Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

süszigkeit, f.

süszigkeit, f.,
dulcedo, suavitas. substantivbildung mit -heit zu mhd. süezec (s. o. süszig). mhd. süezekeit (suzekeit, süskait), seit dem späten 12. jh. belegt; die form mit -ig- seit dem 15. jh.: süszigkeit erste dtsche bibel 7, 335 (P-Oa), im 15. und 16. jh. noch neben solchen mit -ick-, -ik-: suszickeyt theol. deutsch 24 Mandel; Luther 17, 1, 251 W.; suszikait Nicl. v. Wyle translationen 14 Keller; Geiler v. Keisersberg granatapfel (1510) h 2ᶜ. vereinzelt sueszicheyt Arn. v. Harff pilgerfahrt 80 Groote; süszigheit Simon Dach 472 Österley; mit entrundetem vokal sieszigkait Schaidenraisser Odyssea (1537) 30ᵇ; mit einfachem -s-: süsikeit Arigo decamer. 96 lit. ver.; süsigkait Fischart trostbüchl. 31 Kurz; süsigkeit G. Arnold kirch.- u. ketzerhist. (1699) 109ᵃ. auch mundartlich verbreitet, vgl. z. b. süeszigkeit schweiz. id. 7, 1411; süszigkeit Fischer schwäb. 5, 1971; seⁱszechkêt Luxemburg. 408; soütᵉhkeit Bauer-Collitz Waldeck 269ᵇ; sötigkeit Mensing schlesw.-holst. 4, 715. — über das gleichbedeutende ältere süsze (s. d.) gewinnt das wort schon im mhd. den vorrang und hält ihn, vom jüngsten dichterischen gebrauch abgesehen, bis heute.
1)
im eigentlichen geschmacksbereich, s.süsz I A.
a)
als bezeichnung einer geschmacklichen eigenschaft.
α)
der dem honig, bestimmten früchten und getränken zugehörige geschmack, eigentlich und bildlich:
cle, wie ist din suzekeit
vergangen, daz du bist leit
wurden deme binelin
Daniel 2639 Hübner;
so empfinden die würme den geschmack der süszigkeit (des honigs) J. Walther pferde- u. viehzucht (1658) 119;
die süszigkeit
des honigs widert durch ihr übermasz
Göthe I 9, 208 W.;
du zuckerstude, in der daz saf
lit aller süezekeite
Konrad v. Würzburg gold. schmiede 865 Schr.;
der traube duftige süszigkeit
verlockt uns zum kosten allezeit
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 2, 253;
die kräftige süszigkeit der erdbeeren O. Gmelin sommer mit Cordelia (1933) 4. als zustandsbezeichnung: einen trunck von meinem eignen most, welchen ich in seiner süszigkeit verhalten Harsdörffer teutsch. secretar. (1656) 2, 3; wenn er (der saure schlipper) lange gestanden hat und dem zustande der verderbnis sich nähert, dann geht er in süszigkeit über Immermann 1, 10 B. als gegensatzbegriff: daz allem dem das do hat suͤszigkeit überflüszig, oder bitterkeit, scherpffe oder versaltzenheit, sol man machen feuchtigkeit des leibs mit baden Gersdorff wundarzney (1517) 81ᵇ; besonders in der reihe der qualitätsbegriffe: die wirkliche schönheit, oder die wirkliche häszlichkeit aufsuchen wollen, ist eine eben so fruchtlose arbeit, als die wirkliche süszigkeit und bitterkeit bestimmen wollen Dusch verm. schr. (1758) 246; durch die anschauung ... werden die qualitäten der glattheit, rauheit, süszigkeit oder bitterkeit in den raum ... gesetzt ... und zu konkreten dingen ausgebildet Hegel (1832) 1, 305.
β)
selten in der bei süsz (s. d. I A 2 d) stark ausgebildeten spezifizierend unterscheidenden bedeutung: jeder ungarische wein, der süszigkeit und feuer hat Nicolai reise d. Deutschland (1783) 6, 367. als relative bestimmung, s.süsz I A 2 d β: dar zoe loufft he (der Nil) so strenge in dat mer, dat he vunfftzich welsche mijlie wijdt in dem mer wael zo erkennen is an der droefficheyt und an der sueszicheyt Arn. v. Harff pilgerfahrt 80 Groote; vgl. noch, wenn nicht schon γ mitspielt: nichts ging ... über die süszigkeit und den lieblichen geschmack des Nilwassers Böttiger kl. schr. (1837) 1, 362.
