Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

schlingel, m.

schlingel, m.
müsziggänger, taugenichts, besonders von jungen menschen gebraucht, daneben, zumal in älterer sprache schlüngel, so in einem vocab. bei Dief.-Wülcker 840: schlüngel, dölpel, margites, und, heute ganz veraltet schlungel, so bei Schottel 1402: schlungel, m. margites, faulentzer, der schlinken schlanken geht, ebenso: da sonst in andern städten und oberkeiten solche lundtrosse und schlungel oder gottlose geizhalse regieren, die wohl so viel weltlicher andacht haben, dasz sie wollten, Christus mit kirchen und schulen wären, da der Leviathan regiert. Luther br. 5, 422. früh aber auch schon schlingel, so: item wie jener starcker mollenköpff und schlingel etlich bettlen, also wollen wir den bettlern geben. Garg. 438 neudruck (neben schlüngel: wie .. jener ungebachen jung schlüngel im böltzpletz im hüllhafen. 173). nach Stieler 1853 wird schlingel et schlungel allerdings häufiger im obigen sinne gebraucht (homo vecors, iners, maleferiatus, margites, homo nauci et murcidus), bedeutet aber eigentlich 'fresser' (catillo, patinarius, et qui cibi plurimi est). diese letztere bedeutung, die durch kein weiteres zeugnis bestätigt wird, scheint aber nur fingiert zu sein, um das wort mit schlingen, glutire, in etymologischen zusammenhang zu bringen. wahrscheinlich ist es jedoch mit schlingen, repere, flectere verwandt, wie die lexicographen des 18. jahrh. richtig vermuten: schlingel, homo piger et lentus, qui aegre corpus trahit prae ignavia Wachter 1433; der die arm ineinander schlingt, oder dieselben hangen läszt und schlenkert, nichts arbeitet, homo iners, ignavus, abjecti animi in otio circumambulans. Frisch 200ᵇ, ähnlich auch Adelung. es meint also eigentlich einen müszig umherschlendernden. der plur. lautet meist dem sing. gleich, selten nach nd. art schlingels: mit einem wort, sagt Bäty, sind es faule schlingels. herzog Karl August in Mercks briefs. 1, 298. vgl. besonders schlingeln, schlingen I, 3 und die form- und bedeutungsverwandten schlankel (oberdeutsch häufiger als schlingel, doch begegnet auch dies. Hunziker 223) oben sp. 480, schlenkel, schlengel oben sp. 634: ein knab ernehret sich in welches land er kompt, wenn er nur arbeiten wil, wil er aber faul seyn, so bleibet er ein schlüngel. Luther tischreden (1571) 434ᵃ; wan ich meister wär, so wolte ich nit allein eüch alle drey, sonder auch alle ewers gleichen schlüngel, die denjenigen im krieg dienen, so unsere friedens - ruhe zerstören, und der teütschen freyheit nachstellen wollen, als mainaydig - mäszige verräther jhres vatterlandts an den lichten galgen hencken lassen. Simpl. 4, 332, 30; aber nun sehe ich wie einen schlingel ich bekommen. Jucund. 120; sieht denn der schlingel nicht, dasz ich lese? Lessing 1, 214; doch es ist mit dem schlingel nichts anzufangen. 227; wo bleibt denn der schlingel mit dem buche? 270; he du schlingel, läszt mich auf den bauch fallen, zerplatzen. Fr. Müller 1, 179; also willst, Walter, willst meinem schlingel das mädel geben? 319; alles lobt jetzt wieder den vogt, und der maurer ist am vordern tisch ein schlingel und am hintern ein bettler. Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 1 (1790), 44; die elenden leute entschuldigten den buben wo sie konnten und mochten .. sie lassen ihn zum schlingel und bösewicht aufwachsen. 325; die kleinen tückischen mausaugen — die haare brandroth — das kinn herausgequollen, gerade als wenn die natur für purem gift über das verhunzte stük arbeit meinen schlingel da angefaszt, und in irgend eine eke geworfen hätte. Schiller kab. 1, 2; er zwei jahre in Paris gewesener schlingel, er kommt mir gerade recht. Raimund 2 (1891), 235 (alpenk. 1, 11); von den schlingeln gehe keiner; es wäre auch schade um die kirche wenn einer hinein käme. Gotthelf Uli d. knecht (1841) 145; der älteste sohn der frau Knips, schon ein erwachsener schlingel. Freytag handschr. 1, 41;
