Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

sündflut, f.

sündflut, f.,
diluvium, cataclysmus.
herkunft und form. ahd. sinvluot, aus germ. sin- 'immer, überall' und vluot (zu sin- s. teil 10, 1064 und sinwel teil 10, 1218; aus kompositen wie got. sinteins 'täglich', as. sinnahti, ags. sinniht 'ewige nacht', germ. singrōni- 'immergrün', wgerm. sinhīwun 'gatten' entwickelt sich die verstärkende bedeutung von sin- in ags. sinhere 'groszes heer', ahd. sinvluot; germ. sin- aus idg. sem- 'eins' s. Fick III³ 432; Walde-Pokorny 2, 488): sinuluoth (10. jh.), sinulvoth (10. jh.), sinvluoth (ca. 1070) ahd. gl. 1, 581, 21 St.-S.; sinfluot Notker 1, 102, 21, (dat.) sinfluôte 2, 378, 3 (gl.), in dero sinfluoti 3, 181, 30; 189, 10 P.; sinvlût (12. jh.) ahd. gl. 3, 234, 16 St.-S. schon früh auch mit gleitlaut sintvluot: in sintfluote bei Notker (gl.) 2, 426, 19 P.; sintfluͦt (12. jh.), sintflut (12. u. 13. jh.) ahd. gl. 3, 205, 58; 234, 16; 360, 59 St.-S. seit dem 13. jh. erobert diese -t-form als mhd. sintvluot, nd. sintvlôt rasch den ganzen sprachbereich, während sin-formen nur lexikalisch und in handschriftlichen varianten noch gelegentlich begegnen, vgl. z. b. sinflut (15. jh.) bei Diefenbach gl. 182ᵇ; erste dtsche bibel 1, 94 (druck Z, S). mhd. auch in der nebenform sin(t)flüete, f. Reinfrid v. Braunschweig 19778 Bartsch; Hugo v. Trimberg renner 18173 Ehrism. seit dem 15. jh. setzt eine teils auf miszverständnis, teils auf willkürlicher bildung oder ausweichung beruhende allgemeine verwirrung der formen ein, die sich auf beide kompositionsglieder des wortes erstreckt. vor allem treten heraus die umdeutung des sin-, sint- in sünd- und das nebeneinander von -flut und -flusz. seit die bedeutung von sin- nicht mehr verstanden wurde, lag eine formal durch sint- vorbereitete umdeutung in sünd- um so näher, als die auffassung der biblischen sinflut als eines sündengerichtes schon früh in wortspielen oder doch in typischer wortnähe zum ausdruck kam (s. auch unten 3 a):
wie si (die welt) zirgie
durch der lüte sünde
in der sintfluͦt der ünde
Rudolf v. Ems weltchron. 874 Ehrism.;
ich binz, des wîsen Nôê trônes arke,
in die sich vor menschlicher sünden sintfluot barc der starke
Frauenlob 20 Ettmüller;
reht als bî dem anegenge diu werlt mit wazzerflüete ze der hellen fuor, alsô wirt sie bî dem ende der werlt mit sündenflüete ze der hellen varn Berthold v. Regensburg 1, 80 Pf.; vgl. auch:
daz uns der sunden vlute
icht werfen an den hinderswich
passional 374, 51 Köpke;
und später: auf die überhand genommene sündenflut kam die sündflut Kramer 2 (1702) 1039ᵃ (s. unter sündenflut). vgl. noch sintflut und sündfluch Rilke br. und tageb. (1931) 406. vor 1500 sind sünd-, sund-formen noch selten belegt, nur obd. und in der verbindung mit -flusz: vor der süntflusze (1473) erste dtsche bibel 1, 94 druck P; sundflusz (1475-1518) ebda 3, 61 Z-O a. seit 1520 nehmen sie, trotz Luthers hartnäckigem festhalten an sind-, schnell zu, in der zusammensetzung mit -flusz rascher als in der mit -flut; erst seit der ersten hälfte und mitte des 16. jh. sind -flut-formen bezeugt: sündfluͦt (erste hälfte des 16. jh.) schweiz. schausp. des 16. jh. 3, 44 Bächtold; sündtfluͦt Wickram 3, 185 Bolte; (1556) Musculus hosenteuffel 19 ndr.; Mathesius Sarepta (1571) 2ᵇ u. s. w. um die wende vom 16. zum 17. jh. verschwinden die ursprünglichen -i-formen, vgl. noch sindfluth herzog Heinrich Julius v. Braunschweig Susanna (1593) h 6ᵇ, Lucas Pollio zehen predigt. (1601) 46ᵃ; erst im 19. jh., seit der sprachwissenschaftlichen aufhellung der zusammenhänge, lebt die alte -i-form als sintflut wieder auf und breitet sich neuestens, auch im weiteren literarischen bereich, immer mehr aus: sintflut D. v. Liliencron s. w.