γ)
'wohlgeschmack', entsprechend süsz I A 1, aber bei der relativ jungen bezeugung des wortes spärlicher entwickelt als beim älteren grundwort:
durch dîner spîse süezekeit (sagt eine maus zu ihrer gastgeberin)
Boner edelstein 15, 49;
denn sie hand die suͤszigkeit des alten wyns empfunden Zwingli dtsche schr. 1, 269; bildlich, besonders vom sakrament: also sein vil menschen, denen das weiszbrot nit schmackt, das ist das heilig sacrament, sie finden kein süszikeit darin J. Pauli schimpf u. ernst 325 Österley;
brod ist allhie des lebens
voll aller süszigkeit
Georg Weissel bei Fischer-Tümpel 3, 14;
da er einmal der herrschaft süszigkeit gekostet, gelüstet ihn noch immer nach der leckern speise Görres ges. schr. (1854) 2, 156.
b)
verdinglicht soviel wie 'das süsze' selbst.
α)
im anwendungsbereich a α, besonders für honig: von dem essenden gienge ausz die speysz: und von dem starcken ist ausgegangen die suͤszigkeyt erste dtsche bibel 4, 395, 15 (Z-Oa), vgl. richter 14, 14;
eine kleine biene flog
emsig hin und her und sog
süszigkeit aus allen bluhmen
Ramler fabellese (1783) 1, 3;
und wo finden die (bienen) so viel süszigkeit, mutter Antje — ? H. Steguweit d. stelldichein d. schelme (1937) 62. in älterer sprache auch für ein süszes getränk: suzekeit nectar (vocab. v. 1340) in: mitteil. d. schles. gesellsch. f. volkskde 13/14, 396ᵃ; thue zu einer masz des weins ... des roten ... wassers von den rosinlin 1 masz, und des dicken, das man nennet die suͤszigkeit, auch 1 masz Osw. Gäbelkover artzneyb. (1596) 2, 378.
β)
seit dem 18. jh. (doch s. u. süszigkeitsgasterei) speziell für 'konfekt, zuckerwerk, näscherei' aller art (s.süsz I A 2 b β), meist im plural: indem die süszigkeiten, so wohl vom zucker als honige, in denen mägen ein unordentliches gähren erregen Ettner v. Eiteritz medizin. maulaffe (1719) 35; allein wie viele mütter haben nicht ... ihnen (ihren kindern) ihr geblüt auf lebenslang durch lauter naschwerk und süszigkeiten verdorben J. Mich. v. Loen ges. kl. schr. (1749) 1, 61; willkommenes backwerk und die besten süszigkeiten Göthe I 24, 102 W.; und die neger ... saugen an salzstücken mit gleicher begier, wie unsere kinder an süszigkeiten O. Peschel völkerkde (1874) 175; seltener im singular: nicht etwa eine eingemachte pomeranze, oder sonst eine süszigkeit Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 4, 489; ein kinderschmerz um eine versagte süszigkeit Ina Seidel Lennacker (1938) 438. in bildhafter anwendung: ob madame Blifil sich an den süszigkeiten des ehestandes den magen verdorben ... hatte J. J. Chr. Bode Thomas Jones (1786) 1, 295; von den süszigkeiten der dritten strophe haben wir bereits genascht Hebbel w. 9, 37 Werner; harmonische süszigkeiten, die wie schaum zerrinnen Gutzkow (1872) 7, 361.
2)
auf anderen gebieten sinnlich-körperlicher empfindung.
a)
'wohlgeruch', s.süsz I B, selten und mehr im älteren gebrauch:
do wart ouch in dem huse
in grozer suzicheide ein smac
passional 128, 3 Hahn;
welcher rauch, so er den geruch mit groszer suͤszigkeit bewegt, ein zeichen gibt, dasz das quaͤcksilber verzert werde Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 353;
riecht die süszigkeit der lüfte!
riecht die balsamirten düfte
Brockes ird. vergn. in gott (1721) 5, 37.
