Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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seele, f.

seele, f.
anima.
I.
formales.
1)
ein gemeingermanisches wort (grundform saiwalô, auch saiwlô?) von noch nicht aufgeklärter herkunft und verwandtschaft. früher stellte man es gewöhnlich mit see (urg. *saiwiz) zusammen, was lautlich sehr gut stimmt, rücksichtlich der bedeutung sich aber nur durch künstliche, wenig einleuchtende construktionen vermitteln läszt, vgl.: bei dem worte seele sah der Deutsche noch das rastlose wogen der bewegten see vor sich, welcher er die unablässig arbeitende gewalt seines innern verglich. Freytag bilder 1, 295. so J. Grimm myth.⁴ 689. gramm. 2, 99. auch die zusammenstellungen mit lat. saevus, gr. αίϜόλος befriedigen nicht, da sie ebenfalls die entwickelung der bedeutung unerklärt lassen. Kluge⁵ 344ᵃ weist auf lat. saeculum hin, indem er als grundbedeutung 'lebenskraft' annimmt, aber dieses wort, das sich in derselben bedeutung ('menschenalter') auch im keltischen als *saitlo-, cymr. hoedl, bret. hoetl, hoedl, hoazl, hoal wiederfindet (Fick⁴ 2, 294), wird man nicht von der wurzel sê 'säen' trennen (vgl. got. manaseþs), und dann liegt sowol die lautform (von sē- ausgehend müszte man dreifache ableitung mit j, w und l annehmen!) als auch die bedeutung zu weit ab, da man nach der analogie der ausdrücke für seele in andern sprachen als grundbedeutung die des wehens oder athmens erwartet (vgl. anima, ψυχή, slav. dus̀a, hebr. rûach u. a. m.). der bedeutung wäre die bei Fick³ 3, 313 vermutete verwandtschaft mit su- 'erregen' angemessener, doch versteht man dabei nicht, woher der diphthong der ersten silbe stammt. auch die neueste, von zwei seiten selbstständig vorgebrachte etymologie, die seele mit lit. sylà, slav. sila 'kraft, gewalt, eile' zusammenstellt, ist nicht recht überzeugend, vgl. Per Persson in Bezzenbergers beitr. 19, 276—9. Mikkola ebenda 21, 221 f. andre zusammenstellungen (zu sehen, lat. sibilare u. s. w.), die meist deutlich den stempel der unmöglichkeit an der stirn tragen, hier zu besprechen, wäre zwecklos. nachweise bei Schade altd. wb.² 757ᵇ. Hintner 204.
2)
die formen der einzelnen germ. sprachen sind: got. saiwala; altn. sál, so'l (vgl. Grimm gramm. 1³, 458), dagegen ostnord. sial, siæl (runisch siol), sæl, gothl. sail, wofür Mikkola a. a. o. die grundformen *sîw(a)lô und *saiwilô ansetzt. (aus dem schwed. stammen finn. sielu, lapp. siello, -u, siælo, s. Thomsen s. 169.) heute lauten die nordischen formen: norw. saal, sæl, sjæl. Aasen 637ᵇ, schwed. själ, dän. sjæl. ags. sâwel, -ol, -ul, sâwl, sâul Bosworth-Toller 818ᵇ; vgl. J. Grimm gramm. 1³, 399, daraus mittelengl. saule, soule, engl. soul, s. Skeat 575ᵇ. im deutschen ist *saiw(a)lô zunächst überall in sêula, sêola übergegangen, dann spaltet sich die entwicklung: theilweise ist das aus w entstandene u, o aufgegeben (wie in snêo, sêo), theilweise mit dem zu e gekürzten ê zum diphthong vereinigt, um die überlange silbe sêo- zu vereinfachen, vgl. zur erklärung dieser vorgänge Grimm gramm. 1, 29. 90. 1³, 94, 117. Paul beitr. 7, 168. Kluge indog. forsch. 4, 310 und v. Helten in Paul-Braunes beitr. 20, 508 ff. der letztere weg ist beschritten im niederländischen. mnl. siele, holl. ziel, vgl. Franck 1205. J. Grimm gramm. 1³, 297. 303. siola findet sich auch vereinzelt im Mon. des Hel. auffällig ist dagegen, dasz die anfr. psalmen gewöhnlich sêla, daneben sîla (aber kein siola, siela) haben, s. Heyne kl. altnd. denkmäler² 171ᵃ, vergl. Paul beitr. 7, 86. die übrigen sprachen sind den andern weg gegangen: altfries. sele, nur vereinzelt siel(e) Richthofen 1004, vgl. Pauls grundr. 1, 738. 763. daraus in den neuern fries. mundarten siel, -e, sîel, sîl, ostfries. zeehl, saterländ. sêle, wang. sœ̂il, nordfries. siel, sîal, sîæl, sêl(e), s. Siebs engl.-fries. sprache 1, 268. im deutschen ist das o, u im 9. jahrh. noch vorhanden: alts. sêola (in der bibeldichtung, im Mon. auch siola, also mit diphthong, s. oben), daraus mnd. sele, seele, auch seile Schiller-Lübben 4, 180ᵃ; ahd. findet sich sêula nur éinmal in der Isidorübers. (chiliihheda iru in imu mîneru sêulu 18, 19 Hench), und zweimal in den Monseer fragm., vgl. dazu v. Helten beitr. 20, 509 und besonders R. Kögel, anz. f. d. alterth. 19, 227, der es zu den nd.-nfr. spuren des denkmals zählt. sonst ahd. stets sêla, s. Graff 6, 183 f. Braune ahd. gramm. § 108 anm. 1; mhd. sêle Lexer handwb. 2, 862 f. vgl. noch Weigand 2, 679. Grimm gramm. 2, 99 f. 119. 3, 390.
3)
die flexion ist überall die starke. so auch im ahd. ausnahmslos. im mhd. ist dagegen in weitem umfange schwache flexion eingetreten, s. Weinhold mhd. gr.² s. 500. die bewegung geht vom Nordwesten aus. sie findet sich zuerst, und consequent in den nfr. psalmen (dat. sg. sêlon, acc. pl. sêlun, -on, s. Heyne kl. altnd. denkm.² s. 171ᵃ). im 12. jh. ist sie schon am mitteldeutschen Rhein verbreitet; so wird siele in dem mfr. legendar aus dem anf. desselben nur flach flektiert, s. Busch zschr. f. d. phil. 10, 326. ebenso steht schwaches sêlen z. b. in Lamprechts Alexander (6868, s. unten). im alem. ist der schwache plural seit etwa 1250 nachzuweisen, so z. b.:
nû hôrte ich sagen mære,   ein man unde ein wîp,
dâ die mit einander lebten,   daʒ wære ein lîp
unde zwô sêlen.
Wolfdietrich D IX, 4,
vgl. d. anm. dazu (heldenb. 4, s. 338 f.) und ztschr. f. d. alterth. 16, 478, wo Jänicke zahlreiche beispiele zusammengestellt hat. nicht selten findet sich starke und schwache flexion neben einander, so z. b. in den Trebnitzer psalmen (s. s. lxxxiv unten), im Alsfelder passionssp. (s. d. gloss.). — umgekehrt findet sich im gen. plur., wo das ahd. bei sêla regelmäszig die gewöhnliche schwache form sêlôno, -on zeigt, im mhd. vereinzelt noch die urspr. kürzere bildung sêle, so:
ô wol dir, Gabrîêles munt!
dû tæte ein kint der reinen   minniclîchen megde kunt:
dêst reiner herzen wunne   unt Cristen sêle ein immer wernder hort.
Reinmar v. Zweter 15, 3,
wo man trotz Roethes widerspruch (s. d. anm.) doch wol den gen. plur. annehmen wird;
aller sêl ein liuhtevaʒ.
Marner s. 158, 7 Strauch;
daʒ vil sêle sint bî im.
Ottokar reimchron. 52425 Seemüller (weitere stellen s. im glossar);
daʒ tzaichen hat manik tausent sel
erlöst von hell fewrs quel.
Suchenwirt 41, 1251.
vielleicht ist die form demnach eine österreichische eigenthümlichkeit.im nhd. ist wie bei allen fem. der ô-declination schwache flexion des plurals regel geworden; aber auch im sing. finden sich schwache formen ungemein häufig und zwar bis gegen ende des vorigen jahrh. so schreibt noch Göthe im Götz von Berl. 5 (erste ausg. v. 1773 und in den schriften v. 1787): die finsternisz seiner seelen, während die ausg. letzter hand seele ändert, s. Weim. ausg. 8, 338 (lesarten zu 158, 5) und d. ausg. v. Schröer (in der d. nat.-litt., werke bd. 8), s. 226, 6. und selbst noch Tieck 4, 333: ach theuerste Magelone! rief Peter in der höchsten betrübnisz seiner seelen heftig aus (Magelone 11, zuerst gedruckt 1796). — im zusammenhange mit der flexion steht auch die gestalt, die seele (als erster theil) in den zahllosen zusammensetzungen annimmt. im ahd. und alts. fehlen sie noch fast ganz (sêllôsunga, elemosine. Notker ps. 83, 4 —?), im mhd., wo ihre zahl bereits gewaltig anwächst, erscheint sêle- und überwiegend sêl-, daneben seit dem 14. jahrh. vereinzelt sêlen-, s. Lexer handwb. 2, 861 ff. Grimm gramm. 2, 475. im nhd. hat sich seel- in einigen aus der alten sprache überkommenen wörtern (seelamt, -bad, -gerät, -messe, -sorge u. a.) festgesetzt, die allgemein übliche und allein vermehrungsfähige weise ist dagegen zusammensetzung mit seelen-.
4)
sonst finden sich kaum abweichungen der lautform (von der gewöhnlichen apokope des e, und lediglich orthographischen varianten, wie sele, seele, sehle abgesehen, wozu wol auch sell Zimm. chron.² 4, 98, 19, s. II, 2, d, α, zu rechnen ist). die ältern nd. mundarten kennen seile neben sele, die nieder- und mittelfränkischen siele, vgl. oben. im ältern nhd. begegnet vereinzelt die schreibung söl, besonders bei Fischart; so flöhhaz 422 und 425 (dicht. 2, 14 Kurz, s. II, 15, b, ι) und:
aus ainem grüblin der rotaͤüglin,
tarinn man sölen fangt mit läuglin.
dicht. 3, 89, 95.
5)
formen lebender mundarten: schweiz. sél Hunziker 238, schwäb. seəl, sail, bair. sêl, oberpf. sèil Schm. 2, 256, österr. seel Hügel 148ᵃ, tirol. sêl', seal' Schöpf 668, söele (demin. söelile) Hintner 204, seal Zing. 50ᵇ, kärnt. seale Lexer 231, cimbr. seela cimbr. wb. 230ᵃ; mitteldeutsch nur selten verzeichnet, wol meist mit der schriftsprache gleichlautend: henneb. sîel, sêal, sêäl, sêel Frommann 5, 267, 20; ebenso nd. sele. seel(e) sieh Strodtmann 209. brem. wb. 4, 746. Schütze 4, 88 (säel gesprochen). Dähnert 419ᵇ. Danneil 191ᵃ. Mi 78ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 171ᵇ f. Schambach 189ᵇ. Woeste 235ᵃ (neben sêle auch min sail).
II.
bedeutung.
1)
seele als der innere, geistige theil des menschlichen wesens, im allgemeinen.
a)
anima sele, sel, seel, zele, seyle, leben, lip, blut, gedancke, wille. Dief. gloss. 35ᵇ; endelechia vel endolochia, eyn reyne sele. voc. v. 1417, s. nov. gloss. 150ᵃ; seele, f. geist, m. l'ame, l'esprit. Hulsius 294ᵇ; seel, et seele, die, plur. die seelen, anima, spiritus hominis. Stieler 1991.
b)
definitionen und charakterisierungen (vgl. über Eckharts ansicht von der seele zeitschr. f. d. phil. 16, 41—46): disiu lîplîchiu dinc berihtet ein geborner, der niht lîplich ist: daʒ ist diu sêle .. si ist wîsheit, si ist leben, si ist wille, si ist kraft in ir selber und ist deme irdenischen lîbe în gegoʒʒen wunderlîche, daʒ si ime leben gît und enpfindunge unde begerunge unde zuonemen. David v. Augsburg, s. zschr. f. d. alterth. 9, 30; wente sele heth anders nicht alse unse levendt, dath dar redet, höret, süet, ett, drincket. quelle bei Schiller-Lübben 4, 180ᵃ; ich, als denkend, bin ein gegenstand des innern sinnes und heisze seele. Kant 2, 309; so wie nämlich verschiedene kräfte und fähigkeiten diejenige einheit ausmachen, welche die seele oder der innere mensch ist. 3, 102; Aristoteles vergleicht die seele mit der hand, weil diese nämlich das werkzeug aller werkzeuge, jene aber die form aller intellectuellen und sinnlichen formen ist. Hamann 4, 43.
c)
sie bildet unser wahres ich, den kern unsers wesen u. ähnl.: indessen bedürfen wir auch dieser hypothese nicht, um zu begreifen, wie unsre persönlichkeit, oder das, was unser eigentliches ich ausmacht, und was man gewöhnlich unter dem wort seele versteht, nach der trennung vom körper fortdauern könne. Wieland 34, 127 (Aristipp 2, 18);
und meines wesens kern, die seele, freuet sich.
Brockes 1, 24.
vgl. auch: die wahren güter bestehen in deiner seele. Gellert 5, 41. sie wird geradezu als der ganze mensch bezeichnet, s. Lohenstein unter 2, f, α.
d)
die seele als besonderes, vom körper unterschiedenes und selbstständiges wesen geläugnet: welche einbildung den Crates von Thebe so weit verleitet hätte, dasz er keine seele gegläubt, sondern alle der seele sonst zugeeignete würckungen den natürlichen kräfften des bloszen leibes zugeeignet. Lohenstein Arm. 1, 665ᵃ; empfindung ist schwingung einiger saiten ... siehe da! das ist eure unsterbliche seele! Schiller 2, 183 (räuber 5, 1 schausp.). ähnlich: dasz disz, so wir die seel heiszen, seie eine harmonische oder wolgestimpte verbündtnusz und allgemeine form, so ausz den particularformen der humoren, unnd anderen theilen des menschlichen leibs entstande. Fischart Bodin 113ᵇ.
e)
meist wird die seele als ein geist oder geistiges wesen gedacht: dein schöne sel, die da ist ein lawter vernünftiger gotformiger geist. Suso br. s. 71 Preger; wie denn auch die seele ein wahrhaffter geist, und ein bild des groszen schöpfers wäre. Lohenstein Arm. 2, 227ᵃ; wie denn auch unsere seele unwidersprechlich ein geistiges wesen ist, und nichts leibliches an ihr hat. 542ᵃ; gesetzt nun, man hätte bewiesen, die seele des menschen sei ein geist ... so würde die nächste frage, die man thun könnte, etwa diese sein: wo ist der ort dieser menschlichen seele in der körperwelt? Kant 3, 55. — in älterer zeit finden sich auch gröbere, stofflichere vorstellungen: dasz unser Democritus die seele für ein aus eitel sonnenstaube bestehendes wesen; ... Diogenes sie für eine reine lufft, ... Critolaus für den besten auszug aus allen dingen gehalten habe. Lohenstein Arm. 2, 226ᵇ. — vielfach wird ihr wahres wesen als unbekannt bezeichnet: dârumbe ist der sêle enkein dinc als unbekant als si ir selber. Eckhart 5, 19; die rechte gestalt unserer selen, wird uns, das allsehende auge, in jenem leben, erst recht weisen. Butschky Pathmos s. 538; die geheimnisvolle natur der menschlichen seele. Hamann 1, 64; wir kennen unsere seele so wenig, wie unser gesicht, weil wir's nicht studiren. Herder lebensb. 2, 386.
f)
unter ihren eigenschaften wird besonders die unsterblichkeit hervorgehoben: die seelen sind untödtlich, morte carent animae. Maaler 369ᵃ; die seelen sind unsterblich. Corvinus fons lat. 51ᵃ; die unsterbliche seele, anima immortalis. Steinbach 2, 576; das die seel gewisz unsterblich sein musz, wann sie vom leib theilbar und absönderlich seie. Fischart Bodin 113ᵇ; eben so lag schon die lehre von der dauer der seele ... in der mythologischen legende vom Elysium und Tartarus. Hamann 6, 9; hoffnungsreiche betrachtungen über die unsterblichkeit der seele. Freytag 4, 35;
denn so wie ein' ew'ge seele
auch in morschen cörpern leb't.
