Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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schäme, f.

schäme, f.
scham, mhd. mnd. scheme (s. oben scham zu anfang).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1892), Bd. VIII (1893), Sp. 2111, Z. 11.

schämen, m.

schämen, m.,
s. schemen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1892), Bd. VIII (1893), Sp. 2111, Z. 48.

schämen, verb.

schämen, verb.
(s. oben scham, f.), gemeingerm. bildung, goth. skaman, ahd. skamên Graff 6, 494, mhd. schamen, daneben mit anderer ableitung altn. skamma, skammađa (dehnung des m wie bei sco̜mm), ahd. skamôn Graff 6, 495, alts. gescamôda uuârun nd. ps. 70, 24, ags. sceamian, sceamode, mhd. schamen, mhd. mnd. schemen, nhd. schämen (noch im älteren nhd. schemen geschrieben: du soltest dich beynahe schemen. Simpl. 4, 220, 24), ein altes scamian voraussetzend. neben schämen, schemen hält sich schamen auf hoch- und niederd. gebiete:
ir sult üch sin iemer schammen,
wann eʒ tuot an gewissen lammen.
Hugo von Montfort 2, 65;
wann wir fügen paide wol zu samen
und darf sich ains des andern nit schamen.
fastn. sp. 577, 8;
vgl.schammen Schm. 2, 417, schâmen Schöpf 589; ihre väter schamen sich im grab. Raimund 2, 132; nd.
dattu bist ein bagine unde hefst sodân namen,
des en schaltu di nenerleie wîs schamen.
des dodes danz 1236;
schâmen ten Doornkaat Koolman 3, 95ᵃ. im älteren nhd. entwickelt sich gern hinter dem m vor dental ein labiallaut (vgl.schembde, verschampt):
man schempt sich auch nichts mehre,
man helts gar fur ein ehre.
bergreihen 44 neudr.
im mhd. begegnet einmal die form geschamen:
ir was dâ sô vil entsamen,
daʒ sie sich muosten haben geschamen.
Herbort troj. krieg 4382.
die auf ein starkes verbum schemen, scham, schâmen, geschomen (geschamen) hinzuweisen scheint.
Bedeutung.
1)
ohne reflexivum begegnet das wort noch in der älteren sprache.
a)
im sinne von beschämt sein, sich schämen:
ags. nô hê þære feoh-gyfte
for scotenum   scamigan þorfte.
Beówulf 1027;
im mhd. erscheint das part. schemende, schamende in der bedeutung von 'scham empfindend':
al schemende er an die frouwen sach.
Parz. 33, 19;
schamende sprach er alsô.
Barlaam 124, 8;
vorht unde schamendes herzen ger
für manige tugende ich krœne.
Konr. v. Würzburg lieder u. sprüche 25, 21 Bartsch.
vereinzelt so noch im nhd.:
recht wie ein kleines kind, dasz, wan man es gestrichen,
mit greunen und mit laid in winckel hin geschlichen;
gleich, wan die räuend amm ihm wider freundlich winckt,
mit schämendem gesicht in ihren gären sinckt.
Rompler von Löwenhalt 73.
unter einwirkung der älteren sprache:
sie führt ihn mit schämenden wangen
ins stille kämmerlein.
W. Wackernagel ged. eines fahrenden schülers 53.
der infinitiv im sinne von 'scham empfinden': denn es ist verdrieslich und zu schemen, da zu predigen. Luther 8, 28;
der teufel braucht sein bubenstück
und bricht sein trew on alles schemen.
Fischart 1, 233, 3997 Kurz;
denn lehrer finden mehr zu rühmen, als zu schämen,
wenn schüler durch den fleisz ihr lob gefangen nehmen.
Günther 755;
hingegen wäre, sonder schämen,
die laute vor die hand zu nehmen.
Picander 3, 329;
das schämen kann überall an seiner rechten stelle seyn, nur bey dem bekenntnisse unserer fehler nicht. Lessing 2, 45; das schämen komme dann an sie. J. Gotthelf schuldenb. 12.
b)
jemanden in scham versetzen, engl. to shame, so altn., s. Cleasby-Vigfusson 536ᶜ; im ags. unpersönlich mê sceamaþ, pudet me.
2)
reflexiv, sich schämen, scham empfinden, so schon durchaus in der goth. bibelübersetzung; altn. skammask:
skúa ok bróka
skammisk engi maþr.
Hávam. 61, 4.
sich schämen, zunächst in bezug auf eigene körperliche blösze, die von andern bemerkt wird (vgl. scham, f., 1, a): und sie waren beide nacket, der mensch und sein weib, und schemeten sich nicht. 1 Mos. 2, 25. zur bezeichnung mädchenhafter verwirrung vor angehörigen des anderen geschlechtes:
ein twatsches kind — ihr seht's — gut, aber twatsch,
blutjung, gefirmelt kaum; das schämt sich noch,
wenn's einen bart von weitem sieht.
H. v. Kleist 3, 135.
