Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

schändlich, adj.

schändlich, adj.
mit schande behaftet, turpis, foedus, spurcus, ignominiosus, probrosus, nefarius, sceleratus, propudiosus, teter, inhonestus. Dasypod.; ahd. scantlîh Graff 6, 520 f., mhd. schantlîch, schäntlîch, schent(e)lîch Lexer handwb. 2, 657, vgl. ags. sc(e)andlîc, sc(e)ondlîc. umgelautete formen begegnen schon mhd., vgl. Lexer a. a. o. turpis schentleich, -lich, schendich, hd. schentlich, nd. -lik Dief. 603ᵃ; andrerseits hält sich die form ohne umlaut bis in die nhd. zeit hinein, namentlich im oberd., vgl. Schade sat. u. pasqu. 2, 14, 21 anm., ebenso bei Dasypod. schandlich und Maaler 347ᵃ schandtlich, dagegen schreibt Luther schendlich. in neuern oberd. mundarten fällt das auslautende ch ab, schäntli Hunziker 217. Castelli 228. im niederd. ist das wort selten, und meist durch schändig ersetzt (s. das.), schentlik Schiller-Lübben 4, 73ᵃ, in neuern mundarten schandlik Dähnert 401ᵃ, schandelîk, schandelk, schannelk ten Doornkaat Koolman 3, 97ᵇ. über die form des adverbs vgl. 5.
1)
der sinnlichen bedeutung von schande nahestehend, 'häszlich, entstellend oder entstellt': ein schändliches gesichte, deformis facies; ein schändlicher anblick, deformis et turpis adspectus. Steinbach 2, 384; ain aff bat ainen fuchs, daz er im ain wenig gäbe von synem schwancz, daz er syn schantliche blöszy des hindern tailes da mit möchte bedeken. Steinhöwel Äesop 165 Österley; ich gedachte, wann du nur der schandlichen flecken (von den masern) losz wirst, so wird sichs schon auch wieder mit deinem elend bessern. Simpl. 1, 382, 12 Kurz; er war so heszlich, dasz er auch als ein muster der schändlichsten heszlichkeit ... hätte mögen fürgestellet werden. Olearius pers. rosenth. 24ᵇ (1, 42); was ist das (der rabe) für ein schändlich muster, für eine heszliche gestalt, was für übele geberden? 68ᵇ (5, 13);
das schändliche, verzerrte gesicht!
Göthe 13, 147.
ähnlich auch:
wer wird so schlechte waare kaufen!
der stahl ist schändlich angelaufen.
Göthe 2, 218.
2)
mit schande, unehre verbunden, was schande bringt: schandtlich, voll schand und schmaach uneerlich, ignominiosus. desz man sich sol und muͦsz schämen, foedus, pravus, scelestus, impius, flagitiosus, spurcus, improbus, pudendus. Maaler 347ᵃ; etwas schandtlichs und lasterhafftigs wider einen thuͦn, edere scelus in aliquem. 347ᵇ. als gegensatz zu ehrenhaft, ehrlich: sy wissen kein underscheyd zwischen dem ehrlichen und schandtlichen. Franck weltb. 14ᵃ; du scames dih, daz du îeth scantlîches tûost unte daz mir misselîche. Williram 16, 2; facere scandalum in ecclesia vel cachinnum, etswaz scantliches alder groz lahter machen in der chirchen. altd. blätter 1, 366;
wan wolde er daʒ man verswige
sîn schäntlîche sache?
Gregor. 1339 Paul;
die scham ist gar ain liebes chint,
wann si fürchtet alleu schantleiche ding.
