Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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selbständig, selbständigkeit, adj.f.

selbständig, -keit, adj.,f.,
s. selbstständig(keit).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 457, Z. 34.

selbsthändig, adj.

selbsthändig, adj.:
oder sie erwehle sich den nechsten ort, wo sie ir kümmerliches leben selbsthändig abschneiden könte. polit. stockf. 354; ja der Bastarnen könig Deldo selbsthändig von des Crassus jüngstem sohne getödtet ward. Lohenstein Arm. 1, 230ᵇ; die frauen und jungfrauen zu Heraclea hätten sich lieber selbsthändig getödtet. 280ᵃ;
so wolt' er durch sein blutt selbsthändig ihn versöhnen.
Cleop. 35 (2, 57);
dasz nichts bey kräfften blieb,
was nicht Cleopatra selbst händig unterschrieb.
41 (264);
jetzt dafür eigenhändig.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 476, Z. 68.

selbstständig, adj.

selbstständig, adj.
für sich bestehend, unabhängig. Adelung; substantialis Frisch 2, 262ᵇ; so schon mnd. sulfstandich Schiller - Lübben 4, 466ᵇ; dagegen mhd. dafür selpstênde Lexer hwb. 2, 870: dâ von erkennet er (gott) in vorgênden bilden al anevelligiu wesen alse diu selbstênden wesen. Eckhart 327, 27; substantia ... (ein) selbstende wesen. Dief. gloss. 561ᶜ; vgl. persona ... selpsende (l. selpstênde, od. selpsînde?). 430ᵃ. ob dieses die vorstufe des nhd. selbständig (das seit dem 15. jh. begegnet: selbstendiglich im voc. v. 1482 s. Weigand und selbstständigkeit) ist, wie Weigand 2, 693 will, musz dahingestellt bleiben. jedenfalls überwiegt in der ältern sprache selbständig entschieden. so besonders deutlich: wir christen glauben und bekennen, dasz das ewige wort gottes des vatters ... ist ein wahrer selb-ständiger mensch, mit leib und seel worden in der jungfrawen Marien leibe. J. Böhme 3 princip. 244. daneben auch mit selbs als erstem theil: warumb nomen auff teütsch ain nam, haisse ain wesentlich, selbsstendig od. zufellig ding. Ickelsamer t. gramm. s. 3 Kohler. vgl. Weigand 2, 693. auch in neuerer zeit ist die schreibung selbständig wieder üblich geworden; schon Campe redet ihr das wort, Weigand a. a. o. und Andresen sprachgebr.⁷ 18, volksetym.⁴ 269 treten für sie ein, und die preuszische schulorthographie hat sie officiell angenommen. doch läszt sich dagegen folgendes einwenden:
1)
in allen andern heute wirklich lebendigen zusammensetzungen wird als erster theil deutlich selbst empfunden (vgl. das. II, 6, selb II, 7).
2)
selbst in den andern compositen, deren zweiter theil mit st beginnt (selbststand, -streit u. s. w.), gestatten die sprachlichen thatsachen nicht die vereinfachung des st.
3)
dasz auch bei diesem worte das unbefangene sprachgefühl heute entschieden selbst- als erstes glied empfindet, beweisen besonders fälle wie: mit der einfachheit wächst der reichthum, ... die selbst- und vollständigkeit des gliedes mit der des ganzen. Novalis 3, 70 Meiszner.
4)
auch, dasz nur einfaches st gesprochen würde, ist nicht ganz richtig; man spricht zwar nicht die gruppe zweimal getrennt nach einander, sondern die beiden st flieszen, wie immer, wo sie ohne pause zusammenstoszen, in einen langen doppellaut zusammen, wobei sowol s wie t gedehnt, und die silbengrenze zwischen beide bez. noch in das s verlegt wird, und es entsteht ein ganz ähnliches lautbild wie bei bist du, hast du u. s. w., wo auch weder bi-stu noch bist-du (mit doppelter explosion) gesprochen wird. ich halte daher die schreibung selb-ständig etymologisch wie phonetisch für unberechtigt. vgl. auch selbstständigkeit. gebrauch: zunächst von dem, was substanz ist, im gegensatz zum accidens; auch geradezu als grammatischer ausdruck (vom substantiv): selb-ständig, selb-wesentlich, adj. sossistente da per se, sostantivo, it. sostantiale. ein selbständiges etc. wort, nome sustantivo Kramer dict. 2, 764ᵃ; selbstständig, substantivum. Stieler nachsch. 27ᵃ, daneben: selbständig beywort, adjectivum. 2578; selbst-ständig, adj.: substantialis. Frisch 2, 262ᵇ. von allem, was zu seinem bestehen oder auch zu seiner begreiflichkeit keines andern dinges bedarf. Campe: welcher (der rose) schönheit nicht so wohl in einem selbständigen wesen, sondern nur in einem bey- und baufälligen dinge bestünde. Lohenstein Arm. 1, 1398ᵇ; die sprache hat abstrakte begriffe zu selbständigen wesen erhoben. Lessing 7, 60. im vollsten sinne von gott, der den grund seines seins in sich enthält: wie ihn auch die griechische sprache ὂν, den wesenden und ὑφιστάμενον oder selbständigen gott anruft. Mathesius Luther;
selbständiger! hochheiliger! allseliger, ... gott!
Klopstock 6, 260 (Mess. 20).
in bezug auf die menschwerdung Christi, der bisher als eine accidenz (wort, weisheit) gottes gedacht, dadurch substanz, person wird ('leibhaftig'):
die freudenreiche nacht,
in der das wahre licht selbständig uns erschienen.
A. Gryphius 1, 69 (Leo Arm. 4, 362).
doch auch: weil Christus Jesus die selbstendige und ewige weiszheit gottes, dieselbige (die 'himlischen wollüst') ... uns armen menschen erworben hat. Meyfart d. himml. Jerusalem (1630) 2, 217. vgl. noch: der geist gottes in seinem worte offenbart sich wie das selbstständige — in knechtsgestalt. Hamann 1, 50. in der ältern sprache auch von menschen zuweilen mit der bedeutung leibhaftig: Erato erstarrete über dem anblicke Ismenens, unwissende: ob sie sie für die selbständige Jsmene oder für ein gespenste halten solte. Lohenstein Arm. 2, 457ᵇ. gewöhnlich, für sich bestehend; individuell: hundert jahre früher waren es wenige starke seelen, welche ihr selbständiges leben gegen die gemeingültige mittelmäszigkeit setzen durften. Freytag bilder 3, 2. unabhängig, im wirtschaftlichen oder rechtlichen sinne: selbstständig werden, volljährig, einen eignen hausstand, ein eignes geschäft begründen u. ähnl. so auch von gemeinwesen: es (Braunschweig) musz selbständig bleiben, weil, wenn die zwei stimmen wegfielen, der bundesrat gar nichts mehr bedeuten, Preuszen dort immer die geborne majorität haben würde. Bismarck bei Busch tagebuchbl. 3, 194. als innere, sittliche eigenschaft: ein mensch ist selbständig, wenn er für sich allein stehet und fest stehet in seinen grundsätzen etc. und sich darin nicht wankend machen läszt. Campe. adverbial: selbstständig denken, fühlen, bandeln u. a.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 493, Z. 13.

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Zitationshilfe
„selbständig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/selbst%C3%A4ndig>, abgerufen am 23.01.2022.

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