Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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schwanden

schwanden,
s. schwanen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2209, Z. 23.

schwänden

schwänden,
s. schwenden.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2209, Z. 24.

schwinden, verb.

schwinden, verb.
allmählich abnehmen, vergehen.
I.
formelles.
1)
eine westgermanische weiterbildung für das ältere, einst weiter verbreitete swînan, s. schweinen (sp. 2443), das es jetzt vollständig verdrängt hat; ags. swindan, bereits im mittelengl. ausgestorben; sonst nur im hd. bezeugt, ahd. suuintan, -en, suindan tabescere, contab., tabefieri, deficere, conticescere Graff 6, 883; mhd. swinden (ganz vereinzelt swinten) Lexer handwb. 2, 1376 f. aus dem deutschen ist das wort auch ins dän. und schwed. als svinde bez. (för)svinna eingedrungen. über das nd. s. unten.
2)
swinden zeigt gegenüber der alten, auszerhalb des german. noch nicht nachgewiesenen wurzel svī͏̆ dieselbe erweiterung wie standan gegenüber stă̄. die doppelwertigkeit des german. i = indogerm. i (tiefstufe zu ei) und indogerm. e (hochstufe) hat hier, wie in andern fällen, übertritt in eine andre ablautsreihe zur folge gehabt (i-a-u anstatt î-ai-i), vgl. Grimm gramm. 1³, 567. Streitberg urgerm. gramm. 93. eine einfachere ableitung zeigt swînan (s. schweinen), wozu das causativ ahd. sueinan (siehe zweites schweinen sp. 2444) und schweine, f., schweinsucht; die nicht weitergebildete form der wurzel scheint in neuisl. svia (nachlassen, von schmerzen) erhalten zu sein (daneben schwaches svina, svena, ebenso norw., s. Aasen 783ᵃ). eine andre weiterbildung mit m liegt vor in schweim, schweimel, schweimen, s. sp. 2436 ff. auf schwinden selbst beruhen das causativ schwenden und die substantiva schwind, schwinde, schwindel, schwund, schwand, geschwand, schwende, s. daselbst, vergl. noch Wachter 1496 f. Kluge⁵ 343ᵃ. Weigand 2, 671. Grimm gramm. 1, 862. 1029. 2, 35. 71. 232. 389. Streitberg s. 57. 70. 298.
3)
neben schwinden findet sich im ältern nhd. zuweilen schwinnen, das wol aus den mundarten (s. unten) eingedrungvn ist, z. b.: im geschwan dz er nider fiel und kam von seinen synnen. Keisersberg sünden des munds 40ᵃ; verlieren sich täglich ye lenger ye mehr und schwinnen. Thurneisser von harnen (1571) 33; baldrian ist gut fur das schwinnen. Toxites horn des heils (1576) 60; so jemand das zanfleisch schwinnet, der soll mit dem wasser von baldrian blattern den mund gar oft ausschwenken. 62.
4)
ebenso selten ist schwache flexion, sowol für schwinden als für schwinnen: dem Stertinius schwindete daher für einer grössern niederlage. Lohenstein Armin. 2, 1000ᵃ;
sein euglein sind jm geschwinnet,
darin man sich ersicht.
115 guter newer liedlein (Nürnb. 1544).
5)
abgesehen von diesen wenigen ausnahmen steht die starke flexion fest. die formen weisen die gewöhnliche entwicklung auf.
a)
im präs. hat die ältere sprache häufig syncopierte formen du schwindst, er schwindt, die jetzt aufgegeben sind (schon bei Schottel 595 schwindest, schwindet).
b)
das prät. lautet schwand. im 16. jahrh. wird zuweilen ein anorganisches e angehängt:
das er zur erde fiel, und jm geschwande.
Ambras. liederb. 140, 94.
daneben:
die jungfraw fiel darnider,
gar offt jhr da geschwand.
253, 100.
c)
daneben wird nicht selten nach dem plural schwund gebildet. Stieler 1980 hat er schwand, et schwund (dagegen nur ich schwand), Steinbach 2, 554: ich schwand, schwund. die belege reichen vom 16. ins 18. jahrh. so bei H. Sachs:
da mich erst grose angst perueret,
das mir gleich in abkraft geschwünd.
fabeln u. schw. nr. 65, 49.
Shumway s. 81 belegt verschwandt dreimal, verschwund(t) zweimal.aus späterer zeit:
und unvollendt verschwund ihr erster morgentraum.
Creuz 1, 34;
drob alle sein zagen im herzen verschwund.
Bürger 34ᵇ.
auch hier scheint sich angehängtes -e zu finden:
in todesstaub hast du mich eingethan
dasz ich geschwunde.
Opitz psalm. 44 (22, 8).
die herrschende form ist indessen stets schwand geblieben.
d)
die andern formen werden ursprünglich mit ablaut gebildet: ich schwand — du schwundest — wir schwunden — conj. ich schwünde, s. Clajus d. gramm. s. 97 neudruck. Schottel 596. Stieler 1980. schwunden ist auch im 18. jahrh. noch reichlich bezeugt:
nach dem die zwen jüngling verschwunden.
H. Sachs 5, 317ᵈ;
das mark im knochen schmolz, es schwunden alle glieder.