Brockes 1, 221,
vgl. ferner 20, a.
g)
namentlich hierauf gründet sich die auszerordentliche, alle andern werte übersteigende bewertung der seele: diu sêle ist edeler, sterker unde grœʒer dan alle crêatûre. Eckhart 395, 12; gott schätzt alles geringer als die seel, ja hundert tausend welt .. geringer als die seel, den himmel selbsten geringer als die seel, wir aber verblendte Adams-kinder schätzen alles höher als die seel, zuweilen ein altes paar hosen höher als die seel. Abraham a S. Clara Judas 3, 264; euer erlöser leget die menschliche seele gegen die gantze welt in die wage, und befindet selbige viel theurer und kostbarer als diese .. alles, was hierinnen ist, das ist vergänglich .. allein die seel ist unsterblich, darum wir unsere seelen billich vor das allerkostbarste kleinod .. achten sollen. etw. für alle 2, 270 f. daher redet man auch von dem adel der sêle. Eckhart 416 ff. (überschr.). Keisersberg granatapfel B 6ᵈ (überschr.); du bist auch in warhait edel nach deiner seel schöpfung, die mit jren krefften und mächtigkeit gewirdiget ist von got. ebenda; unnd darumb so nym deines adels wol gewar .. unnd als vil dein seel edler ist dann der leib, so vil mer betracht tag und nacht got und deiner seel zu leben. C 1ᵃ (in anderm sinne 13, a).
h)
seele wird häufig mit synonymen verbunden, so namentlich herz (in übertragenem sinne) und seele: schwärmerische träume, die herz und seele eine zeit lang in wollüstigem schlummer wiegen. Fr. Müller 2, 4 (Faust zuschr.); er hat sich mit herz und seel an diese tochter gehängt. Schiller kab. u. liebe 5, 5;
thaʒ sêla joh thaʒ herza   ruarit sulîh smerza.
Otfrid 4, 26, 42.
ausdrücklich identificiert: der todte buchstube ruffet nicht zu gott, sondern die seele, welche insgemein unter dem nahmen hertz verstanden wird. rockenphil. (1718) 1, 346 (2. cap. 89). andrerseits scheinen sie zweierlei zu sein, wenn neben ihnen auch der leib genannt wird: der ich mit herz, leib und seele dein eigen bin. Göthe briefe 6, 101 (an fr. v. Stein d. 29. nov. 1782). gemüt und seele:
öffne dein gemüt und seele,
klag jhm, was dich drück und quäle.
P. Gerhardt s. 109 Gödeke (38, 55).
beides vereinigt:
wann mein hertz, seel und gantz gemüet
hat euch erwelt für all auff erden.
H. Sachs fastn. sp. 1, 3 neudruck;
stärkere häufung:
nimm hin, es ist mein geist und sinn,
herz, seel und mut.
P. Gerhardt s. 158, 6 Gödeke.
i)
am häufigsten werden indes seele und geist zusammen genannt, doch in verschiedener beziehung, vgl. dazu die ausführliche darstellung Hildebrands unter geist II, 15, th. 4, 1, 2661—4. sie werden meist als identisch gedacht, vgl. z. b.: darumbe nim hin den geist, daʒ ist diu sêle, die man niht siht, sô ist daʒ ouge umbe sus offen. Eckhart 394, 31. doch wird auch oft zwischen beiden ein unterschied constatiert: dar umbe ist diu sêle nâch den obristen kreften ein geist unde nâch den nidristen ein sêle, und alsô ist ein strik zwischen der sêle unt dem geiste in dem einigen wesen. 397, 31—34; der gaist und diu sêl sint underschaiden, wan diu sêl ist ain selpwesigeu form, der werk lebentigeu werk sint. Megenberg 32, 31 f.; denn das wort gottes ist .. scherffer, denn kein zweischneidig schwert, und durch dringet, bis das scheidet seele und geist, auch marck und bein. Hiob 4, 12; oder wie wenn in dem menschen die seele und der geist zwey absondere wesen wären? massen die Griechen von ihrem Hercules beständig erzählen, dasz seine seele im himmel, sein geist in die hölle, sein leib in die erde versetzt worden sey. Lohenstein Arm. 1, 170ᵃ. auch in folgenden stellen werden seele, geist und leib neben einander als drei selbstständige stücke genannt: er aber der gott des friedes, heilige euch durch und durch, und ewer geist gantz sampt der seele und leib. 1 Thess. 5, 23; eine der guten lehranstalten, .. (worin) für den ganzen menschen, für leib, seele und geist möglichst gesorgt ward. Göthe 21, 128;
nû scal geist mînêr,   mit sêlu gifuagtêr,
mit lidin lîchamen   druhtînan diuren.
Otfrid 1, 7, 3.
dies hängt damit zusammen, dasz in dem inneren wesen des menschen mehrere theile unterschieden und zugleich der begriff seele in verschieden weitem umfange genommen wird, sodasz er bald alle fraglichen theile zusammenfaszt (die dann nicht selten als verschiedene seelen bezeichnet werden), bald nur auf einen derselben geht, vgl. darüber 3 und 4.
2)
noch mannigfaltiger sind die beziehungen zwischen seele und leib.
a)
beides gehört zum menschen: ir wiʒet daʒ wol, daʒ der mensche alsô ist gescafen, daʒ er hât beidiu lîb unde sêle. Schönbach pred. 3, 136, 7; sie sind untrennbar verknüpft: und gleichwohl ist dieser körper so unzertrennlich mit meiner seele verknüpft, dasz diese alles fühlt, was in ihm vorgeht. Gellert 5, 41; dasjenige also, was das sicherste zeichen von der vereinigung unserer seele mit dem leibe ist, beschreibt uns Mose als eine wirkung des göttlichen hauches. Hamann 1, 64. obwol sie ganz verschiedener art und verschiedenen ursprungs sind: nû ist diu sêle alsô genzlîche vereinet mit dem lîchamen, daʒ sie êweclîche mit einander belîben sullent, und doch gehœret der lîp zuo der erde unde diu sêle zuo dem himel. Eckhart 237, 6—8. vergl. auch: das dieser leib solte ein geselle der selen seyn, welche sele dermahleins der engel gespilin seyn wird. Butschky Pathmos s. 851; gott hat .. eine harmonie, ein so auszerordentliches band und scheidewand zugleich zwischen den kräften des leibes und der seele ... eingeführt. Hamann 1, 84. die art ihres zusammenhangs ist unbekannt: die art und weise, wie unsre seele mit ihrem körper zusammenhängt, ist eines der unerforschlichsten geheimnisse der natur. Wieland 34, 128 (Aristipp 2, 18).
b)
zwischen beiden herrscht, wenigstens so lange der mensch lebt, vollkommene eintracht, die durch den tod getrennt wird (vgl. dazu 19): das ganze heer von den feindseligen ursachen, wodurch das band der seele mit dem leibe aufhören und getrennt werden kann. Hamann 1, 133; eine ungleich vollkommenere einigkeit als die zwischen seele und leib herrscht. 8, 4; und wie ich nun werde zu werk gehen müssen, diese süsse friedliche eintracht der seele mit ihrem leibe zu stören? Schiller 2, 58 (räuber 2, 1 schauspiel). sie wird zuweilen unter dem bilde der ehe vorstellig gemacht: weil aber die seele nicht den gantzen menschen machte; sondern sie mit dem leibe viel fester, als ein mann mit seinem weibe vermählet wäre .. liesse sie sich verleiten. Lohenstein Arm. 2, 363ᵃ; weil das geheimnisz der ehe zwischen so entgegengesetzten naturen, als der äuszere und innere mensch, oder leib und seele, grosz ist. Hamann 4, 46. der todeskampf wird als ein streit zwischen beiden gedacht:
und sünderlichen zuͦ den zeiten
so sel und leib mit nander streîten.
Schade sat. u. pasqu. 2, 236, 1489.
c)
sehr häufig ist daher die verbindung leib und seele, um den ganzen menschen zu bezeichnen, auch ohne dasz beide theile im zusammenhange völlig zu ihrem rechte kommen: wenn mir gleich leib und seele verschmacht, so bistu doch gott alle zeit meines hertzen trost. ps. 73, 26; als ein schrecklich exempel desz teuffelischen betrugs, leibs und seelen mords. Faustbuch s. 4 neudruck; das reichliche leben, der mangel an bewegung, die frische bergluft, .. wirkten auf seele und leib. Freytag bilder 2, II, 92; der wundermann Ennemoser sah schon die zeit kommen, da die priester .. wieder leib und seele der völker beherrschen würden. Treitschke d. gesch. 2, 84;
biscirmi uns, druhtîn guato,   thero selbûn arabeito
lîchamon joh sêla.
Otfrid 5, 23, 12;
der ist zuo der helle geborn
unde enhât niht mê verlorn
wan beidiu sêle unde lîp.
d. arm. Heinrich 735;
diu zunge reiʒet manegen zorn,
dâ lîp mit sêle wirt verlorn.
Vridanc 164, 9;
und (ich) kund in hiute in den ban,
beide sêl unde lip.
Ottokar reimchron. 2889;
die ander (kunst) ist zutrincken: ...
thut leib und seel vast krencken.
bergreihen s. 43 neudruck (21, 5);
o mädelein!
leib und sele verkaufe ich,
dein junges leben rette ich.
Uhland volksl.² 205 (117, 10);
und hier, welch ein gesicht durchbohrt ihm seel' und leib!
der häszlichste centaur entführt das schönste weib.
Wieland 17, 72 (Idris 2, 2);
und ob ein griechisch weib,
schön wie die morgenröthe,
dir freudig seel' und leib
zum eigenthume böte.
Geibel 3, 19.
die verbindung durch andre glieder erweitert (vgl. 1, i):
doe sent Servâs dar was comen,
die hem sîn golt hadden benomen,
sî verloren vele mêre,
sêle, lîf, goet end êre.
Veldeke Serv. II, 1586;
der her unns allen kumer wennd, ...
sel, ere und leib unns wöl bewaren,
das wir mit fröden von hinnen varen!
Herm. v. Sachsenheim Jesus d. arzt 155;
des wer ich bas gefüdert
an leib, sêl, êr und guͦt.
Oswald v. Wolkenstein 2, 4, 31.
d)
so am gewöhnlichsten nach präpositionen: die dorne suͦndlicher geluͦst .. stechen den menschen .. ame libe und an der sele. Schönbach predigten 1, 275, 15; der charakter festgeprägter formeln zeigt sich meist schon im fehlen des artikels. die üblichen verbindungen sind:
α)
mit leib und seele (seele und leib), z. b. bei etwas sein, jemand angehören u. dergl. (vgl. mit ganzer seele 15, h): es were fürwar kain wunder, ob gleich der böss gaist ein sollichen unverschempten bueben .. mit sell und mit leib hette hingefüert. Zimm. chron.² 4, 98, 19 Barack; zur beweisung, dasz der sathan eigentlich die hexen und hexenmeister mit leib und seel vertrage und verführe. Fischart Bodin 111ᵇ; gleich wie auch der apostel Philippus .. eben dermassen mit leib und seel zu dem kemmerling ausz Morenland ward vertragen. 112ᵃ; ich dachte, ich wäre im paradiese .. mit leib und seele! Chr. F. Weisze d. teufel ist los 2, 5; dasz ich bald merken konnte, er sey ihr mit leib und seele zugethan. Göthe 16, 22; zu ihrem unglück aber fiel es dem irrenden ritter, der unterdesz ganz unten an der tafel mit leib und seele gegessen hatte, ein, sich mit in das gespräch zu mischen. Eichendorff² 2, 79; das rege bild eines mannes .., welcher .. mit leib und seele dieser welt anzugehören schien. Mörike maler Nolten² 2, 183;
(Satanas) dyne hantveste wil ik êrst entfân,
dâr inne salstu dat schryven,
dat du myn willes ewich blyven
mit lyf, mit sele.
Theophilus 630 (u. oft);
dat en dârna de duvel mit lîf unde selen wechhâlde.
dodes danz 1142 Bäthcke;
heil auch dann, wann ich erfahre,
dasz sie, ganz von mir befreit,
einem andern am altare
sich mit leib und seele weiht.
Bürger 44ᵃ;
ich bin dabei mit seel' und leib.
Göthe 12, 95;
nun bin ich euer, ganz mit seel' und leib.
Grillparzer⁴ 5, 42;
nun hast du dich ergeben
mir ganz mit seel' und leib.
Geibel 3, 117.
β)
an seel und leib:
ich was ein verloren wipp
an sele und an lipp.
Alsfeld. pass. 2883;
(Christus) sol uns an leib und sele
jhn alwege bewaren.
bergreihen s. 37 neudr. (17, 8);
wolt jrn straffen an seel und leib,
so rath ich jm, gebt jm ein weib.
B. Waldis Esopus 3, 16, 33;
das mein hertz aller liebstes weib
die aller trewst an seel und leib
wird hin geführet in den todt.
H. Sachs 3, 2, 107ᵇ;
so dasz überhaupt das jahr 1784 unter diejenigen gehört, wovon ich an seel und leib wenig genossen habe. Wieland bei Merck briefs. 1, 435; wir sind im lande herumgeritten.. und (haben) an leib und seele bewegung gehabt. Göthe briefe 3, 215 (den 5. mai 1780 an frau von Stein); das zusammengeklügelte urtheil eines an leib und seele verkrüppelten literarischen matadors. Grillparzer⁴ 11, 255.
γ)
nur in der ältern sprache im gleichen sinne auch zu seel und leib: dem newirt iʒ nimmer vergebn, weder in dirre werlt noch in gener, daʒ ist weder zû lîb noch sêle. Leyser pred. 91, 13; (dasz vermessenheit) ein gewisse ursach sey desz abfalls von gott, der gemeinschafft mit den bösen geistern und verderbens zu leib und seel. Faustbuch s. 4 neudruck.
δ)
seltene wendungen: er hat diese leute nach leib und seele so unverkennbar abgeschildert, als ob sie ihm ausdrücklich dazu gesessen wären. Wieland Luc. 1, 436;
schem dich, Uli, durch sel und lib!
Manuel s. 260 Bächtold (Elsli Tragdenkn. 99).
ε)
vereinzelt auch im absoluten accusativ ohne präpos.: euer sind sie seel und leib. Schiller Fiesko 2, 4.
e)
leib und seele stehen nicht auf gleicher stufe, sondern diese ist viel wertvoller und höher, s. 1, g. sie soll daher der herr des leibes sein (vgl. Müllenhoff-Scherer denkm.³ 2, 216): an den menschin sol die sêle ein vrowe sîn, daʒ vleisch als ein dirne. Leyser pred. 132, 13; alsô ist iʒ zwischen dem lîbe und der sêle: die wîle sie mit einander sîn, ... dâ sal die sêle sîn als ein herre bî sîme knechte. Schönbach pred. 1, 271, 31—33; daʒ selb vleisch schol der sêl undertân sein, wan diu sêl diu frawe ist und daʒ vleisch diu diu ist. 2, 72, 12; der leip, daʒ vleisch alles ensamt, lait diu wîtze und das sêre .. dar umb, daʒ eʒ der sêl undertân sei und sich wider sein frawen, die sêl, nimmer mêr gesetze. 73, 9; sô daʒ diu sêle diu vrouwe ist und der lîp [diu] diu ist. Rilindis-Herrat hohel. 109, 17; diu sêle, diu ein frouwe des lîchames ist. Eckhart 414, 26;
der lîchami ist der sêli chamerwib.
summa theol. 27, 3 (denkm.³ 1, 123);
der brôde lîchename ist dîu deu,
di sêle ist diu fruͦwe.
