Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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schwarm, m.

schwarm, m.
examen, agmen, turba; ags. swearm, mnd. swarm, ahd. suaram, suarm, mhd. swarm, eine zunächst nur auf westgermanischem boden begegnende bildung zu einer wurzel auf lautmalendem grunde, der auch schwirren (s. d.) und das nur einmal vorkommende späternordische svarra rauschen, wimmeln, schwärmen (Vigfusson 606ᵇ) angehört, und die in doppeltem sinne auftritt; der concrete einer schwärmenden menge ist der früher bezeugte, der abstracte des schwärmens, tosens erscheint erst später, verbreitet sich aber über das westgermanische hinaus in das jüngere nordische (svarmr a tumult Vigfusson a. a. o.); schwed. svärm, dän. sværm haben die erste deutsche bedeutung angenommen. dasz ein in dieser gebrauchtes schwalm nicht notwendig nebenform zu schwarm sein musz, darüber vgl. oben sp. 2195.
1)
schwarm, schwärmende menge.
a)
beim ersten vorkommen des wortes bezogen auf die summende bienenschaar: ags. examen, svearm, multitudo Haupts ztschr. 9, 457ᵇ; ahd. examina, suarama Steinmeyer ahd. gl. 2, 396, 73; examen suarm 1, 385, 59; mhd. nhd. examen swarem, suarm, swarm bine Dief. 214ᵃ; examen eyn schwarm der immen, bienen, oder wespen Dasypodius; schwarm ymmen, examen Maaler 366ᵇ; als technisches wort der bienenzüchter bis jetzt lebendig geblieben, verdeutlicht als bienenschwarm, näher bestimmt als haupt-, vor-, nach-, doppel-, notschwarm, vgl. auch bettel-, hungerschwarm; ir gepurt, die si (die bienen) pringent, ist in allen gemain, wan si pringent ainen jungen swarm all mitenandcr. Megenberg 288, 1; wenn sich aber die schwarm inn baumlöcher setzen. Sebiz 301; der junge schwarm im stock. 302; dasz die schwärme, die von trinitatis an bis auf S. Petri und Pauli gefallen gut sein. Höfler bienenkunst (1614) 128; der erste schwarm eines jeden stocks hat nur einen weisel. Coler hausb. (1640) 409;
so sumsen dichter schwärme bienen aus
dem hohlen felsen immer mehr und mehr
hervor.
Bürger 150ᵇ (Il. 2, 119);
wie wenn scharen der bienen daherziehn, dichtes gewimmels,
aus dem gehöhleten fels in beständigem schwarm sich erneuernd.
Voss Il. 2, 88;
plur. schwarmen statt schwärme: dieweil sie (die bienen) aber zu solcher zeit das merertheyl junge schwarmen machen und bekommen. Sebiz 300; die neue binkörbe, welche man für die jungen oder neue schwarmen will gebrauchen. 302; die jungen schwarmen sitzen am liebsten auff den klee. Herr feldbau (1556) 129ᵇ.
b)
in weiterer anwendung aber auch von einer schwärmenden menge in mannigfacher art, deutlich von der engern bedeutung des bienenschwarms ab ausgebildet: schwarm von wespen, hummeln, hornissen, insekten, fliegen; ungezieferschwarm, insectorum nimbus Stieler 1951;
wie wenn schwarm bei schwarm dichtwimmelnde fliegen im sommer
durch die ländliche hüte des schäfers irren und schwirren.
Bürger 200ᵇ (Il. 2, 469);
ein ritter wollte zu dem könig reiten,
und unterwegs begegnet ihm ein schwarm
von hornissen, die fallen auf sein ross.
Schiller 14, 392 (Tell 4, 3);
im bilde:
komm, o frühling, aber doch
nicht just meinetwillen;
denn zum glücke fang ich noch
keinen schwarm von grillen.
Göckingk lieder zweier lieb. (1779) 69;
du möchtest dich allein auf rosen wiegen,
es geht nicht, herz, du muszt den schwarm ertragen,
wo zucker ist, versammeln sich die fliegen.
