süsz n.
Fundstelle: Lfg. 9 (1942), Bd. X,IV (1942), Sp. 1325, Z. 1
gelegentliche substantivierung wie das rot, das blau u. ä.: er streicht dem keyser in einer epistel gar subtil das suͤsz umb das maul Seb. Franck chron. Germ. (1538) 58; auch in Europa würde man wie vor zeiten den honig in menge genieszen, hätte nicht ein minder öliges süsz ihn ... verdrängt G. Forster s. schr. (1843) 5, 186; entzückendes süsz dieser lippen ebda 9, 226.
süsz adj.
Fundstelle: Lfg. 8,9 (1941,1942), Bd. X,IV (1942), Sp. 1279, Z. 39
dulcis, suavis, iucundus, gratus, benignus, mitis.
herkunft und form. ahd. suozi; mhd. süeze (md. suze, soze); mnd. sote; mnl. soet; ndl. zoet; afries. swēt; ags. swēte; engl. sweet; anord. sø̄tr; schwed. söt; dän. söd; dazu nach Specht zs. f. vergl. sprachforsch. 62, 31 anm. 2 die tiefstufe wie in aind. svadati in ahd. suuazzi, suuazlihho, suuazzitha ahd. gl. 1, 143, 21; 79, 21; 215, 4 St.-S. u. ö. (d. i. swazzi u. s. w., sw- als anlaut für Keron. gloss. schon von Kögel über d. Keron. glossar [1879] 10 anm. festgestellt) sowie vielleicht in ags. swatan pl. 'bier'. — dagegen ist got. sutis in der merklich abliegenden bedeutung 'ruhig, sanft, gelind' schwerlich anzureihen; formal wäre das nur dann möglich, wenn sutis mit langem wurzelvokal angesetzt und im ablaut zu as. swōti gesehen werden dürfte, doch sprechen gewichtige gründe (bes. der stammauslaut) für kurzes u, s. Braune literaturbl. (1908) 328; Streitberg got. elementarb.⁵ 74 f.; vgl. auch Ehrlich unters. über d. natur d. griech. beton. 132, wo got. sutis zu aind. su- 'gut, wohl' gestellt wird. zum ganzen s. Armknecht gesch. d. wortes 'süsz' (diss. Berlin 1936) 31 ff.germ. *swōtja- ist wie lat. suavis (aus su̯ādu̯is) 'lieblich, angenehm, wohlschmeckend' durch das fem. (vgl. aind. svādví̄) aus älterem u-stamm erwachsen; dieser ist im germ. durch den an. (aisl., aschw., adän.) namen Sóte (Lundgren Uppsalastudier 19) und die ags. kompositionsform swōt- indirekt bezeugt (zweifelhaft ist die beurteilung des seltenen ags. adjektivs swōt, das nach Holthausen aengl. etym. wb. 339 nach dem adverb neugebildet ist). germ. *swōtu- entspricht genau gr. ἡδύς 'süsz, angenehm', aind. svādú̆- 'wohlschmeckend, lieblich' zur idg. wurzel *suād- 'süsz; woran geschmack, freude finden', vgl. des weiteren aind. svadati 'macht schmackhaft, würzt', gr. ἦδος 'essig', ἥδυσμα 'würze', sowie gr. ἡδονή 'freude, gefallen', ἥδομαι 'freue mich', lat. suadeo 'rate' (d. i. 'mache angenehm, stelle als gefällig dar'), vgl. Walde-Pokorny 2, 516 (wo aber lit. súdyti zu streichen ist, s. Trautmann baltosl. wb 293). der ursprüngliche anlaut sw- hat im ahd. lautgesetzlich das w vor ō (uo) eingebüszt; gelegentlich auftretendes w wird in den ältesten belegen auf einflusz des ablautenden swazzi (s. o.) beruhen (anders rechnet Schatz ahd. gr. 187 mit dialektischer erhaltung des w); es sind suuozzi (8. jh.) ahd. gl. 1, 114 St.-S.; suuozssera Isidor 32, 6; suuazi bei Kelle Otfrid 2, 483 (Freisinger hs.); ein swuoze kaiserchron. 3204 var. ist wohl als schreiberwillkür zu werten. in glossen des 8. jh. noch undiphthongiert: sozzi ahd. gl. 1, 114, 9. 10; soozo 1, 45, 22; soziu 1, 143, 18 St.-S.md. suze der mhd. zeit, mfrk. auch soze, soess, soes, monophthongiert und umlautlos, überwiegt als susz, susse noch bei Luther, vgl. z. b. 7, 9; 23, 521; 34, 1 W. und oft (gegen süsz, süsse 7, 29; 15, 496; 32, 305 u. ö.). entrundung des wurzeldiphthongs zu -ie- in obd. quellen des 16. und 17. jh. nicht selten, vgl. siesse ding Ryff spiegel u. regim. d. gesundth. (1544) 27ᵃ; siess Eberlin v. Günzburg 3, 120 ndr.; das siesse österr. weist. (16. jh.) 5, 38; siesz Frz. Ad. v. Brandis ehrenkräntzel (1678) 75. häufiger noch begegnet im inlaut die schreibung mit einfacher spirans: suse Luther 18, 262 W.; suͤsest Fischart bibl. histor. 29 Kurz; süse Theob. Höck blumenfeld 13 ndr.; noch bei Göthe, wohl unter mundartlichem einflusz (s. u.): süse unterhaltung IV 5, 78; 8, 22 W. u. ö. in der flexion unterliegt süsz mancherlei schwankungen. unter rhythmus- und reimzwang steht oft in flexionslosen formen die alte vollform süsze, so Zinkgref auserles. ged. 60 ndr.; Tieck schr. (1828) 1, 9; Göthe I 15, 314 W. u. ö., gelegentlich auch sonst: der das honig suͤsze heiszet Schottel haubtspr. (1663) 16; süsze Schiller 2, 333 G., besonders im adverb: suse Luther 18, 262 W.; suͤsze pfeiffen Spannutius sprichw.-lex. (1720) 584; Göthe IV 1, 228 W.; es schmeckt süsze Scheffel 1, 184 Proelsz. anderseits verlieren flektierte formen die endung: der suͤss ... ewig gott manuale curatorum (1516) 59ᵇ; namentlich im sgl. d. neutr.: ein ... süsz ding nomencl. lat.-germ. (1634) 166; süsz lieb Brentano ges. schr. 5, 166; Göthe I 14, 158 W. verkürzter superlativ: süste speis Ph. Bech Agricolas bergw.-buch (1621) 4; oft im vers: P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 430; Hagedorn s. poet. w. 2 (1764) 75; Göthe I 1, 44 W. u. ö. mundartlich ist süsz über das ganze sprachgebiet verbreitet. im obd. vorwiegend in diphthongischen formen vom grundtypus süess, seltener süas, woneben zahlreiche -ie-, auch -ia-formen, seltener und nur in den nördlichen randgebieten monophthongisches sêsz, sēss, sīs: süess, siess schweiz. id. 7, 1407; süess Martin-Lienhart elsäss. 2, 377ᵃ; süss, sīəs, sīs, sēs Fischer schwäb. 5, 1970; süesz, siəsz, oberpfälz. sêisz Schmeller-Fr. bair. 2, 333; süas Bacher Lusern 349. md. vornehmlich monophthongiert und entrundet, im östlichen teil stärker als im westlichen mit einfacher spirans und auslauts-e in der unflektierten form: sise Müller-Fraureuth obersächs. 2, 591ᵃ; sisə Hofmann niederhess. 236; sisz Crecelius oberhess. 828 neben diphthongischem seusz, sois ebda; siess Follmann lothring. 478ᵇ; seⁱss luxemburg. 407; im ripuarischen mit nd. stammvokal -ö-: sösz Hönig Köln 170; Rovenhagen Aachen 135. die nd. grundform ist söt, s. Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 259; brem.-nds. wb. 4, 927; Mensing schlesw.-holst. 4, 713; Dähnert pomm.-rüg. 442ᵇ; Frischbier preusz. 2, 249ᵃ. diphthongierte und zweisilbige formen mit -e im auslaut mehr im süden des gebietes: soite Schambach Göttingen 201ᵃ; Flemes Kalenberg 146; seut(e) ebda 360; zȳetə Leihener Cronenberg 119; soütᵉ Bauer-Collitz Waldeck 96ᵇ; doch vgl. auch seut Mensing 4, 713.
bedeutung und gebrauch. schon in den auszer- und innergermanischen verzweigungen der idg. wurzel su̯ād- liegen die spezifische geschmacksbedeutung 'süsz' (wie honig, zucker) und die allgemeinere 'wohlschmeckend' sowie die nicht auf sinnlichen gebrauch einzuschränkende vorstellung 'angenehm, lieblich' so eng neben- und ineinander, dasz eine historische entwicklung der bedeutungen nicht aufzuzeigen ist. so erscheint denn auch das deutsche wort süsz bereits bei seinem eintritt in die quellen auf der gemeinsamen basis 'angenehm, wohltuend' in seinen wichtigsten sinnlichen und auszersinnlichen bedeutungen, in genauer übereinstimmung mit seinen häufigsten latein. entsprechungen dulcis und suavis. von einer priorität der bedeutung 'süsz wie honig', ihrer 'erweiterung' zu 'wohlschmeckend', ihrer 'übertragung' auf die andern sinnlichen und die abstrakten bereiche kann (gegen Armknecht gesch. d. wortes 'süsz' 35-40; 69 f.) um so weniger die rede sein, als gerade im ahd. des 8.-10. jh. die unsinnliche verwendung weit überwiegt, was freilich z. t. im inhaltlichen charakter der quellen begründet ist. erst seit Notker tritt der spezifische geschmacksbegriff (s. u. I A 2) so in den vordergrund, dasz bis in den jungen gebrauch hinein, besonders fühlbar im barock, alle andern verwendungsweisen in bild und vergleich dort sehr häufig anknüpfen, wie auch die mundarten diese bedeutung sichtlich bevorzugen. im auszersinnlichen gebrauch ist süsz ein wort mehr des affekts als der vorstellung, und durch die sich vielfach überschneidenden oder verwischenden bedeutungen hindurch werden bestimmte bereiche greifbar, die süsz als eine art kennwort an sich ziehen, so seit dem mhd. der erotische (s. vor allem I D 3; II A 2 b β; C 3; D 2), nur in älterer sprache der höfische (s. I C 1 b; II B 2 a; 4; C 2 c), bis in den spätbarock der religiöse (s. II C 1; D 1), in jüngerer der psychologische (s. II A 2 b α); innerhalb dieser bereiche, der ihnen zugehörigen zeitlichen epochen und häufig auch bei den in ihnen hervortretenden schriftstellern wird süsz vielfach zum mode- oder lieblingswort, als welches es auch in bestimmten schichten der modernen umgangssprache lebt (s. II B 2 a; 4). obwohl im grunde eine subjektive empfindung kennzeichnend, erscheint süsz in seiner sprachlichen anwendung überwiegend wie eine den objekten zugehörige eigenschaft, die in gewissen fällen sogar aktivische funktion annimmt (s. u. II C).
I.
im bereich der sinnlichen empfindung.
A.
als geschmacksbezeichnung.
1)
in der frühesten bezeugung, aber immer wieder auch noch bis in den jüngeren sprachgebrauch hinein soviel wie 'wohlschmeckend, schmackhaft' oder auch nur 'genieszbar' (vgl. auch ältere synonymität von süszen und salzen unter süszen 1 a α und oben herkunft und form). ursprünglich also nicht auf eine spezifische geschmacksqualität (s. u. 2) zielend, wenn auch seit dem mhd. wohl weithin von dort her als erweiterung empfunden.
a)
vom brot (s. auch 2 b α; d β) und von speisen allgemein, 'wohlschmeckend', auch mit dem beisinn 'nahrhaft, bekömmlich'; eigentlich und bildlich:
thoh findu ih melo tharinne (im gerstenkorn),   in thiu ih es
joh brosmun suaza in alawar beginne,
Otfrid III 7, 28;
vom sakrament: aller brote suzzeste heil den guͦmen mines hercen dt. ged. d. 11. u. 12. jh. 379 Diemer;
wir lesen ir leben, wir lesen ir tôt:
und ist uns daz süez alse brôt
Gottfried Tristan 236;
das liebe tägliche brod schmeckt einem doch süsze maler Müller (1811) 1, 308;
zi suazeren goumon (zu wohlschmeckenderen mahlzeiten)
Otfrid II 9, 28;
vgl. kl. altniederdt. denkm.² 54, 15 Heyne und ags. swête mete dapis fram swêtrum mettum a cibis luculentioribus bei Bosworth-Toller 952ᵇ;
sîn salse was diu hungernôt,
diuz im briet unde sôt
daz ez ein süeziu spîse was
und wol vor hunger genas
Hartmann v. Aue Iwein 3281;
under den speiszen, deren etzliche allein süsz und schmackhafftig, etzliche auch darzu gesundt und heylsam seint Hutten op. 1, 448 Böck.; wie der storch ... die schlangen ... mit seinem schnabel todt stosze, und solche auch, als eine süsze speise, seinen jungen mitbringe J. Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 205;
hinfort wird keine wonn am süszen mahl
mehr sein, wird unlust herrschen immerdar
Bürger 149 Bohtz.
namentlich vom fleisch: menschenflaisch ist zimleicher und süezer ze essend wan kain ander flaisch Konrad v. Megenberg buch d. nat. 148, 4 Pf.;
dein lust lieber am hasen büsz,
des fleisch ist ausz der maszen süsz ...
thut basz denn alle wildpret schmecken
Burkhard Waldis Esopus 1, 303 Kurz;
komm! dein fleisch wird süszer seyn als dein grusz (der löwe zum widder) Lessing 8, 57 M.; vgl. Mensing schlesw.-holst. 4, 713. sprichwörtlich in dieser bedeutung weit verbreitet, vgl. schon: michel hunger tuot prot suozze Notker 2, 268, 11 P.; hunger macht rohe bonen süsze Tappius adagiorum centuriae septem (1545) m 5ᵃ; Binder 98; je näher am bein, je süszer das fleisch Binder 52; so söt as de rand vun n pankoken Schütze holstein. 4, 158. nur in älterer sprache gelegentlich auch einfach 'eszbar': echinus ist ein suoze fisg luzzeler samo ruoh so ein igel Notker 1, 167, 28 P.; edulis zote spise Diefenbach n. gl. 145ᵃ (edule eyn dingh dat ethe is [1417 nd.] ebda).
b)
vom wasser (s. auch 2 d β), sofern es 'genieszbar, schmackhaft' ist; dabei spielt, besonders im bildgebrauch, die vorstellung 'erquickend, labend' mit. beim vb. süszen schon im 8. jh., s. u. süszen 1 a α:
'so gange im herod drincan te mi', quathie, 'dago gehuilikes
suotian brunnon'
Heliand 3914 S.;
vgl. Otfrid II 9, 64; unde genuoge getrunchin gerner so suozes wazeres (ex eodem dulcissimo gurgite) Notker 1, 708, 5 P.; auch würd das dorffwasser im brunnen so süsz und geschmack werden, das manchem durstigen schnitter ein kalter trunck wassers basz schmacken würd, dann den reichen hünerfressern der badwarm gänszwein Fischart praktik 5 ndr.;
die wiese wird erfrischt von vielen süszen bronnen
Opitz teutsche poemata 53 ndr.;
so angenehm wie diese rieselt keine quelle; kein wasser ist so kühl; kein wasser ist so süsz Sal. Geszner w. (1778) 2, 6. in bildlicher wendung: dasz sie die erlahmte kraft seines geistes neu belebt habe, indem sie ihm den süszen trank aus dem flusse Eunoe ... gewährte Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 92.
c)
neben anderen getränken gewinnt süsz 'wohlschmeckend' den charakter eines schmückenden, auszeichnenden beiwortes im sinne von 'köstlich, kostbar', namentlich in poetischer sprache. am geläufigsten in der verbindung süszer wein (anders dagegen 2 a β, b α, d α): die praedicatio ... samo suoze ... so der tuiresto win Williram 124, 5 Seem.;
man vleiz sich guoter spîse
und süezer wîne zuo dem spil
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 16191;
die nacht, die lieb, der suͤsze wein,
nicht gute rathgeber seyn
Petri d. Teutschen weiszheit (1604) 2, r 1ᵃ;
süszer schmeckte der wein,
weil ihn blühende götterjugend
den menschen gab
Novalis 1, 30 Minor;
bildlich:
sie ist mein stern, mein sonnenlicht ...
mein süszer wein, mein himmelbrodt
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 375ᵇ.
ähnlich süsze milch (doch s. auch 2 d α):
... daz ir den wîn habt trunken
mit der milch so süezen
Frauenlob 4, 11;
die besten lämmer auf den feldern,
die süszte milch, den schönsten strausz
Fr. v. Hagedorn s. poet. w. 2 (1764) 75.
d)
gelegentlich schwingt in diesem wortgebrauch 'wohlschmeckend' spürbar das moment des lockenden, verführerischen mit, das auch sonst in sinnlicher und auszersinnlicher anwendung des wortes begegnet (s. u.C 2 b; II C 2 a β):
verstolniu wazzer süezer sint
denne offen wîn, jehent diu kint
Freidank 136, 9 Gr.;
gestolen wasser ist suͤsze Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) s 2ᵇ; verbotten obs ist süsz Seb. Franck sprüchw. (1541) 2, 6ᵇ;
nichts schmeckt so süsz, als das gestohlne brot
Ramler fabellese (1783) 1, 87.
ähnlich in der bildlichen wendung süszes gift: huͦrerey ain suͤszes gifft G. Mayr sprüchw. (1567) c 7ᵇ; ein mensch, der aus dem zauberkelche der sinnlichen ergözzungen, des süszen gifts zu viel schlürft Schubart leben u. gesinn. 1 (1791) 222; als könne sies nicht abwarten, immer mehr von seinen frivolitäten einzusaugen, von all dem süszen gift Fontane I 4, 437.
2)
als bezeichnung einer bestimmten physiologischen geschmacksempfindung. in engerer bedeutung als 1 von jener hervorstechenden geschmacksqualität, wie sie namentlich dem honig, dem zucker, bestimmten früchten und anderen naturprodukten eigen ist. vor Notker (s. u. a und vgl. auch suuazzitha honakes [8. jh.] ahd. gl. 1, 215, 4 St.-S.) selten bezeugt, dann aber zu einer der wichtigsten bedeutungen entfaltet, in der die allgemeine vorstellung 'angenehm' nur noch sekundär gegeben ist oder an eine sinnliche empfindung bestimmter art gebunden bleibt.
a)
in fester anwendung.
α)
von honig und zucker: also honang sueze heizet, wanda diu suezi in imo ist Notker 1, 453, 16 P.; honig und honigseim, das uswendig das suͤsseste heist Tauler 228, 14 V.;
(die rose,) die durch geruch und safft die bienen offt ergötzet,
wenn sie aus selbiger ihr süszes honig ziehn
Hoffmannswaldau auserles. ged. (1697) 7, 283;
auch die disteln tragen für dich des süszen honigs viel Fouqué gefühle (1819) 1, 45; von hier aus auch: bienen ... wol etwaz von den suͤssen bluͤmlin nemen Heyden Plinius (1565) vorr. 6ᵃ;
blumenkosende biene, warum verlässest du deine
süsze blumen und störst sumsend der liebenden kusz?
Herder 26, 11 S.
besonders als vergleichsmittel (s. honigsüsz): suottera ovir honog in râta (9. jh.?) kl. altniederdt. denkm.² 6 Heyne (dulciora super mel ps. 18, 11); waz ist suszer denn daz honig: und was ist stercker denn der lewe? erste dtsche bibel 4, 395;
doch zieht er nicht die traube zum erwerb,
mit seinen söhnen trinkt er selbst den saft,
der nicht wie honig süsz, doch frisch und herb
G. Keller (1889) 10, 24.
ein gewisses übergewicht dieser spezifischen geschmacksbedeutung über alle anderen kommt auch darin zum ausdruck, dasz die vergleichenden wendungen süsz wie honig und, seit dem mhd., süsz wie zucker (s.zuckersüsz), auch in solchen sinnlichen oder auszersinnlichen gebrauchsweisen begegnen, in denen süsz unabhängig von der geschmacksbedeutung seit alters zu hause ist, so z. b. in der anwendung auf gehörsempfindungen, s. I C 1 e:
sein (Nestors) stimm fürbasz
vil süszer weder hönig was
Spreng Ilias (1610) 6ᵃ;
seine rede war süszer als honig Gerstenberg br. über merkwürdigk. d. litter. 184 dt. lit.-denkm.; im ästhetischerotischen bereich, s. II B 2 b:
untz daz ir ietweders lip
dem andern suzer muz sin
danne zucker und zimin
kl. mhd. erz. 115 Rosenhagen;
seine härtliche lippen sein so schöhn als korallen, und so sühsze als honig und honigsäum Ph. Zesen adriat. Rosemund 264 ndr.; in der religiösen anwendung II C 1 (über die reiche verwendung in der mhd. geistlichen metaphorik vgl. Armknecht gesch. d. wortes 'süsz' 45 f., in barocker religiöser dichtung Brzóska anthropomorphe auffassung d. gebäudes u. s. teile [1931] 40 ff): truhtenes urteilda sint ... suozeren danne honang unde selbiu diu uuaba (iudicia domini ... dulciora super mel et favum) Notker 2, 59, 20 P.;
(Jesus) wie zucker und honig suͤsz im mund,
wie himmeltaw im hertzen grund
Guarinonius grewel d. verwüst. (1610) 273;
im bereich der bedeutung 'freundlich' und ihrer erotischen steigerung 'verführerisch, verlockend', s. II C 2, 3: alle meine reden fielen mitleidenlicher und süszer als zucker Grimmelshausen 2, 558 Keller;
das lächeln um ihren süszen mund
war süszer als honigseim
E. M. Arndt 6, 220 R.-M.
β)
von bestimmten früchten und den aus ihnen gewonnenen getränken (doch s. auch 2 d α): die rifon unte die suozon vigon Williram 41, 7 Seem.;
agrumen reizend, feigen süsz und milde
Göthe I 4, 12 W.;
doch læse ich samfter süeze birn
Wolfram Parzival 80, 1;
der birnen süsz geschlecht, die honigreiche pflaume
A. v. Haller ged. (1882) 29;
die sconen unte die suozon epfele Williram 28, 4 Seem.;
äpfel, wenn sie zeitig sind,
sind auch am geschmack recht süsze
Stoppe Parnasz (1735) 89;
da saszen beide ehrliche alte grauköpfe in den ästen des kirschbaumes und genossen noch einmal zusammen die süszen früchte ihrer jugend Jung-Stilling s. schr. (1835) 1, 93; das klima mild. die trauben, auch am boden, werden zeitig und süsz jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 5, 127; braune nüsse haben süsze kerne Petri d. Teutschen weiszheit (1604) 2, l 5ᵃ; pyren, nussz, öpffel und ander süsz opss ... iszt er gern Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 13. süsze frucht in geläufigster verbindung:
aller art gut fruchtbare baum,
daran die süszen früchte hangen
Hans Sachs 1, 25 K.;
des oceans süszeste früchte und farbige muscheln maler Müller (1811) 1, 153; metaphorisch: der ficboum nepluot noh win newirt in wingarten. so Christus chumit, so nibiret diu iudisge diet suozen wuocher Notker 3, 367, 13 P.;
ja Karl! dein himmlisches gemüthe
schenkt itzt der welt des friedens süsze frucht
Gottsched ged. (1751) 1, 5.
von gebrannten oder gekelterten getränken, deren geschmack durch den zuckergehalt der fruchtsäfte bestimmt wird: so wuͤrdt er (ein brennter wein) milt und suͤsz, einem malvasier gleich Osw. Gäbelkover artzneyb. (1596) 2, 387; unter andern (likören) war einer namens baume humain, welcher weniger süsz, aber stärker, ganz besonders erquickte Göthe I 33, 38 W.; (sie) schenkten sich ein aus dem fläschchen ... und schlürften wohlgefällig das süsze feuer Alexis Roland v. Berlin (1840) 2, 308; diser berlimost (d. i. bergbirnenmost) ... wirt gar bestendig und süsz Stumpf Schweizerchron. (1606) 349ᵃ; Adam gosz nun in eine muschel süszen, aus äpfeln gepreszten trank ein maler Müller (1811) 1, 65. terminologisch süszer most, süszer wein für den jungen, stärker zuckerhaltigen, noch nicht ausgegorenen traubenwein: nim ein halbe tonnen guten suͤszen most, welcher am vorlauff, ehe die trauben gedruckt worden, heraus geloffen sey Thurneysser magna alchymia (1583) 46;
es wird, da wir dich (den neugeborenen prinzen) itzt zur traubenzeit erblicken,
ein steter seegensherbst durch dich das land beglücken,
der landmann wird, wie itzt von most und süszem wein,
einst auch vom überflusz des himmels trunken seyn
Joh. Ulr. v. König ged. (1745) 82;
newe wein seynd suͤsz Lehman floril. polit. (1662) 1, 159. so schon in der bekannten, als redensart weiterlebenden bibelstelle: sie sind voll süszen weins (gr. γλεύκους, lat. musto) acta 2, 13; weswegen man sich nicht wundern darf, wenn er voll des süszen weines ein u für ein x gelesen Görres ges. br. (1858) 2, 510; vgl. Mommsen röm. gesch.² (1856) 1, 204. süez als ein mete Konrad v. Würzburg Pantaleon 264; suͤsz mett ... trincken Fischart binenkorb (1588) a 86; uns ist wein gerecht als suss honigwasser, der milt ist und nicht vil hinder im hat (1472) Steinhausen privatbr. d. mittelalt. 1, 157; nectar susz tranck (md., 15. jh.) Diefenbach gl. 377ᵇ;
(er) begann, dem krater süszen nektar zu
entschöpfen
Bürger 149 Bohtz.
b)
im sinne von 'gesüszt', bei den durch zusatz von honig, zucker oder gewissen würzmitteln hergestellten speisen und getränken, vgl. mellitus gehonicht vel soesz (1507) Diefenbach gl. 354ᶜ; edulco süsz machen Frisius (1556) 460: nim ein gantz frischen roszzirch ... machs mit zuckercandi oder anderm zucker ein wenig suͤsz Osw. Gäbelkover artzneyb. (1596) 1, 159.