Rolandsl. 9, 2;
si solten ... daʒ vläisch an in rêwen, ...
unt die sêle ane schowen
sam ein diu ir rechten frowen.
Heinr. v. Melk v. d. todes gehugde 197;
diu sêle ist danne des lîbes frowe.
Lamprecht v. Regensburg Syon 1017;
vur waer wysset alle samen,
dat sterfflich synt unse lychamen
ind an dem lyve vergengclich.
mallich der reynige sich
de sele, dat is de vrauwe.
Karlmeinet 398, 63;
daher ist es verkehrt, wenn der leib über die seele herrscht: villeicht aber dein leib herrschafft treibt über die seel, also das du allain der begir des leibs bist leben, so bist du nach der geschrift zuͦ geleichet ainem unvernünnfftigen thier. Keisersberg granatapfel B 6ᵈ; zu wünschen wäre es, dasz ein jeder mensch mit seiner seel in die höhe thäte trachten, aber leyder, der leib hat den ersten sitz, und die seel, diese so adeliche creatur, musz hinter der thür stehen. Abraham Judas 3, 264. — die herrschaft der seele über den leib wird auch unter andern bildern dargestellt: dasz die seele im leibe eben disz, was der fuhrmann im wagen, der steuermann im schiffe ... sey. Lohenstein Arm. 2, 226ᵇ.
f)
die seele wohnt dem leibe inne, vgl. unten 7, a. daher auch:
der hunger ist voran gezogen,
und wird an seelen statt in deinen gliedern seyn!
A. Gryphius 1, 338 (Carol. St. 5, 531);
bildliche wendungen dafür:
α)
der leib als kerker der seele (nach Platon, vgl. Phaidon 62 B): frewe dich, daʒ dein schöne sel .. usz dem engen jemerlichen kercker sol erlöset werden. Suso briefe s. 71 Preger; massen die seele auch nur alleine der gantze mensch, sein leib aber nur der seele kercker und grab ist. Lohenstein Arm. 1, 169ᵃ; die den leib zu einem bloszen kercker und klotze, in welchen die seelen ihrer sünden wegen verdammet würden, und kein wesentlicher antheil des menschen wäre, .. machen. 665ᵃ; wär' der körper der seele ein kerker, nicht ein nötiges werkzeug, so möcht's drum sein. Lessings jugendfr. 370, 15 Minor (Nicolai freuden d. j. Werthers).
β)
der leib ist das kleid der seele. Hamann 1, 148.
g)
die seele belebt, bewegt den leib u. ähnl.: als got alliu dinc beweget .. alsô beweget diu sêle den lîcham unde gît im daʒ leben in allen geliden, daʒ er mac sehen, hœren, grîfen, reden unde gên. Eckhart 394, 25; diu sêle diu samnet diu liut (l. lit) elliu ze samne, daʒ si werdent ain lîp. Schönbach predigten 5, 154, 27; dasz die seele im leibe ... nach .. des Thales meynung, der regende verstand, oder die bewegungs-krafft des leibes ... sey. Lohenstein Arm. 2, 226ᵇ. — der leib kann ohne die seele nicht bestehen: wann auch die verse nur blosze worte sindt (wiewol das so wenig möglich ist, als das der cörper ohne die seele bestehen könne). Opitz poet., s. 12 ndr.; daher bildlich: ohne den Moor sind wir leib ohne seele. Schiller 2, 45 (räuber 1, 2 schausp.).
h)
ja die seele wird sogar als baumeister des leibes gedacht: dasz unsere seele ... die baumeisterin ihres tempels ... gewesen wäre. Hamann 6, 17; die seele baut aber doch ihren körper, und kann man nicht aus dem gebäude auf den baumeister schlieszen? Lichtenberg (1800) 3, 460; ich glaube, dasz ein geborner blinder sich gleichsam erinnern kann, wie die seele sich ihren körper bereitet. Herder lebensb. 2, 386; vgl.: man würde mich unrecht verstehen, wenn man mir die meinung zuschriebe, als ob, wie einige sich ausgedrückt haben, unsre vernünftige seele sich ihren körper im mutterleibe und zwar durch vernunft gebauet habe. werke 13, 174 Suphan (ideen 5, 2). s. dazu 3.
i)
daher erwartet man auch eine gewisse ähnlichkeit und entsprechung zwischen beiden, vgl. die griechische ansicht, dasz in einem schönen körper auch eine schöne seele wohnen müsse; so auch:
in einem schönen leib wohnt eine schönre seele.
Haller ged.¹⁰ 40 (alpen 390);
wo blieb die seele für so art'gen leib?
Grillparzer⁴ 6, 31.
sprichwörtlich: eyn hübsche seel, will auch eyn hübschen leib haben. Agricola sprichw. 28; vgl. Franck sprichw. 1, 141ᵇ. Wander 4, 491, 16; nichts besser dann eine gesunde seel in einem gesunden leibe. 492, 39;
schöne seele
will reine höhle.
Simrock sprichw. 9438;
andrerseits: schwarze seele in schönem körper ist doppelte gefahr. 9440.
k)
der leib heiszt auch geradezu ein bild der seele: wie der mensch nach der gleichheit gottes erschaffen worden, so scheint der leib eine figur oder bild der seelen zu seyn. Hamann 2, 21; ähnliche ausdrücke: der leib ist das modell oder die form, dardurch oder nach welcher sich die sele erweiset, und aus den euserlichen und sichtbahren zustande gebähret auch das innerliche. Butschky Pathm. 154; die alten nannten den leib ein gespenst (εἴδωλον) der seele. Hamann 8, 33;
auch du wirst einmal mehr wie verwesung seyn,
der seele schatten, hütte, von erd' erbaut.
Klopstock 1, 86.
3)
man unterscheidet bei der seele verschiedene hauptwirkungsarten, so z. b.: die seele hat ein doppeltes amt, animare, und amare, das ist, lebend machen und lieben. das erste verrichtet sie am leib, das andere aber an- und gegen sich selbst. Hohberg 3, 119ᵃ. gewöhnlich werden drei unterschieden, die meist als verschiedene seelen bezeichnet werden, eine vegetative, die allen lebenden wesen, auch den pflanzen, innewohnt, eine animalische, die der mensch mit den thieren gemein hat, und eine vernünftige, die ihm eigenthümlich ist. innerhalb der letztern werden weitere scheidungen gemacht, s. 5. so: anima racionalis vornufftige sele. a. sensitiva fulde (= fulende) sele, phindig sel. a. vegetativa, vegetiva, vehitativa fruchtig, erkuchlich, fürnde sel, leblich sele die das leben gibt und beweglichkeit zu wachsen zu zunemmen. Dief. gloss. 35ᵇ; anima seyle, geist. a. vegetativa etc. vornüftige zele, wachsende sel, kukleiche seel, a. rationalis redelîke zele, vornünftig sel, a. sensitiva empfintlich sel, enfindleiche seel, volende vel zinlike zele, a. intellectiva vorninstige zele. nov. gl. 24ᵇ; menschliche seele, anima humana. viehische seele, spiritus animalis. lebendige seele, vitalis. fülende seele, anima sensitiva. webende seele, vegetativa. Stieler 1991;
man siht grüenen berc und lant,
daʒ hât die sêl, dâ grüent eʒ van,
wan kein dinc gewahsen kan,
wenne eʒ wirt der sêle vrî.
vogel, tier, swaʒ lebentic sî,
daʒ muoʒ zwô sêle hân,
die gruntsêl, dâ wahst eʒ van,
die ander sêle ist sô gestalt,
daʒ eʒ empfindet warm und kalt,
waʒ im wol oder übel tuot.
diu dritte sêle ist sô guot,
diu muoʒ êwiclîchen leben,
sie wirt ouch niur dem menschen geben.
der hât drîer sêlen kraft:
daʒ er wahst als ander geschaft
und empfindet als ein tier,
diu dritte sêle ist sô zier,
diu dâ immer leben sol.
si verstêt übel unde wol u. s. w.
Teichner 90;
zuweilen heiszt ihr ja die kräfte selber selen,
da wir der selen drey in unsern schulen zählen (anmerk.: anima vegetativa, sensitiva, und rationalis).
Brockes 1, 57;
stets ist sie um ihn her, und macht sich tausend sachen
mit ihm zu thun, in immer hellerm glanz
die reitzungen ihm vorzuspiegeln,
die nur zu sehr die seel' in ihm beflügeln
die unterm zwerchfell thront. ¹¹).
Wieland 9, 77 (Musar. 2).
dazu die anm. auf s. 88 f.: ¹¹) Plato giebt in seinem Timäus dem menschen drey seelen, wovon die erste göttlicher und unsterblicher natur ist und ihren sitz im haupte hat, von beiden andern sterblichen (deren begierden blosz auf befriedigung der körperlichen bedürfnisse gehen) die gegend zwischen dem zwerchfell und nabel zu ihrer wohnung angewiesen bekommen hat (dieser eintheilung und lokalisierung liegt wol einige kenntnis der verschiedenen nervensysteme, namentlich der ganglien oder bauchnerven, zu grunde); dasz in der menschlichen seele eben dieselbe verfassung statt finde, wie in einer republik; nehmlich dasz sie, wie diese, aus drey haupttheilen, oder eigentlich aus drey ihrer natur nach verschiedenen, wiewol zusammen ein ganzes ausmachenden seelen bestehe (als ansicht Platons). 36, 143 (Aristipp 4, 6). — es leuchtet ein, dasz man unter der seele des menschen schlechthin fast immer die vernünftige seele versteht; über die animalische seele beim menschen s. 4, über die seele der thiere und pflanzen s. 22. — auch sonst redet man zuweilen von mehreren seelen, um einen innern zwiespalt, einen widerstreit entgegengesetzter triebe auszudrücken, so Faust in der zum geflügelten wort gewordenen und unzählig oft citierten stelle:
(du bist dir nur des einen triebs bewuszt;
o lerne nie den andern kennen!)
zwey seelen wohnen, ach! in meiner brust,
(die eine will sich von der andern trennen;
die eine hält, in derber liebeslust,
sich an die welt, mit klammernden organen;
die andre hebt gewaltsam sich vom dust
zu den gefilden hoher ahnen).
Göthe 12, 60.
4,
a)
seele bezeichnet also zunächst die rein physische lebenskraft, das körperliche leben in menschen und thieren: anima .. davon ein thier das leben, das fühlen und weben hat, die seel. Corvinus fons lat. 51ᵃ; animans, anima prœditus, das eine seel oder leben hat. ebenda; alles das ein seel hat, animans, animalis. Maaler 369ᵃ;
ich enweiʒ, wâ von mîn lîp hie lebt,
denne daʒ ein sêle dârinne swebt.
renner 6140.
vergl. 2, g.sie heiszt in der psychologischen terminologie animalische (ev. auch vegetative) seele, vgl. 3: eine vegetarivische, vitalische und animalische seel bleibet nit desto weniger, wann schon die sinn, bewegung unnd verstand auffgelöszt und entbunden sein. Fischart Bodin 114ᵇ.
b)
indessen ist diese bedeutung im deutschen nie recht zur herrschaft gelangt, und wo sie sich findet, beruht sie nicht auf spontaner, einheimischer entwicklung. vielmehr stammt sie hier aus der sprache der bibel, zumal des alten testamentes, und ist als übersetzung des hebr. שׁפֶנֶ (seltener auch המָשָׁנְ) geprägt, bei dem gerade diese verwendung besonders reich ausgebildet ist (vgl. Siegfried-Stade hebr. wb. s. 430—3). so gebraucht Luther seele auch geradezu für 'athem', welche bedeutung sonst für das deutsche wort nicht zu belegen ist: da gieng meine seele er aus nach seinem wort. hohel. 5, 6. (nach der übers. von Kautzsch: mir stockte der atem, als er sprach. vielleicht hat Luther das versikel anders verstanden.) auch wo sêle in der ältern sprache in diesem sinne erscheint, hat biblischer sprachgebrauch eingewirkt. in nichtbiblischer redeweise haben sich besonders einige feste verbindungen eingebürgert. die wichtigsten gebrauchsweisen sind im folgenden durch beispiele belegt.
c)
jemandes seele verfolgen, ihn zu töten suchen: so verfolge mein feind meine seele und ergreiffe sie, und trette mein leben zu boden. ps. 7, 6; der feind verfolget meine seele, und zuschlehet mein leben zu boden. 143, 3; ähnlich schon ahd.: uuanta arstorbanâ sint, thie thâr suohtun thes knehtes sêla. Tat. 11, 1; biblisch auch häufig nach jemandes seele stehen, ihm nachstellen: nach der seele streben, stehen, schnappen, cercare l'anima, star à guato per rapirla. Kramer dict. 2, 731ᵃ; sihe, da ist das heubt Isboseths, Sauls son, deines feindes, der nach deiner seelen stund. 2 Sam. 4, 8; sie aber stehen nach meiner seele mich zu uberfallen. ps. 63, 10. ähnlich auch: das nicht auff dich stossen zornige leute, und deine seele und deines hauses seele nicht auffgereumet werde. richt. 18, 25; das sie nicht wie lewen meine seele erhasschen, und zureiszen. ps. 7, 3.
d)
die seele erretten u. ähnl., von gott: er erlöset meine seele von denen, die an mich wöllen. ps. 55, 19; der herr bewaret die seelen seiner heiligen, von der gottlosen hand wird er sie erretten. 97, 10; vom menschen, in bezug auf die eigne seele: errette deine seele, und sihe nicht hinder dich. 1 Mos. 19, 17; sondern solt jm seinen lohn des tages geben, das die sonne nicht drüber untergehe, denn er ist dürfftig, und erhelt seine seele damit. 5 Mos. 24, 15; ich wil dir einen rat geben, das du deine seele und deines sons Salomo seele errettest. 1 kön. 1, 12;
aus dem grab, aus der strudelnden wasserhöhle
hat der brave gerettet die lebende seele.
Schiller 11, 223 (der taucher);
wo ist die thür? wie rett ich meine seele?
Grillparzer⁴ 8, 217
(dieselben verbindungen auch in ganz anderm sinne, s. 10, f).
e)
seine seele für etwas (hin) geben: guot hirt ituot sîna sêla (animam suam dat) furi sîniu scâph. Tat. 133, 11; uuanta ih sezziu mîna sêla inti abur nimu sia. 14; mîna sêla sezzu furi thih. 161, 3;
ak ik skal imu te frumu werđan,
theonon imo theolîko endi for alla thesa theoda geƀan
sêola mîna.
Heliand 3539;
welche menschen jre seele dar gegeben haben fur den namen unsers herrn Jhesu Christi. ap. gesch. 15, 25; ich liebe .. und ich würde meine seele selbst hingeben, wenn ich sie dadurch glücklich machen könnte. Wieland 16, 262 (Araspes 2, 2); sollt' er nur ein einzigs volles mahl sein herz an ihres drücken, seine seele gäb' er drum! 18, 53 (oder zu 10, g?) — wagen: Sebulons volck aber waget seine seele in den tod. richt. 5, 18; hierher auch:
ê er gæbe undære guot,
er wâgte ê tûsent sêlen dar.
