Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

schreiten, starkes verbum

schreiten starkes verbum
abgemessen gehen, mhd. schrîten mhd. wb. 2, 2, 218ᵃ. Lexer mhd. handwb. 2, 801, ahd. scrîtan Graff 6, 577, altsächs. skrîdan, altfries. ur-skrida, überschreiten Richthofen 1115ᵇ, ags. scríđan, altnordisch skríđa. im gothischen ist das wort nicht bezeugt. entsprechungen auszerhalb des germanischen unsicher (zu vergleichen ist wol littauisch skrindu, skridau, skrisiu, skrìsti, fliegen, schnell laufen Kurschat 384ᵃ, s. auch Müllenhoff altertumskunde 2, 44, anmerk. 1). das verbum hat die starke flexion bis ins neuhochdeutsche bewahrt, schreiten, schritt, schritten, geschritten; ich schreite, ich schritt, du schrittest, er schritt Schottel 595, ich schritte Stieler 1930, ebenso bei Frisch 2, 225ᶜ. ich schreitte (plerumque scribitur schreite), du schreitest, er schreitt, schreitet, ich schritt, geschritten Steinbach 2, 513. im bair. auch mit schwachem prät. schreitet Schm. 2, 612; so auch merkwürdiger weise bei Herder zu belegen: die starke unwankbare hüfte, die bis an die gränzen der welt geschreitet. Herder 4, 67 Suphan. stark im schweiz. schrîte, schritt, g'schritte Hunziker 231. nd. schriden, schriën brem. wb. 4, 696. Dähnert 414ᵇ. Danneil 187ᵇ, schriden, präs. schrid, schriddst, prät. schred Mi 77ᵃ, schrîde, schridst, schridt, schrêd, schrêdst, schrêd, part. schrêden, schräden ten Doornkaat Koolman 3, 147ᵃ, nld. schrijden, dän. skride, schwed. skrida, engl. dial. scride. dem engl. to stride, schreiten entspricht nd. strîden, strîen. Schuller beiträge zu einem wb. der siebenb.-sächs. mundart 60 bezeugt schrîden mit der bedeutung 1. schräge über ein tiefes gleis fahren, 2. die speichen eines rades schief richten. schweiz. schreiten (wol schwaches verbum, vgl. ahd. screitan, divaricare) bezeichnet nach Stalder 2, 351 schräge schneiden, 'vorzüglich von breteren böden'; hierzu schreitlingen, in schräger richtung, schreiti, f. schräge, schreiti, n. schrägemasz.
1)
die bedeutungsentwicklung des wortes ist sehr bemerkenswert, alte und neue sprache stehen in scharfem gegensatze. der begriff des wortes ist in neuerer zeit an die fortbewegung des menschen und menschenähnliche bewegung geheftet, die zusammengesetzt ist aus einzelnen bewegungsmomenten (vgl. schritt); so empfinden wir im gesensatz zu der bedeutung von gehen bei schreiten besonders das abgemessene, nach umständen das bedächtige, feierliche. daher erklärt Hulsius dict. (1616) schreiten durch schritt thun 289ᵇ, Adelung mit 'die füsze zum gehen auseinander thun, einen schritt machen'. man sagt daher: weit schreiten, ampliore passu gradi, enge schreiten, gradu formicino incedere Stieler 1930; nicht so weit schreiten können. Maaler erklärt schreiten unter anderm durch grallare. auch wir brauchen schreiten gern vom stelzenden gange des storches u. ähnl. vögel. das abgemessene der bewegung tritt scharf hervor in abschreiten. während wir beim gebrauche von schreiten stets die menschliche bewegungsweise im sinne haben, tritt das wort in ältester sprache uns fast ausschlieszlich in dem sinne gleichmäszig gleitender bewegung entgegen, so wird es gebraucht vom lauf des schiffes: (wenn einer jemanden hinauswirft) utur skipis bord and anna uthaldene stram, and twa skipu hini ur skridath. Richthofen 125, 3;
the nako furđor skrêđ,
hôh-hurnid skip.
Heliand 2265;
skríđiat þat skip,
er und þér skríđi,
þótt óskabyrr,
eptir leggisk.
Helgakv. Hund. II, 30, 1 Hildebrand;
ebenso im ags., von der bewegung der wolken: wolcnu scrîdaþ Menol. ed. by Fox 486; altsächs. tiscrîdan vom zerreiszen des nebels:
thuo thie neƀal tiskrêd,
that giswerk warđ thuo teswungan.
Hel. 5633;
nacht, licht, gestirn:
suart furdhur skred
narouua naht an skion.
genesis 285;
skrêd forđ-wardes
swigli sunnun lioht.