Weichman 1, 78;
so dasz ob diesem fall ihr alle kräfte schwunden.
188;
das blut entging, die kräffte schwunden.
Haller ged.¹⁰ 10.
e)
im part. ist geschwunden zu allen zeiten die einzige form. das umschriebene prät. wird durchgängig mit sein gebildet (eine ganz vereinzelte ausnahme in einem mirakel von 1605, s. II, 1, b).
6)
mundartlich scheint schwinden allgemein üblich zu sein. verzeichnet ist es hauptsächlich in oberdeutschen idiotiken, da sich hier ältere, sonst erloschene gebrauchsweisen erhalten haben (s. unten): schweiz. schwinden, geschwinden (es ist ihm geschwunden). Stalder 2, 324, schwinde in g'schwinde und ferschwinde (ferschwund — ferschwunde) Hunziker 236. Seiler 267ᵃ; bair. schwintn (prät. cond. schwindet, schwund, schwánd, part. geschwunden) Schm. 2, 637; tirol. schwinden Schöpf 662, kärnt. schwintn (schwunt, schwindet — gischwuntn) Lexer 229; cimbr. sbintan (part. gasbunt) cimbr. wb. 226ᵃ. bemerkenswert ist, dasz das verb. auch im heutigen nd. überall verbreitet ist, während es sowol im ältern nd. (alts. mnd.) wie im holl. fehlt; es wird also aus der nhd. schriftsprache eingedrungen sein: swinden (swund — swunden), verswinden brem. wb. 4, 1124. Schütze 4, 239. Dähnert 479ᵇf. ten Doornkaat Koolman 3, 382ᵇ, swinnen (präs. swinne, -est, -et, prät. swund, pl. swunnen, conj. swünne, part. eswunnen) Schambach 222ᵇ, swinn' Danneil 219ᵃ.
II.
gebrauch.
1)
zunächst von einer langsamen, allmählichen abnahme; vom körper lebender wesen, abmagern, sich verzehren, u. ähnl.: schwinden, abnehmen, devenir en chartre, tout sec et etique, definer Hulsius 294ᵃ; immarcescere dürr, mager werden, abnehmen, schwinden. Corvinus fons lat. 381ᵇ; schwinden, evanescere, tabescere, venir en chartre Schottel 1413; schwinden .. tabescere, ad tabitudinem redigi, exarere, et exarescere Stieler 1980; schwinden, abnehmen, decrescere, minui, imminui, extenuari, attenuari, tabescere, contabescere, paulatim consumi; ad maciem redigi, als der ganze leib oder ein glied. Frisch 2, 251ᵃ.
a)
vom menschen: ich sah feruuuôte unde suant, vidi infensatos et tabescebam. Notker 2, 98, 22 (ps. 30, 11); mit zanen griscramot er unde suindet, dentibus suis fremet et tabescet. 483, 20 (111, 10);
thaʒ ir swintet innan bein.
Otfrid 4, 26, 41;
ir biginnet thanne ruafan   joh innan erda slîafan,
joh swintet filu thrâto.
48;
wenne er (der mensch) dan von sîner maht
kêret und nimt wider ab,
sô ist er gâhens alt und grab (grau),
daʒ er magert und erblindet
und ouch michels drâter swindet,
dan er hât genomen ouf.
Teichner 223;
ihr schwindet ja wahrlich dahin, wie ein schemen.
Maria und Joseph! wie hotzelt ihr ein!
Bürger 66ᵇ;
man breitet aus, sie schwinde, läszt sie kränker
und kränker werden, endlich still verscheiden.
Schiller M. Stuart 1, 8.
dafür der leib schwindet: die glieder und der gantze leib schwindet ihm, ò. er schwindet, chi si scemano le membra e tutto'l corpo; egli scema cioè egli è tisico, ettico. v. schwindsucht. Kramer dict. 2, 724ᶜ; der leib schwindet, corpus extabescit. Steinbach 2, 554; meine kräffte wichen, mein leib schwand. Schiller räuber 4, 5 schauspiel;
mîn lîp der müeʒe swinden mir.
Ulrich v. Türheim Willehalm 211ᵃ bei Lexer handwb. 2, 1377;
und sein (des winters) körper schwand und schrumpfte, ...
bis er ganz in luft zerflossen.
Freiligrath⁵ 6, 166 (Hiaw. 21).