Virginal 585, 12 —?
dafür in der bibel bildliche redeweisen: sihe, deine magd hat deiner stimme gehorcht, und hab meine seele in meine hand gesetzt. 1 Sam. 28, 21; was sol ich mein fleisch mit meinen zeenen beiszen, und meine seele in meine hende legen. Hiob 13, 14 (dafür in der übers. von Kautzsch an beiden stellen: mein leben aufs spiel setzen, vgl. d. anm. zur letztern). — so auch als strafbestimmung: so sol er lassen, seele umb seele, auge umb auge, zan umb zan. 2 Mos. 21, 23; wenn der menner jemand entrinnt, die ich unter ewre hende gebe, so sol fur seine seele desselben seele sein. 2 kön. 10, 24. — vgl. auch:
Lysand. du blöder! du wirst nicht so leicht dein leben wagen.
Storax. leicht wagen, aber herr euch auch die warheit sagen,
und disz aus treuem geist, mir ist die seele feil.
mein herr vor seinen leib und seines hauses heil.
A. Gryphius 1, 230 (Card. u. Cel. 4, 179).
f)
andre, vereinzelte verbindungen: und jr solt keine versünung nemen uber die seele des todschlegers, denn er ist des tods schüldig. 4 Mos. 35, 31; ich bin schüldig an allen seelen deines vaters hause (die ursache ihres todes). 1 Sam. 22, 22 (vgl.: er hat viel seelen auf sich, reus est multarum animarum, i. e. caedes multorum hominum. Stieler 1991); kom wider mein son David, ich wil dir kein leid fürder thun, darumb, das meine seele heutes tags thewr gewesen ist in deinen augen. 26, 21. — im bilde: denn eines landsknechts leben hängt an einem haar und seine seele sitzet auf dem hut oder ärmel. Freytag bilder 3, 58.
g)
ferner gehören hierher zahlreiche, noch jetzt übliche ausdrücke für 'sterben', s. 19.
h)
pleonastisch steht seele neben wörtern, wie leben (bleiben): auff das .. meine seele bei dem leben bleibe. 1 Mos. 12, 13; las meine seele leben, das sie dich lobe. ps. 119, 175. — sterben: meine seele müsse sterben des tods des gerechten, und mein ende werde wie dieser ende. 4 Mos. 23, 10; die menner sprachen zu jr, thun wir nicht barmhertzigkeit und trew an dir, wenn uns der herr das land gibt, so sol unser seele fur euch des tods sein. Jos. 2, 14; mein seele sterbe mit den Philistern. richt. 16, 30; er aber gieng hin in die wüsten eine tagreise, .. und bat, das seine seele stürbe, und sprach, es ist gnug, so nim nu herr meine seele. 1 kön. 19, 4; so wird jre seele mit qual sterben. Hiob 36, 14. — töten und synonymes: und wo ein kneblin nicht wird beschnitten, an der vorhaut seines fleischs, des seele sol ausgerottet werden aus seinem volck. 1 Mos. 17, 14; auff das nicht der blutrecher dem todschleger nachiage .. und schlage jm seine seele, so doch kein urteil des tods an jm ist. 5 Mos. 19, 6; wenn aber jemand hasz tregt wider seinen nehesten, und lauret auff jn .. und schlegt jm seine seele tod. 11; dahin fliehen möge ein todschleger, der eine seele unversehens und unwissend schlegt. Jos. 20, 3. — diese redeweisen gehören ebenso wie die folgenden eigentlich kaum in ein deutsches wörterbuch, da sie nur auf einer allzu wörtlichen übersetzung des hebr. originals beruhen und auch auf die folgende sprache ohne jede einwirkung geblieben sind.
i)
zuweilen steht seele in der bibel geradezu für 'körper', so in bezug auf essen, hunger u. s. w.: denn gleich wie einem hungerigen trewmet, das er esse, wenn er aber auffwacht, so ist seine seele noch leer. Jes. 29, 8; das sie speise fodderten fur jre seelen. ps. 78, 18; das er settiget die dürstige seele, und füllet die hungerige seele mit gutem. 107, 9; der gerechte isset das seine seele sat wird, der gottlosen bauch aber hat nimer gnug. spr. Sal. 13, 25. so auch sprichwörtlich: einer hungerigen seel ist alles bitter süsz. Petri T 5ᵇ; in einer vollen seel bleibet der heilige geist nit. Kk 5ᵃ. vgl. dazu die preusz. redensart zur seel' bringen können, genieszen können. Frischbier 2, 549ᵃ; sie kischelt alles ab (kocht schlecht), dasz man's kaum zur seel' bringen kann. 534ᵃ. — aber auch in folgenden stellen ist augenscheinlich zunächst an den körper zu denken, wenn auch der begriff der eigentlichen seele mit hineinspielt:
die bohrten manches mörderschwert
in seine schwarze seele.
Hölty s. 33 Halm;
ich drück an meine seele dich. ich fühle,
die deinige allmächtig an mir schlagen.
Schiller 5, 1, 19 (dom Karlos 1, 2)
(vgl. zur ersten stelle 18, a, θ, zur zweiten 8, i).
5,
a)
die spezifisch menschliche seele wird gewöhnlich als vernünftige gekennzeichnet, vgl. 3: die seel in einem menschen, verstehende, menschliche ò menschen-seel, l'anima intellettiva, intelligente ò intellettuale; anima humana. die vernünfftige, unsterbliche seel, l'anima rationale (ragionevole) immortale. Kramer dict. 2, 730ᵇ; seel ... dicitur etiam propr. de anima rationali. Stieler 1991; die vernünftige seele, anima rationalis. Frisch 2, 253ᶜ; wann wir aber unsere augen auf das innerliche, den teil, in welchem wir gotte gleich seyn, nemlich auf die vernünftige sele, richten. Butschky Pathmos s. 851; sintemal die mit einer vernünftigen seele unstrittig begabten kleinen kinder aus eben dieser uhrsache ihre sprache und vernunft nicht gebrauchen könten. Lohenstein Arm. 1, 665ᵃ. — seele in diesem sinne als gegensatz zum pflanzen- und thierleben:
ich hätt' dich aus dem pflanzentume
erlöst, emporgeküszt, o blume,
empor zu mîr, zum höchsten leben —
ich hätt' dir eine seel' gegeben.
H. Heine 2, 45 Elster.
sie fehlt auch den natur- und elementarwesen, besonders nixen und undinen: so wollte mein vater, der ein mächtiger wasserfürst im mittelländischen meere ist, seine einzige tochter solle einer seele theilhaftig werden, und müsse sie darüber auch viele leiden der beseelten leute bestehen. eine seele aber kann unsersgleichen nur durch den innigsten verein der liebe mit einem eures geschlechtes gewinnen. Fouqué 8, 62 (undine cap. 8); es lebt nämlich in allen den heidnischen wasserunholden die sehnsucht nach einer unsterblichen seele, die sie dadurch bekommen können, dasz sie das herz eines menschen essen, das ihnen derselbe aber freiwillig aus liebe gegeben haben musz. Ricarda Huch teufeleien s. 143.
b)
auch in ihr werden wiederum verschiedene theile oder wirkungsweisen unterschieden: was lieszen sich überhaupt aus dieser proportion oder disproportion des erkennenden und empfindenden theils unsrer seele für psychologische und praktische anmerkungen machen! Herder 5, 185 Suphan. zweckmäsziger ist die dreitheilung nach denken (erkennen), empfinden und begehren (wollen). alle diese thätigkeiten werden von der seele ausgesagt. es ist daher gleichbedeutend, ob ich sage: meine seele denkt oder ich denke.
c)
die denkende seele: ich verstehe hierunter nicht die organe der äuszeren empfindung, sondern das sensorium der seele, wie man es nennt, d. i. denjenigen theil des gehirnes, dessen bewegung die mancherlei bilder und vorstellungen der denkenden seele zu begleiten pflegt. Kant 3, 72 f., anm.; alle natürliche erkenntnisz ist offenbart; die natur der gegenstände giebt den stoff, und die gesetze, nach denen unsere seele empfindet, denkt, schlieszt, urtheilt, vergleicht, geben die form. Hamann 1, 115; wunderbarlich sind deine wercke, und das erkennet meine seele wol. ps. 139, 14;
all die gedanken meiner seel.
P. Gerhardt s. 287, 9 Gödeke;
und das weisz meine seele wol.
288, 48;
dich, in deren bildung,
was nur das auge liebenswürdig sehen,
die seele denken kann, vereinigt ist.
Wieland suppl. 4, 277 (J. Gray 3, 2).
als solche hat, faszt, bildet sie ideen, gedanken, vorstellungen: alsô sprichet ein meister, daʒ diu sêle von ir kein bilde geschöpfen mac. Eckhart 5, 21; zwischen einer idee unserer seele und einem schall, der durch den mund hervorgebracht wird, ist eben die entfernung, als zwischen geist und leib. Hamann 1, 449; nur die seele eines tyrannen konnte so einen menschenfeindlichen gedanken fassen! Thümmel reise 1, 129; die farben, die mir die abendröthe, die mir der mond aufmischte, setzten alle andere bilder meiner seele in schatten. 7, 364; der ganze grund unsrer seele sind dunkle ideen, die lebhaftesten, die meisten, die masse, aus der die seele ihre feinern bereitet. Herder 4, 27 f. Suphan.eine besondere art der vorstellungen ist die erinnerung: jeden abend wiederhole man pythagoräisch die ideen und eindrücke des tages; nur nicht aus dem heft, sondern lebendig aus freier erinnerung der seele. zur rel. 5, 30. ebenso ahnungen:
o meine ahnungsvolle seele!
Schiller Wallensteins tod 3, 2;
du kennst des vaters ahnungsvolle seele!
jungfrau von Orleans 4, 9;
aber schon spür' ich
in ahnender seele
dein (der muse) tröstlich nahen.
Geibel 3, 4;
ferner: wenn er sich solcher bereits vorhandener unergründlicher und unerreichbarer vortrefflichkeiten in ernster anerkennender seele bewuszt war. Eckermann² 3, 34. so auch im allgemeinen: leset den Homer, und denn leset Klopstock; .. dieser spricht, um zu malen, er schildert .. eine ganz andre welt; die welt der seele und der gedanken. Herder 1, 167 Suphan.
d)
nichts desto weniger glaube ich, dasz die seelen empfindlicher, als die leiber sind; ja weil nichts unbeseeltes etwas fühlet, die glieder aber nur vermittelst der seelen empfindligkeit haben, solte man fast die leiber für unempfindlich halten, die empfindligkeit aber alleine der seele zueignen. Lohenstein Arm. 1, 323ᵇ f.;
mit ihrer ganzen empfindung
fühlt meine muthige seele nur dich.
Giseke 107;
was der geister stolzestes verlangen
in den tiefen, in den höh'n erzielt,
hab' ich allzumal in dir empfangen,
seit dich ahnend meine seele fühlt.
Hölderlin 1, 34 Köstlin;
wer vermag, deinen zauber zu schildern,
liebliche, milde, freundlich holde,
fühlende freundin fühlender seelen.
Grillparzer⁵ 2, 10 ('die musik').
so redet man auch von stimmung der seele (wobei das bild nur selten noch empfunden wird): ich .. machte auch vorreden, .. gelegenheits- und andere gedichte häufig, bald gut, bald schlecht, jenachdem meine seele gestimmt war. Schubart ges. schr. 1, 238; welche sympathie hat unsre seelen so gleich gestimmt! Tieck 15, 188. — so im einzelnen meine seele ist betrübt, freuet sich und anderes: das wir sahen die angst seiner seelen. 1 Mos. 42, 21; darumb, das sie meine rechte verachtet, und jre seele an meinen satzungen ekel gehabt hat. 3 Mos. 26, 43; unser seele ekelt uber dieser losen speise. 4 Mos. 21, 5; auff das deine augen verschmachten, und deine seele sich greme. 1 Sam. 2, 83; sihe, das ist mein knecht, .. und mein auserweleter, an welchem meine seele wolgefallen hat. Jes. 42, 1; ich frewe mich im herrn, und meine seele ist frölich in meinem gott. 61, 10; da meine seele bey mir verzagt. Jon. 2, 8; ich wil reden von der angst meines hertzens, und wil er aussagen vom betrübnis meiner seelen. Hiob 7, 11; meine seele verdreuszt mein leben. 10, 1; und meine seele ist seer erschrocken. ps. 6, 4; meine lippen und meine seele, die du erlöst hast, sind frölich, und lobsingen dir. 71, 23; ich harre des herrn, meine seele harret, und ich hoffe auff sein wort. meine seele wartet auff den herrn. 130, 5 f.; meine seele ist betrübet bis an den tod. Matth. 26, 38. wie die belege zeigen, sind diese ausdrücke besonders in der sprache der bibel ungemein häufig und beruhen auf der im hebräischen so gewöhnlichen umschreibung der personalpronomina mit nefeš (meine seele für ich, s. unten), sie enthalten indes nichts für das deutsche sprachgefühl fremdartiges oder anstösziges und haben daher auch in der spätern nhd. schriftsprache das bürgerrecht erlangt:
nicht so traurig, nicht so sehr,
meine seele, sei betrübt!
P. Gerhardt 89, 2 Gödeke;
dasz ich, von freiem biedersinn,
kein bube nimmer war und bin, ...
desz freuet meine seele sich.
Bürger 12ᵇ;
lords, ich betheur' es, meiner seel' ist weh.
Shakesp. Richard II, 5, 5;
erreg' nicht so den abscheu meiner seele!
sommernachtstraum 2, 1.
so auch:
wenn ihr gesang ...
der harfe folgt mit flötenhauche,
wird meine seele lauter lauter dank.
Seume ged. (1826) 77.
in demselben sinne auch ich bin betrübt in der (in tiefster) seele u. a., s. 15, f, δ.
e)
seele als sitz des begehrens: wenn aber .. (du) sprichst, ich wil fleisch essen, weil deine seele fleisch zu essen gelüstet, so iss fleisch nach aller lust deiner seele. 5 Mos. 12, 20; noch immer lodert wie in des Berlichingers jugend die fehdelust in den begehrlichen seelen auf. Freytag bilder 2, 2, 275;
mehr, als mit meiner seelen
ich wünschen kann und zählen.
P. Gerhardt s. 144, 89 Gödeke;
o! meine seele
lechzt lange schon dein angesicht zu schauen!
Wieland suppl. 4, 224 (J. Gray 1, 1);
dafür auch: es stêt mir die sêl auf ein ding, ich wünsche sehnlich es zu besitzen. Schm. 2, 256.
f)
insbesondere wird auch das lieben der seele zugeschrieben.
α)
sage mir an, du, den meine seele liebt, wo du weidest. hohel. 1, 7;
ihn, den meine ganze seele liebte.
Hölty 62 Halm;
leidenschaftliche hingebung an den geliebten gatten erschien leicht als unrecht gegen den himmel und die heilige gestalt des erlösers, welcher die höchste liebe der seele eifersüchtig für sich in anspruch nahm. Freytag bilder 2, 2, 218.
β)
daher geliebter meiner seele: der ritter befand sich am folgenden morgen wieder in der kirche, weil er hoffte, von der geliebten seiner seele dort eine nachricht zu überkommen. Tieck 4, 316 (Magelone 7); so trunken war er vor entzückung, dasz er nun die geliebteste seiner seele so dicht vor seinen augen sah. 320 (8);
nein, liebling meiner seele,
das wollt' ich nicht.
Schiller don Karlos 2, 15;
und dem theuren
geliebten meiner seel' Amphitryon,
wie geht's ihm?
H. v. Kleist Amphitryon 1, 1;
wie mit dem schicksal heut, dem tückischen,
sich meiner seele liebste freundinnen
verbünden, mir zu schaden, mich zu kränken!
Penthesilea 1, 5.
γ)
ebenso richtet sich wahre liebe vornehmlich auf die seele des andern:
die liebe, fing er an, die nicht die seele meynet,
die nur das irdische ... zum zweck hat auserseh'n,
musz wie ein irwisch-licht în faulem dampf zergeh'n.