Heliand 5783;
vom dahingleiten der zeit: arscritanem, exactis (annis) Graff 6, 577; iu thô themo itmâlen tage halpscritanemo. Tat. 104, 4;
skrêd the wintar forđ.
Heliand 197;
that gêr furđor skrêd.
449.
ebenso im ags.: dagas forþ scridun u. ähnl. vom entgleiten des lebens:
that im that lîf skriđi,
thiu sêola besunki.
Heliand 5693.
ahd. gascrîtan glossiert delabi, collabi, piscrît elabe Graff 6, 577; auf der zinne des tempels spricht der versucher zum Heiland:
ef thu sîs godes sunu, quađ he,
strîđ thi te erđu hinan.
Heliand 1085.
vom gleiten des wurms, der schlange: slóđ Fáfnis, þá er hann skreiđ til vatns. Fáfnism.;
(wyrm) gewât þâ byrnende   gebogen scrîđan tô.
Beowulf 2570;
nach Schm. 2, 612 findet sich schreiten im buch der weisheit (Augsburg 1485) 114ᵇ in gleicher weise für das gleiten der schlange gebraucht. im altnord. wird das menschliche kriechen auf händen und füszen mit skríđa bezeichnet: skríđa á ho̜ndum ok á knjám, á fjórum fótum. schneeschuh- und eislaufen: þá skreiđ Egill at leita O̜lrúnar. Vølundarkv. (daher Scritefinni als volksname, vgl. auch schrittschuh);
viđ eld skal o̜l drekka
en á ísi skríđa.
Hávamál 82, 2 Hildebrand.
zu dem uns geläufigen gebrauche überleitend, vom wandeln gespenstischer wesen:
men ne cunnon,
hwyder hel-rûnan   hwyrftum scrîđađ.
Beow. 163;
scadu-helma gesceapu   scrîđan cwôman.
651;
côm on wanre niht
scrîđan sceadu-genga.
703;
dann aber im ags. auch allgemein vom menschlichen gange, besonders vom wandern, umherschweifen (vgl. Bosworth - Toller s. v.). unsicher ist die bedeutung von skrîtan im Hildebrandslied v. 63:
dô lêttun se êrist   askim skrîtan,
scarpên scûrim.
Müllenhoff erklärt: sie lieszen mit eingelegten speeren die rosse dahin sprengen und vergleicht mhd. wendungen wie si lieʒen dar gân, dar strîchen, si lieʒen umbe gân mit sper und mit schilde. in der Wiener genesis erscheint schrîten (oder schreiten?) in dem uns geläufigen sinne, und zwar auf die beine bezogen:
da ze deme chnieraden   da sint si gebogen.
daʒ si sich leichen   suenne si scriten.
fundgr. 2, 15, 1;
daʒ si sich leichen   swenne so si schreiten.
6, 30 Diemer
(s. die stelle aus Alberus unter 3). vgl. das schwache verbum ahd. screitan, divaricare Graff 6, 577.
2)
im mhd. ist die alte bedeutung fast ganz geschwunden, vom dahingleiten des pfeiles braucht es noch H. v. Neustadt:
als der pfîl ouf in schreit.
Ap. 4324.
entschwinden des tages:
dô was der lange tac geschriten
enwec unz ûf die nône.
troj. krieg 166ᵃ.
die uns geläufige bedeutung des wortes hat sich dagegen festgesetzt. im älteren nhd. ist ein zurücktreten des verbums zu beobachten, bei Luther ist es selten, bei H. Sachs ist nach Shumway (das ablautende verbum bei H. Sachs 34) nur zweimal uberschreiten belegt. in neuerer sprache ist schreiten ein wort gewählter ausdrucksweise und begegnet daher fast ausschlieszlich in gehobener rede.
3)
vom menschlichen gange: passare, schriten, schreiten, schriden Diefenbach 415ᵃ, schriten, schrieten novum gl. 282ᵃ; schreytten, ingredi, grallare, transgredi, praetergredi, supergredi Maaler 362ᵃ; gehen, gon, gahn, schreiten, ziehen. Henisch 1426, 41; indem ich schritt, dum gradiebar Steinbach 2, 513 als thätigkeit der beine (s. die unter 1 am ende angeführte stelle):
die beyn die kundten nicht mehr schreiden.
Alberus fabeln 10, 72.
das feste, abgemessene, würdevolle, feierliche des ganges tritt je nach den umständen hervor:
(der chor) der streng und ernst nach alter sitte,
mit langsam abgemesznem schritte,
hervortritt aus dem hintergrund,
umwandelnd des theaters rund.
so schreiten keine irdschen weiber.
