Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

schänden, verb.

schänden, verb.
in den zustand der schande versetzen. ein denominativ zu schande, dessen ursprüngliche bedeutung es besser erhalten hat. im goth. und altn. nicht bezeugt, dän. skjænde, schwed. skända, ags. scendan, engl. shend, altfries. schanda Richthofen 1032ᵇ, altnd. scendan, mnd. mnl. holl. schenden, althd. scenten, scendan, mhd. schenden. neuere mundarten bieten wenig abweichendes: im oberd. begegnen noch formen ohne umlaut schanden Stalder 2, 308. Tobler 383ᵇ, sowie mit t für gewöhnliches d: schänten, schenten, schanten Schöpf 590, schentn Lexer 213. im nd. ist zumeist nd zu nn assimiliert Schambach 182ᵇ. Woeste 225ᵃ. Danneil 182ᵃ. ten Doornkaat Koolman 3, 109ᵇ. in manchen gegenden ist auch die anlautende doppelconsonanz als sg erhalten, so märk. sgennen Frommann mundarten 5, 138, 30. 167, 134. Bedeutung.
1)
die grundbedeutung, der von schande entsprechend, scheint die des verletzens oder beschädigens zu sein. diese klingt in einigen verwendungen noch deutlich durch; vgl.: and sôna đæ̂ræfter hî scyrde ođđe scynde mid worde ođđe weorce. quelle bei Bosworth-Toller 829ᵃ; so wir uns nun von disem cörper (der christlichen kirche) absundern und in die lauterisch (lutherische) ketzerey fallen, so hand wir je den cörper geschendt; alsz nim ein exempel: wann ein gesunder mann umb ein schenckel kumpt, ist nit sein gantzer leyb geschend? Wickram rollwagenb. 46, 27—29 Kurz;
daer toe heeft hi (Reinaert) ons al bedroghen
ende Bruun seer gheschent ende mi (Isegrijn).
Reinaert 3727;
hîrumme leider wert hîr nu gerovet unde gebrant
unde mannich arm unschuldich minsche geschant.
des dodes danz 392 Bäthcke;
und hast du mir mein gutes pferd
verstümmelt und geschändet.
Chamisso 2, 145 Koch (vgl. 2).
so auch von sachen: rindfleisch, gäns und enten, den magen schänden. Fischart groszm. 100, s. kloster 8, 626; besonders auf oberd. gebiete: der blitzstrahl fuhr den thurm hinunter und schändete die sacristey. Bluntschli bei Adelung; häufig dafür geschänden Stalder 2, 308. etwas verderben, in schlechten zustand bringen: morgens, so der reuter was auffgestanden und die hausmagt das betth solt machen, war es gar geschent (von dem hunde zerwühlt und beschmutzt). Wickram rollwagenb. 129, 15 Kurz;
gott hat sin rägen daryn (ins heuen) gsendt,
darvon das höu ist übel gschendt.
Manuel 417 Grüneisen.
2)
von dieser sinnlichen bedeutung hat sich ein ausläufer bis in die heutige sprache erhalten, nämlich den ästhetischen eindruck einer sache beeinträchtigen, sie verunstalten, entstellen: ein muttermal u. dergl. schändet ein gesicht, ein fleck schändet ein kleid u. ä.: der hamfreʒ (angelfresser, ein fisch) .. fleucht der sunnen glast und ir hitz und fleucht auch den hagel, wan diu zwai schendent des visches varb. Megenberg 257, 34; wann eine tulipe mehr bundte flecken als haupt - farbe hat, so schändet und verdirbt sie solches gemeiniglich, dasz sie nicht mehr zu recht kommen kan, und macht, dasz sie entweder weis oder gelb wird. Hohberg 3, 1, 591ᵃ; aus der geistigkeit ihrer (der einbildungskraft) bilder, die in gröszter menge und mannigfaltigkeit neben einander stehen können, ohne dasz eines das andere deckt oder schändet. Lessing 6, 415; so kam sehr viel darauf an, die steine von verschiednen farben so zu verbinden, dasz keiner den andern schändete, und sie alle zusammen eine gute wirkung auf das auge machten. 8, 128; im bilde: niederträchtige feile dirne! schande deines vaters! ewiger schändender flecken in dem ehrenkleid, das er eben in diesem augenblicke angezogen hat. Göthe 15, 65;
sondern der glanz (der rüstungen) ist geschändet (vom rauche), so weit hindampfte das feuer.