b)
'wohllaut', s.süsz I C, im bereich der musik und der sprache: an der süezekeit des edeln gesanges Berthold v. Regensburg 1, 336 Pf.; dazwischen liesz sich eine ... stimme hören, die bald alle süszigkeit des italienischen gesanges erschöpfte E. T. A. Hoffmann 10, 49 Gr.; der harfen suzecheit Albrecht v. Halberstadt nach d. Berliner bruchstück in: Georg Wickrams werke 8, 94 (anm.) Bolte; der seiten süszigkeit Simon Dach 931 Österley; die süszigkeit einer melodie L. Steub wander. im bayr. gebirge (1862) 154; der ton, in welchem sie diese beiden worte sprach, war so eigenthümlich, so ganz ohne die gewöhnliche süszigkeit ihrer stimme Spielhagen s. w.³ 1, 87; mit erotischem nebensinn: so dasz sie den ersonnenen betrug endlich aussagte, in einer stimme, welche mit süszigkeit die sinnen band Heinse 3, 285 Schüdd.; von ästhetischer wirkung, s.süsz I C 2 a und unten 4 a:
gezieret was mit süezekeit
sîn sprâche als ein geblüemet wise
Konrad v. Würzburg Silvester 494 Ger.;
des wohlklangs reiz, des verses süszigkeit
J. A. Ebert episteln u. verm. ged. (1789) 319.
wie süsz I C 2 b im sinne des erwünschten, verführerischen: aines jeden verkerten lerer, der sein schrift und wort süesz macht, auf daz sy lieplich ze lesen und lustig ze hoeren sey. aber solche süessikait (spricht Job) sein poese würmel Berthold v. Chiemsee theolog. 4 Reithm.
c)
zur bezeichnung einer angenehmen körperlichen empfindung überhaupt (s.süsz I D). früh, aber singulär zu süsz I D 1, von der jahreszeit:
als die zit leidet
swenne der sumer scheidet,
also scheidet daz leit
gegen der zite suzzekeit
Herbort v. Fritzlar liet v. Troye 2360.
gelegentlich im bereich I D 2, auf schlaf und nichtstun bezogen:
dardurch wirdt zwungen
der mensch, in süszigkeit entschlefft
Hans Sachs 9, 183 K.;
Montaigne liesz sich aus dem schlafe wecken, um die süszigkeit des wiedereinschlafens zu schmecken Gaudy (1844) 8, 153; die süszigkeit und die liebligkeit des muͤszigganges theatr. diabolor. (1569) 273ᵃ. häufiger in der kennzeichnung des körperlich erotischen genusses, zu süsz I D 3 a, b, vgl. voluptas wollust vel sussigkait des libs (ende d. 15. jh.) Diefenbach gl. 628ᶜ. in erotisch gefärbter Christusmystik:
so ward mir (Maria Magdalena im verkehr mit Christus) zung, lepf, munt,
der lip bis uf des herzen grunt
gar vol der süessen süessenkait
sœlden hort 9734 A.;
(beide) sich in das grüne grasz saczten do peyder willen in süszickeit der liebe verpracht warde Arigo decamer. 96 Keller. in der verbindung süszigkeit der welt (doch s. auch 3 a): (Masetto die nonnen) mit sampt der ebtissin beschlieffe, alle mit im die süszikeit der welte versuchten ebda 165, vgl. 96; indem sie nun fast ein jahr alle süszigkeit reichlich gnung eingenommen und gleichwohl keine gewiszheit vor augen sahen, ob Florindo seine güter auff einen leibeserben fortpflantzen würde Chr. Weise d. drey klügsten leute (1675) 3; ist es natürlich, dasz die wölfin für die süszigkeit der küsse besorget sey? Breitinger critische dichtkunst (1740) 1, 245;
den purpurmund, in dessen süszigkeit
sie schwelgt, und dennoch über dürre klagt
Freiligrath ges. dicht. (1870) 6, 209.
im übergang zu 3: was die süszigkeit ihrer unbekümmerten hingebung, was ihre liebkosungen, was ihr warmes, schwellendes umfangen in dem manne aufregen musz, der sie liebt O. Ludwig 1, 321 Schm.-St.