H. Vintler pluemen der tugent 6445;
wenn jemand ein weip nimpt, .. und legt jr was schendlichs auff, und bringet ein böse geschrey uber sie aus. 5 Mos. 22, 14; drumb ist es eyn schendlich und schedlich ding, wo man ynn der christenheyt on gottis wort und werck will regieren. Luther 20, 380, 27 Weim. ausgabe; schentlich achtende, so der künig lam oder eineügig ist, das nicht all sein freünd und haussgenossen dermassen gestalt seyen. Franck weltb. 17ᵃ; dann beherzige das zukünftige, als den tod, darüber nichts schändlichers: das gerichte, darüber nichts erschreklichers, und di hölle, darüber nichts unleidlichers. Butschky hochd. kanzelley 710. insbesondere
a)
schändliche, unehrenhafte, entehrende, verbrecherische, lasterhafte handlungen: schandtliche böse thaat, facinus scelestum, scelus; ein schandtlich unnd unglückhafftig fürnemmen, audacia scelerata Maaler 347ᵇ; eine schändliche verrichtung, actio ignominiosa Steinbach 2, 384; wenn jemand seines bruders weib nimpt, das ist eine schendliche that. 3 Mos. 20, 21; liegen (lügen) ist dem menschen ein schendlich ding, und er kan nimer mehr zu ehren komen. Sir. 20, 28; darumb geben sie den nachkomen nur ergernis und ursache zur schendlichen abgötterey. Bar. 6, 47; diese schendliche untrew that Ptolemeus in Israel. 1 Macc. 16, 17; darumb hat sie gott auch dahin gegeben in schendliche lüste. Röm. 1, 26; solche that und mordt, ob sie wol schändlich zuͦhalten, ist doch diese noch viel schändtlicher, dasz die boszhaftige des frommen königs (Servius Tullius) tochter (Tullia) .. als sie .. wider heimfahren wolte, kam sie in die gassen, da ir vatter todt geschlagen lag. wiewol der fuhrmann die pferd abgewandt wolt haben, notet in das schnöd weyb über den todten cörper ires vatters .. zuͦfahren. Kirchhof wendunm. 1, 22 Österley (1, 14); dieweil du aber mit deiner schandtlichen zauberey, und deinem fürnemmen fortfehrest. buch d. liebe 207ᵃ; dieweil du dein leben in solchen schandtlichen handlungen zubringest. ebenda; stelen spricht er (Sirach) ist gar ein schendlich ding, aber seinen nechsten verleumbden ist noch schendlicher. Mathesius Syr. 1, 26ᵇ; damit ich nicht die schändliche thorheit begehe, und im drange der noth den götzen des pöbels anrufe. Schiller räuber 5, 1 schausp.; kühne verbrecher .. wiederholen (auf der bühne) zum schauervollen unterricht der nachwelt ein schändliches leben. werke 3, 514;
dz man vergessen sol darneben,
wie er fürt eynn schantlichs leben.
Soltau volksl. 256;
die schändlichste verschwörung ist entdeckt.
Schiller M. Stuart 4, 4:
so auch: weidet die herde Christi, so euch befolhen ist ... nicht umb schendlichen gewins willen, sondern von hertzen grund. 1 Petr. 5, 2;
so bringt die lust, es kurzhin abzuschwören,
mich noch auf einen schändlichen verdacht.
H. v. Kleist 3, 137 Hempel (zerbr. kr. 9).
b)
in andern verbindungen, z. b. ein schändlicher tod, und zwar in doppeltem sinne, ein schimpflicher tod, wie der von henkershand:
ich enweit, wat dat bedûte,
dat ir êrhachten dôt (im kampfe) fliet
end ûch t' einn skantlîken (ertrinken) tiet.
Eneit 7474;
er (Johannes der täufer) muste an leider achte
schentelichen dot erkiesen
unde sinen lib verliesen.
pass. 228, 96 Hahn;
du must sterben ein schendtling todt.
H. Sachs 3, 2, 111ᵃ;
wir wöllen jn zum schendlichen tod verdammen. weish. Sal. 2, 20; so hette ich vor forchten der straich fürbas nit mer gestolen und wäre des schantlichen todes wol vertragen gewesen. Steinhöwel Äsop 256 Österley; oder ein schmählicher, kläglicher, elender tod: vom regiment unnd schändlichen sterben des türckischen keisers Machumetis des andern dis namens. Ayrer 737, 3 Keller; abgeschwächt zum bloszen ausdrucke des unwillens: wie unerträglich ists alle tage! ... ist denn kein krieg da — es giebt keinen — überall friede, schändlicher friede. Lenz 1, 231.
c)
auch von gegenständen, die mit einer schande, der erinnerung an eine schandthat u. a. behaftet sind: derhalben dieser gassen, mit irer boszheyt geweihet, ein neuwer namme vicus sceleratus, das ist die schändtliche gasz, gegeben ward. Kirchhof wendunm. 1, 23 Österley (1, 14); meine begierde aus einem so schändlichen hause zu kommen, verkleinerte die neuen gefahren, worein ich gerathen konnte. Wieland 12, 103.
d)
es ist schändlich, schändlich zu sagen, turpe dictu, zu hören u. s. w.: denn was heimlich von jnen geschicht, das ist auch schendlich zu sagen. Eph. 5, 12, vgl. S. Franck trunkenh. A 3ᵇ. so auch:
es laut wol schendlich, das mans sag.