α)
in verschiedenen verbindungen, eigentlichen und bildlichen gebrauchs: dasz sie schon den zucker gebrauchet, unnd ire hypocras, claret unnd juleb darausz gemachet haben ... darumb haltens die gelerten, die Lamechiten haben solcher suͤszer, gewuͤrtzter und hitziger moͤste und gedrenck gebraucht Mathesius Sarepta (1571) 10ᵃ; ein süszer wein 'ypocras' genannt, dem seiner zusammensetzung nach unser glühwein gleichkommen dürfte Fr. M. Böhme gesch. d. tanzes (1886) 323; trank beim zuckerbäcker einen schönen süszen kaffee Gaudy (1844) 2, 87; wie die artzet die pillulen mit zucker und gewürtz bedecket, dem krancken darreichen, und under dem schein eines süszen pülverlins, auch das bitter zu irem nutz ... einbringen Casp. Scheit Grobianus 5 ndr.; selten süszes brot (doch s. 1 a; 2 d β): wildu aus saurm hertten taig suess prot pachen, muos derselb taig ... der mass zuoberait werden, daz er geschickt sey, suess honig in sich zenemen Berthold v. Chiemsee t. theol. 41 Reithmeyer; etwas in einer süszen brühe einmachen M. Kramer 2 (1702) 1042ᵃ, vgl. in schwäbischer redensart versauren in der süszen brüe 'geistig verkommen' Fischer 5, 1970; nun waren sie ihrer armuth und ihres hungers ledig und aszen süszen brei, so oft sie wollten kinder- u. hausmärch. 2, 144 Panzer. in bildlichen wendungen dient süsz hier zur umschreibung des verlockenden (s. auch II C 2 a α, β):
(die poeten) machen ein suͤsze bruͤ daruͤber,
das jederman solchs (ihre lehren) einnemm lieber
Fischart vorbereit. in den Amadis (1572) a 8ᵃ;
reiche worte, breite tittel
sind des hofes süszer brey
Logau s. sinnged. 625 lit. ver.;
wie die katze um den süszen brei, so schlich ich um meinen vater herum, und endlich hatte er meinen stummen blick verstanden Storm ges. schr. (1868) 9, 25.
β)
in spezielleren anwendungen:
der mertz die feuchtigkeit auff thuͦt,
eyn suͤsze spysz macht dir guͦt bluͦt
d. ewig. wiszheit betbüchl. (1518) a 4ᵃ;
durch solche schmierbung und undermischung des süszen geschlecks (zucker, mandeln, rosinen u. ä.)
Guarinonius grewel d. verwüst. (1610) 769;
süsze speisen vivande, cibi dolci
M. Kramer 2 (1702) 1041ᶜ.
in jüngerem gebrauch süsze speise im sinne von 'nachtisch' (s. u. süszspeise): als er beim abendtische mit einer süszen speise vorüber eilte Holtei vierzig jahre (1843) 1, 4; und dann eine süsze speise. so was mit schlagsahne Fontane I 5, 210. besonders neben konfekt u. ä.: da ... die ritterschaft aus diesem zuckerbäcker ein landesgravamen machte und seiner durchlaucht ... vorstellte, dasz das süsze konfekt dieses mannes die bitterkeit der papistischen lehre nimmermehr versüszen könnte Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 73;
wenn die frommen bäckersleut
viele süsze zuckersachen
backen und zurechte machen
W. Busch Max u. Moritz (1865) 38;
es ist ein motiv, das jedem roman als würze beigegeben wird wie bittere mandeln einem süszen kuchen W. Hauff s. w. (1890) 3, 208; substantiviert: süszes essen mangiar cose dolci, dolciumi M. Kramer 2 (1702) 1042ᵃ; endlich entwickelte sich ein hunger nach süszem, der an das krankhafte grenzte v. d. Steinen naturvölker Zentralbrasiliens (1894) 140; auf den genieszenden übertragen:
wer ist ein süszer schlecker?
lasz er sich holen weinverderb
vom nachbar zuckerbäcker
Rückert (1882) 5, 346.
c)
seit alters erscheint süsz häufig in der gegenüberstellung zu gegenbegriffen wie bitter, sauer, auch herb, scharf u. ähnl.
α)
im eigentlichen gebrauch: taz honang ist ouh teste suozera, ube der munt pefore ieht pitteres kechorota Notker 1, 128, 6 P.; wil ich schmecken, ob der apffel süsz oder sawer ist engl. comed. u. traged. (1624) d 1ᵃ; sauer und süsz kochen 'eine speise mit gesüszter saurer sauce bereiten' Frischbier preusz. wb. 2, 249ᵃ;
wie der artzt einem herben safft
mit honig gibt ein suͤsze krafft
Rollenhagen froschmeuseler (1595) a 4ᵇ;
ettliche under in (den quitten) seint streng, ettlich suͤsz (quaedam acetosa et quaedam dulcia)
Petrus de Crescentiis v. d. nutz der ding (1518) 73ᵇ;
in der physiologischen begriffsbestimmung:
eiveriu ding ... unde sueziu
Notker 1, 501, 3 P.;
der gewechsz complex, so suͤsz und sawr,
bitter, scharff, raͤsz, herb, temperirt
Thurneysser magna alchymia (1583) vorr. 6;
die vorstellungen (beim schmecken) sind von schmackhaft und unschmackhaft, scharf, süs, sauer, bitter u. s. w. Schiller 1, 82 G.
β)
besonders in der bildlichen und sprichwörtlichen anwendung auf auszersinnliche bereiche ist die gegenüberstellung von süsz und sauer, süsz und bitter reich entwickelt, vgl. auch die anwendungsweisen II A 1 a γ, b γ, C 2 b, in denen aber die sinnliche wurzel der antithese schon nicht mehr fühlbar ist:
denn solche leut sind sehr geuͤbt,
habn sawr und suͤszes wol gepruͤbt
Ringwaldt d. lauter warheit (1597) 44;
(der alte Derfflinger,) der, wie er sich selber ausdrückte, bei hofe 'viel saures und süszes' gekostet hatte, 'aber des sauren mehr' Fontane (1890) 7, 88; einer hungerigen seel ist alles bitter süsz Petri d. Teutschen weiszheit (1604) 2, t 5ᵇ; beim anblick des lieben hauses, in dem ich an die funfzig jahre gelebt, und wechselnd den kelch süsz und den kelch bitter geschmecket Gaudy (1844) 17, 136; vor allem in der sprichwörtlichen abwandlung des satzes 'kein freund ohn leid':
süezer slic hât sûren slac
Hugo v. Trimberg renner 725;
suͤsz getruncken, saur bezalt Seb. Franck sprüchw. (1541) 2, 23ᵃ; Binder 191; aus suͤszem wein wird sawer essig Lehman floril. polit. (1662) 1, 218. gelegentlich auch als blosze gegensatzbestimmung:
waz wær tunkel, wær niht klâr?
waz wær liep, wær kein leit?
waz wær ruow ân arebeit?
waz wær süez ân sûren?
Reinfrid v. Braunschweig 16286;
das ist ir zu susse, das ist ir zu sawer; des ist ir zu vil, des ist ir zu wenig; nu ist es zu fru, nu ist es zu spate ackermann aus Böhmen 35 Hübner; die aus sawr süsze, und aus süsze sawr machen Jes. 5, 20.
d)
vom ausgesprochenen oder unausgesprochenen gegensatz des sauren, bitteren, herben, salzigen her auch in ganz bestimmt unterscheidender, spezifizierender bedeutung; durchweg in festen anwendungen.
α)
zur unterscheidenden bestimmung solcher fruchtsorten und getränkarten, die auch in mehr oder minder entgegengesetzter geschmacksrichtung begegnen. süsze äpfel, kirschen (im gegensatz zu sauren, s. u.süszapfel, -kirsche, anders oben a β), vgl. schon malomellum suzephel (12. jh.) ahd. gl. 3, 98, 44 St.-S., mellum susze apfel (15. jh. obd.) Diefenbach gl. 355ᵃ: Eva hat in einen süszen apffel gebissen wider gottes verbot, dafür müssen wir offt in einen sawren apffel beiszen Petri d. Teutschen weiszheit (1604) 1, c 4ᵃ; die suͤszen kirschen gon baldt usz den magen, ... aber die sauren trucknen mer Petrus de Crescentiis v. d. nutz d. ding (1518) 63ᵇ; süsze kirschen cirieggie dolci (non vischiole ò marasche) M. Kramer 2 (1702) 1042ᵃ; amigdale dulces suzz mandelkeren (13. jh.) ahd. gl. 3, 534, 13 St.-S. (vgl. amigdala amara bidder mandulun ebda 494, 7); M. Kramer 2 (1702) 19ᵃ; anisium haizt aneis und haizt auch rœmischer venichl ... und haizt man ez auch süezen kümel Konr. v. Megenberg buch d. nat. 385, 1 Pf.; annisium annis, eyn soute crut (nd., 15. jh.) Diefenbach n. gl. 24ᵇ. mehr zur abgrenzung gegen verwandtes, das nur 'nicht süsz' ist: süsze kartoffeln ... werden zu eben diesem behuf (auf Madeira) gepflanzt und machen nebst den castanien die hauptartikel ihrer kost aus G. Forster s. schr. (1843) 1, 43. mit der vorstellung des eszbaren, genieszbaren verbunden: wir trafen noch immer süsze kastanienbäume an fürst Pückler briefw. (1873) 2, 200; das süsze holtz glycyrrhiza Amos Comenius janua (1644) 38 (s. u.süszholz); redensartlich:
nun wil ich mich heim machen zu hauss
und süszes holtz nemen ins maul (d. h. schmeicheln)
Hans Sachs 9, 135 K.
süszer wein (anders oben 1 a; 2 a β; b α), von den weinen südlicher länder im unterschied zu den säuerlich schmeckenden der nördlicheren zonen (s. u. süszwein): daz waz der suͦze kippirwin (Cypernwein) St. Georg. pred. 303 R.; vgl. 309, 22; in sieszem wein oder malvasier geweichet Osw. Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 23;
confeckt und süsen rothen wein
Göthe IV 5, 16 W.;
ihre stimme war tief und warm, ich trank sie wie süszen wein Herm. Hesse Demian (1930) 194; daneben: süsz bier birra dolce (non piccante) M. Kramer 2 (1702) 1042ᵃ. süsze milch die frische, noch ungesäuerte (anders oben 1 a), im gegensatz zu saure milch, vgl.soete melc bei Verwijs-Verdam 7, 1480: sol sie (die schwangere) eine suͤsze milch staͤhlen lassen und dieselbige essen oder trincken Jac. Ruff hebammenbuch (1580) 47; etliche geben ihnen gepülverten schweffel und niesewurtz in süszer milch zu trincken viehbüchlein (1667) 80; in Osterstade besteht diese mahlzeit fast täglich aus gerstengraupen, in buttermilch dick gekocht und mit süszer milch übergossen Allmers marschenbuch³ (o. j.) 229; ähnlich: vermischet 6 eyer, etwas kern oder süszen ram Hohberg georg. cur. 3 (1715) 170ᵇ. von hier aus: der senn sol all das geschäft auf den spann aufschneiden, sowohl das saure als das siesze (16. jh.) österr. weist. 5, 38; süszer käse: wann du ainen suͤszen kaͤsz darin thon haust, gaut der an dem boden, so ist es (das salzwasser) noch unzittig; schwimpt er so ist es zittig Österreicher Columella 280 lit. ver.; süeszer chǟs im gegensatz zu dem aus sauer gewordener milch hergestellten, s. schweiz. id. 7, 1407 (s. u.süszkäse, süszmilchkäse).
β)
in anderen festen verbindungen wird süsz schon früh ein blosz relativer begriff, der das geschmacklich mehr oder weniger indifferente gegen verwandtes abhebt, das stark salz- oder säurehaltig ist. bei brot oder speisen im sinne von 'ungesäuert' oder 'ungesalzen'. süszes brot (anders s. oben 1 a; 2 b α) vom frühen 15. bis ins frühe 18. jh., daneben und später ausschlieszlich ungesäuertes brot: acrisima sote brot (nd. 1417) Diefenbach n. gl. 7ᵃ; und nach zween tagen war ostern, und die tage der suͤszen brot Mark. 14, 1; vgl. M. Kramer 2 (1702) 1041ᶜ;
das fromme lamm, der heyland, kam,
asz süszes brodt und osterlamm
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 302;
im geistlichen bildgebrauch: als dann ir das suͤsz unverheblet brot sind Zwingli dtsche schr. 1, 339. in älterer sprache bezeichnet der gegensatz süszes — saures brot den des feinen weiszbrotes und des groben schwarzbrotes (s. u.süszbäcker 1, süszbrot 1): chainerlay prot, weder saurs noch suesz bei Schmeller-Fr. bair. 2, 320. weiterhin: süsze butter butiro dolce cioè fresco, non salato nè strutto M. Kramer 2 (1702) 1041ᶜ; sö͏̂te botter Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 259; der vierdte koͤl wird bey uns lattichkoͤl und suͤsz koͤl genannt, der ist suͤszer denn alle andere arten desz koͤls Wirsung artzneyb. (1588) reg. s. v. kappisz; süsz kraut cauoli capucci, cioè freschi, non conciati M. Kramer 2 (1702) 1041ᶜ; süesz krüt, süeszi rueweⁿ 'gegensatz zu sauerkraut, sauerrüben' Martin-Lienhart els. 2, 377ᵃ (vgl. auch süszkraut Fischer schwäb. 6, 3262; Martin-Lienhart 1, 532ᵇ). gelegentlich geradezu '(zu) schwach gesalzen': süsze böckling arenghe fumate dolci cioè con poco sale M. Kramer 2 (1702) 1042ᵃ; allzu süsz gesaltzen dolce di sale, cioè non salato abbastanza ebda; vgl. mnl. eene tonne haarincx, vol ende zoete (1495) bei Verwijs-Verdam 7, 1482. süszes wasser (s. u.süszwasser), lat. dulcis aqua, im deutschen seit dem 13. jh., doch s. schon oben 1 b; vornehmlich zur unterscheidung des flusz- und binnenwassers, auch des regenwassers vom salzwasser des meeres: durch ein süezez wazzer, daz heizet der Jordân Berthold v. Regensburg 2, 37, 5 Pf.; von den fischen, die sich im meer, suͤszen wassern ... regen Heyden Plinius (1565) titelbl.; ein seemann auf süszem wasser. i. e. ein erbsenbrater, so nicht weit kommen ist Castelli ital.-teutsch. wb. (1741) 1, 14ᵃ; under allen wazzern ist rainz regenwazzer daz gesündist dar umb, daz ez leicht ist und süez Konrad v. Megenberg b. d. nat. 104, 5 Pf.; es regnete heftig und das süsze wasser mit dem gischt des salzigen rann an ihrem leibe herunter Peschel völkerkde (1874) 429; in verwandten verbindungen: zu dem ist dieser see im anfang ein meer gewesen, gleiches flusz und wassers mit dem pontischen meer ... nun aber ist es ein suͤszer see Xylander Polybius (1574) 221; nach etwa 14 wersten legten wir einen süszen, schilfreichen see ... mit vielen einbusen ... zurück Nehring tundren u. steppen (1890) 50; Mithridates ... vergewisserte sie, dasz eine tagereise von dar ein süszer flusz ... sey Lohenstein Arminius (1689) 1, 224ᵇ; bildlich:
das meer trinkt
süsze ströme, und dennoch bleibt es bitter
Herder 27, 29 S.
süszes wasser das genieszbare trinkwasser: der patron des schiffes ... an das lant ab gesessen was, süszes wasser auf ze laden Arigo decamerone 148 K.;
in felsen neben zu ein hol,
desz suͤszen brunnenwassers vol
Spreng Äneis (1610) 6ᵃ;
welche inseln zu jener zeit eine ... wüste ... ohne süszes wasser waren Ratzel völkerkde (1885) 2, 316; bildlich: wenn so ein musje von, sich da und dort, und dort und hier schon herumbeholfen hat (in der liebe) ... schmekts meinem guten schluker freilich, einmal auf süsz wasser zu graben Schiller 3, 357 G. speziell auch das von bodensalzen und -säuren freie wasser: (man soll auch) die mistgruben nicht mit versaltzenem sondern mit suͤszem wasser fuͤllen Michael Herr feldbau (1551) 36ᵃ; vgl. Sebiz feldbau (1579) 11; chemisch: so offt davon distilliert, bisz das wasser wider gantz suͤsz gehet, und nicht nach schwefel stincket Paracelsus op. (1616) 1, 894 H.; fachsprachlich süsze wäsche 'eine nochmalige kochung (der stearinkerzen) mit brunnenwasser' Prechtl technol. encyclop. (1830) 24, 12. hierhin auch die anwendung des wortes auf den boden, die wiesen, den wiesenwuchs; nur in älterer sprache, zur kennzeichnung des guten, fetten bodens, der frei von schädlichen salzen ist: dise (roggen- und gerstenspreu), wann sie erfaulet seind, beguͤttigen sie gleichsam das versaltzen erdtrich, und machens suͤsz Mich. Herr feldbau (1551) 43ᵇ; 35ᵃ; der best grund ist der schwartz ... und den man leicht, süss und feisst im antasten und handlen fület Sebiz feldbau (1579) 22; in fast wörtlichem anschlusz noch bei Hohberg georg. cur. 3 (1715) 6ᵃ. vergleichbar ist die unterscheidung süsze — saure wiesen, süszes — saures gras, heu u. ä. (vgl.sauer 5 b teil 8, 1869), die den allgemeinen gegensatz gut, trockenschlecht, feucht ausdrückt, in der aber süsz im grunde nur das fehlen säurehaltiger säfte anzeigt: in süszen wiesen, mit gutem heu, besonders berggras Buck flurnamenbuch (1880) 274. so namentlich süsze gräser für die als futtermittel vorzüglichen gramineen (s. u. süszgras 2) im unterschied zu den geringerwertigen sauren gräsern, riedgräsern: auf der wiese prägt sich der charakter der säure überall aufs deutlichste aus, denn, wenn auch süsze gräser ... genug vorhanden sind, so trifft man doch überall wiesenwolle, rietgras Ratzeburg standortgewächse (1859) 352; wiesen mit süszen gräsern Fischer schwäb. 6, 3262. in botanischer bestimmung: ranunculus dulcis seu pratensis suͤszer hanen fuͦsz Hier. Bock eigentl. contrafactur aller kreutter (1553) 40; ranunculus auricomus süszer hahnenfusz ... die pflanze hat gar nicht die schärfe wie die übrigen arten Nemnich wb. d. naturgesch. 4, 1128. daneben auch von 1 a beeinfluszt mit dem nebensinn 'schmackhaft, nahrhaft': das haͤw so man disen monat macht, soll man am schatten doͤrren, so gibt es süsz futer Sebiz feldbau (1579) 56; die kälberkühe aber mit gutem grummet und süszem heu füttern allgem. haushalt.-lex. (1749) 1, h 2ᵇ; in bildlich-poetischem gebrauch: woͤlcher sin ampt ... miszbrucht zuͦ sim nutz, die schaͤfflin verlasset, nit mit suͤszer weid der gschrift, sonder mit disteln Judas Nazarei v. alten u. neuen gott 38 ndr.; seine 'idee der vollkommenheit der malerei', ... die derselbe gröszte maler Frankreichs eine süsze weide für bekümmerte seelen nannte Justi Winckelmann (1866) 1, 298.
3)
im ganzen bereich von A seit dem mhd. in den festen wendungen süszer geschmack, süsz schmecken:
(speise) die hât alsô suozen smac
Ebernand v. Erfurt Heinrich u. Kunegunde 2189;
wann sie (die erde) inn wasser wird getreiffelt, gibets demselben eynen suͤszen geschmack Sebiz feldbau (1579) 22; die zunge (wird) durch den süszen geschmack gekitzelt Reimarus wahrheiten d. natürl. religion (1766) 226;
daz ir werdet obez trechtic,
daz gote suze smacke
Heinrich v. Hesler apokalypse 14995;
je mehr man gottes wort treibt, je süszer es schmeckt Petri d. Teutschen weiszheit (1604) 1, d 5ᵇ; wie könnten sie (die menschen) das süsze und scharfe schmekken ..., hätten sie nicht die zunge von ihm (gott) erhalten W. v. Humboldt ges. schr. (1903) 1, 8.
B.
als bezeichnung einer geruchsempfindung. seit dem 8. jh. bezeugt (s. 1 a). viel stärker als bei A tritt hier, namentlich in älterer sprache, die allgemeine vorstellung 'angenehm' vor diejenige einer spezifisch gearteten sinnlichen empfindung. dabei verbindet sich süsz meist mit den geruchsbezeichnungen selber, seltener mit den gegenständlichen trägern des geruchs, erreicht also nicht die prägnanz des gebrauchs A, s. dagegen süsze 2 a.