3)
zur kennzeichnung geistig-seelischer wirkungen im sinne des angenehmen, erfreulichen, entsprechend süsz II A; gern in verbaler verbindung mit schmecken, kosten, versuchen u. ä. und auch sonst fühlbarer als das grundwort unter einflusz der geschmacksbedeutung.
a)
der einem zustand, einer sache, einem erlebnis innewohnende genusz oder reiz, s.süsz II A 1; z. t. in festen verbindungen. schon früh süszigkeit der welt (vgl.süsze 3 a), von den freuden des weltlichen lebens; zunächst in religiösem gebrauch und mit negativem akzent: ir sult sîn stark gein der untugende, swenne sie iuch ane vihtet, daz ist des fleisches gir unde der welte süezekeit und des tiufels ræte Berthold v. Regensburg 1, 54 Pf.; wann unser verdienen statt nit in trost unnd süszikait der welt besunder in vill widerwertikait und trübsall zuͦ leiden Geiler v. Keisersberg granatapfel (1510) f 3ᶜ; ohne nebenton:
(mein schatz) redet von der wahrheit,
redet von der treuheit,
redet von der welt süszigkeit,
redet von der welt end
A. v. Arnim (1853) 14, 481.
süszigkeit des friedens: solche süszigkeit des friedens und ewige freundschafft M. C. Schütz histor. rer. pruss. (1592) 5. buch j 2ᵇ; in einer zweiundvierzigjährigen regierung genosz er die süszigkeit des friedens auch nicht einen tag Schiller 4, 109 G. entsprechend dem wertbegriff süsz II A 1 c süszigkeit des lebens, daseins: ainer küniglichen maget, die erst in erkantnusz gat menschliches lebens und wesens und erst anfahet ze schmeken iere suͤszikait Stainhöwel de claris mulieribus 230 lit. ver.; ich achte nicht die gefahr, nein! nur die süszigkeit des lebens Cl. Brentano Godwi (1801) 1, 206; Egmont glücklich, heiter, verliebt ohne entschiedene leidenschaft, der süszigkeit des daseins edel genieszend, mit lebenslust dem tode entgegengehend Göthe I 41, 2, 190 W. anderes mehr gelegentlich:
minn aller dinge süezekeit
mit vröuden übergüetet
Konrad v. Würzburg troj. krieg 2540;
denn ungewisse dinge ... lassen sich leichter vergessen als die, von deren süszigkeit man schon einen vorschmack genossen, entpehren Lohenstein Arminius (1689) 2, 566ᵃ; die suͤszikait der künsten Stainhöwel de claris mulieribus 303 lit. ver.; wenn er erst beginnet, die süszigkeiten der wissenschafften zu schmecken Chr. Scriver seelenschatz (1737) 1, 503ᵇ; als sie nun dieses rhums suͤszigkeit erschmoͤcket Chr. Wurstisen Pauli Aemilli hist. (1572) 1, 71; zum erstenmal schmeckt ich die süszigkeit einer gemächlichen lebensart Musäus physiogn. reisen (1778) 3, 18; was dem schneider die süszigkeit des eignen herdes verbitterte O. Ludwig 2, 17 Schm.-St.
b)
vom beziehungswort mehr gelöst oder ohne ein solches, für das angenehme, eine annehmlichkeit, ein angenehmes erlebnis, in ähnlicher verdinglichung wie unter 1 b im sinnlichen bereich: ihnen (den wissenschaften) haben wir die meisten bequemlichkeiten und süszigkeiten des menschlichen lebens zu danken H. v. Fleming teutsche soldat (1726) 96; da ... ein krankenlager in Ober-Leutsch auch nicht zu den beneidenswerthesten süszigkeiten des lebens gehören möchte Herm. v. Barth Kalkalpen (1874) 614; er fand noch all die gegenden, wo er so viele süszigkeiten genossen hatte Jung-Stilling s. schr. (1835) 1, 179; wenn alle romane wären wie die schöne Argenis, ... würde man den nutzen mit der süszigkeit nicht leicht anders wo besser vermischet finden Leibniz dtsche schr. (1838) 2, 414. in älterer sprache auch soviel wie 'wohlbefinden, lust':
er (der neid) machet daz dur fremde süezekeit ein herze sûret
Konrad v. Würzburg lieder 32, 81.
vgl. oblectatio süssigkeit (ende d. 15. jh.) Diefenbach gl. 387ᵇ.
c)
zur kennzeichnung eines beglückenden, beseligenden gefühls- oder gemütszustandes, entsprechend süsz II A 2.