Voss Od. 16, 290. 19, 9,
vergl. ferner die unter 1 angeführte stelle aus Chamisso. mit übergang in die bedeutung 4: da nam Hanon die knechte David und beschur jnen den bart halb, und schneit jnen die kleider halb ab bis an den gürtel, und lies sie gehen. da das David ward angesagt, sandte er jnen entgegen, denn die menner waren seer geschendet. 2 Sam. 10, 5; ein jglicher man, der da betet oder weissaget, und hat etwas auff dem heubt, der schendet sein heubt. ein weib aber, das da betet oder weissaget mit unbedecktem heubt, die schendet jr heubt, denn es ist eben so viel, als were sie beschoren. 1 Cor. 11, 4. 5. in gewöhnlicher rede auch einen braten schänden, ungeschickt anschneiden. sprichwörtlich: wer sich die nase abschneidet, der schändet sein gesicht. Adelung, nd. wer sine näse afsnitt, de schändet sien angesicht, d. h. wer von den seinigen schlecht spricht, der beschimpft sich selbst. brem. wb. 6, 271. Danneil 182ᵃ. Schambach 182ᵇ. vgl. auch verschänden.
3)
in der mitte zwischen der concreten bedeutung 'beschädigen, verletzen' und der abgezogenen 'verunehren' stehen die fälle, wo es gleichbedeutend ist mit zu schanden machen (s. schande 1). dies ist in allen germanischen sprachen und sprachperioden die eigentliche hauptbedeutung; nur im nhd. tritt sie zurück. sehr häufig glossiert und übersetzt schänden im ahd. und mhd. lat. confundere, s. Graff 6, 521. Dief. gloss. 142ᵃ. gescendôda uuirthin in scamin sig (confundantur et revereantur), thia suokint sêla mîna. altn. ps. 69, 2, s. Heyne kl. altnd. denkm. 32; an thi, hêrro, getrûoda; ne uuerthe ic gescendit a êuuon (non confundar in aeternum). ps. 70, 2 (s. 33); unde diê unsih haʒʒent, diê habest dû gescendet (confudisti). Notker ps. 43, 8; sie uuurden gescendet, uuanda got ferchôs siê (confusi sunt quoniam deus sprevit eos). 52, 6; an dih truhten kedincta ih, keschendet neuuerde ih in êuua. sô ih nû bin, sô nesî ih iêmer. In Adam bin ih keschendet, an dir muôʒʒe ih ungeschendet sîn. 70, 2; wann er (Jonathan) war betrübt über David, darumb das in sein vater hett geschendet. bibel von 1483 136ᵇ (1 kön. 20, 34; eo quod confudisset eum pater suus, bei Luther: das jn sein vater also verdampte. 1 Sam. 20, 34).
a)
vernichten, verderben, in not bringen, mit persönlichem object:
swelch man ode wîp
sich von gote wendet,
der wirt dâ von geschendet
und der helle verselt.
Hartm. v. Aue Greg. 1524 Paul;
gewint er kint, ich bin geschant
und verdorben iemer mê.
Boner edelst. 10, 22;
die unglovigin wil ich bikeren
undi di cristinheit gimeren,
die iuden virsenden,
unde si sere schenden.
Wernher v. Niederrhein 24, 14;
men he (Reineke) dachte eynen nyen vunt,
wo he Hyntzen ok mochte schenden
unde en so wedder to hove senden.
Reineke vos 969;
woil her, du loser valant!
du bist ummer an ende geschant.
