schleichen verb
Fundstelle: Lfg. 3 (1894), Bd. IX (1899), Sp. 561, Z. 32
repere, serpere, starkes verbum, schleiche, schlich, geschlichen. Schottel 594, mhd. slîchen, sleich, slichen, geslichen. Lexer mhd. handwb. 2, 973; ahd. slîhhan, sleih, slihhum, gislihhan Graff 6, 784 ff.; mnd. nnd. slîken, mittelengl. slîken. in den übrigen germanischen dialekten unbezeugt. man vermutet etymologischen zusammenhang mit schleich, schlamm, und engl. sleek, slick, glatt. Kluge etymol. wb.⁵ 326, weiter auch mit schleifen. ebenda. Noreen urgerm. lautlehre 150 und schlank. Schade 2, 822ᵇ. auszerhalb des germanischen vergleicht man lett. slaika, schlitten. Noreen a. a. o. (vergl. schleiche), griech. λείβω, lat. libare Fick⁴ 1, 577. — der sing. des prät., der heute den vocal des plur. angenommen hat, zeigt im früheren nhd. noch vielfach den alten diphthong: und die magd schleich in die kamer. Tob. 8, 15;
er schlaich im haus in ein stal.
Rosenblüt in den fastnsp. 1172 Keller;
ein jungfräwlin dort nahe,
wartendt auff jhren buel,
schleich hin, die beide sahe
schlaffendt beim bronnen küel.
Anonymus bei Zinkgref auserles. ged. 17, 27.
andererseits ist aber auch die heutige form des sing. schon aus frühnhd. zeit zu belegen:
in freuden schlich ich hin und wider.
H. Sachs 1 (1558), 4, 404ᵇ;
(er) schlich mit im die stiegen nab.
1, 350, 51 Arnold.
schwache formen begegnen nur in älterer sprache, und auch hier selten:
du slîchtest her zuo.
Minneburg (bei Lexer mhd. handwb. 2, 973).
die zusammengesetzten tempora werden wie meist bei den verben der bewegung mit sein gebildet: ich bin geschlichen. Frisch 2, 195ᵃ. nur ausnahmsweise erscheint statt dessen die verbindung mit haben: geschlichen (ich bin, raro ich habe). Steinbach 2, 444;
eʒ wâren zouberêre,
die durch swindekeit aldâ
geslichen heten disen nâ.
pass. 91, 85 Köpke;
du hâst von mir dicke geslichen,
so ich entslîff, von mir gewichen.
Keller altd. gedichte 67, 7.
neben dem starken verbum geht eine schwache bildung mit factitivem sinne her, die im ahd. und mhd. durch den diphthong des stammes von jenem unterschieden war (ahd. sleihhan Graff 6, 785; mhd. sleichen Lexer mhd. handwb. 2, 969; vergl. ags. slîcian, glätten Bosworth-Toller 884ᵃ), im nhd. aber durch die diphthongierung des î in slîchen mit diesem vermischt wurde, so dasz sie einen transitiven gebrauch von stark flectierten formen hervorrief und weiter die entstehung eines reflexivums mit starker flexion begünstigte, s. unten III. heutige oberdeutsche mundarten haben die vocalische verschiedenheit des stammes der beiden verben noch bewahrt, im alem. lautet das intrans. schliiche Hunziker 223. Seiler 255ᵃ, das trans. schleike Hunziker 222, schleiken Stalder 326, im bair. das intrans. schleichen Schm.² 2, 497, das trans. schlaichen 497, und daneben schlaicken (das dort dann anscheinend secundär auch intrans. gebraucht wird) 505. der k-laut, den auch Maaler 355ᵈ im trans. und reflex. gebrauche bezeugt (vgl. unten III), während er das intrans. in der allgemein üblichen nhd. form bietet: schleichen, kriechen wie ein schlang, serpere. ebenda, musz wol durch spätere angleichung an factitivbildungen mit kurzem vocal (vgl.wecken zu wachen) oder als wirklicher rest einer alten consonantenverdopplung nach langem vocal erklärt werden. für den engen zusammenhang des reflex. mit dem trans. gebrauch spricht, dasz im älteren nhd. das reflex. schleichen in schwacher flexion begegnet, sowie dasz bei Maaler und auch im heutigen alem. das reflex. sich schleicken lautet, das natürlich hier ebenso wie im trans. gebrauche schwach flectiect wird. vgl. unten III.
Bedeutung und gebrauch.
I.
intransitiv.
1)
gleiten, sich leise und dicht über eine fläche hinbewegen, in älterer zeit von fuszlosen thieren und kurzfüszigen, die nahe am boden kriechen, ahd. slichit, glosse zu elabitur in folgender stelle: maximus hic flexu sinuoso elabitur anguis (gemeint ist das sternbild). Vergil Aeneis 1, 244. Steinmeyer-Sievers 2, 628, 27; slihenter, glosse zu lapsus: ille (eine schlange aus dem haar der Allecto) inter vestes et levia pectora lapsus. Aeneis 7, 349. ebenda 659, 63; slihhentero, slihhantero, glosse zu trahentium: dentes bestiarum immittam in eos, cum furore trahentium super terram, atque serpentium. 5 Mos. 32, 24. ebenda 1, 373, 30; (ihr) solt nicht ewer seelen verunreinigen an jrgent einem kriechenden thier, das auff erden schleicht. 3 Mos. 11, 44; dis ist das gesetz von den thieren und vogeln und allerley kriechenden thieren im wasser, und allerley thieren die auff erden schleichen. 46;
und was eʒ doch sô spâte gar,
daʒ alliu crêatiure
gehiure und ungehiure
an ir gemach sleich unde zôch.
Konr. v. Würzburg troj. 65ᶜ (10507);
die würme, die nur schleichen,
die schnellen fisch im meer ...
kriegt jedes seines gleichen
so bald es jhm (gott) gefällt.
