scheusal n
Fundstelle: Lfg. 14 (1893), Bd. VIII (1893), Sp. 2627, Z. 28
terriculum, formidamen, exsecramentum Steinbach 2, 399, zu scheuen gehörig, gebildet wie labsal, trübsal. spätmhd. schusel: eyn schusel in der saht ader in dem garten, priapus Dief. 459ᵃ, in älterer sprache in gleichem sinne auch scheusel Happel acad. roman 31. Colerus hausb. 207 (die stellen s. unter 1, a), scheutzel:
der band jn (den habicht) an ein lange stangen,
setzt jn zum scheutzel hoch auffs dach.
Waldis Esop 2, 38, 19 Kurz.
mundartlich heute noch in der Lausitz und Zips scheusel, gespenst. Schröer 287ᵇ. 288ᵇ, in Ost- und Westpreuszen mit angleichung an scheuchen scheuchsel, vogelscheuche Frischbier 2, 269ᵃ. Stieler 1765 gibt das geschlecht des wortes als m. an. so begegnet es auch noch später. Klopstock gebraucht es von wirklichen wesen, nach 2 als masc.:
Gallia sklavin; Gallia frey; sie erniedrigt zur wilden
dann sich, schaffend sogar Marat, den scheusal zum gott.
2, 150,
nach 2, c, von personificationen als neutr.:
komm, o vergessung dann des erduldeten, lösche die bilder
jenes jammers aus, den allgegenwärtig das bleiche
scheusal, das thierische graus ergosz, das würfelnde, kalte
scheusal, der menschheit schande, der krieg.
235.
das neutrale geschlecht, das von Steinbach 2, 399 und Adelung dem wort zuerkannt wird und das heute allein üblich ist, findet sich schon bei Luther: ich wil dich gantz grewlich machen, und dich schenden und ein schewsal aus dir machen. Nah. 3, 6. daneben aber im sinne von 1, c auch das masc. (die stelle s. dort).
1)
scheusal wird bei Stieler 1765 glossiert als terriculum, auszerdem aber als abominatio, execratio, aversatio, detestatio. für die letztere bedeutungsgruppe, die der anwendung von scheu im sinne von furcht, ekel (s. dieses 1 und 2) gleichkommt, fehlen sonstige belege. die gewöhnliche bedeutung in älterer sprache ist gegenstand der scheu, der furcht oder des ekels, abscheus.
a)
an die älteste bedeutung von scheuen rührt am nächsten die anwendung im sinne von scheuche, schreckbild, popanz, wie sie die frühsten belege zeigen: schusel Dief. 459ᵃ (s. oben unter dem formalen); das habe ich gesehen, dasz die arme leute scheussel gesteckt haben, oder um die saat strohseil und federn gebunden und des nachts bei dem getreide gehütet und das wild weggescheucht haben. Colerus hausb. 207; desz abends setzet er zwo grosze scheuseln oder poppen als menschen gekleidet, auf die ecken der straszen. Happel acad. rom. 31; scheusal im korn, sive acker, terriculum Stieler 1765; aber schon das einfachste scheusal oder die leichteste umzaünung genügt, um die elefanten von den feldern abzuhalten. Brehm thierleb. 2, 695; (von jungen affen)
was wunders schafft gott in die welt,
solch ungeziefer drin erhelt!
mit hunden solt man sie auszhetzen,
zum scheutzel in die bohnen setzen.
Waldis Esop 4, 7, 100;
doch nun endlich im schwarme der mutzujauchzenden freundschaft
wagt sie (die tochter des zeisigs), vom scheusal hier, dort vom geklingel geschreckt,
durch umsäuselnde lüfte den flug zu dem glänzenden kirschbaum.
Voss 3, 117.
weidmännisch ist scheusal in diesem sinne noch jetzt ganz gebräuchlich. Behlen 470.
b)
in allgemeinerem concreten gebrauch, so von personen: und wirst ein schewsal, und ein sprichwort und spot sein unter allen völckern, da dich der herr hingetrieben hat. 5 Mos. 28, 37;
hoch am kreuze wird mein sohn (Christus)
grosze marter leiden,
und viel werden ihn mit hohn
als ein scheusal meiden.
P. Gerhardt 165, 12 Gödeke;
da man in dieser welt
die kranken für ein scheusahl hält.
