schwein m
Fundstelle: Lfg. 13 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2438, Z. 19
hirt; gemeingermanisches wort in verschiedenem sinne, gotisch nicht bezeugt, altnord. sveinn, knabe, ags. swân, jüngling, engl. swain, junger mensch, bursche, bauernjunge, ahd. suein, knecht, hirt, mhd. swein, weitergebildet sweiner (vgl. unten schweiner), mnd. swên, hier besonders (in anlehnung an das folgende wort) schweinehirt, vgl. Schiller-Lübben 4, 490; die etymologischen verhältnisse sind dunkel, aber eine beziehung zu schwein sus ist ausgeschlossen. subulcus swên Dief. 562ᶜ; swên, swêne nov. gloss. 353ᵇ;
ich pin iemer gerne dîn swein.
genesis in den fundgr. 2, 69, 21.
noch mundartlich, in Hessen schwein schweinhirt Vilmar 378, ebenso in Waldeck Curtze 501; niederd. sween, schweinhirt. brem. wb. 4, 1123 als hannöverisch, im Göttingischen swen, schweinehirt, sauhirt Schambach 221ᵃ; westfäl. swêne Woeste 265ᵇ.
schwein n
Fundstelle: Lfg. 13 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2438, Z. 34
sus.
1)
formelles. das gemeingermanische wort, got. swein, altnord. svîn, ags. altsächs. ahd. mhd. swîn, ist verdunkelte ableitung zu altem germanischem und gemeinindogermanischemsau (oben th. 8, 1843), mittels einer endung în, got. ein, die abkömmling und junges von thieren bezeichnet (wie in got. gumein jah qinein männliches und weibliches von geschöpfen Marc. 10, 6); die altgermanische grundform *sûwîn geht demnach eigentlich auf das junge schwein, das ferkel; doch musz die verdunkelung und erweiterung des ursprünglichen begriffs zugleich mit der formänderung in folge von suffixbetonung in eine sehr frühe zeit des noch beweglichen accents und noch ins vorgermanische fallen, da die slavischen sprachen am worte dieselbe erscheinung zeigen: altslav. svinija, nslav. svinja schwein Miklosich lex. palaeoslav.-graeco-lat. 826ᵃ, vgl. auch J. Grimm kl. schrift. 3, 134. dasz man den adjectiven sinn, der in dem worte anfänglich liegt, wenn es von der sau stammend bedeutet, noch lange und bis tief in die geschichtlichen zeiten nachgefühlt hat, dafür spricht auch der umstand, dasz schwein in oberdeutschen dialecten noch dreigeschlechtig erscheint, neben dem neutrum im femininum bairisch (Schm. 2², 635), im masculinum tir. (Schöpf 660). plur. alt. die schwein, jetzt nur schweine.
2)
schwein, zunächst als allgemeiner name für das hausthier, auch das zahme schwein, hausschwein (th. 4, 2, 689) genannt; in mancherlei spielarten, vgl. landschwein th. 6, 135; das deutsche, ungarische, englische schwein u. a.; porcus swyn, schwyn, sweyn, ein schweyn o. heimich, heimich o. zam schwein Dief. 448ᵃ; zur nahrung aufgezogen, gehütet, geweidet, gefüttert, gemästet, geschlachtet, gebraten: die schweine treiben, sues agere Steinbach 2, 540; es wird so leicht nicht ein hauszvatter gefunden werden, der nicht jährlich ein, 2. oder mehr schweine in seiner hauszhaltung schlachten, und davon das meiste abräuchern solte. frauenz.-lex. (1715) 1795; die mästung der schweine geschiehet entweder zu hause, oder in wäldern, wo eichel- oder buch-mast vorhanden ist. öcon. lex. 2248; die schweine auf den kauf mästen, suariam facere, schweine stechen oder schlachten, mactare sues Frisch 2, 246ᵃ; eyn gebrathen schwein mit vögeln, oder andern thieren gefüllet, porcus Troianus Dasypodius; wilt ein gantz woch wol leben, schlacht ein schwein. Garg. (1590) 86;
man mestet swîn mit klîen und eicheln.
renner 5883:
ob ir ouch etwan zuͦ hüeten hand
visch oder schwinen uf dem land,
dero wil ich hüeten mit trüwem flisz.