Königsb. dicht. 18, 2.
anderen thieren gegenüber bewegen sich die meisten kriechenden nur langsam fort, wie in den letzten der citierten stellen angedeutet ist. im hinblick auf die langsamkeit der bewegung gebrauchen wir schleichen von kriechenden thieren noch heute, so in der wendung schleichen wie eine schnecke, sonst ist hier kriechen an seine stelle getreten. von anderen thieren erscheint das wort in älterer wie in heutiger zeit in der regel nur, wenn eine geduckte, der bewegungsart der kriechenden ähnliche gangart gemeint ist, die sie annehmen, wenn sie verborgen bleiben wollen, furchtsam sind u. dergl.: indess wie der herzog und cardinal reden und der sachen weiter nit achtung geben, so schleucht die lewin herzu. Zimm. chron.² 4, 313, 25; die katze läuft über den weg und schleicht an einen baum heran, auf dem ein vogel sitzt; der hund, der gescholten wird, schleicht davon; weidmännisch heiszt es von der gewöhnlichen gangart des luchses: der lux trabet, nicht: gehet, von der besonderen im obigen sinne: der lux schleicht. Döbel jägerpr. 1, 34ᵇ;
alse der man her dane entwaich,
diu vohe dar zuo slaich,
daʒ herze si im (dem hirsch) enzucte,
ir wec si dâ mit ructe.
kaiserchron. 6903 Schröder;
im bilde:
Rugantino. nicht so, mein freund! läszt sie mich in das haus,
beglückt sie meine liebe, —
Basko. nun, so schleicht
der fuchs vom taubenschlage wie es tagt.
Göthe 10, 220.
selten wird es von der gewöhnlichen gangart eines nicht zu den oben bezeichneten gehörigen thieres gebraucht, so im vergleich:
dô Friderich ûʒ Ôsterrich alsô gewarp,
dêr an der sêle genas und im der lîp erstarp,
dô fuort er mînen kranechen trit in derde.
dô gieng ich slîchent als ein pfawe swar ich gie,
daʒ houbet hannt ich nider unz ûf mîniu knie.
Walther 19, 32 (147 Wilmanns).
vom fluge der vögel:
indem der sternen fürst von uns beginnt zu weichen,
indem der sommer stirbt ...
fängt auch der vögel schaar an fern von uns zu schleichen.
A. Gryphius (1698) 2, 310.
2)
der begriff des wortes modificiert und erweitert sich bei der anwendung auf personen.
a)
zunächst bedeutet es auch hier wol gleiten, sich leise über eine fläche hinbewegen, so glossiert ahd. sleih perlabitur in folgender stelle, in der allerdings eigentlich der wagen das gleitende ist: (Neptunus) rotis summas levibus perlabitur undas. Vergil Aeneis 1, 147. Steinmeyer - Sievers 2, 646, 9. mhd. ist slîchen die bezeichnung des leisen, gemessenen ganges, wie ihn die höfische sitte besonders von der frau fordert:
er trat vil lîse, im was niht gâch:
im sleich ein hôhgeborniu küneginne nâch.
Walther 19, 12;
(von der jungen Isolde, die mit ihrer mutter einherschreitet, indem der dichter die alte mit dem morgenrot, die junge mit der sonne vergleicht:)
diu sleich ir morgenrôte
lîse und stæteclîche mite
in einem spor in einem trite.
G. v. Straszburg Trist. 274, 16 Maszmann;
swenne ich si sehen sol, als einen engel für mich slîchen.
minnes. 1, 336ᵇ Hagen;
das in sich gekehrte gewissermaszen heimliche (tougen) wesen der frau soll auch in ihrer gangart zu tage treten: (Thetis zum jungen Achilles in frauenkleidern:)
niht ûʒ dem wege luoge
und lâ dîn umbe kapfen!
mit lîsen fuoʒstapfen
ganc für dich tougen unde slîch.
Konr. v. Würzburg 93ᵃ (15133).
so nähert sich dieser gebrauch dem unter c erwähnten. selten erscheint das wort als sinnlich gemeintes gleiten, leises fortbewegen ohne nebensinn in späterer zeit:
es öffnet sich die thür: und kompt einhero schleichen
ein weibesbild so mit Diana zu vergleichen.
Rist lustg. 46ᵇ.
b)
von hier aus übertragen als gleiten in bildlichem sinne: ich weisz einen prediger, so der von manger starcker wellen wart hinder sich getriben, und nach seinem duncken genczlich entsazet was des rechten ernstes und herczikliches andacht, so gieng er in sich selb und sprach: eya got wie ist eʒ mir ergangen, wie bin ich so gar unweiszklich herab geschlichen. Suso briefe 29 Preger; freier:
mich hât mîn muot dar beleit
swâ ich mac gevüeclîche,
daʒ ich ûʒ mînr materje slîche
und die untugende sô bereit
daʒ eʒ den bœsen werde leit.
Th. v. Zircläre welsch. gast 8496;
sterck und gedult jm (Karl V.) gott verleycht,
die seinen zuͦ erhalten:
gar gmach und sitlich nachhin schleycht,
er muͦsz gleich lassen walten.
Soltau volksl. 2, 213 (nr. 29, 20).
c)
in gleicher weise wie von thieren wird dann das wort auch, und so noch heute, von personen gesagt, die sich leise, vorsichtig geduckt fortbewegen mit der absicht, verborgen zu bleiben.
α)
zunächst treten hier adverbiale bestimmungen verdeutlichend hinzu: leise, verborgen, verstohlen, heimlich u. ähnl.: ein junger fremder mann, so hiesz es, schleiche abends heimlich zu seiner schwester. Eichendorff (1864) 3, 295;
Hagne wart ir (der meerfrauen) inne,   er sleich in tougen nâch.
Nibel. 1474, 1;
ûf stuont der unwîse
und sleich harte lîse
zuo ir bette da er sî vant.
H. v. Aue Greg. 189;
dirre, jener unde der
slichen hin und her vil lîse;
ieglîcher in sunder wîse
an suochen und an vluochen pflac.
H. v. d. Türlin krone 25370;
daʒ er dâ gewinnen
sold dî burg in tougir wîs.
und wî er dâzû slichche lîs,
dî vestin doch gewarnit wart
und mit wer vor im bewart.
