schiene f
Fundstelle: Lfg. 1 (1894), Bd. IX (1899), Sp. 15, Z. 67
tibia, crus, canthus, ferula. ahd. alts. scina, sciena, mhd. schin, schine, schiene; mitteld. mnd. schene; mnl. scheene, ags. scina, engl. shin, dän. skinne; wort dunkeln ursprungs, bei seinem ersten vorkommen im ahd. alts. tibia und acus glossierend (Graff 6, 499); dasz das n des wortes der ableitung angelehnt, ist wol durch die ags. form crus scia (Wright gloss. 1, 16, 8) gesichert; ob aber die wurzel skî in der bedeutung scheinen, leuchten (vergl. scheinen) zu grunde liegt, erscheint mindestens sehr zweifelhaft. das wort ist auch gemeinromanisch: ital. schiena, in dialekten schina, span. esquena, prov. esquena, esquina, franz. échine rückgrat Diez⁴ 286; dagegen ist das ital. schiniera von dem mhd. schin aus gebildet und von diesem wieder als schinier, theil der rüstung, wahrscheinlich bein- und armschienen zurück übernommen. Lexer 2, 752. Diez a. a. o.; auch im slavischen ist das wort verbreitet, litt. szyna, szénis, poln. szyna Frischbier 2, 266ᵇ. dialektisch ist es noch lebendig oberdeutsch, z. b. schweiz. schiene, schine Stalder 2, 316, im Aargau schĭne Hunziker 220, bair. schin Schmeller 2, 425, schwäb. schine Birlinger 395, ebenso mittel- und niederdeutsch, vgl. unten 1. Bedeutung. die beim ersten vorkommen des wortes (vgl. oben) auftretenden beiden sonderbedeutungen lassen sich auf die ältere allgemeine vorstellung eines schmalen länglichen körpers zurückführen, ohne dasz gesagt werden könne, ob der begriff der nadel und schmalen metallplatte oder der des ähnlich geformten knochens der ältere sei.
1)
schienbein, der vordere knochen des unterschenkels vom knie bis zum fusz: tibia, schene, schenne, scene, ein scheen van dem been Dief. 582ᶜ;
(gott) gnâd mir an dem leben
und weis die fraun gütlicher peicht,
in der gebot man mir zerbricht die schin.
Wolkenstein 109, 3, 6.
schiene, tibia Schottel 1398; schiene am menschlichen leibe, für schienbein, cruris pars anterior. Frisch 1, 178ᶜ; sich an die schiene stoszen, crus laedere impingendo. ebenda;
die schosz ist ledig, hüft und schin (an einem todtengerippe),
und fusz und fuszbrett nichts als knochen.
A. Gryphius (1698) 2, 14.
in demselben sinne mnd. Schiller-Lübben 4, 71 und heute in den nieder- und mitteldeutschen dialekten Frischbier 2, 266ᵇ. Frommann 2, 451ᵇ; he hett sick vor de scheen stött. Schütze 4, 30; ek slâe dek vor de schênen. Schambach 182ᵇ und zwar noch so lebendig, dasz es auch zu bildlichen ausdrücken verwandt wird: ene blaue schene lopen, bei der werbung einen korb bekommen, enen vor de schene slaan, einem herzleid anthun. brem. wb. 4, 634; enen block vor der schene hebben, in seiner freiheit eingeschränkt sein. ebenda; he hett enen blokk vör de schene, er hat geheiratet. Dähnert 403ᵇ.
2)
schiene, von anderen knochen des körpers: es geschieht nun oft das die gebein in dem vorderen arm zerbrechend, etwan die obere grosze schinen desselbigen, etwan aber auch die untere kleine schinen. F. Würtz pract. d. wundarzn. 216; bei pferden: die andern (überbeine) seyn nit also davornen, sondern wol dahinden gegen dem geäder, die nennen sie (die Italiener) spinelle oder schinelle .. so wöllen wir die ersten mit unserm guten teutschen wort uberbein nennen und die andern schinen, welches sich mit dem welschen wort schinelle besser vergleicht, darumb dasz sie sich gewonlich etwas in die läng zihen wie die schinen. Seuter rossarzn. 292; ein jedes junges pferd zu bewahren, dasz ihm kein gewächs an den schenkeln wiederfähret, weder schienen, gallen, oberbein, spaten oder floszgallen. Pinter pferdschatz 449.