⁷ 8, 152; Rilke br. u. tageb. (1931) 406; K. B. v. Mechow in: zs. d. innere reich (1935) 394 u. s. w. in den modernen regelbüchern sind beide formen verzeichnet, vgl. d. gr. Duden (1934) 523ᵃ; 554ᵇ; sprach-Brockhaus (1935) 600ᵇ; 645ᵃ. noch stärkeren schwankungen ist das zweite kompositionsglied der wortes ausgesetzt. auf grund einer synonymität von mhd. vluot und vluz erscheinen formen mit -flusz (vgl. auch oben sündflusz), md. seit 1440: sintvlus Diefenbach gl. 182ᵇ; sintflus ebda, mehr gegen ende des 15. jh. auch obd.: an der sintfluͤsz (ca. 1460) Hartlieb dialogus 297, 6 Drescher; vor der suntflusse erste dtsche bibel 1, 94 drucke P, A, Sa, K-O, Oa; die sintflusz Hans Folz meisterl. 165 Mayer. seit dem zweiten drittel des 16. jh. überwiegend mit sünd- als erstem kompositionsglied. das wohl in geschlechtsanalogie zu sintflut gebildete femininum dieser lange zeit doppelgeschlechtigen zusammensetzung herrscht im 15. jh. vor, später hat das masculinum den vorrang, doch vgl. noch: die grosse sündflusz Joh. Arnd Thomas a Kempis (1631) 109; mit dem wasser der sündflusz Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 61 (neben: in dem sündflusz ders. Judas d. ertzschelm [1686] 1, 212). im 16. jh. überwiegen die -flusz-bildungen jene mit -flut bei weitemLuther freilich bevorzugt sindflut —, im 17. jh. treten sie allmählich zurück, später nur noch vereinzelt: nach dem sündflusse neue schausp. (1771) 6, stück 2, s. 9; nach dem sündflusz allg. dtsche bibl. 106 (1792) 48. in obd. mundarten hält sich sündflusz länger, gelegentlich wohl noch in modernem gebrauch, vgl.sündflusz Fischer schwäb. 5, 1961; Schmeller-Fr. bair. 1, 797; Schöpf tirol. 729. in archaisierender sprache: die sintflusz Gerh. Hauptmann ges. w. 2, 71 (Florian Geyer) jubil.-ausgabe. hauptsächlich dem 15. jh. gehört eine merkwürdige ausweichung von sintflut in sin(t)flucht an, der keine synonymität von mhd. vluot und vluht, wohl aber eine analoge entstellung von vorflut zu vorflucht (s. u. vorflut) entspricht: sinfluoht im Tobiassegen Müllenhoff-Scherer denkm. 1, 190, 106 hs. A (14. jh.); sintflucht (1418, 1429) Diefenbach gl. 182ᵇ; sint fluͦcht (anf. d. 15. jh.) derselbe n. gl. 79ᵃ; sintfluht (1429) ebda 135ᵇ; die zeitt und die ursach der sintfluͦcht (ca. 1460) Hartlieb dialogus 297 Drescher; sinflucht (1477) erste dtsche bibel 1, 94 druck S; syntflucht, syntflusz cathaclismus i. diluvium voc. theut. (Nürnberg 1482) d d 7ᵃ; seinflucht, zeinflucht chron. dtsch. städte 4, 206 anm. (Augsburg, 15. jh.). ebenfalls ins 15. jh. gehört eine gelegentliche, sachlich naheliegende analogie sündflusz — sündgusz: diluvium swind flus o. gusz (15. jh., md.) Diefenbach gl. 182ᵇ (vgl. auch diluvium groz guzz, sintfluht [1429] Diefenbach nov. gl. 135ᵇ). von da aus wohl auch ein singuläres sündgiesze, f.: dasz Noe gott ... gloubt, ja er wurde alles erdrich mit der sündgiesse vertilgen Zwingli dtsche schr. 1, 68. ferner ein aus mhd. sintwâc, sintwæge entwickeltes sintweg, f. (s. u. sündwäge). die im 15. und 16. jh. herrschende mannigfaltigkeit der wortformen läszt nicht selten bei einunddemselben schriftsteller gleichzeitigen gebrauch verschiedener formen zu: so sintflut neben sündflut bei Musculus, Mathesius; sintflusz m. und f. bei Luther; sint- bzw. sündflut neben -flusz bei Luther, Hans Sachs, Fischart; sintflutt neben sintfluͦcht und sintfluͤss bei Hartlieb dialog. u. s. w.
