Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

schwärmer, m.

schwärmer, m.
der da schwärmt; erst nhd., nach den verschiedenen bedeutungen des verbums aufkommendes wort.
1)
zu frühest nach schwärmen 4, a, auf einen bezogen, der abweichende lehren des glaubens hegt und verkündet; ein lieblingswort Luthers: beide papisten und schwermer. 3, 366ᵇ; so wil ich nu abermal mich wider den teufel sampt seinen schwermern setzen. 377ᵇ; mit diesen sacramentslesterern und schwermern. 378ᵃ; der alte schalck der teufel hat die schwermer also verblendet, das sie nicht wissen, was sie selbs sagen. 402ᵃ; denn Lucas stehet klerlich mit seinem tuto da, und zeiget damit auff den leiblichen becher ... widerumb stehen diese schwermer da mit jrem umbkeren, und sagen, tuto, solle einen geistlichen tranck deuten. da mus entweder Lucas oder die schwermer öffentlich liegen und triegen. 539ᵃ; das ist bey den schwermern nit, sie stehen fest, und halten steiff uber jrem schwarm. tischr. 424ᵃ, und vielfach sonst (vgl. auch schwarm 2, a, schwärmerei 1); danach: schwärmer, haereticus, sectarius, schismaticus, novator Stieler 1952; schwärmer in geistlichen sachen, fanaticus Steinbach 2, 535; schwärmer in der religion, fanaticus, sectarius Frisch 2, 243ᵃ; diejenigen schwärmer, welche die durchsetzung gewisser religionsbegriffe zur absicht haben, und eigne göttliche triebe und offenbarungen vorgeben. Lessing 11, 465;
ketzer, mancherley schwermer.
H. Sachs 15, 186, 31;
gleiszner, schwermer oder die ketzer.
470, 37.
2)
dann auch im weltlichen und allgemeinen sinne, nach schwärmen 4, b: schwärmer, irrgeist, unruhiger mensch, fanatico, capogirlo, ghiribizzoso, fanatique, homme remuant Rädlein 805ᵃ; gelerter und weiser leuth kinder gerahten biszweilen auch zuͦ schwermern und fantasten. Kirchhof wendunm. 1, 175 Österley; wie (er) auch der schwermer spottet, die eytel rühmen fürgeben, mit dem alten sprüchwort: rühme dich räuplein, dein vater war ein kohl-wurm. Schuppius 830; der fanatiker (visionär, schwärmer) .. ist eigentlich ein verrückter von einer vermeinten unmittelbaren eingebung und einer groszen vertraulichkeit mit den mächten des himmels. Kant 10, 16; viele der lautesten schwärmer und lärmer. Bürger 287ᵃ; der schwärmer ist einem phrenetischrasenden gleich. der sich in wüthenden konvulsionen wirft, wenn die lebenskraft bereits in den äuszersten arterien aufhört. Schiller 4, 305; es giebt schwärmer ohne fähigkeiten, und dann sind sie wirklich gefährliche leute. Lichtenberg 1, 188; seine unaufhaltsame neigung, das ideelle verwirklichen zu wollen, brachte ihn in den ruf eines schwärmers, ob er sich gleich überzeugt fühlte, dasz niemand mehr auf das wirkliche dringe als er. Göthe 48, 142;
ein dampf, der uns bei schlaf und nacht
ümnebelt seel und sinn, der uns zu schwärmern macht,
im schlaaffen ohne schlaaff, im ruhen ohne rasten.
P. Fleming 49;
mache der schwärmer sich schüler, wie sand am meere — der sand ist
sand, die perle sey mein, du, o vernünftiger freund!
Göthe 1, 351;
schüler macht sich der schwärmer genug, und rühret die menge,
wenn der vernünftige mann einzelne liebende zählt.
352;
du scheinest hier
als schwärmer dieses wunderbild zu zeichnen;
doch seh' ich nur den klugen redner durch.
7, 160;
als schimpfwort: der schwärmer! (vorher narre). Lessing 1, 286.
3)