Nic. v. Jeroschin 24837 Strehlke;
dô sleich er vêrlingen dar,
daʒ sie sîn nicht wurden gewar.
livländ. reimchron. 705 Meyer;
ûʒ dem hûse sleich er verholn.
gesamtabent. 2, 417, 281 Hagen;
nicht mehr verstohlen werd ich zu ihr schleichen,
nicht rauben mehr der liebe goldne frucht.
Schiller braut v. Mess. 659;
im felde schleich ich (jäger) still und wild.
Göthe 1, 110.
auf den zehen, im vergleich: gleich verdächtigen brüdern, die auf eine schwarze that ausgehen, auf den zehen schleichen, ... stehlen sich die üppigen phantomen an meiner seele vorbei. Schiller Fiesko 2, 9. schleichen wie eine katze, wie ein fuchs. Adelung u. ähnl.: mnd.
ok wart den jenen to sur unde sware,
de gelik den vossen ut oren holen quamen gesleken
unde de cristenlude morderliken anegrepen.
deutsche chron. 2, 411, 1016;
so täuschte mich doch meine ahnung nicht,
als ich dich sah mit leise spähnden blicken,
dem wolfe gleich in ihre nähe schleichen.
Grillparzer (1887) 3, 213
(weitere vergleiche mit thieren s. unter e). wie ein dieb u. ähnl.: mnd. sliken alse en def. Schiller - Lübben 4, 239ᵃ; als ein hönerdeif. ebenda;
du sliche von uns als ein diep.
W. v. Eschenbach Parz. 708, 10;
freier: ist uns darum der helle schweisz über die backen gelaufen, dasz wir aus der welt schleichen wie schurken? Schiller räuber trauersp. 4, 3. mit verdeutlichendem nebensatz:
was darfstw in die hewser schleichen,
als wölst steln oder fewr einlegen?
H. Sachs fastnsp. 2, 27, 26 neudruck.
β)
ohne solche zusätze, so dasz der begriff des heimlichen, verstohlenen in dem worte selbst liegt: wie man nicht vertrawet einem straszenreuber, der von einer stad in die ander schleicht. Sirach 36, 28; zu diesem ende schlich ich überall im hausz herumber. Simpl. 4, 33, 13 Kurz; ich aber folgte ihr allgemach schleichend. 38, 27; wer schleicht hinter mir? Schiller räub. trauersp. 4, 9; auch aus den klöstern der kapuziner wimmelt verdächtiges gesindel, und schleicht über den markt. Fiesko 3, 11; schleichen sie links weg. 5, 3; er (Göthes Egmont) hat ehrgeiz, er strebt nach einem groszen ziele, aber das ... hindert ihn nicht des nachts zu seinem liebchen zu schleichen. werke 6, 83;
tho sleich ther fârari irfindan, wer er wâri.
Otfrid 2, 4, 5;
so er wânde zuo im dar
slîchen, so gie er für.
H. v. d. Türlin krone 25301;
dô dî nacht volent
was und iʒ begonde vrû
zu tagen, dô slichchen sî zû
unde wolden sich gestoln
haben in di burc verholn.
N. v. Jeroschin 24949 Strehlke;
do sleich daʒ kint ûʒ dem hûse,
daʒ sîn di alde gûte mûter
ni gewar wart.
leben des heil. Ludwig 97, 31;
der schuler do her fur schleich
und schlaich hinausz fur das thor.
Rosenblüt in den fastnsp. 1173 Keller;
botz tropff er schleicht gleich selbs daher (der pfarrer zur frau).
H. Sachs 2 (1570), 4, 18ᵃ;
dort schleicht ein mann, gehüllt in dunkeln mantel,
ein späher jenes tempels schon vielleicht.
Grillparzer (1887) 6, 83;
doch schlauer, herr, bin ich. ich schleich' ins haus;
ihr mögt indesz nach lust im boden wühlen.
7, 55.
schleichen gilt in der weidmannssprache als technischer ausdruck von der verstohlenen, vorsichtigen annäherung des jägers an das wild. Jacobsson 3, 617ᵃ. Behlen forst- u. jagdlex. 5, 492. sprichwörtlich heiszt es: man musz schleichen, wenn man dem vogel überm nest will eyer auszheben. Lehmann bei Wander 4, 233.
d)
von hier aus übertragen im sinne von heimlich verfahren, mit verheimlichung seiner absicht etwas zu erreichen suchen, meist mit dem nebenbegriff des tückischen. den bedeutungsübergang veranschaulichenden wendungen wie die folgenden: sie (die ketzer) slîchent iezuo in den winkel mit der aller süeʒesten rede, die diu werlt ie gehôrte. dâ mite væhet er dich unde dîn herze, daʒ dû wol geswüerest, er wære gar ein engel. sô ist er gar ein tiuvel. Berth. v. Regensburg 1, 295, 6; im vortrag ist er nicht immer glücklich, und im polemischen theile giebt er seine eigne erkannte wahrheit einigermaszen auf, um dem feinde desto sicherer aus dem felde zu schleichen. Göthe an Knebel 151;
eia, nu merck uns iglich,
dasz mer alle sin gar dottlich.
der doet slichet fast hir zu.
Alsf. passionssp. 4482.
in unsinnlicheren fügungen: eben disz will auch der son gottes seine 72. jünger erinnern, da er spricht Luce am 10. capit., grüszet niemand auff der straszen, das ist, schleicht nicht in die leut mit liebkosen, und suchet genad und freundschafft bey jnen, und ziehet jhnen das helmlein durch den mund, wie die heuchler thun. Mathesius Sar. (1571) 128ᵇ;
in selben worton er (der teufel) then man   thô then êriston giwan,
so ward er hiar (thes was nôt!)   fon thesemo (Christus) firdamnôt;
thaʒ er theru selbun ferti   fon uns firdriban wurti,
thar unsih erist bisueih   joh zi herzen gisleih.