1)
in dem vorwiegenden sinne von 'angenehm, lieblich, köstlich duftend'.
a)
ohne feste gegenständliche beziehung: vel suavis odor edho suuazzi suuek(h)e (8. jh.) ahd. gl. 1, 142, 21 St.-S., vgl. im gegensinne unsuoti suek (von dem toten Lazarus) Heliand 4082; fraglancia i. odor suze stanc Diefenbach n. gl. 181ᵃ (zu der verbindung süszer stank vgl. teil 10, 2, 823); suͤszer geruch odor dolce cioè soave, grato, fragrante. v. lieblich etc. M. Kramer 2 (1702) 1042ᵃ.
b)
seit alters in fester anwendung auf den angenehmen geruch erlesener spezereien, gewürze und duftkräuter: der liument guotero tugendi, der also suoze ist also der stanc tiurere chrutere Notker 3, 150, 23 P.;
astrica unt wichpoum
habent ouch suͦzen toum
altdt. genesis 504 Dollmayr;
sûzer den wîrouch
Straszburger Alexander 6029;
gebt süszen geruch von euch wie weyrauch, blühet wie die lilien und riechet wol Jes. Sirach 39, 18;
und die birken streun mit neigen
ihr (Luna) den süszten weihrauch auf
Göthe I 1, 44 W.;
fromm reichen sie des orients reiche gaben,
des goldes zier, der myrrhen süszes duften
Fr. Schlegel s. w. (1846) 6, 158;
(die salbe der Maria) ein kostlich unguentum, das ein kostlichen geruch gehabt etc. ein fein, sus wasser Luther 29, 221 W. auch gelegentliche gegenüberstellung mit sauer führt über den gegensatz 'angenehm—unangenehm' nicht hinaus:
cardemôn, jeroffel, muscât,
lac gebrochen undr ir füezen
durch den luft süezen:
sô daz mit triten wart gebert,
sô was dâ sûr smac erwert
Wolfram Parz. 790, 4.
c)
mit b hängt der anwendungsbereich des kultischen (rauch- und brand)opfers zusammen, der in verbindungen mit süsz eigentliche und bildhafte bedeutung gewinnt (s. auch Armknecht a. a. o. 142 f.; vgl. zur sache E. Lohmeyer v. göttl. wohlgeruch, sitz.-ber. Heidelb. 1919, 34 f.): min gibet reche sih uf also rouh fore dir. suozen stanc tuo dir min gebet Notker 3, 326, 20 P.; der súste geschmacke des opffers ist des herren (odor suavissimus) erste dt. bibel 3, 319, 58 lit. ver. (2. Mos. 29, 18); in der Lutherbibel und von dort aus auch sonst süszer geruch für das gott wohlgefällige opfer: gleich wie Christus ... sich selbs dar gegeben für uns, zur gabe und opffer, gott zu einem süszen geruch Epheser 5, 2; Phil. 4, 18 u. ö.; das war ein brandopfer zum süszen geruch, ein feuer dem herrn (1623) Jac. Böhme s. w. 6, 540 Schiebler; süszes weihrauchopfer, s. d. teil 14, 1, 747 u. oben b; ein heiszes, herzliches, beständiges lob ist dem hohen himmel ein süszerer geruch als ein geopfertes Arabien J. A. Cramer d. nord. aufseher (1758) 1, 118. ferner: die gebeyn des gefressnen pferds verbrennen die (tartarischen) weiber zum süszen geruch des verstorbnen Seb. Franck weltb. (1542) 97ᵃ; süszer opferduft Rückert poet. w. (1867) 3, 121.
d)
süszer atem, in festem gebrauch: (emplastrum) machit die suzzin atemzuge denkm. dtscher prosa d. 11. u. 12. jh. 284 Wilhelm (Züricher arzneib.); (die kleinen fische) locket er (der walfisch) zuo im mit seinem süezen âtem, der im auz dem hals gêt Konrad v. Megenberg buch d. natur 247, 28 Pf. später gern erotisch gefärbt:
hab ihm die purpurfüsz
gekühlt mit hertzen winden,
mit meinem athem süsz
Spee trutznachtig. (1649) 64;
vor seiner seele ... hing das bild der sanften wange, des süszen athems und der spiegelnden augen A. Stifter s. w. (1901) 3, 238; bildlich: die luft, die er athmete, war nicht mehr dieser süsze athem der liebe, von dem jeder hauch die flammen seines herzens stärker aufzuwehen schien Wieland Agathon (1766) 1, 387.
e)
in der allgemeinen beziehung auf den duft der blumen, des frühlings, der natur im weitesten sinne (s. auch I D 1 c); poetischer formel zuneigend:
ouch stuont dâ d' erde niht blôz
gegen einer hande breit:
diu was mit bluomen zerbreit
die missevar wâren
und süezen smac bâren
Hartmann v. Aue Erec 8729 H.;
da gund es (das blümlein) lieblich blicken,
gab auch so süszen ruch
Spee trutznachtig. (1649) 76;
süszer duftet die flur, und kühler hauchet der abend
grafen zu Stolberg ges. w. (1820) 1, 14;
in der luft schwammen die 'süszen ahnungsreichen' düfte des frühlings Storm (1899) 1, 167; sie starrte zum fenster empor, hinter dem allmählich eine blaue mondnacht aufgestiegen war: taukühl, rein und süsz atmete sie in die vom tage noch dumpfe stube herein Ina Seidel Lennacker (1938) 267. in jüngerer sprache auch stark entsinnlicht, mit dem beisinne 'erquickend, belebend':
ein blümchen blüht an stillen quellen
und athmet süszen lebensduft
Körner w. 2, 15 Hempel;
ein herz, vom süszen duft des himmels trunken
Herwegh ged. eines lebendigen (1841) 141.
2)
in gewissen anwendungen gewinnt süsz den charakter einer bestimmten physiologischen geruchsqualität, die der spezifischen geschmacksemfindung I A 2 verwandt oder doch vergleichbar ist. die vorstellung des angenehmen bleibt freilich immer mitgegeben.
a)
so in der festen anwendung auf den duft bestimmter blumen, kräuter und früchte; in den ersten belegen wohl noch mit komplexerem gehalt, vorwiegend von 1 her bestimmt:
thar (im himmel) blyent thir io   lilia inti rosa,
suazo sie thir stinkent   joh elichor nirwelkent
Otfrid V 23, 274;
daz vil suͦzze thimian
genesis 9, 8 Diemer;
rosen knospen dir auf, dasz sie mit süszem duft
dich umströmen
Klopstock oden 1, 111 M.-P.;
diu suͦze lavendele
altdt. genesis 496 Dollmayr;
die suͦze fiole steit ouch da bi
die lilie 64, 19 Wüst;
und doch voll liebreiz duftest du (veilchen),
so bald man dich nur pflückt,
uns süszre wohlgerüche zu
als manche (blume), die sich schmückt
Chr. Fel. Weisze lieder f. kinder (1767) 5;
der dechant hatte ein wenig ... geschlummert, hatte den süszen, weichen lindenduft eingeathmet Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 2, 150; süsz und schwer vom duft der bergwiesen war die luft Leipziger illustrierte zeitung (30. iv. 1936) 562. bei objekten aus dem anwendungsbereich I A 2 a β, die süsz riechen, weil sie süsz schmecken: es düncke sie nicht anders dann wie ein lieblicher, süszer und wolreiffer apffelgeruch J. Barth weiberspiegel (1565) e 5ᵇ; der Monte Testaccio ist ausgehöhlt und verbreitet süszen kelterduft aus zahllosen weinkellern Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 9, 489.
b)
vereinzelt in andern anwendungen: die wachteln viel ein süszere spur als die hüner haben sollen Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) 43; der geruch der pferde, streng und süsz E. Wiechert hirtennovelle (1935) 46.
C.
zur kennzeichnung einer gehörsempfindung. im ahd. vereinzelt vor, häufiger seit Notker bezeugt, im frühmhd. bis auf den noch heute gültigen bereich weiter ausgedehnt; stärker noch als bei B herrscht hier die vorstellung der angenehmen, wohltuenden empfindung vor, die freilich eine spezifizierung des klanges im sinne des leisen, hellen, weichen mehr oder weniger einschlieszt. anderseits bringen musik und rede vom ästhetischen oder vom gefühlsmäszigen her das wort in so enge berührung mit seinem auszersinnlichen gebrauch, dasz die grenzen sich gelegentlich verwischen.
1)
in ausschlieszlich oder doch vorwiegend sinnlicher bedeutung 'wohllautend, wohlklingend', mit gelegentlicher anspielung auf färbung oder intensität des klanges; vor allem im musikalischen bereich.
a)
vom menschlichen gesang schon früh bezeugt und bis heute in formelhaften verbindungen. als süszer (ge)sang schon in glossierungen des 9. jh., seit Notker auch süsz singen (s. auch 2 b), süsze stimme: melodia suazzaz sanc (9. jh.) ahd. gl. 1, 587, 38 St.-S.; vgl. 2, 345, 5; ze suozemo sange Notker 1, 704, 26 P.; gesprech gelyche aller süszistem gesange N. v. Wyle translationen 23 Keller; samt dem süszen gesang der hesperischen jungfraun Ed. Gerhard akad. abhandl. (1866) 1, 18. im vergleich mit B oder A: ir sank der ist also suzze als balsame und cynamomes ruche altdeutsche pred. 1, 147 Schönbach; eure lieder sind süsz wie honig Sal. Geszner schr. (1777) 1, 21. süsz singen: (sie) sungen in einhellen luton suozor danne du er hortist Notker 1, 721, 16 P.;
und uns auch trewlich lassen warnen
vor den schmeichlen, betrigling garnen
der süsz singenden syrenes
Hans Sachs 7, 413 K.;
süsz durch den abend,
den hellen abend,
singen die mädchen
dort vor der scheune
Agnes Miegel herbstgesang (1933) 55.
süsze stimme: an diu ward ein suoze stimma fore iro turen mit manigfaltero lustsami Notker 1, 788, 10 P.;
erst befiehlt uns die göttin, der zauberischen sirenen
süsze stimme zu meiden
J. H. Voss Odyssee 222 Bernays.
gelegentlich ausdrücklich im sinne des leisen, hellen, weichen:
under des hôrt man singen
ein ritter vor dem kastel
mit einer stimme, diu was hel,
süeze unde kleine
als einer sireine
Heinrich v. d. Türlin krone 936;
sie hauchte mit süszer leiser stimme harmonische laute zu ihrem spiele Göthe I 19, 132 W. jünger ist süsze melodie: diese unterscheid ... macht sie alle melodey süsze und lieblich M. Agricola musica choralis deudsch (1533) a 5ᵇ;
doch die lieberfüllten sänger
dehnten nachts vor meinem fenster
ihre süszen melodien
Göthe I 2, 96 W.
anderes gelegentlich:
in luft und auf der weide
ertönt das lied der freude,
und weckt in süszem schall
den dankbarn wiederhall
Chr. Fel. Weisze lieder f. kinder (1767) 61;
doch den sänger vermisz ich, den bringer der lust,
der mit süszem klang mir bewege die brust
Schiller 11, 383 G.
in poetischer umschreibung:
auch der sirenen süszer mundt
und harfen ihn nicht halten kundt
Opitz teutsche poem. 51 ndr.;
ihm schenkte des gesanges gabe
der lieder süszen mund Apoll
Schiller 11, 240 G.
selten in unmittelbarer übertragung auf den singenden:
des Bacchus lob stimmt nun der süsze künstler an
Ramler lyr. ged. (1772) 306.
b)
vom gesang der vögel, vorzüglich der nachtigall. seit dem mhd. und dort zum festen formelbestand lyrischer und epischer dichtung gehörend, besonders in der verbindung naturhafter und minniglicher elemente; teils in den gleichen, meist in freieren verbindungen wie unter a:
ûf des boumes esten
sâzen mit resten
manic vogel êrlîch ...
mit manicvalten stimmen
süeze was ir singen
visio Tnugdali 1922 Wagner;
vgl. Hartmann v. Aue Erec 8724;
grôzen schal
hœr ich die vogele singen über al,
süezen sanc den âbent und den morgen
Neidhart 22, 5 H.-W.;
beleytet von dem süszen gesange der nachtigall Arigo decamerone 163 K.;
horch! wie dort durch des haines schweigen
das süsze lied der vögel klingt
Körner w. 2, 15 Hempel;
von ihrer (der singdrossel) süszen stimme O. Ludwig ges. schr. 2, 136 Schm.-St. in dichterischer übertragung auf das organ des gesanges:
dâ (im walde) was manc süeziu zunge,
diu dâ schantoit und discantoit
Gottfried Tristan 17374;
die nachtigall
sang mir mit süszer kehle
E. v. Kleist w. 1, 86 Sauer.
nicht selten vom vogel selbst:
und di susse nachtegal
Heinrich v. Neustadt Apollon. 13157;
ein zwillingsstern auf Burnecks grauer veste
blinkt Alhard mit der süszen nachtigall
Annette v. Droste-Hülshoff w. (1878) 2, 210;
zusampt der süszen lerch
Spee trutznachtig. (1649) 3.
c)
vom klang solcher musikinstrumente, deren ton fein, klingend, hell ist, oft auch von diesen instrumenten selbst: suozo hellentiu seitsang Notker 1, 223, 15 P.;
dantzen, hoffieren unde singen,
auch manig süszes seitenspiel
Hans Sachs s. fastnachtsp. 1, 20 Götze;
süszer wohllaut schläft in der saiten gold
Schiller 11, 383 G.;
die gütigen geister von der süszen harpffen bewegt, haben so grosze freud Orpheo nit erbotten ... als viel mir dein brieff buch d. liebe (1587) 115ᵈ;
du süsze laute! lasz uns beide sterben,
beklagt vom wiederhallen zarter töne
Eichendorff s. w. (1864) 1, 556;
ein hornelîn süeze unde hel
hiez er im geben an sîne hant
Gottfried Tristan 3416;
ein silbernes horn von süszem schall
Geibel w. (1888) 1, 6;
die süsze geige Simon Dach 711 Österley;
da hört er ein klingen
wie flöten so süsz
Schiller 14, 271 G.
(s. u. 2 b süsz pfeifen); ungewöhnlicher:
und diese glocken all,
sie geben süszen schall
A. v. Arnim s. w. (1853) 13, 14.
gelegentlich wird das zarte des klanges ausdrücklich hervorgehoben:
süezer unde senfter videln er began
Nibelungenlied 1773, 3 L.;
die luten schlach ich süesz und fin
N. Manuel 4 Bächtold;
doch begegnet auch:
und ruͦrte er alleine
die saiten alle sant
in einem süszen done,
das es gar lawt erdosz
heldenbuch 116 Keller.
d)
allgemeiner von musikalischem klang überhaupt, in den verschiedensten verbindungen:
ei waz man süezer notten
vor in schôn dur güften (freude) blies
Reinfrid v. Braunschweig 1418;
armonia ein susze clang (15. jh. md.) Diefenbach gl. 49ᵇ; am vormittag vernahm man darin (in der grotte) einen angenehmen süszen klang maler Müller (1811) 1, 29; himmel und erde flossen in süsze musik zusammen Novalis 4, 191 Minor. namentlich:
deine (eines virtuosen) süszen harmonien
nehmen ohr und herzen ein
Gottsched ged. (1751) 1, 236;
hier sitzen wir, und lassen die musik
zum ohre schlüpfen; sanfte still und nacht,
sie werden tasten süszer harmonie
Shakespeare (1797) 4, 136;
freier: kein künstler erfand einen ton ...; er fand ihn aber und zwang ihn mit süszer macht hervor Herder 22, 180 S.; selten absolut: hilff szo wyr ettwas susses hören, etwas lieblichs empfinden, das nit darynnen lust, szondern deyn lob und ehre gesucht werde von uns Luther 10, 2, 405 W.
e)
vom musikalischen her kann auch die anwendung auf den sinnlichen wohlklang der sprechstimme und des gesprochenen wortes empfunden werden:
grozze gelide, wizze hut,
suzze stimme nit lut (von Priamus gesagt)
Herbort v. Fritzlar liet v. Troye 3148;
und noch höre ich den süszen ton ihrer stimme Storm (1904) 1, 186. oft schwingen hier gefühlswerte aus den unsinnlichen bereichen des wortes mit, vor allem die des zärtlich-verliebten (s. u. II C 3) oder des erotisch erregenden (s. u. II A 2 b β):
er sprach suoze unde lîse
(beim ersten, zaghaften minnegeständnis)
Gottfried Tristan 11986;
ich ... zischelte ihr ... in einem süszen, gefälligen tone zu Klinger (1809) 3, 160;
wo ist das süsze sprechen (der geliebten)?
wo ist die schöne lach? wo ist der trotze gang?
Zinkgref auserles. ged. 27 ndr.;
so nah ihr! o gott! ihre süsze stimme, ihr blick! maler Müller (1811) 3, 47. mehr in ästhetischem sinne, auf den einklang mit körperlicher schönheit zielend (s. u. II B 2 a, b): din stimma ist suoze unte din antluzze scone Williram 44, 3 Seemüller; wann sie was von ungesehner schoͤny über alle wyb, senfter wort, suͤszer stimm, schmaichender uszsprechung und lieplicher gebaͤrd Stainhöwel de claris mul. 286 lit. ver.;
ach rosinfarber mund ...,
ausz dem die süszeste stimme geflossen
Gabr. Voigtländer oden u. lieder (1642) 14;
die wang ist morgenröthe;
und ihre stimme tönt so süsz
wie könig Friedrichs flöte
Bürger 16ᵇ Bohtz.
2)
häufig greift hier das wort bei noch fühlbar sinnlichem gehalt zugleich ins unsinnliche hinüber oder beschränkt das sinnliche auf bild und vergleich.
a)
schon sehr früh begegnet süsz von der vorstellung 'wohlklingend' ausgehend im bereich der dicht- und liedkunst (zum ganz entsinnlichten gebrauch dieser sphäre s. u. II B 1); zunächst als eine art ästhetischen formbegriffs, vgl. schon rithmos suazaz wort (8. jh.) ahd. gl. 1, 509, 18 St.-S.; underweylent es wirt ausgesprochen ein süsz reim guͦtz gedoͤns erste dtsche bibel 7, 142 3. vorr. z. Hiob; ter suozo chosonto Homerus (Homerus melliflui oris) Notker 1, 313, 26 P.; vgl. 1, 693, 16; 1, 791, 17;
sîn Tristan! swer den ie gelas,
der mac wol hœren, daz er was
ein schrôter süezer worte
Rudolf v. Ems Alexander 3161;
in offenbar neuem ansatz seit der zweiten hälfte des 18. jh.: von dem dichterischen feuer, welches in diesem gemählde glühet, und dem süszen wohlklang der Homerischen verse entzückt Wieland Agathon (1766) 1, 288; in mehr bildhafter wendung:
hat je von meinen lippen ein süszer laut geschallet,
so höre (dichtkunst) jetzt den sänger!
Dusch verm. w. (1754) 11.
hierhin am ersten gehört wohl die im meistersang häufige benennung der töne und weisen durch süsz: sües th. H. Vogl Hans Sachs gemerkbüchl. 104 ndr.; sües weinachtw. M. Vogels ebda 119; auch mit anspielung auf den wortgebrauch A: sües hönigw. L. Ferbers ebda 119 (weitere belege s. Armknecht gesch. d. wortes 'süsz' 58). vergleichbar auch: der (Eck) bekennet, das mein deutsch susze und gut sey, und sahe wol, das ers nicht besser machen kundt Luther 30, 2, 634 W. daneben mehr zur kennzeichnung eines bestimmten, meist erotischen oder religiösen inhaltes:
ich wil me danne tusent (liebeslieder) senden dar (an
so si ir alle bringent die geliebte):
den vil süezen sank,
unt mir schone singent,
so wirt mir vil lihte ein habe dank
Rudolf v. Rotenburg in: minnesinger 1, 88ᵇ v. d. Hagen.
mhd. süszer sang prägnant für das hohelied: also gescriben ist in deme suͦzzen sange (in cantico canticorum) denkm. dtscher prosa d. 11. u. 12. jh. 5 Wilhelm; vgl. noch: vnd er (Salomo) singt einen sússen hochzeitlichen gesangk des heiligen prautlaufs erste dtsche bibel 3, 29, 24;
süsze, süsze liebeslieder
steigen meinem mädchen auf
maler Müller (1811) 2, 149;
ewarten und Leviten
die sungen so suͤssen sang
der gote in sin ore clang
Rudolf v. Ems weltchron. 35483;
alle lande dich beten an,
lobsingen dir in süszem thon
Hans Sachs 18, 261 K.-G.;
o tönet fort ihr süszen himmelslieder!
die thräne quillt, die erde hat mich wieder
Göthe I 14, 43 W. (Faust 783).
in der anwendung auf klagelieder mit dem gefühlsgehalt von II A 2 b α cc, β cc:
wie sonderlich der schwan
sein süszes grabelied ihm selber tichten kan
Opitz teutsche poemata 64 ndr.;
der sänger ... der süszen nänie auf die wachtel und das schnittermädchen Herder 5, 162 S.; nach einiger zeit ging er (ein sänger) einmal am ufer des meers allein, und klagte in süszen tönen über seine verlorenen kleinode Novalis 4, 77 Minor.
b)
in andern fällen geht süsz im sinne des erwünschten, gern gehörten, erfreulichen, auf ein wirklich oder bildlich hörbares angewandt, in den stark gefühlsbetonten gebrauch von II A 2 a 'beglückend, beseligend' über; so vielleicht schon, wenn nicht von II C 1 c 'heilsam, gnädig' aus zu verstehen:
habda ina (Christus) thiu smala thiod   thuru is suotiun uuord
uuerodu biuuorpan
Heliand 4226 S.;
diu vil süezen mære
benâmen im sîn swære
Eraclius 3761;
dasz eben um die zeit ... das süsze geschrey und die höchsterwünschte zeitung ... erschollen, es würde ... der friede ... verkündiget J. Rist d. friedewünschende Teutschland (1648) 15;
und hör das süszeste aller lieder:
das lederknirschen der sättel wieder
Münchhausen balladen u. ritterl. lieder (1908) 142.
erotisch vom wort der liebeserhörung:
so suoche ab ich daz si (die geliebte) dâ hât verborgen,
daz vil süeze wort geheizen jâ
Reinmar v. Hagenau in: minnesangs frühling 195, 2;
so erlangt dein treues flehen
niemals doch ein süszes ja
B. Neukirch ged. (1714) 29.
mit dem nebensinn 'verlockend, verführerisch' (vgl. dazu auch II C 2 a), mit und ohne abschätzigen ton: (Christi gebaren) loccheta ze imo mit suozemo mare, die iz geeisketon Williram 90, 9 Seem.; ist daz sy villeicht von werntlichen schriften kumen zuͦ den heiligen schriften, so machen sy susse zuͦsamen geseczte wort in den oren des volcks: und was sy sprechen: das wenen sy es sey gottes gesetz erste dtsche bibel 3, 18, 49 vorr.; darumb, meyn h. vatter, woltist yhe nit hören deyne szussen orensinger Luther 7, 9 W.;
eh noch des nachruhms lockender silberton
dem ohre süsz klang
Klopstock oden 1, 5 M.-P.;
den süszen und glühenden ruf des ruhms O. Gmelin d. ruf zum reich (1936) 101. mit der gefühlsabstufung 'teuer, lieb, vertraut'.
o süsze stimme! vielwillkommner ton
der muttersprach in einem fremden lande
Göthe I 10, 35 W.;
ich sollte die süszen töne meiner muttersprache nicht mehr hören H. Steffens was ich erlebte (1842) 5, 111. die an 1 a und c anknüpfenden bildlichen wendungen süsz singen, süsz pfeifen 'verführen, verlocken', die aufs 16. und frühe 17. jh. beschränkt bleiben, stehen zugleich der stärker entsinnlichten bedeutung 'freundlich' nahe (s. u.süsze worte II C 2 a α, β): darmit der teuffel so süsze und seuberlich singet Luther 28, 22 W.;
sie sind wie einr der vogel fing,
der mit der pfeiffen suͤsze sing
jedermannes jammerklage (1621) b 4ᵃ;
gern im gegensatz zu sauer singen, pfeifen unter verwischung der sinnlichen gebrauchssphären des wortes: er pfeife oder heule, er singe süsz oder sauer, noch kann er (gott) uns nicht bewegen Luther tischreden 3, 498 W.; wenn sie mehr gefraget werden, als sie wissen zu berichten, schweigen sie stille und wollen kein wort mehr reden, man pfeiffe ihnen suͤsz oder saur Pape bettel- u. garteteuffel (1586) k 7ᵇ.
