Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sündigen, vb.

sündigen, vb.,
peccare. als weiterbildung der mhd. normalform sünden (s. d.) durch -egen, wobei mhd. sündec, -ic mitgewirkt haben mag (vgl. Wilmanns gr. 2, 111 f.). neben sünden lange zeit nur spärlich bezeugt: sundigen könig Rother 1966 v. Bahder, Daniel 6358 Hübner, sundigen Diefenbach gl. 418ᵇ, sondigen ebda 593ᵃ. Luther sind beide formen geläufig, vgl.sünde nit 10, 3, 75 W., sündige nicht ebda, doch scheint er, dem sprachgebrauch seiner zeit entgegen, bereits die jüngere form zu bevorzugen, die sich erst seit 1600 allgemein durchsetzt.
1)
religiös, gegen gott und göttliches gesetz handeln (s.sünde I, vgl. auch u. 5 b α): aber die leute zu Sodom waren boͤse, und sundigeten seer wider den herrn 1. Mos. 13, 13; wider gott sündigen Kramer 2 (1702) 1040ᵇ;
sondern gesündigt
hab ich vielleicht an den göttern
J. H. Voss Odyssee 66 Bernays;
völker, die sich bastardieren oder bastardieren lassen, sündigen gegen den willen der ewigen vorsehung Ad. Hitler mein kampf (1933) 359; da man ... gleichsam zauberischer weise wider das erste, andere, dritte gebot ... sündiget Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 536; spezialisiert wie sünde I A 2: auf das sie flux und getrost sündigen in den heiligen geist Luther 19, 277 W.; wer darin beharret, sündiget gegen den heiligen geist Fr. L. Jahn 2, 199 Euler; kirchlich: viele beichteten, was sie vor oder unter der wallfahrt gesündigt hatten Nicolai reise (1783) 1, 110; nach sünde I D 4 a: wenn der menschliche wille thue, was an ihm sei, so sündige er tödtlich M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 5, 65. in dem durch den anwendungsbereich I C-E des grundwortes gegebenen gebrauch von sündigen ist einzelnes besonders sprachläufig geworden. im anschlusz an sünde I C 1 und 3 a, seit alters sprichwörtlich und später auch in den auszerreligiösen wortbezirk übergreifend: womit jemand sündigt, damit wird er auch geplagt bei Schulze bibl. sprichw. 96; dieweil gott, wie das alt sprichwort lautet, gern damit strafet, damit man gesündiget hat Musculus hosenteufel 13 ndr.; womit du sündigest, damit sollst du auch gestraft werden Holtei erz. schr. 3, 177;
denn, wo er sündigte, da soll er büszen!
Hebbel w. 3, 61 Werner.
sprichwörtlich auch: wer schläft, der sündigt nicht A. v. Arnim (1853) 5, 38; lebt man lang, so sündigt man lang Petri weiszheit (1604) 1, e 3ᵇ. in anlehnung an sünde I D 4 b, der grad des sündigens adverbiell. vor allem schwer sündigen: wer also den umgang mit der geisterwelt sucht, der sündigt schwer Jung-Stilling (1835) 6, 456;
du kannst
nicht schwerer sündigen, mein sohn, als wenn
du mir gefällst
Schiller 5, 1, 91 G.
daneben viel sündigen:
der ich so viel gesündigt habe
Schubart s. ged. (1825) 1, 7;
weil wir doch so viel, wo nicht noch mehr als andere völker gesündiget haben J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 2, 348; vgl. auch:
wer keinen gott erkennet, der sündigt zehnmal minder
Dusch verm. w. (1754) 46;
sünd verteidigen, heiszt doppelt sündigen Petri weiszheit (1604) 1, f 2ᵃ; anderes seltener, meist in älterer sprache: aber die leute zu Sodom waren böse und sündigeten seer wider den herrn 1. Mos. 13, 13; was läszt von einem so früh und so hart sündigenden gemüte sich für besserung hoffen! A. G. Meissner skizzen (1778) 1, 71; ich bekens, das ich heftig gesündigt hab Boltz Terenz (1539) 64ᵃ; diese hatten in ihren engen verhältnissen ... schwerlich gelegenheit, grob zu sündigen Lagarde dtsche schr. 78; im anschlusz an sünde I D 4 c: dasz sie wissentlich und muthwilliglich sündigen Luther 1, 169 W.; unwissentlich sündigen Hulsius it.-frz.-dtsch (1616) 425ᵇ; siehestu einen öffentlich sündigen, ... so achte dich nicht besser J. Arndt Thomas a Kempis (1631) 4; und wenn es auch nur darin wäre, dasz sie ... heimlicher sündigen Wieland Lucian v. Samosata (1788) 6, 187.
