schwarte f
Fundstelle: Lfg. 12 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2295, Z. 52
callus, cutis.
1)
die herkunft des alten gemeingermanischen wortes ist nicht ermittelt. das geschlecht schwankt in den verschiedenen dialecten: altnord. als masc. svörđr, was auf ein goth. *svardus weist; ags. wahrscheinlich gleichen geschlechtes sweard; niederl. als neutr. zwoord; sonst fem.: fries. swarde, mnd. swarde, mhd. swarte. auf eine ursprüngliche weitere bedeutung, von der die heutigen nur in bildlicher anwendung verengt sind, mag es hinweisen, wenn überall das wort auch von der rasendecke gebraucht erscheint: so altnord., besonders in svarđfastr, mit festem rasen bedeckt, svarđlauss ohne rasendecke Fritzner 3 (1896), 609ᵃ, isländ. gras-svördr, cespes viridis Biörn Haldarson 1, 302ᵃ, dän. grønsvær grasdecke, mittelengl. turfe, swarde of þe erþe, cespes Bosworth-Toller 945ᵃ, neuengl. the green sward, der rasen, swardcutter, rasenstecher; niederd. swaarde, rasen, stark bewachsener grasanger, auch grönswaard brem. wb. 4, 1113; ostfries. grœnswâr grüne rasendecke, grasdecke, grasnarbe ten Doornkaat Koolman 3, 372ᵃ; ebenso oberdeutsch, in Baiern schwarten, begraste ackerrinde, mit gras überwachsenes brachfeld, in der schwarten ackern, das brachfeld umpflügen Schm.² 2, 648; als technischer ausdruck des deichbaus, mit zum theil niederdeutschem lautstande: grönschwart, basis virens aggeris Frisch 1, 378ᶜ; wann die see durch einen teich gebrochen, füllt die nachbarschaft dem der den schaden gelitten, in der noth das loch wieder zu, eine elle höher dann die grönschwart oder das mayenfeld. ebenda (aus Hackmann de jure aggerum); decke über einen pfuhl: schwarten, plur., mit wurzeln und gras überwachsener pfuhl Frisch 2, 243ᵃ.
2)
die häufigste in der älteren sprache bezeugte bedeutung von schwarte ist die der mit haaren überzogenen haut, besonders bezogen auf die menschliche kopfhaut (wie altnord. svörđr Fritzner 3, 628ᵇ): crinea swarte, swarten, schwart, swert, swarde, swaerde, swairde Dief. 157ᶜ; iedoch hân ich ainen menschen gesehen, der sein ôrn wegt und die swarten auf dem haupt. Megenberg 11, 8; des gemeinen glatten grindts ist zweierlei, und deren jedweders arte und eigenschaft ist, dasz die hare nach ertödter schwarten zuͦ öberst auf dem haupte von erst dünn werden und darnach auch ausfallen. Celsus von Khüffer (1531) 90ᵃ; das gerunnen blut, so im haupt ligt zwischen der hirnschalen und der schwarten. Würtz wundarzn. (1612) 312; schwarte auf dem kopfe, pericranium, cutis capillum gignens Stieler 1958;
daʒ hâr mit den handen
ûʒ der swarte si brach.
kaiserchron. 1524;
er brach daʒ hâr ûʒ der swarte.
4777;
ûf gebûren swarte
kam nie beʒʒer houbetdach
dan man ûf Helmbrehte sach.
meier Helmbrecht 38;
durch helm und durch hersenier,
durch houbt, durch hirn, durch swarte (geschlagen).
H. v. Freiberg Tristan 6243;
(ich wollte) ein har nit in deiner schwarten laszen.
fastn. sp. 172, 14;
(ich) wil .. junker Franzen Breiroden darusz (aus Holland) driben,
und solt mir kein har uf der swarten bliben!
Liliencron volksl. 2, 254ᵇ (nr. 171, 65);
haus und hoff solt ich wol verliessen,
philt auch in der schwarten kain har.
H. Sachs fabeln 2, 205, 127;
haarhaut des kinnes:
odr es (das feuer) zündet an hahr und barth,
und bliesz jhm auff am kinn die schwart.
froschmäus. Ee 2ᵃ.
später steht das wort fast nur noch in derber rede: schwarte, in verachtung, wird von des menschen haut auf dem kopf gesagt, setosa pericranii cutis Frisch 2, 243ᵃ; in mundarten aber auch ganz unverächtlich von der behaarten haut des menschlichen kopfes, z. b. bairisch Schm.² 2, 647; auszerhalb derselben etwa noch in dem verdeutlichenden kopfschwarte (theil 5, 1779 nicht verzeichnet), im munde der ärzte.