Otfrid 2, 5, 26;
ey nu seht, der bôse dieb (der teufel),
wie dûplîch er darumme sleich
und wolde gerne machen bleich
die kûschen kleidere lîlienwîʒ.
pass. 388, 31 Köpke.
nach Stieler 1833 bedeutet schleichen in bildlichem sinne per blanditias dicere, subblandiri, suppalpari alicui, it. quiescere, dissimulare, silentio aliquod premere, intra silentium se tenere. Adelung gibt eine der obigen analoge erklärung. Stielers a. a. o. gegebene glosse schleichen wie ein fuchs, vulpinari zeigt das wort ebenfalls deutlich in obiger anwendung. ebenso wird die nd. wendung dei kann sliken un wenden gemeint sein. Woeste 240ᵇ. am häufigsten wird in dieser bedeutung das part. präs. gebraucht: oh bösewicht! unbegreifflicher, schleichender, abscheulicher bösewicht. Schiller räuber schausp. 4, 3; räuber aber sind die helden des stücks, räuber, und einer, der auch räuber niederwägt, ein schleichender teufel. werke 2, 358; noch einen zweiten kunstgriff benutzte der dichter (der räuber), indem er dem weltverworfenen sünder einen schleichenden entgegensezte, der seine scheuszlichen verbrechen mit günstigerem erfolge, und weniger schande und verfolgung vollbringt. 359;
ich (der dämon der list) wirke schleichend immer zu.
Göthe 13, 284.
e)
wie vom gange dessen, der verborgen bleiben will, wird schleichen weiter gesagt von der ähnlichen gangart, die kraft- oder mutlosigkeit verrät. vgl. den gebrauch des wortes von thieren oben 1. meist treten hier nähere adverbiale oder zum subject gehörige attributive bestimmungen verdeutlichend hinzu: demüthig, traurig, schwermüthig u. ähnl.:
so saltu demutiglichen
tzu mynem herren slichen,
du salt ym vallen an synen fusz,
alda er dir vergeben musz.
herzog Ernst 5390;
denn, wie ein primo amoroso,
schleicht itzt Frontin, der arme! tagelang
schwermütig, bleich und pensoroso
im blätterlosen laubengang.
Gotter 1, 78;
im bilde:
als .. traurig, mit entnervtem gange,
der greis an seinem stabe schlich.
Schiller 6, 275.
wie in dem zweiten der angeführten belege erscheinen auch sonst häufig vergleiche: viele die den kopf sonst immer hoch trugen und die beine stellten wie soldaten, lieszen ihn jetzt hängen und schlichen daher wie alte weiber. Pestalozzi Lienh. u. Gertrud 2, 129, gewöhnlich vergleiche mit thieren: schleichen daher als die hunde, die ihre schwenze zwischen die beine fassen. Pape bettel und gartet. S 1ᵇ;
er (ein abgewiesener liebhaber) kratzt den kopff zu beyden seiten,
und schleicht als wie ein fuchs von weitem,
den man vom hühnerstall gescheucht.
Picander 3, 483.
furchtsames fernhalten von einem gegenstande, zu dem man doch gern gelangen möchte, meint die freier gebrauchte wendung um etwas herum schleichen wie die katze um den heiszen brei: weilen solche junge befelhshaber und officirer, noch nicht hirns und witz genug haben, ihre so schöne mannschafft, wohl, weisz- und klüglich anzuführen, sondern ihrem stumpffen verstand nach, in der furi über hals und kopff entweder anlauffen, oder den vortheil versehen, oder auch ausz zaghaffter blödigkeit, wie eine katze, umb einen heiszen brey herumschleichen. Simpl. 1, 1, 17 (s. 113) Keller; die herren jacobiner sind seit einem halben jahre um mich herum geschlichen, wie die katze um den heiszen brei! Göthe 14, 266. im weiteren gebrauch wird dann der vergleich auch ausgelassen, mit abstractem subject: ich verlange solche vernunftgründe, welche einen zweifel geradezu auf seiner stärksten seite angreifen. die seinigen (Ciceros) schleichen um den brei herum. Bode übers. v. Montaigne 3, 200. kraftlos gehen bedeutet die alem. (Hunziker 223), aber auch sonst übliche wendung: schleichen wie der schatten an der wand. seltener erscheint schleichen von mut- oder kraftlosem gehen ohne solche zusätze gebraucht:
nun floh er, mehr als tod und grab,
den pallast und Ismenen,
schlich am gestade auf und ab,
und weinte grosze thränen.
Höty 29, 27 Halm.
f)
vom langsamen gange schlechthin, ohne den in den unter c und e besprochenen bedeutungen hervortretenden nebensinn des gebückten, und auch ohne den alten begriff des geräuschlosen, leisen. vergl. den gebrauch von thieren in gleichem sinne oben unter 1: er schleicht wie eine schnecke; schleiche do nicht so, geh schneller. während schleichen in solcher anwendung in tadelndem sinne gesagt wird, erscheint es andererseits auch, besonders in älterer sprache, freier wie 'gemächlich schlendern, spazieren' und kommt so der allgemeinen bedeutung von 'gehen' nahe: eins andern tags da waʒ ein schuͦchmacher der gieng vil lieber uff den marckt schleichen wan daʒ er arbeit. Eulenspiegel 68 (nr. 43) neudruck; wir wollen schleichen, abeamus, secedamus. Stieler 1833;
hort mich, ich gieng ain nacht spacieren,
wart in der finstern mich umthieren,
so find ich aine auf aim schragen,
die spricht zuo mir: freunt, lat euch sagen,
schleicht doch nit fur, red mir vor zuo!
fastn. sp. 339, 24 Keller;
als die sonne
zum ocean entwich
und flötend hirt und schäfer
durch abendschatten schlich.
Hölty 8, 12 Halm;
einsam schlich er (der dichter) durch die lindengänge,
wenn die sterne glänzten.
55, 89;
bildlich: sie (die eltern) hinterlieszen uns .. ein handwerk, das auch uns würde ernährt haben; und so hätten wir denn ganz friedlich und schiedlich durch die welt schleichen können, wie sie. Thümmel reise 5 (1794), 60. schleichen als gegensatz zu laufen, im sprichwort: wer läuft der fällt, wer schleicht ist sicher. Lehmann 182. so nähert sich die bedeutung des worts in solcher anwendung wieder dem alten unter 2, a erwähnten.
3)
auf dinge übertragen.
a)
im sinne von gleiten, sich leise fortbewegen ohne weiteren nebensinn.
