Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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selde, f.

selde, f.
(mit ĕ) kleines ländliches anwesen, hütte, landschaftlich, früher häufiger und von allgemeinerer bedeutung, etymologisch zu saal gehörig, got. saliþva, nur im pl. saliþvos bezeugt, herberge, μονή, μοναί, κατάλυμα, ξενία. Schulze got. gloss. 295ᵃ; ags. sælþ, wohnung. Bosworth-Toller 811ᵃ, selde, proaula, i. domus coramaula, sumerselde, zetas aestivales, winterselde, zetas hyemales. glossen ebenda 859ᵃ. 934ᵇ. 1236ᵇ; as. selida, wohnung, haus, herberge; anderfrk. selitha, salitha, wohnung, herberge, hütte; ahd. salida, selitha, selida, seleda, selda, domicilium, mansio, tugurium, habitaculum, tabernaculum, domus, nidus, officina, mappale. Graff 6, 177, mhd. selide, selede, selde, sölde, md. solde, wohnung, haus, herberge, bauernhaus, hütte, sowie der dazu gehörige grund und boden. Lexer mhd. hdw. 2, 852, in letzterer anwendung landschaftlich auch noch nhd., meist in den formen selde, sälde. Birlinger 385ᵇ, sölde Schmid 497, selden, sölden, seld, söld. Schm.² 2, 268. 269. namentlich gilt es als bezeichnung eines kleinen eigentlich nicht selbständigen, frohn- oder zinspflichtigen ländlichen anwesens. Schm. a. a. o. Schmid erklärt a. a. o. kleines bauerngut von einer bis vier jauchert in jeder flur: item die selden, lehen und huben soll man nit zertrennen unvergont mius gn. h. von Hirsou, es wer dann in erbfalls wis oder ein kind uszustüren, doch das daruf ouch zimlich zins gelegt werd. weisth. 6, 314, 21 (Schwaben, v. 1424); dar nach witer anpringung und verwilligung gescheen durch all ander herschaft so güter und sölden daselbst habend. 239 (Schwaben, v. 1487); sedelhof samt den dreyen selden darzu gehörig. quelle v. 1526 bei Schm.² 2, 268; derselb baur war sunst auch irrig und widerwertig und sasz auf einer söld, die geheret dem Reymundus Fugger zue. d. städtechron. 23, 244, anm. 1 (Augsburg, v. 1529); die leser (hülfsgeistlichen) haben zuͦ Langeneiffen etlich selden und ecker gehept. 237, 12 (Augsburg, v. 1534); zu wissen, das nachvolgend lehengüeter und sælden zu Mecklingen und die inhaber der selbigen von alter dem closter Anhausen mit aller oberkait, gebot und verboten underworfen seien. weisth. 6, 310, 1 (Schwaben, v. 1588); auf selbiger seiten bis in den Weilerbach hinab an Tobias Widenmanns, Nördlinger, sölden. 279, 28 (Schwaben, v. 1686). vgl. auch Frisch 2, 262ᶜ. verhältnis der selde zum hofe, zur hube (hufe): a. 1445 gibt eine selden 12 dn. steuer, während der hof 9 szl. dn. gibt. Schm.² 2, 269; a. 1501 findet man von einer abgabe auf einen hof 28, auf eine hueb 15, auf eine selden 10 kreuzer gelegt. ebenda; in akten von 1595 wird ein hof mit 100, eine hueb mit 50, eine sölden mit 25 fl. besteuert. ebenda; ain hof, ain hueb, ain söld ist dem andern in diszem landt ganz ungleich. quelle v. 1605 ebenda; und wan aber ainer peunten (einzäunen) will, so soll er allemahl den dritten acker einzeun, so er hat in demselben feld, an wismat ain ganzer hof ain ganz tagwerck, ain halber hof ain halbs tagwerck, ain hueben und lechen iedes nach seiner grösse, ain sölden als weit, so lang ross und pflueg ist, einfachen mag. Salzb. taid. (1870) 96, 1 (v. 1671); die alte bair. polizeiordn. (von wann?) bestimmt das seelgerät für den besitzer eines ganzen hofes auf 12, für den einer hub auf 6, für den einer sölden auf 3 szl. dn. Schm.² 2, 269. unterschieden werden leere selden (häuser mit keinem oder wenig zugehörigem land), deren der ganze hof 16 enthält, und gute selden oder bauselden, deren nach dem ehemaligen hoffusz 8 auf den ganzen hof gerechnet werden. doch ist dies verhältnis nicht ganz feststehend. Schm.² 2, 268. die ersteren heiszen auch schlechte: bausölden sind nach Chlingensberg de jure hofmarch. praedia, quae agris, pratis et fundis, sed paucioribus quam quartarius (der viertelhofsbesitzer) sunt instructa, ut aliquibus in locis 8 bausölden, alibi 14 uni integro manso (hof) aequiparent, schlechte oder läre sölden aber, so kain bau haben, und deren zuweilen 16, zuweilen 20, 24 einem ganze hofe gleich. ebenda. ebenso einfache: a. 1682 gibt der hof 5 fl., der halbe 3, der drittelshof 2 fl. 30 kr., das lehen oder der viertelshof 2 fl., ein bausölden, dabei man etwas anbauen und vich unterhalten kann, 1 fl. 30 kr., ein einfache sölden, dabey nichts als ein gärtl oder auch sovil nit ist, 1 fl. als landdefensionsbeitrag. nach der alten bair. polizeiordnung darf ein hof 24, eine hub 12, eine bausölden 8, ein söldner, der nichts zu bauen hat, nur 4 schafe halten. ebenda. im bair. unterland hat der besitzer einer bauselden in der regel nur ein paar ochsen, im oberland auch wol ein paar pferde, um seinen feldbau zu versehen. ebenda. die selden (seln, söllen) für die arbeiter in gebirgswaldungen ist nur eine hütte aus baumstämmen. 268, sölde, sölden, sölln, f. für holzarbeiter im walde bestimmte hütte. Schöpf 679.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 510, Z. 40.