Alberus fabeln s. 66 neudr. (15, 49);
nein, es ist schändlich, lieber bruder, und gegen die religion, warum willst du den vater tödten? Tieck 13, 29; etwas ist jemandem oder für jemanden schändlich, bringt ihm schande: Wernhardt, das dich der ritter heut also zuͦr erden gerant hat, solt du dir nit meynen schendtlich oder uneerlich sein. Galmy (1540) 248; als ausruf: pfui, pfui! das ist schändlich. Schiller räuber 1, 3 schausp.; auch allein:
schändlich! — mädchen, höhnst du mich?
Grillparzer⁴ 3, 22.
3)
von personen, unehrenhaft, lasterhaft, abscheulich; ein böser schandtlicher mensch, homo ater Maaler 347ᵇ, homo turpis et inhonestus Steinbach 2, 384; wer vater verstöret, und mutter veriaget, der ist ein schendlich und verflucht kind. spr. Sal. 19, 26; ein dieb ist ein schendlich ding, aber ein verleumbder, ist viel schendlicher. Sir. 5, 17; weil aber Antiochus den jüden so gar feind war, schickte er jnen den schendlichen buben Appollonium. 2 Macc. 5, 24; und ich schentlicher mensch der ich ewers geschlechts bin, muͦsz dulden euch dermassen zuͦhandlen. Aimon o 1ᵇ; so werdent die schentlichen heyden erschlagen. C 1ᵇ; der schändliche Wernhard, welchen sein untreuwes falsches herz nimmermehr ruhen liesz. Galmy (1588) 96; diese schandtliche Arsace, welche mit unkeuscher unnd unzüchtiger liebe besudlet, darzu ein ehebrecherin ist. buch d. liebe 216ᶜ; ihr schändliche, schädliche, schinderische sathans-bruet. Abr. a S. Clara Jud. 2, 4; schändlicher, dreimal schändlicher Karl! Schiller räuber 1, 1 schausp. (s. 17);
nun schwig, du schantlicher valscher pfaff!
Manuel 118, 183 Bächtold;
du kanst ein schantlicher scorpion sin!
264;
ein hohes haupt voll laster und verzagt
wird allererst in seiner höhe schändlich.
Dusch verm. schr. 413;
dasz gott dich! du schändlicher, bübischer mann!
dasz gott dich zur hölle verdamme!
Bürger 62ᵃ;
ha, schändlicher — doch ich verdiene das!
Schiller M. Stuart 4, 4;
so auch metaphorisch:
dann stosz' an die mauer die schändliche stirn.
Bürger 62ᵃ.
in der biblischen sprache häufig als attribut der götzen und teufel: aber hernach giengen sie zu Baal - Peor, und gelobten sich dem schendlichen abgott. Hos. 9, 10; weil sie nicht gehen können, mus man sie auff den achseln tragen, daran die leute sehen können, das es schendliche götter seien. Bar. 6, 25;
(Jacob, d. i. das volk Israel) liesz götzenopfer bluten
und dient, als wär er toll,
den schändlichen feldteufeln.
P. Gerhardt 281, 117 Gödeke.
4)
in eingeschränkterer bedeutung 'unzüchtig' (vgl.schamper): ludicra ... schentliche gesanck Dief. gloss. 338ᶜ; wenn man etwan schampere und schandtliche wort geredt. Wickram rollwagenb. 5, 4 Kurz; man liesz sie (die Heloten) schändliche lieder singen, und lächerliche tänze tanzen. Schiller 9, 152; schändliches lager, schändliche (blutschänderische) ehe u. s. w.: dasz er mich mit sich fort zerrte, dasz er mich zu sich risz auf sein schändliches lager. Hebbel 1, 63 (Jud. 5);
das fromm kind hab sich thun ertrencken,
dasz sie werd frey meinr schendlichn eh.
H. Sachs 5, 230ᶜ,
vergl. auch:
bin ich ein schändlich-ehebrech'risch weib,
wie ziemte mir ein bett und frucht und wein?
Hebbel 1, 158 (Genoveva 4, 1).
5)
für das adv. haben die ältern dialekte eine besondere form: ahd. scantlîhho turpiter Graff 6, 521, mhd. schant-, schentlîche Lexer handwb. 2, 657. daneben wird im mhd. und mnd. die form des dat. plur. als solches verwandt und so noch im ältern nhd.: schentliken turpiter Schiller-Lübben 4, 73ᵃ, schandtlich, lasterlich, schandtlichen, nefarie, foede, flagitiose, indigne; schandtlichen, sceleste, foede, impure, illiberaliter Maaler 347ᵇ. es hat eine doppelte verwendung.
a)
um eine handlung oder eigenschaft näher zu bestimmen, 'auf eine schändliche weise'. schändlich handeln, leben, aussehen u. a.:
dô sprach von Tenen Fruote:   'daʒ stüende uns allen harte schentlîche'.