2)
sündigen sittlich, 'unrecht tun', committere, wie sünde II, aber im gebrauch beschränkter: Philurt sündigte wie Q. Curius und kunte den gestifteten betrug nicht verschweigen Joh. Riemer polit. maulaffe (1679) 31; neben synonymen aus der sittlichen sphäre: irren und sündigen gehet hin Petri weiszheit (1604) 1, d 7ᵇ; mancher hat sein lust und frewet sich, wann andere fehlen und sündigen Lehman florilegium (1662) 2, 722; es ist unvermeidlich, ..., dasz ihm alles zugetragen wird, was sein vater im geheimen gefehlt und gesündigt hat G. Freytag (1886) 7, 159; in juristischer sphäre: die da sündigten und wider recht teten, die strafte er mit gefengnis M. C. Schütz historia rerum prussic. (1592) 1, g 3ᵇ; oder wenn er sündiget, nach denen kriegesarticuln und rechten gestraft werde H. v. Fleming teutsch. soldat (1726) 171; die feinhörigsten polizeisoldaten im lande ... muszten tag und nacht im lande umherhorchen, ob auch nicht gegen das gesetz gesündigt würde H. Seidel ges. w. 4, 230 Cotta-Klemm; im 16. und 17. jh. häufiger wider den kaiser sündigen u. ähnl.: wen ich mit willen wider dich, o her kaiser, gesündiget het, so dorft ich doch genad hoffen U. v. Hutten 2, 47 Böcking; wo er nicht wider die majestät hat wollen sündigen und büszen J. Prätorius saturnalia (1663) 132; B. Ph. v. Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 170; vgl. noch:
was als vasall er gegen mich gesündigt,
hat er gebüszt mit dem verlust des lebens
Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 5, 212.
erotisch: wenn die zwei sich in allen ehren und züchten ... zuerst verlobt hätten und nicht nach wildem sündigen Federer Pilatus (1920) 108; meist in der festen formel mit einem manne, bzw. mit einer frau sündigen: welch weib einmal mit einem pfaffen sündigt Luther 10, 2, 153 W.; dasz die frau mit keinem andern sündige Seb. Franck chronica u. beschreib. d. Turckey (1530) f 1ᵃ; die schwester war so schön, dasz der bruder ... eine heftige liebe zu ihr faszte und mit ihr sündigte Grimm dtsche sagen (1891) 1, 236.
3)
in dem religiös-sittlich neutralen bereich sünde III A begegnet, in bestimmten anwendungen schon seit der mitte des 17. jh., also erheblich früher als beim grundwort, eine ganz allgemeine bedeutung von sündigen als 'gegen etwas verstoszen, etwas versehen' (s. auch u. 5 b α); noch von 2 her gefärbt: ein solcher (spötter) sündiget wider den gemeinen spruch: was du nicht wilt, das dir andre thun sollen, daszelbige soltu ihnen auch nicht beweisen Reinicke fuchs (1650) 83; ohne nebenton: ich musz mich noch hüten, um ja hiebei nicht wider das costume zu sündigen Hippel lebensläufe (1778) 2, 181; ich gestehe ..., dasz die anlage dieser ballade wider die geschichte ... sündigt Körner 2, 150 Hempel; dingt man dem könige von seinem rechte das geringste ab, ... so sündigt man gegen die natur der dinge Dahlmann gesch. d. franz. revol. (1845) 311; was strategisch von den führern der nord- und der böhmischen armee gesündigt wurde Meinecke generalfeldm. v. Boyen (1896) 1, 339; das (soldatische aufmärsche) sündige wider den friedlichen pakt (von Versailles) H. Steguweit d. törichte jungfrau (1937) 109. aus diesem sachlich fast unbegrenzten und in jüngerer sprache ungemein verbreiteten gebrauch heben sich heraus:
a)
gegen die regel des richtigen verstoszen, so schon nicht selten seit der mitte des 17. jh.: geht der genetiv auf -es aus, so darf der dativ das endungs-e nicht durch apokope verlieren. dagegen sündigt Lobwasser Bellin rechtschreib. (1657) 113; dasz ... man eben wider den grund der rechtschreibung nicht sündigt Schottel (1663) 197; eine regel, gegen welche ... bisweilen (in der beweisführung) gesündigt wird Schopenhauer 2, 131 Grisebach.
