schieben verb
Fundstelle: Lfg. 14 (1893), Bd. VIII (1893), Sp. 2666, Z. 46
I.
Verbreitung, formales: das verbum ist gemeingermanisch, goth. (af-) skiuban, ags. scûfan, sceáf, scufon, scofen, neuengl. skove; altfries. skûva Richthofen 1035ᵃ; mnld. schuyven Kilian; neunld. schuiven, schoof, geschoven; ahd. scioban, scoub, scubum, giscoban Graff 6, 409. im altnord. fehlt das starke verbum und ist durch ein abgeleitetes schwach flectierendes skýfa, skýfđa vertreten. zu schieben gehören schaufel, schub, schüppe u. a.; mit diesem germanischen worte vergleichen sich sanskr. kṣubh, kṣobhate in aufregung, bewegung geraten, lit. skùbinti beeilen Fick⁴ 1, 567; nhd. schieben, schalten, promovere, protrudere Dasypodius; Schottel 593 flectiert: ich schiebe, du schiebest (interdum scheubest), er schiebet und scheubet, ich schob, geschoben. neben schob, schoben hat Stieler 1778 schub, schuben. du scheubst, er scheubt noch bei Steinbach 2, 483. die regelmäszigen formen des ausgebildeten nhd. sind: ich schiebe, du schiebst, er schiebt, ich schob, wir schoben, geschoben. die formen du scheubst, er scheubt begegnen häufig im älteren nhd.: wo man die winden von stat rückt oder scheubt. Tucher baumeisterb. 68, 18; (er) scheubt die (birne) ains mals in mundt. Zimm. chron.² 3, 120, 35; da scheubt denn der teufel zu. Luther 5, 134ᵃ;
desgleichen gerne kegel scheubt.
Ringwaldt laut. wahrh. (1597) 218;
die erde scheubet vor der groszen berge rigel,
und läszt mich nicht hinausz.
Opitz 3 (1645), 57;
was scheubest du viel auff?
1 (1646), 58;
wechselt sie, und scheubt die leiche
einer andren mutter bey.
Tscherning (1642) 145.
noch im 18. jh. er scheubet (doch siehe weiter unten die stelle aus Göchhausen): es zwinget auch der hirsch bey hartem boden, und scheubet gras und erdreich gantz ab. Döbel jägerpr. (1754) 1, 10ᵃ. imperat. scheub:
scheub ein.
O. v. Wolkenstein 41, 34;
scheube nicht mit beiden henden ein, nim nicht beide backen voll. Mathesius Sirach 2, 43ᵃ; prät. plur. schuben: behaustens und ätztens und trenktens und schubens. Aventinus chron. 2, 543, 21; schub Harnisch 68; er schub selbigen zettel unter ihren teller. Hazards lebensgesch. 249. Die oberdeutschen mundarten haben besonderheiten der flexion gewahrt. bair. ich schoib, prät. ich schub und mit schwacher bildung ich schiebet Schmeller 2, 359; kärnt. schieb'n, schiebet, g'schiep', g'schoub'n Lexer 217; schweiz. schiebe, schub, g'schobe Hunziker 219. Seiler 252ᵃ. Auf eine alte infinitivform schûben (so durchaus im nd.) geht die nebenform schauben zurück (s. oben sp. 2300); zu den dort gegebenen belegen vgl. noch: wenn ein hirsch auf hartem doch ein wenig beregnetem erdboden gehet, so schaubet er mit denen ballen das erdreich ein wenig ab. Göchhausen not. ven. (1741) 29.
II.
Bedeutung und gebrauch.
