) urkundl. material a. d. Brandenburger schöppenstuhlsakten 2, 604 Stölzel; wobey zu merken, dasz man dem armen sünder mit den h. h. sacramenten (auszer der beicht, welche auff dem richtplatz kann wiederhohlet werden) den tag vor der execution versehen lassen solle constitutio criminalis Theresiana (1769) 127; weitere belege s. dtsch. rechtswb. 1, 824. häufig, und noch bis in die gegenwart, auszerhalb des eigentlich rechtssprachlichen gebrauchs: oder der schultheisz spricht solche urteil mündlichen aus gegen dem armen sünder Fronsperger kriegsbuch 1 (1578) 13ᵃ; wie ein armer sünder, den man jetzt aufknüpfen will Grimmelshausen 2, 32 Keller; das stühlchen riecht so nach armen sündern Göthe I 8, 122 W.; mut genug, mich unterm lichten galgen mit dem leibhaftigen teufel um einen armen sünder zu balgen Schiller 2, 39 G.; es gibt mondnächte, wo man arme geköpfte sünder ... ihr liebes haupt mit klappernden beinernen händen aus dem boden scharren sieht Federer Pilatus (1920) 325 (hierzu s. u. zusammensetzungen wie sünderbekenntnis, -gesicht, -glocke, -kittel, -seele, -weg und teil 1, 555; 558).
c)
auch im neueren abgeschwächten gebrauch ist der juristische hintergrund noch fühlbar: die düster kriminalistische weise, in welcher die schuljustiz gehandhabt wurde ... es wurden ausgesuchte peinliche und infamierende strafen angewendet auf dies zarte lebensalter, und es verging fast kein monat ohne eine feierliche exekution an irgend einem armen sünder G. Keller (1907) 1, 97; ich liesz ihn (einen armen kerl, der in der verzweiflung einen raubmord begehen wollte) aufstehen und betrachtete ihn genauer, meinen armen sünder Holtei erz. schr. 18, 46; indem er ... wie ein ertappter armer sünder aussah Heinr. Seidel vorstadtgesch. (1880) 67. der tor, stümper:
wir stolze menschenkinder
sind eitel arme sünder
und wissen gar nicht viel
M. Claudius s. w. (1819) 4, 57;
mit wahrer aristophanischer bosheit verspart Plato diesen letzten schlag für seinen armen sünder (Ion), der nun freilich sehr betäubt dasteht Göthe I 41, 2, 175 W.; unter den malern und bildhauern, welche den salon im Louvre von 1765 bis 67 füllten, waren ... wenige gute, die meisten arme sünder Justi Winckelmann 2, 2, 249; geist ..., wovon er manchen ... armen sündern ... hätte abgeben können E. M. Arndt s. w. 1, 206 R.-M.; 'armer kerl':
das fleisch von kalb und rindern,
das kam uns armen sündern
niemals für maul und zahn
frh. v. Ditfurth histor. volksl. (1869) 74.
6)
offen sunder, d. i. der zöllner, eine bis ins 16. jh., aber nicht bei Luther herrschende miszverständliche wiedergabe des publicanus der vulgata; vgl. schon demo offansundare (publicano) bei Notker 2, 352, 25 P., und mhd. der offen sunder publicanus St. Georgener pred. 22 R.; ewer meister, worum iszt er mit den offen sundern und mit den sunderin erste dtsche bibel 1, 32 (gr.: μετὰ τῶν τελωνῶν καὶ ἁμαρτωλῶν; vulg.: cum publicanis et peccatoribus; Luther Mt. 9, 11: mit den zölner und sündern); auch ist er (Matthäus) geruft worden von der ... ubunge der publican und offenbaren sunder zuͦ gott dem herren ebda 1, 1 vorrede; noch bis ins 16. jh. hinein: das sihe Lu. 18 im gleiszner und offnen sünder Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, 146;
unser gebet soll usz dem herzen gon,
als des offnen sünders im tempel
schweiz. schauspiele d. 16. jh. 3, 46 Bächtold.
zur jüngeren eigentlichen bedeutung s. o. 1 e. die Lutherbiblische verbindung zöllner und sünder (s. auch sünder 7): es naheten aber zu im allerley zölner und sünder, das sie in höreten Lk. 15, 1 u. ö.; von da aus: ein zöllner (und sünder) hat sich mit vielem interesse nach deiner mutter, der zöllnerin erkundigt Caroline (1871) 1, 194 Waitz; der muszte in der welt mit ihr leben, mit den zöllnern und sündern in ausgedehntester geistiger bedeutung H. Steffens was ich erlebte (1844) 10, 214 (s. u. sünderfreund, -geselle, -gesicht).
7)
zusammensetzungen mit sünder- sind mhd. ganz vereinzelt: sünderkempf (Maria) Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 19519 R., sündersünerin Mone schausp. d. mittelalt. 2, 143, bleiben auch im älteren nhd. noch selten: sünderrat Luther 16, 349 W., sünderspiegel A. Taurer buszruffer (1596) x 1ᵃ, sünderschar Fischer-Tümpel 1, 360. erst im erbaulichen schrifttum des pietismus wuchern die bildungen auf und halten sich groszenteils darüber hinaus. gelegentlich erscheint als erster bestandteil der gen. sünders-, z. b. sündersleiden allg. dtsche bibl. 90 (1789) 85, sündersleute G. Keller (1889) 5, 138, sündersweise Scheffel ges. w. (1907) 3, 44. aus der masse bloszer zusammenrückungen, in denen sünder oft nur substantivisches oder adjektivisches attribut vertritt, wie bei sünderart, -leben, -paar, -sinn u. ähnl., treten heraus bildungen im anschlusz an sünder 1 a und b wie sünderauge, -hand, -herz u. ähnl. oder wie sünderorden, -welt u. a., ferner poetische umschreibungen für Christus wie sünderarzt, -freund-, retter u. a., zusammensetzungen im anschlusz an sünder 3 'verurteilter, missetäter' wie sünderglocke, -hemd, -kleid, des weiteren composita mit armer sünder (s. sünder 5) und endlich solche mit der verbindung zöllner und sünder (s. sünder 6). belege sieh an alph. stelle.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1158, Z. 74.

