Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

süszen, vb.

süszen, vb.,
dulcare. denominativbildung zu süsz. ahd. suozen, gisuozen, mhd. süezen. bei Stieler neben süszen ein formal und bedeutungsmäszig davon getrenntes suszen (s. u. 3). seit dem 16. jh. tritt das wort (auszer bei 1 a β) hinter seinen zusammensetzungen, namentlich hinter versüszen (s. d.) zurück. obd. süeszeⁿ schweiz. id. 7, 1410; süeszen Schmeller-Fr. bair. 2, 333; nd. söten Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 259; Mensing schlesw.-holst. 4, 714; sö͏̂te Fischer Samland 156.
1)
transitiv.
a)
im bereich körperlicher empfindung.
α)
geschmacklich. zufrühest und im ahd. vorwiegend 'genieszbar oder schmackhaft machen' (s.süsz I A 1), so von nicht trinkbarem wasser: (fontes amari) obdulcati (sunt) kisuazte (8. jh.) ahd. gl. 1, 487, 6 St.-S.; do Moyses auf bevelh gots ain holtz getaucht hat in sauer wasser, dasselb ward davon gesüeszt Berthold v. Chiemsee theol. 428 Reithm. im sinne von 'würzen' neben salzen: condimentum gisalzani vel gisozti (10./11. jh.) ahd. gl. 2, 283, 6 St.-S.; weiter:
(ein brot) daz suozt in diu hungers nôt
Hartmann v. Aue Iwein 3306.
β)
spezieller und enger, zu süsz I A 2: unde suozta si iro mit honange Notker 1, 699, 9 P.;
jezo kam das gemüse, das ländliche: junge karotten,
erbsen zugleich und bohnen, gesüszt mit zucker und grasgrün
J. H. Voss s. ged. (1802) 2, 227;
alle die früchte und beeren ..., die jede hausfrau in Ruszland nach altherkömmlicher weise mit honig oder zucker zu süszen, einzukochen und zu conservieren versteht J. G. Kohl Petersburg in bildern u. skizzen (1841) 2, 80. einen tranck, eine artzney etc. süszen Kramer 2 (1702) 1042ᶜ; eine brühe, ein essen süszen ebda. ohne objekt, 'süszkraft besitzen': der feine zucker süszet besser als der grobe Adelung wb. 4, 508; z. b. sacharin süszt zu stark u. s. w. fachsprachlich in der scheidekunst, einem mineral 'die schärfe oder säure nehmen' (vgl.süsz I A 2 d β, sp. 1288), wofür sonst absüszen (s. d.) oder versüszen (s. d.), vgl. Chomels öcon. lex. (1750) 8, 1799, Jacobsson (1781) 4, 353ᵃ und s. u. 3.
γ)
selten auf anderen sinnesgebieten. 'wohlriechend machen': den brandgeruch des fettigen fleisches und gebeins süszte der rauch von wohlriechendem thyon J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 456; sie (die blätter des betel) dienten nur zum kauen, um den athem zu süszen Ritter erdkde (1822) 12, 268. erotisch-körperlich (s.süsz I D 3):
lieben kann ich, fühlen, küssen,
heisz umarmen, nächte süszen
Schiller 1, 263 G.
b)
auf geistig-seelischem gebiet. im ahd. und mhd. breit entfaltet, später durch versüszen stark zurückgedrängt.
α)
'angenehm, schön machen, verschönen':
suaz imo sin lib al,   so man guetemo scal
Otfrid ad Lud. 36, vgl. I 23, 16 u. III 13, 49;
und welt ir nû sîn komen süezen
Ulrich v. d. Türlin Willehalm 200, 28;
ein schön geheimnis hüllte wunderbar
wie dämmerlauben ein die liebenden,
und süszte ihnen zaubrisch den genusz
Tieck schr. (1828) 3, 295;
lasz uns alle jeden augenblick ihr (der groszmutter) süszen,
streben, so wie sie, nach heiligung
Hölderlin 1, 42 Litzm.;
mehr psychologisch 'erfreuen, erquicken': (et bonis amici consiliis anima) dulcoratur gisuozzit wirdit (10. jh.) ahd. gl. 1, 538, 29 St.-S.;
ir werder gruoz süezet gemüete
Ulrich v. d. Türlin Willehalm 24, 23;
so im sprichwort: was nicht sauert, das süszt auch nicht Binder 168, vgl. Mensing schlesw.-holst. 4, 714; der onkel ... wuszte ..., dasz nichts süszen will im menschenleben, was in ihm nicht gesauert hat B. Goltz ein jugendleben (1852) 3, 342. religiös:
westen si daz Jhesus Crist
ist aller sache urhap
und an des lebens ende ain lap
der sel, ain werndes suͤzzen
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 17327 R.
β)
bitteres und unangenehmes 'erträglich machen, mildern, lindern'; im mhd. sehr geläufig, oft noch bildhaft gefühlt:
ob ir niht schiere süezent
die bitterlîchen ungehabe
diu mich schiere zuo dem grabe
schicket, sol ez lange wern