Rückert 312;
der schwarm fischen, ein schar und gezöck, piscium examina Maaler 366ᵇ; so sind die menschen der vorzeit geselligen vögeln ähnlich, bei denen zuweilen erst der schwarm eine lebendige und fertige einheit darstellt. Freytag bilder 1, 18;
ein vogel aus Canaria
liesz einst in deutscher luft sich nieder;
gleich war ein schwarm von vögeln da,
und musterte des fremdlings lieder.
Michaelis bei Adelung;
schwärme
von kranichen begleiten ihn.
Schiller 11, 240;
in weidmännischer sprache: wenn viele vögel mit und bey einander sind, wird es ein flug oder schwarm genennet. Döbel 1, 75ᵇ; von säugethieren:
er (der hirt) treibt den trägen schwarm von schwerbeleibten kühen.
Haller schweiz. ged. 29;
thier und menschen schliefen veste,
selbst der hausprophete schwieg,
als ein schwarm geschwänzter gäste (katzen)
von den nächsten dächern stieg.
Lichtwer 32 (fabeln 1, 21);
gern und häufig von ab- und zuziehenden menschen: kriegsschwarm, magna militum nubes Stieler 1951; ein schwarm soldaten eroberten das schlosz, multitudo militum arcem occupabat Steinbach 2, 534; schwärme von kosaken tummelten sich vor dem rathhause. Freytag erinn. 23;
schon acht monate legt sich der schwarm
uns in die betten und in die ställe.
Schiller 12, 14 (Wallensteins lager 1);
es steht ein groszer schwarm volck beysammen, magna ibi est concio populi Steinbach 1, 534; ein schwarm bürger ging vors thor, turba civium per portam ibat. ebenda; der uns überlaufende schwarm. gespenst 266; ein schwarm von volk, multitudo plebis, ein schwarm von nachtrettern, turba pedissequorum Frisch 2, 243ᵃ; nun erschuf ihnen (den Schweizern) die liebe sonne aus dem aas des unterdrückers einen schwarm von kleinen tyrannen durch eine sonderbare wiedergeburt. Göthe 16, 198; den andern tag war gepackt und der schwarm (gäste) warf sich auf ein andres besitzthum. 17, 257; dasz ganze colonien, züge, schwärme, wolken, wie man es nennen will, von künstlern und handwerkern da heranzuziehen waren, wo man ihrer bedurfte. 44, 143; die messe kam, und so erschien der schwarm jener gespenster in ihrer wirklichkeit. 48, 161; arabische schwärme setzten aus dem angrenzenden Sicilien hinüber. Schiller 9, 250; übergab das pferd seinem diener und mischte sich in den muntern schwarm. Eichendorff (1864) 3, 108;
ein summender schwarm von jünglingen flog ..
der blume des orients nach.
Thümmel (1794) 6, 255;
ist eure hand, ist eure tafel leer,
so flieht der näscher schwarm.
Wieland 9, 5;
der gäste schwarm.
Gotter 1, 175:
dasz .. wenn er sich, wer weisz, wie bald, beweibt,
ein schwarm von kindern ihn mit sang und klang umsause.
3, ⅬⅩⅩⅠⅠⅠ;
der thoren schwarm
zu überzeugen, dasz zu viel begehren
den armen nur noch ärmer macht als arm.
Göckingk 2, 184;
hoch auf dem fernen ufer stand
ein schwarm von gaffern, grosz und klein.
Bürger 36ᵃ;
ich will, o freund, indesz
wenn deine geiszel brauset, des tollen schwarms
am busen eines deutschen mädchens,
unter den blumen des frühlings, lachen.
Hölty 86 Halm;
wenn er den bunten schwarm
der menschen flieht.
Göthe 9, 111;
so mag der schwarm dann kommen, dasz es lustig
in unsern gärten werde.
115;
sich zu zeigen dem schwarme der übermüthigen freier.