3)
die beziehung auf die behaarung geht verloren, schwarte steht für menschliche dicke haut schlechthin, auch wieder in alter, und nicht blosz hochdeutscher anwendung: ags. cutis sweard Wright-Wülcker 265, 9. 368, 22; mhd.
der helt was zornes dræte:
er sluog in daʒ im wæte
vome schafte ûʒer swarten bluot.
Parz. 155, 3;
den wil ich hawen durch die schwarten,
das die sun noch mus durch in scheinen.
H. Sachs fastn. sp. 6, 162, 374;
nhd. schwart, schwarte, cutis densior Stieler 1958; noch jetzt im scherz oder spotte: er hat eine dicke schwarte; in verengung des begriffs: die schwart oder genick, das hinder teil am halsz, cervix Maaler 366ᵇ; schwarten des halses, cervix Dentzler 2, 258ᵃ.
4)
besonders in einer reihe redensarten der derben sprache, die auf schläge und mühe zielen.
a)
auf die schwarte greifen, schlagen, hauen u. ähnl.: gott griff denen redlich auf die schwarten, die Mosen dempfen wolten. Mathesius Luther 66ᵇ; zu Sodoma waren die bürger lose leut, welche .. solche dinge thäten, die gott endlich nicht durch menschliche, sondern mit eigenen händen straffte, und ihnen mit schwefel und feur vom himmel auff die schwarte brante. Schuppius 141;
und wo er mich sicht sawer an,
so wil ich in durcht schwarten hawen.
H. Sachs 21, 35, 22 Götze;
den wil ich hawen durch die schwarten,
das die sun noch mus durch in scheinen.
23, 99, 6;
(wir wollen) am ufer der feind erwarten,
sie tapffer klopffen auff die schwarten.
froschmäus. Tt 5ᵃ;
den lantzknecht hilft kein helleparten,
ich (der tod) nim in gleichwol bei der schwarten.
Stephani geistl. action (1568) D 8ᵃ;
so ergeben wir uns auff gnadt.
solt wir aber ungnad erwarten,
schlag wir einander auff die schwarten.
J. Ayrer 361ᶜ (1811, 9 Keller);
ich wolt jhr beym schwapperment reiben die schwarte.
Logau 2, 126, 34;
in der grafschaft Mark wat op de swarte giwen, schlagen Fromm. 3, 369; bremisch-niedersächs.: agter Johannis dage moot man nig um regen bidden, wen enem ook dat sweet van der sware lopt (wenn die hitze noch so unerträglich wäre). brem. wörterb. 4, 1113.
b)
noch häufiger: die schwarte kracht, knacht in mühe, arbeit und not: ich will dich kloppen, dasz dir die schwarte knacken soll, verberibus durissimis te tractabo Steinbach 2, 535; drum begahr ich, dos ha unde sey knaicht gestrafft werden, dosz en de schwarte knackt. A. Gryphius Dornrose (erster druck) s. 62; ich wolte hinfort arbeiten, dasz mir die schwarte krachen möchte, um mich ehrlich zu ernehren. Simpl. 3, 432 Kurz; es ist ganz unglaublich, was für eine menge schofel (für den musenalmanach) schon wieder eingelaufen ist, und ich werde auszumisten haben, dasz mir die schwarte knacken mögte. Bürger 2, 357;
ich dacht, du künst heut nit auffsthan,
wolt dich zwar jetzt gewecket han,
das dir het dein schwarten gekracht.
H. Sachs fastn. sp. 3, 87, 25;
hat einer woll gekämpft, der frasz auch nachmals frey,
und satzte wacker ein, dasz zähn' und schwarte knackte.
Opitz 1, 104;
vielfach findet sich aber hierbei noch ausdrückliche beziehung auf die kopfhaut (oben 2): diese göttliche gebot durch Gregorium angezeigt, zeucht er mit den haren, das im die schwarten krachen, zu der busze, die der bapst ablegen kan. Luther 1, 49ᵃ; wo wil bleiben könig Ferdinandus .. und andere bepstliche fürsten mehr, so die geistlichen person und güter schatzen, und so reuffen, das jnen die schwarte krachet. 5, 300ᵇ; nüt bessers, man thet in die roten hütlin ab, dasz in die schwart kracht. Schade sat. u. pasqu. 3, 68, 3; hetten dem pfarrer gern eine haarcollation gegeben, dasz ihm die schwarte geknackt hette. Hennenberger landtafel (1595) 164;
denn hest mir lengr mein weib veracht,
so müst dir habn die schwarten kracht,
also wolt ich dich zausset han.