3)
auszerhalb der musik und rede bleibt der gebrauch in der akustischen sphäre auf wenige möglichkeiten beschränkt:
daz swert im erchlanc
vil suze in der hant
pfaffe Konrad Rolandslied 5107 Wesle;
ieslîcher von dem anderen sluoc
dâ mangen stêlînen rinc.
nu slahâ slach! nu clingâ clinc!
ir swert sô suoze erclungen
Heinrich v. Freiberg Tristan 1807.
vornehmlich im naturbereich, oft durch den zusammenhang erotisch gefärbt:
er (der brunnen) rûnete suoze
den gelieben ze gruoze
Gottfried Tristan 17383;
sein (des silberbaches) süszer lispelklang
Grob dichter. versuchgabe (1678) 115.
seit dem ende des 18. jh. mit stärkerem gefühlsgehalt, mit dem romantisierenden gebrauch von II A 2 d β verwandt:
und die waldung rauschet süsze
Tieck schr. (1828) 1, 272;
das aufschlagen (des wasserfalls) in den zurückspringenden wasserstaub macht einen heroisch süszen ton Heinse 4, 365 Schüdd.; o süszes lied des meeres: leise rauschte und stampfte es unter mir und um mich O. Gmelin sommer mit Cordelia (1933) 70.
D.
als bezeichnung einer angenehmen körperlichen empfindung überhaupt, ohne zuordnung zu einem bestimmten sinnesgebiet. in verschiedenen anwendungen auf der gemeinsamen grundlage 'angenehm, wohltuend' entwickelt und von da aus auch in spezielleren bedeutungsnuancen entfaltet, durchweg seit dem mhd., nur vereinzelt (s. u. 3) schon im späten ahd.
1)
von den naturhaften kräften und wirkungen der luft, der witterung, der jahreszeit, sofern sie eine angenehme körperliche empfindung auslösen; dabei kann süsz weithin zugleich, mehr objektiv, den gehalt von 'warm, mild' u. ä. gewinnen.
a)
neben wind, luft u. ä. im sinne von 'milde, sanft, weich', auch 'warm'; in der mhd. lyrik und epik voll ausgebildet und im gegensatz zu unsuoze, auch sûr (vgl.sauer 2) im sinne von 'scharf'. süszer wind (s. auch II A 1 a β) oft zur kennzeichnung bestimmter windarten:
ich hânz dâ für daz dô wât
der süeze wint westen
Reinbot v. Durne hl. Georg 263 v. Kraus;
auster der susz warm wint (ende d. 15. jh.) Diefenbach gl. 63ᵃ; wan id eyn clar, soyte weder is, wan de suden edder sudwesten wind weyget (1483) bei Schiller-Lübben 4, 297ᵃ; der brausende sturm, und der süsze zephyr Herder 5, 54 S.; ich erlebte das ruhige atmen meines kindes wie einen süszen nachtwind W. Flex ges. w. (1927) 1, 183; vergleichbar: süsze wärme, leicht wie bebende sommerluft über einer blühenden wiese, kreiste zwischen den (schlafenden) kindern Ina Seidel d. wunschkind (1930) 213; in religiöser metaphorik: heb dich du unfruchtbarer kalter wind aquilo, du verfluͦchter geist, ... und kum zuͦ mir du suͤszer heilsamer osterwind Geiler v. Keisersberg bilgersch. (1512) 11ᵇ. in andern verbindungen ist gelegentlich wohl mit einflusz von B 1 e 'wohlriechend' zu rechnen:
der wirt schuof sedel ûf daz gras,
dâ der luft süeze was
Konrad v. Fuszesbrunnen kindh. Jesu 1820;
da geht ein suͤszes luͤfftlin rein
vom gruͤnen waldt, o gott wie gut,
das einem sanfft im hertzen thut
Erasmus Alberus fabeln 157 ndr.;
die bewegten erlen schwanken ihm aus braunen wipfeln süszen hauch maler Müller (1811) 2, 126. deutlich als grundlage von b:
vil boume stuont in blüete
von dem süezen luft des meien
Wolfram Parz. 96, 19; vgl. 281, 20;
rauher und immer rauher blies der wind mich an: in mir aber wehte süsze frühlingsluft O. Ludwig Schm.-St. 2, 406;
wo auf dem platz der maibaum steht,
dem süszer wind die bänder dreht
Weinheber o mensch gib acht (1937) 52.
b)
von a aus in dichterischer, stark affekthaltiger sprache auf den mai, den frühling, den sommer erweitert; namentlich mhd., dann wieder seit dem 18. jh., doch schlieszt besonders der jüngere gebrauch meist andere bedeutungszweige mit ein (s. I B 1 e):
die blüenden vier wochen,
sô der vil süeze meie în gât
unz an daz, dâ er ende hât
Gottfried Tristan 537;
wie man ... durch gefrornen saft
bey süszer sommerzeit den winter wiederschafft
B. Neukirch auserles. ged. (1744) 132;
freut auch mich nichts weiter mehr:
nicht die süsze maiensonne,
bienenton und schaukelwonne
Mörike (1905) 1, 170;
du (cicade) den sterblichen verehrte,
süszen frühlings süszer bote
Göthe I 2, 110 W.;
prägnant:
sich hât aber diu süeze zît verkêret
Gottfried v. Neifen 14, 8.
c)
von a und b her, aber kaum ohne einflusz des frühen gebrauchs I A 1 b, erfolgt die anwendung auf tau und regen im sinne von 'erquickend, belebend':
der anger wol geblüemet stât
in süezem meientouwe
Ulrich v. Winterstetten 5, 4 Minor;
des fürsten milte ûz Osterrîche
fröit dem süezen regen gelîche
beidiu liute unt ouch daz lant
Walther 21, 2;
laub, grasz, und bluͤmlein new gekleid,
mit suͤszem taw berisen
Spee trutznachtig. (1649) 39;
holde düfte strömten von den blüthen,
neu erfrischt vom süszen morgenthau
Th. Körner w. 2, 22 Hempel;
vergleichbar:
wann das volle mondenlicht
durch die trüben wolcken bricht,
kan es in den'n sommerzeiten
uns mit süszer kühle leiten
Ettner v. Eiteritz medizin. maulaffe (1719) 19.
2)
auch in der ausgedehnten anwendung auf begriffe des schlafens und ruhens steht das körperliche wohlgefühl im sinne des erquickenden, stärkenden, lösenden fühlbar im vordergrunde.
a)
am häufigsten zur kennzeichnung des körperlichen schlafs, rein formelhaft, aber auch mit leisen verschiebungen des gefühlstons. süszer schlaf (gr. γλυκύς ὕπνος, lat. dulcis somnus) in ältester und bis heute durchstehender verbindung. zufrühest bildlich, eigentlichen gebrauch voraussetzend: stant uf vone demo suozzen slaffe contemplationis Williram 38, 5 Seem.; schon früh zur formel verblaszt und allgemein, besonders in der verbindung mit bestimmtem artikel:
suozes slâfes er dâr phlac
Ebernand v. Erfurt Heinrich u. Kunegunde 1738;
heint als der monde war in seinen craisz gezogen,
und mich der süsze schlaf umbfangen durch die nacht
Opitz teutsche poem. 94 ndr.;
wirst wohl gar aus dem süszen schlafe geweckt werden graf Pocci lustiges komödienbüchl. (1859) 81. in älterem gebrauch auch speziell für den im eigentlichen sinne festen, tiefen schlaf: sopor siesz schlauff (15. jh.), ein sieszer schlaff (1512) Diefenbach gl. 542ᵇ; in der dageringe (morgendämmerung), wan de slap den luden up deme sotesten is (15. jh.) bei Schiller-Lübben 4, 297ᵃ; dasz die dewung im magen zu morgens frue bey süszem schlaff geschehe Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 769. gelegentlich mehr gefühlsmäszig empfunden und zu II A 2 b γ bb süszer traum hinüberdeutend: eine art von süszem schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche begebenheiten träumte Novalis 4, 55 Minor;
den süszten schlaf und träume schönster ahndung,
die je gekommen in ein müdes haupt
Shakespeare (1797) 9, 201.
mit erotischer färbung (s. u. 3):
die red ain fräwlin wachen tett
usz süssem schlauff, den sy da hett
an heldes arm in süsser minne schrencken
liederbuch d. Hätzlerin 3.
bildlich für den tod: zu dem ist unser tod, den wir leiden, kein rechter, das ist schrecklicher tod mehr, sondern ein gemalter tod, ja ein suszer schlaff Luther 23, 714 W. die verbale verbindung süsz schlafen in gleicher verbreitung und abstufung; vgl. schon:
er mohte entslâfen suoze:
diu werde mit unmuoze
in maneger liebe sîn dâ phlac
Konrad v. Würzburg Partonopier 2177;
nu slafent ir vil suze
Mone schausp. d. mittelalt. 1, 102;
sie möchte wol dadurch ihr einen Daphnis wehlen,
indem du suͤsze schlaͤfst, der lieber wehr als du
Rachel satyr. ged. 113 ndr.;
seid sorgenlos, meine lieben töchter, und schlafet süsz, wie vor vielen jahren in eurem kinderbettchen A. Stifter s. w. (1901) 1, 275;
an der seite der geliebten
süsz entschlafen, sanft erwachen
Göthe I 5, 22 W.
entsprechend II B 2 a gern vom schlaf der kinder:
wie süsz die kindlein schlafen
Tieck schr. (1828) 1, 64.
in verwandten verbindungen mit dem gleichen allgemeinen oder spezielleren gebrauch. süsze ruhe (s. auch c und II A 2 c α):
die meit entslief von muodekeit,
daz houbet hâte sie geleit,
dâr ez suoze ruowe vant
Ebernand v. Erfurt Heinrich u. Kunegunde 3527;
bald weckt er (Christus) seine schaaren ...
könt ihr so sicher fahren?
wilst du die süsze ruh
nicht eine stund auffschieben?
A. Gryphius lyr. ged. 301 Palm;
als den lustigen nun der dunkle abend herabsank,
gingen sie alle heim, der süszen ruhe zu pflegen
J. H. Voss Odyssee 16 Bernays;
traurt ferner nicht um sie,
die nun der höchst erquickt, die aus der strengen müh
in süsze ruh (des todes) versetzt
A. Gryphius trauersp. 240 Palm.
jünger ist süszer schlummer: so überfiel mich augenblicklich ein abscheulicher süszer schlummer Chr. Reuter Schelmuffsky 94 ndr.;
wann ihn der süsze schlummer überfiel
Bürger 149 Bohtz.
in gelegentlicher übertragung:
uns naht auf freiem felde tiefer schlummer
und faules stroh ist uns ein süszes bette
Liller kriegszeitung (auslese 1915) 2, 203.
b)
vom zustand körperlicher ermattung als einer sinnlich angenehmen empfindung, nicht vor dem späten 18. jh.: wird nicht oft der kleinste garten ... so in die länge gezogen, dasz sich eine so süsze ermüdung darin erholen läszt, wie in den gröszten anlagen? Thümmel reise i. d. mittägl. prov. v. Frankr. (1791) 7, 94; bald ergreift sie eine süsze müdigkeit und ruhig schläft sie ein Göthe I 20, 140 W. mehr auf eine erschlaffung des willens bezogen: lieder der mädchen und knaben stiegen auf, eine genieszerische, süsze schwäche lockerte die reihen Ad. Meschendörfer d. stadt im osten (1933) 94.
c)
neben ausdrücken des müsziggangs, des nichtstuns, an der grenze zwischen körperlicher und seelischer empfindung (s. u. II A 2 c α): die ruhe, oder muͤszig gehen, ist gar ein suͤsz ding Friedrich Wilhelm sprichw.-register (1577) h 1ᵇ; trägheit macht es dem müsziggänger ... schwer, die süsze ruhe mit beschäftigung zu vertauschen Fr. Th. v. Schubert verm. schr. (1823) 2, 9; der süsze müsziggang Mommsen röm. gesch. (1874) 1, 23. im anschlusz an das ital. dolce far niente: würdest du wohl dem faullenzer weiche polster verschaffen, damit er im süszen nichtsthun sein leben dahinbringe? Kant w. (1838) 5, 323.
mit süszem nichts die tage zu verträumen
Platen 1, 152 Redlich.
3)
speziell in erotischem gebrauch, sofern deutlich das körperliche lustempfinden der liebe, der sinnliche liebesgenusz gemeint ist. in derselben typischen, mehr oder minder prägnanten verwendung, wie sie namentlich als kennwort für die seelisch-gefühlsmäszige seite oder doch für den ganzen umkreis der erotischen beziehungen lebendig ist (s. u. II A 2 b β).
a)
neben verschiedenen ausdrücken für das sinnliche erlebnis und seine einzelnen äuszerungen:
si lâgen in der wunne
mit senfter unmuoze
und triben dâ vil suoze
ir vil reiniu minnewerc
Konrad v. Würzburg Engelhart 3158;
do peyde der süszen liebe mit einander spilten Arigo decamerone 36 K.;
und beide pflagen süszer liebe drin (im ehebett)
Bürger 156 Bohtz;
süsze wollüste dolci piaceri M. Kramer 2 (1702) 1042ᵇ;
drauff band ich ihn in armen,
küszt ihn mit süszem truck
Spee trutznachtig. (1649) 43;
also ewer (der liebenden in der hochzeitsnacht) stehts
soll dies süszen kampfs ohn blut frischer muth
euch wider und wider gewehren
Weckherlin ged. 1, 243 lit. ver.;
wenn er dem ewigen bund süszer umarmungen schwört
Klopstock oden 1, 35 M.-P.;
er stak der süszen umarmungen (von der verflossenen liebesnacht her) noch so voll W. Schäfer d. haus mit den drei türen (1931) 31. in anderen verbindungen mehr prägnant; süsze nacht 'liebesnacht':
dô dirre helt sô sanfte lac,
dô erschein der underwünschte tac
und was diu süeze naht für (vorbei)
Ulrich v. Zatzikhoven Lanzelet 1115;
do er sie zuͦ sülchen süszen nachten geladen het Arigo decamer. 110 K.; ach! wenn ichs nur nicht vergessen hätte, was mir die wirthin alles von den süszen nächten (mit mädchen) ... erzehlet hat Stranitzky ollapatrida 162 Wiener ndr.; ähnlich:
viel süsze stunden flogen nun (dem Jupiter)
in seiner Semele umarmungen (vorüber)
Schubart s. ged. (1825) 2, 110;
die sich wiederfindenden liebenden besiegeln den bund ewiger treue ihrer herzen unter dem apfelbaume ihrer ersten süszen zusammenkunft Göthe I 42, 2, 41 W.; tausende ihres geschlechts hättens klug ... verschwiegen, und es erst dem mann in einer stunde süszer vergessenheit in ohr und seele geschmeichelt Hebbel w. 2, 52 Werner; die ausgelassenen geister der nacht ... umschwärmen verlockend ein unschuldiges mädchen, sie preisen die wonne süszer sünden Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 6. substantiviert, mit einfärbung von II B 2:
aber mit geborgtem leibe
fühlt man nicht das süsz am weibe
Logau 146 lit. ver.;
nur Septimius widmet Akme treulich
all ihr süszes und alle liebewonnen
Mörike (1905) 1, 107;
vgl. süszlöchlein, süszloch 'hurenwinkel' in flurbezeichnungen Fischer schwäb. 5, 1972. gelegentlich in bildlicher anspielung auf den geschmacksbegriff I A:
nun geht, ihr kinder (ein hochzeitspaar), und schmeckt die süsze gaben,
die Venus und ihr sohn euch eingeschencket haben
Zinkgref auserles. ged. 30 ndr.;
zarter: ihr (Ophelias) ganzes wesen schwebt in reifer süszer sinnlichkeit Göthe I 22, 78 W.
b)
besonders süszer kusz u. ä., seit dem mhd. in geläufiger formel:
sît daz ich vermîden muoz
dînen munt, der mangen gruoz
mir bôt und och dîn süezen kus
Wolfram lieder 8, 39;
magstu begeren den lieblichen und aller süszesten kusz Geiler v. Keisersberg granatapfel (1510) g 8ᵃ;
und gibet dir ohn hindernusz
freundlicher weisz ein suͤszen kusz
Spreng Äneis (1610) 18ᵇ;
so genosz entfernt vom neide
er noch manchen süszen kusz
Göthe I 37, 19 W.;
von da aus erweitert:
ey so nehm sie dann darauff
diesen kusz zum süszen kauff
Chr. Reuter d. Harlequins hochzeitschmausz 49 ndr.;
küsz mich ... das thut noch süszer, als das schlagen weh thut Storm w. (1899) 5, 189. die anspielung auf die geschmackliche sphäre I A 2 (vgl. auch zuckersüsz teil 16, 312) liegt nahe; häufig in barocker dichtung:
sucht ihr die schmätzlein süsz,
so geht in Venus garte,
da wachsen sie gewisz
schausp. d. engl. komöd. 250 Creizenach;
ich geb es zu, ein kusz ist süsz,
doch süszer ist der wein
Hölty ged. 126 Halm.
die sonst dem ästhetischen gebrauch II B 2 zugehörigen verbindungen süszer mund, süsze lippen sind, soweit auf den geschmacksbegriff angespielt wird, mehr von hier aus empfunden:
und dasz der süsze mund (der geliebten) sey zimmetrinden reich
Rachel satyr. ged. 81 ndr.;
en söten mund haalen sich einen kusz holen Schütze holst. 4, 158; deine süszen lippen, deine nektarlippen, deine wonnelippen Gerstenberg Ugolino 247 dtsche nat.-lit.; gelegentlich mit süsz I B verglichen:
ihr lippen, süsz wie nelkenduft
Bürger 47ᵃ Bohtz.
c)
vereinzelt, aber nur jünger, von personen, mit stärker sinnlichem gehalt als der sehr entwickelte gebrauch II B 2 a:
strenge fräulein zu begrüszen
musz ich mich bequemen;
mit den lüderlichen süszen
werd ichs leichter nehmen
Göthe I 3, 142 W.;
sie fand das mädchen im bett sehr schwer und sehr süsz, mit lippen, die plötzlich weich und voll geworden Kahlenberg Eva Sehring (1901) 154.
d)
in euphemistischen umschreibungen für die männliche oder weibliche scham:
daz wazzer sprang ir under die wât,
biz hin dâ daz süeze stât
Ulrich v. Türheim Tristan 402,
vgl. Wolfram Parz. 203, 8; und da er ir das süsz ding der welt eingethon hette unnd ir gut frewd gemacht hette Lindener rastbüchl. 48 lit. ver.; ins loch (gefängnis), wann so ein junger geelschnabel gern ins süsze loch kriechen will, musz man ihm ein ander loch weisen Chr. Weise d. grün. jugend überfl. gedanken 210 ndr.
II.
in auszersinnlichem gebrauch.
A.
in dem vorherrschenden sinne von 'angenehm'. durch den sinnzusammenhang in dieser bedeutung mannigfach schattiert und abgestuft, dient süsz hier stets als ausdruck einer angenehm empfundenen inneren wirkung; seit frühester zeit neben I A das wichtigste und ausgedehnteste anwendungsgebiet des wortes.
1)
mit noch spürbar objektivem gehalt, geistigen und sachlichen werten, erlebnissen und erfahrungen verschiedenster art im sinne des erfreulichen wertend zugeordnet.
a)
in dem allgemeinen sinne von 'erwünscht, erfreulich, willkommen'.
α)
in verbalen verbindungen; am ältesten in der prädikativen formel mit persönlichem dativobjekt und sachlichem subjekt bzw. abhängigem subjektssatz: uzzan diu selba hoorsami denne antfanclih ist cote inti suazi mannum (acceptabilis erit deo et dulcis hominibus) Benedictinerregel in: kl. ahd. sprachdenkm. 208 Steinmeyer. seit Otfrid häufig einfach soviel wie 'es ist mir lieb':
quad, war in liob ioh suazi,   man Barabban in liazi
Otfrid IV 22, 16, vgl. III 23, 12 u. IV 11, 34;
daz sehen (ihres herrn) was in süeze
Laubacher Barlaam 15292;
dise red was dem senat und der gantzen gemeyn vast süsz und genem Carbach Livius (1546) 127ᵇ; es musz ihm (dem frommen) alles gleich süsz, gleich angenehm, gleich lieb seyn Chr. Scriver seelenschatz (1737) 2, 7ᵃ. ahd. gelegentlich auch im sinne von 'angelegen', wobei die vorstellung 'gern, willig' (s. u. II C 4 a) naheliegt:
thaz (die darbietung der heilsgeschichte in deutschen versen) laz thir wesan suazi
Otfrid I 1, 41.
seltener ohne persönliches dativobjekt: nichts ist süszer auf dem lande, als wenn nach einem nützlich verlebten tage, ... des abends sich der kleine cirkel ... wieder versammelt Knigge umgang mit menschen (1796) 1, 114. gelegentlich in anderen verbalverbindungen:
hueder im suotera thunke
Heliand 3406 S., vgl. 5348;
zu suchen einsamkeit und schatten,
da dünckt mich es recht süsz und gut
Dieter. v. d. Werder buszpsalmen (1632) b 2ᵇ;
bald schien ihnen süszer der krieg als wiederzukehren
grafen zu Stolberg ges. w. (1820) 11, 65;
er (der fuchs) sprach 'wie ist diu vorgâbe (beim wettlauf)
der krebez sprach 'die mache ich dir süeze' getân'?
fuchs und krebs in: zs. f. dt. alt. 1, 399, 53;
ihr Mährer, seyd jetzt mein zuflucht,
dieweil ihr mich zuvor ersucht,
dasz ich mich uberreden liesz
und mir die cron gemacht so süsz
lieder auf den winterkönig 107 Wolkan;
halt mich, du sollst es haben süsz und gut
Brentano (1852) 6, 35.
β)
in attributivem gebrauch: also ein suͤsz ding ist umb thorheit, das wir ee manglen aller ding on der narrheit Eberlin v. Günzburg 1, 156 ndr.; welcher dapfferer soldat ... wolt ohne der suͤsze hertzerfrischende ehr vor land und leut wider den feind streiten Lehman floril. polit. (1662) 1, 178; dasz ja ... der suͤsze anblikk des friedens nun endlich bald moͤchte anbrechen Schottel friedenssieg 6 ndr.; nun kommen süsze (erwünschte, willkommene) einladungen Göthe IV 28, 180 W.; stärker objektiviert, mehr als wertbegriff; in verbindungen wie süsze freuden (doch s. auch 2 b α aa), süsze gaben, süsze schätze u. ä.:
dîn (der frau Welt) zart hât mich vil nâch betrogen,
wand er vil süezer fröiden gît
Walther 101, 8;
die süszesten freuden seines lebens Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 32;
süsze gabe des gebers (freude), giesze dich ganz in mich
Herder 18, 300 S.;
jede (der göttinnen) überschüttete ihn ... mit ihren süszesten wohltaten J. Jac. Engel schr. (1801) 1, 4;
allda will in süszen schätzen
ich mein hertz auf den schmertz
ewiglich ergötzen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 362ᵃ.
speziell von solchen dingen, die bezug auf die liebe haben:
süeze Minne, sît nâch dîner süezen lêre
mich ein wîp alsô betwungen hât
Walther 109, 25;
doch Phyllis sucht die süsze spur
des schönen unbekannten nur
Schwabe belustigungen (1741) 1, 382;
kaum war mein schreiben vom 27. an dich abgegangen, so erfreute mich der briefbote mit deinem süszen brief vom 26. Moltke ges. schr. (1892) 6, 5. vereinzelt objektiviert bis zur bedeutung 'günstig', neben wind (s. o. I D 1 a):
in quam ein suzze wint nach ...
der warf si durch des meres flut
harte snelliche
zu Troyge in daz riche
Herbort v. Fritzlar liet v. Troye 342;
ein fürstlicher befehl ist ... ein süszer wind, welcher unsere segel ... treiben kan Chr. Weise polit. redner (1677) 12.