b)
ästhetische gesetze und normen verletzen: allein der herr verfasser beruft sich auf la Motten, der wider die regel der drei einheiten geschrieben, weil er selbst dawider gesündigt hatte Gottsched anmut. gelehrsamkeit (1751) 2, 224; wenn ich nicht wider die allegorie sündigen ... wollte Hippel ehe (1774) 208; gesündigt, nicht wider den heiligen geist, sondern wider die poetische wahrheit und illusion Herder 3, 241 S.; und doch müszt ihr einmal gegen die grundsätze der kunst gesündigt haben Göthe I 45, 80 W.
c)
auf persönlichem gebiet, einer inneren norm zuwiderhandeln: so kann ich vor gott, und ohne gegen meine überzeugung zu sündigen, keine silbe ... zurücknehmen Lavater verm. schr. (1774) 2, 112; daher sündige ich oft wider das gesetz der selbsterhaltung durch wilde unordnung Schubart br. bei D. Fr. Strausz w. 9, 153; ich würde wider die pflichten der dankbarkeit sündigen Schiller 1, 13 G.; ich aber werde mich wohl hüten, zum zweiten male gegen das gesetz der wahrhaftigkeit zu sündigen Immermann 1, 45 Boxb.; Albrecht kommt zwar zu dem gefühle, dasz er gegen die fürstenpflicht gesündigt O. Ludwig 5, 343 Schm.-St.
4)
seltener und meist ohne nähere bestimmung begegnet der scherzhafte gebrauch, im anschlusz an sünde III B: was habe ich denn gesündiget, dasz ich mit einem dreiwöchentlichen stillschweigen bestrafet werde? L. A. Gottschedin br. 2, 78 Runkel; hier habe ich gesündigt, dort habe ich einen bock geschossen Iffland (1827) 2, 20; die augen machten alles wieder gut, was die nase (durch ihre schärfe) sündigte Raabe hungerpastor (1864) 1, 32; dasz ich mehr zeit brauchte, als ich anfangs dachte, ist bei solchen eindrücken begreiflich. ich sündigte daher durch zugabe von ein paar tagen Stifter briefwechsel² (1929) 3, 29.
5)
in seinem ganzen sprachbereich und unabhängig von seiner bedeutung zeigt sündigen in seiner verbalen funktion formen, wie sie sich groszenteils aus sünde V ergeben.
a)
absoluter gebrauch, ohne jede bestimmung: aber er will, dasz sie leben, leiden, sündigen und der strafe reifen Klinger 3, 146; sie meinen, man müsse sündigen, um das beste in sich zu entwickeln Bettine d. buch gehört d. könig (1843) 2, 313; besonders im substantiv. inf.:
der will des menschen wird geacht
im sündgen fürs vornembst zur stund
W. Spangenberg ausgew. dicht. 211 Martin;
wirfst du mir mein sündgen für
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 385.
nach wildem sündigen Federer Pilatus (1920) 108.
b)
im präpositionalenobjekt erscheinen, sofern nicht in besonderem satz ausgedrückt, ziel, inhalt oder motiv der handlung.
α)
zur bestimmung der person oder sache, gegen welche die sündliche handlung gerichtet ist: in mit dem akkus.: weil sie ... sundiget in den heiligen geist Luther 23, 72 W.; denn ich habe schwerlich in gott gesündiget Ringwaldt hdbüchl. (1586) a 11ᵃ; auch: in die ernste, wahrhaftige gnade gottes ... sündigen Luther 8, 181 W. an, schon mhd. und bis in die gegenwart:
gesundiget han wir vil
an diner gerechtikeit
Daniel 6358 Hübner;
sündiget aber dein bruder an dir Mt. 18, 15; welche am gesetz gesündiget haben Gretter erkl. d. ep. an d. Röm. (1566) 124; er (der geistige liebesgenusz) sündigt am nervensaft, wie die zu grosze liebe an fleisch und blut sündigt Herder 15, 309 S.; in jüngerer sprache bei persönl. objekt das gewöhnliche: es ist damals viel an dem dichter der Sappho gesündigt worden jahrb. d. Grillparzergesellsch. (1890) 2, xxiv; zu daran, woran sündigen vgl. u. β. wider (s.sünde V 2 a): der sundigt wider Christum Eberlin v. Günzburg 1, 183 ndr.; ich würde wider ihre vollkommenheit und meine ehrerbietigkeit sündigen Lohenstein Arminius (1689) 2, 920; in jüngerer sprache seltener und nur noch bei unpersönlichem objekt: wider diese regel haben ... die Zesianer ... gesündigt Gottsched krit. dichtkunst (1751) 15; ich würde wider die pflichten der dankbarkeit sündigen Schiller 1, 13 G. seit dem 18. jh. meist gegen: dasz die gröszten gesetzgeber der dichtkunst gegen ihre regeln am meisten selbst sündigen Herder 27, 216 S.; dasz sie gegen den geist ihrer gegenstände sündigten Justi Winckelmann 1, 388; wenn ich auch wirklich gegen dich gesündigt habe Bismarck br. an s. braut u. gattin 33; pronominal: und sündigt doch in der nächsten stunde dagegen Annette v. Droste-Hülshoff br. 122 Schücking. vor c. dat., nur mit persönl. objekt, wohl im anschlusz an die Lutherbibel: vater, ich hab gesündiget in den himel und fur dir (gr.: εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ ἐνώπιόν σου, vulg.: coram te) Lk. 15, 21; beide, gott und menschen, den hoffertigen feind sein, denn er sündiget vor beiden engl. comed. u. traged. (1624) e 3ᵃ;
ach vater, ich habe gesündiget schwer,
vor gott im himmel und vor dir
Mittler dtsche volkslieder 369.