α)
in christlich-kirchlichem sprachgebrauch, namentlich in mystischer oder mystisch beeinfluszter literatur. in der weiterentwicklung von 5 a α (s. d.), sofern die göttliche süszigkeit an den menschen mitteilbar wird, zur beschreibung eines inneren zustandes, für verschiedene stufen religiöser erbauung, erfüllung und andacht: got sehen in der sele mit saͤlger vroͤde und mit froͤlicher suͤsskait St. Georgener pred. 220 R.; inwendighe soticheit Joh. Veghe 256, 4 Jostes; die anfahenden menschen, die haben etwann gnad und entpfinden etwas süszikeit und geistlichs trostes Geiler v. Keisersberg emeis (1516) 30; 'selig ist der mensch der got trawet', denn der selb wirt gottes werck ynn yhm erfaren, und alszo zu der empfindlichen suszigkeit, da durch zu allem vorstand und erkentnisz kummen Luther 7, 550 W.; mit näherer bestimmung: das sy yetz mit kraden fuͤszen und rychtigem hertzen in syeszigkait ains starcken glaubens ... lauffend den weg goͤtlicher gebott Philadelphius Regius v. luther. wunderzaychen (1524) b 1ᵃ; sie vergassen offt dess leibes notdurfft von wegen der groszen suͤszigkeit der goͤttlichen beschawung Joh. Arnd Thomas a Kempis (1631) 21. von hier aus noch zu verstehen: geistliche, himmlische etc. süszigkeiten Kramer t.-ital. 2 (1702) 1042ᶜ; welcher mensch einmal die süszigkeit der zukünftigen welt geschmecket hat Jac. Böhme 5, 574 Schiebler. auch im sinne von 'verzückung, ekstase':
sin gebet pflac er lesen mit inneclicher andacht;
dar abe er dicke wart gebracht zu harte grozer suzekeit
passional 11, 1 Köpke;
da kam sanct Dominicus in eyn grosz suͤszikeyt und ward entzückt in den hymel d. summerteil d. heyligen leben (1472) 120ᵃ; darumb der heilige prophet ist verzuckt worden in eine grosze suͤszigkeit der seele F. Fabri eigentl. beschreibung (1557) 83ᵃ; vgl. noch: eine unbeschreibliche süszigkeit, sagt er (der heil. Franziscus), durchdringt ihn, wenn er gott schaut R. Binding Angelucia (1937) 26.
β)
im bereich äuszerer erfahrungen und erlebnisse, s.süsz II A 2 a: zwar könte er den Römern nicht gar recht geben ... und die süszigkeit der rache widersprechen Lohenstein Arminius (1689) 1, 22ᵇ;
und von der syszigkeit der heilgen freundschaft
Wieland I 1, 357 akad.;
wer ... die süszigkeit der freundschaft genieszen ... wollte, würde sein verdienst verläugnen müssen Justus Möser s. w. (1842) 2, 189; mit welchem bedacht werde ich jetzt die süszigkeit eíner stunde einschlürfen v. Thümmel reise in d. mittägl. prov. v. Frankr. (1791) 1, 82; ach, stören sie die süszigkeit dieses momentes nicht durch unnöthige worte W. Raabe schüdderump (1870) 3, 162; da ich die süszigkeit des schaffens kennen lernte A. Stifter s. w. (1901) 3, 245; unendlich schwer wird diese üble gewohnheit (das almosengeben) ablegen, der einmal ihre ganze süszigkeit gekostet hat M. v. Ebner-Eschenbach (1893) 4, 333.
γ)
allgemein im psychologischen bereich, s.süsz II A 2 b α; besonders soviel wie 'freude, lustgefühl':
ein 'lachen' unverbrochen
uz des herzen suzekeit
meinende kein arges leit
Daniel 3391 Hübner;
hieraus entstehet eine gewisse kützelnde und höchst angenehme süszigkeit in eurem hertzen d. vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 30; ich nenne dieses keine lust, wo die nachfolgende unlust die vorhergehende süszigkeit zu überwägen pfleget Chr. Weise polit. redner (1677) 147. auf bestimmte empfindungen bezogen: die süszigkeit der ersten empfindung einer fremden vollkommenheit Leibniz dtsche schr. 1, 421 Guhrauer; das frohe erstaunen, die süszigkeit der überraschung traten mit der lust an den heitern gebilden in einen erquicklichen bund Fouqué zauberring (1812) 1, 149; zu gegensätzlichem gefühl gestellt: ob es gleich meiner unabhängigen seele schmerzlich ist, einen gebieter zu haben, so ist doch einige süszigkeit in diesem schmerz Wieland I 3, 13 akad.; ich wuszte (in einem traum) recht gut, dasz er bald sterben würde; ich hatte ihn unendlich lieb und suchte ihm dies auf alle weise an den tag zu legen. ich wüszte nicht, dasz ich jemals eine empfindung von so wunder süszigkeit (ich finde kein anderes wort) gehabt hätte Hebbel tageb. 1, 276 Werner.