H. Salat verlor. sohn 2185 Bächtold;
ich liesz dir kum werden den gschmack
von klyen, damit man spist die schwin.
2226;
mit schrot gemästet wird das schwein,
und als der winter dränget,
geschlachtet, abgebrüht, und rein
an eine wand gehänget.
Voss 6, 147;
nach seinen eigenschaften: fettes, feistes, dickes schwein; wühlendes schwein, welches, um das zu verhindern geringelt wird, vgl. th. 8, 999; verschnittenes schwein, vgl. auch schweine schneiden, theil 9, 1258; finnicht schwein, sus grandinosus Stieler 1967; die schlacht-schweine müssen geschnitten sein, wenn das fleisch und speck wohl gerathen soll. öcon. lex. 2247; läuffig sein als eine sau oder schwein, subare Frisch 2, 246ᵃ; ein geschnittenes schwein, majalis, porcus castratus. ebenda;
faiste swein, gemesst mit kleib.
O. v. Wolkenstein 4, 3, 3;
als nutzbar gepriesen: ein gantz gemein, breüchlich, nutzlich thier ist das schweyn. Forer thierb. 144ᵃ;
so gestehe denn ein jeder, voll erkenntlichkeit, mit mir,
so von wild- als zahmen schweinen, es sey ein sehr nutzbar thier,
und erheb' und ehr' und preise den, der sie uns schenkt, dafür!
Brockes 9, 266;
aber auch als ekelhaft, schmutzig, stinkend, dumm, wüst geschildert (vgl. auch unten zusammensetzungen, in deren erstem theil schwein vergleichend für etwas niedriges, elendes, unflätiges steht): ein garstiges schwein, porcus lutosus Steinbach 2, 540;
wie ein kündec man
ein unrein swîn erkennen kan.
minnes. 2, 367ᵇ Hagen;
wie auff ein sumer-haisen tag
in ainr stinketen kotlach lag
an dem schatten ein faistes schwein.
H. Sachs fabeln 2, 90, 5;
gott der herr allerlei thier erschuf,
dasz auch sogar das wüste schwein,
kröten und schlangen vom herren seyn.
Göthe 2, 200;
von den juden als unreine speise verschmäht, nach biblischer vorschrift: ein schwein spaltet wol die klawen, aber es widerkewet nicht, darumb sols euch unrein sein. 3 Mos. 11, 7; das schwein, ob es wol die klawen spaltet, so widerkewet es doch nicht, sol euch unrein sein, jrs fleischs solt jr nicht essen, und jr asz solt jr nicht anrüren. 5 Mos. 14, 8; vgl. dazu schweinchen.
3)
schwein, für das wilde thier, auch als wild, hauend, von jenem (2) unterschieden:
mit ir scharpfen gêren   si wolden jagen swîn
beren unde wisende:   waʒ kunde küeners gesîn?
Nibel. 859, 3;
si sprach zuo dem recken:   lât iwer jagen sîn.
mir troumte hînt leide,   wie iuch zwei wilde swîn
jageten uber heide:   da wurden bluomen rot.
864, 2;
einem wilden hauenden schwein. Aventin. chron. 1, 250, 2; ein grosz hawend wild schwein. wendunm. 3, 8 Österley; dise hawende schwein. Garg. (1590) 45; macht sich die stadt eine freude daraus, meinen kameraden wie ein verheztes schwein abthun zu sehen. Schiller 2, 94 (räuber 2, 3);
ein groszes schwein reist durch den walt,
dem wöllen wir nacheilen balt,
das wir jhm geben einen fang.
J. Ayrer 327ᵃ (1635, 28 Keller);
nun musz ich glauben ohn allen zweifel,
das hauet schwein sey gwest der teufel.
327ᵇ (1636, 16);
o zurück! ein schrecklich schwein
liegt erhitzt, dort in der sühle seinen dürren brand zu kühlen,
unterm busch, im feuchten schilf. hört es schnaufen! seht es wühlen,
schaut, wie stroblich seine borsten, wie so lang die waffen sein!
Brockes 6, 227;
alles jagt man mit falken,
nur nicht das wilde schwein.
Göthe 5, 121;
in der kunstsprache des weidwerks heiszt das wilde schwein: im vierten (jahre) ein angehendes, im fünfften ein hauendes und im sechsten ein haupt-schwein. öcon. lex. 2251; es wird gehetzt, nicht gejagt:
so thut auch kein jäger nit sagen,
das man ein wiltes schwein thu jagen,
sonder man sagt, man thu es hetzen.
