schlucken schwaches verbum
Fundstelle: Lfg. 5 (1895), Bd. IX (1899), Sp. 801, Z. 26
mhd. slucken mhd. wb. 2, 2, 415ᵇ. Lexer mhd. handwb. 2, 990, im ahd. (doch vgl. das schwache masc. sluhho, slucko, consumtor Graff 6, 786) und den übrigen alten germanischen sprachen nicht bezeugt. nahe steht mhd. slûchen, mnd. und neund. slûken, s. oben schlauchen sp. 506. beide führen zurück auf ein starkes verb. ahd. *sliohhan (oder *slûchan, nd. slûken bewahrt starke formen); auszerhalb des german. sind verwandt λύζω, λυγμός; λύγξ, λυγγάνομαι, altir. slucit, sie verschlingen, ro - slogeth, absorpta est Fick⁴ 1, 577; bemerkenswert ist die übereinstimmung in bildung und bedeutung von schlucke, schlücke (s.schlucke 5) und lucke, lücke, von schlockern, labefacere (sp. 764) und lockern, nd. sluck, matt, schlaff und dem alten adjectiv luck, lück (theil 6, sp. 1224); diese übereinstimmungen weisen auf alte beziehungen der german. wurzeln sluk- und luk-. einer anderen ablautsreihe angehörig, aber im übrigen in analoger weise gebildet und gleichen sinnes mit schlucken ist das schwache verbum mhd. slicken, s. oben sp. 676 und unter schleck sp. 547. unserem schlucken entspricht nld. slokken; slocken, vel slicken, vorare Kilian. vielgebrauchte composita sind: auf-, ein-, hinein-, hinunter-, hinter-, nieder-, verschlucken. neben dem nd. slûken wird auch slucken, wol unter hochd. einflusse gebraucht brem. wb. 4, 846. Schambach 195ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 213ᵃ. Mi 81ᵃ, schweiz. mit umlaut schlücka Bühler Davos 1, 135, ebenso kärnt. schlück'n, verschlück'n Lexer 221, oder liegt hier das alte schlicken vor?
1)
schlingen, speise oder getränk hinunter schlingen; während schluck, m. auf das getränk eingeschränkt ist, bewahrt das verbum die weitere bedeutung; in neuerer sprache meist mit nüancierungen verschiedener art; so bezeichnet es den bloszen physiologischen vorgang, durch den die nahrung dem magen zugefügt wird: beym schlucken wirken vorzüglich die muskeln der zunge, des gaumens und des schlundes. Oken 4, 243;
hühnchen liegt an jenem berg
und schluckt an einem nuszkern.
wunderhorn 2, 544 Boxberger;
nicht schlucken können, als krankhafter zustand Adelung; das beschwerliche schlucken (disphagie) Campe; aus mangel der zähne schlucket er nur die brocken. Kramer (1702). schon in älterer sprache entwickelt sich wie bei schlingen der nebensinn des unmäszigen, gierigen, hastigen essens oder trinkens: glutire slucken vel slynghen Dief. 266ᶜ; ingurgitare, in sich gurgeln vel schlucken 298ᶜ; ligurire, schlucken 329ᵇ; schlucken, schlinden, verschlinden, vorare, gulare Maaler 356ᵈ; schlucken, in den leib schlingen Hulsius dict. (1616) 285ᵃ; schlukken, devorare, gurgitare, deglutire Schottel 1402; pro ein sauffen, ein saugen, ich schlucke, sorbeo Steinbach 2, 453; er kan weidlich schlucken Kramer (1702); volksthümliche wendungen: he sluket, as de stork de poggen; he slukt, as wenn he hangen schall. Strodtmann 215; he sluckt as en trechter. Wander 4, 248;
ainer schluckt, der ander schland.
Hätzlerin 2, 67, 156;
die gierigkeit zeigt sich darin, dasz etwas ungekaut hinuntergeschlungen wird:
das sie eʒ in sich truckten
und unkiuwes sluckten.
lieders. 3, 402, 146:
scherzhaft: er schluckt ein glas wasser runter ohne zu kauen. Wander 4, 248; in hündischer art: darmit inn eym schnaps dem maul zuwischet, unnd schluckts hinab ungekauet. Fischart bienenk. 158ᵇ; sonst von thieren: sondern er selbst (der habicht) frasz und schluckt sie in seinen rachen. Kirchhof wendunm. 1, 79 Österley;
er (der drache) wânde sunder lougen
daʒ er in slucken müeste,
wan er was in der wüeste
gewesen lange ân eʒʒen.