Postel Wittekind s. 154 (6, 825).
vergl. auch:
doch, sollte nicht mit einem Platonisten,
mit einem manne, der nur den geistigen wiederschein
der seele liebt, ein mädchen, wiewohl allein,
gleich sicher in einer höhle und einem tempel seyn?
Wieland 4, 190 (Amadis 8, 26).
δ)
dafür gern bildlich an einem hängen: Zeno, an dem meine seele fester als eine klette anklebt. Lohenstein Arm. 2, 135ᵃ; auch in bezug auf dinge: aber im stillen hing seine seele an diesen sendungen. Freytag soll u. haben 1, 6; etwas anders gewendet ist nach etwas hängen (zu etwas neigen): ich weisz, ihre seele hängt sehr nach diesen ideen. Göthe 16, 84. — noch stärker ist der ausdruck: das alte häuschen war ihr an die seele gewachsen, wie der schnecke ihr haus. Ludwig 2, 363.
ε)
wie die liebe kommt auch der hasz der seele zu: der herr prüfet den gerechten, seine seele hasset den gottlosen. ps. 11, 5; meine seele ist feind ewren newmonden und jarzeiten. Jes. 1, 14.
g)
verschieden wird das verhältnis der seele zu den sinnen, ihr antheil an den sinneswahrnehmungen gefaszt.
α)
eigentlich ist es die seele, welche sieht, hört u. s. w.; auge, ohr sind nur ihr werkzeug: die seele ist es, welche sieht und hört, so wie sie allein es ist, was, aus jenen darstellungen der sinne, begriffe und gedanken erzeugt, sie vergleicht und unterscheidet, trennt und zusammensetzt. Wieland 34, 128 (Aristipp 2, 18); die seele musz nun einmal durch diese augen sehen, und wenn sie trüb sind, so ist's in der ganzen welt regenwetter. Göthe briefe 1, 242;
itzt aber, da der seelen augen
durch meines leibes augen sehn.
Brockes 1, 77.
vgl. auch:
wie die sinne, aufgeregt,
stumpfe diener unsrer seele,
gern für wahr und wirklich halten
die verworrenen gestalten,
die der geist in sich bewegt.
Grillparzer⁴ 3, 24.
β)
gewöhnlich wird indesz etwas anderes gemeint, wenn die seele als subject zu sehen oder hören gesetzt wird, nämlich mit innerm antheil, mit erregung des gemüts sehen oder hören:
die trunkne seele lauscht,
wenn sie durchs tongewebe rauscht.
Seume ged. (1826) 77.
in diesem sinne häufig seele und auge, seele und ohr verbunden: mein auge und meine seele konnten die gegenstände fassen. Göthe 16, 222; und immer wieder zog die reihe der glänzenden eisgebirge das aug' und die seele an sich. 236;
er (der gesang) labet, wie der wein beim abendroth,
und ohr und seele schlürfen sanft ihn ein.
Herder 26, 398 Suphan.
γ)
in derselben meinung redet man auch von augen der seele:
eine weisse rose ...,
die, ob ihr hoher busch gleich noch im schatten stand,
dennoch die augen meiner seelen
so starck auf sich zu ziehen wuste,
dasz ich vor andern sie zuerst betrachten muste.
Brockes 1, 67;
es war derselben (der farben) buntes spiel, ...
nicht blosz des cörpers augen nur,
der seelen augen selbst, ein angenehmes ziel.
204;
vorgenommen
hat er sich dann und wann, das aug'
der seele auf den grünen strauch
zu richten, der im maie duftet,
auf blumenau und kühlen bach.
Immermann 13, 149 Hempel.
δ)
aber man redet vom auge und vom sehen der seele auch, um eine der seele eigenthümliche, innere wahrnehmung, an der die äuszeren sinne nicht betheiligt sind, d. h. die vorstellung eines bildes in der phantasie oder auch eine geistige betrachtung, beurtheilung auszudrücken: ich überlasse es einem meiner jüngsten freunde .. die sehgesetze unserer seele zu entwickeln. Hamann 4, 445; dasz wir uns mit einander verwechseln und der eine seine eigenen vorurtheile dem andern beymiszt, welches mir mit den optischen gesetzen unserer seele und ihrer urtheilskraft übereinzustimmen scheint. 5, 138; ihr bild, wie sie sorglos schlummernd im jungfräulichen bette lag, vor den augen seiner seele, entstand eine sehnsucht nach ihr in seinem innern. Grillparzer⁴ 11, 235; so auch:
und an dem ufer steh' ich lange tage
das land der Griechen mit der seele suchend.
Göthe 9, 3 (Iphig. 1, 1).
in anderm sinne: gleichwohl aber ist die seele niemals reger und aufgeweckter, als wann sie dem sterben .. am nechsten ist .. ja wenn auch jemals im leben ein Epicurer an unsterbligkeit der seelen gezweifelt hat, wird seine seele wie ein maulwurff beym sterben sehend. Lohenstein Arm. 2, 542ᵇ.
h)
obschon somit seele das ganze unkörperliche wesen des menschen, alle äuszerungen seines innern, spezifisch menschlichen wesens umfaszt, wird es doch meistens in einem engern sinne genommen, wobei der begriff der empfindung überwiegt, sodasz es zu dem in erster linie denkenden geiste einen gegensatz und eine ergänzung bildet, vergl. 1, i und geist II, 15, g. so zuweilen geradezu im gegensatze zu verstand, als gemüt, gefühl: ich hörte dem wohlberedten manne gerne zu, der meine aufmerksamkeit von meinen leiden auf sich selbst abgelenkt, und ich hätte mich willig ihm ergeben, wenn er meine seele wie meinen verstand in anspruch genommen hätte. Chamisso 2, 321 Koch (P. Schlemihl 8). in einem besonders prägnanten sinne, fast als terminus technicus, wird seele im 18. jh. von mädchen gesagt: weil die ästhetik schöne natur nennt, was Rost die seele der mädchen. Hamann 3, 154;
doch hätt' ein wenig freundlichkeit
und was wir sonst an mädchen seele nennen,
für dieses mahl ihr wenig schaden können.
Wieland 10, 187.
i)
an empfindung denkt man auch in erster reihe bei den allgemeinen ausdrücken viel, wenig seele haben, wo seele gleichsam als ein stoff, der der kategorie der quantität untersteht, behandelt wird (vgl. 7, d. f): sie hat viel seele. Göthe 16, 99; die freundinnen .. versanken immer tiefer in diesen (ernst) vor der religiösen strengen ministerin, die nie an Juliennen so viel seele fand als in dieser sanft nachweinenden stunde (stunde, wo sie dem gestorbenen vater nachweinte). J. Paul Tit. 1, 187. — ein mensch ohne seele, der wenig empfindung hat (vgl. seelenlos):
was das hofheer,
goldbeblecht und ohne seele, mit dumpfsinn vergeudet.
Seume ged. (1826) 164.
so auch die liebe verleiht dem menschen seele u. ähnl.:
der augenblick, da uns ein schöner gegenstand
die ersten seufzer lehrt, giebt uns ein neues wesen; ...
flöszt klötzen seelen ein, nimmt weisen den verstand.
Wieland 17, 24;
die liebste hat mir leben eingehauchet,
der liebsten kusz hat seele mir geschenkt.
Rückert (1882) 2, 282.
6)
inventar der seele im allgemeinen.
a)
man redet gewöhnlich von kräften der seele: die mächten, kräften der seele, le potenze, facoltà dell' anima. Kramer dict. 2, 730ᵇ; als ein ê ist von entwesen zwischen vrouwen unde man, alsô ist ein ê an der sêle. diu obriste kraft der sêle, diu alleʒ an kriegende ist ûf in got, daʒ ist der man. Eckhart 100, 32; diu vernunft ist diu hœhste kraft der sêle. 480, 30; alle guten kräfte meiner seele und meines leibes würden in eine lähmung verfallen. Thümmel reise 5, 6; wie er (Niebuhr) niemals nur mit einer kraft seiner seele thätig sein konnte. Treitschke d. gesch. 2, 64; gleichbedeutende ausdrücke: wodurch unter andern ketzern der psychologie, auch ihre Arianer, Muhamedaner und Socinianer, welche alles aus einer einzigen, positiven kraft oder entelechie der seele haben erklären wollen, entstanden sind. Hamann 4, 45; leider sind träume und krankheiten die besten data von der energie unserer seele. 7, 180. — eigenschaften der seele: noch hängen an seiner (des landmanns) seele .. einige von den eigenschaften, welche langer unterdrückung zu folgen pflegen. Freytag bilder 3, 457. — triebe der seele: da der glaube zu den natürlichen bedingungen unserer erkenntniszkräfte und zu den grundtrieben unserer seele gehört. Hamann 4, 326.
b)
diese natürlichen anlagen und triebe der seele sind ihr angeboren oder eingepflanzt: nein, die theorie der wahren religion ist .. jedem menschenkinde angemessen und seiner seele eingewebt. Hamann 4, 198; ist es .. wohl möglich, dasz ein solcher jemals zum klaren bewusztseyn eins seiner seele .. eingepflanzten idiotismus gelangen könne. 4, 136; oder, anders ausgedrückt, sie sind ihr von gott gegeben: gott hat unsern seelen einen hunger nach erkenntnisz, ein verlangen zu wissen ... gegeben. 1, 100. sie heiszen daher auch gaben:
ihrer edlen seelen gaben
hielt sie zwar nicht als vergraben.
Canitz 169 (klagr. über den tod seiner ersten gattin).
als collectivausdruck für alles, was in der seele enthalten ist und ihr wert gibt, gehalt der seele: hat ein poet den hohen gehalt der seele, wie Sophokles, so wird seine wirkung immer sittlich seyn. Eckermann² 3, 130.
c)
thätigkeit, wirksamkeit der seele: die (idioten) würkent niht nâch den werken menschleicher sêl. Megenberg 488, 26; dasz ... die ganze seligkeit einer menschlichen seele auf einer ungehinderten äuszerung ihrer wirksamkeit beruhe. Hamann 4, 110. der allgemeinste ausdruck für die einzelne verrichtung der seele ist bewegung, regung der seele, der kaum noch als bild empfunden wird: wir müssen ... auf die blosze bewegung der seele sehen. Hamann 1, 67; der verfasser ... versteht seine empfindungen, auch leise bewegungen der seele darzustellen. Freytag bilder 3, 2;
du, der du das innre siehest, sieh der seelen regung an,
die sie selber zwar empfinden, aber nicht beschreiben kann.
E. v. Kleist (1760) 1, 138.
d)
Eckhart redet von einem centrum der seele, für das er verschiedene benennungen hat, vgl. zeitschrift f. d. phil. 16, 43 f.: alsus als er (gott) ein ist und einvaltig, alsô kumet er in daʒ ein, daʒ ich dâ heiʒe ein bürgelîn in der sêle ... mit dem teile ist diu sêle gote gelîch und anders niht. 47, 1. 3; das fünkelîn der sêle, daʒ dâ ist geschaffen von gote ... und ist ein bilde götlîcher nâtûre. 113, 24; der funke der sêle ist ein lieht götlîcher glîcheit. 480, 32. — sensorium der seele, s. Kant unter 5, c.
e)
sonstiges zubehör: denn eine jede seele .. ist von zwey genien umgeben. Wieland suppl. 3, 150 (symp. 3).
7)
obwol die seele streng genommen immateriell gedacht wird und sonach räumliche bestimmungen auf sie eigentlich nicht angewendet werden sollten, wird sie doch nicht selten in solchen beziehungen gedacht.
a)
die seele ist im leibe, vgl. 2, f und 19, m. obwol die seele im ganzen körper wirksam ist, wird sie doch gewöhnlich nicht gleichmäszig durch den ganzen leib vertheilt, sondern vorzugsweise in bestimmten theilen desselben wohnend gedacht. so hat die seele als physische lebenskraft nach alttestamentlicher vorstellung ihren sitz im blute: allein mercke, das du das blut nicht essest, denn das blut ist die seele, darumb soltu die seele nicht mit dem fleisch essen. 5 Mos. 12, 23;
was Karamell ihre seele sehr höflich zu nennen geruhte,
war wirklich, dem buchstaben nach, allein in ihrem blute.
Wieland 4, 190 (Amadis 8, 27).
die eigentliche, 'vernünftige' seele wird gewöhnlich mit gutem grunde ins gehirn versetzt: die seele des menschen hat ihren sitz im gehirne, und ein unbeschreiblich kleiner platz in demselben ist ihr aufenthalt. Kant 3, 56;
die meister sprechent ouch dâ bî
daʒ diu sêle im hirne sî.
si ist über al im lîbe
und doch in der hirnschîbe
ist sie mit der besten kraft.
Teichner 100.
doch begegnen auch andre vorstellungen: und dieser irrthumb kömmet von Aristotele her, der schreibt, dasz die seel sey in einem jeglichen stück oder gliedmasz der menschen. Luther tischreden 155ᵃ;
hätte meiner seelen sitz,
mein herz, sich verwirret.
P. Gerhardt s. 246 Gödeke (87, 67).
die seele kann aber auch nach belieben in einen bestimmten körpertheil eintreten: denn weil die verliebten sich so ungerne von einander entferneten, stiegen ihre seelen sogar bisz zu den augenliedern empor, um ihre buhlschafft zum minsten so weit, als das gesichte trüge, zu begleiten. Lohenstein Arm. 1, 325ᵃ;
beide sehn sich an,
und beide bleiben sprachlos; ihre ganze seele ist
in ihren augen.
Wieland 18, 50 (Geron 741).
der sinn dieser redeweise ist hier, dasz ihre ganze seelenthätigkeit sich im hinblicken concentrierte. häufiger sagt man seine ganze seele lag in seinem auge u. ähnl. in etwas anderem sinne, s. 9, a.scherzhaft sagt der trinker:
'frou sêle, sît ir dinne?'
sprach der junge vêdeman,
'ich rât iu, sô ich beste kan, ...
tretet ûf ein rippe,
wolt ir niht ertrinken'.
Seifr. Helbling 1, 351;
vgl.: zu einem trunck spricht maniger: 'du arme seel, duck dich, du muest schwimmen.' cgm. 809, f. 42 bei Schm. 2, 256; dafür (in hinblick auf 20, k):
duck dich, seel, es kommt ein platzregen:
den wird dir das hellisch feuer wol legen.
Garg. 85ᵃ.
so auch:
mîn sêle ûf einem rippe stât,
wâfen! diu von dem wîne drûf gehüpfet hât.
minnes. 2, 154ᵇ Hagen.
b)
vielfach begegnet die ansicht, dasz die seele sich aus dem körper entferne, auch während des lebens (über die trennung beim tode s. 19). die vorstellung ist zunächst grobsinnlich, vgl.:
etelîch meister tuont uns kunt,
datz der nasen und datz dem munt
sol diu sêle ir strâʒen gân.
daʒ ist niht; daʒ merk dâr an,
daʒ man einem munt und nasen
mac verzimbern und verglasen,
daʒ kein luckel mac hin in,
dannoch gêt diu sêl dâ hin ...
dâ von hât diu sêl kein tor,
si gêt mit versparter tür
in den menschen und hervür.
Teichner 99.
über die gestalten, in denen die seele in diesem falle erscheint, vgl. unten 19, c. märchenhaft ist die vorstellung, dasz eine seele durch zauber aus einem leibe in einen andern versetzt werden könne: (Astragalus) ... so will ich deinen geist aus deinem leib entführ'n und ihn in eines neuerschaffnen körpers haus verbannen. ... Rappelkopf: und was geschieht denn mit mir? geh' ich so ohne seel' herum, oder bekomm' ich wo eine andere zu leihen? Raimund 2, 290 (alpenk. u. menschenf. 2, 1);
du gebietest über tod und leben,
mächtig wie von tausend nervgeweben
seelen fordert Philadelphia (ein zauberkünstler, sieh Bellermanns anm.).
