Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

süszlich, adj., adv.

süszlich, adj., adv.
ahd. suozlih (adv. suozlîcho), mhd. süezelich (md. suzlich), adjektivbildung zu ahd. suozi mit -lîch; süszleich Hans Sachs 19, 107 K.-G., Puschmann meistergesang 37 ndr.; sieszlichen, soeszlichen Diefenbach gl. 558ᶜ. md. in umlautloser form und in speziellerer bedeutung (s. u. 2 a β): suszelich Kehrein Nassau 1, 401; suszlich Schmidt westerwäld. 246 u. ö. neben süszlich stehen, seit dem mhd. bezeugt, aus süeze und -lecht, -locht (-lot) zusammengesetzte bildungen, vgl. mhd. süezlot Konrad v. Megenberg 330 Pf.; seit der zweiten hälfte des 16. jh. und bis ins späte 18. jh. süszlächt, süszlecht (süszelecht Sebiz feldbau [1579] 403), vereinzelt noch um 1800: süszlecht M. Claudius (1775) 3, 26. daneben seit dem 17. jh. süszlicht, noch bei Kretschmann s. w. (1784) 2, 27; Schiller 14, 239 G., süszelicht bei Jung-Stilling (1835) 2, 307; im 16. und 17. jh. auch süszlechtig Zoleckhofer vilvaltig beschreib. (1564) 15ᵇ; Stieler stammb. (1691) 2242, vereinzelt suͤszlechtlich Paracelsus chir. bücher (1618) 531 H. aus der schriftsprache sind diese formen heute zu gunsten des einheitlich geltenden süszlich ganz verschwunden, doch leben sie in obd. mundarten weiter: süeszlacht, -lachtig, -lächt, -lächtig, -locht, -lochtig schweiz. id. 7, 1411; süeszlecht Martin-Lienhart elsäss. 2, 377ᵇ; süszlecht Fischer schwäb. 5, 1972; süaslɐt Bacher Lusern 399; Tschinkel Gottschee 317. diese mit -lecht, -locht, -licht gebildeten formen hatten schon im mhd. neben der vollen besonders deminutive bedeutung, s. u. 2 (vgl. mhd. gelbloht, krümpeleht, lenkloht u. a., z. b. daz ainr lai ist weiz ... daz ander ist gel und daz dritt undergel oder gelblot Konrad v. Megenberg 369, 11 Pf., swarz oder swarzlot ebda 23, 35, s. auch Wilmanns gr. 2, 469, H. Schwarz das suffix -lich[t] bei adjektiven im nhd., Freiburg. diss. 1905, vgl. auch oben s. v. grünlich teil 4, 1, 6, 955). die deminuierende bedeutung von süszlich, die im jüngeren gebrauch des wortes, besonders seit dem 18. jh., sich ausbreitet (s. u. 2), wird durch den einflusz von süszlecht, -lich(t) mitbestimmt und vorbereitet sein, zumal nach dem lautlichen zusammenfall der suffixe.
1)
in der bedeutung von süsz, in dessen vollem gehalt, aber vorwiegend in abstrakten verbindungen (s. Grimm gr. 2, 660) und stärker adverbial als adjektivisch gebraucht; über das 17. jh. hinaus nur noch vereinzelt bezeugt: Triller poet. betracht. (1750) 1, 16; Claudius (1775) 3, 26; Hölderlin 1, 69 Litzmann; O. Ludwig 2, 342 Schm.-St.
a)
am ältesten und verbreitetsten im religiös-ethischen bereich süsz II D, auf eine haltung und gesinnung bezogen, in vielfacher schattierung. 'freundlich':
gab druhtin antwurti   mit suazlecheru milti
Otfrid III 18, 57, vgl. II 8, 15 u. V 116, 11;
mit sûzilîchen grûzen
si knîde vor sîne vûze
der wilde mann Vespasian 115 Köhn;
o, wie süszlich hast mich getröst
Hans Sachs 12, 499 K.-G.
selten als epitheton gottes: dâ trenke unser sêle mite, mit den gnâden dîner süezlîchen gotheit dtsche mystiker 1, 386 Pf.; mit dem nebensinn des schmeichlerisch-verführerischen: condulcare suszlichen reden (15. jh., md.) Diefenbach gl. 141ᵃ; vgl. noch poetisch:
zustürzend im taumel
dem lockenden, süszlichen lasterarm
Hölderlin 1, 69 Litzmann.