Alsf. passionssp. 7242 (Christus zu Lucifer);
darumb sie jren feinden ubergeben, und von jnen erschlagen, gefangen und geschendet sind. Jud. 8, 15. ähnlich die welt, ein land schänden u. ä.: ich wil dich (Ninive) gantz grewlich machen, und dich schenden und ein schewsal aus dir machen. Nah. 3, 6;
diu christinheit ist harte geschendet.
Rolandslied 299, 14 Grimm;
um wie könige zu prahlen, schänden
klein're wüthriche ihr armes land.
Hölderlin 1, 15 Köstlin.
mit sächlichem object:
quem er niht balde, eʒ würde der gloube geschendet.
Lohengrin 4070;
so besonders jemandes bosheit, hochmut u. ähnl. schänden:
Genelunen si bunden ...
wilden rossen zu den zagelen ...
so wart di untriwe gescendet.
Rolandsl. 4620;
der kristen lüge wird sus geschant.
Rud. v. Ems Barl. u. Jos. 194, 28;
sus wart geschant sîn gîtekeit.
Boner edelst. 80, 25;
David ain klainer ploszer man,
Goliam hat gesyget an.
und wart geschendt sein sterck und pracht,
dadürch er David hat veracht.
Schwartzenberg 107ᵃ;
darumb hat der herr allezeit den hohmut geschendet, und endlich gestürtzet. Sir. 10, 16.
b)
zuweilen auch nur widerlegen, ad absurdum führen, beschämen u. ähnl.: aber Saulus wart gekreftiget und tet iz (das predigen) vil mê. und schante di juden di dâ wâren zu Damasco, bewêrende wart: dirre ist Kristus. myst. 1, 74, 38; daʒ got ... (an dem echen, einem fische) seineu wunder læʒt schawen, und dar umb, daʒ die ketzer geschant werden, die anders niht gelauben wellent denn der nâtûr gemainen lauf. Megenberg 251, 20; wenn du in der schrifft sihest solche törliche gotteswerck, das du wissest, es gelte die welt zu schenden. Luther 4, 146ᵃ;
unz got ir tumpheit schande
unde in sînen engel sande.
Wackernagel leseb. 1, 570, 4;
glaubet er nicht an Jhesum Crist,
der des waren gottes sone ist,
so werdet ir geschant und beschemmet.
Alsfeld. passionssp. 4520;
durch sterck disz weibes (der Susanna) würt geschent,
wer sich ausz forcht von tugent went.
Schwartzenberg 110ᵇ.
c)
häufig von der thätigkeit des teufels oder auch gottes, der die menschen zur sünde verführt oder sonst ins verderben stürzt:
so werden dich die tufeln alle schenden.
Alsfeld. passionssp. 1903.
Luther verbindet gern schänden und blenden: das sie gott zur straffe jrer teufflischen bosheit schendet und blendet. 6, 288ᵃ (gedruckt 286); wie gar hat doch gott die papisten verblendet, und geschendet, das sie weder vernunfft noch scham mehr haben. 5, 278ᵇ; alszo soll gott schenden und blenden, die seyne fest, seynen namen, seyne heyligen ... schmehen und lestern mit yhrem dollen weszen. 2, 756, 13 Weim. ausg.; ähnlich auch: und ob dich schendet dein aug, brich es aus und wirf es von dir. bibel von 1483 478ᵇ (Matth. 18, 9; et si oculus tuus scandalizat te; Luther: und so dich dein auge ergert).
d)
hieran schlieszt sich die ungemein häufige verwendung von schänden, allein und in verbindung mit blenden, zu verwünschungen und flüchen, ebenfalls auf die ältere sprache beschränkt:
des schende si (Kriemhilt) der tiuvel und ouch ir helde guot.
roseng. 89, 15 Grimm;
alle moetse schenden god.
Reinaert 7548;
de mote sîn geschant,
de des untruwen rede gelovet.
Gerh. v. Minden 24, 38;
dasz dich der geier schende
hie unter meinen henden!
Wackernagel leseb. 1, 1021, 25;
ei das der teufel die sau schend!
fastn. sp. 188, 6;
pfui dich, paur, das dich der teufel schent!