J. Ayrer 326ᵃ (1632, 10).
4)
schwein ferner von anderen fremden arten, und (in zusammensetzungen) von schweinähnlichen oder einem schweine verglichenen thieren: das moschusschwein, bisamschwein, nabelschwein. Nemnich 4, 1408; das äthiopische schwein. ebenda; vgl. dorn-, meer-, stachelschwein.
5)
schwein, im sprichwort, in redensarten und dergleichen; in bezug auf das zahme schwein: viele schweine machen den trank dünn. man mästet das schwein nicht um des schweines willen. schweine kümmern sich nicht um köstliche salben. er giebt gern zu essen, aber nur seinen schweinen. alte schweine haben harte mäuler. Simrock sprichw. 507;
wer will hadern um ein schwein,
nehm die wurst und lasz es sein.
ebenda;
um eine unziemliche vertraulichkeit rügend zurückzuweisen, heiszt es: wo haben wir zusammen die schweine gehütet? ebenda (anspielung auf die parabel vom verlorenen sohn, Luc. 15, 11 ff.); von einem sonst dummen, der etwas richtig löst oder rät: ein blindes schwein findet auch manchmal eine eichel; Moriz, du bist ein groszer mann — oder es hat ein blindes schwein eine eichel gefunden. Schiller 2, 41 (räuber 1, 2);
ihr kennet jenes alte wort,
ihr wiszt: es findet hier und dort
ein schwein auch eine perle.
Uhland ged. 66;
perlen vor die schweine werfen: enwerfet niht, spricht er, die margariten, daʒ ist gotes wort, vor die swin, daʒ ist vor die unreinen. altd. predigten 1 (1886), 61, 40 Schönbach; der wirft die margrieʒin und daʒ edele gesteine und gesmide vor die swin. 117, 10; etwas geht vor die schweine, zu grunde (sonst vor die hunde, vgl. theil 4, 2, 1916): und da ich diese dinger nie zusammen drucken lassen werde, so gehe die emendation mit dem Hendelschen papier vor die schweine. F. A. Wolf an C. G. Schütz (in des letzteren leben 1, 468); ein schwein im leibe haben, unvernünftig handeln (in der studentensprache 1795) Kluge deutsche studentenspr. (1895) 125ᵃ; dumm, faul, gefräszig, schmutzig, dreckig sein wie ein schwein, einen oder sich halten wie ein schwein; ich aber wartete auf mit einem deller in der hand, wie mich der hofmeister anwiese, in welches ich mich zu schicken wuste, wie ein esel ins schachspiel und ein schwein zur maultrommel. Simplic. 1, 79 Kurz; wie die schwein zum trog lauffen zu heiligen dingen. Dentzler 2, 259ᵃ; ich horchte wie ein schwein am garten. arm. mann im Tockenburg 136; die weiber ziehen die ganze woche daher wie schweine. Göttingen nach seiner eigentlichen beschaffenheit (Lausanne 1791) 232; in niederdeutschen vergleichen: wie ein schwein schmutzig sein, grunzen, wühlen, abgehen, weggehen wie das schwein vom trog. korrespondenzblatt des vereins für nd. sprachforschung 3, 53; besâpen wi'n swîn, bi den trog fallen as'n swien, gnurren as'n swien. 4, 51;
der foule legerære,
der sich mestet als ein swîn.
H. v. Neustadt Apollonius 12170;
der sich über die schüʒʒel habet,
sô er iʒʒet, als ein swîn,
und gar unsûberlîche snabet
und smatzet mit dem munde sîn.
des Tanhausers hofzucht bei Haupt 6, 489, 42;
und uberfult sich mit wein,
als ein unvernünftig schwein.
meister Rennaus 364 (Wagners archiv 1, 28);
ein ehmann sol gedültig sein,
sein weib nicht halten wie ein schwein.
Luther 8, 345ᵇ;
also soll auch eins weibs verstand
nicht raichen uber jren stand,
soll, wie man inn eim sprüchwort redt,
wie ein schwein für sich sehen stät,
das ist, soll inn jr haus nur sehen,
und höher sachen nicht ausspähen.