1)
in transitiver anwendung, zum theil mit auslassung des objects.
a)
zunächst etwas gleichmäszig drückend (im gegensatz zu stoszen und ziehen) von der stelle bewegen, besonders auf einer fläche oder, wenn das bewegte sonst in einer bestimmten richtung oder bahn festgehalten wird: den tisch an die wand, den stuhl zur seite, den zeiger an der uhr, einen stein im brettspiel vor oder zurück schieben; ein schiff ins wasser schieben; den riegel vorschieben, ein fenster in die höhe schieben; sie schieben den wagen in den stall. Steinbach 2, 483; eine karre schieben; in der karre schieben brem. wb. 4, 724; das brot in den ofen schieben (nd. schûf in'n aow'n im kinderlied. Danneil 190ᵇ); etwas in den mund, in die tasche schieben (Adelung empfindet derartige wendungen als mehr dem oberd. sprachgebiete angehörig und zieht in solchen fällen stecken vor); mit persönlichem object: einen vor sich her, zur seite schieben. mnd. se schoven wagene unde kuvene in den wech. quelle bei Schiller-Lübben 4, 160ᵃ; de here bat Petrum, dat he dat schep van der erde schove. quelle a. a. o.; hd. daʒ kümt dâ von, daʒ der dunst für sich scheubt die erden mit ainem gedrang. Megenberg 108, 10; wo man die winden von stat rückt oder scheubt. Tucher baumeisterb. 68, 18; (bei einem brückenbau) so sollen wier auf der ebni und von Kauns den ersten ens (längsbalken) schieben, und den sollen Serfauser empfachen (am anderen ufer), und darnach sollend Serfauser den andern ens schieben, den sollen wier empfachen. tirol. weisth. 2, 291, 23; so erwischt Berstain derselbigen biren eine, scheubt die ains mals in mundt. Zimm. chron.² 3, 120, 35; kaufft der gute gesell ein grünen hecht, und scheubt jn dem lolhart in seinen korb. Mathesius Sar. 17ᵇ; der musz ins feuer, der den andern drein scheubt. Lehmann 86; und wie hätten sich doch wol gelährte und lähr-beflissene, oder auch künstler, durch die länge dises land-umkherenden kriegs mögen fortbringen, da sie doch zu fridens-zeiten kaum das brot (wie man sagt) von der hand in das maul zu schieben gehabt. Rompler v. Löwenhalt vorr. s. 3; verzehrung alls desz, was der mensch in seine gedärme schiebet. J. Böhme Aurora (1835) 75; das du fort für fort abstirbest, bis so lange du .. ganz dem tode in seinen rachen geschoben wirst. Butschky canzell. 890; ehedem hatte er (der hofmarschall) .. obiges paar immer in einen nebensaal zu schieben gesucht. Klinger 10, 18; die ausgelassenheit des pöbels gegen den minister gieng so weit, dasz man ihm pasquille in die hand schob, wenn er sich öffentlich zeigte. Schiller 9, 10; geschoben im sinne von verschoben: geschobene Andreas-kreuze. Göthe 55, 15; wie schon der schrecken, der zorn die zerreiszende aus einander geschobene textur des körpers mit geistigen klammern hielt. J. Paul Kamp. 49; so küszte er mich auf die stirne und schob mich zur thür hinaus. Bettina tageb. 205;
thaʒ er nan (den apfel) scoub in sinan mund.
Otfrid 2, 6, 15;
diu maget schoub ir vingerlîn
zwischen die zene sîn.
Parz. 576, 14;
er wolt sîn meʒʒer in die scheide schieben,
dô begunde sich diu klinge biegen.
minnes. 2, 115ᵃ Hagen;
sîn schilt was zebrochen,
mit spern sô zerstochen,
man hete fiuste derdurch geschoben.
Erec 2824;
er schoub der vrouwen in ir kleit
aldâ zuo der selben stunt
mêre denne zehen pfunt.
ges. abent. 3, 376, 752 (vgl. J. Grimm kl. schriften 2, 188 ff.);
daz vier der aller sterksten man
mit macht an mir zu schieben hetten.
fastn. sp. 564, 19;
ich nim wein für schöne weib
und scheub die speiss in meinn leib.
608, 1;
sieh, du traute, um dich her, wie heute
jeder jüngling seinen vordermann, zur seite,
um von dir gesehn zu werden, schiebt.
Göckingk 3, 35;
die menschen wuszt' er, gleich des bretspiels steinen,
nach seinem zweck zu setzen und zu schieben.