524, 10;
dasz du ummer geschant musszest sinn!
Alsfeld. passionssp. 4638;
dasz dich roszmarter (für gottes marter) schendt und blendt.
H. Sachs 3, 1, 199ᵇ;
dasz dich roszhoden schendt und blendt.
3, 2, 6ᶜ u. ö., vgl. sp. 1263;
sein weib das hat in gar verblendt,
er acht mein nit, dasz sie gott schend.
5, 233ᵃ;
er sprach 'dasz dich der teufel schänd!'
wunderhorn 1, 97 Boxberger;
nun daz in got schende wer het nicht gelaubet ... daz er nicht wer ein krüppel und lam gewesen. Steinhöwel decam. 56, 23 Keller; das euch botz marter alle miteinander ob einem hauffen schend! Wickram rollwagenb. 169, 17 Kurz; diesen sol disz und jens schenden, den andern ein anders. saufteufel C 2; wie die sonn sehr heisz schien, verfluchet er die sonn und sprach: dasz dich gott schend (dii te perdant), wie machst du eim so warm. Bebel (1589) 94ᵇ; dasz dich gott unden und oben müsz schenden (dii superi et inferi male velint). 185ᵇ; da saget B. Wilhelm: das dich der schüttel (büttel?) schende, du sagest mir, sie hetten dich zum fischreiszen gezwungen. Henneberger preusz. landtafel (1595) 418; noch jetzt in Tirol gotschenti! goldtschenti! gottschent! gottschanda! tschenti! u. ähnl. als ausruf sowol des unwillens und verdrusses, als auch des erstaunens und der überraschung Schöpf 590. Lexer 214. Frommann mundarten 3, 325. 5, 438. 6, 200.
e)
endlich gehört hierher die reflexive fügung sich mit etwas schänden, quälen, plagen, abmühen (vgl. auch schinden):
die pein mit der ich mich bey nacht und tage schende.
Opitz 2, 155.
jetzt noch kärnthnisch si schentn, sich bemühen, bekümmern: i mag mi glat et schentn umb di. Lexer 213. Frommann 6, 200 (aus dem Lesachthale).
4)
die jetzt übliche bedeutung ist 'in schande versetzen, jemanden an seiner ehre schädigen, der ehre berauben'. schenden, geschenden, entuneeren, dedecorare, dehonestare, scelerare, inurere notam, imprimere stigmata, temerare, denobilitare. Maaler 349ᶜ; infamare, notare aliquem, collutulare, turpitudine notare, existimationem alicujus violare, conscelerare, temerare. Stieler 1730; schenden glossiert mit deturpare Dief. 177ᶜ, turpare, turpere 603ᵃ.
a)
diese bedeutung ist besonders deutlich, wenn es in gegensatz zu ehren gestellt wird oder in ausdrücken wie jemanden an seiner ehre schänden: man sal de guetheit eren unde de quaetheit sal men altomale schenden. quelle bei Schiller-Lübben 4, 70ᵇ; lieben herrn, wie lang sol meine ehre geschendet werden? ps. 4, 3; ich wil mich selb schelten, so lobet mich gott, wil mich schenden, so ehret mich gott. Luther 1, 24ᵃ; wan ich nit förcht meiner eren geschant zu werden. Aimon c; der tyrann oder halszherrscher Dionysius in Sicilien, sendet auff ein zeit des Lacedemonischen fürsten Lysanders töchteren köstliche schöne kleyder und herrliche geschmeid: aber er, als ein ehrlicher vatter wolt dise geschenck nicht annemmen, sprechend: mit disem schmuck werden meine töchter mehr geschendet und ungestalter, als das ers sie vil zieren unnd ehren solte. Fischart ehz. C 1ᵃ; dasz es gleichgültige dinge gibt die nicht schänden und nicht ehren. Leisewitz Julius 26, 14 neudruck; man wird in andern welttheilen in dem neger die menschheit ehren, und in Europa sie in dem denker schänden. Schiller 10, 296;
das glück das tut sich bald verwenden,
itzt ert es ein, bald tuts in schenden.