dann in allgemeinerer anwendung von der empfindung der reue, demüthigung, verwirrung, dasz man bloszgestellt ist, sich gegen die gesetze der sittlichkeit, des anstandes, oder in allgemein sittlicher beziehung vergangen hat; weiter sich schämen im sinne von 'schamgefühl haben', insofern es von einer bloszstellung zurückhält, in engerem und weiterem sinne: ich schäme mich, mich vor euch zu entkleiden; er schämt sich, den ersten schritt zur versöhnung zu thun; scheme dich nicht deinen freund zu schützen, und meide jn nicht. Sir. 22, 31.
a)
ohne nähere bestimmungen, schäme dich, pudeat. Stieler 1728; stärker: pfui schäme dich! er schämt sich nicht, eum non depudet. Steinbach 2, 379; schämt euch, ihr unmenschen! schämt euch, ihr drachenseelen, ihr schande der menschheit. Schiller räuber 1, 3 schauspiel; er wird einen fang thun dasz wir uns schämen müssen. 4, 5;
(einer) sprach zu mir, ich solt mich schemen.
fastn. sp. 759, 3;
wie hell ich ihr auch singe,
mein liebchen sich doch schämt.
d. knaben wunderhorn 1, 106 Boxberger;
wer sich schämt, wird nichts bekommen,
grobe habens weggenommen.
alter spruch.
nd. in reimender formel: he schämt sik nig un grämt sik nig. brem. wb. 4, 603; mit der italienischen lügenhaftigkeit, die sich nicht schämt noch grämt. Niebuhr leben Niebuhrs 2, 463 (ebenso scham und gram).
b)
mit angabe der veranlassung zur scham:
α)
durch präpositionen; im ausgebildeten nhd. ist diese fügung nicht mehr beliebt (statt dessen der genit., s. β), es begegnet fast nur über in verbindung mit schämen: sich über einer taht schämen, ob facinus aliquod in ruborem dari. Stieler 1728; die ältere sprache bewegt sich freier, nd. ne scaman sig an mi thia bîdint thi (non erubescant in me qui expectant te). ps. 68, 7 in kl. altniederd. denkm. 29ᵇ;
und durch die selben geschicht
wil ich mich dran schemen nicht.
pass. 404, 98 Köpke;
davon er sich begunde schemen.
Konr. v. Würzburg Engelhard 5606;
und endlich, schämt ich mich dafür,
warum ich doch mich so vergebens grämte?
Göckingk 1, 118;
sich vor nichts schämen, pudere nihil. Steinbach 2, 379.
β)
sich schämen eines dinges: goth. saei allis skamaiþ sik meina aiþþau meinaizê vaúrdê, þizuh sunus mans skamaid sik. Luc. 9, 26; wer sich aber mein und meiner wort schemet, des wird sich des menschen son auch schemen. Luther; denn ich scheme mich des evangelij von Christo nicht. Röm. 1, 16; schämst du dich nit der dingen, non te hec pudent. Maaler 345ᵇ; wir wollen von der arbeit unsrer hände leben; wir schämen uns keiner. Lessing 12, 60; schäme dich, kleinmüthiger, deiner trübsinnigen zweifel, und deiner unmännlichen klagen. Wieland 1, 65; hast nicht einmal so viel schaam dich dieser streiche zu schämen? Schiller räuber 1, 2 schauspiel; wenn gott leben und gesundheit schenkt, und ihr euch eines alten mannes nicht schämen werdet. 4, 3; was? schämst dich nicht der sünde, mich geschwächt zu haben, und nun mir deine hand zu verweigern. V. Weber sagen 3, 383 (1792); damit die reichen vettern eine gute meinung von ihrem wohlstande bekämen und sich ihrer nicht schämen dürften. Musäus volksm. 1, 39; der vater rieth ihm hierauf einen harnisch anzulegen, dessen Reinold sich erst schämte. Tieck 13, 14;
der mich des rîchen irre,
der müeʒe sich des armen schamen.
Walther v. d. Vogelweide 64, 2;
Lucifer, wy mogen dîner uns wol scemen.
sündenfall 636 Schönemann;
der red der du dich schemen solt.
bergreihen 71 neudruck;
ich schäme
mich einer feigen klugheit.
Schiller don Carlos 3, 4;
den landmann blickst du mit verachtung an,
und schämst dich seiner traulichen begrüszung.
Wilhelm Tell 2, 1.
γ)
sich schämen mit nachfolgendem infinitiv: graban ni mag, bidjan skama mik. Luc. 16, 3; als er aber ainstails wider erküket, schamet sich der arm rapp (rabe), wider zuo synem geschlächt der rappen ze komen. Steinhöwel Äsop 128 Österley; scheme dich nicht fur deine seele das recht zu bekennen. Sir. 4, 24; darumb schemet er sich auch nicht, sie brüder zu heissen. Ebr. 2, 11; sich schämen zebätten, preces erubescere. Maaler 345ᶜ; dasz Hercules selbst mich seinen meister zu nennen nicht geschämet hätte. pers. baumg. 5, 3; ohne zu: die guͦtte tochter wöll sich nit schämen zu meinem herrn kommen. Dietenberger kathol. bibell (Cöln 1571) Judith 12, 12.
δ)
sich schämen mit abhängigem satze: du scames dih, daʒ du îeth scantlîches tûost. Williram 16, 2;