b)
von einzelnen gliedern: mithridat, beyde theriac, bringen die erlamende unnd schwindende glieder widerumb zu krefften. Wirsung arzneib. 581 C; darmit schmier das schwindend glid. 582 C; für die schwindende glieder. Coler hausz- u. feld-apoth. (1667) 106ᵇ; jedoch musz man die schwindende glieder allweg vorhero mit brandwein und saltz reiben. Hohberg 1, 299ᵃ. — im einzelnen, die hand schwindet: der .. langt mir eines mit seinem sebel über den rechten arm .. ich kam zwar wieder auf: doch ist mir die hand geschwunden. Weise erzn. s. 42 neudr.; sie besah die hand mit groszem verdrusse und rief verzweiflungsvoll aus: das ist noch schlimmer! ich sehe sie ist gar geschwunden, sie ist viel kleiner als die andere. Göthe 15, 226. vom arm: wann etwem ain arm swindt, dorinn verleust er sein bewegen und empfinden, aber er behelt dannoch etlich lebentig adern. teutsche theol. (1528) c. 99; der Anna N. haben jre arm geschwunden. mirakel von 1605 bei Schm. 2, 637; beine, schenkel: wann einem menschen ein arm oder bein schwindet. Coler (s. oben) 71ᵃ; dz nach verrencken der gleychen .. leichtlich schwinden der schenckel, unnd folgend das erlamen komme. Wirsung arzneib. 580 A; füsze: der fusz schwindet, pes intabescit Steinbach 2, 554; geschwundene füsze, pedes striosi, exsucci, macie pellucentes. Stieler 1981; hüfte: so gehe nu das verfluchte wasser in deinen leib, das dein bauch schwelle und deine hüffte schwinde. 4 Mose 5, 22; waden:
es schwanden seine waden.
Hölty 28 Halm;
vom gehirn: ein zurücksinken, ein schwinden des ganzen gehirns, welches mit minderung der geistigen thätigkeit parallel läuft, ist um so weniger undenkbar, als nicht nur nerven, sondern ihnen entsprechende hirntheile .. wirklich der erfahrung gemäsz kleiner werden. Meckel anat. 3, 593;
ich mag gleych heudt nit mer studirn
vergebens mir schwinden mein hirn.
H. Sachs 3, 3, 75ᵈ;
ewrem mann thut sein hirn schwinden.
76ᶜ;
zahnfleisch: das zanfleisch schwindet zuweilen. Kramer dict. 2, 724ᶜ; augen: ein forchtsam hertz und swindent augen und ein sele verzert mit iamer. alte bibelübersetzung bei Haltaus 1667 (5 Mose 28, 65; Luther: verschmachte augen). — so auch: daʒ selb pflaster ist guot wider daʒ flaischswinden, wenn sich daʒ flaisch an dem leib entsleuʒt und swindet tunkel. Megenberg 343, 27; schwindt dann das marck in beinen. Wirsung arzneib. 276 D; obschon mein fleisch von den knochen geschwunden ist. Bräker arm. mann im Toggenb. 230 Reclam. vgl. auch:
der unglückseligen gebeine schwinden
dahin von ihres bisses wut.
Schiller 6, 356 (zerstörung Trojas 36).
von krankheitsstoffen: wenn einem man oder weib an der haut jres fleischs etwas eiterweis ist, und der priester sihet daselbs, das das eiterweis schwindet, das ist ein weisser grind, in der haut auffgangen. 3 Mose 13, 39.
c)
so auch von thieren: dar umb haiʒt si (die nachtigall) ze kriechischer sprâch phylomena, daʒ ist sô vil gesprochen sam ain liepswinderinne, wan si swindet und nimt ab von rehter lieb irs gesanges unz in den tôt. Megenberg 221, 9. von kühen (vgl. tirol. das schwinden, kuhkrankheit Schöpf 662):
wir sahen bald hernach die besten kühe schwinden.
Hagedorn 2, 146.
besonders von pferden: man soll eine krote fangen, und ihr lebendig ein solches bein abreissen, an welchem das pferd schwindet. Hohberg 2, 225ᵃ; schneid ihm an dem ort, wo das pferd schwindet, eines creutzers grosz haut heraus. 225ᵇ; von dem betreffenden gliede (vgl. bugschwinden öconom. lex.² 446, kernschwinden 1397): wann einem pferd bug und kern zugleich schwinden. ebenda; das schwinden des bugs an einem pferd zu erkennen. 225ᵃ; nimm in eingehender neumondsstund blut und haar von dem schwindenden ort. ebenda; wann einem rosz der kern schwindet, das erkenne also: wann du jhm schneiden last vornen an dem stral beym schusz, unnd das leben nachend findest, so ist es ein zaichen, dasz der kern anfangt zu schwinden oder zu waichen. Seuter roszarzn. 355. bei andern thieren: von dem raub swint daʒ äuter und die gaiʒ verplindent. Megenberg 206, 25.
d)
im bilde: von unfruchtbarem golde zu einer schnellen grösze gebläht, sah man diese monarchie an einer langsamen zehrung schwinden, weil ihr die milch der staaten, der feldbau entzogen wurde. Schiller 8, 98.
e)
der infinitiv häufig substantivisch: das schwinden, tabes, am leib. Frisch 2, 251ᵃ; dise salb .. ist zu allem schwinden nützlich. Wirsung arzneib. 451 B; vom schwinden in sonderheit. 581 D; dann diser namen schwinden, mag wol auff mehrley weg verstanden werden .. hie aber wirdt allein von solchem schwinden gehandlet, das weder ausz hectica, apoplexia, oder frantzosen, sonder .. ausz ischia und andern glid ursachen kommet. 582 A; vor das schwinden und alle böse krätze. Coler hausz- u. feld-apotheck 73ᵇ; vom schwinden der glieder, und glieder-schmertzen. Hohberg 1, 299. vgl. schwinde, f.
f)
eine verschiebung der beziehung findet statt in der verbindung schwindende sucht, krankheit, wobei der mensch schwindet, vgl. schwindsucht und schweinend sucht, siechtag (sp. 2444): er (der silenstein) hilft auch den menschen, die die swindenden suht habent, diu ze latein tysis haiʒt. Megenberg 464, 2. so auch schwindend fieber: schwindend, schweinend, scemante, calante, consumante. schweinend etc. fieber, febbre consumante cioè hettica ò ettica. ved. schwindsüchtig. Kramer diction. 2, 724ᶜ; vom schwindenden fieber. Wirsung arzneibuch 696 A; wer weiters begert, besehe was in vorbeschriebnem schwindenden fieber oder hectica geschrieben sey. 702 D; es werden auch die violen nützlich gebrauchet in den schwindenden fieberen hecticæ genennet. Tabernaem. 684 E.
