Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

schwätzer, m.

schwätzer, m.,
einer der schwatzt, der gern und viel redet, meist, der in einer breitspurigen, wortreichen und inhaltsleeren, ermüdenden weise spricht, mhd. swetzer, s. Lexer handwb. 2, 1369, erst seit dem 15. jh.: dicax .. eyn wesscher, swetzer, schuetzer Dief. gloss. 180ᵃ, garrulus hd. swatzer, swetzer, smätzer. 258ᵃ; nhd. schwätzer (der) argutator, blatero, gerro, garrulus. grosser schwätzer, dem wol geluppet ist, dem das maul niemer gestadt, largiloquus Maaler 365ᵈ; schwetzer, wescher, schwetzmaul, m. jaseur, baveur, badin Hulsius 292ᵃ; blauderer, bloderer, schwetzer, blatero, balatro, blaterator, iactator, linguax, loquax Henisch 410, 22; garrulus, badin Schottel 1412; schwätzer, schwatzer, m. favellatore ò favolatore, parlatore, cianciatore u. s. w. Kramer dict. 2, 704ᵃ; garrulus, blatero, argutator, spermologus Stieler 1960; homo garrulus, nugator, gerro, blatero Steinbach 2, 537. — selten in gutem sinne: ein schöner, zierlicher, anmutiger, lustiger schwätzer, un favellatore, ciarlatore bello, pulito, gustoso, piacevole, galante v. redner Kramer dict. 2, 704ᵃ; artlicher, zierlicher schwätzer, logodaedalus Stieler 1760; im raht sey ein schwetzer. Garg. 45ᵃ; dagegen bemerkt schon Frisch 2, 244ᵃ: ein schwätzer, allezeit in übler bedeutung, nugator, blatero; die schwätzer (gerrones), die schalcksnarren, die tellerlecker, die possenreiszer, schmeichler ... sind der anhang der herrn höfe. Comenius sprachenth. 680; denn die so jrrigen geist haben, werden verstand annemen, und die schwetzer werden sich leren lassen. Jes. 29, 24; es ist ein fehrlich ding in einem regiment, umb einen schwetzer, und ein jecher wesscher wird zu schanden. Sir. 9, 25; aber unser leut ... lachten sölcher abenteurer und schwatzer als ausz denen der teufel redt. Aventin chron. 1, 1018, 30; schwetzer loben jre sachen selbsten. Ayrer proc. juris 716 (am rande); einem schwatzer gehet die zunge vor den mund, er plaudert oft gantze malder, da es kaum eine hand voll. Butschky Pathm. s. 481; der schwätzer, hat er einen hundsstreich gemacht? Lenz 1, 195;
so machts Polylogus der stets den ersten stein
auf meine muse wirfft. ach schwätzer! lerne fassen:
wer glasz auf sparren trägt, musz ungeworffen lassen.
Günther 463;
so begegnet Schwetzer auch als beiname des dichters Rosenblüt neben dem häufigeren Schnepperer, vgl. daselbst (sp. 1318): Hans Rosenplut der swetzer, Hans der swetzer. s. fastn. sp. 1078, vergl.:
Hanns Schnepperer ist er genannt
ein halber byderbmann;
der ihn einn grossen swatzer heiszt,
der tut kein sünde daran.
ebenda;
also redt Hanns Rosenplut der Swetzer.
1331,
s. ferner Wagners archiv s. 123. 385 f. — schwätzer mit verstärkendem beiwort: groszer, rechter schwätzer, er ist ein greulicher schwätzer, ein ertz-schwätzer. Kramer diction. 