'gern, willig': avide suazlicho (8.-9. jh.) ahd. gl. 2, 315, 1 St.-S., vgl. 298, 3. 'gut, fromm':
ih ougta iu ...
fon mines fater guati   suazlicho dati
Otfrid III 22, 38.
namentlich auch 'innig, zärtlich':
dat he van minnen
suzliche brinne
Marienlieder in: zs. f. dt. alt. 10, 88;
gesegne dich gott, mein köstliches kleinot, das ich so gar süszlich und lieblich geliebt habe buch d. liebe (1587) 276ᵈ;
da rinnen mir die zähr ohn zahl,
gar süszlich ich musz weinen
Spee güld. tugendbuch (1649) 26.
b)
seltener in anderen abstrakten bereichen des grundworts; so im ästhetischen (s.süsz II B), vgl. lepide soeszlich (1507) Diefenbach gl. 324ᵇ:
... den dûch hân ich bihalden,
vil sûzilîche is hê givalden
der wilde mann Vespasian 118 Köhn;
mehr im sinne von 'angenehm', zu süsz II A:
mit suazlichen gilustin
Otfrid II 14, 98;
er sey gleich arme oder reich
so ist sie im (die frau ihrem manne) ein trost süszleich
Hans Sachs 19, 107 K.-G.;
sie (Maria Magdalena) ruffet ihm (Christus) zur stundt;
mit süszlich-herben pfeilen,
laufft, geht und steht verwundt
Spee trutznachtig. (1649) 56.
c)
zur kennzeichnung sinnlicher empfindungen.
α)
als geschmacksbezeichnung, s.süsz I A:
ime was geseit, der kerne (der nusz)
were suͤslich unde guͦt
Boner edelstein 2, 5;
daz sint mori oder rubi silvestres, die haizent prânper oder kratzpaum und ir früht sint geleich den haimischen maulpern und sint auch süezlot wenn si zeitig sint Konrad v. Megenberg 330 Pf.; die frücht (des maulbeerbaums) seint zweyerley: saur und noch nit zeytig und die andern volkommen zeytig unnd suͤszlecht (acria non perfecte matura, aut perfecte dulcia maturata) Petr. de Crescentiis v. d. nutz d. dinge (1518) 67ᵃ; so wird durch dieses mittel desz weins rauhe, scharffe und herbe säure ... dergestalten verändert, geschlacht, lieblich und süszlecht gemachet Gockelius curiose beschreib. (1697) 9;
es drückte die ergrimmte schraube
den zarten leib der süszlich-sauern traube
Triller poet. betracht. (1750) 1, 16.
das heyrathen ... schmeckt anfangs süszlecht, und die leute meinen denn, es werde ewig so fortgehen M. Claudius (1775) 3, 26.
β)
als bezeichnung einer geruchsempfindung, zu süsz I B:
dergeleichen da süszlich ruchen
die fladen und die ayerkuchen
Hans Sachs 9, 39 K.-G.;
oder sie (die blumen) werden nach ihren geruch genennet, süszliche, zarte Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 205; süszlichter geruch odor suavis, fragrantia Stieler stammb. (1691) 2242.
γ)
mit einer gewissen vorliebe, wie bei süsziglich (s. d. unter 3), von gehörseindrücken, zu süsz I C:
daz beide cleine unde grôz
durh den sûzlîchen dôz ...
vergâzen unse herzeleit
Straszburger Alex. 5218;
vgl. Konrad v. Megenberg 16, 2 Pf.; Dioneo die lauten, Fiametta die geigen peyde anhuben mit süslichen und lieplichen stimmen ze spilen Arigo decamer. 15 Keller;
die bächlein krumb geflochten
auch lieblich stimmen ein ...
gar süszlich sausen drein
Spee trutznachtig. (1649) 2.
δ)
auch von allgemeinen körperlichen empfindungen, s.süsz I D; besonders in der adverbialverbindung süszlich schlafen:
vil sûzlîch er slief
Straszburger Alex. 5465;
vgl. soporare suszelich slaffen (15. jh., md.) Diefenbach gl. 542ᵇ;
dasz ich
süszlich
ausgerastet (d. i. geschlafen)
Grob dichter. versuchgabe (1678) 127.
körperlich erotisch:
wie süszlich der huldinnen brünstiger kusz
Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 5 (1645) )( )( )( 8ᵃ.
von wehendem wind, 'sanft, milde':
als ich wol an den winden fühle,
die jetzund so süszlich wähn
Bäumler kath. kirchenlied 1, 562.
eigenartig, etwa 'kribbelig': ich könnt die nadel nicht halten, so süszlich ist mirs in den händen, und meine füsz kann ich nicht still halten; sie fangen von selber an zu hopsen O. Ludwig 2, 342 Schm.-St.