Schiller Wallenst. tod 4, 8.
im militärischen sinne: die vorposten waren bis an den flusz vorgeschoben; von schiffen: also entlief der haubtman, wiewol er die andern schiff für sich geschoben, sich was geseumbt, darumb im die weil lang war, mit seinem schiff. Wilwolt v. Schaumb. 100; leicht in freierem, übertragenem gebrauch: er wuszte alle mitbewerber bei seite zu schieben;
trecht wart after waert ghescoven.
Reinaert 4236;
schiebt meine vernunft nicht im kurzweil herum. Schiller Fiesko 1, 12; die evangelischen (wurden) unvermerkt von den landschaftlichen stellen entfernt, und katholiken an ihre plätze geschoben. schriften 8, 29; jene frühere erklärungsart .. wird aber von der Newtonischen völlig verdrängt, nachdem sie vorher durch Boyle bei seite geschoben war. Göthe 53, 214; vom herrn leser selbst, den ich bei dieser gelegenheit .. in das allervortheilhafteste licht schob und brachte. J. Paul aus d. teufels pap. 1, 80. einen von sich schieben, von sich entfernen: nun hett ich meine knecht auch von mir geschoben. Berlichingen 165; das redete er aber, mich von ihm zu schieben. Simpl. 2, 6, 1 Kurz; freier in älterer sprache:
der tôt schoup siufzen in diu wîp.
Parz. 161, 3;
mit ir (der apostel) helfe wird geschoben
genuger hin zu himele.
pass. 578, 12 Köpke.
mit auslassung des objects: jemandem schieben helfen; sprichwörtlich: dat schifft mêr as et treckt, säd de bûr, un stitt den kêrl mit dem fôt ût de döer 'rut. Wander 4, 160; nld. gij moet schuiven, ihr müszt ziehen, im brettspiel; ebenso beim kegelschieben: wer schiebt? du muszt schieben, s. unter d; alles schob und drängte nach vorn; endlich keuchten zwei kinder daher, davon eines als zugvieh an einem schiebekarren angestrickt war, und das andere vornen als schiebender fuhrmann nachgespannt. J. Paul Hesp. 1, 170;
Sîfrit dô balde,   ein schalten gewan,
von stade er schieben   vaste began.
Nibel. 368, 2;
se toch, se schoff unde se brack.
Reinke de vos 1148;
indessen, durch das schieben
des wahlenden Neptuns wird er auch fort getrieben,
bisz ihn des lands gestalt in seine schos empfangt.
Rompler v. Löwenhalt 72;
du glaubst zu schieben und du wirst geschoben.
Göthe 12, 214.
eigenthümlich:
de eine de dar geit tohr lincken hand so styff,
und schyfft so mit dem erse (wackelt so mit dem hintern), is eines schlachters wyff.
Lauremberg 2, 700.
schieben sagt man auch vom zugvieh, das mit dem ziehbrett angespannt ist: all ochszen die lang geschoben haben, boves vetuli. Henisch 1544, 17. Frisch 2, 177ᶜ, vgl. oben schûwbred. landschaftlich, einen in die erde schieben, ihn begraben:
mit mir wirds nimmer besser werden,
bis man mich schiebt unter die kühlen erden.
Birlinger volksth. aus Schwaben 2, 128;
kärnt. s'diendle schieb'n, coire Lexer 217, vgl. Castelli 241. in kürzender ausdrucksweise, steine, sand schieben (in einem karren): steine schûwen Schambach 188ᵃ; wir wollen nach Bremen reisen, um den dortigen kaufleuten den sand in ihre schiffe schieben zu helfen. Möser patr. phant. (1775) 1, 308. in besonderen sprichwörtlichen, formelhaften wendungen: nd. enem de kare vor de döre schuven, wegen nichtiger gründe jemanden verlassen oder entlassen. brem. wb. 4, 724; den karren in den dreck schieben, eine angelegenheit so treiben und dahin bringen, dasz eine weitere förderung schwierig oder unmöglich ist. auf oberd. gebiete, einen in den sack schieben, leicht und völlig mit jemandem fertig werden, ganz in seine gewalt bekommen; mit festhaltung der zu grunde liegenden vorstellung: (der Türke) gewingt uns mit diser weis imerzue ain land, ain fleck nach dem andern ab, so lang und vil, pisz er uns all in sack scheubt. Aventinus werke 1, 249, 30; Scheubinsack als name, ring 33ᵇ, 7; das müszt' ein kerl seyn, der daz weinfasz von Fuld in den sack schieben (vorher stecken) wollte. Göthe 8, 40; freier, jemanden überwinden: Cornus ein alter philosophus hat sich gar zu tod geschämbt, da er öffentlich hören muszte, wie ihn ein junger unbarteter frischling in sack geschoben, dasz er weder vor sich noch hinder sich kunnt. quelle bei Schm. 2, 360; in demselben sinne auch blosz einen schieben. beispiele ebenda; jemandem einen knüppel zwischen die räder schieben, ihm hindernisse in den weg legen. einer sache den riegel schieben, gewöhnlicher vorschieben, sie abstellen, verhindern, nicht mehr leiden. vor den daumen schieben theil 2, sp. 847.