2,
a)
den aufgeführten gebrauchsweisen schlieszen sich freiere an, mehr auf geistige vorgänge bezogen, z. b. mhd.:
ob uns inder missegât
an vroun Helchen kinden,
sô müeʒe wir ouch immermêre swinden.
rabenschlacht 301;
hôrt ich sîn clage, dar umbe müeste ich swinden.
1017.
selten noch nhd.:
drum musz ich schwinden vor jammer.
Bürger 208ᵇ (Il. 3, 176).
b)
mit sächlichem subject, das herz schwindet:
mein hertz das swindt,
seyd dû dich schaid von mire.
Oswald v. Wolkenstein 61, 1, 7;
dasz so lang' in der insel du weilst und nimmer den ausweg
dir zu erforschen vermagst, da das herz der genossen dir schwindet?
Voss Od. 4, 374.
abstracter, das leben schwindet:
dô swant mir [nâch mîn leben,
wand]e niemen wart sô guot
der mir trœsten wolt den muot.
zeitschrift f. d. alterthum 20, 350, 123;
nach verschollenen jahren kam Robert zurück,
mit schwindendem leben im düstern blick.
Tiedge⁴ 2, 52.
die seele: siê irroton hungerge unde durstige, iro sêla suant in in (anima eorum in ipsis defecit). Notker ps. 106, 5. die kräfte: gleichwie man sich nun alle kräfte und vermögen der seele, selbst das des bewusztseins als auf die hälfte geschwunden denken kann, so doch, dasz immer noch substanz übrig bliebe. Kant 2, 320;
der schauder, der durch euer wesen fährt,
wann eure jugendstärke schwindet.
Gotter 1, 403;
ach! mir schwanden die kräfte dahin.
Göthe 1, 323;
wohl traf er gut; ein röcheln sonderbar
hat aus der atemlosen brust bezeugt,
dasz seine letzte kraft geschwunden war.
Chamisso 2, 94 Koch.
ähnlich noch:
zusehens schwand indessen in Serenens
gestalt der jugend blüthe.
Wieland suppl. 2, 125 (Serena 233).
c)
besonders die sinne schwinden, wenn man das bewusztsein verliert:
dasz ihm die sinne schwinden und die kniee brechen.
Wieland 18. 5
(s. auch Luther 5, 288ᵃ unter geschwinden 1).
d)
überaus häufig ist in diesem sinne die unpersönliche wendung es schwindet einem, er verliert die besinnung, wird ohnmächtig: es schwindet mir wegen der höhe, altitudo caliginem oculis offundit. Stieler 1980 (vgl. schwindeln). für das einfache schwinden fast immer geschwinden, s. daselbst 2 (theil 4, 1, 3999): syncopis geswindin est ablatio sensus et motus in corpore. quelle bei Schm. 2, 637; diese gebrauchsweise ist im mhd. und ältern nhd. (namentlich im 16. jahrh.) sehr verbreitet, vgl. Grimm gramm. 4, 231. später ist sie in der schriftsprache aufgegeben, nur die oberdeutschen mundarten haben sie (in der form geschwinden) bewahrt, so in der Schweiz, s. Stalder 2, 364 (es ist ihm geschwunden). Hunziker 236 (es g'schwindt-mr; es ist-mr schier g'schwunde, um einen starken affect zu bezeichnen). Seiler 267ᵃ, Baiern, s. Schmeller 2, 637, und Tirol, s. Schöpf 662. daher findet sie sich auch jetzt noch bei autoren aus diesen landschaften. belege:
der (frau) was geswunden al den tac
und enwisse niht von der geschiht.
Lanzelet 4560;
uns tuot diz wâre mære kunt
daʒ im geswünde dristunt.
Konrad v. Würzburg Engelh. 6270;
âmehteclichen seic er nider,
als im geswunden wære.
troj. krieg 27247;
si was nach tott der selben fart,
eins über das ander wart ir geswinden.
