Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

schwärmerei, f.

schwärmerei, f.
gebahren eines schwärmers.
1)
den kirchenglauben betreffend: das jr blinder dünckel .. sich düncken lesst, die schrift strebe an viel orten wider diesen spruch, aber sie reimet sich viel mehr mit jm und strebt wider jre schwermerey. Luther 3, 405ᵇ; das jr schwermerey ein lauter lose geschwetz ist. 377ᵃ; das die lerer einer ketzerey oder schwermerey solten bekeret werden. 377ᵇ; widerteuffer und sacramentschender ... brachten viel leut in jhre schwermerey. Hennenberger landt. 393; des Weigelianismi oder anderer neuen schwärmereien. Spener pietismus (1710) 23; pietistische schwärmerei schien den grund zum ganzen nachfolgenden nebel gelegt zu haben. sie schärfte sein gewissen, und machte ihn gegen alle gegenstände von tugend und religion äuszerst empfindlich, und verwirrte seine begriffe. Schiller 1, 109; alle orden-stifter und ordens-brüder .. der schwärmerey, der eitelkeit, des unsinns etc. zu schuldigen. Claudius 8 (1812), 228;
ketzerey
und spitzfündige schwermerey.
H. Sachs 15, 187, 15;
durch spitzfündige schwermerey
und gottslesterlich ketzerey.
190, 35;
falsche lehr und schwermerey.
203, 12;
verführen vil einfeltig christen
durch ir schwermerey und auffsetz.
18, 65, 24.
2)
in allgemeinem sinne (vgl. schwärmer 2): schwärmerey, insania Stieler 1952; schwärmerey, fanaticismus, das ist schwärmerey, hoc fanaticum est Frisch 2, 243ᵃ; die angenommene maxime der ungültigkeit einer zu oberst gesetzgebenden vernunft nennen wir gemeine menschen schwärmerei; jene günstlinge der gütigen natur (die genies) aber erleuchtung. Kant 1, 135; wenn schwärmerei in der allergemeinsten bedeutung eine nach grundsätzen unternommene überschreitung der grenzen der menschlichen vernunft ist. 4, 199; schwärmerei, welche ein wahn ist, über alle grenzen der sinnlichkeit hinaus etwas sehen, d. i. nach grundsätzen träumen (mit vernunft rasen) zu wollen. 7, 129; er war ein enthusiast im erhabensten sinne dieses ehrwürdigen wortes, welches durch vermengung mit schwärmerey, fanatismus und magismus so häufig entheiligt wird. Wieland 28, 131; diese herren .. hielten wärme und sinnlichkeit des ausdrucks, inbrünstige liebe der wahrheit, anhänglichkeit an eigne besondere meinungen, dreistigkeit zu sagen, was man denkt, und wie man es denkt, stille verbrüderung mit sympathisirenden geistern — hielten, sage ich, dieser stücke eins oder mehrere, oder alle, für enthusiasmus und schwärmerei. Lessing 11, 463; endlich will ich den marquis auch nicht von aller schwärmerey freigesprochen haben. schwärmerey und enthusiasmus berühren einander so nahe, ihre unterscheidungslinie ist so fein, dasz sie im zustande leidenschaftlicher erhitzung nur allzu leicht überschritten werden kann. Schiller 6, 79 (briefe über don Carlos 12); stolz haben sie in würde, hohn in lächeln, ansatz zu trübsinniger schwärmerey in sanfte schwermuth verwandelt. Lessing 2, 118 (Em. Galotti 1, 4); bei kranken, delirium: schwärmerey meines kranken. Thümmel 7 (1800), 55; im plural, von den einzelnen äuszerungen solches zustandes: schwärmereyen in krankheit, error mentis ex aestu morbi, sive delirium Stieler 1952; von da an war er (der patient) unruhiger, und hängte seinen schwermüthigen schwärmereyen heftiger nach. Schiller 1, 112.
3)
wandelung der strengeren bedeutung in eine mildere (vgl. schwärmer 3), seit dem letzten drittel des 18. jahrh.: gerade diese schwärmerey, diese schöne seelentrunkenheit, die uns die gegenstände unsrer bewundrung, unsrer liebe, unsers verlangens, in einem so zauberischen lichte zeigte. Wieland 25, 328; nenne die tugend immerhin schwärmerey, diese schwärmerey macht mich glücklich. 1, 206; ich liebe .. die werke der schönen künste bis zur schwärmerey. 2, 83; kopf voll glühender schwärmerei (liebe). Musäus 4, 73 Hempel; aus dem felde der jugendlichen schwärmerey, worin der meister seine schüler gängelt, glaubt man über eine goldene brücke in eine reizende feenwelt hinüber geführt zu werden. Göthe 14, 181; ich habe gelitten wie keiner, von der höchsten süszesten fülle der schwärmerey bis zu den fürchterlichen wüsten der ohnmacht. 20, 266; die ersten fruchtbaren jahre der mittelalterlichen schwärmerei waren vorüber (bei malern). Treitschke d. gesch. 2, 38; gleichwohl lag ein gesunder kern in der religiösen schwärmerei des jungen geschlechts. 91; schwärmerei für eine person, eine landschaft;
doch, muse, wohin reiszt dich die adlerschwinge
der hohen trunknen schwärmerey?
Wieland 22, 7 (Oberon 1, 7);
verliebte schwärmerey
denkt gerne laut.
17, 147 (Idris 3, 28);
unmerkliche bethörung
macht die liebe zur verehrung,
die begier zur schwärmerey.
Göthe 1, 50.
4)
nach schwärmer 4: schwärmerey, bacchatio Steinbach 2, 535, furor bacchantium, bacchatio Frisch 2, 243ᵃ; vgl. nachtschwärmerei theil 7, 215.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2292, Z. 12.

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schwäherin schöpfquelle
Zitationshilfe
„schwärmerei“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schw%C3%A4rmerei>, abgerufen am 23.07.2021.

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