Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

schwulstig, schwülstig, adj.

schwulstig, schwülstig, adj.
geschwollen, vergleiche schwulst; schwülstig, geschwollen, enflé Hulsius dict. (1616) 294ᵃ; schwulstig, tumidus Schottel 1414; schwülstig, et geschwülstig, praepinguis, obesus, metaph. ventosus, inflatus animo, insolens, superbus Stieler 1969; vgl. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 713ᵃ; schwülstig, tumidus, turgidus, arrogans Steinbach 2, 549, vgl. Frisch 2, 251ᶜ; Adelung und Campe kennen nur die umgelautete form, nd. swulstig ten Doornkaat Koolman 3, 385ᵇ; neuere sprachempfindung unterscheidet zwischen schwulstig und schwülstig, braucht jenes im körperlichen, dieses im übertragenen sinne; schon Adelung bemerkt, dasz schwülstig im körperlichen sinne gemieden würde: eine geschwollene hand, nicht eine schwülstige. das adj. schwulstig, schwülstig (vgl. oben geschwülstig theil 4, 1, 2, sp. 4012) zeigt von alters her (s. unten die belege aus dem 16. jahrh.) übertragene bedeutung, die bei schwulst erst weit später sich zu entwickeln scheint. in A. Petris glossar (1523) zu Luthers neuem test. wird Luthers schwulstig durch auffgeblasen wiedergegeben. Kluge Luther bis Lessing 89.
1)
im körperlichen sinne; soweit das wort in diesem sinne überhaupt gebräuchlich ist, bezeichnet es natürliche, nicht krankhafte schwellung (ganz anders wie schwulst, s. dies unter 1); Winckelmann braucht das wort gern, vgl. oben schwulst 2, b, schwulstige lippen u. ä.; der aufgeworfene schwülstige mund, welchen die mohren mit den affen in ihrem lande gemein haben, ist ein überflüssiges gewächs und ein schwulst, welchen die hitze ihres climas verursachet. Winckelmann 4, 46; die muskeln (sind) schwülstig erhoben, und liegen wie hügel. 3, 219. die nebenvorstellung des ästhetischen urtheils (vgl. unter 2, b) mischt sich leicht ein: an welchem alle muskeln schwülstiger sind, als es die gesunde zeichnung lehret. 5, 266; schwellung, die durch körperlichen schmerz verursacht wird: schmerz, welcher mit einer regung von unmuth .. in die nase hinauftritt, dieselbe schwülstig macht. 6, 105; vgl.: (schmerz), welcher mit einer regung von unmuth .. in die nase hinauftritt, dieselbe schwellen macht. Schiller 10, 161.
2)
übertragene anwendung;
a)
auf gesinnung bezogen (vgl. schwulst 2, a), aufgeblasenheit, hochmütiges, prahlerisches wesen bei innerer leere bezeichnend: ein schwülstiger, hochschwülstiger narr, ein aufgeblasener narr. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 713ᵇ; was macht dich so schwülstig, quid te tantopere supinat; ein hochschwülstiger sinn, inflata mens Steinbach 2, 549; ein schwülstiger mensch, 'sofern er durch worte und geberden eine höhere meinung von sich verräth, als seinen vorzügen gemäsz ist' Adelung; wenn man vor den schwulstigen den hut in den händen trägt, mit bloszem haupt vor ihnen stehet .. das achten sie grosz. Lehmann 32; da er (Christus) heilig, liebreich, sanftmüthig, demüthig, geduldig war: und sie unheilig, gehässig, zornig, schwülstig, unruhig. H. Müller erquickst. 237; ungleich den schwülstigen afterweisen. Wieland 6, 122 (der goldne spiegel 1, 4);
es sucht ein schwülstiges gemüth hierinnen einen neuen fund
zu einer nicht gemeinen ehre, er sucht was sonderlichs zu seyn.
Brockes 6, 340 (1739).
b)
auf äuszerungen, ausdrucksweise, rede, stil, geistesproducte bezogen; hier ist ein übergang im gebrauche zu beobachten, indem mehr und mehr ein reines geschmacksurtheil zu grunde gelegt wird, statt eines moralischen oder moralisch - ästhetischen; in neuerer sprache ist diese einschränkung durchaus vollendet, schwülstige rede ist eine volltönende, reiche mittel aufwendende, aber innerlich hohle und leere rede, die vorstellung des prahlerischen ist geschwunden; in diesem sinne auch wieder von personen: ein schwülstiger schriftsteller. Campe; in älterer sprache ist dagegen die einwirkung des unter a belegten gebrauches bisweilen deutlich zu erkennen; eine hochschwülstige rede, oratio, quae turget et inflata est; hochschwülstige worte, inflata verba Steinbach 2, 549; eine schwülstige schreibart, ein schwülstiges gedicht. Adelung; denn sie lauten von schwulstigen worten, da nichts hynder ist. Luther 14, 60, 28 Weim. ausgabe; solcher auffgeblasener und schwolstiger wort ist das gantz geystlich recht des bapsts durch und durch vol. 61, 17; andere scholar, so inn blöcklichter unnd schwülstiger weise pflegten zu opponiren (im gegensatze zur Wittenberger subtilen und scharpffen weise). Mathesius Luther 70ᵃ (1580); sie würden mehr dabey gewinnen wenn sie natürlich mit mir reden wollten. die schwülstige sprache, die sie sich angewöhnt haben, ist vielleicht gut, milchmädchen zu rühren. Wieland 12, 227 (don Sylvio von Rosalva 6, 2); verschiedenes hat der übersetzer schwülstig gemacht, welches bei dem verfasser schön oder doch erträglich ist. J. E. Schlegel 3, 87; ein schwülstiges gedicht in harten Alexandrinern. Freytag ges. werke 17, 10 (bilder 1, 10);
erinnre dich dabey, so schlecht ich auch gelehrt,
was eigentlich vor schmuck in unsre kunst gehört;
nicht rauschend flitter-gold, noch schwülstige gedancken.
Günther 376;
was im Homer das recht uns zu gefallen hat,
wird in der neuern mund oft schwülstig, öfter platt.
Wieland 17, 12 (Idris u. Zenide 1, 2).
3)
besondere anwendung.
a)
sinnlich, von wogendem wasser (vgl. schwulst 3, b): das grosze meer, der grausame sturm, und die schwülstigen wellen. Wiedemann gefang. anhang 21;
der meere schwülstig blähn.
Creuz gedichte (1769) 1, 11;
vom segel, geschwellt:
unser leben gleicht den schiffen,
die so schnell die fluht durchgehn,
wen ein sturm sie hat ergriffen
und die segel schwülstig stehn.
Rist Parnasz 820 (1668).
b)
in übertragener anwendung, über das gewöhnliche, natürliche masz grosz: lasz die ungereimten schwülstigen hoffnungen fahren. Wieland Lucian 5, 102; immer gewohnt, in sachen, die sein herz intereszirten, die probabilitäts - rechnungen schwülstig zu machen, und der natur der dinge vorzueilen. Pestalozzi Lienh. u. Gertrud 3, 363 (1792);
kein ungewohnter fall bezeichnet hier die tage,
kein unstern malt sie schwarz, kein schwülstig glücke roth.
Haller 24 Hirzel.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1899), Bd. IX (1899), Sp. 2753, Z. 4.

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schwäherin schöpfquelle
Zitationshilfe
„schwülstig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schw%C3%BClstig>, abgerufen am 23.07.2021.

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