Hans v. Bühel Dyoclet. leben 3875;
er gab jm so einen geschwinden streich, dasz jm schier geschwunden war. Pontus 11; mir ist schier geschwunden und ohnmächtig worden. Pestalozzi 1, 187; von übelkeit, infolge schlechten geruches u. a.: einem stinckt der athem oder die nasz, oder hat sunst knobloch und zibeln oder gebrenten wein gessen, und kuchen den beichtvatter an, besunder so er nüchtern ist, im möcht geschwinden. Pauli schimpf s. 140 Österley (c. 210); beim anblick von etwas schreckenerregendem: wie sich der ritter durch einen finger stach, als er der hertzogin fürschneyd, wie der hertzogin hart geschwand und nidersanck. Galmy (1540) 64ᵇ; nun was an dem gantzen hoff erschollen, wie sich Galmy selb so hart verwundt hat, auch wie der hertzogin bey dem tisch, als sy es gesehen, geschwunden wer. 67ᵇ; so bald sie aber das kneblin ansichtig worden, ist ir gleich geschwunden. Zimmerische chr.² 2, 643, 3 Barack; vor leid, jammer: oder ist dir von unmessigem herzleid geswunden? Wackernagel leseb. 1², 874, 6;
nû wart des kindes ungehabe
alsô grôʒ daʒ im geswant,
do er diu mære bevant,
und wart als ein esche bleich;
wande im diu kraft entweich,
daʒ er hôrte noch ensprach.
Flore und Blanschefl. 2167;
ir lûter und ir blankeʒ vel
geschuof, daʒ er ûf jâmer wiel
und er in unmaht nider viel,
als im geswunden wære.
troj. krieg 22397;
die jüngste schwester das vernam
dasz irer toter bruͦder kam,
in einer kurzen stunden
dreimal war ir geschwunden.
Uhland volksl.² 269 (137, 21);
so auch:
die, deren frembdes gut macht bang,
und ab des nechsten frewd geschwindet.
Weckherlin ged. 548;
als er hörte, bedeckt ihm nächtliches dunkel die augen,
ihm geschwand in der seele.
Bodmer bei Stalder 2, 364.
auch geradezu für sterben: ob dem essen ist ime ainsmals geschwunden, kain wort weiter geredt und gleich todt gewest. Zimm. chron.² 4, 310, 39 Barack;
daʒ si an der selben stat
nider sanck und jr geswant
und ir daʒ leben engieng ze hant.
Laszberg liedersaal 1, 346.
(ge)schwinden in diesem sinne berührt sich sehr nahe mit schwindeln; wenn indessen bei Göthe 19, 67 (Wilh. Meister 4, 11) steht:
es schwindet mir, es brennt
mein eingeweide
gegen es schwindelt in den gedichten, so ist dies kaum mehr als ein druckfehler (s. Weim. ausg. 2, 332).
e)
ganz ungewöhnlich ist dagegen persönliche fügung bei schwinden 'ohnmächtig werden', so im particip: nider fallen als ein geschwundner. Keisersberg irrig schaf 13.
3)
abnehmen, sich vermindern von stoffen.
a)
eintrocknen, vom holz: das holtz etc. schwindet, scema, cala si, secca. Kramer dict. 2, 724ᵇ; vom holz sagt man auch es schwindet, wann es grün und feucht gewesen, hernach trocken und dürre wird, amissa humiditate contrahi, siccari, subarescere. das schwinden des holzes, siccati ligni deminutio, oder evaporato humore contractio. Frisch 2, 251ᵃ; vergl. Behlen 5, 597. 7, 431. Jacobsson 4, 108ᵃ. Karmarsch-Heeren³ 4, 372f. Birlinger 406ᵇf.
b)
frucht schwindet, wird welk und schlecht:
regent es aber oder vellet ein snee,
so swindet die frucht und geschicht ir we.
Konr. Dangkrotzheim namenb. 62.
c)
das fleisch schwindet, die kuttelwammen, würste schwinden fast um die helffte im hafen ò im sieden. Kramer dict. 2, 724ᶜ.
d)
das leder, das tuch etc. schwindet, il corame, il drappo etc. scema, rientra, si rattrappa. v. eingehen. Kramer dict. 2, 724ᵇ;
die teppiche schwinden, wie gerollt vom brand.
Göthe 41, 82 (Faust II, 1).
e)
von aufgeschütteter erde, wenn sie sich setzt und niedriger wird. Jacobsson 4, 108ᵃ. — von thonmodellen, bei den bildhauern, eintrocknen 108ᵇ: wann du etwas von thon machen wilt, so mustu jm so viel zugeben, als der thon zu schwinden pflegt, dann es schwindet einer mehr als der ander, aber in gemein so schwinden die thon uff den zehenden theil. Ercker ertzt u. bergwercksarten (1580) 6ᵃ; es (das modell) wird in thon so grosz gearbeitet als der künftige gusz werden soll. man läszt es um einen finger breit schwinden und brennt es. Göthe 35, 327.
f)
aus metall gegossene stücke schwinden beim erkalten, siehe Karmarsch-Heeren³ 3, 795. — von der asche (bei totenverbrennung):
o dasz ich doch geschwundner asche rest,
im kleinen hause, wandernd, immer weiter, ...
als büszender, mit kurzen schritten trüge!
Göthe 9, 321.
g)
der mond schwindet:
sô diu mâninne suintet,
dâ si wider deme sunnen wintet.
Diemer d. ged. 342, 26;
so schwinden monde mir und wachsen wieder.
Ramler 2, 227.
h)
von flüssigkeiten; von der ebbe:
wenn er (der mond) von dem umbkreisz der erd,
sich wendet nach dem mittag werd,
so steiget alles wasser widder,
wenn er abgeht, so swindets nidder.
froschm. Ee 4ᵃ.
von flüssen, fallen:
schwindt vor Johanni de Rhi,
so gibts e sure wi.
