schinken m.
Fundstelle: Lfg. 2 (1894), Bd. IX (1899), Sp. 203, Z. 49
mhd. schinke mhd. wb. 2, 2, 148ᵇ. Lexer mhd. handwb. 2, 752; ahd. scincha, f. und scincho, m. Graff 6, 519; mnd. schink, schinke, schenke, m. und schinke, schenke, f. Schiller - Lübben 4, 97ᵇ (vgl. perna, dy schincke im vocab. des Trochus bei Dief. 428ᵃ), dän. skinke, schwed. skinka, f. (wol aus dem deutschen entlehnt). das wort steht wie schenkel (th. 8, sp. 2544) in naher beziehung zu ags. sceanca, crus, altfries. skunka, schonk, schenkel, schenkelknochen, beinröhre Richthofen 1034ᵇ, dän. skank, schwed. skaͦnk, engl. shank. das deutsche schinken bezeichnet zunächst den knochen des beines, dann dieses selbst (ahd. schincha, schincho glossieren crus und tibia). eine oberd. nebenform ist schunke, schunken Schm. 2, 433. Schöpf 651. Lexer 218. Seiler 265ᵃ; petaso, schunck Dief. 431, westphalische schuncken Fischart bienenk. 112ᵃ (2, 8); so auch in älterer schriftsprache mit oberd. färbung: darausz erscheinet, dasz Anacharchis ein rechter teutscher schuncken- und knackwurst-esser musz gewesen seyn. Zinkgref apophth. 1, 425; bratwürste und fette schuncken. Simpl. 1, 10, 28 Kurz; sechs westphälische schüncken. 2, 249, 20. schinke, et schinken, der, quod etiam schunke nonnullis in locis vocatur. Stieler 1787, vgl. Frisch 2, 184ᵇ. auch nd.: he het grote schunken, lange beine brem. wb. 4, 714; dagegen heiszt die zubereitete keule des schweines stets schinke, schinken im niederd.
1)
in älterer sprache im sinne von bein oder schenkel bei menschen und thieren (s. Graff 6, 519):
ich sihe an iuwern (des wolfes) schinken,
ir müeʒet jârlanc hinken.
Reinhart Fuchs 308, 475;
er sluoc im eines swertes slac
daʒ im der eine schinke lac
pî im ouf der strâʒen.
H. v. Neustadt Apoll. 5478;
und lembt er (der wein) uns die schincken,
sô muͦs er doch herein.
O. v. Wolkenstein 9, 2, 4;
Engelmair, der noch ganze schinken hat.
fastnachtsp. 420, 24;
so vermags ir keiner auf den faulen schinken.
566, 16;
so schlah in mit eim prügel ümbt die schinken
und unten ümb di schinpain.
686, 26;
weib gib mir her zu trinken,
ich bin so müed auf meinen schinken (Christus zur Samariterin).
Sterzinger ostersp. v. 1526 bei Schmeller 2, 433;
umbgreiff ym (beim ringen) sinen schinken aufwendig. quelle bei Scherz-Oberlin 1410. mundartlich und in derber rede ist dieser gebrauch erhalten, doch häufig unter einwirkung der folgenden bedeutung, vgl. Frommann 6, 343. Hintner 216. Lexer 218. Schöpf 611; mit derb scherzender art: lange schinken machen, schnell laufen, sich davon machen; er hat lange schinken, lange beine; ênem de schink'n besên, ihn durchprügeln Danneil 243ᵃ; he ligt mit schinken und backhast up'n disk, liegt lümmelhaft auf dem tisch Wander 4, 190, vgl. Schütze 4, 50; hool dine schinken liek, halte die beine grade;
o herre gott im himmelriek
mak em doch sine schinken liek.
grabschrift. Schütze a. a. o.;
besonders am weibe:
wenn mit leisen hutfilzsöckchen
meine braune Trutschel geht,
und ihr rothes büffelröckchen
um die dicken schinken weht.
Hölty 205 Halm.
vergl. den alten nd. reim, den die begleiterinnen einer sechswöchnerin dem manne zurufen, wenn sie ihm die frau vom kirchgange zurück bringen (Dähnert 408ᵃ):
enen guden dag, her weerd,
hiir gaan wi driwen üm juwen heerd:
wi bringen juw twe gewijde schinken;
redet juw t'awend up enen stiven finken.
ebenso derb an den bräutigam:
recht frolik wille wi sin!
du krigst twe frische schinken:
den brutwin wil wi dar mede drinken.
Daniel v. Soest 195, 2597 Jostes.
in Preuszen heiszt eine konkubine schinkenschwester, einer, der mit der frau eines andern geschlechtlich verkehrt, schinkenschwager, -bruder. Frischbier 2, 274ᵃ. in zusammensetzungen mit wahrung der ursprünglichen bedeutung von schinken; mhd. barschinke:
ein rîter sol niht vor vrouwen gên
parschinc, als ichʒ kan verstên.
d. wälsche gast 457.
der blutschink ist in Tirol ein kobold, mit dem man die kinder schreckt. Schöpf 611. Hintner 28, ebenso in Kärnten, s. Lexer 34. der wadschinke ist der unterschenkel eines rindes. Schm. 2, 433. blintschink, blindschleiche Zingerle 49ᵇ.