2, 704ᵃ; ich verzweifelter schwätzer! nicht ein wort mehr. Lessing 12, 61; so lang ich hier in dieser grotte wohne, .. hat nie ein unerträglicherer schwätzer mit seinem rücken an dieser wand gelegen, als du. Fr. Müller 1, 170; im umgange mit stillen kindern aber kann es ein wahres unglück werden, wenn die groszen schwätzer sich nicht anders zu helfen wissen, als mit dem gemeinplatze: stille wasser sind tief! Keller 1, 37. — mit näher bestimmendem, nuancierendem attribute: verlogener schwätzer, halophanta Stieler 1960; das du nicht geratest auff den weg der bösen, noch unter die verkereten schwätzer. spr. Sal. 2, 12; wer sich frewet, das er schalckheit treiben kan, der wird verachtet, wer aber solche unnütze schwetzer hasset, der verhütet schaden. Sir. 19, 5; denn es sind viel frechen, und unnütze schwetzer und verfürer. Tit. 1, 10; darumb daʒ du ain schalckhafter schwäczer bist. Steinhöwel Esop s. 41 Österley; diser galgentrager .. ist nit allain ungestalt, er ist och ain redrischer schwäczer! 48; sy haben mich teufl in der weissen kutten gelestert und einen ungelehrten schwetzer gescholten. Joh. Nas an Melchior 1573, s. Wagners archiv 62, 17; ein gegenbild des jüdischen volks, das an süsz fabelnden schwätzern .. eben so fruchtbar war, als das sokratische zeitalter zu Athen. Hamann 4, 111; jetzt behaupte ich, sprach don Quixote, dasz der autor meiner historie kein weiser, sondern ein unwissender schwätzer gewesen. Tieck don Quixote⁵ 2, 24; du weiszt so wenig zu schweigen, dasz du vielmehr der umständlichste und zudringlichste schwätzer bist. 318. auch schwätzer allein hat zuweilen einen specielleren sinn oder nebensinn, so schmeichler:
und wol dem, der die schwetzer kennt,
dasz er durch sie nit werdt geschendt.
Kirchhof wendunm. 1, 56 Österley (1, 46).
in der ältern sprache häufig verläumder, austräger, afterreder:
was wil ich aller swetzer klaffen?
und zich man mich mit münchen und pfaffen,
wenn ich der werk mag ledig sten,
so lasz ichsz gar gutlich abgen.
fastn. sp. 166, 13;
einer, der ein ümb sein eeweib pult
und ir mit solchen worten fürspult,
ir man sei zu schwach und zu alt
und sei scheuzlich und ungestalt,
und ir ain solche ler vortregt,
das sie sich zu dem schwetzer legt.
711, 12;
mörder, lotter, lügner, schwetzer.
Manuel s. 261 Bächtold (Elsli Tragdenkn. 160);
dabey ein könig und fürst lehr,
das er sich nicht an schwetzer kehr
und eyl nit zu gschwind zu der rach,
sonder erfahr vor wol die sach.
Ayrer 2048, 17 Keller.
schwätzer der humanität, der sie nur im munde führt, aber nicht danach handelt: nennt mich, was ihr wollt, schwäzer der gleisznerischen, nicht deutsch zu benennenden humanität. Voss briefe 1, 18. — unklar ist folgende stelle:
so rieff der ein: es wehr geschehn,
ein ander wolt es nicht gestehn,
doch war der immen schwetzer zahl
viel grösser noch, die allzumahl
bezeugten fast mit hand und mund
dasz Appius noch wehr gesund.
Rist poet. lustg. G 6ᵇ.
sprichwörter: einen schwetzer oder kläffer jag ausz deiner hütten. Franck sprichw. 1, 158ᵃ; ein schwetzer hets bald gesagt. 2, 53ᵃ; ein schwetzer hört sich selbst gern reden. Petri Y 4ᵇ; dem schwetzer geht die zunge vors maul. ein groszer schwätzer, ein kleiner bletzer. schwätzer und lügner sind vettern. Wander 4, 431 f.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2357, Z. 59.

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schwäherin schöpfquelle
Zitationshilfe
„schwätzer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schw%C3%A4tzer>, abgerufen am 05.08.2021.

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