J. Ayrer fastn. sp. 28ᵈ (2479, 4 Keller);
der mache sich geschickt bey zeiten einzupacken,
soll ihm die schwarte nicht von mancher husche knacken.
Günther 418;
in den mundarten mit oder ohne solche beziehung; hessisch einen reiszen (jetzt auch schlagen) dasz die schwarte kracht, einen bei den haaren reiszen, auch vom arbeiten mit dem kopfe: arbeiten (lernen), dasz die schwarte kracht. Vilmar 377; in Leipzig arbeiten, prügeln u. s. w. dasz die schwarte knackt, gehörig, tüchtig Albrecht 209ᵇ; fränkisch - hennebergisch: die schwarte (haut) soll euch knacken, bildliche redensart zur bezeichnung groszer anstrengung, heftigen schmerzes Frommann 2, 278, 27; bair. einen hauen, dasz em di schwarten kracht. Schm.² 2, 647; kärntn. im plural ân schlagen ass die schwarten krachen Lexer 228; ebenso alemannisch ain haue ass d' schwarte chrache, durchbläuen dasz die rippen krachen Seiler 266; nach schon altem brauche:
er würd dich bschweren, du wirdst nit lachen,
das dir die schwarten würden krachen.
Murner narrenbeschw. 21, 74 (s. 78 Gödeke).
5)
schwarte, behaarte haut bei thieren: mnl.
ich dede hem (dem wolfe) af bernen dat haer,
so dat hem die swaerde cramp.
Reinaert 1501;
want hi hem so doorbroeide dat vel,
dat hem thaer al uut vel,
ende hi hem die swaerde al doorsoot.
7477;
mnd. dar sulvest to der Elemâr
lêt ik em (dem wolfe) afbernen dat hâr
so sêr, dat em de swarde kramp.
Reinke Vos 1449;
danach bei Göthe:
und ich liesz ihm das haar auf seinem scheitel versengen,
dasz ihm die schwarte davon zusammen schrumpfte.
40, 50;
im bilde:
wie auch der alte fuchs, der Tilly, wolt vertilgen
die edle jungfrauburg und ihre ros und gilgen,
dafür er nunmehr doch bezahlet mit dem balg.
dan obwol unser held ihn oft zuvor geschlagen,
wolt doch der fuchs die schanz noch einmal wieder wagen,
da dan bei Leipzig er empfieng ein solchen streich,
dasz er darauf mehr nicht (weil seiner harten schwarten
der streich kam vil zu tief) wolt eines andern warten.
Weckherlin 617;
ungewöhnlich vom panther:
des panthers schwarte
bäumt borsten, welche sengt des rachens wehn.
Immermann 13, 132 Boxberger;
und von der gefiederten vogelhaut:
ich nam in (der fuchs den hahn) bî der swarten,
und truog in durch die barre.
Reinhart fuchs 394, 70;
dagegen als technischer ausdruck der jäger: schwarte nennt man die haut des schwarzwildes und des dachses. v. Thüngen weidm. pract. 309, vergl.dachsschwarte theil 2, 668; und des fleischers sowie des haushaltes für die haut des zahmen schweins (vergl. auch schweins-, speckschwarte): callus, i. cutis lardi, swarte am speck Dief. 91ᵃ; schwarte, speckschwarte, cotica, cotenna, ò pelle di porco, une coënne de lard Rädlein 805ᵃ; schwarte, die dicke äuszere schwarze haut des specks oder der schinken Jacobsson 7, 285ᵇ; die vaiʒten, diu in dem swein ist zwischen der swarten und dem rôten flaisch. Megenberg 309, 22; soll es (das schweinefleisch) aber gebraten werden, wäschet man das stücke sauber aus .. hierauf stecket man es am spiesz, und wenn es trocken worden, so schneidet man mit einem scharfen messer durch die schwarte. öcon. lex. 2249.
6)
als krankheit: das anwachsen der schwarte, coriago, morbus, cum pellis ita tergori adhaeret, ut apprehensa manibus deduci a costis non possit Stieler 1958.