α)
mit bezug auf die bewegung dicht an etwas hin. von gliedern des körpers: der alte schwieg, liesz erst seine finger über die saiten schleichen, dann griff er sie stärker an, und sang. Göthe 18, 205;
wenn dir der fusz so leicht
über die erde schleicht.
41, 236.
schleichender gang, schritt. in solchen verbindungen kann das wort auch langsame fortbewegung meinen. vgl. c. von pflanzen oder pflanzentheilen, die am boden oder einer andern fläche hinwachsen. sie werden gleichsam als schleichende, kriechende wesen, thiere betrachtet. besonders das part. präs. erscheint in solcher beziehung: schleichend, reptans, ein liegender stengel oder halm, der stellenweise wurzel schlägt und an der spitze sich wieder aufwärts biegt (botan. terminologie). Behlen 493. vom epheu: (sie) gingen in eine gewölbte grotte, deren eingang von schleichendem epheu bedeckt war. Geszner (1762) 2, 38. der dichter sagt auch im sinne von c mit deutlicherer anlehnung an den gebrauch von thieren und pflanzen, sie schleichen langsam:
um bunte kränze des erdreichs
schleicht brombeer langsam im klee.
E. v. Kleist frühl. 397.
von fahrenden schiffen, in älterer sprache:
nu sach er snel und wol gerade
daʒ schif dort her strîchen
und vaste gein im slîchen.
H. v. Freiberg 4100;
es war die frühlingszeit, in der sich alles frewet,
in welcher auch Neptun sampt Thetys sich ernewet
weil nunmehr jhre zier, die flüsse, sind erweicht,
so, dasz drauff manches schiff eins nach dem andern schleicht.
Rist lustg. H 3ᵇ;
du schöner flusz, itz kan ich dich vergleichen
schier einem dürren wald,
ich seh' auff dir viel hoher bäume (mastbäume) schleichen,
die doch verschwinden bald.
Parnasz 744.
vom saum des kleides, wie schleppen (vgl. II, 1), im bilde:
daʒ der soum ûf der erde slîcht,
daʒ seit si niht an deheiner bîht.
Teichner 128.
vom trank, der durch die kehle rinnt: schwanenweisz schlauchkälchen, dardurch man wie durch ein Mauranisch glasz den roten wein sahe schleichen. Garg. 76ᵇ; es musz doch getruncken sein, hett schon der wein mein eltern erschlagen .. o wie schleicht der durch ein schlacksschlauch. 88ᵃ; wie uns ein köstlicher, unsrer natur analoger trank willig hinunter schleicht und auf der zunge schon durch gute stimmung des nervensystems seine heilsame wirkung zeigt, so waren mir diese briefe angenehm und wohlthätig. Göthe an Schiller im briefwechsel beider⁴ 1, 18 (nr. 20);
bier und wein fein schleicht hinein.
Hoffmann v. Fallersleben gesellschaftslieder des 16. u. 17. jahrh. 8;
(der wein) schleicht fein glatt hinein.
121.
ähnlich, doch freier:
wan der guot win slicht lins in das hopt
und machet das er (der mensch) wüt und topt.
teufels netz 633.
von anderem das in den körper gleitet: also derschüttelt sich oft ain man nâch dem und er sich seins prunnen hât benomen, wann der kalt luft sleicht in den leip und jagt die haiʒen gaist in den leip, alsô daʒ sich der mensch schütteln muoʒ. Megenberg 108, 19.
β)
wie gleiten in allgemeinerem sinne:
es schleicht ein flämmchen am unkenteich.
Bürger 60ᵇ;
und als er sich ermannt vom schlag,
sieht er drei lichtlein schleichen.
Göthe 1, 182.
schlangenartiges krümmen ist im folgenden belege gemeint: das mher (meer) ist das volck odder die menschen, ist unsteth, schleicht hin und her, ist an grunth. Luther 9, 610, 2 Weim. ausgabe.
b)
gleiten, sich fortbewegen mit dem nebenbegriff des unvermerkten, verstohlenen, neben dem auch häufig der des langsamen erscheint. mit verdeutlichendem zusatz:
an der stillen zähre,
die von den lilien des lieblichsten gesichts
verstohlen schlich ...
hat teufel — Amor keine schuld.
Wieland 21, 303 (Klelia u. Sinibald 6, 50).
vom wasser, von dem es meist im sinne von c gebraucht wird, in ausgeführtem bilde:
der Elbstrom lege sich zur ruh,
wo nicht, so schleich er nur im stillen.
Günther bei Steinbach 2, 444.
ohne solchen in der redensart einen schleichen lassen, visire, flatum ventris sine sono (clam) emittere. Frisch 2, 195ᵃ, auch in der bildlichen wendung durch schleichende wege, auf heimliche art: aber desto mehr miszvergnügen wurde ihm durch verborgene und schleichende wege gemacht. Wieland 3, 132. häufiger überhaupt in unsinnlicher bedeutung, theils mit derartigen zusätzen, theils ohne sie: unsere maskerade schleicht im stillen, iedes scheut die kosten. Göthe briefe 5, 39 Weim. ausg.; um aber den wechselstreit der meinungen aufs höchste zu treiben, schlichen französische revolutionäre lieder im stillen umher. werke 31, 26; in weiter ausgeführtem bilde:
die schlimme sage schlich umher,
sie krächzte, wie zur dämmerzeit
ein schwarzer unglücksvogel schreit.
Uhland ged. (1864) 73.
von einer epidemischen krankheit: das du nicht erschrecken müssest fur dem grawen des nachts, fur den pfeilen die des tages fliegen, fur der pestilentz die im finstern schleicht, fur der seuche die im mittage verderbet. ps. 91, 6. mit beziehung auf diese stelle, von einer geistigen seuche, in ausgeführtem bilde:
ach ihre (der lästerer) pest, o herr!
schleicht itzo nicht im finstern mehr!
am mittag, herr! bricht sie hervor!
hebt hoch ihr tödtend haupt empor!
