schiefer m
Fundstelle: Lfg. 1 (1894), Bd. IX (1899), Sp. 1, Z. 4
festuca, lapis fissilis, scissilis. ahd. scivero, steinsplitter, mhd. schivere und schevere, in starker form auch schiver und schever, mnd. schever, schiver, splitter oder blatt von stein, auch von holz, schindel; mittelengl. schivere, neuengl. shiver, splitter; dän. skifer; dazu gehörig engl. shive flachsabfall, was das wort mit deutschem schäbe (oben th. 8, sp. 1948) in enge beziehung bringt.
Bedeutung.
1)
splitter von stein oder holz. spatula ein splitter vel ein scheffer. voc. Vrat. 1422; dien skorrentên skiverrôn obice rupe (dero verbrochenon steino) Notker bei Graff 6, 460;
beide sie wol stâchen
daʒ die schefte brâchen
und die schever hôhe vlugen.
Lanzelot 4477;
die schivern daʒ gefilde
wol halp überdacten,
daʒ sîn vil wênic blacte.
Dietrichs flucht 715;
spannen breite scheveren   zu stucke sich dô cloben,
daʒ si den schônen vrouwen   undir di ougen stoben
von den lichten schilden.
Rosengarten B 765 (Germ. 4, 30).
die bedeutung des splitters ist noch im älteren nhd. und mundartlich bis heute erhalten, vgl. Frommann 4, 195. 414, 29. 5, 364. 6, 201. 478. zuweilen als fem.: die schiefer, splitterlein, aculeus Schottel 1398; ich habe mir einen schiefer eingezogen, aculeus mihi digitum offendit. Steinbach 2, 410; sich einen schifern einziehen, eintreten. Schmeller 2, 385; gleich einer schiefer, womit man leicht gestochen oder verwundet wird. Höfer 3, 84. Schöpf 609. Lexer kärnt. wb. 217; ein kleid, welches einen ries (risz) gewonnen, kan von einem kleinen nagel, dorn oder schiefer leichtlich mehr zerrissen werden. Butschky Pathmos 408; wer einen schiefer in einem finger oder in die hand gestochen hat. Hohberg 3, 1, 244ᵇ; manche nemmen mit handschuehen den weihbrunn, etwan aus furcht, sie möchten ihnen einen schifer einziehen. Abr. a S. Clara etwas für alle 1, 311; soll uns das leiden Jesu Christi nit schamroth machen, wann wir wollen so haicklich seyn, und sogar nit den geringsten schifer tragen von seinem schweren kreuzbaum? derselbe, bei Schmeller 2, 385; es kann ein steinhauer in seinem hofplatz wol steine aushauen, doch so, dasz die schifern nicht einem andern in den grund springen. quelle ebenda; verhüllend: si hat sich a schifarn einzog'n, von einem ledigen mädchen, das schwanger geworden ist. Wander 4, 161; also gehet es auch mit den mägden, dabei manche fraw ubel wird angeführt, hat irgendt eine einen schiefer gefangen, so führet man sie dir zu hausz, dasz du ihr das kindbett haltest. Garzoni piazza universale oder allgem. schauplatz 641ᵇ.
2)
übertragen, innerer unwille, hasz, groll, iracundiae impetus Schottel 1398. Schöpf 609. Stalder 2, 316. Lexer kärnt. wb. 217; den schiefer haben, impetu iracundiae ferri, obstinatae iracundiae esse Schottel a. a. o.; einen schiefer haben Stieler 1780; einen schiefer haben auf einen, der schiefer sticht mich, der hasz will losbrechen Schm. 2, 385; einen schiefer im herzen haben Adelung, auch einen schiefer zu viel haben, etwas verdreht, verrückt sein: der mensch hat einen schiefer zu viel, homo est ineptus Steinbach 2, 410. Weinhold 82ᵇ; es ist keyn gelerter, er hat einen schiefer. S. Franck sprichw. 1, 90ᵇ; wenn ich ihn (den Wallensteiner) politice considerire, so halte ich, dasz er ein tapfferer fürst gewesen sei; er hatte zwar unterweilens seinen schiefer, allein das musz man einem, dem so vielerley dinge durch den kopf gehen, zu gute halten. Schuppius 107; ein jeder mensch hat ein schieffer, als da ist der unterschied, dasz einer den matzen besser kann inn ermel behalten als der ander. Lehmann 1, 548; man kan nicht wissen, ob er weiss oder närricht ist, ob er verstandt, oder ein schiefer hab. 1, 733; ein fürtrefflich kopff hat gemeiniglich einen schifer, und ein unverständiger ist gar ein narr. Butschky kanzley 554; man bezeichnete seinen (Wallensteins) zustand mit dem urdeutschen worte schiefer; man kannte ihn wohl und suchte die anlässe, die ihn hervorriefen, zu vermeiden. Ranke gesch. Wallensteins 347;
zuweilen schmeichelt sie, doch ist es bald gethan,
dasz sie den schifer krigt, so greinet sie dich an.