γ)
in der antithese zu sauer, bitter u. ä., die aber hier, und schon früh, den sinnlichen gehalt von I A 2 c ganz eingebüszt hat und der landläufigen wendung 'freud und leid' nahesteht (in etwas anderer wendung s. u. b γ). meist substantiviert oder adverbial; besonders im 16. jh., aber noch bis in die junge sprache hinein geläufig:
hiute süeze, morgen sûr:
leit ist liebes nâchgebûr
der wilde Alexander in: minnesinger 2, 364ᵇ v. d. Hagen;
die ewig wiszheit ... zoch in durch suͤsz und sur, untz das sy in braͤcht uff das recht pfatt der goͤttlichen warheit d. ewigen wiszheit betbüchl. (1518) 3ᵃ; süser anfang, sawer endt Lehman floril. polit. (1662) 1, 24; derley geschichtgen, kurz alles, was mir süszes oder sauers wiederfuhr ..., schrieb ich dann fleiszig nach hause Ulr. Bräker ges. schr. (1789) 1, 105. die paarung mit bitter ist seltener: suͤszer und bitterer hendel Stainhöwel de claris mulieribus 318 lit. ver.; ohne gehemmt zu werden durch das bittere oder süsze einer im wege angetroffenen einzelheit A. Schopenhauer w. 1, 396 Griseb. okkasionell:
und ob sichs gleich übel anliesz,
so machet ers (gott) doch nachmals süs,
das einer hat sein lust daran
Chr. Lasius new trostspil v. d. geburt Christi 676 Bolte;
das er (der name Amadis) zu teutsch heiszt gottes lieb,
darumb besteht er suͤsz und truͤb
Fischart ein vorbereit. in d. Amadis (1572) 112.
b)
in dem speziellen sinne von 'leicht zu tragen, ertragen', je nach dem zusammenhange mit leiser schattierung der bedeutung.
α)
wie auch sonst oft im oxymoron neben ausdrücken der schwere, der mühe, des zwanges, der not. das süsze joch (Christi) nach Matth. 11, 30, im sinne von 'milde, sanft': mîn ioh ist suozi inti mîn burdin ist lîhti (gr. χρηστός, vulgata: suave) Tatian 67, 9, vgl. Notker 3, 400, 2 P.; diu ringe bürde unde daz süeze joch unsers herren Berthold v. Regensburg 1, 231 Pf., vgl. 220; 69; und das suͤsz joch Christi und lychten burde nit lassen verbitren Zwingli v. freih. d. sp. 22 ndr.;
dein verstand und deine gaben (der geliebten)
bleiben doch mein suͤszes joch
B. Neukirch ged. (1744) 27.
ähnlich: dina (gottes) urteila sint suoza, wanda si war sint (quia iudicia tua iocunda) Notker 3, 258, 18 P.; schwächer:
(Neptun) beweget ihre haͤnd und fuͤsz,
das ihnen wurd die arbeyt suͤsz
Spreng Ilias (1610) 169ᵃ;
eine predig (ist) dem gemeinen mann ... ein süszer zwang zu allen löblichen thaten Abr. a s. Clara etwas f. alle 2 (1711) 222. am geläufigsten süsz machen 'leicht, erträglich machen':
joh uns gidua thu syazo   thio unse thurfti grozo
thaz uns ni wese thaz zi swar,   wir unsih io firdragen hiar
Otfrid III 5, 20;
fried und einigkeit macht alle muͤhe und arbeit ... suͤsz und treglich Mathesius Sarepta (1571) 232ᵃ; sie bedanken sich auch bei dem ... herrn pfarrer und seelsorger für die tröstlichen zusprüche, mit welchen er ihm ... das sterben leicht und süsz gemacht hat Leoprechting aus d. Lechrain (1855) 253; vgl. auch:
die (beghine) mant in, das er sich bereit,
dasz er von hinnen froͤlich scheid
vnd solt sich vmb gut werck bewerben,
auff dasz er moͤcht dest suͤszer sterben.
da antwort Eulenspiegel bald:
'es ist nicht moͤglich der gestalt,
dasz ich sterb suͤsz in dieser not,
dieweil doch bitter ist der todt'
Fischart Eulenspiegel 12612 Hauffen
(süsz vom tode in anderm sinne s. u. 2 a α).
β)
mehr im sinne von 'sorglos, unbeschwert, heiter' zur kennzeichnung angenehmer lebensumstände oder bequemer lebensführung, aber kaum über das späte 18. jh. hinaus üblich:
lât got diu (mann und frau in schöner gemeinschaft) alten,
diu gwinnent manege süeze zît
Hartmann v. Aue Iwein 8147;
und wiewol ynen etliche wenig tzeit (im wohlleben) suͤsz und lieblich was Fortunatus 153 ndr.;
wie angenehm ist deiner stunden
und heitern tage süszer lauf
Gottsched ged. (1751) 1, 251.
besonders süszes leben (anders s. u. c):
der dir mit sîner tôrheit
diz süeze leben (eines königs) machet leit
und liebet dir ein hertze leben
Laubacher Barlaam 9548;
erzähltest mir wie schön, wie kummerfrey,
wie gut, wie süsz dein seelig leben sey
Göthe IV 1, 172 W.
mit tadelndem beisinn: denn sie haben gross gutt und ehre von den fursten und aller welt, und das gantz ihr szüss leben ist der andern schweysz und blutt Luther 10, 1, 1, 645 W.; 'bequem': aber das ruchlose (sorglose), sichere, freye leben ist ... das süszeste und lustigste leben Joh. Arnd theologia (1631) 23 f.
γ)
auch die gegenüberstellung mit sauer oder bitter (s. o. I A 2 c, II A 1 a γ) bringt in bestimmten verbalwendungen älterer sprache den gegensatz 'leicht' und 'schwer' zum ausdruck:
komet der künec Matûr,
ez werde mir süez oder sûr,
er wirt von mir bestanden
Stricker Daniel 1008 Rosenh.;
wiewohl es ihm nicht süsse abgangen, sondern gar schwer und bitter worden ist Luther 34, 271 Erl.;
desz todes ein zwiefache ban,
deren ich eine wandlen muͤsz,
es komm mich saur an oder suͤsz
Spreng Ilias (1610) 116ᵇ;
gelegentlich auch auszerhalb des ausdrücklichen gegensatzes: das kömet die regenten nicht leicht noch süsse an Luther 28, 522 W.
c)
in bestimmten sachlichen verbindungen nimmt süsz von der vorstellung des angenehmen, erwünschten aus mehr den charakter eines wertbegriffs im sinne von 'lieb, wert, teuer' an, wie er auf anderer grundlage und stärker neben personen entwickelt ist (s. u.D), meist mit einer schon nach 2 hinüberweisenden steigerung des gefühlsgehaltes. in der anwendung auf solche güter, die zum grundbestand des irdischen oder himmlischen lebens gehören, doch vgl. ohne beziehungswort schon sehr früh:
(so wie den an Christi erscheinung zweifelnden jüngern nach der auferstehung)
so giburit (ergehts) manne, thara er so ginget (sich sehnt) thanne;
gisihit thaz suaza liabaz sin; thoh forahtit, theiz ni megi sin
Otfrid V 11, 30.
in älterer sprache vornehmlich religiös, vom jenseitigen leben: dhasz ist in dheo walaæhti des ewighin libes, hwanda dhemu neowihd nist suuozzera Isidor 32, 6 Hench; vgl.so is deer in der wrald naet so swetis so dat godesryk Richthofen afries. wb. 1061ᵃ;
und vür der werlte trügeheit
das süeze himelrîche weln
kl. mhd. lehrged. 61, 10 Leitzmann;
auch später noch:
zu schuͤtzen seine kirch und sie durch harten streit
zu fuͤhren auf den trohn der suͤszen ewigkeit
J. Rist neuer teutscher Parnass (1652) 54.
in fester verbindung süszes vaterland, vgl. lat. dulcis patria: zuo letsten ... schiedent sie sich von irem süszen vaterlande herzog Ernst (volksbuch) 252 Bartsch; sie ... verlassen yre fromme weyber unnd unertzogene liebe kindlin, yr siess vatterlandt Eberlin v. Günzburg 3, 150 ndr.; gehaltvoller: o des geliebten süszen vaterlands Ulr. Bräker s. schr. (1789) 1, 104. ähnlich:
den anger seiner kindheit sieht er in den lindenzweigen spielen,
die süsze heimat, und das haupt der eltern auf den sterbepfühlen
Annette v. Droste-Hülshoff w. (1878) 2, 25.
gelegentlich:
der, der euch kan unterhalten
hier in unsrer süszen stadt,
eben der wird meiner halten,
wo er auch zu herrschen hat
Treuer Dädalus (1675) 1, 25.
in der verbindung süszer name (s. auch D 2):
er ist vater, wir diu chint:
wie suoze dise namen sint!
vaterunser 8 in: dtsche ged. d. 11. u. 12. jh. 43 Waag;
dan der nam 'vatter' ist von natur eyngeborn und natürlich sussz Luther 2, 83 W.; sintemal solcher noch mehr süszere namen ... pringet, also dasz man einander mit den allerholdesten namen des vatters, der mutter, der bruͤder, der geschwister benennet Fischart Gargantua 94 ndr.;
und werd es nur zu feiertagen
süszer namen und lieber geburten tragen
Göthe I 4, 25 W.;
der süsze und anmuthige nahme des friedens Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 6; ähnlich: ein redner gebrauchte das wort: 'das süsze wort republick' Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 5, 36. in der zuordnung zu begriffen des lebens und daseins (s. o. b β), sofern das leben schlechthin, nicht eine besondere form desselben gemeint ist (vgl. im gegensinne der bittere tod):
eim jeden ist das leben sein
eben so suͤsz als dir das dein
Wolfh. Spangenberg griech. dramen 1, 119 Dähnhardt;
umsonst. in bauch getroffen liesz er das süsze leben
Scheffel ges. w. 2, 186 Proelsz.
gehaltvoller: süszes leben! schöne, freundliche gewohnheit des daseins und wirkens! von dir soll ich scheiden Göthe I 8, 299 W.;
weil under desz wir nieszen
den suͤszen sonnenschein,
wolt ich, wir nie verlieszen
den minsten willen dein
Spee trutznachtig. (1649) 81;
ein sünder, dem der spruch geschehn,
geht, um das süsze licht
ein weilchen länger noch zu sehn,
zum tode sachter nicht
Ramler fabellese (1783) 3, 131.
2)
als eigentliches gefühlswort, z. t. in enger berührung mit 1, aber durchweg mit höherem intensitätsgehalt gefüllt und stärker subjektiv gefärbt, zur kennzeichnung einer steigernden, erhöhenden, erregenden inneren wirkung. schon ahd. bezeugt, im mhd. namentlich für das erlebnis der minne ausgebildet (s. u.b β), auf breiter grundlage und stärker verinnerlicht seit der zweiten hälfte des 18. jh.
a)
im umkreis äuszerer erfahrungen und erlebnisse, deren rückwirkung auf gefühl und bewusztsein als beglückend, beseligend empfunden wird.
α)
vom tod, namentlich in der verbindung süszer tod, der als seelisch beglückend empfundene, weil einem höheren zweck dienende tod (anders s. 1 b β); vgl. schon:
ther tod was in (den märtyrern) in wunna   thuruh gotes
iz krist in deta suazi,   thaz in iz wola sazi minna;
Otfrid IV 5, 48;
dâ von sol ich disen tôt
hân für eine süeze nôt
Hartmann v. Aue arm. Heinrich 1166 Gierach;
der tôt ist mir ein süeziu gebe,
ob ich den für dich (der freund für den freund) lîden muoz
Konrad v. Würzburg Engelhardt 5910 Ger.;
o, es musz ein süszer, erhabener tod seyn, für seine geliebte zu sterben Klinger w. (1809) 8, 31;
und setzten blut und leben
für ihren herrn, für ihren könig ein,
ihr tod war süsz, und ihre ehre rein
Bismarck ged. u. erinn. 1, 58;
märtyrer starben den süszen tod unter den heiden O. Gmelin d. ruf zum reich (1936) 102. fest geprägt auch in der nachbildung des Horazischen dulce et decorum est pro patria mori, od. 3, 2, 13: ihm würde es nichts weniger süsze seyn, fürs vaterland zu sterben Lohenstein Arminius (1689) 1, 20ᵇ;
süsz und ehrenvoll ist es, sterben fürs vaterland
Klopstock oden 1, 149 M.-P.
β)
in der verbindung mit begriffen wie zeit, tag, stunde, augenblick. als ausdruck eines beglückenden lebensgefühls: jene zeit war zwar die süszeste, aber auch qualvollste meines lebens jahrb. d. Grillparzergesellsch. (1890) 3, 103; süsze glückliche stunden, die ich mit diesen kindern hinbringe S. v. Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 2, 29; in den süszesten augenblicken wie in den bittersten und gräszlichsten (sei der wundarzt willkommen) Göthe I 25, 59 W. speziell in erotischem zusammenhang:
seht diese süszen stunden (des hochzeitstages)
noch tausentmal wie ietzt
P. Fleming dtsche ged. 1, 75 lit. ver.;
erinnert er sich ... der süszen stunden, die ihm in den entzükungen einer ersten und unschuldigen liebe zu augenbliken geworden waren Wieland Agathon (1766) 2, 55. etwas objektiver gewendet, auf eintritt und zeitpunkt einer lebenserfüllung bezogen:
an dem süezen gotes tage,
dô ich den touf wolte
enphâhen, als ich solte
Rudolf v. Ems Barlaam 305, 36;
bis dasz sich denn zur zeit die süsze zeit erweist,
die eltervater euch, euch eltermutter heist
Logau sinnged. 12 lit. ver.;
ja, süsz war die stunde meines ersten erwachens ins leben maler Müller (1811) 1, 8.
γ)
allgemeiner. in prädikativer formel wie oben 1 a α:
uurthun im thia lera Cristes
so suotea them gisithie
Heliand 1148 S;
nichts ist suesser dann aufzesehen in des herrn gepot, daraus sælikait kummbt Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 208 Reithmeyer; mir ists unendlich süszer, dem unglücklichen geholfen ... zu haben Göthe I 45, 60 W.; wie ist es so süsz überwunden zu haben! welch eine himmlische empfindung ist es seinem herzen zu folgen! Göthe I 23, 98 W.; es ist süsz, verehrt zu werden Löhe evangelienpostille (1848) 1, 147; 'denn es kann uns ja nichts geschehen, als was er will. du hast es immer gesagt', sagte sie mit einem ernst, der ihm süsz war Ina Seidel Lennacker (1938) 193. süsze rache in fester anwendung: so war es doch unmöglich, ... in ihren kriegerischen gemüthern das gedächtnüsz so mannigfaltigen unrechts, als einen leicht fangenden zunder der so süszen rache zu vertilgen Lohenstein Arminius (1689) 1, 60ᵇ; ich werde wenigstens dabey empfinden, wie süsz die rache sey Lessing 2, 296 M. von innerlich befriedigender, beglückender tätigkeit: wie es ein süszes thun sey, sich umb die naturen der thiere zu bewerben J. Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) 367; o es sind goldne ... tage, voll von den freuden der liebe und süszer beschäftigung Hölderlin 2, 73 Litzmann; das gefühl der selbsthätigkeit, das ihm der schöpfer gegeben hat, regt ihn zu handlungen auf und belohnt ihn mit dem süszesten lohn einer selbstvollendeten handlung Herder 13, 393 S. von II D 4, der beziehung zu geliebten personen her beeinfluszt:
nach jenen unaussprechlich süszen sorgen
für wesen, die durch uns sich ihres daseyns freun
Fr. W. Gotter ged. (1787) 1, 178;
sie verloren einen sohn ..., aber schon freut sich ein zweiter, die doppelte süsze pflicht zu tragen Schiller br. 1, 14 Jonas;
süsz ist die mühe für geliebte herrn
Annette v. Droste-Hülshoff w. (1878) 2, 240.
b)
in der beziehung auf geistige und seelische vorgänge.
α)
allgemein in der sphäre des gefühls, mit dem gehalt des angenehm erregenden. im jüngeren gebrauch vielfach als ausweitung der im gefühlsbereich der liebe schon früh entwickelten anwendungen (s. u.β) anzusehen.
aa)
seit alters in pleonastischem gebrauch neben ausdrücken der freude:
zi suazeru gilusti (mehrte sich ihnen das brot im munde)
Otfrid III 6, 39;
mit suazeru giwurti (gab Maria dem engel antwort)
ders. I 5, 34, vgl. II 7, 57;
so was doch ir trübsal und trauricheit so grosze geworden, daz ich nicht wol gelauben mage, daz ye mer süsze frölicheit genczlich mochte nach volgen Arigo decam. 90 K.;
denn sie gedachten: nun wolln wir allzeit
leben in ehren und süszester freud
Reinicke fuchs (1650) 419;
nicht weniger süsz ... war die freude, sich zum ersten male gedruckt zu sehen Justi Winckelmann (1866) 1, 385;
so wird ihm diese welt zur last und gott zur süszten lust
Neukirch anfangsgründe z. teutsch. poesie (1724) 57;
hier genosz Sebaldus das süsze vergnügen, von seinem feinde verdienten dank einzuärnten Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 154; wer fühlte nicht alle schauer der süszesten wonne — des entzückens, der staunenden angst seine adern durchgleiten E. T. A. Hoffmann 4, 60 Griseb.
bb)
als kennzeichnendes beiwort neben neutralen gefühlsbegriffen, die dadurch an intensität und tiefe gewinnen; im zeitalter der empfindsamkeit aufkommend: mit lusttrunkenem blicke hieng ich eine weile auf diesen schönen kindern gottes (den blumen), und in diesem süszen gefühl stieg ich in meinen gedanken zu lebendigern thierschönheiten Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 70; das gibt das süsze, schwärmerische gefühl der kraft Hölderlin 2, 98 Litzmann; eine krankheit ..., welche uns zu süszen empfindungen stimmt Göthe I 23, 73 W.; bestimmter:
also befiel den jüngling ein süszer, festlicher schauer
Bodmer d. Noah (1752) 8;
unendlich und geheimnisvoll
durchströmt uns süszer schauer
Novalis schr. 1, 55 Minor;
das wort mit seinen süszen schauern Meschendörfer d. stadt im osten (1933) 11. auf innerlich triebhaftes bezogen: fühlten wir doch oft süszen drang ... zum schaffen maler Müller (1811) 2, 3;
im meinem herzen spielt ein süszer brand
(für Christus und die kirche zu streiten)
Tieck schr. (1828) 1, 232.
auf eine gefühlsstarke innere bewegung gehend:
dasz du, seele ...
so süsz, so himmlisch dann dich in mir hebst
Hölderlin 1, 48 Litzmann;
damals aber, als knabe, Konradin, standest du nur süsz und wogend umfangen (in noch kindlichem naturgefühl) O. Gmelin Konradin reitet (1933) 11.
cc)
in gegensätzlicher verbindung mit ausdrücken des leides und der trauer, im erlebnisbereich der liebe schon früh (s. u.β cc), in allgemeiner anwendung poetischer sprache seit dem zeitalter der empfindsamkeit, im sturm und drang und namentlich in der romantik, vorher nur vereinzelt:
es ist kein suͤszer leiden dann hoffen
Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, 140ᵃ.
gefühlstöne des innigen, sanften, weichen schwingen fühlbar mit: o! wie da mein herz in süszer wehmuth zerschmolz Ulr. Bräker s. schr. (1789) 1, 280; ein unnennbar süszes weh durchbebte sein inneres E. T. A. Hoffmann 10, 146 Griseb.;
dasz mein spiel in tausend herzen
laut entzücken, süsze schmerzen,
beydes hebt und wieder stillt
Wackenroder herzenserg. (1797) 249;
es überrieselt mich süsz und schmerzlich, und ich weisz nicht, ob es hoffen ist oder bangen (in erwartung des neuen jahres) Fontane ges. w. I 1, 363; das wünsche ich mir bey dem tragischen doch sonst nicht; ich verweile gern dabey; und danke dem dichter für eine so süsze qual Lessing 10, 119 M.; jedes gefühl von heiterkeit oder von süszer schwermuth Schubart ästhet. d. tonkunst (1806) 5;
leis umrauscht von himmelsquellen,
süsze sehnsucht in der brust
Lenau s. w. 17 Barthel;
dämmerte dann nicht süsz und fern das unendliche heimweh in dir auf, ungewusztes, süszes heimweh nach fernem? O. Gmelin Konradin reitet (1933) 11.
dd)
auf extreme gemütszustände bezogen, besonders solche, die der nüchternen einwirkung des verstandes und willens entzogen sind. vom erotischen gebrauch abgesehen (s. u.β dd) nicht vor dem späten 18. jh.: bis er aus dem süszen taumel des allgemeinen zujauchzens erwachte Lenz vertheid. d. herrn W. (1776) 46;
in süszer trunkenheit
entfaltest du die schweren flügel des gemüths
Novalis 1, 8 Minor;
welchen süszen wahnsinn ihr mir mit diesem herrlichen buche ... schicktet, konntet ihr freilich nicht wissen Tieck schr. (1828) 19, 425; ohne sich der süszen oder angstvollen schwärmerei zu überliefern Kant rel. i. d. gr. d. bloszen vernunft 77 v. Kirchmann;
dasz das geweihte blut der lichtgehaarten
noch pulst in süsz unsinnigem verschwenden
Stefan George d. neue reich 20.
schwächer: beides (Mozarts komposition und spiel) zusammen bewirkte einen totaleindruck auf unsere seelen, welcher einer süszen bezauberung glich O. Jahn Mozart 4, 288. in gegensätzlicher gefühlsmischung: mit süszem schauder die notwendigkeit des vernünftigen verklärend über dem schmerze der leichen schweben sehn O. Ludwig 5, 361 Schm.-St.; er blieb ... in demselben süszen grauen, das ihn erfüllte, wenn die flöte schwieg E. Wiechert d. kleine passion (1929) 88.
β)
in der kennzeichnung der liebe als einer auf gefühl und empfindung erregend wirkenden macht; mit dem auf das sinnliche zielenden gebrauch I D 3 verwandt, aber mehr vom seelischen aus empfunden, wobei im einzelfall das körperliche mit gemeint sein kann. schon in der mhd. minnesprache voll ausgebildet und in vielen festen wendungen bis in die neuere zeit durchstehend; vielfach in ganz oder halb prägnanter anwendung.
aa)
in fester zuordnung zu ausdrücken der liebe und des liebesglücks, gegenüber I D 3 a auf das erotische gesamterlebnis bezogen. süsze minne (= dulcis amor):
doch wæn ich, swesterlin, daz dir
won diu suͤzze minne bi
Johann v. Würzburg Wilhelm von Österreich 1555 R.;
ja! wunder sinds der süszen minne,
die minne hat der wunder viel
Uhland ged. (1898) 1, 14.
in der gleichen verbindung ist minne oft personifiziert, dann ist süsz mehr von II C 'freundlich, gütig' oder II D 'lieb' her empfunden:
süeze Minne, sît nâch dîner süezen lêre
mich ein wîp alsô betwungen hât
Walther v. d. Vogelweide 109, 25.
süsze liebe:
dergleich die jungkfraw gantz und gar
inn süszer lieb erflammet war
Hans Sachs 2, 253 K.;
süsze liebe für ihn hatte ihr herz empfunden maler Müller (1811) 1, 261. die in älterem gebrauch auch auf religiösem boden heimischen verbindungen (s. u. II C 1 b) sind in der sprache der mystik auf die liebe des menschen zu gott von der minne her übertragen: nu sonst wir mit drier hand minne zuͦ unserm herren gebunden sin. dú erst ist starkú minne: dú gelichet sich aim sidin saile; dú ander ist suͤssú minne: dú gelichet sich aim gebluͤmten saile St. Georgener pred. 32, 3; vgl. Tauler 248, 9 V. seltener:
sol sich der mensch, die kleine welt,
jetzt nicht auff süsze heyraht lenken?