7)
dem umstande, dasz dicke bücher in schweinsleder eingebunden wurden, verdankt die verächtliche bezeichnung eines solchen, vorzüglich alten buches als schwarte ihre entstehung: eine homiletische schwarte. Lessing 9, 240; ich, der ich die ganze welt ausreisen wollte, werde, allem ansehen nach, in dem kleinen Wolfenbüttel unter schwarten vermodern. 12, 423; ich wenigstens habe noch nirgend, weder in dem museum, noch auf dem trödel etwas gesehen, was sich mit der alten schwarte nur von ferne vergleichen liesze. Tieck ges. novellen 10, 93; sie hatte nur ein paar alte wurmstichige schwarten. Arnim 1, 82; dasz der kranke in früheren jahren eine alte schwarte über die sitten und gebräuche jenes griechischen freistaates gelesen habe. Immermann Münchh. 1, 76;
sein fleisz, der als ein wurm in allen schwarten wühlt.
Günther 518;
man erforsche die gesetze, die der bau-herr schöner welt
ehmals zwischen geist und cörper ewiglich und festgestellt.
disz erfordert etwas mehr, als in alten schwarten wühlen.
860;
der dank, den David hat empfangen,
steht in den alten schwarten aufgeschrieben.
Keller 10, 105.
8)
schwarte, verächtliche bezeichnung eines dürftigen menschen: schwarte etiam de homine macilento dicitur. eine arme schwarte, homo tenuis, atque egens, pauperculus, perpauper Stieler 1958; auch eines, der sich viel gefallen läszt: a guane schwarten, eine gute haut, guter kerl Hartmann-Abele volksschauspiele 597; von einem weibe: eine so arme einfältige schwart (eine magd). mägdelob 66; von einem manne ins masculine geschlecht übertragen: sollen sie (reiche leute) reden, so muͦsz er etwa einen armen schwart haben, den der hunger hat leeren kallen, reden und dem stummen den mund aufbrochen, an seinem hof besolden, der fur jn rede. S. Franck sprichw. (1541) 2, 158ᵃ.
9)
schwarte, in schneidemühlen übertragen auf das erste und letzte brett, das beim brettschneiden aus einem sägeblock geschnitten wird und noch die rinde des baumes trägt (vergl. auch schwärtling): planca, bret, schwarten Dentzler 1, 585ᵇ; schwarten, asseres dissectae arboris extimi Bechius - Agricola bergw. (1621), register; schwarten etiam dicuntur plancae, asseres nimirum viliores et inaequales, ein schock schwarten, sexagena plancarum Stieler 1958; geringe dielen, plancae, alias schwarten. 289; schwarte, gebraucht man von dem äuszersten und halb rundlichen theil den man vom sägeblock zuerst absägt, asser in quo cortex fuit, asser corticatus, eine baum-schwarte, eine bret-schwarte. Frisch 2, 243ᵇ; mit schwarten verblenden, im bergwerk etwas mit angeschlagenen schwarten verdecken und verbauen, dasz man es nicht sehen kann, schwarte verschieszen, mit schwarten hinter den thürstöcken oder über den kappen wegfahren oder verbauen. Jacobsson 4, 78ᵇ; von dreien swarten zwen pfenning. Tucher baumeisterb. 121, 17.
10)
schwarte, übertragen auf eine dicke haut, die etwas über dem feuer gestandenes überzieht: cremium swarte, swart, swarde, schwarte, eyn swert. Dief. 156ᵇ; schwarte im hüttenwerk, beim abtreiben auf dem herde eine rinde, so auf dem werk wird, wenn es nicht hitze genug, oder das werk viel unreinigkeit bei sich hat. Jacobsson 4, 78ᵃ; haut, welche sich von gekochten speisen in den geschirr ansetzt, im dim. schwärtchen Adelung.
11)
schwarte, in Schwaben ein kleines mit federn gefülltes bettstück Schmid 486.
12)
schwarte, mundartliche umdeutung des fremden suada, redegabe (vgl. dazu schwade 1, sp. 2167) Andresen volksetym. (1889) s. 148; die frau hat eine gar böse schwart am kopfe. ebenda (aus Böhmen); weitverbreitet, als schwade und schwarte in Leipzig Albrecht 208ᵇ; rheinisch schwart geläufigkeit im sprechen Kehrein 372 (auch mit weiterer anlehnung an schwert: die hot e maul wie e schlachtschwart. ebenda); in Hessen schwarte mund, wobei nicht mehr an die rede gedacht wird v. Pfister nachträge 272.
Zitationshilfe
„schwarte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schwarte>, abgerufen am 25.05.2019.

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