2)
am schlachtthier der oberschenkel mit dem hinterstück: schweine-, rinder-, pferde-, bärenschinken;
manigen durren schinken
mues si essen von dem kastraun.
Vintler blum. d. tugend 9529.
gewöhnlich in engerer anwendung von den hinterkeulen des schweines: perna schulter, forder schweine hame sampt dem fuͦsz, petaso, schinke, der hinder hame. H. Junii nomencl. (1629) bei Schmeller 2, 433; bei Stieler 1788 von den entsprechenden stücken der vorderbeine: schinke von der vordersten hamme, perna, schinke von der hindersten hamme, petaso Stieler 1787. schinken und schullern, die ganze speckseite, bildlich von schlecht gewählten tafelgerichten. Schütze 4, 50. nach art und zubereitung: fetter, magerer, durchwachsener, gekochter, geräucherter, roher, kalter schinken: einen kalten schincken aufsetzen. Steinbach 2, 419; gekochte schünken, würflich geschnitten. kochbuch von 1795 bei Schöpf 651. nach der herkunft: westphälische (vgl. nd. korrespondenzbl. 13, 41), Prager schinken;
alsô geschiht dem mesteswîne, swen eʒ hie stirbet,
mit sînem tôde man vil manegen guoten vriunt erwirbet,
man sendet schuldern, schinken, sülzen, braten manegen man.
minnes. 3, 46ᵇ Hagen;
du mochst uns gheven en braden eyg
unde dar to wat van deme schinken.
Redent. ostersp. 1332 Schröder;
bringt mir einn alten schincken herein,
damit will ich zu frieden sein.
Hollonius somn. vitae hum. 49 neudruck;
so stach kein schincken ie dem windhund in die nase.
der junge Göthe 1, 202;
in desen hilligen daegen eyn schink und eyn kanne wyns metten anderen toe eten und tho dryncken. quelle von 1534 bei Schiller - Lübben 4, 98ᵃ; were es nicht ein toller kauffmann, der zu Franckfurt in der judengasse wolte einen kram auffschlagen, und schincken, bratwürste und leberwürste verkauffen. Schuppius 333; indesz er aus einer vor ihm stehenden schüssel mit schinken und einer groszen korbflasche wein seinen animalischen theil 'erfrischte'. Grillparzer 15, 91.
3)
besondere redensarten (vergl. schinkenschneiden, n., ein kinderspiel): einen schinken im salze haben, mit jemandem, bei jemandem; so lange der schinken im salze liegt, ist er noch nicht gar; die redensart bezieht sich daher auf eine noch unausgetragene, unausgemachte sache, gewöhnlich auf miszhelligkeiten, unangenehmen streit (vgl. mit jemanden ein hühnchen zu pflücken haben). wer ein schincken im saltz hat, der musz schweigen, wenn ander leut reden. Petri (1605) 2 Fff 4ᵃ; er hat allschon einen schinken bei mir im salz. quelle von 1746 bei Dief.-Wülcker 838; enen schinken im solt hebben, für einen fehler noch rede und antwort zu geben haben. Dähnert 408ᵃ; enen vulen schinken im solte hebben, noch eine alte schuld abzumachen haben. brem. wb. 4, 656; du hest noch 'n schink'n bi mi in't solt, ich habe mit dir noch über eine sache zu rechten. Danneil 201ᵇ (s. oben salz 5, f, theil 8, sp. 1708). mit der wurst nach dem schinken werfen, das gröszere zu erlangen suchen, indem man das kleine hingibt. ich danke ihnen, mein lieber Ebert, für den schönen schinken, den sie mich mit meinem würstchen haben abwerfen lassen. Lessing 12, 513. umgekehrt: den schinken nach der bratwurst werfen, groszes anwenden um weniger zu gewinnen (Sachsen). nd. en ollen schinken is beater äs en nöchtern kalw, besser eine gesetzte person als ein zu junges mädchen heiraten. Wander 4, 189.
4)
schinken, ein altes buch, ein alter schmöker; zufrühest gewisz in der sprache der studenten und schüler mit beziehung auf das einbinden in schweinsleder (vgl. schwarte):
(wer) den unverschämten kiel in gall und lügen taucht,
zehn alte schincken liest! den eilfften darzustellen.
Günther 504;
ja, sagte er, das ist ein rechter alter schinken. Tieck novellenkranz 4, 234; alte schungge, veraltetes buch. Seiler 265ᵃ.
5)
in Basel wie schelm, tropf: der arme schungge durt mi doch. Seiler a. a. o.
Zitationshilfe
„schinken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schinken>, abgerufen am 23.04.2019.

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