du schlingel,
du bengel.
Chr. Reuter Harlequins hochz., entree 14 neudruck 62, 436;
fort ist er! mit allem davon gefahren,
was ich mir thät am leibe ersparen.
liesz mir nichts, als den schlingel da!
Schiller Wallenst. lager 5;
was, schlingel! weiszt du nicht besser zu leben.
Kotzebue dram. spiele 1, 20;
Adam. und wer zerbrach den krug? gewisz der schlingel — ?
frau Marthe. ja, er, der schlingel dort —
H. v. Kleist 3, 117 Hempel (zerbr. krug 7);
drauf geh' ich hin und werf' den schlingel 'runter (vom hof).
126.
mit verstärkenden beiwörtern verbunden, fauler schlingel Wachter 1433, grober Adelung, liederlicher Campe u. ähnl.: deszgleichen kein mansbilder, als minderjärige kinder, unverständige, faule, langsame, schläferige schlingel. Garg. 437 neudr.; dasz er in getröstung scheinender hoffnung ein heilloser müsziggehender schlingel wird. Fischart übersetzung von Bodins dämonomania (1591) 41; ich bin biszhero ein sonderbarer patron der vaganten gewesen. allein ich sehe, dasz man diese faule schlüngel nur stärcke in ihrer faullentzerey, und ihnen zu andern lastern anlasz gebe. Schuppius 60; als der artzt Tzalinus (Galenus) sahe, dasz ein grober flegel, und unwissender schlingel, einen weisen mann mit gewalt anfiel. pers. rosenth. 4, 5 (60ᵇ); dasz der kerl ein nachlässiger schlingel ist. causenmacher 115; nichtswürdiger schlingel. Lessing 1, 398; du vermaledeyter schlingel, was du immer für streiche machst. Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 1 (1790), 199;
du weist wol, das ...
Latomus, Carlstadt und Zwingel,
so wohl auch mancher grober schlüngel,
und viel sacramentirer mehr,
habn gottes sohn, sein ruhm und ehr,
abstelen wolln.
postreutter (1590) E 2ᵃ;
drumb sol ein ieder darnach sehn ..
dasz man sein trew spür im geringen
und lasz gehorsams glöcklein klingeln,
sonst wird nichts ausz solch faulen schlüngeln.
Kirchhof wendunm. 3, 164 Österley;
hör', du verfluchter schlingel, du, was machst du?
dir brech' ich alle knochen noch.
H. v. Kleist 3, 138 Hempel (zerbr. krug 9);
verwünschter schlingel!
bist du bezahlt, zu tode mich zu ärgern?
Grillparzer (1887) 8, 63.
mit allerliebst in ironischem sinne: ein paar allerliebste schlingel! ... aus freygeisterey ist jener ein spitzbube; und aus frömmigkeit dieser ein dummkopf. Lessing 1, 410. neckisch: du kleiner schlingel! böser schlingel! in solcher verbindung auch zu mädchen. als komische anrede herr schlingel:
und ihr herr schlingel!
ihr thätet besser eurer arbeit nach
zu gehn, als im pallast hier aufzupassen.
Schiller Turandot 3, 4.
einem einen schlingel an den hals werfen, ihn schlingel heiszen: wenn ich ihm einen schlingel, einen esel an den hals werfe, so ist damit nicht gemeint, dasz ich ihm diese ehrentitel auf zeitlebens anheften wolle. Bode übers. von Montaignes essais (1793) 2, 168. es heiszt auch nd. slüngel fan'n jung', kerel ten Doornkaat Koolman 3, 216ᵃ: de slüngel fan jung' mag niks lêfer, as sük altîd bî de strate herum drîfen. ebenda. im göttingischen wird slüngel nach Schambach 196ᵃ auszer im gewöhnlichen sinne gebraucht für
1)
den wagenhalter. 2) ein hölzernes gerät, womit reihen von löchern in den boden gebohrt werden, benutzt beim pflanzen von bohnen und runkelrüben (runkschenslüngel).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1895), Bd. IX (1899), Sp. 728, Z. 5.

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Zitationshilfe
„schlingel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schlingel>, abgerufen am 05.12.2021.

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