schlummer m
Fundstelle: Lfg. 5 (1895), Bd. IX (1899), Sp. 816, Z. 70
zu schlummen gebildet wie schlummerer zu schlummern, mas dormitans Stieler 1806, mnld. sluymer, dormitator Kilian.
schlummer m
Fundstelle: Lfg. 5 (1895), Bd. IX (1899), Sp. 813, Z. 72
sopor, zu schlummern gehöriges substantiv, wie dieses erst im späteren mhd. belegt. mhd. slummer, engl. slumber, dän. schwed. slummer, vgl. dazu ags. sluma Bosworth-Toller 886ᵃ. der plural ist selten, nur in dichterischer sprache belegt:
warum decket der schmerz mit mitternächtlichem flügel
dann mein haupt, und begräbt mich hinab in die schlummer des todes?
Klopstock Mess. 4, 800;
also sprach sie, und sank in tiefere schlummer.
12, 474;
die, wie Homers Nepenth, der sorgen angedenken
in sanfte schlummer hüllt.
Wieland moral. briefe 7, 196;
da, wo die schlummer nie dem neid der sorgen weichen.
7, 216.
bedeutung.
1)
das nur in gehobener sprache gebräuchliche wort bezeichnet gewöhnlich einen leisen, sanften schlaf, auch den beginn desselben: schlummer, somnus levis, somni initium Frisch 2, 202ᵇ. demgemäsz wird es mit entsprechenden beiwörtern versehen: erster schlummer, zugleich als zeitbestimmung:
dô wart in der selbin nacht
wol in dem êrstin slummere
ein sô grûwlich gedummere
vornumin obin in der luft.
Nicl. v. Jeroschin 24780.
sanfter schlummer:
sanfter schlummer labe
dich in meinem arm.
Stolberg 1, 407;
und du mein rosenhag, wo in der kindheit tagen
mich sanfter schlummer oft beschlich.
Geibel 8, 69.
leichter schlummer:
diese (die jungfrau) meint im leichten schlummer,
immer höre sie die lehre
von der erde, von dem himmel.
Mörike (1889) 1, 183;
Klärchen weckt den vetter schleunig,
der im leichten schlummer nickt.
Lenau 2, 19 Koch.
aber auch tiefer, fester schlummer: vielleicht behalte ich dann noch sein liebenswürdiges bild mitten in meinem tiefen schlummer vor augen. Weisze trauersp. 4, 193; Eduard im tiefsten schlummer warf sich auf Ottiliens schwelle, die er mit seinen thränen benetzte. Göthe 17, 388;
denn mein herz ist liebevoll
selbst im tiefsten schlummer.
Götting. musenalm. 1777, 112;
oder es (das glück) kam in nächten tief
da ich festen schlummer schlief,
und ist vorübergezogen.
Geibel 2, 29.
dichterisch wird auch der tod als tiefer schlummer bezeichnet, vgl. unter 3. der schlummer ist erquickend, süsz, lieblich, hold: wie ist euch? ihr schlieft einen erquikenden schlummer. Schiller 2, 65 (räuber 2, 2 schauspiel);
alles wiegt die stille nacht
tief in süszen schlummer.
Körner 165 Streckfusz;
sie athmet in lieblichem schlummer
und es durchglühet ihr hauch mir bis ins tiefste die brust.
Göthe 1, 266;
und beim ersten morgenschimmer
reizt mich aus dem holden schlummer
die geschäftig frühe fliege.
2, 101.
aber auch bang, trüglich, stöhnend:
weil sie (Ariadne) eben anjetzt aus trüglichem schlummer erwachend
ach die arme! verlassen am einsamen strande sich findet.
Voss Ovids verwandl. (1828) 2, 352, 56;
'was will das fürchterliche bild?'
so fährt sie auf vom bangen schlummer.
Tiedge (1841) 2, 34;
die stirne
netzt unschuldiger schlaftau ihr und die brennenden glieder
drängen die decke zurück im stöhnenden schlummer.
Mörike 1, 387.
dem schlummer gibt man sich gern, willig hin:
und als er im willigen schlummer so lag,
bewegt es sich unter dem bette.
Göthe 1, 196.
aber auch in allgemeinem gebrauche gleichbedeutend mit schlaf:
dein edles hertz, betrübtes haupt!
fühlt ja auch mehr als einen kummer,
du wirst verschwärtzt, gedrängt, beraubt
und hast mehr ärgernisz als schlummer.