Konr. v. Würzburg troj. krieg 9789;
sihe, er schluckt in sich den strom, und achts nicht gros, lest sich düncken, er wölle den Jordan mit seinem munde ausschepffen. Hiob 40, 18. von menschenfressern: weil sie vor diesen menschen gegessen, auch ihrer eigenen freunde fleisch, wenn sie gestorben, unter ander wilpret gemischet und in geschlucket. Olearius pers. reisebeschr. 3, 3 (s. 80ᵃ). die bedeutung des eigentlichen hinunterschlingens tritt in neuerer sprache gewöhnlich in den vordergrund, durchaus nicht immer mit dem begriffe des hastigen, gierigen verbunden: Euclio das ist Hans nimmer satt, der wil haben dienstbotten, die da haben ... ein verschlossen maul, sollen aber essen und schlucken nichts. Schuppius 405; also muste ich schlucken, was schwer zu verdauen war. Simpl. 3, 23 Kurz; von trank: er schenkte beiden ein, stiesz an und schluckte das glas sehr lebhaft hinunter. Göthe 30, 225; (sie) begannen nun erst ein fleisziges essen, wozu sie den wein in tiefen zügen schluckten. Keller 1, 257; verächtlich:
seht nur nach dem, der wasser schluckt,
und einsam in dem winkel muckt,
und stumme galle speit.
W. Müller ged. 2, 98;
von speisen: gute weine zu trinken, köstliche speisen zu schlucken. Göthe 36, 54;
mandeln zu knuspern!
erbsen zu schlucken.
14, 111;
nur dürftige biszlein
faszte der schnabel, der wirth schluckte die speisen allein.
Schiller 11, 190;
schluckt nicht seinen leckerbissen
mancher grosze zitternd ein.
Rost bei Chr. H. Schmid biogr. d. dichter 2, 433;
mit beabsichtigter rohheit: (die pulver) soll ich eurer frau in der schokolade zu schlucken geben. Schiller Fiesko 3, 3 bühnenbearbeitung. von dingen, die man nur mit einem geringeren oder stärkeren widerwillen herunterbringt:
wider willen schluckt' ich das zeug, wie sollt' ich gedeihen?
Göthe 40, 23;
ich musz den ganzen tag medicamente schlucken; schärfer von unwillkürlichem einnehmen: staub schlucken, beim marschieren; wasser schlucken, bei schlechtem schwimmen.
2)
freiere anwendung, übertragung, bildlicher gebraucht; vom erdboden, der regen, nässe aufsaugt: der bode schluckt Seiler 256ᵇ. Hunziker 224. Bühler Davos 1, 135; freier: er verschwand, als hätte ihn der boden geschluckt, eingeschluckt, verschluckt. von einem gewässer, das ein kleineres in sich aufnimmt: nachdem er (der Bober) bey Hirschberg den Zacken in sich geschluckt. Opitz 2, 260. übertragen, für das hinnehmen und verwinden von unannehmlichkeiten, ärger, leid u. s. w.: schlucken und vertöuwen oder leyden, calamitatem haurire Maaler 356ᵈ; viel zu schlucken haben, viel auszustehen haben Schöpf 624; e hett scho fill müese schluke. Seiler 256ᵇ; grobheiten schlucken müssen u. ähnl.; besonders auch in dem sinne, dasz eine aufsteigende empfindung niedergedrückt, bezwungen wird: den arger dal slucken. Mi 81ᵃ (man beachte unter den belegen die Fieskostelle); zu diesem gebrauche von schlucken vergl. die anwendung von verbeiszen, hinunterwürgen u. ähnl. Stieler bezeugt einen für uns ungewöhnlichen gebrauch: der arme teufel musz daheime schlucken, sich übel und elend behelfen (vgl. schlucker);
redst etwan wort in trunkenheit
die wiedrumb must schlucken mit leid.