Schiller 11, 243;
parodierend: nd. schrît (oder strît) as ne pogge in'n mânschîn. das rüstig ausgreifende:
blitz, wie die wackern dirnen schreiten.
Göthe 12, 49.
in allgemeinem sinne:
dar nâch gar unlange
sach er ûʒ dem walde schrîten
über daʒ velt her witen
ein gebûren.
krone 14785;
sy schrait hin durch daʒ grüene gras.
liedersaal 3, 244, 113;
vrolich quam der monich geschreden.
Hagen chron. von Köln 1908;
hôch auff den perg
schrait ich gên hoff gar an die tür.
O. von Wolkenstein 12, 3, 8;
so schreitet und heischt er undenkliche zeit,
der bart wächst ihm länger und länger.
Göthe 3, 4;
jetzt erst erkenn' ich euren werth, ihr alten,
seit ich auf eurem heil'gen boden schreite.
Geibel 1, 95;
sie schritt, und sah sich um und winkte wieder.
177;
wo er schritt und wo er sasz, erschien er (Karl der grosze) als mann und herr. Freytag bilder 1, 348; feindlich (vgl. mhd. an einen, gegen einem schrîten), im bilde: dann steht der friedliche mann auf, greift zum gewehr, und schreitet gewaltig gegen die ihn so fürchterlich bedrohenden irrsale. Göthe 33, 157, vgl. unten unter 4. im gegensatze zum reiten: besser gut geschritten als schlecht geritten. Wander sprichwörterlex. 4, 342;
da schreit' ich, wo ich sonst mein thier liesz trotten.
Rückert (1882) 11, 304.
mit dem accusativ:
wer gesach ie maget schrîten
einen schrit sô wîten.
krone 23453;
der Grieche tanzet heldentanz; der Deutsche, der das nicht kann, schreitet dafür heldenschritt. Bürger 176ᵇ. einen weg schreiten:
schreitet,
mehr im lauf, als im gemess'nen wandel,
steile felsenwege fröhlich abwärts.
Platen 324ᵃ.
reflexiv: sich einen bruch schreiten. Seume spaziergang (1803) 348. über einen liegenden schreiten: süs schreit er uber sü alle, und uber welen er geschreit der stuͦnt uf und schreit dem meister noch uber die vor im logent. d. städtechron. 8, 107, 18; über einen stein:
wann es lag nu vor mir ein stain,
das ich schreiten wolt hin uber,
ee viel ich vor faulkeit nider.
fastn. sp. 564, 26.
im mhd. eigenthümlich von auf- und absitzen des reiters:
Achilles ûf daʒ ros schreit.
H. v. Fritzlar 6338;
David in den satel schreit.
Karlmeinet 8, 51;
von dem rosse er do schreit.
pass. 206, 60;
vgl. mhd. ein ros überschrîten, es besteigen.
4)
von thieren:
svelch vihe vurscreit,
hine widere man eʒ treip.
Diemer deutsche gedichte 29, 22;
verfolgt von weitschreitenden hünern.
E. v. Kleist 2, 14 (1771);
du solt auch mercken, das ein hirsch vil weyter schreit dann ein hinden. Meurer forstger. oberh. (1561) 94ᵃ. sprichwörtlich, aus der kuhweide schreiten, eigentlich vom vieh, das über die angewiesene weide hinausgeht, dann übertragen, die natürlichen schranken durchbrechen u. ähnl. (s. kuhweide theil 5, sp. 2584): die jungen schreiten offt mit den weydsprüchen (wie man spricht) ausz der kühweyd. Sebiz feldbau 565. Tulifäntchens leises schleichen dem schreiten einer mücke verglichen:
leise wie ein mückchen schritt er
über die gebohnten dielen.
Immermann 12, 40 Boxberger;
thiere der fabel:
die wolf screet wider dan Reinaert doe (zum angriff).
Reinaert 6964
(vgl. mhd. an einen, gegen einem schrîten).
5)
von den bewegungen der schachfiguren, so sehr häufig bei H. v. Beringen.
6)
bildlicher und freier gebrauch:
triuwe vür untriuwe schreit (hatte den vortritt).
pfaffe Amis 25;
durch dein lächeln erweckt, wolkenbewandlerinn!
schreitet der rege fleisz durch das ährengefild.
Hölty 66 Halm;
die empörung (würde) mit gigantischem haupt
durch diese friedensinsel schreiten.
Schiller M. Stuart 1, 6.
in bedeutendem sinne von schicksalsgewalten:
doch mit des geschickes mächten
ist kein ew'ger bund zu flechten,
und das unglück schreitet schnell.