b)
von dem hervortreiben neuer glieder eines organismus bei pflanzen und thieren, zum theil mit auslassung des objects, dann allgemeiner vom wachsthum überhaupt, nd. de zwetschenbäœme schûwet med der gewald, die zwetschenbäume treiben stark. Schambach 188ᵃ; de bôm wil nêt schufen. ten Doornkaat Koolman 3, 153ᵇ; die feygenbäume schyebent ire schosz. quelle des 15. jh. bei Birlinger 394ᵃ; den früen hopfen nennet man auch sonst augsthopfen und ist der beste, schlegt auch zum ersten aus, scheubet grosze dicke keimen und ranken. Coler hausb. (1640) 143; übertragen, ohne object: am frühling schiebt das grasz, wann mans schon mit holtzschlägl verwöhren wolt. Sutor Argos (1740) 980; indessen schone mir deine gesundheit! wenn du verblühst, so ist mein stamm verdorret. mein neffe .. wird schwerlich einen zweig schieben; er ist gar zu saftlosz und dürre. Schubart bei Strausz Schubarts leben 2, 384. dieselbe vorstellung in anderer wendung:
eʒ was zuo den stunden,
daʒ diu voglîn sungen
und der meije niuweʒ loup
ûʒ den zwîgen allen schoup.
ges. abent. 3, 604, 180.
bei bestimmten thieren vom abstoszen der ersten und hervortreiben der zweiten zähne: ein pfärdt hat 40 zän, verleurt aus sölchen 12, hebt an zu schieben, so es 30 monat alt ist. Geszner thierb. von Forer (1583) 134ᵃ; die pferde pflegen zu schieben oder die zähne auszuwerfen. Coler hausb. 245; die zweyschäuffler, mutterschaafe, soll man, wann sie geschoben haben, mit den 3 jährigen böcken oder widdern zulassen. Hohberg 3, 1, 66ᵇ, vgl. Frisch 2, 177ᶜ; nd. det schâp schüft in'n vêrten jâre acht têne. Schambach 188ᵃ. anders gewendet: nun fallen die milchzähne aus, und es schieben zuerst wieder schneid-, dann die eckzähne. Oken 4, 139; in freier poetischer sprache:
wenn die lerch' auf sonnenstrahlen aufwerts steiget, wähn ich
immer, dasz auch meine seele müsse fitt'ge schieben.
Rückert ges. ged. 2, 429.
c)
in der alten sprache weist das verbum einen allgemeineren sinn auf, indem es auch die bedeutung von stoszen mit einbegreift (so im ags. und altfries.):
mit hurte si dicke ein ander schuben,
daʒ die ringe von den knien zestuben.