Fischart dicht. 3, 266, 150;
darumb bin ich nit faul allein,
sondern auch gfräszig wie ein schwein.
Wagners archiv 1, 76;
hab glegen im dreck wie ein schwein.
Hollonius somn. vitae humanae s. 60 neudr.;
lag und blutet gleich wie ein schwein.
froschmäus. R 1ᵃ;
in älterer sprache auch in bezug auf das wilde schwein:
di fuhten sô di wilden swîn.
Lamprecht Alexander 1317;
er was kûne sam ein swîn.
livl. reimchr. 4222;
der lief in an als ein swîn.
H. v. Neustadt Apollonius 9372.
6)
schwein, übertragen auf schmutzige, unflätige, niedrige, zotige, auch widerlich fette menschen, als schimpfwort: schwein etiam dicitur homo sordidus, coenosus, lutulentus Stieler 1967; er ist ein rechtes schwein, coenositate porcum superat Steinbach 2, 540; siehst du, was die reinlichkeit für eine nöthige tugend ist? man sollte dich bey einem haare für einen spitzbuben halten, und du bist doch nur ein schwein. Lessing 1, 479; ich meine den Hedderich! es musz eine lust sein, solch ein fettes schwein in den graben zu werfen. Alexis hosen des hrn. v. Bredow 75;
ich wil das grobe schwein
hiemit (mit schlägen) bald bringen auf die bein.
Hollonius somn. vitae hum. 21 neudruck;
sicher wäre zwar bei Juden Pravus, weil er ist ein schwein:
weil er aber auch ein ochse, würd er doch nicht sicher sein.
Logau 2, 222, 69;
und dasz ich viel in wenig schliesze: er war ein philosophisch schwein.
Günther 432;
drum wühle du, ein andres schwein,
nur immer den rüssel in den boden hinein.
Göthe 3, 200;
doppelt schwein! (Brander zu Frosch.)
12, 103;
da kam er denn in den laden herein,
sagt: verflucht! das sind mir schwein'!
wie alles durch einander steht!
müszts einrichten nach dem alphabet.
13, 59;
auch von einem unreinlichen thiere:
gevatter küster soll mir seine (perrücke) borgen,
in meine hätt' die katze heute morgen
gejungt, das schwein!
H. v. Kleist zerbrochner krug, 2. auftritt;
eine burschikose halbdeutsche redensart en schwein will eine verwandelung des menschen in der trunkenheit zeichnen: ein wohlbekannter, nicht sehr magerer freund, der mehr getrunken als gegessen hatte, .. kam jetzt in allzugutem humor, d. h. ganz en schwein, vorbeigerannt. H. Heine 1, 98.
7)
schwein, im aberglauben.
a)
unglück bedeutend: schweine und alte weiber bedeuten unglück, schafe und junge mädchen glück; wer danach die jagd einrichtet, wird nie betrogen. Immermann 8, 21; ein schwein gewinnen, sich blamieren, vgl. das ausgeführte ironische bild bei N. Manuel:
es wäre gar z'vil eren,
das da sölt ein einig man
ein schwin mit siben färlin dran
gewinnen mit sim leren!
204, 2 Bächtold und die anmerkung dazu.
b)
aber auch glück bezeichnend, vgl. dazu sau theil 8, 1847; in der studentensprache: schwein, gränzenloses schwein, glück Kluge studentensprache 125ᵃ; des is schwein, dasz de noch uf bist, ich hob en dorscht, ich kennt de Rhei aussaufe. Streff des burschen heimkehr s. 51; schwein im spiele, im examen haben.
8)
schwein übertragen, klecks, fleck, grober fehler: schwein, menda et macula Stieler 1367; schwein, improprie, was beschmutzt ist worden, ein fleck, klecks, macula scripturae Steinbach 2, 540; vgl. sau theil 8, 1846.
9)
schwein im schiffsbaue das inwendig auf dem schiffsboden längst dem kiele liegende starke holz, worein der mast gezapfet ist. Adelung; vgl. dazu kielschwein theil 5, 681.
10)
als erster theil in zusammensetzungen gehen die formen schwein-, schweine- und die erst früh nhd. aufgekommene schweins- neben einander her. sie sind im nachfolgenden unter der form schwein- untergebracht.
Zitationshilfe
„schwein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/schwein>, abgerufen am 08.12.2019.

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