sih niht ouh thes ni scameta,   thaʒ er thaʒ redinota.
Otfrid 3, 11, 21;
scham dich daʒ dû mich an lachest
nâch dem schaden mîn.
Walther 52, 1;
er mac sich ze vordrist schamen,
swer edel heiʒet an dem namen,
daʒ er gestatet daʒ sîn muot
sô reht unedellîchen tuot.
Lamprecht von Regensburg tochter Syon 2358;
hîrumme scheme di, slik unde drekhôp, dattu boven dinen heren
di vorhevest.
des dodes danz 1624;
schemmet uch, dasz er mich hat allein
und die viel werde reine!
Alsf. passionssp. 6448;
was schämst du dich, dasz du die Hanne liebest?
Hölty 179 Halm.
c)
es wird angegeben, vor wem man bloszgestellt ist oder in sorge, scheu ist, sich blosz zu stellen; gewöhnlich sich schämen vor jemandem, in älterer sprache auch für jemandem: wan ist daʒ du dich hie niht wilt schamen vor ainem menschen, so muͦstu dich aber an dem jungesten tage schamen vor aller der welte. Grieshaber pred. 2, 75; (dasz du) dich fur allen leuten schemen müssest. Sir. 42, 11; je schämet ihr euch denn nicht für dem könige? A. Gryphius Peter Squentz 25 neudr.; sich vor sich selbst schämen;
wan er sich vor in schampte
und nicht an krefte erlampte.
Konr. v. Würzburg troj. krieg 39607;
ey schembt euch für den biderlewten.
H. Sachs fastn. sp. 1, 43, 195 neudruck.
mit anderen präpositionen: daʒ er sich wider dem (dem beichtiger) als vaste schemt, daʒ er sîne sünde im in sîn ôre sage und rûnege. Grieshaber pred. 2, 74;
ichn wil mich wider iuch niht schamen.
Hartmann v. Aue Iwein 7430;
sus kunder sich bî frouwen schemn.
Wolfram von Eschenbach Parz. 167, 23.
eigenthümliche wendungen der volkssprache: schem di vor den knotten, den steinen. Zingerle 49ᵃ;
ech schämt' mech ver min schatten.
Firmenich 2, 126ᵇ.
d)
sich für jemanden schämen, an dessen stelle:
allein der stoische Kleanth ...
zwang seinen schüler sich noch mehr für ihn zu schämen.
Wieland 9, 55.
ähnlich sich mit jemandem schämen, an der schamempfindung eines anderen theilnehmen: ich schäme mich mit dir deiner niederlage.
e)
mit modalen bestimmungen: sich ein wenig schämen, suppudere; sich vast oder übel schämen, dispudere. Maaler 345ᶜ; nd. schâm dî wat ten Doornkaat Koolman 3, 95ᵃ.
f)
mit angabe der wirkung: sich zu tode schämen, pudore confici. Steinbach 2, 379; sich krank schämen.
g)
besondere wendungen: sich in sein herz schämen: auf das wir uns in unsere hertzen schemen, und erschrecken für uns selber. Luther 4, 526ᵃ; dasz sich der papst nicht in sein herz schämet, solchs furzugeben. briefe 2, 350; welche sich nu billig sollten in ihr herz schämen. 373; pfui, ihr faige tropffen! sagten sie, schämet euch ins hertz hinein. Simpl. 1, 171, 24 Kurz; und sie schämen sich nicht in ihr theologisches herz, so etwas zu schreiben? Lessing 10, 157. ähnliche wendungen: dasz ich mich wahrhaftig, von grund des herzens schäme, auf einen so elenden gegner gestoszen zu sein. Lessing 3, 407. sich in die seele schämen: schäm di wat in dine seel. Schütze 1, 21; in die seele eines anderen: ich schämte mich in die seele des grafen. Thümmel reise 2, 216;
schäm dich, Uoly, durch seel und lyb.
fastnachtsp. 864, 20;
schäm di in dine adern un bloot. Schütze 4, 21; im bair. sich in die augen hinein schämen, für 'sich nicht schämen' nach Schm. 2, 417; derb: er hät si sellen i's füdle (in podicem) ie schäme. Hunziker 217; du sollst di' in arsch hinein schama. Hügel 134ᵃ; sich schämen wie ein bettbrunzer. Schm. 2, 417.
h)
sich schämen, übertragen auf belebt gedachtes: und der mond wird sich schemen, und die sonne mit schanden bestehen. Jes. 24, 23; nd. de snê schemt sik, er schwindet. Woeste 227ᵃ;
wan daʒ ich mich rihte nâch der heide,
diu sich schamt vor leide:
sô si den walt siht gruonen, sô wirts iemer rôt.
Walther 42, 20.
bergmännisch von gängen, wo sie mit anderen gängen oder trümmern zusammentreffen und ihren erzgehalt verlieren. Veith 403.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11,12 (1892,1893), Bd. VIII (1893), Sp. 2111, Z. 49.

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j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
schwäherin schöpfquelle
Zitationshilfe
„schäme“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sch%C3%A4me>, abgerufen am 26.07.2021.

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