Parz. 263, 27;
wie quetschen:
swa si (die thiere) wurden tot geschoben,
da was im leit der vreise.
uʒ genuger wagenleise
hub er die creaturen,
daʒ si mit leiden schuren
der wagen icht zutrete.
pass. 525, 32 Köpke.
mnd. de den andern schufft, dat he sinen arm uth dem lede storttet. quelle bei Schiller - Lübben 4, 160ᵃ; ebenda weitere beispiele.
d)
zur bezeichnung einer besonderen art der bewegung in kegel schieben und verwandten wendungen (s. oben scheiben 2, a, α sp. 2391): nach den kegeln schieben, holz schieben (kegel treffen), ein loch schieben (die kegel unberührt lassen, dann auch zur bezeichnung fehlerhafter würfe, deren resultat nicht angerechnet wird), alle neun schieben: kegel schieben Stieler 1779; (der könig) der einen berühmten nahmen hatte, und in diese thäler zu jagen und kegel zu schieben kommen war. pers. baumg. 2, 17; ist wie meister Fix der nach 12 kegeln scheubt. Wiedemann jan. 8; hier (unter den räubern) wirst du nicht bälle werfen oder kegelkugeln schieben. Schiller räuber 3, 2 schauspiel;
wenn ich hett solcher kegel neun,
wolt umb ein kleinot schieben lan.
fastn. sp. 212, 10;
kommt nur her, geliebte freunde!
laszt uns schleudern, laszt uns schieben.
Göthe 47, 266;
schieb ich holz, da wird gejubelt:
dreye! fünfe! sechse! neune!
267;
bildlich, einen kurzen schieben, etwas verfehlen, zu kurz kommen:
fordert er euch gleich für gericht,
jr findt wol ein der euch ferficht,
der fremb wirt einen kurtzen schieben.
H. Sachs (1561) 3, 39ᶜ;
darümb wer herrscht dürch forcht on lieb,
der luͦg das er kain kurtzen schieb.
Schwartzenberg 116ᵃ.
e)
in einer reihe vielgebrauchter fester wendungen, etwas von sich schieben, es abweisen, nichts damit zu thun haben wollen: arbeit von sich schieben, onera objecta amoliri; gefar von sich schieben, propulsare et pellere periculum; die schuld von sich schieben, culpam amovere Stieler 1779; einen antrag, eine zumuthung weit von sich schieben. gewisse wendungen entstammen der alten rechtssprache, ausgehend von dem zuschieben gestohlenen oder geraubten gutes: giht er (bei dem gestohlenes gut gefunden wird), daʒ er schub habe (dasz er das gut einem anderen zuschieben könne, von dem er es in gutem glauben empfangen habe), so sol man im einen tac dar umbe geben. und kumet iener für, und schiubet eʒ diser ûf ienen: er muʒ eʒ enphahen. Schwabensp. 187 Gengler; daher auch überführen durch ein corpus delicti: sôgetân leut werdent oft gevangen, daʒ man sie an der hantgetât nicht begreift und daʒ man auf sie niht ze schieben hât. quelle im mhd. wb. 2, 2, 166ᵇ; vgl. Schmeller 2, 359. Scherz 1389; dann in allgemeiner, freierer anwendung: die gantze sache auf einen schieben, die schuld auf einen schieben. Steinbach 2, 483; schieben einem ins gewissen (das ist, ihm zu verantworten vor gott und menschen überlassen). Frisch 2, 177ᶜ; seine fehler auf einen andern, auf etwas schieben; die verantwortung auf jemanden schieben; die meisten schoben die ganze schuld auf den bekannten charakter des herzogs von Ossuna. Schiller 4, 133; einige schoben den fehler aufs gebäude. Göthe 19, 188; so schieben wir alle schuld auf die schule. 55, 107; man schob ihnen .. die umtriebe der catholischen propaganda aufs gewissen. Gersdorf repert. 1840, s. 89;
schiebt ihrs auf das kirmeszbier,
dasz ich so vor freuden krähe.
Voss 4, 55;
was du gethan, hast du gethan,
du kannsts in keinen fremden busen schieben.