Kudrun 322, 4;
er enruocht wie schentlîch er lebe.
Seifried Helbling 1, 54;
er ist sô schentlîch gestalt.
1, 174;
das er (Eli) wuste, wie seine kinder sich schendlich hielten. 1 Sam. 3, 13; das dise unbeschnittene nicht komen, und schendlich mit mir umbgehen. 1 chron. 11, 4; also mus Ephraim mit schanden stehen, und Israel schendlich gehen mit seinem furnemen. Hos. 10, 6; aber er wolt lieber ehrlich sterben, denn so schendlich leben. 2 Macc. 6, 19. schändlich tödten oder sterben, auf schimpfliche weise (vgl. 2, b):
die coninc heeft selve ghesworen
dat hi u scandelic sal doden.
Reinart 3797,
vgl. er hîʒ si schentlîchen hân.
Lamprecht Alex. 3960 Kinzel;
swer kêrte sîne sinne
ze kristenlîcher lêre aldâ,
der muoste von dem lande sâ,
ob er niht wolte ersterben
und schäntlîche verderben.
Barl. u. Jos. 8, 12.
schändlich (kläglich, elendiglich) zurichten, zerstören, umkommen u. ähnl.: das land ligt kleglich und jemerlich, der Libanon stehet schendlich zuhawen. Jes. 33, 9; denn der herr verlachet sie, und werden darnach schendlich fallen, und eine schmach sein unter den todten ewiglich. weish. Sal. 4, 18; das war die ursache, das gott die heilige stete, so schendlich zurichten lies. 2 Macc. 5, 18;
wie schändlich wird ihr ruhm und groszes prahlen fallen!
P. Gerhardt 4, 48 Gödeke;
wer hat dein augenlicht,
dem sonst kein licht nicht gleichet,
so schändlich zugerichtt?
49, 16.
jemanden schändlich betrügen:
er hat mich ja schändlich betrogen.
Spangenberg glücksw. 881 (els. lit. denkm. 4, 340);
wie schantlich haben uns dann die ketzerischen buͦben so lange zeit her betrogen. Schade sat. u. pasqu. 2, 14, 21; wie schändlich aber ward ich betrogen! Lessing 3, 406. in andern verbindungen: du hast bey dir Simei ... der mir schendlich flucht zur zeit, da ich gen Mahanaim gieng. 1 kön. 2, 8;
mein königliches blut
flosz schändlich unter unbarmherz'gen streichen.
Schiller don Carlos 1, 2.
vor adjectiven: er hat schon lang eine pique auf sie (die stadt), weil sie so schändlich bigott ist. räuber 2, 3 schauspiel.
b)
um eine handlung an sich zu charakterisieren, 'schändlicherweise', z. b. er lief schändlich davon, d. h. es war schändlich, dasz er davon lief: so sol er daʒ gut, daʒ im iener da gap umbe unreht, dem niht wider geben, der imʒ da gap; wan der gap im dar umbe, daʒ er im unrehtes hulfe wider daʒ reht. da von gap er eʒ suntlichen und schantlichen. Schwabensp. 71, 8; und Lysias selbs flohe auch schendlich, und entran. 2 Macc. 11, 12; Alcimus aber, der zuvor hoherpriester gewest, und schendlich abgefallen war, zur zeit der verfolgung. 14, 3; ach wie ist yetzund alle sterck und tugend unserer vorderen in uns edlen so schendlich verkaltet. Kirchhof wendunm. 1, 347 Österley (1, 307); einen guten abend vom herzog. diesen mohren liefert er euer gnaden gebunden aus. er habe schändlich herausgeplaudert. Schiller Fiesko 4, 8;
das man dir doch nienen hett vertragen,
denn dasz du schantlich bist entrunnen.
Manuel 263, 159 Bächtold;
so ich zuͦ kainer reychstat zeüh
und auch von nimandt schantlich fleüh.
Schwartzenberg 138ᵇ.
6)
in gewöhnlicher und mundartlicher rede oft abgeschwächt:
a)
erbärmlich, schlecht: ein schändlicher weg, ein schändliches wetter u. ä. Schöpf 589. b) viel, sehr, als verstärkung: er ist schändlich reich, hat schändlich viel geld. Frischbier 2, 257ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1893), Bd. VIII (1893), Sp. 2149, Z. 56.

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a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
schwäherin schöpfquelle
Zitationshilfe
„schändlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sch%C3%A4ndlich>, abgerufen am 29.07.2021.

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