Rebhun Sus. 5, 3, 222 (schausp. des 16. jh. 1, 87);
beides schändet deine ehr.
P. Gerhardt 81 Gödeke;
und wann die unschuld gnug geschändt,
so findt sich, der sie ehre.
169.
b)
zunächst mit persönlichem object:
wan sô bin ich geschendet.
Erec 9361;
ir geschanter man,
waʒ welt ir in ditze lant?
wie habet ir iuch und uns geschant?
Mai u. Beaflor 166, 68;
daʒ sô manic rîter guot
geschendet (besiegt) was von éinem man.
Wigal. 588;
hüet dich, mîn tohter von Syon,
daʒ dû iemêr von Babylon
ein tohter werdes genant,
des namen wurdes dû geschant.
Lampr. v. Regensburg Syon 263;
wenn eines priesters tochter anfehet zu huren, die sol man mit fewr verbrennen, denn sie hat jren vater geschendet. 3 Mos. 21, 9; wer das gesetz bewart, ist ein verstendig kint, wer aber schlemmer neeret, schendet seinen vater. spr. Sal. 28, 7; aber umb deines namens willen, las uns nicht geschendet werden. Jer. 14, 21; du rhümest dich des gesetzes, und schendest gott durch ubertrettung des gesetzes. Röm. 2, 23; da er das höret, sprach er zur frawen: sihestu, das saget ich dir vor, die aglester würde uns schenden (verraten). buch d. liebe 297ᵇ; kein verbrechen ist schändender, als das verbrechen des diebs. Schiller 3, 520;
verzeuch nicht, herr! gib, dasz jhr raht
schänd sie mit unflat und unraht!
Weckherlin 16 (ps. 5, 17);
seines priesters halben, den
der könig schändete, da er nicht los
die tochter liesz, und an die lösung nahm,
hat dieses weh gott Smintheus uns gesandt.
Bürger 143ᵃ (Il. 1, 137);
denn es hat Agamemnon, der völkerbeherrscher
ihn (Achill) geschändet; er hat ihm den dank geraubt und besitzt ihn.
192ᵃ (1, 507);
das verbrechen ging
zurücke, und mein name war geschändet.
Schiller dom Karlos 2, 13;
alles andre thäten sie (die tyrannen und kaiser) hudeln und schänden,
den soldaten trugen sie auf den händen.
Wallenst. lager 11.
so auch sich schänden, indem man z. b. eine entehrende handlung begeht:
duo hâst geschendet   dînen schœnen lîp.
Nibel. 782, 3;
ûf den hof dort für den palas reit
Gâwân gein der gesellekeit,
als in der künec sande,
der sich selben an im schande.
Parz. 404, 20;
wî schenden unse êgen lîf (wenn wir die weiber schmähen),
went unse môdere wêren alle wîf.
Hartebok 290 (s. Vruwenlof ed. Schröder s. 6);
der gerechte ist der lügen feind, aber der gottlose schendet und schmehet sich selbs. spr. Sal. 13, 5;
richter schändeten sich, sprachen es los
's ungeheuer.
Klopstock 2, 142.
ein laster u. dergl. schändet jemand:
sonst ist sie (Turandot) gütig gegen alle welt,
stolz ist das einzge laster, das sie schändet.
Schiller Turandot 1, 1.
in diesem falle liegt die bedeutung 2, in übertragener verwendung, zu grunde (vgl. daselbst). derselbe übergang zeigt sich in stellen wie der folgenden:
praler, dein lorbeer welkt,
eh dein leben verdorret ist,
sinkt, und schändet dein haupt!
Hölty 97 Halm.
c)
mit sächlichem object, verunehren, beflecken, entweihen, ihm seine ehre rauben; zu einem unwürdigen zwecke verwenden, miszbrauchen: schänden, entweychen, temerare Maaler 345ᶜ; und schendet das land nicht, darinnen jr wonet, denn wer blut schüldig ist, der schendet das land. 4 Mos. 35, 33 (34 dafür: verunreinigt das land nicht);
empfange mich, heiliges land, ich bin der stadt schon zu müde,
und ihren traurigen freuden zu gram.
zu gram den schmäusen, wo man an ungeselligen tafeln
oft gegen morgen noch trinket und gähnt,
und einschläft, wenn nicht vielleicht, gestärkt durch geschändete
becher,
der unwitz alberne lacher beseelt.