Odyssee 16, 410;
dort liegt, gleich dem dorrenden skelette,
der ernährer eines jungen schwarms.
Seume ged. 91;
wie stand mit seinem keuschen psalter
im jüngern schwarm er (Uhland) stolz und schlicht!
Geibel 8, 15;
von personificationen:
vergebens faszt es (das alter) euch in seinen schweren arm,
und scheucht mit greisem haar der leichten scherze schwarm.
Uz 2, 70;
selbst von dingen: ein schwarm von gedanken, bildern. Campe;
die traube, deren saft den finstern schwarm
der sorgen von dir scheucht.
Hölty 120 Halm;
dasz vielleicht dieser ring (der Saturn) ein schwarm kleiner trabanten sein müsse. Kant 8, 308; triremen hatten die griechischen städte Italiens, aber diese, auch im grösten schwarm (in dichter menge) gebaut, hätten sich den hochbordigen kriegsschiffen nicht nähern gedurft. Niebuhr röm. gesch. 3, 675.
2)
auch der abstracte sinn des schwärmens, tosens erscheint in mehrfacher ausgestaltung.
a)
abschweifen der einbildung nach bestimmter richtung; in älterer sprache, besonders bei Luther, gern in geistlicher wendung, auf entsprechendes wesen im christlichen glauben bezogen: da sihe, welch einen mechtigen schwarm kan zu wegen bringen der spruch (fleisch ist kein nütze). 3, 400ᵇ; das da flugs der teufel eitel doctores macht .. und werden so stoltze freidige geister draus, die niemand weichen, noch einen meister leiden, auch gott selbs nicht. und faren daher mit solchem schwarm, ich habe auch den geist, und kans sowol als dieser, mein prediger, pfarrher, doctor etc. 6, 46ᵇ; faren also einher mit eitel geist in vollem schwarm. 235ᵃ; also wolte mich auch einer uberreden, dasz ich seiner meynung und schwarm wolte beyfall geben. tischr. 278ᵇ; wolte seinen wahn und schwarm vertheidigen. 279ᵃ; das ist bey den schwermern nit, sie stehen fest und halten steiff uber jrem schwarm. 424ᵃ; den vorsatz kan kein gottloser laugnen, es sey denn, dasz jhme im schwarm vorkomme, Absolon sey an der eychen nicht gestorben, sondern nur getödet, Sennacherib sey von Jerusalem nit weggeflohen, sondern nur gejaget worden. Meyfart himml. Jerus. (1630) 1, 30; schwarm, error in religione, fanaticorum segregatio ab aliis credentibus, einen schwarm haben, in numero fanaticorum esse Frisch 2, 243ᵃ;
erleuchte mir die sinnen,
damit ich den verstand
der unverfälschten schrift
so hell und deutlich fasse,
dasz sich nicht spüren lasse
der ketzer schwarm noch gift.
Rist himml. lieder 3, 141;
aber auch im weltlichen sinne der schwärmerei (s. d.): schwarm, delirium, phrenesis, mentis alineatio, it. demulentia, crapula Stieler 1951; er hat einen schwarm, non sanae mentis est, delirat, aniliter desipit. ebenda; kriegsschwarm, furor hosticus. ebenda; einen schwarm haben, bekommen, der schwarm steigt ihm in den kopf, wenn verworrene sinnliche vorstellungen bei jemanden überhand nehmen, und sich durch äuszere handlungen verrathen. Adelung; absque furore nullum magnum poëtam fieri posse, d. i. ohne schwarm sey kein poet gewesen. Reinhold reime dich (1673) 61; euer glück wird es seyn, wann ihr diesen schwarm nirgends anders ferner auslassen werdet. Chr. Weise lustredner 334;
hat ie ein narr vorhin so süszen schwarm erkiest?