2)
in deminutiver oder peiorativer bedeutung.
a)
im eigentlichen gebrauch, nur auf geschmacks- und geruchsempfindungen bezogen.
α)
allgemein, 'etwas süsz, süszähnlich'. im bereich süsz I A 2, zur kennzeichnung geringer intensität, vgl. dulciculus suͤszlaͤcht, minder und mer suͤsz Frisius (1556) 453ᵃ; subdulcis süszlecht, ein wenig süsz Calepinus XI ling. (1598) 1397ᵇ; süszlecht dulciculus, subdulcis Schönsleder promptuar. (1618) H h 5ᵇ; süszlicht subdulcis Stieler sprachkunst (1691) 60; 'süszlich ... was einiger maszen süsz schmecket'; ein süszlichter wein a wine somewhat luscious Chr. Ludwig t.-engl. (1716) 1931; süszlich dulciculus, subdulcis Steinbach (1734) 2, 779; süszlich ein wenig süsz Adelung wb. 4 (1801) 508: dise fisch ... habend ein ... gesund, lieblich und loblich fleisch, suͤszlaͤcht, welches in dem menschen ursachet ein guͦt gebluͤt Forer Geszners fischb. (1563) 14ᵃ; etwas süszliches schmeckte man zuweilen vor, insbesondere wenn die frucht (des brotbaumes) sich der reife näherte G. Forster s. schr. (1843) 3, 343; die wirkungen ihres süszlichen versetzten weines Gervinus gesch. d. dtsch. dicht. (1853) 1, 294. besonders auch dort, wo es sich um nicht genieszbares handelt, und dann mehr zur bestimmung einer geschmacksrichtung oder -annäherung: (alaunschiefer) hat einen süszlichen ... geschmack A. G. Werner oryktognosie (1792) 100; sie (die galle) ist röthlich, schleimig und schmeckt süszlich oder fade und nicht bitter Sömmerring menschl. körper (1839) 7, 523. zu gegensätzlichem begriff gestellt: engelsüsz ... hat den namen bekommen wegen seiner suͤszlecht-herben wurtzen v. Hohberg georg. cur. (1682) 1, 549; frucht (der glaskirsche) süszlich-sauer Oken (1839) 3, 2051; den finger alsdann an seine zunge führend. — nun? — 'süszlichscharf' Laube (1875) 15, 459. in der geruchssphäre: sy (die petersilie) ist am geruch sueszlecht, lieplich, und doch etwaz durchtringendt Thurneysser influent. wirckungen (1578) 89ᵇ. zu süsz I B 2: suszern, heiszet: eine wild- und süszliche witterung von sich geben Heppe aufricht. lehrprinz (1751) 336; scharfer, süszlicher wohlgeruch (eines parfüms) R. Hohlbaum Stein (1934) 228; vgl. suszelich riechen sagt man von einem süszlichen back- oder bratendampfe Albrecht Leipzig. 220ᵇ.
β)
oft mit dem beisinn des widrigen, faden, unangenehmen: (die rinde des roten hollunders hat) nicht den süszlich-widerlichen geruch (des schwarzen hollunders) Zschokke s. ausgew. schr. (1824) 11, 202; länger wie ne stund halt ichs bei den alten bildern (im museum) nicht aus. schon von wegen dem süszlichen geruch nich H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 216. im bilde:
die menschenlieb, die milch,
von der der menschheit brei so süszlich schmeckt,
die kinderspeise für entnervte magen?