bedeutung und gebrauch.
1)
die zusammensetzung des wortes aus sin- und vluot ergibt eine grundbedeutung 'allgemeine flut, grosze flut, grosze überschwemmung', die aber schon im ältesten gebrauch wie später vornehmlich auf die flut Noahs nach 1. Mos. 6-9 angewendet wird.
a)
gleich der früheste beleg: cataclysmus sinuluoth (10. jh.) ahd. gl. 1, 581, 21 St.-S. ist als glosse zu ecclesiasticus 39, 28: quomodo cataclysmus aridam inebriavit von der vorstellung der biblischen flut kaum zu lösen; in ausdrücklicher beziehung: unde uuazer obestet tie berga. also iz fuor in dero sinfluoti Notker 3, 189, 10 P.; vgl. 2, 426, 19; 2, 378, 3;
mit dem segene Nôês,
der gote sô getriuwe was,
daz er in behuote
vor der sinfluote
(12. jh.) Müllenhoff-Scherer denkm. 1, 190;
di sintflut quam ze dirre zît, dâ vone alle di werlt vertarp âne achte menschen dtsche myst. 1, 102 Pfeiffer; von der syntfluͦte, daz ist gros wasser (als überschrift über der erzählung von Noahs flut) (Straszburg 1400) dtsche st.-chron. 8, 242; er (Noah) war aber sechshundert jar alt, da das wasser der sindflut auf erden kam 1. Mos. 7, 6; denn durch die waͤsserige farb wirdt angezeigt der untergang der ersten welt, welche mit der sindtflut ist verheert worden Casp. Goltwurm wunderzeichen (1567) 4ᵃ; solchen leuten begegnet Petrus in diesem text, und introduciret oder zeucht an die sindflut Lucas Pollio zehen pred. (1601) 46ᵃ.
b)
mit der schon mhd. vorbereiteten umdeutung des in seinem ursprünglichen wortsinn nicht mehr verstandenen wortes sintflut in sündflut 'flut, die als strafe für die sünde der menschen erging' (s. o. sp. 1168), muszte die beziehung auf das einmalige biblische ereignis noch enger werden: nachdem got der almechtig das grausam gewesser der sündtfluͦt ab dem erdtrich hat gewendet Wickram 3, 185 Bolte; wie auch bezeugt die straf der ersten welt, die sündflut Kirchhof wendunmuth 2, 203 lit. ver.; den regenbogen am himel, an welchem gott uns zum exempel und beispiel, teglich fuͤr helt, seinen erzeigten zorn mit der suͤndflut Musculus hosenteuffel 19 ndr.; er gedenck an sein verheiszen, dasz er den menschen nimmer will lassen undergehn, wie in der suͤndflut Paracelsus opera (1616) 1, 374 H. in der reihe anderer begriffe der biblischen urgeschichte: zu solcher religion mischten sich allmählich laute der mosaischen lehre von weltschöpfung, von sündflut H. Voss antisymb. (1824) 1, 175; die geschichte des paradieses, ..., der sündflut Herder 12, 15 S. die anlehnung an die vorstellung der einmaligen biblischen flut kommt auch in formeln wie alte, neue sündflut u. ähnl. zum ausdruck:
hier und da des wassers fluth durch die stärksten dämme dringet,
und der alten sündfluth gleich tiefen, berg und thal verschlinget
Chr. O. v. Schönaich Heinr. d. vogler (1757) 122;
sicherlich ist eine neue sündfluth im anzuge, und diese paare begeben sich in die arche Shakespeare 4, 300;
wenn die alten klüfte
einstürzen, eine zweite sündfluth alle
wohnstätten der lebendigen verschlingt
Schiller 14, 370 G.