β)
zur modalen oder instrumentalen kennzeichnung der handlung (s. auch u. e): mit, von jeher am gebräuchlichsten. mehr modal: mit den sunden wider den heiligen geist gesundigt Luther 2, 62 W.; damit er mit zorn nicht sündige Grimmelshausen 2, 428 Keller; du hast viel gesündigt mit den gedanken, denn du hast allezeit einen mann begehrt Raupach dram. w. kom. gattung (1829) 1, 309; mehr instrumental: auf das ich icht sündig mit meiner zungen erste dtsche bibel 9, 50; (er) muszte des gliedes, mit welchem er gesündigt hatte, beraubet werden S. Fr. Hahn kaiserhistorie (1721) 4, 218; auch in pronominaler anknüpfung: womit jemand sündigt, damit wird er auch gestraft bei Schulze bibl. sprichw. 96; mit persönlichem objekt nur in der auf erotischen gebrauch beschränkten formel: mit einem (einer) sündigen Kramer 2 (1702) 1040ᵇ, vgl. oben 2. in mit dat., in gleichem, aber seltenerem gebrauch wie mit: dann ein mensch mag guͦte werk verbringen und daneben in andern werken sündigen Berthold v. Chiemsee theolog. 34 Reithm.; als welche (menschl. schwachheit) in der liebe am ehesten sündigen kan Chr. Weise überfl. gedanken 8 ndr.; in jüngerer sprache verwischt, mit lokaler färbung: da sie (die Franzosen) jedoch nicht wohl vertragen können, dasz in ihrer sprache gesündigt wird Göthe I 26, 51 W.; was blieb endlich mir übrig, der ich schon damals in einigen versen gesündigt hatte Storm w. (1899) 3, 128; pronominal: und sündigen vorerst hierin die vorwitzige junge töchter Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 7; die ältere sprache bevorzugt hier die pronominale verbindung mit an: das bekennen wir, das sie daran sundigen Luther 34, 1, 70 W.; und dasz der könig die cosacken, woran sie gesündiget, pardoniren sollte Happel historia (1692) 108ᵃ. durch, seltener und wohl nur in jüngerem gebrauch: was der pflegevater durch fluchen etwa sündigen mochte Holtei vierzig jahre (1843) 1, 10; vgl. Stifter briefw.² (1929) 3, 29 (s. o. 4 ende).
γ)
zur motivischen begründung der handlung: aus, seit dem 17. jh. und in jüngerer sprache sehr verbreitet: er hette aus unbesunnenem schmerzen gesündiget Zinkgref apophthegmata (1628) 1, 436; dasz du nicht aus bosheit sündigen mögest Sperling Nicodemus quaerens 2 (1719) 900; damals hatte ich aus notwendigkeit und leichtsinn gesündigt Schiller 4, 70 G.;
so musz ich denn aus notwehr sündgen
Grabbe w. (1874) 1, 136.
auf: auf etwas hin sündigen. als religiöse formel, auf (gottes) gnade, barmherzigkeit sündigen: aber mutwilliglich auf gnad und vergebung sündigen, ist nicht zu leiden Luther 32, 379 W.; auf gnade sündigen Kramer 2 (1702) 1040ᵇ;
doch sündigt man auf gnade los
Stoppe Parnasz (1735) 283;
nichts desto weniger würde ich mir als auf gottes barmherzigkeit sündigend erscheinen Cl. Brentano (1852) 8, 363; auch auszerreligiös: es sündigt wieder jemand auf ihre (anrede) güte Marie v. Ebner-Eschenbach 4, 327; pronominal:
wers hat (das glück), kann drauf sündigen keck jedenfalls
Nestroy (1890) 6, 70.
