Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

schädlich, adj.

schädlich, adj.
was schadet, schaden bringt; nocens, damnosus, detrimentosus, maleficus, pernicialis, perniciosus, improbus, calamitosus, noxius, incomodus, nocuus Maaler 345ᵃ. ahd. noch nicht bezeugt, nur unscadalîh bei Notker; sonst dafür scadal, glossiert mit noxius, nocens, improbus, s. Graff 6, 422; mhd. schedelich, schedlich, schadelich, schadlich Lexer handwb. 2, 678; mnd. schedelik, schedderlik (und schedichlik, s. schädig) Schiller-Lübben 4, 58ᵃ; damnosus hd. schedlich Dief. gloss. 166ᵃ; nocivus schedelick, hd. schedde-, sched-, schadlich, schedleich 381ᶜ; noxialis schedlich 383ᵃ; noxius .. hd. nd. schede-, schelde-, schetlich, -lic 384ᵃ; obfecturus schedlicher 387ᵃ; perniciosus .. schede-, schade-, scede-, scedde-, hd. sched-, schaͤdlich 428ᵇ; obfuturus schedelich (voc. von 1420) nov. gloss. 267ᵃ.
1)
von personen; in der ältern sprache häufig in einem stärkeren sinne als jetzt, feind, räuber, übelthäter, verbrecher (vgl. schade 1): schädliche burger, die auch ander burger verderbend, und einer gantzen statt schad sind. Maaler 345ᵃ; schädliche leut, praedones, latrones, incendiarii Scherz-Oberlin 1369; und wo unser schultheisz schädlicher leut, rauber oder brenner gewahr wird, den sol er und mag ihn nachfolgen. ebenda; dasz in gott nit wöll straffen in seinem wuiten und grimmen, alsz ein richter einen schedlichen man, zu dem todt der ewigen verdammnisz. Keisersberg seelenpar. 25 ebenda 1370; die vesten rihter, die mit irem starken geriht die schedleichen läut vertreibent und verderbent. Megenberg 202, 9; ein loser mensch, ein schedlicher man, gehet mit verkeretem munde. spr. Sal. 6, 12; oh weh des sundigen volcks, des volcks von groszer missethat, des boshafftigen samens, der schedlichen kinder. Jes. 1, 4; wir haben diesen man funden, schedlich, und der auffrhur erreget allen jüden auff dem gantzen erdboden. apostelgesch. 24, 5; verleumbder, gottes verechter, freveler, hoffertig, rhumretig, schedliche, den eltern ungehorsam. Röm. 1, 30; es wurde damals fast auff allen klöstern über Reuchlin und Erasmum geklagt, als wann sie die allerschädlichste leut seyen in gantz Europa. Schuppius 819;
inn welcher (stadt, Gotha) sich haben gehalten
dem reich schädliche leut.
Soltau volksl. 425;
Rumensattel ward gefangen,
Claus von Weiszenstain klagt in an:
er wär ein sigelfälscher,
im land ain schädlich man.
Uhland volksl.² 232 (127, 4).
in abgeblaszter bedeutung in der verbindung schädlich sein, schaden: dasz er ... niemand schädlich sey als ihm selbst durch seine gutthätigkeit. Schuppius 569;
man soll, dasz uns der wein
nicht schaden bringen mag, ihm selber schädlich seyn,
und bach darunter thun.
Opitz 1, 59.
2)
von sachen, auch hier früher oft verderblich, gefährlich, tötlich: gar schädlich gifft, das einem von stund an tödt, praesentissimum venenum. Maaler 345ᵃ; ein böse oder schädliche wunden, vulnus acerbum. ebenda; schädlicher stuͦlgang, perniciosa alvus. ebenda; schädliche seuchen, lues perniciosae Steinbach 2, 370;
ein schedelîcheʒ rîten   wart schiere dô genomen.
Alphart 151, 2;
daʒ ist ain wunder, daʒ daʒ tier (der dachs) mit seinem smalz hailsam ist, und daʒ sein piʒʒ sô gar schädleich und swær sint. Megenberg 134, 3; denn er errettet mich vom strick des jegers und von der schedlichen pestilentz. ps. 91, 3; wie ein hagelsturm, wie ein schedlich wetter, wie ein wassersturm. Jes. 28, 2; und wenn ich böse pfeil des hungers unter sie schieszen werde, die da schedlich sein sollen, und ich sie ausschieszen werde, euch zu verderben. Hes. 5, 16; da standen sie wider den hauffen, und wereten dem volck die sünde, und stilleten die schedlich auffrhur. Syr. 46, 9.
3)
allgemein für alles, was schaden oder nachtheil bringt, im gegensatz zu nützlich: schädlich seyn, incommodare, detrimento esse Stieler 1705; es ist nützid schädlichers das gröszeren schaden bringe, nihil est damnosius Maaler 345ᵃ; was für die ganze gattung .. zu allen zeiten und unter allen umständen nützlich oder schädlich ist. Wieland 8, 107;
verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut.
Göthe 1, 228;