so auch vergleichend von starkem regen (s. auch 3 d): dann acht tage regen, wie eine neue sündfluth Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 5, 234; das gieszt vom himmel herab, wipfel und bergspitzen ersäufend, als ob eine zweite sündflut heranbräche H. v. Kleist 2, 216 E. Schm.
c)
auch dort, wo die allgemeine bedeutung 'grosze flut, überschwemmung, wasserkatastrophe' begegnet, ist seit alters mit einer einwirkung der biblischen vorstellung im sinn einer erweiterung oder parallelisierung zu rechnen: uuelih fiur uzer Ethna farentez, alde uuelih sintfluot tuot solichen suid taz chit solicha suendi dero liuto Notker 1, 102, 21 P.;
von derselbin sinflut
ouch zu Glocow swummen
di tir obir den boumen
Dalimil kronik v. Behemlant 222 Jiriček;
mich bedunckt, das solich klain sintfluͤtt bedeuten ain snelle zuchunfft des jungsten gerichts Hartlieb dialogus 297 Drescher; under disem homeister vergiengen vil schiffe, ..., die in den grossen refierenn lieffen unnd auch under denn wassern logen von der sindtflut getriben, da obenen von gesagt ist worden Sim. Grunau preusz. chron. 1, 703 Perlbach; der herr sitzt eine sintflut anzurichten, und der herr bleibt ein könig in ewigkeit ps. 29, 10. im vergleich: yhe mehr du bittest, yhe lieber er (gott) dich höret: schütte nur reyn und alles eraus, tröpffle und zipple nicht. denn er wird auch nicht tröpfflen noch zippeln, sondern mit sindflut dich uberschütten Luther 19, 578 W.; das es alles ... ym geytz erseufft und verteufft ist, wie mit eyner grossen sindflut ders. 15, 304. besonders nahe liegt der biblische ausgangspunkt für den jüngeren gebrauch, dem auch der wortsinn von sündflut mit der vorstellung des biblischen sündengerichtes verschmelzen muszte:
(gott) erhält mich, wann der grund der erden sich beweget,
und sündfluth überschwemmt das land
A. Gryphius ged. 268 Palm;
er stellte ihnen ein gemälde des nahen unterganges nach dem andern vor; bald ersäufte er sie durch eine sündfluth, bald verbrannte er sie mit feuer vom himmel Klinger (1809) 10, 174; die elemente können säuseln und plätschern, plötzlich aber sturm, sündflut und verheerung sein Ric. Huch in: meisternovellen dtscher frauen (1897) 2, 176. vergleichend: wir wollen unsere teiche nur recht anschwellen lassen und dann die dämme auf einmal durchstechen. es soll eine gewaltige sündfluth werden (gegen die dilettanten) Göthe IV 14, 119 W. deutlich ist die parallelisierung auch dort, wo die bezeichnung sündflut auf ganz bestimmte flutkatastrophen angewendet wird: das erdtrich ist dermaszen auffgerissen nach der sündflut (überschwemmung des Tiber), das mer dann hundert heuszer understitzt seind, ausz sorg eines niderfals Seb. Franck chron., zeitb. (1531) 248ᵃ; welche beide sündflute beinah hundert jahre vor derjenigen, so wir erlebt, und davon die insel noch heutiges tages unbedeichet lieget, hergegangen Casp. Danckwerth Schleswig u. Holstein (1652) 146; die holsteinische sündfluth, die thüringische sündfluth vom jahre 1723 Krünitz 178 (1841) 426. des weiteren in der anwendung auf analoge auszerbiblische mythen: nachdeme er (Deukalion) mit seinem weibe, der Pyrrah, in der groszen sünd- oder wasserflut in einem schiffe ganz allein erhalten J. Rist Parnasz (1652) a 12ᵃ; maszen denn für des Deukalions sündfluth kein mensch ewige jungfrauschaft gelobt Lohenstein Arminius (1689) 2, 174ᵇ. im neueren wissenschaftlichen sprachgebrauch von den entsprechenden mythen der Babylonier, Inder, Perser u. s. w., vgl. z. b. H. Gunkel genesis (1917) 70 ff., H. Usener die sintflutsagen (1899).