3)
dünner, schmaler streifen oder platte von metall oder holz, scina, schina, acus Graff 6, 499; schene, lamina, spatula Diefenbach 316ᶜ. 545ᵃ; schinen oder blatt ausz metall, bractea Maaler 353ᵃ; schiene bractea Schottel 1398; der pfaff wart wider heim gefüeret von dem tiufel und ... den pfennig, den gap er sîme sune ûf eine îserîn schiene, also er geheiszen was. do brante er durch die schiene und viel wider durch daʒ ertrich sînen weg. Germ. 3, 420; nim einen stockvisch, .. bind en uf zwo schinen und lege in uf einen hülzinen rost. buch von guter speise 8, 20; bin (lies bind) in (den stockfisch) langes und zwo schinen dar über. 14, 38; zum rühren und schlagen von eierspeisen: machin (den eierkuchen) schöne mit einer schinen. 15, 40; und rüereʒ (ein guot salse) mit eyer (einer) schinen. 17, 49. besonders als reif eines kranzes:
dâ wâren glanze gimmen in (in dem schapelîn)
gewürket und gevelzet
und was diu schine gesmelzet
von golde unmâʒen reine,
dar inne daʒ gesteine
lac durch lichtebæren solt.
troj. krieg 3018.
eines hutes:
ein hüetelîn er ûfe truoc
ûʒ schinen wol geziunet.
5941.
im besondern dünne, schmale streifen, lamellen im gebrauche der korb- und siebmacher zum flechten der körbe und siebe. Lexer 2, 746; weiche schienen oder ruthen zum flechten von geschirr: geschirr von weichen ruͦten oder schinen geflochten, vasa viminea Maaler 353ᵃ; flechtschiene, bei den siebmachern, assula flexilis Steinbach 2, 416; schiene von holz, assula e ligno Frisch 2, 178ᶜ. in diesem sinne noch heute im bair. Schm. 2, 425; schiene, schine, schindel, holzsplitter, schienetrucke hölzerne schachtel Stalder 2, 316.
4)
schiene, erst nhd. auch als eigentlich technischer ausdruck.
a)
bei schmieden, stück eisen, welches zum beschlage verschiedener gegenstände dient, um ihnen halt zu geben, besonders der räder, vgl. achsenschiene, ↗radeschiene. schiene, das eisen, so man aufs rad nagelt, canthus, hamus ferreus Schottel 1398; radschiene, canthus ferreus Frisch 2, 178ᶜ; item ein wagen mit ysen git ein schiene (zolltarif von Bretten 1379). Mone zeitschrift 1, 173; 2 alt schienen aufzogen. Birlinger 395 (aus einer augsburgischen hufschmiederechnung); stelle des rades, von welcher ein stück schiene abgebrochen war. Immermann Münchh. 1, 127.
b)
in der landwirtschaft schienen an der egge, hölzer die das zusammenrücken der eggebalken während des eggens verhindern sollen: egeschienen öcon. lex. 542.
c)
bei webern: die zwei schênen am wirkgestell Frischbier 2, 266; wenn alles aufgewunden ist, so werden durch die rispe ein runder und zwei flache stäbe, schienen, gestoszen, damit sie sich halte, und nun beginnt das eindrehen. Göthe 23, 63.
d)
schienen des ofens, ofenschienen, zwei an die vorderstücke des ofens angeschrobene eisenstäbe, um den ofen zusammenzuhalten. Jacobsson 3, 588ᵇ.