Wickram kunst zu trinken (1537) 2, c 3ᵃ;
diesen gelust müssen sie niederschluken. Schiller Fiesko 1, 5; wir armen Deutschen müssen nun, so lange die deutsche zunge dauert, den jammer einer vierfachen vielzüngigkeit in uns schlucken. J. Paul komet 3, 198; verzweiflung in sich schlucken. Pestalozzi 7, 275. ganz anders gewendet von begehrlichem oder unnachlässigem einnehmen, an sich nehmen (vgl.aufzehren, ↗verzehren in gleicher übertragung); von personen: fette einnahmen, gewinne, antheile schlucken:
der mein vermögen niederschlang und schluckte.
Rückert poet. werke (1882) 11, 511.
auch auf unpersönliches bezogen: was hat dieser bau an kosten geschluckt u. ä. in dem sinne von aufzehren und vernichten:
swâ übric rîchheît zühte slucket
und übric armuot sinne zucket,
dâ dunket mich enwederʒ guot.
Walther v. d. Vogelweide 81, 28.
3)
wiederholt, unwillkürlich und krampfhaft aufstoszen, singultire: singultare, schlucken Dief. 536ᶜ; singultire, schlucken, kluxen Schottel 1402; das schlucken, singultus Steinbach 2, 453, vgl. Frisch 2, 202ᵇ, nd. slukken, schlucksen brem. wb. 4, 846; ek hebbe't slucken Schambach 195ᵇ; vor das schlucken. Dryander arznei (1542) 101. das einfache verbum wird in diesem sinne in neuerer sprache gemieden und durch den schlucken haben, schlucken müssen ersetzt. redensart: er musz schlucken, es denkt jemand an ihn (räth man die betreffende person, so hört der schlucken auf). ungewöhnlich auch für das willkürliche aufstoszen aus überfülltem magen: pro rülpsen, ich schlucke, ructo Steinbach 2, 453 (als landschaftlich).
4)
wie schluchzen die bedeutung von singultire aufweist, so erscheint schlucken in älterer sprache in dem sinne, den wir gewöhnlich mit schluchzen verbinden; noch Frisch (2, 202ᵇ) und Adelung bezeugen diesen gebrauch: schlucken, wie die kinder bey dem weinen .. flere cum singultu (dann im gegensatze hierzu: schlucken, ohne weinen) Frisch a. a. o.; darumb wird durch dis seufftzen nicht allein das leiblich und kurtzwerende schlucken verstanden. Luther 1, 36ᵇ; wenn gleich das fleisch schlucket und mucket. briefe 5, 142; ob wohl ihre wort durch so viel seufftzer und schlucken gebrochen waren. A. Gryphius 1, 935;
vom fräwlein wurd hiermit jhr fürtrag so geschlossen,
darbey geseufftzt, geschluckt, viel thränen auch vergossen.
Dietr. v. d. Werder Ariost 9, 56, 2 (vgl. 10, 99, 5);
ich sehe seinen schatz, das edle weib vergieszen
der augen heiszes nasz, ich höre, wie sie schlukt.
Rist Parnasz 801.
schlucken
Fundstelle: Lfg. 5 (1895), Bd. IX (1899), Sp. 803, Z. 51
plur. kleine pflaumen, s.schlucke 6.
schlucken m
Fundstelle: Lfg. 5 (1895), Bd. IX (1899), Sp. 803, Z. 38
singultus, aus einem älteren schwachen m. schlucke entstanden: er hat den schlucken, singultu afficitur Steinbach 2, 453, nd. slucken Schambach 196ᵃ; noch Adelung hält schluchzen, m. für mehr der schriftsprache gemäsz als schlucken. schlucken bezeichnet das unwillkürliche, krampfhafte aufstoszen aus dem magen: ihr kriegt euern schlucken, meinte der schneider fast mitleidig. Ludwig 2, 312. von einem wirklich krankhaften zustande: die meisten überfiel dabey ein holer schlucken, welcher mit starken zuckungen begleitet war. Heilman Thucyd. 236; ähnlich: sie lag in schrecklichen beängstigungen, zu welchen sich ein gichterischer schlucken gesellte, der von der gasse herauf gehört werden konnte. Schiller 3, 570.
Zitationshilfe
„schlucken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schlucken>, abgerufen am 16.02.2019.

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