2)
sündflut als die biblische flut erscheint in gewissen spezielleren anwendungen.
a)
als prinzip der zeitrechnung, vornehmlich in der älteren, biblisch-dogmatisch gebundenen geschichtsbetrachtung. schon früh formelhaft vor der sündflut, nach, seit der sündflut, zur trennung der beiden groszen weltepochen:
von disen grôzen nœten
seit sîn wîse güete
lang vor der sintflüete
Reinfrid v. Braunschweig 19778 Bartsch;
die armbrustwehr ist die älteste nicht allein vor der sündfluth von dem Lameche, ... sondern auch zu Davids zeiten ... berühmt worden Treuer Dädalus (1675) 1, 121; da gott selbst den ehestand im paradis eingesetzt, und hernach seinen unwandelbarn willen und gnediges gefallen gegen demselben allzeit, für und nach der sintflut ... geoffenbaret hat Torquatus coelibat (1562) c 1ᵃ; da sprach der junger: wer was der erste kunic nach der sintfluͦt? Lucidarius 8 Heidlauf; diese veränderung hat sich um das 257. jahr nach der sündflut ... zugetragen Zesen rosenmând (1651) 11; das ist aber die rechte und gewisse warheit, dasz die Schwaben ... nach der sündfluth die ersten alten einwohner des landes ... gewest J. Prätorius Katzenveit (1665) a 8ᵇ; wie die Chineser ... ihr land sofort nach der sündfluth ... bewohnet Morhof unterricht (1682) 18 ; später nur noch vereinzelt: es kann aus der natur der menschheit unumstöszlich erwiesen werden, dasz schon vor der sündfluth die tonkunst unter dem menschengeschlechte sehr stark getrieben wurde Schubart ästhetik der tonkunst (1806) 6; oder nur noch in poetischer umschreibung oder scherzhafter übertreibung für hohes alter, lange zeit u. ähnl.:
langsam entwurzelt sinkt mit drohend schwerem falle
der eichbaum furchtbar hin, der seit der sündfluth stand
Cronegk schr. (1766) 2, 153;
die landschaft ... war mit wäldern gekrönt, deren alter in die zeiten vor der sündfluth hinauf zu reichen schien Joh. G. Forster (1843) 1, 118; so unglücklich ist wohl seit der sündfluth kein lohnbedienter gewesen Fr. L. Schröder dram. w. 2, 65; ironisch für rückständigkeit (s. u. vorsündflutlich): bist du nicht ein paar monate vor der sündfluth geboren? Gottsched schaubühne (1741) 2, 285.
b)
als geologisches ereignis dargestellt: in sonderheit aber körnichter zien und eisenstein, der sehr und weit gegangen, die mit sampt dem gold von den gengen durch die sündflut also gerissen ... worden L. Ercker beschreib. aller mineral. ertzt (1580) 42ᵃ; (man weisz nicht,) ob die ungleichheiten auf der oberfläche unserer erdkugel ein werk der schöpfung oder der sündfluth sind Hamann bei Gerstenberg br. üb. merkwürdigk. d. liter. 82 lit.-denkm.; dagegen alle organischen reste, die sich im steinreiche fanden, sollten von der sündfluth herstammen Göthe II 9, 247 W.