Wander 4, 480.
vom wein:
jezo bemerket der greis, dasz, wie oft er den frembdlingen einschenkt,
doch nicht schwindet der wein, und der krug sich immer von neuem
selbst anfüllt.
Voss 2, 322 (id. 18, 124).
4)
in andern vielfach freieren gebrauchsweisen bezeichnet schwinden meist eine abnahme, die bis zur völligen vernichtung geht, wie sonst das compositum verschwinden, doch mit stärkerer hervorhebung des langsamen, allmählichen aufhörens. eine scharfe grenze ist nicht zu ziehen: ob schwinden im einzelnen falle ein theilweises oder gänzliches vergehen meint, kann nur der zusammenhang oder nähere bestimmungen entscheiden; doch ist bei den formen des particips und umschriebenen perfectums die letztere bedeutung die regel (ist geschwunden, ist dahin, nicht mehr da).
a)
ein volk schwindet (dahin) u. ähnl.:
uuârun thâr in lante   thie liuti suintante.
Otfrid Hartm. 85;
sîne vîende mûsten swinden
vor im zû allen zîten
in sturmen und in strîten.
livländ. reimchron. 4226;
wenn sein warnwort ihr nicht achtet,
schwinden sollt ihr und zu grund gehn!
Freiligrath⁵ 6, 16 (Hiaw. 1);
es waren immer nur einzelne familien gewesen im menschenreichen volke, sie schwanden schnell dahin. Freytag bilder 1, 120; der name Pippin war vielleicht alte überlieferung von einem geschwundenen grenzvolke aus der Römerzeit. 314 f. vgl.: wie die freuden des sommers vergehen, mochte auch die kraft seines stammes schwinden. 214. ähnlich auch: dasz aber könige oder königliche ... völker die klasse der philosophen nicht schwinden oder verstummen, sondern öffentlich sprechen lassen, ist beiden zu beleuchtung ihres geschäftes unentbehrlich. Kant 5, 445. ganz vereinzelt vom einzelnen menschen, sterben:
aber er (Odysseus) schwand (ἀλλ' ὄλεθ')! o, müszte der Helena stamm doch von grund aus
schwinden, dieweil sie vieler und tapferer kniee gelöset!
Voss Od. 14, 69.
einem schwindet seine kraft, seele u. a., s. 2, b.
b)
geld schwindet:
in vliuhet êre, unt swindet guot.
minnes. 2, 353ᵃ Hagen;
und swindet das gelt reht als der wint.
Konr. Dangkrotzheim namenb. 458;
bey dem oder jenem banquier werden einige kapitale ietzt mit schwinden. Lessing 1, 576 (Minna von Barnh. 4, 6). ähnliches: deszwegen die bezahlung letzlich so eyngezogen wirdt und schwindet. Kirchhof milit. discipl. 214.
c)
von erscheinungen, gesichts- und gehörswahrnehmungen:
daʒ vogelsanc ist geswunden:
als ist der linden ir loup.
minnes. frühl. 37, 19;
(vom licht:)
der mond verbirgt sein licht —
die lampe schwindet.
Göthe 12, 33;
das feuerzeichen schwindet schon.
40, 418;
die thüre wurde wieder zugeschlagen, in dem schwindenden lichtschimmer erkannte ich den kleinen. Freytag werke 1, 160.
d)
von räumlicher entfernung:
und ruhig sah ich her das fahrzeug gleiten
mit windgeschwellten segeln auf den wogen
und schwinden zwischen ihm und mir die weiten.
Chamisso 2, 31 Koch (Salas y Gomez 3).
e)
sehr oft von der zeit, vergehen:
mîne tage
swindent sô mit klage.
minnes. 2, 170ᵃ Hagen;
nicht schneller schwindet
der taumelaugenblick, den durch des zufalls spiel,
nach kummer und gefahr, erhörte liebe findet.
Gotter 1, 277;
die blumen hab' ich getragen
seit vierzehn glücklichen tagen,
und diese schwanden so schnell!
Hölty 162 Halm;
heiter wie frühlingstag schwand ihm das leben,
floh ihm vorüber in Hesperus glanz.
Schiller 1, 107;
so schwanden monden hin und jahre.
Tiedge⁴ 2, 33;
hier nah'n die augenblicke, — schwinden
an dir vorüber immer.
Lenau 1, 39 Koch;
viele monden, viele winter
werden kommen, werden schwinden.
Freiligrath⁵ 6, 177 (Hiaw. 22);
er .. legte es (das amt) anno 1876 in dem augenblick nieder, in welchem er sich überzeugt hatte, dasz er die schwindenden jahre mit besserem erfolg als früher den literarischen arbeiten widmen könne. Keller nachlasz 5.
f)
von einer arbeit, zu ende gehen; daher auch von dem arbeitsgegenstande: wie froh ist man, wenn man ein faules garn auf dem stuhle hat, wenn man sieht, dasz der stuhl schwindt (leer wird). Bräker der arme mann im Tockenburg s. 157 Reclam.
g)
von empfindungen; leid, kummer: Lucifer aber, da er vernam, was Belial auszgerichtet, .. ward er sehr froh, ward jhm sein leyd etlicher massen geschwunden. Ayrer histor. proc. 609ᵃ;
dô was dem künige   vil rehte nû geseit,
des im von gedanken   swunden sîniu leit.