in dem milden sinne von schwärmen 2, c seit dem letzten drittel des 18. jahrh. gebraucht: schwärmer für eine person, für liebe, freundschaft; wir kommen hier nur bis auf einen gewissen strich, — jenseits desselben werden menschen schwärmer, aber nicht engel. Leisewitz Jul. v. Tarent 1, 1; Franz. oh, ich würde an deinem busen der ewigen götter einer seyn, die in brütender liebeswärme in sich selbst wohnten ... Adelh. verlasz mich, kleiner schwärmer. Göthe 42, 212; unter den beschaulichen schwärmern der herrnhutischen brüdergemeinde. Treitschke d. gesch. 2, 88; in Breslau sammelten sich die strenggläubigen um Hendrik Steffens, den ehrlichen unsteten schwärmer, der das harte lutherthum seiner norwegischen heimath mit den phantasiegebilden der deutschen romantischen philosophie zu verschmelzen wuszte. 91; so legte sichs der warmblütige schwärmer zurecht, wie er es wünschte. Heyse novellen 3 (1885), 268;
glaub es, glaub es, Laura, deinem schwärmer.
Schiller 1, 296;
Posa. geben sie
gedankenfreyheit. könig. sonderbarer schwärmer.
5, 2, 315 (don Carlos 3, 10);
drum paart, zu eurem schönsten glück,
mit schwärmers ernst des weltmanns blick.
11, 260.
4)
schwärmer für einen zügellos schweifenden und üppig gebahrenden (vgl. schwärmen 3), im 17. jahrh. vorhanden: bacchante, ein schwärmer. Apinus glossar (1728) 56; schwärmer, bacchator, debacchator, delirus Steinbach 2, 535; vergl. dazu gassenschwärmer theil 4, 1, 1453, nachtschwärmer theil 7, 215; dasz der unfug, den die homerischen freyer im palaste des Odysseus treiben, nur kinderspiel gegen die orgien dieser ungezügelten schwärmer .. ist. Wieland 35, 380; euch schwärmern, die ihr alle tage hofiert, alle tage zu gaste seyd, musz freilich ein solches leben tod dünken. Lessing 12, 247.
5)
selten im bloszen sinne von schwärmen 2, von personen:
du schwärmer um die ruhebetten
von moos und flaum,
o bruder leichter amoretten,
geliebter traum!
Bürger 7ᵃ (an den traumgott).
von einem flatterhaften liebhaber:
bis endlich dem stillen verdienst der wenig scheinbarn Olinden
das wunder gelang, den schwärmer in ihren armen zu binden.
Wieland 4, 3 (n. Amadis 1, 1).
6)
mehr als bezeichnung und name von thieren.
a)
weidmännisch von einem hunde (vgl. auch schwärmen 5): schwärmer, wenn der leithund mit der nase nicht bey der erde bleibt, und die fehrte richtig hält, sondern den kopf in die höhe trägt, und sich nach allem, was vorbey geht und flieget, umsieht, welches ein fehler von einem hunde ist. Jacobsson 4, 77.
b)
name des dämmerungsfalters, sphinx. Nemnich 4, 1341.
c)
name einer klippfischart, chaetodon vagabundus. ebenda 2, 991.
d)
name von spinnenarten, die kein gewebe verfertigen, sondern hüpfend und springend ihrer beute nachjagen, läufer, springer, schwärmer. ebenda 1, 401.
e)
name einer wanzenart, cimex vagabundus. Nemnich wörterbuch 526.
f)
eine zum schwärmen besonders aufgelegte biene, welche auch gemeiniglich durchgeht, wird kollerer oder schwärmer genannt. ebenda 316. 526.
7)
schwärmer, name eines feuerwerkskörpers: schwärmer, et diminut. schwärmerlein, dicuntur etiam pyroboli chartacei, ignes missiles, radii nitrati. Stieler 1952; man pflegt dem saamenrinde auch wohl an die hörner schwärmer oder raquetten zu binden. Döbel 2, 73ᵃ; leuchtkugeln stiegen, schwärmer schlängelten und platzten. Göthe 17, 160; wie ihm (dem stier) vollends eine menge schwärmer und raketen unter die nase flogen. Siegfr. von Lindenberg 2 (1784), 341; diese menschen .. in die er so plötzlich wie ein brennender schwärmer hineinfuhr. Gutzkow ritter vom geist 2, 195; dasz der papa sich an einem schwärmer die hand verbrannt hatte. Keller 6, 219.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2290, Z. 32.

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schwäherin schöpfquelle
Zitationshilfe
„schwärmer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schw%C3%A4rmer>, abgerufen am 26.07.2021.

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