3)
der vielseitig übertragene gebrauch des wortes knüpft ebenfalls an das einmalige ereignis der biblischen sintflut an. er entwickelt sich teils aus dem ersten, teils aus dem zweiten bestandteil des wortes, d. h. teils aus dem mehr innerlichen (s. u. 3 a, b), teils aus dem sachlichen des vorgangs (3 c, d). häufig mag beides zusammenwirken (3 e, f).
a)
am frühesten in der übertragung auf negative, zu sünde und unheil gehörige begriffe; schon im 16. jh. (s. auch sündflusz 3): wider solche schreckliche einreiszende sindflut aller sünde Luther 1 (1567 Jena) 174; geläufig: dasz unser zeit fast mit einer sündflut des übels überswemmet Schottel friedenssieg 4 ndr.; ihm (Karl d. gr.) sind wir ... die sündfluth von übeln schuldig Herder 18, 150 S.; zur abwendung einer sündfluth von übeln Fr. Gentz schr. (1838) 4, 16; und ähnliches: viel weiber mit ihrer geilen kleidung und leichtfertigen geberden eröffnen die pforten zu einer sündfluth böser begierden P. Winckler gedanken (1685) c 6ᵃ; eine sündflut von blutigem mord und schamloser verwilderung brach über die neapolitanischen Anjous herein H. Prutz in: allg. weltgesch. 6 (1891) 279; sie baut auf ihren edlen sinn, dasz sie in groszer, gerechter art die sündfluth der verläumdung nicht werden über ihr unschuldiges haupt zusammenbrechen lassen fürst Pückler briefwechsel (1873) 7, 116; ironisch: die beiden gensdarmen schütteten noch eine sündfluth von heil und segen mir über den hals Gaudy (1844) 2, 141
b)
von der vorstellung des strafgerichts aus zur kennzeichnung von dingen und zuständen, die untergangsreif sind: aber staatseinrichtungen, welche den bürgern so schnöde lügen zur nothwendigkeit machten, die waren doch wohl überreif für die sündfluth Schubart br. in: D. Fr. Strausz w. 8, 245. als ausdruck frivolen leichtsinns und zynischer verantwortungslosigkeit, aber auch scherzhaft abgeschwächt in der redensart nach uns die sündflut, die dem französischen, der marquise von Pompadour zugeschriebenen après nous le déluge nachgebildet ist, vgl.: nach mir mag hier die sündfluth alles überströmen A. v. Arnim (1853) 18, 202; das (ein unbedenklicher) ist eine nach-mir-die-sündflut-natur Kurt Kluge d. herr Kortüm (1938) 417. s. Büchmann geflüg. worte (1926) 487.
c)
von tränen, in der affektsprache des barock:
eröffnet euch, ihr trübe brunnen,
ihr hölen süszer tränen voll, ...
laszt einer neuen sündflut wellen
auf dieser wangen rund aufschwellen
Königsb. dichterkr. 182 ndr.;
wolten die götter! es könten meine augen zu donnerschwangern wolken, und diese meine thränen zu grausamen sündfluthen werden Ziegler Banise (1689) 1;
da mein nun verstosznes sehnen
unaufhörlich rache schreyt,
und die sündfluth meiner thränen
dir einst schiffbruch prophezeit
Stoppe Parnasz (1735) 258;
später ironisch, der ernsthafte gebrauch zieht sich auf das simplex flut zurück (vgl. teil 3, 1860):
jetzt müszt ihr ohne abschied fort euch schleichen,
denn eine sündfluth giebts von thränen sonst,
wenn ihr und eure weiber scheiden sollt
Shakespeare 6, 98;
(wie sie) hier eine ganze sündflut von thränen bereit hatte, je nachdem sie wuszte, was die nerven der bestürmten damen aushielten O. Ludwig 2, 454 E. Schm.-St.
d)
in der anwendung auf starken regen, auf dauerregen oder wolkenbruch, in jüngerer sprache sehr verbreitet: die hitze wird gleich zum glutofen und ein regengusz zur sündfluth Göthe IV 20, 141 W.; das feuchte wetter, welches freilich ein gelinder ausdruck für diese sündflut ist Caroline briefe 2, 132 Waitz; denn bei einer solchen sündflut tagelang reisen, wäre doch für mich vermessen Stifter briefw. (1931) 6, 25.
e)
in verschiedener anwendung auf eine menge von menschen, auf grosze bewegungen, strömungen, kräfte u. dgl.; schon im 17. jh. von feindlichen völkern und heeren: die gehlinge ankunft der Sarazenen, welche als ein unversehene sündflut diese ganze herrliche gegend uberschwemmeten theatrum amoris (1626) 76;
der Gothen sündfluth ...