A. Gryphius 1698 1, 662;
auch von thieren: es haben die thorichten hunde einen wurm unter der zungen, wenn man ihnen den heraus schneidet, so vergehet sie der schwarm. Coler hausb. (1640) 353.
b)
erregung, erhebung einer anhängerschaar; besonders in formeln: einen schwarm machen, turbas concitare, er fängt einen schwarm an, tumultum facit, einen schwarm stillen, tumultum sedare Steinbach 2, 534; schwärmer, schwärmerei kommt von schwarm, schwärmen, so wie es besonders von den bienen gebraucht wird. die begierde, schwarm zu machen, ist folglich das eigentliche kennzeichen des schwärmers. Lessing 11, 465; zugleich mit einspielung der bedeutung 1, b: so können seine (des kaltblütigen philosophen) bemühungen gegen die schwärmerei von keinem wahren nutzen seyn, weil er selbst schwärmer ist. denn auch ér will schwarm machen. er will die lacher auf seiner seite haben. ein schwarm von lachern! der lächerlichste, verächtlichste schwarm von allen. ebenda:
ihr finsterling', im herzen
eiskalt, im kopfe warm!
zu dunkeln und zu schwärzen,
drum macht ihr selber schwarm!
bekämpft sei, was ihr trachtet,
pabstthum und barbarei!
Voss 5, 268.
c)
auch jubel, lustbarkeit, lautes fröhliches treiben: die herrn, so debouchirtes leben geführet, haben biszweilen ausz dem tage die nacht, und hinwider ausz der nacht den tag .. gemacht, da ist man insgemein den abend für neun oder zehen uhr nicht zur tafel gesessen, in die tieffe nacht, ja bisz an morgen darbey, und im schwarm geblieben. Schuppius 105; im schwarme leben, in lärmenden ausschweifungen. Adelung;
ich gerieth in schwarm;
ich hab auf diese fasznachts-zeit
so lange mich daher gefreut.
Opel u. Cohn 116, 120;
auszuruhn
von diesem langen fastnachtsschwarme
ists hohe zeit.
Wieland 18, 194.
d)
schwarm, gegenstand des schwärmens, in heutiger umgangssprache: das ist mein schwarm nicht, dafür schwärme ich nicht.
e)
schwarm, in der sprache der jäger: bei den jägern bekommt der leithund den schwarm, wenn er durch fremde witterung von dem suchen auf der fährte abgehalten wird. Adelung.
3)
bairisch schwarm, wie schwalm (s. d.), qualm: sind über 500 bergleute in einem schwarm oder bosen, vergiften wetter umbkommen. quelle von 1556 bei Schm.² 2, 647.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2283, Z. 70.

schwärmen, verb.

schwärmen, verb.
als schwarm, mit, im schwarme fahren oder gebahren; auf deutschem boden nach der hier reich entfalteten bedeutung des substantivs mannigfach entwickelt, ahd. sweremen, mhd. swermen, mit der umlautlosen nebenform swarmen (Lexer handwb. 2, 1342), die sich auch noch nhd. findet: nachts und tags in dem binenkorb zu schwarmen. Fischart bienk. 238ᵃ; und einem gelegentlichen, durch tonerhöhung aus schwärmen entstandenen schwirmen: schwärmen, schwirmen, bacchari, grassari Schm.² 2, 647; die poltergeister schwirmen gar starck heutte. El. Charl. v. Orleans briefe s. 612. die entwickelung des sinnes folgt der von schwarm.