Rückert 396.
ungewöhnlich in folgender stelle: die guten leute (die mich, den einsiedler, für einen propheten gottes erklären) meinen es aber in ihrem sinne recht gut, nur schieben sie das meiste auf meinen bart, der mir wider meinen willen so lang gewachsen ist (sie schlieszen es zumeist aus dem bart). Tieck 7, 34; jemandem etwas in die schuhe schieben, die schuld für etwas zumessen, s.schuh. etwas auf jemanden schieben, es ihm zuweisen, zutheilen (mhd.):
daʒ olei si halb uf dich geschoben.
pass. 513, 8 Köpke;
sinnlicher:
Cristo dem vil lieben,
der uf sich wolde schieben
unser sweren burden last.
pass. 342, 52 Hahn.
etwas an einen, für einen schieben, eine sache vor ihn bringen, zunächst in älterer rechtssprache; ferner in bezug auf appellation, urtheilsverschiebung von einer instanz zur andern: eine sache an ein anderes gericht schieben, das recht schieben (rechtsalterth. 835. 836), das urteil schieben, die entscheidung aufschieben; und ward geschoben an die zünft. d. städtechron. 5, 349, 25; item als das recht nun geschoben ward für den kaiserlichen hof. 206, 3; nun ist es ze wissen, dasz er widerumb von dem kaiserlichen hof geschoben ward für das lantgericht czu Ansbach (zurück verwiesen). 31; so hat der probst und die zwelf den gewalt, daʒ sie eʒ schieben in die stift. tirol. weisth. 1, 91, 12; was klagen in den drei vierzechen tagen, die ehehaft täding genant sein, und darinnen mit dem rechten nit auszkombt, es wert geschoben mit urthail oder nit, das soll hinfür steen im lantgericht. 4, 214, 3; die sach sey auffs new an den keiser geschoben. Luther 5, 146ᵇ; in entsprechendem sinne, einem etwas heim schieben, es ihm zur entscheidung, bestimmung übergeben, überlassen: und ist sicherer, man schiebe es dem keiser heim in genere, dasz er das einsehen haben wollte, dasz recht und christlich procedirt werde. Luther briefe 4, 459; wo ihr aber die sachen mir wolltet widder heim schieben, und mich fur einen pabst .. halten. 591; anders gewendet: wider haim schieben eine schmach, sie ihm zurück geben. quelle bei Schmeller 2, 360;
ich scheub die urteil sechs wochen,
die weil wirt manchem ai sein kopf zuprochen.
fastn. sp. 625, 21;
so woll wir schieben dise dink,
unz ain frucht die andern prinkt.
32;
geschoben hat man all eur sach.
da pei lest man euch nun sagen,
man hat heut noch mer sach auszzutragen.
647, 16;
hort auf, kein urteil gebt heut mer! (spricht der richter)
der Molkenfrasz von dannen ker:
das recht wil ich verrer schieben.
sein appellacion hat man eingeschrieben
an das hofgericht zum ploben stern.
102, 4;
an einen etwas schieben, mit allgemeinerem sinne, es vor ihn bringen:
die bete vürbaʒ geschoben wart
an iren sun Kâedîn.
H. v. Freiberg Tristan 1480.
eine angesetzte versammlung wird von einem orte an einen andern geschoben (verlegt): (der tag wurde) besunder von abwesens wegen unsers herrn von Wirtzburg, der nit personlichen dahin komen wölt, gein Bamberg geschoben. d. städtechron. 2, 231, anm. 1. leicht entwickelt sich aus jenen wendungen der rechtssprache der allgemeine gebrauch von schieben in zeitlichem sinne (vgl. aufschieben, verschieben, hinausschieben): doch wordin di teidinge geschobin uff den andern tag frue. Köditz leben d. h. Ludw. 41, 25; darumb verzeuch nicht, dich zum herrn zu bekeren, und schieb es nicht von einem tage auff den andern. Sir. 5, 8; da der tag der wahl Rosens durch die klugen anstalten der sultanin immer in das weitere geschoben ward. Klinger 10, 102;
swes mich ein man bæte, ...
daʒ würde nicht vürbaʒ geschoben;
swaʒ ich ieman solde loben,
daʒ gæbe ich an der stunde,
dem ich der gâbe gunde.
krone 5926;
kurzlîch mit rât daʒ vunden wart,
daʒ er ein teil lenger schübe die Walhenvart.