Günther 160;
disz mein unaufhörlich kräncken
läst mir keinen schlummer zu.
181;
nimm ihr nicht der tage frieden,
und der nächte schlummer nicht.
Gotter 1, 13;
hast du eine mutter gesehn, wenn sie schlummer dem kinde
kauft mit dem eigenen schlaf?
Schiller 11, 71;
wie schlaf wird auch schlummer mit sinnverwandten ausdrücken verbunden: ihr seyd zeugen, ihr sterne! ihr habt mich so oft in der todenstille der nacht beym klaviere belauscht, wenn alles um mich begraben lag in schatten und schlummer. Schiller räuber 1, 3 schauspiel;
aufgeschreckt
staun' ich fremden entzückungen
lang', und möchte sofort schlummer und traum erneun!
Voss ged. 3, 57;
dort ist mühsal, drang, verfolgung, noth und kummer,
hier ist frieden, eintracht, stille, ruh' und schlummer.
Rückert (1882) 7, 76.
auch schlaf und schlummer Göthe 2, 128, vgl. den beleg weiter unten. schlummer und traum:
zur mitternachtstunde lasz schlummer und traum.
Bürger 33ᵃ.
es heiszt einen schlummer schlafen. Schiller 2, 65; in schlummer sinken, liegen:
vom zauber überwältigt
sanken sie zurück in tiefen schlummer.
Geibel 2, 188;
wo mein haupt im schlummer lieget,
wird dein bildnis hängen.
Rückert (1882) 1, 604;
wo der freund auf seiner schütte
noch in tiefem schlummer lag.
Geibel 2, 77;
übertragen:
schon liegt die welt in allgemeinem schlummer.
teutsch. Merkur (1774) 6, 24;
selten schlummers liegen:
da lag ich einsamen schlummers
fern in dem lande, wo jo klinget zugleich mit dem ja.
Arndt (1860) 174.
in schlummer gehüllt sein:
in schlummer gehüllt war jedes gesicht.
Bürger 33ᵇ.
in schlummer singen, bildlich: der adel ist schwürig. des pöbels herzen sind mein. die tyrannen hab' ich in schlummer gesungen. Schiller Fiesko 2, 18;
der schmeichler richtet euch zu grunde,
wenn er den schmerz in schlummer singt.
Lenau 2, 254 Koch.
in schlummer wiegen:
sie (die kindheit) gleichet wohl dem süszen mai,
liebt süsze gesänge und kein geschrei,
mag still schauend in blumen liegen
und läszt sich spielend in schlummer wiegen.
Arndt (1860) 55.
aus dem oder vom schlummer erwachen:
erwache aus dem schlummer, der dich drückt
und lobe deinen gott.
Hölty 120 Halm.
vom schlummer auffahren:
bis aus dem schlummer fährt empor
der mann, der's vaterland verlor.
Lenau 1, 26 Koch;
doch kaum fuhr er vom schlummer auf,
hat er den traum versungen.
1, 144.
jemanden aus dem schlummer reizen, ihn aufwecken Göthe 2, 101 (vgl. oben); aus dem schlummer rütteln: hat euch die geschichte nicht aus dem schlummer gerüttelt. Schiller räub. 4, 5; aus dem schlummer stören:
diesen wurm
aus seinem schlummer stören müssen!
Schiller dom Karlos 2, 13.
sich vom schlummer aufraffen:
wenn du dann mit neuer kraft
dich vom schlummer aufgerafft.
Rückert ged. (1841) 13.
oft wird der schlummer persönlich gefaszt:
ich schlief wie du. jetzt meidet mich der schlummer.
Gotter 1, 175;
schwebe nieder, holder schlummer,
himmlisch wie die lieb' und mild.
Tiedge (1841) 2, 153;
erquickt nun bin ich aufgewacht,
mich hat der schlummer diese nacht
mit balsamhauch gesegnet.
Rückert (1841) 613;
der schlummer sinkt aus nachtgeschwärzten lüften
und seinen mohnsaft trinkt die schöpfung nun.
Rückert (1882) 5, 82;
Pan, der hirte, spielt und säuselnd
geht der schlummer durch die haine.
5, 245;
und dem schlummer,
dem lieblichen kinde,
leise und linde
flüstert sie zu.