Reinfrid v. Braunschweig 3518, vgl. 15898;
unde ir not zu suzene mit vlize in allen sachen
passional 621, 72 K.;
vgl. Rud. v. Ems Alex. 3149; Daniel 3510 Hübner. im nhd. nur noch vereinzelt an stelle von versüszen, poetisch:
Marina dankt und singt, ihr leid zu süszen:
'gott lob, uns ist geschenkt ein kindelein'
Brentano ges. schr. (1852) 1, 199.
γ)
auf der grundlage 'freundlich', zu süsz II C 2 a, von wort und rede. ohne nebensinn soviel wie 'freundlich, gütig darlegen':
gab er (Christus) mo (Nicodemus) antwurti   mit mihileru milti,
ioh er mo iz al gisuazta,   so wes soso er nan gruazta
Otfrid II 12, 28; vgl. II 21, 23 u. V 14, 29.
häufig mit üblem beisinn, 'schmeicheln': (in labiis suis) indulcat (inimicus) gisuozit (10. jh.) ahd. gl. 1, 570, 16, vgl. 1, 529, 21 u. 2, 434, 59. 'verlockend, verführerisch hinstellen':
er (der teufel) beginnet ime (dem menschen) suͦzzen
daz ubele mach gebuͦzzen
altdt. genesis 836 Dollmayr;
anders, bildhaft nach 1 a den mund süszen honig um den bart schmieren: eme wart der munt so gesueszet und die rede so sues vurgelacht van des buschofs hulpe ind bistant, dat he wart betrogen (Köln 1499) städtechron. 13, 609; ohne beiklang:
sie (die prediger) suzen den himel tron
und bieten ewigen lon
und bittern vur der helle
Heinr. v. Hesler apocal. 14967.
reflexiv (s. auch unten 2) 'sich einschmeicheln', 'sich angenehm machen':
thaz er in themo muaze   then liutin sih gisuaze
Otfrid III 25, 12;
Isôte ir muoter dô gebôt,
daz si Tristanen gruozte
und sich sîm herzen suozte
Ulrich v. Türheim Tristan und Isolde 178 v. d. Hagen.
2)
reflexiv mit sachlichem subjekt (mit persönlichem s. o. 1 b γ) 'süsz, angenehm werden' nur mhd.:
diu hohzit wart suren,
diu sich do scholt suͤzzen
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 10411 R.;
vgl. Oswald v. Wolkenstein 165 Schatz.
3)
auch der in älterer sprache geläufige intransitive gebrauch (der auf ein ahd. *suozên zurückgehen könnte) reicht schriftsprachlich nur bis ins 17. jh., ist aber mundartlich noch für einen engen bezirk des schweizer. bezeugt: süeszeⁿ 'süsz werden' schweiz. id. 7, 1410, sowie im ostfries., vgl. Doornkaat-Koolman 3, 259ᵇ. zu 1 a 'süsz werden' oder 'süsz sein':
daz (das saure wasser) begunde in sa suͦzen
jüng. Judith in: dtsche ged. d. 11. u. 12. jh. 145, 24 Diemer;
und ruch und smac
suzzet (duftet) of der owe
Herbort v. Fritzlar liet. v. Troye 13877;
im kontrast: das auch das pitter kraut under dem ölpaum gesetzt ausz dem hinflieszenden oͤlpaum anfieng ze suͤszen d. puch d. himl. offenb. d. heil. wittiben Birgitta (1502) 5. speziell 'seine schärfe verlieren' (s. o. 1 a β): so wird der mercurius haͤrt und vest, gleich auff ein metallische art coaguliert, denselbigen nimm und waͤsch ihne von aquafort ab, dasz er suͤszet Paracelsus op. (1616) 1, 938 H. bei Stieler ist, von süszen dulcare getrennt und neben suszelen (s.süszeln 1) in der gleichen speziellen bedeutung suszen angesetzt: suszen, gesuszet fragrare dulce, mustum obolere, dicitur de projectorum cadaverum tetro odore, it. de nidore esculentorum. der todte suszet heftig stammb. (1691) 2243 (vgl. auch u. süszern 2); in adjektivischer funktion suszend olidus, rancidus foede olens ebda; substantiviert die suszung (s. u.süszung) und das suszen ebda. zu 1 b, 'angenehm, lieb sein':
nâch leide liep im süezet
Rudolf v. Ems Alexander 17502;
nu hat di reu unser herz berürt,
das wir das (sündige leben) fürpas wöllen püszen
und wöllen uns die dink nimer laszen süszen
fastnachtsp. 724 Keller.
'erquicken, wohltun':
du bist so gar wandels vri
und suͤzes in den augen
und in dem hertzen taugen
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 1557 R.;
vgl. Reinfrid v. Braunschweig 1346.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1942), Bd. X,IV (1942), Sp. 1330, Z. 68.

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Zitationshilfe
„süszen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCszen>, abgerufen am 12.05.2021.

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