Rachel 1, 9.
dasz auch in diesen fällen die bedeutung des splitters die ursprüngliche ist, lehrt der landschaftlich übliche zusatz: er hat nicht blos einen schiefer, sondern einen ganzen balken. Wander 4, 157; doch erscheint schiefer hier auch mit der bedeutung 4, a wortspielend: gnädiger fürst, ich bedarff jetzo der witz noch nicht, wann ich ein vornehm ambt hätte und hätte alsdann schon soviel schifern im kopff, dasz man ein tach mit decken könte, so würde man mich doch für einen klugen mann halten. Schuppius 532; ob er schon so viel schiefer hat, dasz er ein haus damit decken könnte. Lehmann 18;
Marcus kunte baun ein haus,
auff von grund und ausz und ausz;
kalck, der schwiert ihm ausz der haut:
lenden ist der stein vertraut ...
weil im kopfe schiefer steckt,
hat er auch, womit er deckt.
Logau 3, 170, 90.
3)
das blätterartige eines sich loslösenden theils wird betont in der bedeutung schiefer gleich schinne. schiefer auf dem haubte, furfures capilis, zanschiefer, testa capitis Stieler 1780. Frisch 2, 178ᵃ.
4)
aus dem in schiefer liegenden begriff des abspaltens, abspleiszens entwickelt sich im 14.—15. jahrh. schiverstein zur bezeichnung einer steinart, die sich leicht abblättert (s. schieferstein), hierfür erst nhd. das einfache schiefer. schiefer, schieferstein, ardesia Schottel 1397; schiefer ist ein blättrich gestein, entweder grau, blau, oder röthlich. mineral- u. bergwerkslex. 482ᵃ; was aber auff gengen und fletzen getroffen wird, das bricht gemeiniglich in ein schifer oder kalkstein. Mathesius Sar. 79ᵃ; und weil wir eben hie in die schreyberey kommen, und zur dinten oder farben allerley bergart gebrauchen, unnd noch in messig buchstaben giessen, und auff die stein hawen lassen, auch auff schifer und mit metallen, bley, silber, und spissigen oder vermengeten wismut, noch heutiges tages schreiben. 103ᵇ; in Teutschland, sonderlich zu Löhstein am Franckenwalde, wo der berühmte schieferfels ist, wird der schiefer mit groszen eisernen schlegeln und keulen ausgetrieben, hernach mit breiten eisernen meiseln dünne gespalten, aus dem bruch in die hütten geführet und daselbst noch dünner, wie man solche auf das dach brauchet, gespellet und zugerichtet. Abr. a S. Clara etwas für alle 2, 600; wie wir in gewisse höhe kamen, liesz ich mich durch die angabe verführen, als ob schiefer und granit abwechseln. ich sah den scheidungspunct nicht genau und sah bald darauf, dasz der berg aus einer gesteinart bestehe, die völlig quarzhaft ist, sich aber wie der härteste schiefer rhombisch und keilförmig trennt .. es ist dieses gestein gar sehr zerklüftet und die kleinsten ablösungen braun beschlagen, deszwegen man es leicht für den schiefer halten kann. Göthe 2, 9, 159 Weim. ausg.; bei mächtiger entwicklung und starker aufrichtung der schichten sieht man tiefe, enge und felsige thäler, mit steilen und trümmerbeladenen gehängen, und diese öfters durch treppenartige absätze der schichtenköpfe des schiefers ausgezeichnet. Oken 1, 766; die mächtigkeit der crystallinischen schiefer ist auszerordentlich grosz. 1, 773; in sich selbst haben die einzelnen schichten häufig wieder eine schichtweise ablagerung, die bald dünner bald dicker ist, ja selbst bis zur feinsten plattenbildung geht, in welchem falle die masse den namen schiefer bekommt, der je nach ihrer beschaffenheit ein thoniger, kalkiger, mergeliger oder anderer schiefer sein kann. Burmeister gesch. der schöpfungs. 4. in nichtwissenschaftlicher sprache gewöhnlich mit bezug auf diejenige art, die zum dachdecken, zu schreibtafeln u. s. w. verwendet wird: die wetterseite des hauses erscheint von kopf zu fusz mit schiefer geharnischt. Otto Ludwig 1, 141; sonst sitzt er hinter seinen geschäftsbüchern oder beaufsichtigt im schuppen das ab- und aufladen des schiefers, den er aus eigner grube gewinnt und weit in das land und über dessen grenzen hinaus vertreibt. 144; bleideckung auf hohen gebäuden kommt ungleich teurer, als deckung mit schiefer, wenn man diesen in der nähe hat: ... das kirchendach war damals mit ziegeln und erst später, da die schiefergruben in der nähe schon im gange waren, mit schiefer gedeckt worden. 196. der name des materials steht auch als bezeichnung für das daraus gefertigte; so bedeutet schiefer:
a)
einzelne schieferplatte eines schieferdachs, nicht selten auch im plural: ich bevestige den brief an einem schiefer, den ich vom dache losmache und lasse ihn an einen ort herabfallen, an dem sie vorbei musz. Schiller 4, 343; da (auf dem turmdach) war alles anders als es sein sollte, die schiefer in verkehrter richtung gedeckt. Otto Ludwig 1, 184; da die ränder der schieferplatten sich überall decken, war es nötig, an den stellen, wo die vernagelung stattfinden sollte, die schiefer mit bleiblechen umzutauschen. 285.
b)
schieferdach:
der hohlweg senkt sich tiefer,
durch felsenzacken blickt
des klosters dunkler schiefer,
mit weiszem kreuz geschmückt.
Matthisson 65.
c)
schiefergriffel: mit einem schiefer auf die tafel schreiben.
Zitationshilfe
„schiefer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schiefer>, abgerufen am 21.07.2019.

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