c)
mit persönl. dat. obj.; meist pronominal, in gleichem sinne wie b α, aber kaum über das 16. jh. hinaus: tuͦt er etwas unrechts, Demea, so sündigt er mir (si quid peccat Demea, peccat mihi) Boltz Terenz (1539) 87ᵃ; später wohl nur noch in poetischer freiheit: wir haben zwar unserem gott gesündiget, aber nicht der welt Lessing 8, 18 M.
d)
transitivem gebrauch nähert sich sündigen in der verbindung mit sächl. akkus.-obj., die aber auf pronominale formen beschränkt bleibt: der weisz nicht, was er sündigt, der den staat zur sittenschule machen will Hölderlin 2, 89 Litzmann; formelhaft in der rhetorischen frage: was hat der gesündigt, dasz etc. Kramer 2 (1702) 1040ᵇ; was hatte Dan gesündigt, dasz er von einem kebsweibe geboren war? Herder 12, 154 S.; so dein bruder etwas sundiget, das dir widert Luther 2, 120 W.;
wenn einer etwas sündiget
Lobwasser calumnia (1583) a 7ᵇ;
er hat nichts gesündiget Kramer 2 (1702) 1040ᵇ; nun aber soll sie, die nichts gesündigt hat, verschmachten in dieser wüste J. G. Jacobi (1807) 4, 52; scherzhaft in unmittelbarer rückbeziehung auf ein nomen: ganz zu schweigen jener langweiligen Penthesilea, welche Tischbein damals auf die geduldige leinwand sündigte Treitschke histor. u. polit. aufsätze (1886) 1, 96.
e)
häufig tritt, zur modalen kennzeichnung des sündigens, als subjekt an die stelle des handelnden menschen ein teil seines wesens (s. o. b): das gemüt und nicht der leib sündiget Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) h 1ᵃ;
... was mein mund gesündigt hat
Hoffmannswaldau ged. (1697) 7, 23 Neukirch;
die augen sündigen nicht, wenn sie guter vernunft folgen Petri weiszheit (1604) 2, q 1ᵃ; bis zum zusammenfall von subjekts- und objektsbegriff:
... und auswärts
sündiget blinde begier
Platen 1, 227 Redlich;
ich ... bin bereit, ... durch brüderliche pflege an ihnen zu sühnen, was ... heiszes blut, ungestüme jugend gesündiget Holtei erz. schr. 11, 302; in neuerer zeit auch andere, unpersönlichere subjektsbegriffe in vertretung des persönlichen subjekts: ein bild ... sündiget wider die natur, wenn es mit den begriffen, so man von den dingen hat, nicht übereinstimmt Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 246; bei uns hat häufig eine magere und dürftige wortphilosophie, ..., gesündigt E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Dtsch. 1, 410; dessen arbeit durch auslassungen ... so sehr sündigt, dasz sie fast unlesbar ist Jac. Grimm Reinhart fuchs clxxviii vorrede.
f)
nicht selten tritt bei sündigen im nhd. gebrauch für das aktiv das unpersönliche passiv ein: wird gesündiget ..., dasz man an gewand ... mehr gebraucht, als die notdurft erfordert J. Prätorius anthropodemus (1666) 1, 275;
aber was gesündget ist,
das verdeckt er und vergiszt
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 299;
hiegegen wird in und auszerhalb der mauern von Troja, ich meine in poesie und kunst, gesündigt Herder 3, 87 S.; was unter der lilie gesündigt worden, ist noch in keiner weise abgeschlossen Fr. Gentz schr. 2, 416.
6)
sich sündigen in der bedeutung 'sich versündigen', wie sünden 4 gelegentlich im mhd.:
vrouwe, dû sundigis dich
an mer ellenden manne
könig Rother 1966 v. Bahder;
in unmittelbarem anschlusz daran: aber Dietrich sprach: frau, du sündigest dich Scheffel Ekkehard (1855) 332.
7)
singulär bleibt ein faktitiver gebrauch von sündigen im sinne von sündig machen: was zum munde eingehet, sündigt nicht bei Schulze bibl. sprichw. 149 (vgl. Mt. 15, 11; Luther: verunreinigt).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1180, Z. 45.

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Zitationshilfe
„sündigen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCndigen>, abgerufen am 12.05.2021.

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