Klopstock 7, 136.
auch von krankheiten, die im körper unvermerkt und stetig fortwirken: ein schleichendes fieber, das den kranken unbemerkt auszehrt. Adelung; auf sittliches gebiet übertragen: mir war jedoch durch diese hämischen worte eine art sittlicher krankheit eingeimpfft, die im stillen fortschlich. Göthe 24, 107. in gleichem sinne schleichendes gift (schon ahd. ist sleih als glosse zu serpebat vom gift belegt. Graff 6, 784): sie thun in der that recht wohl daran, dasz sie mir den coffee als ein sehr schädliches und schleichendes gift widerrathen. Möser patr. phant. 1, 115; in freierem gebrauch: sogar die unschuldigste liebe .. führt ein schleichendes gift bey sich, dessen wirkungen nur desto gefährlicher sind, weil es langsam und durch unmerkliche grade wirkt. Wieland 2, 239; (mit bezug auf schmeichelei) ich rede weder von dem recht groben gifte, dem rauchpulver von assa fötida, noch von dem gefährlichen schleichenden gifte, das langsam tödtet. Klinger 11, 248;
schon schleicht, verborgen zwar, in beider brust
das gift der neuerer.
Schiller don Carlos 2, 10.
verwandte fügungen: gottloses feuer schleicht in meinen adern. räuber trauersp. 4, 12; eine heimliche gluth schlich in seinen adern. Göthe 19, 68;
ich fühle woch' auf woche mir verstreichen,
und kann mich nicht von dir, Venedig, trennen;
hör' ich Fusina, hör' ich Mestre nennen,
so scheint ein frost mir durch die brust zu schleichen.
Platen 97ᵃ.
vom unmerklich nahenden alter: das alter schleicht heimlich daher, aetas iners subrepit. Maaler 355ᵈ. von unvermerkt auftretenden gedanken und empfindungen, die als von auszen her auf den menschen, das herz wirkend betrachtet werden, in mehr oder minder sinnlich gewandten fügungen: des ermant unsz auch der herr deutronomii am XV. ca. so er spricht, hütt dich das nitt in dich schleich ain schnöder gedanck. Keisersberg schiff d. penit. (1512) 24ᶜ (nach 5 Mos. 15, 9: cave ne forte subrepat tibi impia cogitatio, bei Luther: hüt dich, das nit in deinem hertzen ein Belial tück sey); die liebe schleicht oder kreucht daher, fast heimlich und unversähenlich zuͦhin, affluit incautis insidiosus amor. Maaler 355ᵈ;
nû daʒ diu maget unt der man
Îsôt unde Tristan
den tranc getrunken beide, sâ
was ouch der werlde unmuoʒe dâ
Minne, aller herzen lâgerîn,
und sleich zir beider herzen în.
G. v. Straszburg Trist. 294, 38 (11716) Maszmann;
nur manchmal, wenn mich schmerz und kummer drückt,
dann schleicht die sehnsucht mir ins bange herz.
Grillparzer (1887) 3, 175;
leidenschaft, die leise, dieben gleich,
durchs auge schleicht.
Ludwig (1891) 4, 273.
auch von den äuszeren ursachen solcher gedanken und empfindungen:
sô was der tougenlîche sanc,
(nämlich) ir wunderlîchiu schœne,
die mit ir muotgedœne
verholne unde tougen
durch die venster der ougen
in vil manic edel herze sleich.
G. v. Straszburg Trist. 205, 13 (1831) Maszmann.
von unvermerkt verrinnender zeit, von der wir es meist im sinne von c sagen:
ich gesach nie tage slîchen
sô die mîne tuont. ich warte in alles nâch:
wesse ich war si wolten strîchen!
Walther 70, 7.
selten auch von vorgängen und handlungen (vgl. c), so nd. laot slîk'n, lasz es nur unbemerkt hingehen Danneil 195ᵇ. scherzhaft wird so das l.(oco) s.(igilli) unter urkunden erklärt Wander 4, 233.
c)
gleiten, sich fortbewegen mit dem nebenbegriff der langsamkeit, ohne den des verstohlenen: muszte neben der schleichenden bahre waten. J. Paul liter. nachlasz 4, 87. schleichender schritt (vgl. a): dieszmal aber nahmen sie das tempo (der marsellaise) ganz langsam, dem schleichenden schritt gemäsz den sie ritten. Göthe 30, 314. vom wasser: der erste beleg zeigt den übergang aus der bedeutung des geräuschlosen rinnens (s. a) in die des langsamen (vgl. auch b):
sîns (eines flusses) runs sich niht gelîchet
eime vlûme, der lîse slîchet,
alsô diu tiefen waʒʒer tuont;
sîn runs in der lûte stuont.
H. v. d. Türlin krone 7981;
ein bach, der in der wüste schleicht.
Lessing 1, 90;
die vielen flüsse, die es (das land) wie einen garten bewässern, treten oft über ihre betten und lassen schleichende wasser zurück. Stolberg 6, 376. vom blut, das in den adern rinnt: das blut, das so träge in deinen adern schleicht. Adelung; mit annäherung an den gebrauch von personen im sinne von mut- oder kraftlos gehen (oben 2, e): vielleicht schleicht auch, beim anblick der allgemeinen kinderfreude, das blut so traurig fort zwischen dem wintergrün und herbstflor der erinnerung. J. Paul mumien 3, 3. vom puls: ich will dabeystehen, und euch starr ins auge fassen, wenn der arzt eure nasse kalte hand ergreift, und den verloren schleichenden puls kaum mehr finden kann. Schiller räuber schausp. 5, 1. von der luft: sliekende luft, warme, gewitterige Schütze 4, 118 (sich langsam bewegende, im gegensatz zum frischen winde). von der zeit:
wie der tag mir schleichet,
ohne dich vollbracht.
Gotter 1, 235.
von vorgängen, handlungen:
doch frommts (das kartenspiel) nur dann, ..
wenn uns, nach opernart, die zeit, beym kartenmengen,
so sanft, als dort beym ritornell, verstreicht,
und, wie dort liedern und gesängen
verstand und interesse weicht,
auch hier die handlung unter episoden schleicht,
und zwischen jedes blatt, sich frag und antwort drängen.
249;
Wallenstein. ich will den vorschlag in erwägung ziehn.
Wrangel. in keine gar zu lange, musz ich bitten.
in's zweyte jahr schon schleicht die unterhandlung.