Königsberger dichterkr. 19 ndr.;
je süszer eh, je gröszer qual (beim tode)
J. v. Besser schr. (1732) 1, 289.
in andern verbindungen mehr oder minder prägnant:
der süezen fröuden anger,
da minnen bluomen unde klê
gelesen ûfe wâren ê,
den liez er unde entslief alsus
Konrad v. Würzburg Partonopier 2170;
du, der liebenden vertraute,
die mich oft an Laurens hand
voll des süszten glückes fand
Göttinger musenalmanach (1777) 105;
die süszeste gewalt,
die sinn, gemüth und herz in ihre bande bringet
Hoffmannswaldau auserles. ged. (1697) 2, 24;
jünglinge, männer, frauen, ..., die ihr die süszen bande erkennet, womit uns die natur umschlingt E. T. A. Hoffmann 10, 44 Griseb.;
lasz uns vereinet
sterben. liebevereint leben und sterben wir süsz
Herder 26, 32 S.
bb)
besonders neben bezeichnungen des gefühls, seit der mitte des 18. jh. in fühlbarer zunahme, entsprechend dem allgemeineren gebrauch α bb:
ir wunne gât
sô suoze mir ze herzen ...
Hadlaub 50 Ettmüller;
was ists, das schmerzlich sanft dich lächeln hiesz,
was rührt dein herz so minniglich, so süsz?
Annette v. Droste-Hülshoff (1878) 2, 198.
vor allem im sinne des angenehm erregenden auf die triebhaft bestimmten gefühle bezogen: zuͦ erweckung der senften süszen hitze und der groszen craft des gemütes, die wir nennent die liebe Niclas v. Wyle translationen 24 Keller;
ich weisz fürs kaysers seel und seine süsze flammen
was liebenswürdigers (eine schönere geliebte als die frühere)
Lohenstein Ibrahim Sultan (1679) 17;
du (die geliebte) bist das süsze feuer,
das mir am herzen zehrt
Geibel (1888) 1, 25;
kann der liebe süsz verlangen,
Emma, kanns vergänglich seyn?
Schiller 11, 207 G.;
seine süszen wünsche (nach liebe) in seinen busen ... verschlieszen Göthe I 21, 197 W.; ein jüngling, der die süszen triebe, das schönste erbtheil, das uns die natur gab, in sich verschlieszen (musz) Göthe I 21, 106 W.; dasz es gelehrte dichter waren, die hier (in den carmina burana) ihre süszen triebe verewigten L. Steub wander. im bayr. gebirge (1862) 191; so feierte sie erst jetzt ihre rechte verlobung aus tief entschlossener seele, indem sie in süszer leidenschaft ein schicksal auf sich nahm und treue hielt G. Keller (1889) 5, 57.
cc)
sehr gefestigt in der auf einer gegensätzlichen gefühlsmischung beruhenden verbindung mit pein, schmerz, qual u. ä., vgl. oben α dd; namentlich innerhalb der höfischen minneauffassung, in der süeze arbeit geradezu 'minnedienst' bedeutet:
si (liebe und schönheit) hœhent mannes werdekeit:
swer ouch die süezen arebeit
dur si ze rehte kan getragen,
der mac von herzeliebe sagen
Walther 92, 30, vgl. Reinmar in: minnesangs frühl. 159, 24.
so auch in anderen verbindungen bis in junge sprache hinein:
dû hâst daz sûze ungemach,
daz was mir ouch hie vore kunt
Heinrich v. Veldeke Eneide 280, 5 Ettm.;
der süeze herzesmerze,
der vil manc edele herze
quelt mit süezem smerzen,
der liget in mînem herzen
Gottfried Tristan 1071;
ich, sprach sie (die schönheit), hab allein den schlüssel aller herzen,
und niemand wirkt, als ich, der menschen süsze schmerzen
Joh. El. Schlegel in: Eschenburg beispielsamml. (1788) 1, 290;
(Jesu liebe) hat mir mein hertz verwundet sehr,
o wee der süszen peine
Spee trutznachtig. (1649) 5;
Sappho ... besang die liebe in allen ihren freuden und süszen quaalen Herder 27, 183 S.;
schon einmal früher bin ich
durch Wafurlogas glut gesprengt — und fand
ein süszes leid
Fouqué held d. nordens (1810) 1, 149;
süszes unglück: warum sprach sie so kurz zu ihm? O. Gmelin Konradin reitet (1933) 32. gleichen sinnes in der zusammenfügung mit sauer, bitter, herbe (s. auch süszsauer: süszbitter; süszherb; sauersüsz; bittersüsz):
unz daz der Waleis übersach
sîn süeze sûrez ungemach (sein bittersüszes liebesleid)
Wolfram Parz. 295, 4;
von Amors lustbarkeiten,
von den bittern süszen sachen
Gabr. Voigtländer oden u. lieder (1642) 33;
doch ach, wie hab ich büszen nun gemuszt
so herbe, bitter, süsz für diesen frechen
hohn und verachtung, ja an dieser brust
will sich die liebe zu gewaltig rächen.
Tieck schr. (1828) 1, 306.
dd)
bei solchen gemütszuständen, in denen die liebe als eine vernunft und gefühl verwirrende oder betörende macht erscheint, s. oben α dd:
dû wart mich dat herte binnen
van sô sûter dumpheit wunt,
dat mich wîsheit wart unkunt
Heinrich v. Veldeke in: minnesangs frühl. 56, 24;
o süszer wahnwiz (der liebe)!
Stieler geharnschte Venus 69 ndr.;
do lockst ihn, der kaum ruhig war,
zum schaukelkahn der süszen thorheit wieder
Göthe I 1, 63 W.;
nun bin ich vogelfrei, der süszen angst entkommen,
ich lebe nun nicht mehr in schnöder liebeshaft
Zesen verm. Helikon (1656) 1, 102;
wie hält sie meinen sinn gefangen!
ich nahe mich mit süszem bangen
Uhland ged. (1898) 1, 21.
γ)
im bereich der vorstellung, von der angenehmen wirkung eines bewusztseinsinhaltes.
aa)
speziell von vorstellungen erotischer art, häufig prägnant:
wan von der quâle, die ich dol,
bin ich süezer gedanke vol
nâch im in dem herzen
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 774 Weinhold;
auf dise stund im eyn süsz gedanck erwachet, der im ze wissen thet, wie das die schönest junckfrawe wäre, die lebendiger mensche nie gesehen hete Arigo decamerone 312 Keller;
Fabricius: ich weisz, dasz Flavie nicht ohn mich leben kan.
Flavia: ich weisz, dasz dir der kopff voll süszer träume stecke
A. Gryphius lustsp. 247 Palm;
am brunnen vor dem thore
da steht ein lindenbaum;
ich träumt in seinem schatten
so manchen süszen traum
Wilh. Müller ged. (1868) 1, 48;
fahret hin süsze goldene bilder der liebe Schiller 3, 468 G.
bb)
schon früh süszer traum 'angenehmer, erfreulicher traum', auf den inhalt gehend:
und liez im süeze tröume
in dem slâfe werden kunt (heilung von seiner krankheit)
Konrad v. Würzburg Engelhart 5440;
wie alle fesseln brachen,
sah ich im süszen traum
Schneckenberger dtsche lieder (1870) 41;
besonders erotisch:
darmit Paris auch aufferwacht,
dem süszen traumb (von Helena) lang nach gedacht
Hans Sachs 2, 150 K.;
wie ... des nachts mein bild ihr stets in süszen träumen vorgeschwebt Ulr. Bräker s. schr. (1789) 2, 140. daneben auch zur formel entleert, wohl in anlehnung an süszer schlaf (s. I D 2 a):
wann erst die mitternacht um den tyrannen liegt
und seinen müden geist in süsze träume wiegt
Göthe IV 1, 25 W.
cc)
zur kennzeichnung von vorstellungen anderer art, seit dem 16. und 17. jh., häufig in stehenden verbindungen. süszer traum in übertragenem sinne:
du hast den dichter fein und zart geschildert,
der in den reichen süszer träume schwebt
Göthe I 10, 112 W.;
Bauer ist jetzt der eigentliche curator der universität, fühlt sich, gibt gesellschaften und hat süsze träume vom commandeurkreuz W. Grimm an Dahlmann in: briefw. (1885) 1, 152. süsze hoffnung, in früher bezeugung von der sinnlichen bedeutung I A her empfunden: (die gottlosen) ir hungerige seel mit der suͤszen hoffnung in gott nit spysend Zwingli dtsche schr. 1, 59; o du süsze, o du angenehme hoffnung J. Rist d. friedejauchzende Teutschland (1653) 46; nachdem ich mir nun mit der süszen hoffnung geschmeichelt, sowohl für den divan als für die beigefügten erklärungen ... noch manches wirken zu können Göthe I 7, 154 W.; ähnlich:
jetzt oder nie! ein sonnenstrahl der hoffnung
glänzt in mir auf, und eine süsze ahndung
fliegt durch mein herz
Schiller 5, 2, 198 G.;
denn ob ichs wol gleube, so fallen doch imer mit zu die süssen gedancken, die mich kutzeln im hertzen Luther (Jena 1561) 6, 68ᵇ; der gedanke war süsz und lockend W. Flex ges. w. (1927) 1, 421; seltener: wann ein poet ein gedichte durch die stirne schwitzet, so ist die beste vergeltung seiner arbeit die süsze vorstellung, dasz man es bewundern werde v. Loen ges. kl. schr. (1749) 1, 37. oft mit dem negativen beisinn 'vergeblich, irrig' in den gleichen verbindungen oder neben ausdrücken der täuschung und des selbstbetrugs: der süsze traum, ein nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder verschwunden Lessing 10, 218 M.; ich miszfiel der fürstin nicht und wiegte mich bereits in süszen hoffnungen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 233; in der süszen einbildung: es würde dieses landvolck ... sich so geschwinde wieder verlauffen, als es sich zusammen gerottet hätte Lohenstein Arminius (1689) 2, 65ᵃ; dasz wir des süszen irrthums nicht eher gewahr werden, bis wir von dieser zerstreuung ... erledigt ... werden Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 65;
doch unterlasz ich nie, es ihm zu heucheln,
weil ihn die süsze täuschung glücklich macht
Schiller 5, 40 G.;
wer will zu früh so süszem trug entsagen?
Mörike (1905) 1, 140.
dd)
neben begriffen des gedenkens und sich erinnerns: so belustiget mich doch das süsze angedencken meiner blüenden jugend Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, b 2ᵃ;
alles, was ich erfuhr, ich würzt es mit süszer erinnrung
Göthe I 1, 331 W.;
das süsze gedächtnis längst ... verschiedener tage E. M. Arndt 1, 99 R.-M. mit süsz I B gekreuzt: die lebkuchen rochen süsz und strömten dichte wolken süszerer erinnerungen aus Herm. Hesse Demian (1922) 122.
c)
zur kennzeichnung einer wohltuenden seelischen wirkung im sinne des lösenden, erquickenden, beruhigenden; gelegentlich spielt auch ein geborgenheitsgefühl mit; in einer dem sinnlichen gebrauch I D vergleichbaren seelischen anwendung, vor dem 17. jh. nicht bezeugt.
α)
neben ruhe, stille, friede u. ä. (s. o. I D 2 a, c), sowohl von äuszeren zuständen wie von einer inneren gemütslage:
die welsche ort und staͤt zusamen
Latinus der alt fuͤrst mit namen
regiert in ruh und friden suͤsz
Spreng Äneis (1610) 132ᵃ;
nun gute nacht! so süsze ruh und frieden,
als mir im busen wohnt, sey dir beschieden
Shakespeare (1797) 1, 57;
lebt hin in süszer ruh,
bis kindes-kindeskind drück euer augen zu
Logau sinnged. 11 lit. ver.;
süszer friede,
komm, ach komm in meine brust
Göthe I 1, 98 W.;
wo wird die süsze stille sein,
da ich mich könte schlieszen ein
G. Arnold göttl. liebesfuncken (1701) 1, 190.
β)
in anderen verbindungen. süszer trost:
so ist mir dein liebreiches wort,
ein süszer trost und starker hort
G. Neumark poet. u. mus. lustwäldchen (1652) 10;
sinnlich-bildhaft gefühlt:
hab ich dich nicht im leide
mit quellen süszes trosts getränkt?
Gottsched ged. (1751) 1, 332;
was feuers wuth ihm auch geraubt,
ein süszer trost ist ihm geblieben:
er zählt die häupter seiner lieben,
und sieh! ihm fehlt kein theures haupt
Schiller 11, 312 G.
weiterhin: die süsze erleichterung des gemütes durch mitteilung kannte er nicht, verachtete dergleichen als weibisch Polenz Büttnerbauer (1895) 152; da wird ... dein geist und dein herz ewig in süszem vergessen schlummern Ulr. Bräker s. schr. (1789) 1, 215; ganz wunschlos in einer tiefgestillten seligkeit sieht und fühlt er dies, in einem süszen vergessen R. Hohlbaum Stein (1934) 140.
γ)
süsze tränen, im gegensatz zu bitteren tränen von solchem weinen, das eine erleichternde, schmerzliche spannung lösende wirkung hat (anders s. u. C 4 b):
eröffnet euch, ihr trübe brunnen,
ihr hölen süszer thränen voll
(die büszerin Magdalena zu Jesu füszen)
Königsberger dichterkr. 182 ndr.
namentlich im zeitalter der empfindsamkeit: derjenige, der durch die blosze lesung, zum exempel eines trauerspiels, bis zu süszen thränen gebracht wird, musz schon selbst ein mensch von empfindungen seyn Lessing 4, 53 M.;
sehnsuchtsthränen rinnen dir oft, die süszen
sehnsuchtsthränen später erinnrung
Hölty ged. 57 Halm;
und thränen flieszen gar so süsz,
erleichtern mir das herz
Göthe I 1, 86 W.
d)
auf der grenze zur ästhetischen anwendung (II C) liegt ein vorwiegend jüngerer gebrauch, der die angenehme gefühlserregung an visuelle eindrücke aus dem naturbereich bindet, ohne doch als eigentlich sinnliche anwendung gelten zu können.
α)
früh und dann erst wieder spät bezeugt in der verbindung süsze augenweide, die im jüngeren gebrauch von der bildlichen wendung süsze weide (s. I A 2 d β ende) mit beeinfluszt sein kann:
schier er gein eime gebirge steic,
daz in in ein lant truoc,
daz was wünneclîch genuoc
von süezer ougenweide
Heinrich v. d. Türlin krone 14337;
vgl. Konrad v. Würzburg troj. krieg 15717; und die Tyroler gebirge machen in blauer ferne süsze augenweide Heinse 4, 32 Schüdd.;
noch tröstet mich mit süszer augenwaide
dcr blaue himmel und die grüne flur
Hölderlin s. w. 1, 161 v. Hellingrath;
und dieser schmerz, den mein gefolge zeigt,
ich weisz, ist eurem auge süsze weide
Schiller 13, 479 G.
β)
in empfindsamer oder romantisierender naturbeschreibung mit starkem gefühlsgehalt, von eindruckswirkungen der farbe, des lichtes, der tageszeiten; vergleichbar schon: es ist das liecht süsse, und den augen lieblich die sonne zu sehen prediger Salomo 11, 7; sonst jung: süszer röthlicher dunst bekleidete glänzend den östlichen himmel Heinse 4, 55 Schüdd.;
wer malt mir dies süsze,
schimmernde blau, und wer rundum das warme gebirg?
Mörike (1905) 1, 209;
aber das mädchen begann und sagte: wie find ich des mondes
herrlichen schein so süsz! er ist der klarheit des tags gleich
Göthe I 50, 254 W.;
auf einmal war ein unsagbar mildes und süszes licht überall Ina Seidel Lennacker (1938) 593; in bildlichem zusammenhang, von II D 2 'lieb, geliebt' her gefärbt:
o vergisz es, vergieb (die störung der 'goldenen götterruhe')! gleich dem gewölke dort
vor dem friedlichen mond, geh ich dahin, und du
ruhst und glänzest in deiner
schöne wieder, du süszes licht (Diotima)!
Hölderlin s. w. 2, 34 v. Hellingrath.
die süsze helle des sommerabends blieb noch eine weile in der luft hängen W. Raabe Horacker (1876) 155; montag d. 20. (mai). süszer morgen. arbeiter in meinem garten Göthe IV 3, 68 W.; ich stieg ... in den garten hinunter, ganz erfüllt von dem gefühl der süszen unberührten frühe Storm (1899) 1, 50. in vergleich und bild süszer himmel:
da strömten freuden, stark, wie meereswogen,
süsz, wie der himmel, schön, wie regenbogen
Denis lieder Sineds (1772) 84;
die feinen züge und die groszen augen sahen darunter (unter den haaren), wie ein süszer himmel, heraus A. Stifter (1904) 3, 152. auf der häufigen verbindung süsze dämmerung u. ä. liegt zugleich der ton des traulichen, geborgenen: eine süsze dämmerung hatte schon die ganze schlummernde natur eingeschleyert Wieland Agathon (1766) 1, 189;
willkommen süszer dämmerschein!
der du dies heiligthum durchwebst
Göthe I 14, 133 W. (Faust 2687).
ähnlich:
nur verlorne worte schallen
durch die süsze einsamkeit
Tieck schr. (1828) 1, 165.
B.
im sinne von 'zierlich, anmutig, lieblich, reizend' u. ä. zur kennzeichnung einer ästhetischen wirkung; auf der grundlage angenehmer empfindung wie unter A, aber vom fühlenden und erlebenden subjekt weitgehend losgelöst. vom ahd. bis zur mitte des 18. jh. nur in ansätzen sichtbar, seither kräftiger entfaltet.
1)
auf dem gebiet der kunst, namentlich der wort- und dichtkunst (ein mehr vom sinnlichen aus empfundener gebrauch o. I C 2 a). zur charakterisierung zierlicher, gefälliger sprachform:
sie (die griechischen und römischen dichter) duent iz (das dichten) filu suazi
Otfrid I 1, 21;
ihre süsze und gefällige sprache des witzes ... erwirbt ihnen alsbald gehör und beyfall allg. dtsche bibl. (1765) 1, 1, 288. neben ausdrücken der beredsamkeit, vgl. suaviloquantia susz wort (Augsburg 1510) Diefenbach gl. 558ᶜ;
nun aber fuhr der weise Pylier,
der süsz und laut beredte Nestor auf
Bürger 145ᵃ Bohtz.
allgemeiner: so den von üch lesenden in gemelter schuͦl, ouch umbteilern göttlichs worts an der cantzel, vilvaltig artickel suͤsser kunst ... ussgeflossen Riederer spiegel d. war. rhetor. (1493) a 2ᵃ;
aus süszer poesie quillt ewge wonne
Athenäum (1798) 3, 166 Schlegel.
in hinsicht auf den künstlerischen gehalt soviel wie 'anmutig, lieblich':
der künsterîche Ouwære
mit mangem süezen mære
Rudolf v. Ems Alex. 3128;
zwey oder mehrere recht süsze, sangbare und ungedruckte texte von meinem Gleim Bürger an Gleim in: briefw. 1, nr. 199 Strodtmann. darum in verbindungen wie: alle die sanften gefühle zu vergessen, die uns Geszners süsze idyllen ... einflöszen Klinger (1809) 1, 160; ist das nicht ein ganz ehrliches, einfältiges, süszes schäfergedicht? Erich Schmidt Lenziana in: sitzungsber. d. preusz. akad. d. wiss. (1901) 999. der hier mitschwingende ton 'sanft, mild, zärtlich' (s. auch u. C 4 b) tritt gelegentlich deutlicher hervor: die stille, süsze schönheit des Johannes Bellin oder des Perugino stehen in meiner ansicht eigentlich höher Fr. Schlegel s. w. (1846) 6, 15; Petrarch schlieszt sich noch unmittelbar an die letzten troubadoure, deren süsze weichheit er in einfachem masz auszuhalten wuste Jac. Grimm kl. schr. (1864) 1, 75. mit leiser einschränkung, die dem negativen gebrauch (s. u.E 1) nahesteht: die tändelnden, süszen anakreontischen liederchen Gerstenberg recensionen 387 lit.-dkm.
2)
von körperlicher schönheit, seit dem mhd. bezeugt.
a)
auf personen bezogen. sehr verbreitet und weithin formelhaft, aber vielfach den gebrauch von süsz als kosewort (s. II D 2-4) mit umfassend oder doch davon nicht unterscheidbar, besonders in der anrede; in erotischem zusammenhang spielt auch II A 2 b β 'erregend' mit. in der höfischen sprache des mhd. noch mit dem vollgehalt der bedeutung 'schön':
sô bringt diz kleine vingerlîn
der clâren süezen frouwen mîn
Wolfram Parz. 607, 16;
diu süeze maget, diu schœne Isôt
Gottfried Tristan 9273,
vgl. Konrad v. Würzburg herzmœre 60. darum auch gern von männlicher jugendfrische und schönheit:
si liuhten beide ein ander an,
daz edel gesteine wider den jungen süezen man (Philipp)
Walther 18, 36;
owê junc süezer man
Wolfram Parz. 47, 6;
der süeze jungelinc
Partonopier
Konrad v. Würzburg Part. 6190,
und sehr oft. der nhd., vor dem späten 18. jh. nur spärlich bezeugte gebrauch hat durchweg leichteres gewicht und bleibt, im sinne von 'reizend, lieblich, anmutig', fast ganz auf weibliche personen beschränkt:
desz alten meergotts tochter süsz
Spreng Ilias (1610) 12ᵃ;
die süsze reizende Lydia Göthe I 23, 237 W. häufig substantiviert:
da ruhte, wohlgeschmücket,
eine jungfrau wunderhold.
die süsze war umfangen
mit frischen rosen dicht
Uhland ged. (1898) 1, 323;
ich fürchte fürwahr dein erzürnt gesicht,
du süszer, schöner und trauter
Göthe I 1, 197 W.
in spezieller anwendung von der zierlichkeit und anmut des kindes:
si kuste dicker denne zwir
des süezen kindelînes munt
Konrad v. Fuszesbrunnen kindh. Jesu 1901;
nun sind sie endlich ruhig. ach die süszen!
sieh, dieser lächelt, jener streckt das ärmchen
Tieck schr. (1828) 1, 82;
es war einmal eine kleine süsze dirne (Rotkäppchen) kinder- u. hausmärchen 1, 120 Panzer. wohl von hier aus zu verstehen im sinne von 'zart': der iung milch glaub ist noch suesz und gering Luther 10, 3, 422 W. früh zur formel erstarrt:
ja vörht ich daz die süezen wîp
dar umbe hazzen mînen lîp
Ulrich v. Eschenbach Alex. 4431 Toischer.
als jüngeres umgangssprachliches modewort sehr verbreitet, vor allem in der sprache der frauen, vgl. schon Meta Moller (1751) über Klopstock: ich stellte mir doch auch nicht vor, dasz der verfasser des Messias so süsz aussähe, und so bis zur vollkommenheit schön wäre br. von u. an Klopstock 80 Lappenb.; eine puppe, die nach dem urteile weiblicher kennerschaft 'einfach süsz' war H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 84; vgl. ein süszes mädel u. ä. besonders in der backfischsprache. s. auch unter 4, sp. 1314.
b)
in der gleichen bedeutung wiea neben leib, gestalt und neben einzelheiten der körperlichen erscheinung; groszenteils durch den gebrauch I D 3 und II A 2 b β im sinne des erotisch erregenden mitbestimmt:
got selbe worhte ir süezen lîp
Wolfram Parz. 130, 23;
du gönnst dem jüngling deinen süszen leib
Tieck (1828) 1, 66;
in diesen holden augen, dieser süszen
gestalt, in diesen sanften zügen kann
das harte herz, wovon du sprichst, nicht wohnen
Schiller 13, 359 G.;
unverwelklich ruht innen (im sarg) die süsze gestalt (Schneewittchen)
Mörike w. 1, 104 Maync.
am geläufigsten, zur formel verblaszt süszer mund, süsze lippen (s. o. I D 3 b):
frou Uote und ir tohter: si kusten dicke ir (Brünhilds) süezen munt
Nibelungenlied 546, 4 L.;
doch um den süszen, sanftgeschwellten mund
zieht sich ein weiches dämmerndes verlangen
Annette v. Droste-Hülshoff w. (1878) 2, 213;
(das kind in der krippe) spricht mit süszen lippen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 330ᵃ;
'mein Emil'! hauchte sie aus den süszen lippen hervor W. Hauff s. w. (1890) 3, 115. ferner:
süeze minneclîch gehiwer
was al der meide antlütze gar
Wolfram Parz. 809, 6;
lasse mich ... deines süszen angesicht meiner augen erfüllen Arigo decamer. 567 lit. ver.;
in der sonne lächelt ein süszes gesicht.
er küszt das bild: wie warst du schön
Agnes Miegel balladen u. lieder (1922) 32;
das süsze wangenroth
Königsberger dichterkr. 18 ndr.;
wenn ich in dein blaues, süszes aug dringe, und drin mich mit forschen verliere Göthe I 11, 157 W.;
träuft die rosenwange silbernässe!
hangen aufgelöst die süszen haare
Mörike (1905) 1, 107.
in junger sprache in freieren und zarteren verbindungen: so sah seine mutter gar nicht wie die mutter eines erwachsenen sohnes aus, so jung und süsz war der hauch über ihrem gesicht und haar Herm. Hesse Demian (1930) 195; wir ... griffen mit händen das leben der form: ... die wölbung und süsze flucht dieser schläfe Binding erlebtes leben (1928) 186. in ähnlicher färbung auch in der Christusmystik (s. auch II C 1 c ende):
(die nägel) die durch sin hende süeze
und durch die reinen füeze (gingen)
v. d. jungesten tage 63 Will.;
sein süszer mund macht all ihr leid
mit seinem grüszen süsze
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 342ᵃ;
das heilge grab des auferstandnen sehn,
die stapfen küssen seiner süszen füsze
Tieck schr. (1828) 1, 44.
c)
bei verbindungen, die im sinne von 'lieblich, anmutig' mehr auf lebendigen, bewegten ausdruck in gebärde und haltung gehen, steht schon die bedeutung 'freundlich' (s. u. II C 2 b) nahe:
seht, dô began daz kindelîn
die zwêne mortgîtigen man
sô rehte suoze lachen an
Konr. v. Würzburg troj. krieg 480;
ir (Marias) lachen ist gar süeze und ganz
von dem jungesten tage 80 Will.;
dasz sie (seine mutter) ... immer mit süszem lächeln nach dem lichtblauen frühlingshimmel hinauf gedeutet habe Fouqué zauberring (1812) 1, 34;
wenn nun ihr süszer blick
auf euern sanften spielen ruht
Sal. Geszner w. (1778) 2, 11.
von hier aus erweitert: sie hat so viel geschmack, dasz alles, was sie thut oder spricht, für mich eine ganz unbeschreiblich süsze anmuth erhält Rabener s. schr. (1777) 6, 211; eine süsze freundlichkeit verbreitete sich über ihr gesicht Göthe I 24, 30 W.; da gewinnt ihr blick einen süszen ernst und schlägt mir entgegen O. Gmelin sommer mit Cordelia (1933) 148; ich suchte wie sie nach dem süszen ausdruck des menschlichen, das ihr so reizend erschien Binding erlebtes leben (1928) 110.