Lohengrin 3482.
in vielgebrauchter redensart: er scheubt die sache auf die lange bancke, rem extrahit. er schob den krieg auf die lange bancke, bellum ducebat. Steinbach 2, 483; auch diese wendung hat ursprünglich beziehung auf rechtliche verhältnisse, s. th. 1, sp. 1108; unter die bank schieben, in den schatten stellen, unterdrücken: überhaupt bestehe die gefahr, dasz der eine theil der universität den anderen 'unter die bank schiebe'. aus dem 16. jh. belegt bei Prantl geschichte der Ludw. Max.-univers. 1, 243 (vgl. th. 1, sp. 1107).
f)
verbrecher, vagabunden werden geschoben, von einem gebiet ins andere gebracht, an das zuständige gericht nach summarischem verhör ausgeliefert; ein solcher transport heiszt schub in Oberdeutschland, die transportierten schüblinge. Schmeller 2, 360. Castelli 241; ähnlich in allgemeinem sprachgebrauch: vagabunden über die grenze schieben.
g)
in älterer sprache einen schieben, ihm zum fortkommen verhelfen, bei seinem vorhaben behülflich sein, ihn begünstigen, besonders wenn es heimlich geschieht und die begünstigung einem verurtheilten, verfolgten, auszerhalb des gesetzes stehenden zu theil wird: die kaufleut der reichstet warn nit überal sicher, der adel im land lieszen solche reuterei überal aus und ein, behaustens und ätztens und trenktens und schubens. Aventin chron. 2, 543, 21; solln die straszenräuber und beschediger nit gewarnen noch schieben. landpot in Ober u. Nider-Baiern (1516) 16ᵃ; (feinde) wüssentlich nit husen, hofen, noch schieben oder schieben lassen. Tschudy 2, 593ᵃ; würde eine grund-obrigkeit, einige malefitzperson dem land-gericht zu liefern sich verweigern, oder solchen schieben und entkommen lassen. Hohberg 1, 35ᵇ; weitere belege siehe bei Schmeller 2, 359; ebenda in gleichem sinne einem schieben, feinde nach-, hin-, fürschieben, einem schub thun, nachschübig sein. in eigenthümlicher wendung: einem ein gaab schieben, unnd als schier mit gewalt aufstoszen. Maaler 351ᵃ; vgl.
der bapst hat uns die friheit geschenkt
und ein bligin sigel daran gehenkt,
so hend wir im tusend pfund gschoben.
N. Manuel 52 Bächtold.
mit unterdrücktem object im sinne von wirken, sich betriebsam zeigen, thätig sein: da scheubt denn der teufel zu. Luther 5, 134ᵃ; denn ich habs selbs zu Wormbs gesehen, und jtzt zu Augsburg erfaren, wie auch hertzog George, für andern allen gehoben und geschoben hat, und gerne ein unglück und blut vergieszen angericht hette. 6, 15ᵇ;
und kurz, es kommt so weit, zumahl da Karamell schiebt,
dasz Dindonette dem faun die hand auf morgen giebt.
Wieland 4, 185.
h)
vereinzeltes: wechsel, hypotheken schieben, sie anscheinend in anderen besitz bringen, als unredliches vorgehen; aus Leipzig: die schneidergesellen schieben, wenn sie von der werkstätte arbeit mit nach hause nehmen, um sie über nacht fertig zu stellen. Albrecht 199ᵇ. schieben im whistspiele, das trumpfmachen dem partner überlassen.
2)
reflexiv, von personen: der spies belib Wilwolten in dem gerüst und hinter haken (am gegner), lag der also neben der praut wagen und hielt Wilwolt ob im, mocht nit los werden, schob sich selbs hinter den sattl. Wilwolt v. Schaumburg 47; frei in poetischer sprache:
kein fremder mund soll zwischen uns sich schieben,
den guten feldherrn und die guten truppen.
Schiller Wallenst. tod 3, 15;
in weiterer übertragung:
sölhe soldier funde er selten,
die sich schüben in sô starke nôt.