δ)
von der gefühlswirkung der liebe, wie süsz II A 2 b β:
mir ist dicke vil geseit
von minnen und ir süezekeit
Ulrich v. Zatzikhoven Lanzelet 916;
zu stund mein hertz durchgieng
ein süszigkeyt der lieb
Hans Sachs 3, 383 K.;
der liebe süszigkeit, der liebe macht,
der liebe herrlich himmlische natur
Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 8, 40;
das alles, laut und bild, ist beladen mit der süszigkeit erster, erwachender minne O. Gmelin Konradin reitet (1933) 30; (sie) die reden ... gegen ires Lirianders conterfeyt ... richtete, ihrer lieb dergestalt durch suͤszigkeit diss annemblichen betrugs schmeichlend theatr. amoris (1626) 193; aus der süszigkeit ihrer zärtlichen träume wurden sie (die liebenden) durch einen lärm geweckt, welcher auf der strasze entstand Göthe I 21, 15 W.; ohne beziehungswort: und doch war es ihm, als ob er es eigentlich von jeher gewuszt und gekannt hätte, was ihn jetzt mit so wundersamer süszigkeit erfüllte (Salis liebe zu Vrenchen) G. Keller (1889) 4, 105. in gegensätzlicher gefühlsmischung:
und was iedoch sîn smerze
gemischet mit der süezekeit
daz er die nôt vil sanfte leit,
die sîn gemüete danne enpfienc
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 16085;
o suͤszigkeit in schmertzen!
o schmertz in suͤszigkeit!
Spee trutznachtig. (1649) 8.
4)
als ästhetischer begriff; namentlich auf dem gebiet der sprache und kunst, schwächer in der bezeichnung körperlicher schönheit entwickelt, umgekehrt wie beim grundwort, s.süsz II B.
a)
zur kennzeichnung künstlerischer eigenart, ästhetischer wirkung im sinne der 'anmut, gefälligkeit, weichheit', vornehmlich im 18. jh.; auf dem gebiet der sprache und sprachform, zunächst noch unter einflusz von 2 b:
bleibt also darbey, dasz unsere teutsche sprach
reich an milde, reich an guͤte, voll donner ...
maͤnnlichen gelaͤutes, flieszender suͤszigkeit
J. H. Schill d. teutsch. sprach ehrenkranz (1644) 190;
abstrakter: es fehlt bei Aristoteles freilich die schöne form Platos, diese süszigkeit der sprache Hegel (1832) 14, 314; und in der sprache Miltons insonderheit selbst herrschet hier eine süszigkeit, ein anmuth, die uns in das paradies selbst versetzet Herder 3, 234 S.; vom inhalt her bestimmt: liebesgedichte ... von ungläublicher süszigkeit Morhof unterr. v. d. dtsch. spr. (1682) 1, 270; die schäferpoesie vergnügt uns durch ihre süszigkeit und einfalt Ramler einl. in d. schön. wissensch. (1758) 2, 38. der abschätzige sinn liegt nahe (s. u. 6): jener (Hofmannswaldau) erlangt in der that eine gewisse weichliche schmeichelnde süszigkeit Scherer lit.-gesch. 362. ungewöhnlich: seine empfindlichkeit, die keine schnurre und keine posse, sondern nur erhabenheiten und süszigkeiten gestatten wollte Gervinus dtsch. dicht. (1853) 5, 22. seltener auf anderen kunstgebieten: holde anmuth und zerschmelzende süszigkeit war sein vortrag, so wie der styl seiner compositionen Schubart ästhet. d. tonkunst (1806) 92; (in Mozarts F -dur-messe) tritt uns jene wunderbare schönheit frei und rein entgegen, welche Mozarts eigenstes eigenthum ist und die ich als süszigkeit bezeichnen möchte O. Jahn Mozart (1856) 1, 477; auf die stumpfen rundlichen theile und eine gewisse süszigkeit des styls bedacht nehmend H. Meyer gesch. d. bild. künste (1824) 3, 174.