Schiller 1, 216.
gewöhnlich geistiger gedacht, seine seele ist weit fort, wo anders, seine gedanken; er denkt so intensiv an etwas anderes, dasz er das bewusztsein seiner selbst und seiner umgebung verloren hat, nicht weisz wo er ist: hast du nicht gesehn wie er alles anstarret, zu allen lächelt und wie einer antwortet, dessen seele weit weg ist. Leisewitz Jul. v. Tarent 29, 9 ndr. (1, 6); er kommt ja doch nicht; und wenn er kommt, so sitzt er wie auf kohlen und man sieht es ihm an, dasz seine seele wo anders ist, und dasz er je eher je lieber wieder fort möchte. Eckermann² 3, 93. — wieder anders gewendet: eine stimme, welche fähig schien die seelen ihren leibern zu entführen und todte wieder zu beseelen. Wieland 1, 295 (Agath. 5, 5); ich suchte meine seele auf den lippen der schönen sängerin. 13, 53 (nachl. d. Diog. 15). ähnlich aber mit deutlicher ausmalung des bildes: dasz diese nixen mit so übersüszer stimme und erlesener kunst singen könnten, dasz sie damit jedem wesen die seele aus dem leibe zu locken vermöchten. das sei so zu verstehen: die lauschende seele walle der singenden macht so sehnlich entgegen, dasz sie sich ihr ohne widerstand enthülle und offenbare. Ricarda Huch teufeleien s. 138. vgl. noch: (er) drückte mich noch einmal an sein herz, und küszte seine ganze seele auf meine lippen. Heinse Ardingh. 1, 170.
c)
meist beziehen sich wendungen, die der seele eine bewegung auszerhalb des körpers zuschreiben, nur auf das freie schweifen der gedanken. mit schärferer herausarbeitung des bildes: in einer mitternächtlichen stunde, als meine seele in stille schatten gehüllt umher gleitete. Wieland suppl. 3, 150 (sympath. 3);
leicht wie ein ton, unhörbar wie ein stern,
fliegt meine seele um in diesen räumen.
Herwegh ged.¹⁰ 64.
(vgl. andrerseits: es ist, als führte gar kein weg mehr aus ihrer seele in die welt! immer weiter auszer ist die welt! immer tiefer drin die seele. Ludwig 2, 263.) unsinnlicher, die seele erhebt, schwingt sich zum himmel u. and.: ze dir truhten huôb ih ûf mîna sêla. Notker 2, 76, 18 Piper (ps. 24, 1);
o tugend! rief ich, tugend, wie schön bist du!
welch göttlich meisterstück sind seelen,
die sich hinauf bis zu dir erheben!
Klopstock 1, 11;
durch dich (die gottheit) kann des menschen seele in der sternen kreise dringen.
E. v. Kleist 1, 125.
vielfach drücken diese wendungen nicht sowol das denken an etwas, als vielmehr die bewegung des gemüts, die 'gehobene' oder 'niedergeschlagene' stimmung aus, so besonders deutlich:
auf die schwere bitter pein
stellt sich trost und labsal ein.
meine seele, die zuvor
sank bis zu dem höllenthor,
steigt nun bis zum himmelschor.
P. Gerhardt s. 232 Gödeke (83, 5).
ähnlich auch:
doch frei aus ihrem kerker schwingt die seele
sich auf den flügeln eures kriegsgesangs.
Schiller jungfrau von Orl. 5, 11;
doch auf den seraphsflügeln des gesangs
schwang die befreite seele sich nach oben.
braut von Mess. 2, 5
mit welcher wohllustfülle schwellt
mein herz der zauber ihrer kehle!
hinweg aus dieser unterwelt,
gen himmel singt sie meine seele!
Bürger 19ᵃ.
d)
ausdehnung, grösze der seele (selten): unde swenne man frâget, wie grôʒ diu sêle sî, sô sol man wiʒʒen, daʒ ir grœʒe himel und erde niht erfüllen mac niwan got selber, den die himel aller himele niht begrîfen mügent. dâr umbe swer die sêle meʒʒen welle, der meʒʒe si nâch gote. Eckhart 413, 25—29 (vgl. geist II, 22, d, γ). sonst wird grösze der seele in einem ganz verschiedenen sinne gebraucht, s. 13, a.so redet man auch von räumen, gegenden (in) der seele: unsre sinnlichen kräfte scheinen, wenn ich so sagen darf, in masze und raum genommen, eine gröszere gegend unsrer seele auszufüllen, als die wenigen obern. Herder 4, 27 Suphan. raumvorstellungen liegen auch vielen präpositionalen verbindungen zu grunde, so in der seele (besonders in tiefster, innerster seele, im innersten der seele), durch die seele u. a., s. 15.
e)
so auch: die seele dehnt sich, wird weit, schwillt: wenn wir einen solchen gegenstand zum erstenmal erblicken, so weitet sich die ungewohnte seele erst aus, und es macht diesz ein schmerzlich vergnügen, eine überfülle, die die seele bewegt und uns wollüstige thränen ablockt. durch diese operation wird die seele in sich gröszer, ohne es zu wissen. Göthe 16, 223; mit jeder erweiterung der seele steigern sich auch die forderungen an das leben. Freytag bilder 3, 12; dem verschüchterten geschlechte ward die seele weit bei dem gedanken, dasz der erste mann des jahrhunderts unser war. Treitschke d. gesch. 1, 63. — so transitiv: ein maszloses selbstgefühl schwellte den führern der neuen republik (Frankreich) die seele. 1, 129;
so schlägst du frech die hoffnung nieder,
die kaum die seele mir geschwellt?
Geibel 3, 35.
nicht ganz klar ist, ob die häufige wendung die seele geht einem auf hierher oder zu h gehört; beide ableitungen sind möglich und führen auf ein naheliegendes bild (der teig geht auf — die thür geht auf), doch scheint das heutige sprachgefühl, soweit es überhaupt noch eine sinnliche vorstellung mit der phrase verbindet, die erstere erklärung zu bevorzugen: gehn sie hinaus in meinen forst, herr pastor, und wenn ihnen nicht die seele davor aufgeht — Ludwig 3, 54;
das schwarze schelmenaug dadrein,
die schwarze braue drauf,
seh' ich ein einzigmal hinein,
die seele geht mir auf.
Göthe 1, 19
so sprach der gute vater. vieles wollt'
er wohl noch sagen, denn die seele war
ihm aufgegangen, aber worte fehlten ihm.
Hölderlin 1, 99;
bis, erwacht vom ängstigen traum, die seele dem menschen
aufgeht, jugendlich froh.
176.
f)
eine ähnlich materielle vorstellung ist die von der theilbarkeit der seele, wie sie den ausdrücken ganze, halbe seele zu grunde liegt: ein wohlwollen der art verdiene die ganze seele, das ganze vermögen eines weiblichen wesens. Göthe 23, 215; geh, hast nur 'ne halbe seele, 's lodert nur 'n schwaches fünkchen himmlischen feuers in dein'r engen brust. Minor Lessings jugendfr. 370, 10 (Nicolai freuden d. j. Werthers). so auch: die schöne gemahlin des freiherrn schaukelte während des lesens die gestickte fuszbank, ihre seele war nur halb in den blättern. Freytag 4, 35; in Preuszen sahen regierung und volk mit schrecken, wie unsicher ein staatsbau gewesen war, welcher von den leibern und der arbeitskraft der bauern so viel, von ihrer seele so wenig in anspruch genommen hatte. bilder 3, 456. — am häufigsten mit präpositionen, von oder mit ganzer seele (lieben, wünschen, dabei sein u. a.), s. 15, h.
g)
leere, volle seele: im gemeinen leben sind sie (beteuerungsflüche) schon lästig und zeugen von einer leeren seele, wie alle gewohnheitsworte. Göthe br. 2, 67 Weim. ausg. — die seele (er)füllen: uuanda mîn sêla irfullet ist ketrugedes. Notker 2, 138, 23 Piper (ps. 37, 8); das erhabene gibt der seele die schöne ruhe, sie wird ganz dadurch ausgefüllt, fühlt sich so grosz als sie seyn kann. Göthe 16, 222; bald war's ihr wie völlig gedankenleer, bald füllten die leere ihrer seele gedanken, die mit sich im streite lagen. Stockmann Wertherinn 47; es war nicht die freude, .. was seine seele füllte; es war der schreckliche gedanke, vor der welt für einen günstling dieses mannes zu gelten. Hauff jud Süsz cap. 6;
was das herz im tiefsten mir bewegte,
was mir noch jetzt die ganze seele füllt.
Göthe 9, 134 (Tasso 2, 1);
wenn tiefe tiefe dunkelheit
des sinnes ohnmacht schwer umhüllet,
und ein gedanke nur die seele füllet,
an gott und nichts und ewigkeit.
Seume ged. (1826) 81;
und warum schwört Lysander
die liebe ab, die ganz die seel' ihm fuͤllt?
Shakesp. sommernachtstraum 3, 2;
erfülle pilgernd hier
in tiefen athemzügen
die ganze seele dir
mit heiterem genügen.
Geibel 3, 19.
h)
hier sei angeschlossen die vorstellung von der seele als einem offnen oder geschlossenen raume; offen ist die seele, wenn dinge in sie hinein können, wenn sie fähig ist, neue eindrücke aufzunehmen: gebe gott dasz unter mehr groszen vortheilen auch dieser uns nach hause begleite, dasz wir unsre seelen offen behalten, und wir die guten seelen auch zu öffnen vermögen. Göthe br. 4, 150. aber auch eine seele ist jemandem offen, öffnet, erschlieszt sich einem, gestattet ihm in sie hineinzusehen, läszt ihn erkennen, was in ihr ist und vorgeht:
öffne dein gemüt und seele,
klag jhm, was dich drück und quäle.
P. Gerhardt s. 109, 55 Gödeke;
er rette sie und sich; ihr beyder heil und hoffen
befestet dieser tag, wo seine seel ihr offen.
A. Gryphius verliebt. gesp. 1, 48 (s. 45 Palm);
offen
liegt ihre schöne seele mir.
Schiller 5, 1, 160 (dom Karlos 3, 2).
das gegentheil ist eine verschlossene seele: wenn die verschlossene seele, durch imagination geöffnet, behaglich ihre fülle entliesz. Fr. Müller 2, 4 (Faust zuschr.);
er, dessen seele nie der tugend sich verschlosz.
Hölty 44 Halm.
in ähnlichem bilde auch:
verfluchtes blendwerk! nur in luft'gen blitzen
spielt dort die nacht den Tiberstrom entlang
und leuchtet trüg'risch durch der seele ritzen
in meinen schlaf.
Eichendorff² 3, 581.
8)
noch häufiger wird die seele als ein körperliches wesen behandelt, indem ihr handlungen und zustände zugeschrieben werden, die im eigentlichen verstande nur von körpern und zwar zumeist vom menschlichen leibe, doch auch von pflanzen, leblosen dingen, elementen u. s. w. gelten. meist wird dabei dieser ausdruck einfach als bildliche bezeichnung von etwas seelischem genommen; doch findet sich auch der fall, dasz der äuszere, leibliche vorgang oder zustand im eigentlichen sinne verstanden, und nur irgendwie die seele als subject desselben gedacht wird, vgl. z. b.: es ist nicht der körper, welcher in dem schauspiele lacht oder weinet; es ist die seele, die von den eindrücken, die man auf sie macht, gerühret wird. Lessing 4, 119 anm. so werden der seele beigelegt
a)
menschliche gliedmaszen und körpertheile: der munt der sêle ist der oberste teil der sêle, daʒ meinet si unde sprichet 'er hât sîn wort in mînen munt geleit.' Eckhart 93, 21 f.; vernunftikeit daʒ ist daʒ houbet der sêle. 108, 14; Sant Augustînus sprichet unde mit ime ein heidenischer meister von zwein antlützen der sêlen. 110, 22; diu sêle hât zwêne füeʒe, daʒ ist verstentnüsse unde minne. 401, 20; dasz die thränen eben so wohl ein reines blut freudiger seelen seyn. Lohenstein Arm. 1, 325ᵃ; da doch jene (d. weisheit) wahrhaftig das saltz des lebens, und das gesichte der seele ist. 2, 180ᵇ; sein (des liebhabers von skulpturen) auge ward hand, der lichtstral finger, oder vielmehr seine seele hat einen noch viel feinern finger als hand und lichtstral ist, das bild aus des urhebers arm und seele in sich zu fassen. Herder 8, 13 Suphan; ich raffte mich hastig zusammen, und wie man des morgens gesicht und hände wäscht, so wusch ich gewissermaszen gesicht und hände meiner seele und nahm ein zusammengefasztes und sorgfältiges wesen an. Keller 2, 45; selbst die seele des lasterhaften reibt sich vor vergnügen ihre unsichtbaren dunklen hände. wenn sie wahrnimmt, dasz andere für sie gut und tugendhaft sind. 3, 17;
und ekel friszt ihm innerlichst der seele mark.
Platen 274.
seelen auge als zärtlichkeitsausdruck, s. 12, f. dagegen erklärt Luther: nun hat die seel weder hendt noch füsz auch kainen schosz. 12, 595, 41 Weim. ausg.unbildlich ist folgende wendung mit herz im sinne von 'mut':
sprich meiner seel ein herze zu
und tröste mich aufs beste.
P. Gerhardt s. 211, 78 Gödeke.
b)
eigenthümlichkeiten der äuszeren erscheinung; in bezug auf die gestalt: meine gestalt ist verfallen fur trawren, da zu meine seele und mein bauch. ps. 31, 10; die andauernde verdrehtheit seiner seele hatte seinen körper ganz windschief gemacht, dasz er aussah wie ein verbogener wetterhahn. Keller 1, 344. so auch: so wie sein (des bauern) körper und seine glieder steif sind, so scheint es in diesem falle auch seine seele zu sein. qu. bei Freytag bilder 3, 453. farbe: also tilgte die gnade des groszen gottes, der reineste tau seines allereinfältigsten wesens alle schwärtze der seelen. Lohenstein Arm. 2, 363ᵃ; wie .. der, gott sey bei uns! meistentheils deswegen so entsetzlich ist, weil er sich ganz schwarz trägt, so dasz er sogar schwarzes blut und eine ganz schwarze seele haben sol. Tieck 9, 36 (Schildb. 5). — flecken, schmutz (an) der seele: dasz durch benetzung der leiber die flecken der seele abgewaschen würden. Lohenstein Arm. 2, 195ᵃ. — die letzten beiden gruppen fast immer in geistlichem sinne, s. das weitere unter 10, b.
c)
der lebensverlauf im allgemeinen; die seele wächst: es hat mit dem wachstuhme unserer selen eben eine solche beschaffenheit, als mit unseren leibern. Butschky Pathm. s. 372; aus dem gefährlichen wechsel von warmer begeisterung und nüchterner schärfe war seine (Friedrichs d. gr.) seele heraufgewachsen. Freytag bilder 4, 279. — bis zu dieser nacht war die seele des gesunden, kräftigen mädchens in geschlechtlicher hinsicht noch ein kind gewesen .. furcht, mitleid, angst und selbstanklage hatten dieses denken an ihn zu inniger teilnahme gesteigert und ihre seele vertieft, die aber noch immer geschlechtslos blieb, bis die eifersucht endlich das weib in ihr weckte. Ludwig 2, 241 (vgl. jungfräuliche seele unter 13, e). — sie stirbt, wird getötet, vgl. 4, g, hier vom aufhören der empfindung: das leben ihrer seele war getödtet, warum sollte der körper noch erhalten werden? Göthe 17, 302 (wahlverw. 2, 8). schwächer die seele vergeht in einer empfindung:
dasz heute noch die seele mir
vergeht in süszem grausen,
wenn mir zu häupten im revier
die mächt'gen wipfel brausen.