Nibel. 1277, 2;
sus swant im al sîn leit.
Parz. 640, 10;
des ist trûren mir verswunden:
von ir grôʒen güete mir daʒ swant.
Ulr. v. Liechtenstein 563, 30;
es erschien ein engelskind,
rührte meine seele — schwind! —
und die trauer schwand dahin.
Klinger theater 1, 162 (zwill. 2, 1).
freude:
von sîme strîte uns freude swant.
Parz. 479, 24;
dem man begunde swinden
herzevreude.
Barl. u. Jos. 117, 40.
so auch:
soll gleich mit meinem wahn mein ganzer himmel schwinden.
Schiller 11, 12.
liebe (in bildlicher wendung, vgl. 1, a):
wenn lieb' erkrankt und schwindet,
nimmt sie gezwungne höflichkeiten an.
Shakesp. Julius Cäsar 4, 2.
furcht, sorge, hoffnung u. anderes:
wie nur dem kopf nicht alle hoffnung schwindet,
der immerfort an schalem zeuge klebt.
Göthe 12, 39;
noch schwankend stand jung Werner,
doch ein blick auf Margareta
und des zweifels wolken schwanden.
Scheffel trompeter 107.
erinnerung: jede erinnerung an diese zeit ist mir geschwunden. Freytag 1, 100. auch einsicht: wie könntest du denn nun wiederum aufhören zu sein, was du bist, auszer dadurch, dasz du es eben nie ganz, sondern nur halb geworden, und nicht dein ganzes wesen in jene einsicht hineingeworfen, und in ihr gewurzelt hast, in jener einsicht, die dir eben schwindend und schwindelich blieb? darum kommt dir bei der ersten gelegenheit der alte schein wieder; aber bemerke wohl die ordnung: die einsicht schwindet dir nicht darum, weil der schein eintritt, sondern der schein tritt ein, weil dir die einsicht geschwunden. Fichte nachgel. werke 2, 125.
h)
sonst von abstracten: zu widerbring und erhaltung, desz bey disen zeiten geschwundenen credits, thrawen und glaubens. urkunde vom j. 1655 bei Haltaus 1667;
gewalt gât ûf, reht vor gerihte swindet.
Walther v. d. Vogelweide 22, 1;
sô daʒ diu huote uns beiden swinde.
98, 24;
alsô stuont eʒ umb disen wirt ...,
dâ von ich niht vinde,
dâran sîn lop swinde.
avent. krone 22531.
i)
auch allgemeiner:
waʒ swindet und hin gêt mit der stunden,
daʒ stêt vil wênik ûf vesten grunden.
renner 1000;
wie des dampfes säule weht,
schwinden alle erdengröszen.
Schiller 11, 395.
5)
schwinden fällt ganz mit verschwinden zusammen, wenn es nicht verminderung oder aufhören der existenz, sondern nur räumliche entfernung aus dem gesichtskreise ausdrückt; vergl.: schwinden .. propr. est evanescere, disparere, quod tamen frequentius dicitur verschwinden, obscurari, abscondere se celerrime è conspectu. Stieler 1980.
a)
von geistern und erscheinungen, aufhören sichtbar zu sein, meist von einem plötzlichen verschwinden:
feind, versucher! böser engel!
wohin schwandst du? bist so dunkel!
Grillparzer⁴ 6, 219 (traum ein leben 4);
er (der engel) schwindet in die morgendüfte.
Uhland ged. (1864) 211;
wollt' er sie mit armen fassen,
schwand sie in die wolken wieder.
268;
und mit diesem wort verschwand er,
schwand und ward nicht mehr gesehen.
Freiligrath⁵ 6, 47 (Hiaw. 5);
hier ist die eigentliche bedeutung insofern besser gewahrt, als schwinden zwar nicht das aufhören des wesens, aber doch das der sinnlichen erscheinung bezeichnet.
b)
rein räumlich, von menschen; gern mit zusatz aus den augen, vom schauplatz schwinden:
als, eben da er auszugehen
begriffen ist, ein kleiner mohr
nach Guido fragt, ihm ... ein briefchen überreicht,
und wieder unverseh'ns aus seinen augen schwindet.
Wieland 21, 262 (Klelia 4, 367);
wie geister kamen sie und schwanden wieder.
Schiller M. Stuart 1, 2;
doch wer erstaunte nicht, als herzog Friedland
nach diesem groszen tag, wie ein besiegter,
nach Böheim floh, vom kriegesschauplatz schwand.
Piccolom. 2, 7.
(schwinden dahingehen, sterben, s. 4, a.)
c)
ebenso von dingen:
nun sind alle kleinodien aus den häusern geschwunden.
in dem schönen Mäonien und in Phrygien wurden
viele verkauft, dieweil der grosze Kronion uns zürnte.
Stolberg 12, 216 (Il. 18, 290);
nach Theseus fragt' ich an den ufern, wo
der Acheron im todtenreiche schwindet.