Giseke 115;
ehrt
in mir euch selbst, entweihet, schändet nicht
das blut der Tudor.
Schiller M. Stuart 3, 4;
was sollt' ich auch die fäuste hier mir schänden?
H. v. Kleist 3, 129 Hempel.
ähnlich ist wol auch zu verstehen:
und stündet ihr nicht hier in kaisers nahmen,
den ich verehre, selbst wo man ihn schändet.
Schiller Tell 3, 3 (Rudenz zu Geszler).
das gesetz schänden, indem man es nicht beobachtet: die gesetze schänden, leges violare Steinbach 2, 384; darumb das sie gottes geboten ungehorsam gewest waren, und das gesetz des höhesten geschendet hatten. ps. 107, 11; danach:
ja die gantz wider pflicht auch das gesatz, den schatz,
den jhnen got verlyh, geschändet und verlassen.
Weckherlin 243.
5)
häufig bedeutet schänden auch nur: mit worten verunehren, schmähen, lästern, verleumden, schelten, tadeln u. s. w., es glossiert lat. blasphemare Dief. gloss. 76ᵇ, calumniari 92ᵃ, vituperare 624ᵇ: ich schendt, scelero, mit verweis auf schelt Alberus; schenden unnd schmähen, ignominia aliquem notare Maaler 349ᶜ. Stieler 1730.
a)
in verbindung mit synonymen, oder im gegensatz zu loben: mnd. lestern unde schenden, hönen unde schenden. Schiller-Lübben 4, 70ᵇ; so mag er selbs jm lassen befolhen sein, mit wem er billich zürnen solle, und wer jn in solher seiner ungegründter schrifft, am meisten lestert und schendet. Luther 6, 7ᵃ; sondern ob sie (unsre guten werke) gleich auffs hellest leuchten, noch mus sie es zudecken, als unter einen misthauffen, mit jrem verkeren, und schenden. 56ᵇ; also schendet der teufel, und macht zu nicht das gute, so ein christ gethan hat, daher hat er auch den namen, das er ein lügner heist, diabolus. das kan er für einen meister, unnd weisz nicht allein die sünde, unnd das böse hoch auffzumutzen, sondern auch die tugent und die allerbesten werck, zu lestern, zu schenden, und zur sünde zu machen. tischr. (1568) 8ᵇ f.; die welt lobet was man schenden soll, und schendet was man loben soll. 442ᵇ; wer etwas lobt, das lob ich auch, und was er schendet, das schend ich. Abr. v. Eybe Menächmi 96ᵃ; wenn einer fromb will werden, so schendt unnd schmecht man jn. Pauli schimpf u. ernst 157ᵃ; es sind spötter und verächter, die mit scheltworten schenden und lestern, was sie nicht verstehen. Reiszner Jerus. 2, 34ᵃ; da ward jhr hauptmann zornig, und saget in eim grimm zu Petro: ... deinen herrn und meister ... hastu fälschlich ... verleugnet und verschworen ... und wilt uns schenden und schmehen. Frey gartenges. 49ᵇ; doch blieb es noch bei worten alleine, das einer den andern schändete und schmähete. Schütz beschr. d. lande Preuszen (Eisleb. 1599) 109ᵃ; ich gedencke jetzo an einen vornehmen mann, den ein loser mann schalte, schändete, und ihm viel schmachwort ins angesicht sagte. Schuppius 313; (es würden) sich bald dergleichen paszquillen-schreiber mehr finden, welche nicht allein .. andere ehrliche leute, sondern auch wol gar ausz dem rathsstul mit paszquillen beschweren und schänden dürfften. 623; man schendet und lästert. Hippel werke 5, 167;
es wolte seine red hiermit der Guidon enden,
und fieng an, solchen tag zu schmähen und zu schänden.