sünder2, m.

²sünder, m.,
sonderform zu ¹sundern, m., s. sp. 1166.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1163, Z. 27.

sundern, vb.

sundern, vb.,
s. sondern teil 10, 1, 1583. dazu noch wie sondern 1:
so wolt ich das aus meiner zellt
ehe holen und verehren dich ...
als dasz ich von der freundtschafft dein
wolt scheyden und gesündert sein
Spreng Ilias (1610) 329ᵃ.
reflexiv wie sondern 3, 'sich absondern': warum habend ir (mönche) üch gesünderet? gottsdienst ist nit hinder den muren fysten (d. i. schnarchen, schlafen) Zwingli dtsche schr. 1, 325.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1166, Z. 38.

sundern1, m.

¹sundern, m.,
zu sonder 2 a 'abgesondert', im zusammenhang des lehnsrechtes (vgl. auch sundergut, -holz, -leute): 'ein sundern heiszt in Westphalen ein beträchtliches gehölz, welches in absicht der viehweide offen, aber was das holz betrifft, davon gesondert, oder einem herrn zuständig ist' Möser patr. phant. (1774) 2, 493; er liesz ihm auch in einem angenehmen sundern ein eignes bequemes haus ... bauen Nicolai Seb. Nothanker (1773) 3, 104; vgl.: in den geistlichen (gebieten Westfalens) erscheinen (gewisse forstrechte) nur als sundern (nemora) in der gemeinen marck, nicht als forsten (foresta) Stüve wesen u. verfassung (1851) 115; sunnern, sundern, m. Woeste westf. 263ᵃ; 'feuchter, mit holz bewachsener ort' (für Lippe) Frommann dtsche mundarten 6, 487. vereinzelt auch als sünder: im sünder (abgesondertes, eignes holz) waren schöne eichen gefällt H. A. Oppermann hundert jahre (1870) 1, 318; vgl. 3, 158.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1166, Z. 20.

sundern2, m.

²sundern, m.,
s. sinter teil 10, 1, 1215.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1166, Z. 37.

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Zitationshilfe
„sündern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCndern>, abgerufen am 13.06.2021.

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