Schiller Wallenst. tod 1, 5.
freier vom befinden, das ohne starke bewegung zum schlimmen oder guten ist, sich gewissermaszen im selben gleise mühsam weiterbewegt: Körner. wie gehts? Haase. schleicht. Schiller 4, 189.
d)
der begriff der langsamen und steten fortbewegung geht auch in den des langsamen vergehens, zerrinnens, zerflieszens über. mhd. erscheint hin slîchend im sinne von vergänglich:
schouwet, wie in aller vrist
hin slîchende unde genclich ist
die werltlîche minne!
H. v. Freiberg Trist. 6850.
nhd. wird zerschleichen wie langsam zerrinnen gebraucht: ein stück butter zerschleichen lassen, es langsam bei gelinder wärme zerrinnen lassen Adelung. Höfer 3, 93. aber auch das einfache schleichen hat solchen sinn, so in dem nd. gebrauch vom abnehmen des mondes: slîkens (aus slîkendes) mândes. Schambach 194ᵇ.
4)
besondere syntactische fügungen.
a)
geschlichen kommen, meist nach 2, c, tacite accedere Steinbach 2, 444:
gein dem kam si geslichen.
Wolfr. v. Eschenbach Parz. 652, 30;
zu des keisers gezelde
quam Decius geslichen.
pass. 376, 85 Köpke;
dy frawe heimlich geschlichen kam.
Keller altd. ged. 66, 77.
freier:
der tôt quam im geslichen
durch sînes valschen herzen tor.
Konr. v. Würzburg Silv. 416;
doch, dasz nicht hinterher die frage
geschlichen kömmt: 'madam, woher das geld?'
Gotter 1, 288.
nach 2, e oder f, sprichwörtlich: er kommt geschlichen wie die fliege aus der buttermilch. statt dieser verbindung erscheint mhd. auch im sinne von 2, c:
sus quam er slîchende getreten
hin gegen sîner vrouwen.
pass. 463, 36 Köpke.
schleichend kommen, nach 2, c, tacite accedere Frisch 2, 195ᵃ. schleichen kommen ebenso: mnd.
hirumme waket, wente de dot sendet ju nenen brêf:
he kumt sliken recht so ein dêf.
des dodes danz 144;
als disz Fidelio, der hinter einer eichen
verborgen lag, gehört, kam er gahr leise schleichen.
Rist Parnasz 751.
b)
schleichen mit acc. des orts, wie gleiten, sich bewegen, bildlich (vgl. 2, b):
dâ von ouch wir die alten spehen
die wîsen künsterîchen,
dieselben verte slîchen.
H. v. Beringen schachged. 10269.
wie heimlich gehen (vgl. 2, c), doch bildlicher anwendung nahekommend:
warum auch schlich er diese wege
nach einem solchen äpfelpaar,
das freilich schön im mühlgehege,
so wie im paradiese war.
Göthe 1, 210.
rein bildlich:
mit leisen tritten schlich er (Wallenstein) seinen bösen weg,
so leis' und schlau ist ihm die rache nachgeschlichen.
Schiller Wallenst. tod 5, 1;
freier:
bestechungskunst schleicht einen andern pfad,
als kriecherey, und jede kömmt zum ziele.
Göckingk 2, 199.
mit dem zusatze wandernd, absichtlich doppeldeutig im sinne der vorigen belege oder nach 2, f:
wer dieselben pfade wandernd schleicht,
sey ihm des zieles holder wunsch erreicht!
Göthe 3, 138.
II.
transitiv. ursprünglich ein anderes wort, schwach flectierende factitivbildung zum intransitiven starken verbum, alemannisch schleiken, bair. schlaichen, schlaicken (vgl. oben sp. 561). heute ist der ganze transitive gebrauch nur noch mundartlich lebendig.
1)
gleiten lassen, schleppen, ziehen, schieben, sowol im engeren sinne des dicht an einer fläche hinbewegens, als in allgemeiner bedeutung.
a)
ohne nebensinn: denn das deutsche wort ertz .. kompt vom lateinischen aes her, darein die alten Deutschen den buchstaben r geschleicht, wie unsere vorfaren werlt für welt sprechen. Mathesius Sar. (1571) 29ᵇ; also bringt der gefallene und leidige satan das herrlichste weib zu fall und schleicht und schmeist seine sünd und unflat in die Eve. lobgesang Simeonis T 3ᵃ; die weiber werden die schwartze reuter (die flöhe) ausz dem haarechten busch schleichen. Fischart groszm. 31;
(der artzet.) knecht schaw so bald ich dir thu wincken
so schlaich jm (dem kranken) dhantzwehel umb den hals.
H. Sachs 1 (1558), 5, 467ᶜ.
bildlich:
es chomt uns hewr ein kalter winter,
der uns all fräd hie schleicht allhindter.
Hätzlerin 1, 28, 3.
in der form schleiken Stalder 2, 326, schlaicken Schm.² 2, 505: einen für das recht schleicken jn zuͦ verklagen, ad accusationem aliquem detrahere Maaler 355ᵈ; er schleikt e bórdi (bürde) holz. Hunziker 222.
b)
mit dem nebensinne des heimlichen, verstohlenen: hab ich nit gesehen dich die hand in des hürleins schoss schlycchen. Terenz deutsch (1499) 76ᵃ; hier schlich sie ihre hand in die seinige. Adelung;
daʒ swert begunder sleichen
under sînem schilte hin.
Wigalois 7166;
(der mönch) thet heim in sein kloster gahn
mit seim gestolen praten han
und schlaicht das in die zellen sein.
H. Sachs 2 (1570), 4, 93ᵇ;
der Schwab die nüsz erwischet (gestohlen) hatt
und schlaicht die in den todten kercker.
1, 349, 21 Arnold.
im sinne von einschmuggeln: verbothene wahren in eine stadt schleichen Adelung, schleicken Stalder 2, 326.