b)
als ausdruck körperlicher schönheit, gern bildhaft:
mit suszekeit befuͤhtet,
mit clarheit überluͤhtet (der mensch im paradies)
Heinr. v. Neustadt gottes zukunft 7516 Singer;
in erotischem zusammenhang stets auch auf wirkung und genusz der schönheit zielend:
du schinnst, bist mir doch bald erblichen,
mit deiner süszigkeit gewichen
Hans Sachs 17, 73 K.-G.;
darumb hat dich gots gütigkeit
mit der schönen fürstin begabet,
das du durch ihre süszigkeit
werdest den göttern gleich erlabet
Weckherlin 1, 130 lit. ver.;
so hatte dennoch das schicksal die erstlinge ihrer süszigkeiten (d. h. den ersten genusz ihrer schönheit) einem andern aufgehoben d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 184. auch in erotischer anrede, wohl durch süsz II D 2 'lieb, geliebt' mitbestimmt: got gruͤsz dich, ainiger trost, mein hertz und mein suͤszigkait! Albrecht v. Eyb dtsche schr. 2, 124; ich will es dir nicht bergen, kleine süszigkeit, dasz mir zuweilen bange wird E. M. Arndt in: br. an Johanna Motherby 90 Meisner; vom kinde: sentimentale erzähler lassen gefundene kinder lächeln, wie schlafende engel, lassen süszigkeit und holdseligkeit ... um die unschuldigen züge spielen S. Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 11. als reiner schönheitsbegriff: hat ... der künstler ... ein bild einer hohen schönheit gegeben, über welches sich eine unaussprechliche süszigkeit ergieszet Winckelmann w. (1808) 4, 78, vgl. 4, 90 u. 6, 261; es liegt im menschlichen geschlechte das wundervolle ding der schönheit. wir alle sind gezogen von der süszigkeit der erscheinung und können nicht immer sagen, wo das holde liegt A. Stifter (1901) 3, 224;
ein lächeln adeliger frauen gosz
noch einmal süszigkeit in sein verfrühtes
vollendetes gesicht
R. M. Rilke ges. w. (1927) 3, 74.
5)
im religiös-ethischen anwendungsbereich süsz II C, im bezirk der gnade oder freundlichkeit; weniger als beim grundwort im sinne aktiver äuszerung, sondern mehr auf das zuständliche gehend und fast stets in bildhafter anspielung auf die sinnlichen bedeutungen von süsz.
a)
in religiöser sprache früh und kräftig entwickelt, im 13. und 14. jh. sogar das hauptanwendungsgebiet des wortes; nachklänge sind bis in den religiösen barock hinein spürbar (s. auch oben 3 c α).
α)
als terminus der mystik im sinne eines substanzbegriffs, in dem sich bildhafte anknüpfungen an süsz I A 1 a 'wohlschmeckend', b 'erquickend' (vom wasser), I D 1 c 'belebend, erquickend' (vom tau) und anklänge an den erotischen gebrauch I D 3 vereinigen: daz uns von dem vater unde von deme sune unde von deme heiligen geiste unsageliche süezekeit wirt gegeben Berthold v. Regensburg 1, 287 Pf.; daz er si (deine begierde) raitze und daz er dir gebe ze versuͦchen ainen tropfen siner suͤssekait, daz du da bi merkest die überflüssigen guͤti die dich durch fliessent wirt nach disem libe St. Georgener pred. 171, 14 R.; ja, es sint vil menschen die also sint gewesen durchflossen mit suͤssekeit durch ir lip und durch ir sele Tauler pred. 86, 10 V.; vgl. 33, 23; des miniklichen gruss ussfliessend sussigkeit, die die ewig minne des heiligen geistz usz dem vetterlichen hertzen durch das ewig wort gezogen hat Heinrich v. Nördlingen bei Steinhausen privatbr. d. mittelalt. 2, 10; mit den worten macht gott aller wellt hertz lachend und frolich und durchgeuszt alle creatur mit eyttel gottlicher suszickeyt und trost Luther 20, 228 W.; du (Jesus) wollest selber in unsere herzen die menge deiner süszigkeit ausgieszen ostfries. kirchenordnung (1631) 87.