O. Ludwig 3, 198 Schm.-St.
so besonders in westmd. mundarten, in umlautloser form wohl im anschlusz an vornehmlich ofränk. suszeln (s.süszeln 1): suszelich 'widrig süsz, wie erfrorne kartoffeln schmeckend' Kehrein Nassau 1, 401; Crecelius Oberhessen 828; Schön Saarbrücken 207; suszlich 'widrig süsz' Schmidt westerwäld. 246. schon bei Stieler suszlich, von süszlich (s. oben 1 c β) geschieden, in der anwendung auf widrigen, ranzigen, faden geruch: suszig und suszlich, it. suszend olidus, rancidus, foede olens, nidorem mustulentum exhalans ... suszichtes wildpret caro ferina olida, putrida, gravis odoris stammb. (1691) 2243; in ähnlicher anwendung bei Kramer als süszlicht und suszelicht teutsch-ital. 2 (1702) 1042ᵇ u. 1042ᶜ.
b)
in der zweiten hälfte des 18. jh. erfolgt die anwendung auf geistiges in dem verächtlichen sinne von 'geziert, fade, weichlich', teils mit anlehnung an den abschätzigen gebrauch süsz II E, teils in analogie zu anderen peiorativbildungen wie kleinlich, weichlich u. ä. sowie als übertragung der physiologischen empfindung des widrigen, faden (sieh oben a β).
α)
in der kunsttheoretischen sprache soviel wie 'fade, geziert, geschmacklos' und überhaupt 'kitschig', im ganzen mehr auf die form als den gehalt künstlerischer darstellung zielend; besonders im literarischen: auszerdem ... hätten sie (die verfasser) die süszliche satyre nicht anbringen können, die noch immer eine gattung von lesern bezaubert br. d. neueste litter. betreffend 15 (1763) 142; seine 'volksmärchen' ... 'Haimonskinder', eine süszliche umdichtung der 'schönen Magelone' Scherer lit.-gesch. 577. in der musik: von den ... süszlichen und weichlichen und kläglichen melodien Schleiermacher Platon (1804) 6, 207; (er) sang sogleich ... ein zärtliches lied, so übertrieben und süszlich, dasz Friedrich fast übel wurde Eichendorff (1864) 2, 80. in der bildenden kunst: nachdem unter den französischen mahlern die süszliche, lüsterne, fade manier des Boucher ... vorübergegangen war Göthe II 3, 380 W.; sie (die krippenfiguren) sind nicht ungeschickt, sondern roh, und in besserer ausführung wirken sie süszlich Liller kriegszeit. (auslese 1915) 2, 282. von hier aus erweitert: und bestieg ... einen steinblock als piedestal, auf welchem er mit verrenkter körperhaltung und süszlichem mienenspiel die bildsäule einer zopfigen veritas ... zur erscheinung brachte G. Keller (1889) 6, 185.
β)
als merkmal menschlicher art und haltung, im sinne von 'weichlich, kraftlos, verzärtelt': die unzeitige philanthropie, die ... jede wahre theilnehmung mit dem würdigen unglücklichen süszlich verschlemmt Herder 23, 396 S.; wenn Christ sagt, werdet wie die kinder, — so meint er indeterminierte kinder — nicht verzogene, verweichlichte, süszliche — moderne kinder Novalis 3, 36 Minor; die verliebte freundschaft ist nichts anders als entweder erbärmliche, süszliche schwäche, völlige unmännlichkeit des einen theils, oder täuschung Cl. Brentano Godwi (1801) 2, 21; ich dachte einen süszlichen empfindsamen menschen zu finden K. Weinhold Heinr. Chr. Boie (1868) 68. oft spielt die zu süsz II C 2 a β gehörige vorstellung 'faslch, heuchlerisch' hinein: trotz seiner süszlichten manieren hassen ihn alle und wünschen seinen fall Schiller 14, 239 G.; einer von den feinen — erlauben sie — er spricht süszlich und fromm, ehe er zusticht Iffland theatral. w. (1827) 3, 19; die frömmigkeit des decans war ihr längst verdächtig, aus dem frack des süszlichen herrn sah sie oben deutlich einen eingeknöpften fuchsschwanz herausragen G. Freytag (1886) 7, 34; vgl. der siszlich ... 'falscher mensch' Knothe schles. in Nordböhmen 507. mit akustischem einschlag: die abbildung neuerer helden nach französischem zuschnitte, die ... so süszlich von liebe zu schwatzen wissen Gerstenberg br. über merkwürdigk. d. liter. 115 lit.-denkm.; der oberst ... wandte sich zur holden sprecherin und sagte mit süszlicher stimme Gutzkow (1872) 6, 204.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1942), Bd. X,IV (1942), Sp. 1347, Z. 66.

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Zitationshilfe
„süszlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCszlich>, abgerufen am 08.07.2020.

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