1)
als wort der bienenzüchter, von vorgängen in den bienenstöcken, wenn alte bienen einen jungen stock abstoszen oder der junge den stock verläszt: schwärmen, als der bienen waisel, oder die mutter der biene, examinare, examen emittere, schwärmen, oder summen als schwärmende biene, bombum facere, bombire, schwärmen, cum nova regina avolare, alium locum manendi quaerere Frisch 1, 243ᵃ; vgl. auch ausschwärmen th. 1, 964; so ahd.: confluere cisamine suerimen. Haupts zeitschr. 15, 15, 640; educunt suerement 39, 360; und später, bis auf jetzt: daʒ si (die bienen) swärmen wellent. Megenberg 290, 21; wann die bynen schwermen oder sonst zerströwet werden. Herr feldbau (1556) 132ᵃ; man höret und erfehret auch, dasz etliche stöcke unterweilen im mayen zeitlich schwermen. Höfler bienenk. (1614) 129; wenn sie (bienen) vor mittag schwermen, so hangen sie nicht lange. Colerus hausb. (1640) 406; die bienen haben geschwärmet, apiculae examen emiserunt Stieler 1951; schwärmen, wird von denen jungen bienen gesagt, welche aus denen starck besetzten alten stöcken im may oder junio, so der bienen ordentliche schwärmenzeit, mit ihrem eigenen könige oder weisel ausziehen, und eine andere herberge suchen. öcon. lex. 2240; die vielen menschen .. machten das schlosz einem bienenstocke ähnlich, der eben schwärmen will. Göthe 18, 292;
sie (bienen) sind bereit, brummen, und schwermen.
froschmäus. Gg 4ᵃ.
2)
von daher in weiterem sinne, von dem, was schwärmenden bienen vergleichbar aus- oder umherzieht (vgl. auch schwarm 1, b): die fliege schwärmt um das licht; das schwärmen der käfer. Bettine tageb. 32; mit frohem leben schwärmt das insekt in dem sonnenstrahl. Schiller 10, 377;
nur
das volk der frösche schwärmte noch
im sumpf, und quackte laut.
Göttinger musenalm. 1771 s. 49 neudr.;
auch schwärmen so wild an dem bache die mücken.
Voss Luise 1, 26;
im bilde oder vergleiche: heben dann endlich die hirn-hummeln gar völlig an zu schwärmen. Simpl. 1 (1713), 271; nur der gewissenswurm schwärmt mit der eule. Schiller 3, 474 (kabale u. liebe 5, 1);
die schuld schwermt um verterb, wie mutten um das licht.
Lohenstein Sophonisbe s. 1;
vögel, krähen, dohlen schwärmen, schwärmen um einen baum, ums nest;
die krähn in frischer furche schwärmen
dem pfluge nach, und schrein und lärmen.
Voss 5, 9;
von kühen, in einer sehr freien fügung:
so eilt die satte schaar, von überflusz geschwängert,
mit schwärmendem geblöck gewohnten ställen zu.
Haller schweiz. ged. 30;
gern von menschen: ins freie hinaus, in den straszen umher schwärmen, vergl. auch herumschwärmen theil 4, 2, 1182; da schwermen sie umb der liebsten wohnung bei eiteler nacht herumb. Simpl. (1684) 3, 91; das volk schwärmte haufenweise um die hütte her. Wieland 8, 187; der bursche ist drauszen herumgeschwärmt. Kotzebue dram. sp. 1, 294;
das sie nur sind gewest tischfreundt,
die umb mich schwermbten in dem glück.
H. Sachs fastn. sp. 3, 66, 311;
morgen hat er ein andern wohn,
und thut also schwerment umb wandern.
werke 15, 256, 20;
es schwärmt
ein ältrer bruder, den ich kaum gesehen,
im reich herum.
Göthe 10, 213;
hier und da erscholl
der ruf, er habe sich mit frechen menschen
in einen bund gegeben, schwärme nun
mit losgebundnem muthe, seiner neigung
mit unverwandtem auge folgend, froh-
und leichtgesinnt am rande des verderbens.
214;
von soldaten, theils in der technischen sprache, wo das kommando: schwärmen! die auflösung einer strengen zugordnung in flüchtige einzelbewegungen anordnet (vgl. auch schwärmfeuer), theils frei, vom umherschweifen: die soldaten schwärmen auf dem lande, milites in agris grassantur. Steinbach 2, 535;
werden wir uns lang noch die hände wärmen.
da die feinde schon frisch im feld herum schwärmen?
Schiller 12, 18 (Wallenst. lager 4);
ohne heimath musz der soldat
auf dem erdboden flüchtig schwärmen.