Willeh. 385, 21;
do sprach die vrowe 'seht nu gat
her die zit in der Crist
uns zu selden kumen ist,
uf den ich mich nu schiebe' (dem ich mich nun übergebe,
befehle).
pass. 628, 49 Köpke;
von einer dichten, drängenden menge: der platz .. ist ganz mit menschen ausgefüllt, welche nicht hin und wieder gehen, sondern sich hin und wieder schieben. Göthe 29, 248; wagen, geschütze, fuszgänger und reiter, alles schob sich im wirrwarr weiter. Häusser d. gesch. 3, 9. sich langsam, schwerfällig fortbewegen: die nickten zum theil nur, wenn sich die andern herren vor ihnen bückten und schoben sich ganz gravitätisch hin und her. Lottchen am hofe (kom. oper 1768) 85; den leibarzt der prinzessin Kuhlpepper, der vom fette und doctorhut in eine schwere Loths-salzsäule verwandelt, sich wie eine schildkröte vor die regentin und pazientin schiebt. J. Paul Hesp. 1, 202;
schwer wie blei ist der patron ...
tapp! tapp! tapp! tapp!
wie sich das langsam vorwärts schiebt.
Kotzebue dram. sp. 2, 251.
nd. hê schuft sük up de dêle langs. ten Doornkaat Koolman 4, 153ᵇ. von unmerklicher fortbewegung:
sie schiebt sich langsam nur vom ort,
sie scheint mit geschlosz'nen füszen zu gehen.
Göthe 12, 218;
das geräuschlose wird hervorgehoben:
und wie er sie ganz ruhig athmen hört,
schiebt er von seiner lagerstätte
behutsam sich herab.
Wieland 21, 329.
ähnlich von der gleitenden bewegung eines stromes: der Rhein findet seine ebene bald, durch die er ohne glänzende wasserfälle sich schiebt. J. Paul Levana 3, 24; sich schieben in derber rede, sich fort machen (vgl. sich drücken): er schiebt sich; schieb dich! Spiesz 211. Albrecht 199ᵇ. von dingen: das kleid schiebt sich in die höhe;
(dasz) sich ein langiu spitze schoup
dur sînes helmes barbier.
K. v. Würzburg troj. krieg 32426;
frei gewendet: eine reihe nackter felsen schieben sich gedrängt hinter einander hervor. Bettina briefe 1, 274. wie sich verschieben: das gebäude hat sich geschoben, aedificium istud sede sua convulsum, compagibus seu compaginibus solutum, et laxatum est. Stieler 1778; das papier hat sich geschoben. Adelung; und was das wieder für umstände sind! das schiebt sich und verschiebt sich. Göthe 23, 21.
3)
intransitiv, in schiebender bewegung vorwärts kommen, meist nur in gewöhnlicher, derber oder verächtlicher redeweise, doch in älterer sprache auch in gehobenem sinne:
Katherina du vil liebe,
zu dir ich nun schiebe
alhie mit gedihte.
Diut. 2, 67;
er schob ins haus, celeri cursu domum intravit; er scheubt vom dache, de tecto praeceps fit; die steine schieben vom berge in die thäler, saxa a montibus in valles provolvuntur. Steinbach 2, 483; von hastigem gange bei vorgebeugtem leibe. Campe: wo schiebste hin? wohin gehst du so eilig? Albrecht 199ᵇ; er schiebt, macht sich fort. Hunziker 219, vgl. Seiler 252ᵃ. Schm. 2, 361 (in gleicher anwendung abschieben); da kommt er um die ecke geschoben; die fünf fräulein von Schrickwitz schoben hastig durch einander. Holtei Lammf. (1853) 1, 154; nd. de wolken schûwet, drängen sich, ziehen rasch. Schambach 188ᵃ. schub- oder stoszweise gehen. Weinhold 82ᵇ; von trägem, schwerfälligem gange, mit vorgestrecktem kopfe gehen, wie einer der eine last schiebt. brem. wb. 4, 724; gehen mit unschicklich vorgeschobnen beinen und hals. Schulze 4, 87; im gehen schieben, mit vorausgestrecktem kopfe träge und schwerfällig gehen. Adelung. wie sich herumtreiben: de slüngel fan jung' schuft altîd bî de strate herum. ten Doornkaat Koolman 3, 153ᵇ. nld. im sinne von rücken: schuif wat nader.
Zitationshilfe
„schieben“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schieben>, abgerufen am 20.08.2019.

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