β)
entsprechend süsz II C 1, in dem mehr abstrakten sinne von 'güte, gnade', auch 'heilsamkeit': ey wie ein freuntlicher feiner gott ist das, ist er doch nichts denn eytel süszickeit Luther 24, 39 W.;
dan unser gott so milde
voll suͤsz- und guͤtigkeit
Spee güld. tugendbuch (1649) 147;
ein blick der freundlichkeit,
der gnad und süszigkeit
von deinem angesicht,
der machet alles licht
Freylinghausen geistreiches gesangb. (1771) 550ᵇ;
da werd ich deine (Jesu) süszigkeit,
die jetzt berühmt ist weit und breit,
in reiner liebe schmecken
Joh. Heermann bei Fischer-Tümpel 1, 294.
in der übertragung auf die göttliche person selber:
Jesu meine süszigkeit,
Jesu trost in allem leid
A. Silesius heil. seelenlust 18 ndr.
fest in der Marienmetaphorik: gegruͤszet seyest du küngin der barmhertzigkeit, leben, suͤszigkeit und unser hoffnung manuale curatorum (1516) 61ᵇ; Luther 10, 3, 321 W.des weiteren:
ez rîse ûf dich der sælden tuft
und der gnâden süezekeit
Konrad v. Würzburg Silvester 1391 Ger.;
jedes von euch hat gewisz in dem verflossnen jahre einmal ... die süszigkeit der gnade gottes empfunden J. M. Miller pred. f. landvolk (1776) 1, 47; bit got umb gnade, ee wirstu di süszigkeit der wort gottes nit schmecken Baltasar Stanberger ein dialog. zw. einem prior, leienbruder u. bettler b 2ᵃ; die süszigkeit göttlicher liebe hat ihnen allen bittern schmertzen gelindert Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 254.
b)
im bereich süsz II C 2-4, auf menschliche beziehungen angewendet. von der rede meist in der peiorativen bedeutung 'schmeichelei':
wan von der worten suͤssekeit
geschicht vil manig herzeleid
Boner edelstein 12, 55;
ihre (der schmeichler) worte seyn mit süszigkeit vermischet Butschky Pathmos (1677) 6; es giebt eine art, süszigkeiten zu sagen, die das ansehn hat, als wollte man grade das gegentheil thun Knigge umgang mit menschen (1796) 1, 178. speziell auf die erotischen beziehungen angewendet: die erste freundliche verainigung soll anfangen mit süsigkait und holdseligkait des munds, der stimm und worten Fischart w. 3, 127 Hauffen; schäckre mit ihr, sag ihr süszigkeiten vor, und leck ihr die hände J. M. Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 123. von sichtbarem ausdruck, von formen des umgangs und der persönlichen haltung; mit und ohne negativen ton: ich ... sah, dasz ihr auge mit süszigkeit an dem antlitze des knaben hänge A. Stifter (1901) 3, 241; dasz ... die süszigkeit, die sie im umgange vor zeugen zur schau trugen, viel zu gemacht war, um aufrichtig zu sein Holtei erz. schr. 3, 100. 'sanftmut, milde': das ... yn unsz regire eynfeltige süszickeyt und brüderliche trew Luther 10, 2, 399 W.; die ganze letzte zeit war sie sanfter und lieblicher als je, ihr ganzes wesen in süszigkeit aufgelöst Schelling (1809) bei Plitt aus Schellings leben 2, 186;
und dennoch mischt kein bitter sich entstellend
in ihres wesens milde süszigkeit?
O. Ludwig 3, 432 Schm.-St.
religiös, entsprechend süsz II C 4: alsso geschiet es, das wu nit denn eyttel suͤszickeyt der hertzen gegen got seyn solt, das do selbest nichts ist, denn forcht, sorge, angst und alle nott Luther 8, 518 W.
6)
abschätzig im sinne von 'süszlichkeit, geziertheit, weichlichkeit', vgl.süsz II E und oben 4 a, von künstlerischer ausdrucksform wie menschlicher umgangsart: mit der unleidlichen süszigkeit eines jungen akademischen kathederredners Gerstenberg recensionen 312 lit.-denkm.; die allzu weichliche zärtlichkeit und süszigkeit Abels macht ihn widerlich Solger nachgel. schr. (1826) 1, 69 Tieck; die süszigkeit im umgange ist ein fehler, welcher alle wesentliche charaktere der menschlichen alter aufhebt d. jüngling (1768) 87.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1942), Bd. X,IV (1942), Sp. 1337, Z. 35.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
sühnungsweg
Zitationshilfe
„süszigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCszigkeit>, abgerufen am 08.07.2020.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch (¹DWB)