52 (Wallenst. lager 11);
von gedanken, personificationen: ein schöner traum, der um den schleyer der wahrheit schwärmt. Klinger 10, 213;
ihm schwärmen abwärts die gedanken
nach seines vaters hallen.
Göthe 9, 4;
es ist umsonst! weit schwärmen die gedanken,
und kehren ohne ladung mir zurück.
Grillparzer 3, 185;
liebe schwärmt auf allen wegen,
treue wohnt für sich allein.
Göthe 10, 217;
von einem thun: indem ... die schwärmende thätigkeit eine entschiedene richtung erhält. Göthe 17, 264 (vgl. dazu unten 3, b); und in abgeblasztem sinne selbst nur eine laute thätigkeit hervorhebend: ohngeachtet die schönste musique gemacht wurde, auch trompeten und paucken nebst allen canonen wechselsweise schwermeten. Felsenb. 4, 97; so auch von hitze, wenn sie so stark ist, dasz es summt:
geh, heitz ein, das die stubn thu schwermen,
das sich die frosting gest thun wermen.
H. Sachs fastn. sp. 5, 4, 99;
in unpersönlicher fügung, es schwärmt, von einem gedränge: wie es auch bisweilen unter den schulerern gangen ist, da das buch sententiarum war auffkomen, und einer oder zween darüber geschrieben hatten, da schwermete es darnach alles mit schreibern. Luther 6, 235ᵃ.
3)
schwärmen, mit dem begriff des lustigen, geräuschvollen treibens, des lebens in saus und braus (vergl. schwarm 2, c): schwärmen, dissolute vivere, faire desbauches Schottel 1412; die bauern schwärmen, rustici bacchantur Steinbach 2, 535; wir haben die gantze nacht geschwärmt, per totam noctem debacchati sumus. ebenda; schwärmen, schreyen und lermen als besoffene unordentliche leute, bacchari, bacchantium more tumultuari Frisch 2, 243ᵃ; so schwermten dieselben bis der tag anbrach. westphäl. Robinson 154; nur zu schwärmen (im hofleben), das war meine sache. Göthe 19, 275; wir traten ins wirthshaus, und nur die zechende, schwärmende menge in den vorsälen hemmte die invectiven die er gegen sich und seine altersgenossen ausstiesz. 25, 261; gestern nachts geschwärmt, heute früh von projekten aus dem bette gepeitscht. briefe 1, 263 Weim. ausg.; alle meine leute schwärmen schon den ganzen tag bei der weinlese. Eichendorff 2 (1864), 179;
das wir die stuben wermen,
dan wöl wir waidlich schwermen.
meisterl. fol. 23, nr. 21;
nach dem bad wöll wir weidlich schwermen,
essen, trincken, singen und schreyen.
H. Sachs 17, 391, 7;
sie schwärmen in der fülle,
die wollust macht sie mehr als sorg und kummer grau.
Günther 584;
thiere. (die frau ist) beim schmause,
aus dem haus,
zum schornstein hinaus!
Meph. wie lange pflegt sie wohl zu schwärmen?
Göthe 12, 121.
4)
schwärmen, vom gedankenleben des menschen, das aus der bestimmten richtung gerät: wenn sie (die einbildungskraft) schwärmt, d. h. sich nicht behutsam innerhalb der schranken der erfahrung hält. Kant 3, 237.
a)
im 16. jahrh. und später gern in religiösem sinne, auf irrgläubigkeit zielend (vgl. schwarm 2, a) und schwärmer: wie oft hat jn (den Carlstadt) d. Philips vermanet zu Wittemberg, er solt nicht so mit dem Mose, mit den bilden, mit der messe und beicht schwermen? Luther 3, 53ᵃ; das lied, so man zum grabe singet, nu lasst uns den leib begraben .. hat ein guter poet gemacht, genant Johannes Weis, on das er ein wenig geschwermet hat, am sacrament. 8, 393ᵃ; er (Jesus) wird ihr erster sohn geheiszen, nicht, dasz sie andere nach ihm gebohren wie Helvidius geschwärmet, sondern, dasz sie keinen für ihm gebohren hat. Opitz 3, 208; schwärmen, ausschweiffende meynungen in religions sachen haben, einem führer oder verführer anhangen, dabey ein geschrey von seiner meynung machen, sich absondern von der alten gemeine, fanaticum esse, in globo errantium hominum esse, segreges coetus instituere. Frisch 2, 243ᵃ; dogmatisch schwärmende wiszbegierde. Kant 2, 6;
nicht so bey uns! denn wer in Franken
nicht schwärmen darf, der mags in Preuszen thun.