Schiller Phädra 1, 1;
ebenso schwinden dem berauschten, bewusztlosen die dinge aus den augen:
diesz übermäszig grosze glück
macht alles um sie her aus ihren augen schwinden.
Wieland Oberon 7, 38.
vgl.:
trüb ist der geist, verworren das heginnen;
die hehre welt wie schwindet sie den sinnen.
Göthe 3, 30. 4, 122.
ähnlich:
er fiel um den hals ihm, und weinte
lange mit ihm, bis endlich Bethoron mitten in strahlen
niedersank, und himmel und erd' um den glücklichen schwanden.
Klopstock Mess. 17, 691.
ferner:
doch ihm dünkt, der boden schwinde.
Uhland ged. (1864) 269.
d)
schwinden neben ortsadverbien (weg, vorüber, hinaus u. a.) wird fast zum bloszen ausdruck der ortsbewegung: wie ich oft da sasz .. auf den höhen von Tina, und den falken und kranichen nachsah, und den kühnen fröhlichen schiffen, wenn sie hinunter schwanden am horizont! Hölderlin 2, 33 Köstlin; mein ganzes wesen flammt' in mir auf, wie sie so vor mir hinwegschwand in ihrer glühenden schönheit. 99;
als von des friedens heil'gen thalen,
wo sich die liebe kränze wand,
hinüber zu den göttermahlen
des goldnen alters zauber schwand.
1, 56;
als sie vorüber schwand.
A. v. Droste-Hülshoff 1, 64;
mir ist die lust ein schifflein, das zersplittert,
sobald's aus stiller bucht hinausgeschwunden.
Geibel 1, 139.
noch reiner ist der begriff der bloszen bewegung ausgeprägt in folgender stelle: nu haben wir klare schrifft, das Christus zu seinen jüngern kam durch verschlossene thür, und aus seinem grabe auch durch besigelten stein. er sey nu durchs fenster oder thür hinein komen, so hat sein leib, und das, dadurch sein leib geschwunden ist, zugleich an einem ort müssen sein, beides unverseret und unverwandelt. Luther 3, 354ᵃ. — unbestimmter, allgemeiner:
sahst du ein glück vorübergehn,
das nie sich wiederfindet,
ist's gut in einen strom zu sehn,
wo alles wogt und schwindet.
Lenau 1, 443 Koch.
6)
besondere nuancen entwickelt schwinden in verbindung mit gewissen präpositionen.
a)
an etwas schwinden, abnehmen, verlieren (zu 1):
roszmarin und nelcken
schwinden, wenn sie welcken,
an gefälligkeit.
Günther 919;
vgl. auch Voss Od. 5, 217 unten unter e.
b)
in etwas schwinden, übergehen, aufgehen, sich verwandeln: plözlich, o graunwunder! schwand die röthe des zorns in blässe. Voss antisymb. 2, 245. so auch in ein nichts schwinden (verstärkung von 4).
c)
in einander schwinden, zerflieszen:
wie die erscheinungen um ihn
in weichem umrisz in einander schwinden.
Schiller 6, 274 (künstler 305).
d)
vor etwas schwinden, weichen: alle gedanken schwinden vor dem bilde der ewig einigen welt, wie die regeln des ringenden künstlers vor seiner Urania. Hölderlin 2, 31 Köstlin; ein inneres leben, vor dem das leben der erd' erblaszt' und schwand, wie nachtlampen im morgenroth. 171; dichterisch dafür auch der blosze dativ:
nun schwand die freiheit herrischem machtgebot.
Voss 3, 31.
e)
übertragen, beim vergleich zurückstehen, geringer sein:
zürne mir darum nicht, o herrscherin! selber ja weisz ich
solches zu gut, wie vor dir die sinnige Penelopeia
schwindet an holder gestalt und erhabener grösze dem anschaun;
denn nur sterblich ist jen', und du blühst ewig in jugend.
Voss Odyssee 5, 217.
ähnlich:
der mängel kleine zahl schwindt in des guten grösze,
und gleicht kaum einem punkt, den ich mit sonnen messe.
Wieland suppl. 1, 71 (natur der dinge 1, 714).
7)
schwinden lassen, eigentlich: alle endlich waren durch ihre eitelkeit allein schon aufgefodert genug, das einzige moment nicht vorbei schwinden zu lassen, in welchem sie möglicherweise in der republik etwas vorstellen konnten. Schiller 7, 179. — vielfach in freierm sinne, fahren lassen, aufgeben: schwinden lassen, lasciar scemare, calare cioè rimettere, rilasciare. von der prätension, von der schuldforderung einen theil schwinden lassen, rilasciare una parte della sua pretensione, rinonciare à qualche parte di essa. v. nachlassen. Kramer dict. 2, 724ᶜ. so besonders im heutigen nd., swinn' laot'n, im handel, von seiner forderung nachlassen Danneil 219ᵃ; ikk will't swinden laten, ich will mich nicht weiter darum bemühen, will den verlust tragen Dähnert 480ᵃ; twei pennige lât ek swinnen, vom verkäufer; dat lât ek nich swinnen, darauf verzichte ich nicht. Schambach 222ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2667, Z. 73.

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Zitationshilfe
„schwänden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schw%C3%A4nden>, abgerufen am 05.08.2021.

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