Schiller 11, 310;
feste seh' ich froh bereiten,
doch im ahnungsvollen geist
hör ich schon des gottes schreiten,
der sie jammervoll zerreiszt.
369;
so schreiten auch den groszen
geschicken ihre geister schon voran.
Wallensteins tod 5, 3;
in des schicksals furchtbar ernstem schreiten,
im spiel des zufalls.
Geibel 8, 8.
schreiten der zeit (man vergleiche die zu grunde liegende vorstellung in ihrer abweichung von dem unter 1 belegten gebrauch der alten sprache):
ehre das gesetz der zeiten
und der monde heilgen gang,
welche still gemessen schreiten
im melodischen gesang.
Schiller 11, 294.
in der musik: gewichtig einherschreitende bässe. viel gebraucht sind in neuerer sprache freiere wendungen mit präpositionen und localadverbien, wobei die sinnliche vorstellung mehr und mehr verblaszt: zur sache, zum werke, zum vergleiche schreiten und ähnliches. zur zweyten ehe, zur execution, zum urteil schreiten. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 663ᵇ; damit der schultheisz zum ersten articul des hauptweistumbs geschritten. Grimm weisth. 2, 362 (1565); ehe und dann er aber zur hauptsachen schreitet. Gretter erkl. der ep. an d. Römer (1566) 29; kein menschliches mittel lies ich unversucht — ich musz zu einem teuflischen schreiten. Schiller kab. u. liebe 2, 7; man schritt zum werke, und beide freunde hatten viel lust an ihrer arbeit. Göthe 19, 112;
itz schreiten wir zuͦr nebenzir.
Fischart 3, 1388, 181 Kurz;
so können sie doch uberall,
nicht freywillig schreiten zur wahl.
Rollenhagen froschm. Z 1ᵃ.
in anderem sinne und ungewöhnlich: zu ehren schreiten, in honorem ascendere Steinbach 2, 513. an die ausführung schreiten, sie beginnen. in besonderer wendung: dasz ich mit dem ubrigen raub mit euch in gleichen theil nicht schreiten wil. buch d. liebe 183ᵈ. aus den schrancken schreiten, extra oleas vagari Steinbach a. a. o.; aber ich bin aus meiner bahn geschritten, ich habe meine gesetze gebrochen. Göthe 17, 370; den jungen aus der bahn schreitenden geistlichen. 19, 99; anders gewendet: schon gegenwärtig scheint unsere erzählung auszer den gränzen des glaubwürdigen zu schreiten. 29, 249; freier: aus der ordnung schreiten, exorbitare Steinbach 2, 513; bei dieser scheinbar aus der regel schreitenden erscheinung. Göthe 54, 38. wendungen wie die folgenden kann die neuere sprache nicht nachbilden: begert, man wolt aus dem vertrag nicht schreiten. Luther 1, 144ᵇ;
gebn sich in ehlichen stand
und tun daraus nicht schreiten.
Rebhun Susanna (schausp. aus dem 16. jh. 1, 41, 295 Tittmann);
auch brieff mit der landschafft auffrichten,
darausz sie schreiten sollen mit nichten.
Ayrer 1726, 17 Keller.
ebenso sind der neueren sprache verbindungen mit von fremd: von seinem vorhaben schreiten, sich abwenden, abweichen von dem vorgenommenen Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 663ᶜ. übers ziel schreiten, finem et modum transire Frisch 2, 225ᶜ (vgl. überschreiten); freier und für uns ungewöhnlich:
der wein zum durst, Venus zur zucht,
wer drüber schreit, hat wenig frucht.
Simplic. 4, 94, 3.
weiter schreiten, pergere Frisch 2, 225ᶜ; disz zum grund gelegt, schreite ich weiter. Schiller 1, 76; ehe ich jedoch weiter schreite (in der erzählung). Göthe 24, 248. unpersönlich: dat schridt nêt wîder, die sache kommt nicht vom flecke. ten Doornkaat Koolman 3, 147ᵇ. gewählter fürder schreiten:
wohl erwägend,
wenn die sache fürder schritte,
die gefahren seines reichs.
Herder Cid 1, 17;
dasz fürder nicht die wahl zu schreiten schien.
Uhland Ernst 66.
nach jemandes schritten schreiten, seinem beispiele folgen:
allen, ist es nicht zu rathen, die nach deinen schriten schreiten (sich zum dritten male verheiraten wollen).
Logau 3, 84.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1897), Bd. IX (1899), Sp. 1730, Z. 37.
Zitationshilfe
„schreiten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schreiten>, abgerufen am 27.02.2020.

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