es ist schädlich, daz iemand synen pfleger und beschirmer über gebe. Steinhöwel Äsop 159 Österley; noxa .. schedlich ding. Dief. gloss. 383ᶜ;
(gott) der si (die creatur) mac
gevristen wol naht unde tac
vor schedelichen dingen.
Konr. v. Würzburg Engelhart 2170;
nu er der sunnen war genam ...
er vorhte eʒ wære ir an ir lîch
schade unde schedelîch.
Trist. 17616;
alle jre lere ist schedlich und erlogen. ps. 36, 4; also verderben die schedlichen fliegen gute salben. pred. 10, 1; diese leute haben unselige gedanken, und schedliche ratschlege in dieser stat. Hes. 11, 2; so hütet euch nu fur dem schedlichen lestern. weish. Sal. 1, 11; denn götzen auffrichten, ist die höchste hurerey, und die selbigen erdencken, ist ein schedlich exempel im leben. 14, 12; die da reich werden wollen, die fallen in .. viel törichter und schedlicher lüste, welche versencken die menschen ins verderben und verdamnis. 1 Timoth. 6, 9; senftmütige schmaichwort bringent offt den menschen schädliche ungemach. Steinhöwel Äsop 90 Österley; als sich im funfzehnten jahrhundert mehrere einzelne provinzen unter einem beherrscher vereinigten, hörten auch ihre schädlichen privatkriege auf. Schiller 7, 36. jemandem oder einem dinge schädlich, selten mit präpositionen wie an, für:
der hammer, ist der mann; die glock, ist seine fraw,
die schlagen sonsten nicht, als wann das weter raw;
sie schlagen gleich nun zwey, drey, minder oder mehr,
so ist doch dieser klang gantz schädlich dem gehör.
Logau 1, 105, 40;
eine maultasch ist ein ding, zwar nicht schädlich an dem leben.
2, 26, 97.
4)
im mhd. bedeutet schedelich oft auch, was trauer, jammer, betrübnis hervorruft (vgl. schade 7):
vil lieber friunde vâren
daʒ ist schedelîch.
minnes. frühl. 7, 2;
ich hân des alles schulde,   des schaden schedelîch.
Nibel. 1729, 2;
uns hât sicher troffen
ein harte schedelich geschiht.
Konr. v. Würzburg Engelhart 3309;
wer selhen lôn verschuldet,
dâ von er selbe duldet
ein schedelicheʒ ende.
troj. krieg 19315;
noch bei Maaler 345ᵃ: ein kläglicher oder schädlicher tod, der übel zu bedauern ist, acerbum funus. häufig sinkt es herab zu der bedeutung 'bedauerlich', wo wir jetzt sagen es ist schade (vgl. schade 8):
eʒ wære harte schädelîch,
daʒ man in niht mähte
geprîsen von geslähte.
Hartm. v. Aue Greg. 1278 Paul.
mit folgendem prädicativem particip, etewaʒ wære schedelîch getân, verlorn u. s. w., es wäre schade, wenn es gethan, bez. verloren wäre:
si sprâchen, ditz schœne kindelîn,
daʒ wære schedelîch verlorn.
687;
eʒ wære schedelich vermiten,
ob eʒ ungeschehen belibe.
Flore u. Blanschefl. 5768.
5)
adverbial in denselben bedeutungen. die alte sprache verwendet dafür gern die form des dat. plur., mnd. schedeliken Schiller - Lübben 4, 58ᵃ, mhd. schedelîche (die alte form des adverbs) und schedelîchen mhd. wb. 2, 2, 64. Lexer handwb. 2, 679; schädlichen, mit schaden oder zuͦ schaden, nocenter, perniciose Maaler 345ᵃ. hängt damit schweiz. schadliem, adj. und adv. (Stalder 2, 306) zusammen? roveden sin lant unde branden it schedeliken. quelle bei Schiller - Lübben a. a. o.; denn sehr viel auch unter den gelehrten gefunden werden, die solche ihre freyheit und mittel zum schädlichsten anwenden. Schoch studentenl. 5, 1 Fabricius;
si nâmen unde tâten schaden
vil schedelîche an manegem man.
Trist. 5529;
de sunder nôt de landesheren
dor dol (aus übermut) jo schedeliken anvechten.
Gerh. v. Minden 50, 31.
schedelîche komen, zum schaden ausschlagen:
der mir in hât benomen,
wird ich des bewîset,   eʒ muoʒ im schedlîchen komen.
Nibel. 974, 4.
schedelîche mit dativ der person, zu jemandes schaden:
nû hât er uns beswichen
im selben schedelichen.
Iwein 4200;
jane wart den Sahsen   geriten schedelîcher nie.
Nib. 176, 4.
auch in passivischem sinne, mit schaden:
Else wolte gerne   rechen dô den man,
er und sîn gesinde:   si schieden schedelîchen dan.
1554, 4;
si müesten anders widere   scheiden von dem künege schedelîche.
Kudrun 607, 4.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1892), Bd. VIII (1893), Sp. 1988, Z. 31.

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Zitationshilfe
„schädlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sch%C3%A4dlich>, abgerufen am 29.07.2021.

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