3)
vergleichbar in der poetischen anwendung auf blumen und blüten:
brecht süsze blüth und blumen ab
maler Müller (1811) 3, 124;
ihr verblühet, süsze rosen
Göthe I 11, 308 W.
4)
nur gelegentlich auf sachlich-gegenständliches bezogen; im mhd. als eine art kennwort für das der höfischen sphäre (s. auch unten sp. 1318) zugehörige:
mit zwein siulen süezen
was ieglîch venster gezieret
Heinrich v. d. Türlin krone 15776;
daz süeze kleit Ulrich v. d. Türlin Willehalm 279, 7. später in gezierter redeweise: dasz ein feiner lack, ein silberner knopf und ein süszes band sehr vieles zur zierde (eines spazierstocks) beytragen kann B. Mayr päckchen satiren (1769) 64;
alles (an dem waschtisch) ist so süsz und lieb,
alles ist so fein und frisch
Brentano (1852) 5, 96.
in der backfischsprache süsze kleider, süsze schuhe, hüte, süsze möbel u. s. w. in vielfältigster anwendung wie oben 2 a ende.
C.
süsz im sinne von 'gnädig, gütig', von 'sanft, willig, freundlich', im bereich der göttlich-menschlichen und der innermenschlichen beziehungen, vor allem als religiöser und ethischer begriff. das wort wird von einer als angenehm erlebten handlung oder wirkung auf die ihr ursächlich zugrundeliegende gesinnung übertragen und nimmt vielfach aktivischen sinn an. seit dem ahd. und bis ins 17. jh. hinein stark entwickelt, später nur noch in teilbereichen und schwächer bezeugt.
1)
speziell auf die gnade gottes, ihre äuszerungen und wirkungen bezogen.
a)
als beiwort zu gott, Christus, Maria (über die einzelheiten dieses ahd. und mhd. sehr entwickelten gebrauchs s. bei Armknrcht gesch. d. wortes 'süsz' 27 f.; 96 ff.; 130 ff.; 141 ff.). zufrühest bei Notker, noch prädikativ, im anschlusz an psalmstellen, namentlich ps. 33, 9, und durchweg mit bildhafter anspielung auf die geschmacksbedeutung süsz I A (s. auch oben I A 2 a), wie sie im religiösen gebrauch des mittelalters und später des barock weit verbreitet ist (vgl. Armknecht a. a. o. 45 f.; 48; Brzóska anthropomorphe auffass. d. gebäudes u. s. teile [1931] 40 ff.): chorot unde sehet iu daz unser trohtin suoze ist. chorot sinero suozi in sinemo lichinamen unde in sinem pluote. nieht wio suoze er si demo munde sunter dero sela (vulgata: suavis; Luther ps. 34, 9: freundlich; im magnificat von 1521 noch: susz 7, 550, 12 W.) Notker 3, 99, 17 P., vgl. 2, 416, 5 u. 593, 20; alse bine die wabun umbehabeton sie mih. wanda mit dero passione getaten sie mih (Christus) suozzeren Notker 2, 494, 25 P.; im barock lebt dieser sinnliche gehalt wieder kräftig auf:
dasz ich dich schmekke Jesu Christ,
wie süsz und lieblich du mir bist,
dasz ich je mehr und mehr dich esse,
du honigsüsze wurtzel Jesse
A. Silesius heil. seelenlust 124 ndr.
deutlich in der abstrakten bedeutung 'gütig, gnädig, freundlich' ohne bildlichen gehalt: quoniam tu domine suavis ac mitis wanda du truhten beidiu bist ioh suozze ad tollendam amaritudinem ioh mammende ad sustinendos peccatores. suozze demo, der an dih petot ex corde, mammende demo, der beton beginnet (Luther ps. 86, 5: gut und gnedig) Notker 2, 354, 19 P., vgl. 2, 77, 25;
der herr ist gut, richtig und suͤsz,
allen die an im hangen
Burkhard Waldis psalter (1553) 40ᵃ.
erst im mhd. als attribut neben personen: süezer got, süezer Krist u. ähnl. im sinne von 'gnädig, barmherzig', soweit nicht blosz formelhaft wie unser lieber gott (s. u. II D 1):
manegen er (der teufel) mit trugeheit stillet
unz er in bewillet:
den hilfet doch got der suͦzze,
suͦchent siz mit der buͦzze
genesis 17, 32 Diemer;
sô vil güete als an dir ist,
vil süezer got, sô bite ich dich
Gottfried Tristan 2491;
es ist doch ja ein feiner gnediger suszer gott Luther 23, 521 W.;
o wär ich da! o stünd ich schon,
ach süszer gott, für deinem thron
und trüge meine palmen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 399ᵃ;
dô sande in der süeze Krist,
der bezzer danne genædic ist,
den vil rehten wunschwint
Hartmann v. Aue Gregorius 785;
erbarm dich, du süeszer Jesu Christ
N. Manuel 57 Bächtold;
du bist der süsze menschenfreund
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 327ᵃ;
archaisierend:
denn als die heilge hostia
vom priester wird erhoben,
o schreck, so ist kein glöcklein da,
den süszen gott zu loben
G. Keller (1889) 10, 138.
seltener von Maria:
milde, genêdige
suoze Marîe
Arnsteiner Marienleich bei Müllenhoff-Scherer dkm. 1, 313.
mhd. gewinnt süezer got manchmal den typisch 'höfischen' klang, den süsz auch an anderen stellen hat (z. b. u. 2 d; vgl. oben II B 2 a; 4):
der hôhe süeze werde got
Ulrich v. Eschenbach Wilhelm v. Wenden 3020;
so het mir doch vil wol getan
got der raine suͤze Crist
Rudolf v. Ems Willehalm 1697.
b)
neben ausdrücken der göttlichen gnade und liebe:
quati er, man si (die ehebrecherin) liazi,   wanta ist ginada suazi,
thes urdeiles inbunti (so würde man ihm vorwürfe machen)
Otfrid III 17, 27;
wan er mit seiner süessen güet
cunt wenden aller menschen schmertzen
altdtsche passionssp. aus Tirol 475 Wackernell;
mit dem tode dem grimmen
woltest du mich dir gewinnen
durch dine suozze minnen
Milstätter sündenklage 308 Rödiger;
ich erfreue mich mit ihnen, wann Jesus Christus ... ihnen in seiner süszen liebe erscheinet graf Zinzendorf christl. bedencken (1735) 4. mit anspielung auf den geschmacksbegriff: wie ihm gott wollte das wesen seiner süszen liebe zu einer speise geben Jac. Böhme s. w. 6, 540 Schiebler; dieser kelch ist randvoll von süszer gnade W. Flex ges. w. (1927) 1, 263.
c)
geradezu im sinne von 'heilbringend, erlösend', doch ist auch mit einflusz von II A 1 c 'lieb, teuer' zu rechnen. mhd. süeze lêre prägnant für das evangelium; noch im metaphorischen zusammenhang:
unte diu suoze gotes lêre,
diu ist dritte labe der sêle
vaterunser 146 in: dtsche ged. d. 11. u. 12. jh. 48 Waag;
vgl. pfaffe Konrad Rolandslied 5795 Wesle, Konr. v. Würzburg Silvester 1731 Ger. ähnlich: daz ewangelium bezaichet die suͤssen predie die unser her selber tet mit sim hailgen goͤtlichen munde St. Georgener pred. 9, 22 R.;
âvê, daz vil süeze wort,
brâht uns aller fröuden hort
Hugo v. Trimberg renner 137;
vgl. Marner 14, 121 Strauch. später noch:
meine seele lebt in mir
durch die süszen lehren,
so die christen mit begier
alle tage hören
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 385ᵃ;
Christus ... hett sie auch tzwingen künnen. neyn er wolt si ziehen mit seiner suͤssen lieplicher predig Luther 10, 3, 175 W. speziell von den worten Christi, über die allgemeine formel süsze worte 'freundliche worte' (s. u. 2 a α) hinausreichend, vgl. schon:
uueldun thia is suotiun uuord
helag gihorian
Heliand 2092 S., vgl. 3784;
mit worten wolt er (Christus) suazen   thia gilouba in imo buazen
Otfrid III 2, 10;
hast du mit süszen worten
mir aufgethan die pforten
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 343ᵇ.
von heilstatsachen: das auffstehen bedeut die aller susseste und gnedige zukunfft gottes ynn die menscheit Luther 18, 512 W. besonders im bereich der passion, z. t. mit erotisch-ästhetischen vorstellungen gekreuzt (s. o. II B 2 b ende):
an daz cruce suze
Andreas 38 in: dtsche ged. d. 12. jh. Kraus;
diser win ist nüt anders dann das heilig, wirdig, gefronte, suͤsze, rosenfarbe bluͦt Jesu Christi Geiler v. Keisersberg bilgersch. (1512) 19ᵃ;
die vorzeit, wo in jugendglut
gott selbst sich kundgegeben
und frühem tod in liebesmut
geweiht sein süszes leben
Novalis 1, 55 Minor;
ja ich beschwör dich bei den süszen wunden,
die uns, den sündern, heil und segen brachten
Tieck schr. (1828) 1, 144.
2)
'freundlich, gütig', in den beziehungen von mensch zu mensch.
a)
von der rede.
α)
in positivem sinne. vor allem süsze worte (s. o. 1 c, s. u.β, 3):
biginnit er sie gruazen   worton filu suazên
Otfrid V 20, 65, vgl. II 8, 15;
mit senften und mit süezen
worten sprach si dâ zehant
Konrad v. Würzburg troj. krieg 10444;
dein freuntlichen und suͤszen wort, allerliebster Friedrich, mir mein fürnemen gäntzlich gebrochen hand Wickram 1, 7 Bolte; süsze worte helfen bei ihnen nicht, warnen und drohen auch nicht Körte sprichw. (1837) 324. in andern verbindungen des sprechens und sagens:
süeziu rede senftet zorn
Freidank 64, 12 Gr.;
es waren anfangs nichts als händedrücken und küssen, umarmungen und süsze reden Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 107;
iz suazo imo gisageta (Christus dem Petrus)
Otfrid IV 11, 26;
welches alles das Annelin nicht glauben wolt, dem Gredtlin, seinem schwesterlin, suͤsz zuͦredet, ihr die warheit zuͦ sagen Montanus schwankb. 264 lit. ver. seltener von schmeichlerischer rede ohne den abschätzigen sinn von β:
zur zeit der stillen mitternacht
die schönste ambassade
von (Weinsberger) weibern sich ins lager macht,
und bettelt dort um gnade.
sie bettelt sanft, sie bettelt süsz
Bürger 26ᵃ Bohtz;
er bittet wie betend, knieet und bittet mit so feurigen, holden augen, mit so süszen schmeichelnden worten, und so ward ich wieder verführt Göthe I 25, 293 W.
β)
häufiger, und bereits ahd., in peiorativem sinn, besonders verbreitet im 16. jh.; meist soviel wie 'schmeichlerisch, verführerisch, trügerisch', von solcher rede, die unlautere absicht hinter falscher freundlichkeit verbirgt. in den gleichen oder ähnlichen verbindungen wie unter α:
lüg hât vil süeziu wort
Marner 15, 327 Strauch;
die dir suͤsze wort geben, unnd thun das selbige gar nichts uberall umb deynet willen Hutten op. 2, 218 B.;
süsze worte brauchte der fuchs, die zwey zu betriegen
Göthe I 50, 79 W.;
viel süszer red ihm schwetzen ein
vom vatter und der schwester fein
Wolfh. Spangenberg griech. dramen 2, 17 Dähnhardt;
dasz mich dieser Plato mit seinem süszen geschwätze beynahe überredet hätte, ... meine leibwache nach hause zu schicken Wieland Agathon (1766) 2, 129;
der in des printzen hertz vorlängst sich eingetrungen
durch süsze schmeichelkunst
Rachel satyr. ged. 96 ndr.
in verbaler verbindung schon früh:
themo alten (Adam) det er (der teufel) suazi   thaz er thaz obaz azi
Otfrid II 5, 15;
an dem erestem stoze
sprach er (der böse geist) ir (Eva) zuͦ vile suͦze
altdt. genesis 645 Dollmayr;
indulcare zuze redin (1420) Diefenbach n. gl. 214ᵇ; söt snacken 'schmeicheln' Mensing schlesw.-holst. 4, 714. von hier aus auch auf andere äuszerung falscher gesinnung erweitert:
wer durch die fynger sehen kan
und loszt syn frow eym andern man
do lacht die katz die müsz suͦssz an
Seb. Brant narrenschiff 34 Zarncke;
er sah diese gleisnerblicke, dies süsze lächeln Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 5, 192. mundartlich auch auf den menschen überhaupt bezogen: se is so söt 'schmeichlerisch' Mensing schlesw.-holst. 4, 714; nimm dich in acht, des ist ein süszer! 'ein verschlagener' Fischer schwäb. 5, 1970. das naheliegende bildliche spiel mit der geschmacksbedeutung I A (s. bes. I A 2 a α) wird in formeln und redensarten abgewandelt:
das man gibt süsze wort als hönig,
darhindter ist der trew gar wenig
Hans Sachs 5, 84 K.;
ihre rede schmeichelt süszer als honigseim, und wann sie mit liebe umhalsen, meinen sie arges E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Dtschen (1845) 1, 261; das tue der Uli schon, sagte er, wenn man ihm den mund recht süsz mache Jer. Gotthelf ausgew. w. 2, 74 Bartels. vom akustischen her empfunden (s. o. I C 2 b): durch den resonantz ihres (der schmeichler) süszen lobes, mit dem sie ihnen die ohren kitzeln Butschky Pathmos (1677) 6.
b)
auf den gesichtsausdruck bezogen, gelegentlich in naher berührung mit II B 2 c; in ausgesprochener oder unausgesprochener gegenüberstellung zu sauer, seltener zu bitter (s. o. I A 2 c, II A 1 a γ, b γ; s. u.süszsauer 2 b, süszsäuerlich 2, süszbitter 2 c): und das solt du tuon von minnen und senftmuͤteklichen und mit einem suͤssen antlit und worten Tauler 148, 34 V.; wenn ich ihn (den prinzen als partner Charlottens) heimlich beneidete, so würd ich doch ein süs gesicht dazu machen Göthe IV 5, 49 W.; e süess gᵉsicht macheⁿ 'heiter, fröhlich' Martin-Lienhart elsäss. 2, 377ᵇ. bildlich: das meer ist zwar allzeit bitter, und also macht es gar selten ein süszes gesicht Abr. a s. Clara etwas f. alle 2 (1711) 8. so auch in der verbalen wendung:
saur und suͤsz kan ich sehen frey
Wolfh. Spangenberg griech. dram. 2, 8 Dähnhardt;
dasz es tag und nacht wird, wann es zeit ist, du magst gleich sauer oder süsz darzu sehen Grimmelshausen 2, 363 Keller; er isᵗ nidig, jetz kan er nit süess luejeⁿ 'freundlich schauen' Martin-Lienhart elsäss. 2, 377ᵇ.
c)
in allgemeinerer anwendung, bis ins 16. jh. reichlich, darüber hinaus nur vereinzelt bezeugt:
ir wille was so süeze,
daz sî daz alsô lange treip,
unz in der bühsen niht beleip
(von der frau, die den wahnsinnigen Iwein mit salbe heilt)
Hartmann v. Aue Iwein 3478;
durch dînes herzen süezen muot ...
dû hâst enbunden uns von nôt
Rudolf v. Ems gut. Gerhard 6368;
wenn du nu solch göttlich, himlisch mensch bist, und lest dir dein süs hertz nicht nemen, durch ander leute undanck oder bosheit Luther 6 (Jena 1568) 51ᵇ;
dein freundlich grusz den nim ich an,
den du mir wünscht von hertzen susz
Forster fr. teutsche liedl. 47 ndr.
im sinne von 'milde, sanft': ein fein lieblich süszes freuntlich regiment Luther 24, 63 W.;
dein süszes herrschen weisz von keiner strengigkeit
B. Neukirch ged. (1744) 193.
so namentlich von menschlicher gesamthaltung, oft mit gegen; in älterer sprache von milden, freigebigen fürsten:
der lieben, süezen, milten herren angesiht mich vröuwet
minnesinger 2, 370 v. d. Hagen;
(er) was en gutlik unde sote vorste (15. jh.) bei Schiller-Lübben 4, 297ᵃ. sonst vornehmlich in religiösem zusammenhang: das die menschen von grunde so suͤsse und senfte werdent, si envermügent nüt keine hertekeit Tauler 366, 27 V.; bisz güttig, süsz unnd wunsam gen allen menschen Geiler v. Keisersberg granatapfel (1510) f 2ᵈ. häufig bei Luther: von hertzen freundlich und gütig und süsze sein gegen einem iglichen 32, 401 W., vgl. 10, 1, 1, 447 u. 10, 3, 253 u. ö.;
steiff, beständig, auch verständig,
nicht vnartig, grob und wild,
sondern guͤtig und demuͤtig,
zuͤchtig, freundlich, suͤsz und mild
(1604) Kehrein kathol. kirchenl. 2, 47ᵇ;
vereinzelt in vergleichbarer jüngerer anwendung: meine sanfte Marie wird das glück meines lebens machen. ihre süsze seele bildet sich in ihren blauen augen Göthe I 8, 51 W.
d)
nur der mhd. dichtung zugehörig ist ein bedeutungsmäszig viel umfassenderer gebrauch, in dem süsz den begriff höfischer vollkommenheit (s. auch oben sp. 1312, 1314, 1315) ausdrückt, vgl. schon:
du redest suͦzze unde scône,
so iz ze hove zâme
altdt. genesis 5842 Dollmayr;
zwelf wol geborner kinde
dâ hinden nâch den knappen riten,
an guoter zuht, mit süezen siten
Wolfram Parz. 18, 28;
frowe, erst für küneges künne erkant ...
sô bring ich iu den werden gast,
dem süezer tugende nie gebrast
ebda 22, 26;
ir werden und ir süezen
gesellen unde künge rîch
Konrad v. Würzburg troj. krieg 26, 338;
sîn süeziu muoter leite an in
mit alsô süezem flîze ir sin
Gottfried Tristan 2049.
3)
erotisch gesteigert zur bedeutung 'verliebt, verlockend'; besonders süsze worte (s. o. 2 a):
als sy by ain ander lagen,
susser wort sy vil pflagen
Friedrich v. Schwaben 1220 Jellinek;
wollte dir süsze worte geben, als ein bräutigam seiner braut gibt maler Müller (1811) 1, 180. besonders mit negativem sinn, vom wort der verführung:
sît man valscher minne mit sô süezen worten gert
Walther 14, 25;
siren, ein huͦr, die mit suͤszen worten die knaben zuͦ sich lockt Er. Alberus nov. dict. gen. (1540) s 4ᵃ; Ibrahim setzet der Ambre mit den süszesten worten zu Lohenstein Ibr. sultan (1679) a 6ᵇ. in verwandten verbindungen: viel junge maͤnner durch schoͤne und suͤsze gesprech der frawen sind gefangen worden buch d. liebe (1587) 128ᵃ;
und liebkoste dem weib Agamemnons mit süszem geschwäze
J. H. Voss Odyssee 43 Bernays;
die sprache, in der sie einander zuweilen mitten unter fremden süszestes hatten sagen dürfen Ina Seidel Lennacker (1938) 381. hierhin auch: vielleicht hat keine sprache der welt ein so süszes wörterbuch der liebe (wie die griechische) Herder 3, 296 S.; wenn man künftig die fidibus hier zu lande so galant kneipen wird wie ein süsz zettelgen, wirds ein trefflich leben werden Göthe IV 3, 17 W. (s. u. süszbriefchen). von anderen äuszerungen der verliebtheit:
sine bûweten den arcwân
mit manegem süezen blicke
Gottfried Tristan 16491;
wenn in zeit daucht er eyn süszen anplicke gen ir schieszen liesz Arigo decamer. 470 K. in jüngerem gebrauch gern mit ironischem unterton, nach süsz II E hinüberdeutend: die ältere, eine passabel hübsche dirne, ... schickte dem traurigen theilnehmend süsze blicke zu M. Meyr erz. aus d. Ries (1868) 1, 77; weil sie behauptete, ich und Sophie ... hätten uns beim begegnen auf der treppe 'süsze augen gemacht' Holtei erz. schr. 2, 45; er hatte sich ... ausschlieszlich mit der frau vom hause unterhalten, mit der er eine seele zu sein schien, wie man von dem süszen zugespitzten munde beider abnehmen konnte Eichendorff s. w. (1864) 2, 152; vgl. Hofmann niederhess. 236, Staub-Tobler 7, 1407.
