Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sattsam, adj.

sattsam, adj.
genügend, hinlänglich, sufficiens Schottel 1392, häufig sattsamb geschrieben.
1)
das wort tritt nicht, wie Weigand 2, 528 angibt, erst im 17. jahrh. auf, sondern begegnet bereits bei Luther, allerdings in einer von der heutigen abweichenden bedeutung, nämlich 'gut genährt', und daher 'üppig, übermütig, stolz, mutwillig' u. ähnl., vgl. niederl. satsaem, sassem lascivus, nimia saturitate petulans. Kilian; wie aber die lieben engel hierüber eins bleiben mit gott .. las ich hie dis mal anstehen umb der satsamen geister willen, welche in einem augenblick können lernen, alles was Christus, und alle nötige artikel des glaubens foddern, und darnach auff fragen fallen, sich bekümmern, was gott vor der welt gemacht hab, und dergleichen. Luther 3, 407ᵃ; die schendlichen stoltzen, satsamen geister, die sich damit kutzeln, und jr freud und lust haben, das ander leute nicht frum sind. 5, 355ᵇ; auff das wir ja uns hüten, und nicht so faul und lass werden, wie die schendlichen, satsamen geister, die sich düncken lassen, sie habens nu gar, und könnens allzu wol, und besser, denn mans jnen predigen kan. 6, 34ᵃ (am rande: satsame und uberdrüssige geister). dann auch 'der alles satt ist, an nichts mehr gefallen findet, überdrüssig, verdrieszlich, mürrisch':
weil nun die welt wie ein kindisch-alter greisz
beissig, garstig, satsam wird, blosz auch nur zu nuseln weisz.
Logau 2, 47.
2)
im 17. jahrh. wird sattsam im heutigen sinne 'was satt macht, ausreicht' herrschend und verdrängt satt aus dieser verwendung (vgl. satt 4). zunächst sattsame nahrung; dann was zu einem bestimmten zwecke ausreicht:
wir können
nicht überall den trunknen janitscharen
zur gegenwehr sattsame mannschaft stellen.
Körner 3, 49;
sattsame ursache, sattsames zeugnis (vollgiltig) u. ähnl. neben satte ursache u. s. w.: wenn wir versichern, dass beides nicht ohne sattsame ursachen geschehen ist. Wieland 1, 22; nach dem ihr. durchl. der chur - printz hertzog Johann Georg zu Sachsen ihn zu Dreszden in der büchsenmacher - kunst ... woll unterrichten lassen, dasz er darinnen gute proben gethan, und deszwegen sattsahme zeugnisz mitgebracht. Olearius pers. reisebeschr. 400ᵇ; welches .. ein sehr schwacher gelehrter war, wie denn alle seine reden .. deszfalls sattsames zeugnisz ablegten. Felsenburg 2, 47; sie sind mit sattsamer information zusammengeschickt. Weim. urk. von 1663 bei Dief.-Wülcker 830. auch sonst 'hinlänglich, reichlich': damit sie von meinem thun satsames vergnügen haben möge. Jucundiss. 134; aber so man bedenckt, dasz solches alles nicht lang wäre, so gibt es uns keine sattsame vergnügung. Olearius Barthrouherri's sprüche 103ᵇ (8, 9); in diesem gedichte sind entschieden dichtertalente vorstechend .. aber noch fehlt ihm wahrscheinlichkeit, sattsamer wohlklang, originalität, lezte vollendung. Schubart bei Strausz Schubarts leben 2, 84;
worauff dich Pontius auff seinen richtplatz rückt,
und zu Herodes burg von dannen ab verschickt,
der dich ihm wieder giebt nach satsamen verspotten.
Fleming 271.
zuweilen pleonastisch: wann eure töpffe, welche wohl geblühet, ihrer schuldigkeit auf eurer blumen-bühne oder staffeley ein sattsames genügen gethan. Hohberg 3, 1, 606ᵃ. übergehend in die bedeutung 'grosz, stark, heftig': er kam meinem wunsch nach mit völligem wind in den gefährlichen port meiner sattsamen begierden angeseegelt. Simplic. schriften 3, 122, 25 Kurz.
3)
in demselben sinne als adverb.
a)
neben verben: wie solches unter andern seine (Candorins) noch neulich herausgegebene Adelruna sattsamb bezeuget. Simplic. schr. 4, 290, 8 Kurz; so hast du nun, wolgeneigter lieber leser, verhoffentlich sattsahm verstanden, ausz was uhrsachen ich den namen des Parnasses .. gegenwertigem buche meiner teütschen gedichte .. habe geben und zu legen wollen. Rist Parn. vorber. b 5ᵃ; allein da mich mein gewissen sattsam rechtfertiget. Unzerin scherzged. 8; und weil ich seine kargheit zuvor sattsam erfahren. Jucundiss. 133; da der kalender seinen satz sattsam ausgeführt zu haben glaubte. Wieland 8, 125; nachdem sie (die prinzessin Emma) mit ihrem gefolge in diesem kleinen tempel sich sattsam erlustigt und alles fleiszig durchgemustert hatte. Musäus 1, 9 Hempel; obgleich ich mich gar nicht berufen fühle, das zeitalter gegen diesen vorwurf zu rechtfertigen, so geht doch schon aus der weiten ausdehnung, welche diese strengen herrn sittenrichter ihrer anklage geben, sattsam hervor, dasz sie dem zeitalter nicht blosz den falschen, sondern auch den aufrichtigen schein verargen. Schiller 10, 374;
nun sagt, was konnt' er thun — als ...
unvermögend seyn, sein dankbares entzücken
mit worten sattsam auszudrücken.
Wieland 10, 264.
b)
neben adjectiven: seine weiszheit, die doch sattsamb bekandt war. Olearius pers. rosenthal 60ᵇ (4, 4); gut, dasz Berengarius seine erzehlung nur auch mit umständen beglaubiget hat, die allen argwohn unterdrücken, dasz er vielleicht falsch, oder nicht sattsam unterrichtet gewesen. Lessing 8, 378;
kann auch ein tropfe bluts in seinen (Orests) adern fleiszen,
der sattsam heilig sey, der götter zorn zu büszen?
J. E. Schlegel 1, 55.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1892), Bd. VIII (1893), Sp. 1835, Z. 1.

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Zitationshilfe
„sattsam“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sattsam>, abgerufen am 18.09.2021.

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