selde, f.

selde, f.
(mit offnem ē) glück, heil, segen, veraltet, ahd. sâlitha, sâlida sâlda. Graff 6, 181, mhd. sâlide, sælde, md. sêlde, sâlde Lexer mhd. hdwb. 2, 579; as. sâlda, mnd. sâlde Schiller-Lübben 4, 14ᵇ, sêlde. 179ᵃ; ags. sæ̂lþ. Bosworth-Toller 811ᵃ; aisl. sæ̂lđ, in zusammensetzungen. Cleasby-Vigfusson 617ᵇ; etymologisch verwandt mit selig (s. dies), lat. salvus, gr. ὅλος. Schade etym. wb.⁴ 2, 739ᵃ. 735ᵇ. das wort ist noch aus dem 15. und 16. jh. zu belegen, als selde, sälde, salde, natürlich auch verkürzt, seld u. s. w., gerät dann aber in vergessenheit: nun sich ich den waren got, das ist mir ein grosze seld hie auf erden. heiligen leben (1472) 5ᵇ; das er uns hie mit selden lasz leben. 30ᵇ;
das dir got dein laid verkêre ...
und dir dein selden mêre.
Oswald v. Wolkenstein 58, 1, 9;
in des paradeis plute
wachst uns der selde gras.
Wackernagel kirchenlied 2, nr. 641, 7;
da ward ein lauf in Peters hausz
von den bewrin auf den wälden,
erachten das ihr seel selden,
welch Petern viel tuch geben theten.
histori Peter Lewen 1302 Bobertag.
mit selden leben:
herr, die tochter ist euch (zum weibe) gegeben;
got lasz euch lang mit selden leben.
fastn. sp. 499, 29 Keller;
nu gedenk und merk eben,
so ir mit selden müst leben!
777, 21.
in seld, selden stahn (stehen): wie selten yemand sein arg leben, dieweil er in selden stat, enderet. quelle von 1485 bei Schm.² 2, 253;
dann alles fleisch auff erden gar
ist hew und seine güt fürwar.
ist wie ein bluͦm dausz auff dem feld
die stath zierlich in reicher seld,
fallet zuͦ letzt vom wind hinweck.
Wickram irr reit. bilger 7ᵃ.
die form selden in den obigen belegen kann eine schwache gen. dat. acc.-form sing. sein, wie sie frühnhd. auch sonst zu eigentlich stark flectierenden fem. gebildet werden. sie kann aber auch als plur.-form aufgefaszt werden, denn das wort erscheint auch frühnhd., wie in alter zeit oft, in sicher pluralischer anwendang: es gieng im gar wol in allen sachen an seel und leib, und meeret sich sein lob und sein eer in groszen sälden, und er nam gröszlich zu an zeitlichem gut. quelle bei Scherz-Oberlin 1353. selde mit sinnverwandten ausdrücken verbunden: das wir gottsdienst ehren, mehren, und würden wollen durch unser selbs hayl und sald willen. quelle des 15. jh. ebenda; wenn ein geistlicher mensch aus seinem orden kumpt, do volget im weder glück noch seld nimmer mer. heiligen leben (1472) 65ᵇ; da von dem siechen unnd dir (dem arzt) gelück unnd seld aufferstad. Braunschweig chir. (1539) 2ᵇ;
dem könig sey freud, trost und seld.
H. Sachs 16, 167, 6 Keller-Götze.
merkwürdig ist die folgende stelle:
die pauren han auf den feiel geschissen.
wir wollen in alles hart seld fluchen.
fastn. sp. 193, 9 Keller.
falls keine verderbnis des textes vorliegt, ist in wol als dat. plur. und hart seld als zu fluchen gehöriger acc. aufzufassen. hart seld könnte demnach nur 'unglück' heiszen. alles läszt sich als adverb erklären, könnte aber auch zu seld gehören, das dann hier n. sein müszte. aus dem 14. jh. ist ein anscheinend neutrales sêlden bezeugt: wir wunschen allen den, di disen prief an sehent und hœrent, alles sêlden und alles guote. quelle bei Lexer mhd. hdwb. 2, 580.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 511, Z. 40.

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Zitationshilfe
„selde“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/selde>.

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