D. v. d. Werder Ariost 20, 64, 2;
es (das volk der verleumder) lobt mich im gesicht, es schändet mich im rücken.
Logau 1, 5, 9;
dieweil du sonder list
ein freund von aller welt und nicht ein spötter bist,
der ins gesichte lobt, doch rückwärts lacht und schändet.
Günther 783.
b)
gott, die religion u. s. w. schänden, lästern: so sol nu dieser philister der unbeschnittene sein, gleich wie der einer, denn er hat geschendet den zeuge des lebendigen gottes. 1 Sam. 17, 36; wen hast du (Sanherib) geschmecht und gelestert? .. durch deine knechte hastu den herrn geschendet. Jes. 37, 24; denn ich wil meinen heiligen namen kund machen unter meinem volck Israel, und wil meinen heiligen namen nicht lenger schenden lassen. Hes. 39, 7;
Pilatus hot uns her gesant
mit dissen man, der hot geschant
unser ee.
Alsf. passionssp. 4027;
dasz du got misbotten host und geschant,
want do dich sinen einichen son host gnant.
4392;
der wird zu schanden, der dich (gott) schändt.
P. Gerhardt 91 Gödeke (30, 5).
c)
jemanden schänden, schelten, schmähen, tadeln:
swelheʒ ich nu lâʒe   unt daʒ ander begân,
sô hân ich bœslîche   und vil übel getân:
lâʒ aber ich si beide,   mich schendet elliu diet.
Nibel. 2091, 3;
wenn mich doch mein feind schendet, wolt ichs leiden. ps. 55, 13; fare nicht bald er aus (heraus) zu zancken, denn was wiltu hernach machen, wenn du deinen nehesten geschendet hast? spr. Sal. 25, 8; als zur zeit, da dich die töchter Syrie, und die töchter der Philister, allenthalben schendeten, und verachteten dich umb und umb. Hes. 16, 57; das ist aber das hertzeleid, wenn ein weib wider das ander eivert, und schendet sie bey jederman. Sir. 26, 8; weil er (Carlstad) die fürsten zu Sachsen also antastet, das er auch den reim, den sie auff dem ermel mit allen eren füren, nicht kan unverschimpffirt lassen, so genaw sucht der bitter groll im hertzen ursach leute zu schenden. Luther 3, 44ᵇ; das sich D. Carlstad erbeut zu lernen, damit er nur glimpff und guten schein mache seinem verstockten sinn, und beide fürsten und mich schende. 46ᵃ; so sol Christus seine lesterer ubergeben, das sie sich selbs mit jrer eigen zungen schenden. 6, 15ᵃ; hie rügt und schendt sich die thorheyt selbs, scheyszt jr selbs inn das nest, sagt sie sei ein huͦren kindt. S. Franck moriae encom. 5ᵇ; denn heute schenden sie einander, morgen gibt einer dem andern die schwester. Mathesius Syrach 2, 10ᵃ;
ein man, der frauen übels gant
und iren namen het geschant.
fastn. sp. 707, 11;
und schentten mich all zu disen stunden.
784, 18;
den gsellen sie beid jungfraw schenden,
dergleich beidt gsellen wiederumb
schendet vor den jungfrawen frumb.
H. Sachs 3, 3, 49ᵇ;
du lecker, wolst du schenden mich
und mich noch lassen hören zu?
Ayrer 386, 19 Keller;
weil das glück von ihrem (der Fransosen) zügel
sich nun frey gemachet hat,
und zu denen sich gewendet,
die ihr hochmuth sonst geschändet.
Soltau histor. volksl. 520;
anfang hat das lob vom ende,
drum macht der dasz man jhn schände,
der in allen seinen sachen
nimmer kan kein ende machen.
Logau 1, 36, 33;
die männer, die du schändest,
sind die geprüften diener meiner wahl.
Schiller dom Karlos 2, 3.
selten mit sächlichem object:
nur soll er nicht das handwerk schänden.