Grillparzer 1, 11;
legst den schlummer ihm an die seite,
und der knabe lächelt und — schläft.
2, 58
sprach er nicht, als er mir's gab,
dasz in dieser kleinen wiege
schlummernd drin der schlummer liege?
ach, der schlummer! ja, der schlummer.
3, 111.
schlummer und schlaf werden vom dichter als zwei brüder gedacht:
schlummer und schlaf, zwey brüder, zum dienste der götter berufen
bat sich Prometheus herab seinem geschlechte zum trost,
aber den göttern so leicht, doch schwer zu ertragen den menschen,
ward nun ihr schlummer uns schlaf, ward nun ihr schlaf uns zum tod.
Göthe 2, 128.
2)
übertragen finden wir schlummer der sinne, des geistes, der seele: er (der mensch) kommt zu sich aus seinem sinnlichen schlummer, erkennt sich als mensch, blickt um sich her, und findet sich — in dem staate. Schiller 10, 279; in welche (ästhetik) die vernunft von selbst und zwar unvermeidlich geräth, und dadurch .. vor dem schlummer einer eingebildeten überzeugung .. verwahrt .. wird. Kant 2, 331;
des kalten gleichsinns eckler schlummer
ist unvergnügter tausendmal.
Haller 83 Hirzel;
auf! sprenge dieses schlummers bande,
der deinen geist gefesselt hält.
Gotter 1, 223;
der seele, die im schlummer lag, liebkostest du
und flohest als sie aufgewacht; o fleuch uns nicht!
Rückert (1882) 5, 227.
schlummer der elemente, der winde und wellen:
in schlummer sinken
die wellen und winde,
und über den wassern
ist tiefe stille.
Lenau 1, 263 Koch;
aus dem schlummer weck' den ostwind, sein gefieder mache neu!
Rückert (1882) 5, 204.
3)
der tod wird als schlummer bezeichnet:
ein besseres leben
nimmt euch auf, habt ihr des todes schlummer geschlummert.
Klopstock Mess. 11, 106;
stumm und taub ists in dem engen hause,
tief der schlummer der begrabenen.
Schiller 1, 180.
der todesschlummer ist tief und eisern:
und ihren (der toten) schlummer, tief und eisern, bricht
der morgenglocke klang, der vögel chor,
im dumpfen schoosz der düstern wohnung nicht.
Matthisson 2, 203;
also sank er daselbst und schlief den ehernen schlummer.
Voss Ilias 11, 241;
so schlummert er den tiefen schlummer.
Uhland (1864) 244.
der tod heiszt auch der letzte oder ewige schlummer:
was hätt ich euch für müh und kummer
villeicht auf erden noch gemacht,
wofern mich nicht der letzte schlummer
so zeitig in die ruh gebracht.
Günther 231;
die (die küsse) sie (die enkelin) dem kalten hügel opfert,
wo ich den ewigen schlummer schlafe.
Hölty 107 Halm;
da kam die ruh',
und drückte zu dem letzten schlummer
sein thränenmüdes auge zu.
Tiedge (1841) 10, 148.
auch der todesschlummer ist süsz, erquickend:
wenn sink' auch ich im süszen schlummer
des blumentodes still dahin?
teutscher Merkur (1774) 6, 9;
früh ermüdet von dem kummer
dieser wallfahrt, schlief sie ein;
süsz erquickend müss' ihr schlummer,
heiter ihr erwachen seyn.
Gotter 1, 105;
schläft man etwan
einen süszern schlummer
unter ehrensäulen, als der landmann
unter seinem rasen?
Hölty 50 Halm.
mit persönlicher auffassung des todes:
deckte dir der lange schlummer,
dir der tod die augen zu.
Schiller 11, 207.
4)
im folgenden ist schlummer soviel wie müdigkeit:
die augen fallen ihr aus schaam und schlummer zu.
Günther 453;
dieser bedeutung nähert es sich auch in der wendung sich den schlummer aus den augen reiben oder streuen:
wie schnell bin ich zum grusz bereit,
indes sie (Jorinde) sich nur erst geschwinde
den schlummer aus den augen streut.
Mörike 1, 28.
5)
in kühner wendung:
bis heut zu ehren deiner braut
ich ihnen süszen schlummer bräute.
Rückert (1882) 11, 403.
Zitationshilfe
„schlummer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schlummer>, abgerufen am 24.08.2019.

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