Geibel 3, 141.
d)
seele als braut, gemahlin gottes oder Christi, s. 10, a, ζ; des leibes, s. 2, b. selten in anderer beziehung:
wein, der glühende freier,
o wie schmeichelt er traut!
feurig hebt er den schleier
meiner seele, der braut.
Geibel 3, 83.
sohn der seele nur in der sprache der mittelalterlichen mystik: waʒ sint die zwêne süne der sêle? Eckhart 110, 21; dar umbe was ouch der sun tôt, der einige sun der sêle, daʒ ist der wille unde sint alle die krefte der sêle, sie sint alle ein in dem inristen der vernüftekeit, und vernüftekeit daʒ ist der man in der sêle. 125, 15—18; gotes sun ist der sêle sun, und in dem hât got unde diu sêle einen sun, daʒ ist got. 401, 15 f.; nu hat igelich irn sun, die sele guͦte gerunge, daʒ vleisch bose. Leyser pred. 132, 13 f.doch findet sich ähnliches noch später: und ob wohl das thränen-wasser kein selbst-ständiges wesen der seele ist, so scheint es doch so wenig ungereimt zu seyn, dasz man es für einen brutt der seele .. hält. Lohenstein Arm. 1, 326ᵃ.
e)
äuszere bewegungen. die seele dreht, wendet sich wohin: es ist als wenn die seele sich mir in allen nerven umkehrte. Göthe 16, 54; da er der erste war, welcher sie durch sein interesse an ihr reizte, so wandte auch das liebliche kind ihre junge seele nach ihm hin, wie sich die blume zum licht der sonne neigt. Schlegel Luc. s. 127. sie stürzt hin (vgl. u. t):
und meine seele stürzt geblendet
vor dieses reichthums füllen hin.
Geibel 3, 96.
sie hüpft im leibe als ausdruck lebhafter freude (häufiger das herz hüpft, s. das. I, 1, c, theil 4, 2, 1208): da winkte David, und plötzlich spielte die musik einige takte einer so unerhört glückseligen, überirdischen tanzweise, dasz dem mädchen die seele im leibe hüpfte und alle glieder zuckten. Keller 7, 423. — hierher auch die seele kämpft, ringt:
o sähest du wie meine seele kämpft,
ein bös geschick, das sie ergreifen will,
im ersten anfall muthig abzutreiben!
Göthe 9, 85 (Iphig. 5, 3).
vgl.: er liebt mich, denkt sie: sah ich nicht den kampf
in seiner seele?
Wieland 18, 37.
f)
die seele erliegt u. ähnl.: meine seele ligt im staube. ps. 119, 25; stärke mich, o gott! meine seele erliegt mit der seinigen. Göthe 8, 158. — gewöhnlicher und weniger uneigentlich die seele ist müde, matt:
irquicki in mir ... thia mîna muadûn sêla.
Otfrid 3, 1, 22;
nun aber ist unser seele matt. 4 Mos. 11, 6; da sie jn aber treib mit jren worten alle tag, und zuplaget jn, ward seine seele matt, bis jn den tod. richt. 16, 16; lasz meine seele nicht matt werden — nur diszmal halte mich aufrecht. Schiller 2, 193 (räuber 5, 2 schausp.); in anderm sinne: die limonade ist matt, wie deine seele. 3, 497 (kab. u. liebe 5, 7);
(so) kehrt jetzt im glanze der waffen,
bei der herrscher gebot furchtbargesammelt den wilden,
mitten im untergang, die ermattete seele noch einmal.
Hölderlin 1, 173 Köstlin.
g)
die seele schläft: diu wîle diu sêle noch hie in slâfe ist, sô trîbet si die engel von ir und enmac der crêâtûre dienst niht mêr lîden. Eckhart 395, 10; so arbeitete ich eines tages wieder mit eingeschlummerter seele, aber groszem scharfsinn an der kolossalen kritzelei. Keller 2, 264;
von ferne will ich lauschen — o! singe dann!
die seele schläft.
Hölderlin 1, 7 Köstlin.
h)
die seele iszt, trinkt:
und die müde seele trinkt
schauerndes genesen.
Geibel 3, 40;
da springt wie silber klar der born der gnaden,
die seele trinkt und sie genest vom schaden.
108.
(aber die seele wird auch getrunken:
das aug', das meine seele trank,
sieht fremd an mir vorbei.
Storm ged. 20.)
sie ist hungrig, durstig: meine seele dürstet nach dir, hängt dir an gott! l'anima mia è affettata di te .. s' attacca à te. Kramer dict. 2, 731ᵃ; meine seele dürstet nach gott, nach dem lebendigen gott. ps. 42, 3; man soll solche gute historien, wie die bröcklein von den sieben broten fleiszig auffheben, denn sie speisen die hungerigen seelen und laben mate hertzen. Mathesius Sar. 18ᵃ; eine sichtbare kirche .., die alle nach dem überirdischen durstigen seelen in ihren schoosz aufnimmt. Eichendorff poet. litt.³ 2, 18;
meine seele brennt in mir,
lechzet, dürstet, trägt begier
nach dir, o du süszes leben.
P. Gerhardt s. 128, 5 Gödeke;
und nagend zehrt der durst an meiner seele.
Grillparzer⁴ 1, 50.
satte seele: denn er (Klopstock) hat diesz mit dem geiste des christenthums selbst gemein, der in einfältigen kindlichen herzen leichter eingang findet, als in vollgefüllten satten und ekeln seelen. Schubart ges. schr. 1, 240. — die seele speisen, sättigen (besonders geistlich):
eröffne dich, lasz deinen saft
und des geruchs erhöhte kraft
mein herz und seele speisen!
P. Gerhardt s. 48, 66 Gödeke;
du ... füllest meine seele,
die leer und dürstig sasze,
mit vollgeschenktem masze.
121, 34;
nahrung, speise der seele: gleich wie die nahrung der selen vil fürtreflicher, als die speise des leibes ist; also ist sie auch vil gefärlicher: denn, wenn sie nicht selig machet, so bringet sie gewis die sele ins verdamnis. Butschky Pathmos s. 429;
und teil uns mit dein teglich brod!
ich mein allein das göttlich wort,
du einige speiss unser seel.
bergreihen s. 30 neudruck (12, 19);
süsze zauberische schäferstunden ...
sind für meine seele keine kost.
Seume ged. (1826) 22.
ähnlich, aber weniger bildlich labe, labsal der seele: unde brôt, daʒ chît dero sêlo laba, sîn herza sterche Notker 2, 437, 5 Piper (ps. 103, 15).
i)
die seele athmet: man belauschte mit nervöser empfindsamkeit jeden athemzug der eigenen schönen seele. Treitschke d. gesch. 2, 14;
bis unsre augen in einander sanken
und wir berauscht der seele athem tranken.
Storm ged. 31.
sie keucht:
wie wird mir so herzlich bange,
wie so heisz und wieder kalt,
wann in diesem sturm und drange
keuchend meine seele wallt!
Bürger 44ᵃ;
schwitzt: ich hätte meiner einfalt nach solche thränen für nichts anders, als einen schweisz der seele zu halten wissen. Lohenstein Arm. 1, 325ᵇ;
wie lange soll mein arme seel
in diesem bade schwitzen?
P. Gerhardt s. 178, 12 Gödeke;
weint.
du siehst, wie meine seele thränt
und sich nach deiner hülfe sehnt.
92, 35;
so mus meine seele doch heimlich weinen uber solcher hoffart, meine augen müssen mit threnen flieszen. Jer. 13, 17. wie hier wirkliches weinen gemeint ist (meine seele = ich, vgl. 18, b), so auch wol in folgenden stellen wirkliche seufzer die aus der seele kommen:
er hört die seufzen deiner seelen
und des herzens stilles klagen.
P. Gerhardt s. 275, 29 Gödeke,
höre du,
der du die unschuld dieses herzens kennst,
die heissen seufzer meiner bangen seele!
Wieland suppl. 4, 266 (Joh. Gray 2, 6).
k)
die seele lacht (vergl. d. einl. zu 8 und das häufige mir lacht das herz im leibe, s. theil 4, 2, 1208):
ja es fliessen freuden-zähren,
wobey selbst die sele lacht,
in betrachtung deiner pracht.
Brockes 1, 99.
kusz der seele: daʒ ist der kus der sêle: dâ ist munt ze munde komen, dâ gebirt der vater sînen sun in die sêle. Eckhart 93, 22 f. (s. das vorhergehende unter a). — sehr gewöhnlich ist die seele zittert, bebt: wie tausendmal bebte meine seele, wenn ich so unterlag den menschen. Klinger theater 2, 345 (sturm u. dr. 4, 6);
Laura hüpfet daher, die mir den ersten rausch
überirdischer wonne
durch die bebende seele gosz.
Hölty 70 Halm.
l)
noch gewöhnlicher ist die seele spricht u. ähnl.: der herr ist mein teil, spricht meine seele. klagel. Jer. 3, 24; wie der hirsch schreiet nach frischem wasser, so schreiet meine seele gott zu dir. ps. 42, 2; wenn meine seele nicht mehr flehen kann, so hör ihr stammeln! Siegw. 3, 281;
wo ist der seele ruf?
Göthe 12, 34;
die dunkelheit wird licht,
wenn deine seele hymnen spricht.
Seume ged. (1826) 80 (Minna an der harfe);
deine seele rief zum throne
mit dem sohne: vater, schone!
Tieck 5, 482;
die seele sagt mir, ich ahne:
sag' es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die seele:
jenes mädchen ist's, das vertriebene, die du gewählt hast.
Göthe 40, 274;
umgekehrt:
und sagen möcht' ich viel,
doch ist die seele stumm.
Hölderlin 1, 96 Köstlin.
gesang der seele: ich .. war schon so nahe, dasz das lied nicht mehr von auszen, dasz es aus mir herauszutönen schien, ein gesang der seelen. Grillparzer⁴ 11, 287. in anderm sinne mit kühnerer metapher: seine tochter war unter gesängen aufgewachsen, und ihre ganze seele war ein zartes lied geworden. Novalis 2, 38 Meiszner (Heinr. von Ofterd. 1, 3).
m)
übel, gebrechen, krankheiten der seele: die gesêlten wundermenschen, die geprechen habent an der sêl werken. Megenberg 488, 20; wahrscheinlich ist es, dasz dieses übel ihrer seele ihren körper entkräftet. Stockmann Wertherinn s. 46; so auch: denn ich habe gott von angesicht gesehen, und meine seele ist genesen. 1 Mos. 32, 30; einzelne krankheitssymptome: wann ihr nun vermercket, dasz euer liebster ein geschwür habe an seinem hertzen, an seiner seele. Schuppius s. 976;
er (Lucian) treibt die blähungen der seele sanft uns ab,
und weiss die kunst, mit lächeln oder lachen
uns klüger oft, vergnügter stets zu machen.
Wieland 10, 165;
wie der mensch dich schwer bekämpfe,
doch im ringen allzumal
lösen sich der seele krämpfe,
innrer schmerz in äuszre qual.
Grillparzer⁴ 1, 38.
kaum ist als bild zu betrachten die verbindung leiden der seele:
gerührt von meiner seele stillen leiden,
beredet sie, groszmütig unbesonnen,
ihr weiches herz mir liebe zu erwiedern.
Schiller dom Karlos 3, 2.
n)
wunden der seele:
wie viele wunden meiner seele fangen
zu bluten an mit der erinnerung!
Schiller 5, 1, 69 (dom Karlos 2, 3);
in stiller mitternächte stunden ...
beschau' ich meiner seele wunden.
Göttinger musenalm. 1777, s. 134.
die seele (durch)schneiden, durchbohren u. a.: eure verfluchten blicke durchstecken mir die seele! Fr. Müller 3, 312 (Golo 4, 14);
ach freund, ein schwert durchboret mir die seele!
Weisze trauersp. 2, 156;
hier darf schmerz die seele nicht durchschneiden.
Schiller 11, 60;
ach, Maria, welche leiden
muszten deine seele schneiden!
Tieck 5, 482;
mag er stehn! die thräne kann
nicht die rosse halten;
mag der rauhe geiszelschwung
ihm die seele spalten.
Lenau 1, 48 Koch.
besonders zerreiszen: bange ahnungen zerreiszen meine seele. Musäus volksm. 4, 77 Hempel (ebenso 1, 17);
noch strömt, wenn ihre (der nachtigallen) lieder schallen,
selbst in zerriszne seelen ruh.
Hölty 203 Halm.
so auch:
die ungewiszheit foltert meine seele.
Wieland suppl. 4, 283 (J. Gray 3, 3).
mit anderm bilde (vgl. das herz brechen):
ihr verblühet, süsze rosen,
meine liebe trug euch nicht,
blühet, ach, dem hoffnungslosen,
dem der gram die seele bricht!
Göthe 10, 311 (Erw. u. Elmire 2, 1).
häufig auch mit präpositionen durch die seele schneiden, nach dem biblischen ausdruck: und es wird ein schwert durch deine seele dringen. Luc. 2, 35; izt zum erstenmal werden die schwerder einer ewigkeit durch eure seele schneiden. Schiller 2, 184 (räuber 5, 1 schauspiel); oh es wird mir durch die seele schneiden ein schwerd. 74 (2, 2); wie sie ... ein gellendes 'juchhe nach Amerika!' rufen, dasz es einem durch die seele schneidet. Allmers marschenb. 291;
wo ist
die mutter auf der ganzen weiten erde,
der solch ein schwert noch durch die seele ging,
bis auf die eine, die am kreuze stand.
Hebbel² 6, 80 (Demetr. 1, 4).
o)
die bisher erwähnten metaphern waren meist dem bilde des menschlichen leibes entlehnt. aber der seele werden auch flügel oder schwingen beigelegt: Plato, welcher der seele nicht nur flügel, sondern auch den geistern leibliche empfindungen zugeeignet hat. Lohenstein Arm. 1, 325ᵇ;
Amor, quäle mich nicht! mir schwimmt in flammen die seele;
oder sie hat ja wie du flügel und flieget davon.
Herder 26, 12 Suphan;
doch träg, in dunkler höhle,
liegt feige sklaverey:
sie lähmt im joch der tyranney
die kühnen schwingen unsrer seele.
Uz s. 155 Sauer;
fort, fort von ihr, die meiner seele schwingen
mit süszer macht zusammen hält.
Seume 5, 194.
daher redet man vom fluge der seelen (vgl. auch 7, c): denn die last des leibes hemmet allzu sehr den flug der feurigen seele. Lohenstein Arm. 2, 542ᵇ;
flogen sie irr; so hub doch
seele den kühneren flug.
Klopstock 1, 266.
weniger klar ist das bild in dem sehr häufigen ausdruck schwung (aufschwung) der seele: wie die schranken unserer glieder und der sinnlichen werkzeuge nebst ihrer empfindung sich gegen den schwung verhalten, dessen unsere seelen hier schon fähig sind. Hamann 8, 5; eines tages, wo ein besonders kühner schwung sich seiner seele in ihrer gesellschaft bemächtigt hatte. Novalis 2, 50 Meiszner (Heinr. v. Ofterd. 1, 3); so oft seine seele gott suchend in mächtigem aufschwunge erglühte. Freytag bilder 2, 2, 86;
das gedächtnis alter freuden
labt das herz in bangen leiden,
gibt der seele neuen schwung.
Hölderlin 1, 24 Köstlin.
p)
das bild eines thieres liegt besonders deutlich vor in den aus der bibel stammenden und in der geistlichen sprechweise beliebten wendungen hirt der seelen, die seelen weiden u. ä., vgl. 10, a, η und die subst. seelenhirt, -weide: Ardinghello .. weidete seine seele nun an ihm (Aristophanes) leibhaftig mit entzücken. Heinse Ardingh. 1, 66;
alles war für unsre seelen weide,
jeder pulsschlag ein genusz der freude!