Rist himl. lieder 5, 281.
mit ergänzendem genitiv: es würgen ihn gewissensbisse bei zeiten in das grab und er wird ein scheusal der ehrliebenden welt, quelle von 1780 bei Dief.-Wülcker 836;
wie mancher steigt durch rauch des falschen ruhms verblendet
nach hoher ehr; und fällt,
wenn der gewächsten flügel schwung bey gar zu naher sonnen endet,
in höchste schmach, und wird ein scheusal aller welt!
A. Gryphius (1698) 1, 98.
c)
in abstracter anwendung: macht ewre seelen nicht zum schewsal, und verunreiniget euch nicht an jnen, das jr euch besuddelt. 3 Mos. 11, 43; es ist aber eine kleine scheue dran, dasz er ist aus dem orden getreten, und nun in weltliches priesters kleide geberdet .. wo euch nun dieser scheusal nicht hinderte, wüszte ich den auf dieszmal nicht zu verbessern. Luther briefe 2, 183; also stehet die ehe im bapstum, auff einer seiten gar verdampt und verboten, als bey seinen geistlichen, auff der ander seiten zugelassen, als bey den weltlichen, aber doch also mit gesetzen, stricken, gewissen und fahr verwirret, das auch schier so viel ist, als ein verboten ding, oder je zum wenigsten als ein fehrlich schewsal. werke 5, 325ᵃ; wie die Sara Abraham gehorsam war und hies jn herre, .. welcher töchter jr worden seid, so jr wolthut, und euch nicht fürchtet für einigem schewsal. 2, 356ᵇ; andern zum scheusal. Stieler 1765.
2)
in neuerer zeit bezeichnet scheusal meist ein wesen, das seiner art nach geeignet ist, abscheu zu erregen, ein verabscheuungswürdiges, abscheuliches, und zwar entweder mit bezug auf sein äuszeres, sein aussehen, oder auf sein inneres, oder endlich auf beides.
a)
von thieren: wie scheusale angestaunt. Göthe 14, 102; wenn an dem zitzenreichen leibe dieser wilden bestie (der römischen wölfin) sich zwey heldenkinder einer würdigen nahrung erfreuen, und sich das fürchterliche scheusal des waldes auch mütterlich nach diesen fremden gastsäuglingen umsieht, .. so kann man wohl von einem solchen wunder eine wundervolle wirkung für die welt erwarten. 39, 289; lieber gott, die katzen, schlangen und sonstigen scheusale, die dir bei der schöpfung so zwischen den fingern durchgeschlüpft sind, haben Beelzebubs wohlgefallen erregt, er hat sie dir nachgemacht, aber er hat sie besser herausgeputzt, wie du, er hat sie in menschenhaut gesteckt. Hebbel (1891) 2, 122; (im bilde:)
dreymal glücklich das volk, so beschirmt wird gegen den scheusal (den Python, Frankreich)
durch das laute verbot des allgewaltigen weltmeers.
Klopstock 7, 25.
b)
von personen: vermaledeyt ist der verdammte cörper, den ihr diesen tag begraben habt, denn das verfluchte scheusal, über welches man ohnfehlbar keine seelmessen gehalten hat, ist mir vor etlichen stunden erschienen und hat meinen leib erbärmlich zugerichtet. Felsenburg 1, 189; scheusal, scheusal, schaff mir meinen sohn wieder! Schiller räuber schausp. 2, 2; mein herz ist noch nicht ganz verdorben: bös hab ichs nicht gemeynt. aber ich war doch ein scheusal. Miller Siegwart 1, 223;
grosz war zum entsetzen das scheusal (der Kyklop).
Voss Od. 9, 190;
so der Kyklop; da brach uns allen das herz vor entsetzen
über das rauhe gebrüll und ihn selbst, das gräszliche scheusal.
257.
c)
von personificationen: ich fühle mich aufgelegt, die ganze natur in ein grinsendes scheusal zu zerkratzen, bisz sie aussieht wie mein schmerz. Schiller Fiesko 5, 13;
mich aber trübte von neuem
meine schwermuth: dasz krieg
seyn musz, ob ihm gleich, dem thierischen scheusal, das ehmals
freye Frankreich untergang schwur.
Klopstock 2, 162;
vor den thoren gefesselt
liege des streits schlangenhaarigtes scheusal.
Schiller braut von Mess. 140.
d)
in freierem bildlichen gebrauch:
sieh, da keimt schon, unter dem hauch des nordpols,
frischen unheils wuchernder same leis auf:
hoch als giftbaum ragt in die luft bereits diesz
riesige scheusal (Ruszland).
Platen 117ᵇ.
Zitationshilfe
„scheusal“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/scheusal>, abgerufen am 12.12.2019.

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