e)
theile der alten rüstung zur bedeckung der schienbeine, schenkel und arme: armschiene, beinschiene Frisch 2, 178ᶜ; er sagte mir treu zu und hielt meine rechte hand so fest, dasz sie aus den armschienen gieng, wie abgebrochen. Göthe 8, 126; weil ich sehr gut beritten, mit panzerhemd und armschienen bewaffnet war. 35, 18; hätte er, auf den ich klage, sich bei mir ausrüsten lassen — setzet in silber, von kopf bis zu fusz, oder in schwarzem stahl, schienen, schnallen und ringe von gold. Kleist K. v. Heilbr. 1, 1; drauf sag' ich: wohlauf, herr ritter! nun mögt ihr den pfalzgrafen treffen; die schiene ist eingerenkt, das herz wird sie euch nicht mehr zersprengen. ebenda; meister, schau' her, spricht er; dem pfalzgrafen, der eure wälle niederreiszen will, zieh' ich entgegen; die lust, ihn zu treffen, sprengt mir die schienen; nimm eisen und draht, ohne dasz ich mich zu entkleiden brauche und heft' sie mir wieder zusammen. ebenda; die fünf arten der schutzrüstung, lederkoller mit metallplatten, aufgenähte eisenschuppen, kettenpanzer, bewegliche eisenringe und gerundete schienen, sind sämtlich bereits in der letzten Römerzeit vorhanden. Freytag ges. werke 18, 15.
f)
jetzt besonders schienen der eisenbahn: das ist das haus eines bahnwärters, denn hier nebenan ziehen sich die schienen in kühngeschweiftem bogen durch das thal. Auerbach ges. schr. 3, 98; ging ich bis zur eisenbahn und sah die schienen an. Rosegger waldheim. 2, 296; zerstörungen von telegraphen, losreiszen von schienen, und dadurch unglück auf der eisenbahn kommen immer noch vor. Moltke 4, 206.
g)
bei den gelbgieszern das auf der drehbank stehende stück eisen, das den dreheisen zur unterlage dient. Jacobsson 3, 588ᵇ.
h)
die schmalen eisenbleche an der buchdruckerpresse.
i)
an den wasserkünsten das eiserne, die stiefel- oder kolbenröhre umgebende, an sie angeschrobene band, auch halseisen, bügel genannt. Jacobsson 3, 588ᵇ.
k)
schiene der töpfer zur bezeichnung eines flachen, dünnen brettchens zum glattstreichen der töpfe.
l)
von holz gefertigt, als lineal, vgl.reiszschiene.
m)
die schienen der wundärzte, schindeln, die an ein gebrochenes glied angelegt, dasselbe in der gleichen lage erhalten sollen: schiene bei den wundärtzten zur befestigung eines beines, ferula, scandula lignea. Steinbach 2, 416; durch die schienen werden die gebrochenen beine befestiget, dasz sie nicht abweichen, ferulis membra fracta tenentur, ne loco naturali cedant. ebenda; schienen der wundärzte, die beinbrüche zu verbinden, ferulae chirurgorum, vulgo schindel. Frisch 2, 178ᶜ.
n)
bei den blockmachern die an der seite eines bohrers oder einer börse befindlichen brettchen zur vergröszerung ihrer breite. Campe.
5)
schiene, in übertragener bedeutung.
a)
in der naturwissenschaft zur bezeichnung verwachsener schuppen oder platten am leibe der schlangen und gemeinen eidechsen. Oken 4, 337: nicht selten wachsen aber auch die hornigen schuppen oder platten der quere nach an einander und bilden schienen, bald blosz am bauche, bald an den seiten, bald um den ganzen leib herum, in gestalt von ringen. 341.
b)
im bair. die schin vermessung der bergwerksgruben (etwa von einem dabei gebrauchten werkzeug?) Schm. 2, 425.
Zitationshilfe
„schiene“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schiene>, abgerufen am 19.07.2019.

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