Göthe 2, 203.
schänden im sinne 'schelten', auch 'fluchen', und 'zanken, keifen', ist jetzt in mundarten weit verbreitet, während es in der schriftsprache wenig gebräuchlich ist; vgl. Stalder 2, 308. Tobler 383ᵇ. Schmid 452. Schm. 2, 429. Lexer 213. Schöpf 590 (schelten, fluchen), cimbr. wb. 227ᵃ. Sartorius 107. Vilmar 341. Frischbier 2, 257ᵃ. brem. wb. 6, 271 (sonst im nd. selten). Frommann mundarten 5, 138, 30. 33. 167, 134 (märk.). 6, 323, 327 (fränk.). 469, 78 (fränk.-henneb.).
d)
reflexiv, sich mit jemand schänden, zanken:
ei, nu wolt ich doch lieber sein in der hell,
dann ich mich also wolt mit im schenten.
fastn. sp. 89, 26.
e)
absolut, schändliche worte reden: wie sie nun bezecht waren, redeten sie schentliche und lesterliche wordt, darvon sich auch viel leyen ergerten. in solchem schenden kompt plötzlich ein grewlicher hundt unter dem tische herfür gegangen. Henneberger preusz. landtafel 453. vergl. unterwald. schanden, höhnische worte um sich werfen. Stalder 2, 308. Tobler 383ᵃ.
6)
endlich begegnet schänden bereits mhd. in der speziellen bedeutung stuprare, notzüchtigen, also synonym mit schwächen und entehren, durch deren letzteres es jetzt vielfach verdrängt ist (vgl. schande). eine jungfer schänden, virginem stuprare; eine frau schänden, mulierem corrumpere; eine mit gewalt schänden, vi aliquam subigere; er hat sie mit gewalt geschändet, per vim stuprum ei attulit Steinbach 2, 384;
si sulin vor uheren ougen
uhere liebe kint schenden.
Lamprecht Alex. 4536 Kinzel;
hêr abbet, nû merket
wat jûwe monik het gewerket
de Marînus is genant:
de het unse dochter schant.
van sunte Marinen 144;
gy hebben myn wyff, de wulfynnen,
schendet, dat se nummer kan vorwynnen.
Reineke vos 6118;
da die sahe Sichem ... nam er sie, und beschlieff sie, und schwechet sie ... und Jacob erfur, das seine tochter Dina geschendet war. 1 Mos. 34, 5; so müsse mein weib von einem andern geschendet werden, und andere müssen sie beschlaffen. Hiob 31, 10; sie schenden jre eigene schnur mit allem mutwillen, sie notzüchtigen jre eigene schwestern, jrs vaters töchtere. Hesek. 22, 11; oder weil sie noch jungfraw ist, das sie möcht geschendet, und ins vaters hause schwanger werden. Sir. 42, 10; wer prediger und jungfrauen schändet, der nimt selten ein gut end. Schuppius 196; mein so offt geschändeter leib ist nicht werth, dasz er unter rechtschaffenen christen ligen sol. 490 ('die erbare hure'); tretet vor mich hin, ihr, die er (Holofernes) geschändet hat. Hebbel 1, 43 (Jud. 3);
geht, führt sie in ein schandhaus ein,
die jungfrau züchtig, keusch und rein
in spott und schmach zu schänden!
des knaben wunderhorn 1, 182 Boxberger.
auch sonst, unzucht treiben, besonders von widernatürlicher unzucht (vgl. schande 4, a, β): darumb hat sie (die heiden) auch gott dahin gegeben in jrer hertzen gelüste, in unreinigkeit, zu schenden jre eigene leibe an jnen selbs. Röm. 1, 24; ohne object:
durich uncheusch vil man und weib
schendent in den landen
mit sünden und mit schanden.
Suchenwirt 40, 69.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1893), Bd. VIII (1893), Sp. 2137, Z. 39.

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schwäherin schöpfquelle
Zitationshilfe
„schänden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sch%C3%A4nden>, abgerufen am 03.08.2021.

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