4)
von einer richtung des menschlichen willens oder einer geneigtheit des gemütes, religiös und weltlich; in sehr früher bezeugung.
a)
soviel wie 'gern, willig, geneigt', vgl. schon avide suazlicho (9. jh.) ahd. gl. 2, 315, 1 St.-S.:
beitota er thar suazo   thero druhtines giheizo
Otfrid I 15, 4;
der (Seth) was milte unde guͦt,
vil suͦze was ime sin muͦt
zallen guten dingen
dtsche ged. d. 11. u. 12. jh. 11 Diemer;
süsze (gern) mach ich mich uff die fart
Alsfelder passionsspiel 21 Grein;
dann wo ein hertz alszo Christum hoͤret, das musz froͤlich werden ... und suͤsz werden gegen Christo, yhn widderumb lieb zu haben Luther 7, 29 W.; vgl. 10, 3, 175. gelegentlich mehr objektiv bis zur bedeutung 'fromm, rein', vgl. in früher glossierung: dulces in actus suazze in tati Murbacher hymnen 5, 2 Sievers; ain rain gedank, ain suͤss gedank, suͤsser wille und kurtzlich ain ieglich guͦt werch oder wort oder gedank St. Georgener pred. 151, 14 Rieder; fuͤrt ein solichen suͤszen wandel, das ir dem exempel Christi gleich werdet und dem nechsten helfft mit leib und gut Luther 10, 3, 169 W.;
gi sint van soter wandelingen ...
geistlik unde van guder sede
Reinke de vos 2812 Lübben.
b)
im sinne von 'innig, zärtlich, andächtig', in alten und jungen wendungen, oft als reines stimmungswort:
ni minno wiht so suazo,   io so spor thero fuazo (Christi)
Otfrid III 7, 12; vgl. II 9, 37;
nit ist das gebet gut und recht, das vil ist, andechtig, suessz, langk ..., sundern das fest bawet und trawet, es wirdt erhoret Luther 2, 127 W.; die wenigen verwelkten blumen, die er mit süszer zärtlichkeit betrachtete Tieck schr. (1828) 16, 82.
schäferin, o wie haben
sie dich so süsz begraben
Rückert (1867) 2, 395.
speziell vom weinen, sofern es innigste persönliche beziehung ausdrückt (anders s. II A 2 c γ):
si weinote vil suoze
an die gotes vuozze
Ava leben Jesu 851 in: zs. f. dt. philol. 19 Piper;
sie (Maria) nam ihr kindelein auff den schosz,
viel süszer thränen sie vergosz (1619)
Kehrein kathol. kirchenl. 1, 225;
süsze thränen der dankbarkeit Thümmel s. w. (1832) 6, 286. nur in älterer sprache zur kennzeichnung einer geste, einer ausdrucksgebärde, 'demütig':
oda ih giknewe suazo   fora sinen fuazon
Otfrid I 27, 59;
vgl. altdt. genesis 3125 Dollmayr;
und (er) liesz sich nider suesse
zu desz heren (des königs) fuesse
Heinrich v. Neustadt Apollon. 1015; 9561;
vgl. auch Verwijs-Verdam 7, 1482.
D.
süsz als 'geliebt, lieb, wert' (s. schon II A 1 c) in der anwendung auf personen, besonders als kosewort und in der anrede, teils aus II C 1 'gnädig, gütig', teils aus II B 2 'lieblich, reizend' entwickelt; doch ist die anwendung stark gefühlsbetont, bedeutungsmäszig vielfach unscharf und weithin durch formelgebrauch abgenutzt. seit dem frühmhd. zu belegen, doch vgl. schon ags. đu eart dohtor min seo dyreste and seo sweteste (900) bei Murray 9, 309ᶜ.
1)
in religiöser sprache namentlich der älteren zeit neben bezeichnungen gottes und Christi, als weniger gewichtige spielform zu den gleichen verbindungen unter II C 1 a, denen 'freundlich, gnädig' zugrunde liegt (doch s. auch u. 2, 3). süszer gott wie später lieber gott:
daz sî dir, süezer got, gekleit
Walther 25, 23;
ähnlich:
lieber herre, suzzer vater
litanei bei v. Kraus mhd. übungsbuch 235, 50;
also gelft für durst zerlechzet
mein sel zuͦ dir, herre süs
Schede psalmen 162 ndr.;
vgl. noch schlesw.-holstein. du söte gott! Mensing 4, 714;
ei suze muder des suzen Jhesu
Marienlieder in: zs. f. dtsche alt. 10, 11;
also hand wir alle den suͤszen herren Jesum Christum hinder sich gestellt Zwingli dtsche schr. 1, 98; der süsze erlöser Chr. Scriver seelenschatz (1737) 1, 835ᵃ.
2)
in der sprache der liebe und von dorther gefärbt auch in religiösem gebrauch als wort zärtlicher rede und anrede, in enger berührung und oft in überschneidung mit dem ästhetischen gebrauch II B 2 a:
ouwê, wan wær ich begraben
bî mînem süezen trûte
Wirnt v. Grafenberg Wigalois 10013;
â süeze âmîe, liebe Isôt
Gottfried Tristan 19480;
mein aller suͤster Camille buch d. liebe (1587) 113ᵈ; o du süsze Emilia ebda (aber o meine liebe Emilia ebda 114ᵇ); gute nacht mein süszes, liebes, theures Mariechen Moltke ges. schr. (1892) 6, 6;
süsz liebchen (Faust zu Gretchen)
Göthe I 14, 158 W. (Faust 3179).
häufig substantiviert:
ohne dich, liebste, was wären die feste?
ohne dich, süsze, was wäre der tanz?
Göthe I 1, 27 W.;
leb herzlich wohl, ich küsse deine hände, mein süszes, und will schlafen gehn Bismarck br. an s. braut 123; vgl. Mensing schlesw.-holst. 4, 714. in formelhaften umschreibungen: o du aller liebste und süsziste herberg aller meiner begir Arigo decamer. 254 K.;
mein schatz, mein augentrost, spricht sie, mein süszes leben,
mein einig aufenthalt
J. Rachel satyr. ged. 21 ndr.;
lebe wohl du süses herz Göthe IV 8, 22 W. von dieser innig-zärtlichen anwendung aus auf den sprachgebrauch katholischer wie protestantischer Christusmystik einwirkend (s. oben II B 2 b ende): (durch selbsterkenntnis) kumet dú sele zuͦ der erkantnust des suͤssen gottes St. Georgener pred. 331, 22 R.;
süszes heyl, lasz dich umbfangen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 330ᵇ;
ich sehne mich nach deinem mund
du süszer Nazarener
A. Silesius heilige seelenlust 122 ndr.
auch die anwendung auf Maria hat den ton des zärtlichen:
Marjâ klâr, vil hôhgeloptiu frowe süeze
Walther 36, 21, vgl. 3, 28;
Maria zu lieben
ist allzeit mein sinn ...
Maria, du milde, du süsze jungfrau
im kathol. kirchenl. der gegenwart;
die süsze gottesmutter oben
hat sich von ihrem thron erhoben
Uhland ged. (1898) 1, 335.
bis in jungen gebrauch durchstehend der süsze name Jesu(s), Maria: eyn gebett von dem suͤssen namen Jesu Christi d. ew. weiszh. betbüchl. (1518) h 2ᵇ;
am feste vom süszen namen Jesus
Annette v. Droste-Hülshoff 3, 11 Schücking;
drücke deinen süszen Jesusnamen
brennend in mein herz hinein
Albert Knapp in: evang. gesangb. f. Rheinland u. Westfalen (1930) 55;
des sey gelopt dein süsser nam,
Maria, hochster himel flam
Hans Folz meisterl. 87, 2 Mayer;
der sösse nam 'die zeichen J. H. S. oder J. M. J.' Rovenhagen Aachen 135; s. dazu Frommann dtsche maa. 2, 543; vgl. auch süsznamensonntag Unger-Khull steir. 601ᵇ.
3)
von kindern, wie bei 2 oft ohne möglichkeit sicherer unterscheidung von II B 2 a 'zierlich, anmutig', aber im ganzen mehr als ausdruck innigster persönlicher beziehung; noch wie C 2 d als höfisches epitheton:
die (brust der hindin) souc der junge süeze knabe
und hete sîne genist dar abe
Konrad v. Würzburg troj. krieg 539;
anders erst jung:
ein vater meinen süszen kindern,
und meinem volk ein guter fürst zu sein
H. v. Kleist 2, 342 E. Schm.;
gott, mein süsz Gretel, ... was sprichst du nur? du bist ja ein gutes und liebes kind Fontane I 2, 343, vgl. auch Mensing schlesw.-holst. 4, 714. umschreibend:
wie eine mutter thut,
in derer schoosz das süszste pfand
der keuschen liebe ruht
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 401ᵇ;
und als der liebe erste süsze frucht
die zarte blume brach in todesschmerzen
Annette v. Droste-Hülshoff w. (1878) 2, 200.
in der volkstümlichen frömmigkeit vom Christuskinde:
Jesus dat soͤte kindelin
schal stedes in unsen herten syn
Husemann spruchsamml. (1575) nr. 1;
o Jesulein süasz! o Jesulein süasz!
Hartmann volksschausp. in Bayern u. Österr. 3.
als kosewort für tiere:
süszes böckchen, wie gehts?
J. H. Voss Odyssee 166 Bernays.
4)
auch sonst in der anrede, mit dem ton des innigen wie des formelhaft unverbindlichen. mhd. sehr geläufig, nhd. nur spärlich bezeugt und mehr durch lieb, gut, teuer vertreten. am meisten fest geblieben süsze mutter:
ach, süeziu muoter ...
Gottfried Tristan 2602;
theure, süsze mutter, lasz deine Tirza nicht umsonst hoffen maler Müller (1811) 1, 9;
oh süsze mutter, lasz mich dies dir sagen
Liller kriegszeitung (auslese 1915) 2, 203;
o du mein suͤser Gabriotto, sieh mich doch noch einmal an, dein lieben und getrewen gesellen und freundt Wickram 1, 209 Bolte;
nun zeuchst du, süszer freund,
mit ehren wieder heim, wo deine sonne scheint
P. Fleming teutsche poemata (1642) 46;
allein mir scheint, was herzen redlich fühlen,
mein süszer freund, das soll man nicht befeilen
Göthe I 2, 17 W.; vgl. IV 3, 27.
in früher bezeugung wohl mit religiösem beiklang:
er (Roland) sprach: wole ir suͦzen Karlinge,
ich pit iuch in der waren gotes minne
pfaffe Konrad Rolandslied 5807 Wesle.
abgeschliffener:
süezen lieben herren mîn
Rudolf v. Ems guter Gerhard 5569;
mein süszer meister Arigo decamer. 521 K. mundartlich im nd.: in Flensburg und Angeln wird mien söte auch als anredeform im sinne von 'mein lieber!', 'mein guter!' gebraucht Mensing schlesw.-holst. 4, 714. geziert: machen sie mir nicht angst, mein süszer (hofmarschall v. Kalb zum präsidenten) Schiller 3, 428 G. (kabale u. liebe); ironisch:
auch du bist gar zu höflich, süszer bote
die klauen sind dem adler nie zur last
(Hagen zu Werbel, der ihm den schild tragen will)
Hebbel w. 4, 254 Werner.
E.
ein abschätziger gebrauch des wortes, der etwa dem heutigen süszlich (s. d. 2 b) entspricht, geht von den bedeutungen süsz II B 'zierlich' wie von II C 'freundlich' aus, die sich hier übersteigern und veräuszerlichen und mit der vorstellung des ungehörigen oder unpassenden verbinden. in der zweiten hälfte des 18. jh. sehr lebendig, nur ganz vereinzelt früher, aber noch bis in die mitte des 19. jh. nachwirkend.
1)
auf literarischem gebiet im sinne von 'geziert, maniriert' oder 'schönrednerisch, oberflächlich': aber die humoristen plerrend von den vier humoribus ... aber es ist ein suͤsz geschwaͤtz, braucht wenig kunst Paracelsus op. (1616) 1, 303 H.; alle Klotzische schriften sind von diesem süszen geschwätze voll Herder 3, 55 S.; der schleichende, süsze komplimentierton schickt sich weder zu dem vorwurfe, noch zu der einkleidung (der 'antiquarischen briefe') Lessing 10, 231 M.; ob nicht die süsze phrase in Deutschland so regiere, dasz sie selbst ... das frische gefühl und die ... thatsachen überpinselte Gutzkow die ritter v. geiste (1850) 3, 342.
2)
mehr moralisch gemeint, zur kennzeichnung menschlicher haltung.
a)
süszer herr, bedeutungsmäszig verschieden getönt, aber immer im sinne des unmännlichen, gezierten, weichlichen. im erotischen (s. o. II C 3) 'galant', von courschneidern, s. Adelung wb. 4 (1801) 507:
Charmant gehört zu denen mannspersonen,
die man die süszen herren nennt ...
ein süszer herr kriegt nie verstand ....
Charmant kann vor euch niederknien
und euren blick liebäugelnd auf sich ziehn
Gellert s. schr. (1784) 3, 137;
wo ist sie hin die zeit, da noch zu ganzen schaaren
die süszen jungen herrn zu deinen füszen waren?
Göthe I 9, 51 W.
'stutzer, geck': eitelkeit und moden können ... aus mancher mannsperson einen süszen herrn ... machen Kant (1838) 7, 421. 'geziert, fade': der charakter des Fribble, eines faden, süszen herrn H. P. Sturz schr. (1779) 1, 23. gelegentlich auf 1, den literarischen bereich angewendet: einige süsze herren unsers jahrhunderts haben sich ... von diesem dunkeln und beschwerlichen wege losgezählet, und vornehm zwischen reichsgeschichte und geschichte Deutschlands ... unterschieden Herder 3, 466 S., vgl. 376; hier ist man grösztentheils auch sehr für den Homer, bis auf einige süsze empfindsame junge herrn, denen Homer zu grausam und wild ist Boie in: br. v. u. an Bürger 1, 286 Strodtmann; wenn wir wieder einen selbstgefälligen theologischen süszen herrn auftreten sahn, der ... dem armen, leidenden christen seinen heiland ... wegphilosophiren und sophistisiren wollte J. M. Miller ged. (1783) anhang 455.
b)
auszerhalb dieser wendung in der gleichen bedeutung 'geziert, geckenhaft, kraftlos': hohl der teufel die fein geschnitzelten manirierten bursche, und alle süszen affen dazu H. Beck schachmaschine (1798) 12; vgl.en söten 'weichlicher mensch' Leithäuser Barmer ma. 146ᵃ; dasz er ... die gewohnheit hat, allen frauenzimmern die hand zu küssen ... es kommt so süsz heraus, und das süsze wesen kann ich, mit noch vielen meines geschlechts, gar nicht ausstehn; ein mann musz ein mann seyn J. M. Miller beitr. z. gesch. d. zärtlichkeit (1780) 19; jetzt übersah Lucinde die ganze lange, starke, breitschulterige persönlichkeit, deren zartes, fast süszes benehmen mit diesem äuszeren in einem fast komischen contraste stand Gutzkow d. zauberer v. Rom (1858) 1, 78; dann sah er auf die uhr, griff in süszer liebkosung nach dem überaus feinen backenbart S. Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 229.
III.
zusammensetzungen mit süsz- als erstem bestandteil sind ahd. und mhd. noch vereinzelt, z. b. suozstanchperge (Lybano monte) bei Notker 2, 390, 11 P.; suzsanc melodia Graff 6, 314; suͦzephel malomellum (12. jh.) ahd. gl. 3, 98, 44 St.-S. (s. u.süszapfel), suzkosi ... lepidus (12. jh.) ebda 144, 28, süezholz Konrad v. Megenberg buch d. nat. 414 Pf. (s. u.süszholz), süesreder (14. jh.) Germania 18, 69 (s. u. süszreder), suͤssemuͤtig Tauler pred. 106, 28 V.; im 15. und namentlich im 16. jh. kommen sie stärker auf, zunächst vorwiegend als substantiva, während das 17. jh. vor allem adjektivische bzw. partizipiale bildungen beisteuert. die hauptzahl der kompositionen entsteht seit der zweiten hälfte des 18. jh., weithin im anschlusz an den im zeitalter der empfindsamkeit und frühen romantik stark ausgebildeten gebrauch von süsz als gefühlswort (s.süsz II A 2 b und c) sowiedurchweg von süsz I A ausauf fachsprachlichen gebieten, in der begriffssprache der botanik, auch der mineralogie, in der bezeichnung von speisen und getränken u. ähnl.die komposition erfolgt durchweg mit der form süsz-, nur ganz vereinzelt mit der alten adverbialform süsze-, vgl. suͤssemuͤtig Tauler pred. 106, 28 V., süszerüchend Lohenstein Arminius (1689) 2, 308ᵇ. zwei gruppen, bei denen innerhalb eines geschlossenen gesamttypus die gelegenheitsbildungen überwiegen, sind hier vorwegzunehmen (ohne stellenangabe aufgeführte wörter sowie alle übrigen sieh unter eigenem artikel.)
1)
partizipiale bildungen mit adjektivischer funktion. sie umfassen, namentlich als part. präs., fast ein drittel aller süsz-composita überhaupt, bleiben aber in der mehrzahl der fälle auf gelegentlichen, meist poetischen gebrauch beschränkt und sind formal als zusammenrückungen einer partizipialform mit adverbialem süsz aufzufassen, wie sie sich aus der häufigkeit dieser wortbegegnung leicht ergaben, ohne dasz durch sie die getrennt geschriebenen bildungen verdrängt oder ausgeschlossen würden. im 16. und 17. jh. als eigene gruppe innerhalb des sinnlichen gebrauchs von süsz schon deutlich erkennbar (s.a), verdankt dieser kompositionstyp dem vertieften und verinnerlichten gebrauch des wortes seit der zweiten hälfte des 18. jh. eine fülle neuer bildungen (s. b).
a)
im bereich süsz I. am gebräuchlichsten und schon im 16. jh. häufig in der anwendung auf gehörseindrücke, entsprechend süsz I C, gern, wie süsz I C 2, unsinnliche gebrauchsweisen streifend: süszredend (1530); -singend (16. jh.); -lautend (16. jh.); -klingend (16. jh.); -tönend (16. jh.); -pfeifend Nigrinus anticalvinism. (1595) 204; -rauschend (von bächen) Tobias Hübner d. andere woche (1622) 185; -schallend (1652); -lockend (1717); -sprechend Herder 26, 71 S.; -schwatzend (1774); -flötend (1792); -flüsternd Fr. Kind ged. (1817) 1, 277; -klagend Droysen Äschylus (1841) 246. zu süsz I A, im sinne des wohlschmeckenden wie des spezifisch süszschmeckenden: süsztriefend (von der weinrebe) J. Helwig Ormund (1666) (*) (*) 8ᵃ; -schmeckend (1682); -gefüllt (vom pfirsich) allg. dtsche bibl. 15 (1771) 353; -berauschend (1844); -nährend (von der frucht) W. Waiblinger ged. aus Italien (1894) 140. zu süsz I B, von gerüchen: süszlabend Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, ):( ):( 4ᵃ; süsz(e)riechend: süszerüchenden weyrauch Lohenstein Arminius (1689) 2, 308ᵇ; süszduftend (1754); -berauschend (1818); -betäubend (19. jh.). wie süsz I D, von angenehmer körperlicher empfindung. erotisch (s.süsz I D 3): süszempfindend (von küssen) Weckherlin ged. 1, 241 lit. ver.; -berauschend (von küssen, 1880). von wirkungen der luft, der jahreszeit u. ä. (s.süsz I D 1): süszhauchend (von wolken) Wieland I 2, 28 akad.; -erquickend (von der luft, 18. jh.); -atmend (vom wind, 19. jh.). vom schlaf (s.süsz I D 2): süszschlafend Klinger (1809) 8, 336; -schlummernd grafen zu Stolberg ges. w. (1820) 11, 120; -betäubend (vom traumgott, 19. jh.), -schläfernd Mörike (1905) 1, 46.
b)
in den unsinnlichen gebrauchsweisen von süsz II. vorwiegend wie süsz II A 2 b und c, gefühls- und gemütszustände oder vorstellungen kennzeichnend. bis zur mitte des 18. jh. nur vereinzelt: süszverliebt Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 6 (1646) )( )( )( )( )( )( 3ᵇ; -betäubt (vom gefühl) Gottsched d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamk. (1751) 3, 773. die sprache des empfindsamen zeitalters prägt eine fülle von verbindungen, denen gelegentliche bildungen des 19. jh. an die seite treten: süszbegeistert Wieland I 1, 400 akad.; -berauscht Pfeffel poet. versuche (1812) 8, 48; -erregt Heinse 6, 210 Schüdd.; -bestürzt Wieland I 1, 385 akad.; -beklommen Eichendorff (1864) 2, 152; -schwärmend (J. H. Voss); -schauernd (Jean Paul); -betäubend (vom gefühl des ewigen lebens, Klopstock); -täuschend (die hoffnung) Herder 26, 24 S.; -betörend Böttiger kl. schr. (1837) 1, 185; -betört E. M. Arndt 3, 24 R.-M.; -verwirrend Freiligrath ges. dicht. (1870) 2, 179; -betränt dichter. kleinigkeiten (1792) 21; -weinend Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 4, 686; -tröstend E. M. Arndt 3, 119 R.-M.; -vertraut Herder 26, 100 S.; -träumend (Lavater). eine kleine, romantisierender naturbeschreibung zugehörige gruppe knüpft an süsz II A 2 d β an: süszgefangen (die welt im strahlennetz der sonne) Jean Paul 15/18, 542 Hempel; -verborgen (ein tal) E. M. Arndt 3, 124 R.-M.; -dunkelnd (vom wald) Rosegger II 15, 79. zu süsz II B 'lieblich, anmutig': süszschmollend (vom munde der geliebten) Weckherlin ged. 1, 177 lit. ver.; -entzückend: ihr syszentzyckend lächeln Wieland I 1, 340 akad.; -verschlossen (ein gesichtsausdruck) Lavater physiognom. fragm. (1775) 3, 282; -gespitzt (von lippen) Thümmel reise in d. mittägl. prov. v. Frankr. (1791) 6, 10; -aufblühend (eine rose) v. Knebel liter. nachlasz (1835) 1, 67; -lächelnd (18. jh.); -erzählend (die Griechen) Böttiger kl. schr. (1837) 2, 250; -geschmückt (ein knabe) Eichendorff (1864) 1, 452; -schimmernd (vom auge) mod. dichterchar. (1885) 125. zu süsz II C 'freundlich' nur gelegentlich: süszvergiftet (von der zunge) Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 7 (1647) a 7ᵇ vorrede; -umarmt: süszumarmt von allen deinen Herder 29, 573 S.; -lächelnd (18. jh.); -einschmeichelnd Wieland I 1, 398 akad.; -schmeichelnd (1844).
2)
unter den adjektivischen zusammensetzungen tritt eine besondere gruppe heraus, in der süsz nur tautologisch verstärkenden, den gefühlston bestimmenden oder vertiefenden sinn hat. schon im dichterischen gebrauch des barock bezeugt, stärker seit der zweiten hälfte des 18. jh.: süszedel Weckherlin ged. 2, 215 lit. ver.; -williglich ebda 1, 104; -angenehm Gottsched beytr. z. crit. historie (1732) 1, 241; -herzig J. J. Chr. Bode gesch. d. Thomas Jones (1786) 5, 114; -lieblich Th. Körner 2, 213 Hempel; -fröhlich Fouqué reiseerinner. (1823) 2, 211; -vertraulich Tieck schr. (1828) 16, 167; -verwandt Lenau 16 Reclam; -blau (1831); -träumerisch Gaudy s. w. (1844) 20, 159; -heimlich ebda 21, 123; -still J. v. Düringsfeld Dalmatien (1857) 1, 21; -braun C. F. Meyer ged. (1900) 132.
Zitationshilfe
„süsz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCsz>, abgerufen am 17.06.2019.

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