die meinungen und die gedanken
läszt Friedrich gern auf ihrem werth beruhn.
Göckingk 2, 154.
b)
auch im weltlichen sinne, zunächst als hartes wort für ungeordnetes geistiges gebahren und dessen ausdruck, verrückt sein: das du auch daher schwermest, ich schende die priesterschafft, .. lasz ich fürüber flieszen. Luther 1, 376ᵇ; habe ich der tollen und immerschwermenden welt die eitelkeit unsers zeitlichen lebens in einem offentlichen spiell wollen fürbilden. Hollonius somn. 5 neudr.; dasz er .. mit der faust auf den tisch schlug, mit den fingern schnappete, und grausam schwermete. Salinde 302;
mein herr thut grausam schwermen und fluchen,
ich soll sein tochter wider suchen.
J. Ayrer 439ᵃ (2206, 4 Keller);
laszt uns Cleopatren auch weyrauch reichen dar,
man schick' ihr bild nach Rom, man lasz' ihr ampeln brennen,
und sie, so wie sie schwermt, sich eine göttin nennen.
Lohenstein Cleopatra 89, 270;
so schwärmen gedanken, vorstellungen u. a.: (da) über dieses ein und andere falsche vorurtheile in meinem gehirne schwermeten. Felsenb. 2, 97; in dem höheren grade dieser störung schwärmen durch das verbrannte gehirn allerlei angemaszte überfeine einsichten. Kant 10, 18; das talent .. regellos verfahren und schwärmen zu lassen, würde vielleicht originale tollheit abgeben. 242; da der menschliche verstand über unzählige gegenstände viele jahrhunderte hindurch auf mancherlei weise geschwärmt hat. Kant 3, 165; es schwärmt jemand, es schwärmt in seinem kopfe, wenn er verworrene vorstellungen hat, und solches durch seine urtheile und handlungen im hohen grade äuszert. Adelung;
hier schwärmt kein zauberlied, das geister wiederruft.
Günther 520;
kein dämon schwärmt ihr im gehirne,
ihr blick ist finstrer ränke leer,
ihr athem nicht von kummer schwer.
Gotter 1, 111;
auch mit acc. (vgl. nachher d):
und was wolt das geben für lermen,
wenn jeder wolt was eigens schwermen.
froschmäus. Ll 1ᵃ;
in einer formel derber abweisung: was, schwärmen sie? (sind sie bei troste?) Gotter 3, 331.
c)
als milderes wort, zur bezeichnung einer überwiegenden phantasie und begeisterung; erst in der litterarischen bewegung seit etwa 1770 ausgebildet, von Campe zuerst verzeichnet: er schwärmet in der religion, liebe, freundschaft; von Schiller dem begriffe nach bestimmt: das sentimentalische genie hingegen ist der gefahr ausgesetzt, über dem bestreben, alle schranken von ihr zu entfernen, die menschliche natur ganz und gar aufzuheben, und sich nicht blosz, was es darf und soll, über jede bestimmte und begrenzte wirklichkeit hinweg zu der absoluten möglichkeit zu erheben oder zu idealisiren, sondern über die möglichkeit selbst noch hinauszugehen oder zu schwärmen. 10, 499; in verschiedener anwendung: einer schwärmt, eines herz, geist schwärmt, u. a.: gemach Vollmar ... sie kommen ins schwärmen. 2, 351; es musz reizender seyn mit diesem mädchen zu bulen, als mit andern noch so himmlisch zu schwärmen. 3, 453 (kab. 4, 3); Natalie ist dein! (rief Friedrich aus). ich bin der zauberer, der diesen schatz gehoben hat. er schwärmt, sagte Wilhelm, und ich gehe. Göthe 20, 306; Hermine schwärmte, sie sang begeistert: ihn wiederzusehen, ihn, meinen Romeo. Arnim Hollins liebeleben 81;
so schwärmt die kranke fantasey
in Klärchens sanfter schöner seele,
stets sanft und zärtlich.