wird, Rom, dis raubgut reiszen aus den händen
Lohenstein Sophonisbe (1680) 82;
dasz er sie für der sündfluth der schwermenden Helvetier errettet hätte Lohenstein Arminius (1689) 1, 992ᵃ; in komischer übertreibung: wie kann ich mich durch die sündfluth von kandidaten, die nach beförderung gieren, hindurch drängen Bürger briefe 2, 490 Strodtmann; von groszen bewegungen, zeitströmungen u. ä.: jene ersten springfluthen, welche die herannahende sündflut der völkerwanderung verkündeten K. Braun reiseeindrücke aus d. südosten (1878) 1, 115; die sündfluth der revolution mag unsere leichen absetzen, wo sie will G. Büchner nachgel. schr. (1850) 142; gleich Noa schwebt er mit ihnen über der sündflut jetziger zeit und schaut ruhig wie ein gott in den regen hinaus Hauff (1890) 2, 105; nein, s. Marco (das kloster in Florenz) ist der sintflut der jahrhunderte nicht darum entrissen, dasz es nur noch für heute und weitere drei monate bestünde K. B. v. Mechow in zs. das innere reich (1935) 394; seltener von starken gemütsbewegungen:
die freude nimmt mein herz wie eine sündfluth ein
Henrici ged. (1727) 2, 20;
eine sündfluth hat mein inneres überschwemmt Görres ges. br. (1858) 1, 69; mag er (der vorredner) eine sündflut erlebt haben, die seine bisherigen anschauungen fortgespült hat, an mir ist sie vorübergegangen Bismarck reden 1, 96 Kohl.
f)
in ähnlicher übertragung auf sachliches, sofern es in der häufung oder im übermasz begegnet; seit ende des 18. jh.: diese schleuse ... wird unsere muttersprache mit einer sündfluth seltsam gestalteter wörter überschwemmen L. A. Gottschedin briefe (1771) 1, 243; meist mit negativem unterton: unsre matte und wäszrige schriftsteller, die jeden gedanken in einer sündfluth von worten ersäufen Herder 2, 274 S.; wir müssen um so mehr eilen, weil die Berliner gewisz, sobald das stück gespielt ist, mit einer sündfluth von urtheilen werden angeschwollen kommen Göthe IV 14, 7 W.; die sündflut eines unendlichen geredes, das die gestalt des doktors Merkel umtobte W. Weigand Frankenthaler (1904) 300; wenn wir rechtslehrer ihnen erst die schwungfedern in einer sündfluth wunderlicher gesetze gebadet haben Thibaut allg. bürgerl. recht (1814) 434; er vermochte es ..., in der sündfluth seiner musik das drama ... zu ersäufen Rich. Wagner ges. schr. (1897) 3, 272; besonders von literarischer überproduktion: dies erhellt täglich aus der sündflut von novellen und romanen Platen w. 3, 5 Redlich; die sündfluth der bücher mit eigenen tropfen anzuschwellen Justi Winckelmann 1, 166; bei der grenzenlosen sündflut gedruckten papieres Rosegger sünderglöckel (1904) 331; nachdem sich die wasser der epischen sündfluth in Deutschland verlaufen, so hätte man die trümmer der Bodmerischen arche auf dem gebirge der andacht weniger pilgrime überlassen können Göthe I 37, 197 W.; wenn ich der lyrischen sündfluth eine flüchtige aufmerksamkeit zuwenden zu müssen glaubte, so beruhte das auf einem ... miszverständnis Hebbel br. 6, 314 Werner.
g)
umschreibung für 'taufe', wasser, das sünde wegspült. nur in älterer sprache: die taufe, denn dieselbige eine geistliche sündflut ist, wie jene äuszerlich war Luther 24, 175 W.;
den heilt an uns dein tewres blut
in der tauf, der rechten sindflut
(16. jh.) Nicolaus Hermann sonntagsevang. 193 bibl. dtsch. schriftst. aus Böhmen 2.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1168, Z. 35.

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„sündflut“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCndflut>, abgerufen am 04.08.2020.

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