2)
im sinne von zuschieben, zu theil werden lassen, von geschenken, vielleicht zunächst 'in die hand gleiten lassen', mit dativ der person:
des wünsche ich herren, sunder haʒ,
daʒ ieglîch hete ir ein[en] (einen das gesicht schärfenden
stein, den der vogel Galadrins im beine trägt), dâ mit si streichten
ir ougen, daʒ si deste baʒ
gesehen möhten, wem si ir gâbe sleichten.
minnes. 2, 378ᵇ Hagen.
schweiz. einem etwas schleicken, in die hand schleicken, heimlich zustecken Stalder 2, 326: (in einem Luzerner dorfspiel von etwa 1740 kommt Isaak mit einem sack voll leckerbissen, die ihm) der sankt Niklausz geschleickt. Zachers zeitschrift 18, 463. in gleichem sinne darschleichen: so man jm dann gelt darschlaichet, so namb ers und liesz's in den erbel fallen. quelle bei Schm.² 2, 497;
(die frau) schleicht im zwen dücaten dar.
Keller altd. erz. 244, 13,
auch zuschleichen Schm. a. a. o. in die bedeutung 'tauschen' umspringend: wechseln und schlaichen. quelle von 1393 bei Lexer mhd. handwb. 2, 969.
3)
mit hervortreten des wahrscheinlich alten begriffs des glatten (vgl. ags. slîcian und die andern mutmaszlichen etymologischen bezüge unter dem formalen): ein pferd schleichen, alias streicheln, poppysmate, seu poppysmo equum mulcere.
III.
reflexiv, ein aus dem vorigen erst im nhd. entwickelter gebrauch. alemannisch sich schleicken, vergl. das formale. Stalder 2, 326: sich heimlich hinwäg schleicken, elabi et abire. Maaler 355ᵈ.
1)
von personen
a)
wie heimlich gleiten, sich heimlich fortbewegen, in sinnlicher bedeutung, vgl. II, 2, c: wie sich dann etliche derselben personen ain zeit her ohne vorwissen obrigkait oder gmain herein geschlaicht haben. tir. weisth. 2, 47, 2; (ich) schleich mich hinein, wo die mägde schliefen. Schiller räuber schausp. 2, 3; er selbst hat sich schon in kapucinerskutte zu ihm geschlichen. ebenda; ich hab mich während des durch einanders in die Stephans-kirche geschlichen. ebenda; wenige nur schlichen sich weg, als einige von der truppe, um geld zu sammeln, sich mit zinnernen tellern durch die menge drängten. Göthe 18, 152; herr, wie könnt ihr euch unterstehen, euch in das zimmer des mädchens da zu schleichen! Geibel (1888) 7, 165;
ich will heut nacht zum schlosz von Villa Bella
mich heimlich schleichen.
Göthe 10, 219.
im bilde: unterdessen dasz Spiegelberg hangt, schleicht sich Spiegelberg ganz sachte aus den schlingen. Schiller räuber schausp. 2, 3. dann auch in freierer unsinnlicher anwendung, vgl. II, 2, d, doch ohne dasz die bedeutung sich soweit von dem sinnlichen gebrauche entfernt wie beim intransitivum:
(du) schlichst dich kirchenräuberisch
in des reinen kinderbusens
unentweihtes heiligthum.
Grillparzer (1887) 3, 117;
wenn ich im gebete kniete ...
schlichst du dich in die gebete,
eignetest dir, mörder, du,
meiner lippen segen zu!
ebenda;
sich in jemandes vertrauen schleichen.
b)
selten im sinne von kraftlos gehen, vgl. II, 2, e: der hirte kommt mit einem tone der schalmei, und Philoktet mit einem tone des jammers — er tritt auf! oder vielmehr er schleicht sich hinan. Herder 3, 42 Suphan.
2)
von thieren kaum gebräuchlich, oder nur dann, wenn menschenähnliche eigenschaften ihres wesens betont werden sollen. so kann man wol sagen: die katze schlich sich leise an den vogelkäfig (wie ein schlauer dieb); so sagt Oken 6, 552 von den ringelnattern: sie lieben die milch, und schleichen sich deszhalb in keller und küche. ähnlich: der hund schlich sich traurig fort (wie ein trauriger mensch).
3)
auf dinge übertragen.
a)
wie von personen meist im sinne des heimlichen gleitens, sich bewegens, sinnlich: diese thräne, die sich aus ihrem auge schleicht, sagt weit mehr, als ihr mund ausdrücken könnte. Lessing 2, 47; ein sanfter morgenwind schlich sich aus dem mit wolken verhangenen morgenthor. J. Paul Hesp. 3, 216;
und so schleichen und so wanken,
wie verderbliche gedanken,
sich die büsche, sich die ranken
als jahrhunderte zumal.
Göthe 13, 285.
unsinnlich:
zur sorge schleicht sich ein die reue.
Göthe 40, 400;
die morgenlüfte schleichen
sich mir ins herz hinein.
Rückert ges. ged. 1, 306.
b)
ohne den begriff des heimlichen erscheint das wort in dem reflexiven sich zerschleichen, die wie das intrans. zerschleichen im sinne von zerrinnen, zergehen gebraucht wird, vgl. II, 3, d: östr. die geschwulst zerschleichet sich wieder. Höfer 3, 93.
IV.
substantivierter infinitiv: das schleichen, gemacher und langsamer gang wie ein schiltkrott, testudineus gradus Maaler 355ᵈ; das schleichen, dasselbe wie schleichung. Stieler 1833 (s. dieses), reptatio Frisch 2, 195ᵃ.
V.
wie das part. präs. sich manchmal dem sinne des adj. heimlich nähert, so wird auch das part. prät. in solcher anwendung gebraucht: es wäre denn sach, dasz es in ainer finsternus geschlichen und unwüssentlich zu gieng. tirol. weisth. 3, 346, 12.
schleichen verb
Fundstelle: Lfg. 3 (1894), Bd. IX (1899), Sp. 571, Z. 36
zu schleich, schlamm, in der zusammensetzung abschleichen, den schlamm entfernen: das er den kosten am schön prunnen alle wegen uber vier wochen und im summer öfter abschlaich und auszwasch. Tucher baumeisterb. 46, 26. nd. slîken neben sliken, schlamm ansetzen, mit schlamm überziehen. ten Doornkaat Koolman 3, 198ᵇ.
Zitationshilfe
„schleichen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schleichen>, abgerufen am 16.10.2019.

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