Wieland 9, 232 (v. 1775);
Nathan. sie schwärmt! Daja. allein so fromm,
so liebenswürdig! Nathan. ist doch auch geschwärmt!
Lessing 2, 197;
begreifst du aber,
wie viel andächtig schwärmen leichter, als
gut handeln ist?
205;
ich bin ein junger laffe,
der immer nur an beyden enden schwärmt;
bald viel zu viel, bald viel zu wenig thut.
339;
ach, theure lady! ihr seid auszer euch,
die langentbehrte freiheit macht euch schwärmen.
Schiller 12, 488 (M. Stuart 3, 1);
träumend sitz' ich hier oben, in schwärmende sehnsucht versunken.
Körner 1, 58;
ich hab geliebt, ich hab geschwärmt,
ich preis' auch das ein glück.
Geibel 1, 12;
über, für, von etwas oder einem schwärmen: zu jener zeit, als meine einbildungskraft über Musarion und Agathon brütete, schwärmte ich wohl selbst ein wenig über diesen punct. Wieland 24, 159; nicht alle lassen ihm gerechtigkeit widerfahren: dafür schwärmen auch alle die für ihn, die ihn näher kennen. Göthe 20, 40; auch wohin schwärmen, in noch näherem anschlusz der bedeutung an oben 2:
wo schwärmt der knabe hin? mit welchen farben
mahlt er sich seinen werth und sein geschick?
9, 167.
d)
dieses schwärmen selbst transitiv, mit dem acc. des im schwärmen bewirkten; besonders eine häufige fügung Klingers: ich schwärmte glühende träume von edelen thaten. 1, 31; während eure kranke einbildung mich als verräther schwärmte. 2, 75; so süsz schwärmt' ich eure rettung, und den dank des volkes! du störst nun diesen traum. 121; so schwärmte das volk einen verworrenen traum von gleichheit. 333; längst zehrte die leidenschaft die träume auf, die du in meine junge phantasie geschwärmt hast. 347; tritt er, den dein herz so standhaft schwärmte, auf die seite der aufrührer? 391; ist diesz ein traum, den ich von frühster jugend, im vergessen meiner selbst, geschwärmt habe! 411; (er) schwärmte in seine saiten alle die wonne, die sein herz empfand. 10, 131; doch auch anderweit:
auch thät ich bei der schätze flor
viel gluth und reichthum schwärmen.
Göthe 2, 197.
e)
schwärmen reflexiv: die tugend, vereinigt mit der liebe, soll .. ihn in das gefühl zurückführen, worin wir uns einst so selig schwärmten. Klinger 1, 158; (er) schwärmte sich auf seinem rosse in gespannter phantasie zum ritter der tugend, zum rächer der unschuld. 3, 144.
5)
schwärmen, weidmännisch, vom jagdhund (vgl. schwarm 2, c und schwärmer 6, a): ein anderer fehler ist, dasz er schwärmet, das ist mit den augen hin und her gaffet, die nase nicht auf der erde behält oder auch alle fährten, hasen und fuchsfährten anfällt. Heppe jagdlust (1783) 1, 45.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2286, Z. 76.

schwerm, m.

schwerm, m.
im bergbau einiger gegenden der krumme zapfen an einem wasserrade. Adelung. vgl. unten schwirn.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2572, Z. 12.

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schwäherin schöpfquelle
Zitationshilfe
„schwärmen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schw%C3%A4rmen>, abgerufen am 04.08.2021.

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