Heinse in Schmidts eleg. der Deutschen 186.
vom zugthiere hergenommen ist die wendung die seele ausspannen: es hat mir sehr wohl gethan meine seele auch nur auf einige tage ausgespannt zu haben. Göthe briefe 6, 287 (an frau von Stein den 7. juni 1784); ein ähnliches bild: meine seele löst sich nach und nach durch die lieblichen töne aus den banden der protokolle und ackten. 3, 12 (22. febr. 1779). so auch:
füllest wieder busch und thal
still mit nebelglanz.
lösest endlich auch einmal
meine seele ganz.
Göthe 1, 111.
dagegen liegt bei spannen und abspannen deutlich die vorstellung einer sehne oder einer saite zu grunde: meine einbildungskraft gelähmt, und beinahe jede nerve der seele abgespannt. Schubart ges. schr. 2, 45; solange hoffnung ist zu leben, spannt sich die seele erfinderisch zu list und widerstand. Freytag bilder 2, 1, 351.
q)
bilder aus dem pflanzenleben: denn der herr wird dir daselbs ein bebends hertz geben, und verschmachte augen, und verdorrete seele. 5 Mos. 28, 65;
aber im gram ist ihr die seele gewelkt.
Hölderlin 1, 173 Köstlin.
ferner geistlich:
gib, dasz der sommer deiner gnad
in meiner seelen früh und spat
viel glaubensfrücht erziehe!
P. Gerhardt s. 241, 77 Gödeke.
vgl. auch:
und lasz mich bis zur letzten reis
an leib und seele grünen.
87.
r)
sehr häufig die seele glüht, brennt; brand, feuer der seele und ähnliches: sie (die liebe) ist ein feuer der seelen. Lohenstein Arm. 2, 135ᵇ; schelte mich nicht, wenn ich dir sage, dasz bei der erinnerung dieser unschuld und wahrheit mir die innerste seele glüht. Göthe 16, 23; ungestüm fährt er auf, um mitternacht, glühend ist seine seele! Schubart ges. schr. 1, 22; Hutten's seele brennt hell auf für das recht der neuen lehre. Freytag bilder 2, 2, 52;
(hier ruht) mancher, der mit kühnen saitengriffen,
feuer in die seele,
dich, o tugend, dich, o blumengeber
lenz, besungen hätte!
Hölty 51 Halm;
löscht' ich so der seele brand,
lied es wird erschallen.
Göthe 5, 20;
kommt mit mir zum sehnsuchtslande!
ach im brande
laszt die ganze seele glühen.
Tieck 5, 482;
und so musz sein gemüth in hassesflammen liegen,
in wilder leidenschaft die seele funken sprüh'n.
Raimund 2, 273 (alpenk. 1, 23).
warme, kalte seele:
der (Rheinwein) macht die kalte seele warm.
Hölty 190 Halm.
so auch:
hie wärme meine seele,
wann mich der kalte tod befällt.
P. Gerhardt s. 45, 40 Gödeke
(vgl. seelenwärmer).
s)
die seele schwimmt (in etwas):
wollust strömt aus allen sinnen;
meine seele schwimmt
auf dem strom von hinnen.
Gotter 1, 180 (musik);
die schöne sonne hüpft um mich! ...
und meine seele schwimmt in glanz.
Fr. Müller 2, 343.
die seele überströmen, eintauchen:
dann müss' ein schauer von dem unendlichen ...
über dich kommen, und dir die seele
ganz überströmen.
Klopstock 1, 52;
bis zu dem kusz, der seel' und sinne
eintaucht ins taumelmeer der minne.
Immermann 13, 23 Hempel;
drum lasz die seelen, liebster, ganz
uns tauchen in den nassen glanz,
verschwimmen in dem süszen gleichnisz!
244.
vgl. auch: indesz das heiligthum der seele tropft
vom thränengusz aus heiliger wonne bächen.
37.
t)
in andern bildern erscheint die seele selbst wie eine flüssigkeit: wenn er seine ganze seele vor ihm (gott) hingegossen hatte, dann kam ihm ruhe und ein heiliger frieden. Freytag bilder 2, 2, 75;
du hörst, was ich beschlosz; eh' würdest du
den strom, wenn er herab von bergen schieszt,
als meiner seele donnersturz regieren.
H. v. Kleist Penthesilea 1, 5.
die seele als meer:
o dasz mein sinn ein abgrund wär
und meine seel ein weites meer,
dasz ich dich möchte fassen!
P. Gerhardt s. 159, 34 Gödeke.
vgl. noch das häufige die seele thaut auf: da ... meine verhärtete seele wieder aufgethaut war von den blicken des jünglings und lieben lernt'. Hölderlin 2, 162 Köstlin.
u)
die seele klingt (vgl. l zu ende): meine seele klang unter diesen harmonischen menschen. Schubart ges. schr. 1, 31;
sie hören nur den sphärensang,
den seel' in seele himmlisch klang.
Immermann 13, 232 Hempel.
die vorstellung der seele als klangerzeuger wird häufig zum bilde eines saiteninstruments ausgemalt: die liebe lief mit schaudernder hand tausendfältig über alle saiten seiner seele. Göthe 18, 111;
die andre (tochter der erfahrung), die mit leisem dämpfer
der seele saiten reiner stimmt,
ergebung, die geprüfte kämpfer
in ihres schilds umschattung nimmt.
Salis ged. (1821) 25 (ergebung);
wenns wahr ist, dasz die schaffende natur
den Rodrigo in Karlos wiederhohlte,
und unsrer seelen zartes saitenspiel
am morgen unsers lebens gleich bezog.
Schiller 5, 1, 23 (dom Karlos 1, 2).
v)
hier seien noch einige andre ausgeführte, für den einzelnen fall geprägte bilder für seele zusammengestellt: bald sollte ihn das leben unter seinen hammer nehmen, das reine metall seiner seele zu härten. Freytag bilder 2, 2, 76; der ganze himmel ihrer seele wurde blau. Ludwig 2, 269;
ach lasz vor deinem angesichte,
voll glaubens- liebes- hoffnungs-früchte,
dann meiner seelen baum bestehn.
Brockes 1, 398;
wie würden schnell des kummers düstre wolken
vom reinen himmel deiner seel' entfliehn!
Wieland suppl. 4, 277 (J. Gray 3, 2);
da liegt sie, eingehüllt,
die hilflose kleine! ...
ein leeres blatt die seele.
Grillparzer⁵ 1, 169;
wollt ihr dieses holde wesen,
ihrer seele schönen spiegel,
der auf seiner klaren fläche
rein die schöpfung stellet dar,
weil er selber rein und klar,
mit der rachsucht gift'gem hauch,
mit des hasses atem trüben?
4, 56 (ahnfrau 2);
unsre seel' ist eine schale,
welche die menschheit faszt und der erde schicksale.
Immermann 11, 17 Hempel.
9)
die an sich selbst unsichtbare seele äuszert sich und wird erkennbar in ihren wirkungen auf den körper. besonders nachdrücklich und unmittelbar tritt sie zu tage in gewissen erscheinungen, nämlich dem blick, dem geschriebenen oder gesprochenen worte u. a. seele geht hier fast immer auf das gefühl oder gemüt, vergl.: das menschliche leben scheint in einer reihe symbolischer handlungen zu bestehen, durch welche unsere seele ihre unsichtbare natur zu offenbaren fähig ist, und eine anschauende erkenntnisz ihres wirksamen daseyns auszer sich hervorbringt und mittheilt. Hamann 2, 156.
a)
die seele liegt in, spricht, sieht aus dem auge oder blick: sie hat viel seele, die voll aus ihren blauen augen hervorblickt. Göthe 16, 99; er .. fand ein schönes sanftes gesicht mit schmachtenden blauen augen, dem wiederschein einer himmlischen seele. Siegw. 3, 328; die ganze klare seele lag in dem blick. Eichendorff² 3, 151; ihre ganze seele trat in die erschrockenen augen, die, wie gebannt, auf der mittleren säulenpforte haften blieben. C. F. Meyer Jürg Jenatsch 147;
und der in zähren schwimmende süsze blick,
(die ganze seele bildet in ihm sich mir!).
Klopstock 1, 13;
in der menge sah er einen schönen
jüngling; fröhliche gesundheit glänzte
vom gesicht ihm, und aus seinen augen
sprach die liebevollste feuerseele.
Herder 28, 179 Suphan;
und ihre schöne seele mahlt
sich in dem blick, den sanft ihr auge strahlt.
Seume ged. (1826) 53;
offen, wie des himmels blau,
lag in seinem aug' die seele
fremdem auge da zur schau,
freundlich, fest und ohne fehle.
Müllner schuld 1, 6;
aus augen grosz
sah seine seele sonder hüllen.
Immermann 13, 64 Hempel.
ähnliche ausdrücke mit anders gewendeter bedeutung sind schon unter 7, a behandelt.vergl. ferner: sie (Albano und Linda) sahen sich lange an, die augen voll seelen. J. Paul Tit. 4, 163. — mit, ohne seele blicken:
weise maszest du ihn; und mit seele schaute dein blick hin.
Klopstock 2, 228;
sieht dein auge nicht trüb' um sich her, nicht starr ohne seele?
1, 28.
b)
seele in der miene, dem gesichtsausdruck: du wirst ihre ganze seele in ihrem gesichte lesen. Lessing 2, 35 (m. Sarah Sampson 3, 1); ihr gesicht sagt dir alles, malt dir ihre ganze seele ab. Siegw. 3, 331;
wo er in tiefsinn mit mienen voll seele, mit himmlischem lächeln,
neben ihm stand.
Klopstock 3, 179 (Mess. 4, 385);
sein gesicht liesz seine seele lesen.
Seume ged.⁴ 179.
auch dem gesichte selbst wird seele (als dauernde eigenschaft) zugeschrieben: sie war kaum einen halben kopf kleiner wie er und übertraf ihn an gliederfülle, auch war ihr gesicht ganz so grob geschnitten, wie das seine, nur dasz ihm im gegensatz zu dem des wärters die seele abging. Hauptmann bahnw. Thiele s. 4.
c)
das unsichtbare wesen unserer seele offenbart sich durch worte. Hamann 1, 449; die seele liegt vielfach nicht so sehr in den worten selbst, dem inhalt der rede, als in dem tone, mit dem sie ausgesprochen werden, dem klange der stimme: Stella! es spricht ihn niemand aus wie du! ganz die seele der liebe in dem klang! Göthe 10, 174 (Stella 4); sprach durch diese augen, durch diese stimme nicht dieselbe seele zu mir? Hebbel² 2, 207 (Julia 2, 6). — vgl. auch die geberden geben der rede die seele. Kramer dict. 2, 732ᵇ.
d)
seele im geschriebenen worte: gestern bey guter zeit erhielt ich ihren lieben brief den schönen abdruck ihrer seele. Göthe briefe 5, 72 (an fr. v. Stein d. 10. märz 1781);
brennt hitzige papier! voll seelen, sinnen, hertzen,
voll seuffzer, küsse, gunst.
A. Gryphius 1, 221 (Card. u. Cel. 3, 149).
namentlich im werke des schriftstellers, im stil: jede wendung des oftmals harten, immer edlen und ursprünglichen stiles spiegelte die tiefe bewegung einer groszen seele wieder. Treitschke d. gesch. 2, 65.
e)
namentlich die seele des künstlers offenbart sich im kunstwerk, flieszt darein u. ähnl.: wer .. den sogenannten liebhaber, das einzige wahre publikum des künstlers, immer näher und näher zum künstlergeist aufheben könnte, dasz die seele mit einflösse ins instrument. Göthe 33, 32; und doch sagte ihm (Friedr. d. gr.) ein richtiges gefühl, dasz in seinen versen der reichthum seiner seele nicht so voll und rein ausströmte, wie in den klängen seiner flöte. Treitschke d. gesch. 1, 82. namentlich bei der musik, sowol beim komponieren wie beim vortrage, vgl.:
leben athme die bildende kunst, geist fodr' ich vom dichter,
aber die seele spricht nur Polyhymnia aus.
Schiller 11, 303 ('tonkunst').
daher:
der knabe blies und sang voll seele
mit goldnem laut aus heller kehle.
Immermann 13, 71 Hempel.
f)
daher wird auch vom kunstwerk selbst gesagt, es habe seele, insofern nämlich die seele des künstlers darin wirkend ist; vom werke des schriftstellers: es ist eine alte bemerkung, dasz der vater der griechischen geschichte, Herodot, nicht nur den gang derselben nach Homer geordnet, sondern dasz auch der im ganzen werk herrschende gedanke, die seele desselben episch sei. Herder 24, 326 Suphan; ein groszer dramatischer dichter, sagte Goethe, wenn er zugleich produktiv ist und ihm eine mächtige edle gesinnung beiwohnt, ... kann erreichen, dasz die seele seiner stücke zur seele des volkes wird. Eckermann² 3, 144; viele schriftsteller, wohl die meisten, haben gar keinen styl, oder höchstens geringe, unzusammenhängende anfänge eines styls. sie geben ihre gedanken hin, so deutlich es gelingen will, aber eine belebende seele wird in ihrer darstellung nicht sichtbar. Savigny kl. schr. 4, 229; seine (Börnes) abstrakte journalistische bildungssprache war brillant, pikant .. und wurde doch niemals sinnlich warm; ihr fehlte die seele, die macht der natur. Treitschke d. gesch. 3, 710. — vom bilde: Kleonidas behauptet sogar, sie übertreffe ihn noch in der kunst, einem bilde gleichsam seele zu geben, so dasz es einen ordentlich anzusprechen scheint. Wieland 35, 242 (Aristipp 3, 25); die rechte persönlichkeit und seele fehlten zwar dem bild. Keller 7, 108. von der plastik: der alte künstler konnte verschiednes an verschiednem studiren ..., aber wenn er nun schuf, so ward das verschiedene ein eins, mit haltung und seele aus seiner seele. Herder 8, 81 Suphan. diese belege nähern sich der unter 23, e behandelten bedeutung mehr oder weniger, manche (so die aus Herder und Wieland angezogenen stellen) gehen ganz darin über.vgl. noch: einem gedicht durch den gesang die seele geben, animare versum cantibus. Stieler 1991.
g)
infolge der fähigkeit der seele, sich zu äuszern und mitzutheilen, kann man auch in der seele (eines andern) lesen (s. auch Lessing und Seume unter b): das beredte stillschweigen, wenn wir mit beschäfftigten sinnen einer des andern geheimste regungen erriethen, und in den schmachtenden augen die verborgensten gedanken der seele lasen. Lessing 2, 23 (m. S. Sampson 2, 3);
wie glücklich, prinz,
dörft ich dafür in ihrer seele lesen?
Schiller 5, 1, 12 (dom Karlos 1, 1);
du willst in meiner seele lesen
und still mein bestes theil empfah'n?
Geibel 3, 125.
10)
reich ausgebildet ist der gebrauch von seele in geistlicher, theologischer sprache; diese gebrauchsweisen hängen eng zusammen mit denen unter 20.
a)
zunächst sind die mannigfachen beziehungen zwischen seele und gott zu betrachten.
α)
der ursprung der seele wird auf gott zurückgeführt; sie stammt von gott oder vom himmel: der mensch hat die seele von gott. Steinbach 2, 576; dâr umbe, daʒ diu sêle von dem himel ist (daʒ ist von got, der ein himel der sêle ist) unde der lîcham von der erden, sô sint sie alwege wider einander. Eckhart 396, 30 f.; diu sêle wirt ouch ein vanken himelischer nâtûre genant. 405, 24 (vgl. 246, 35); diu sêle unde der gaist, der ist aver chomen von himile unde von gote. Schönbach pred. 3, 136, 10; unsere selen, welche himmlisch seyn, und von gott kommen, sollen auch, nach der h. taufe, wider himmelan steigen. Butschky Pathmos s. 363; nachdem zwar unser leib aus der erde, unsere seele aber, nach der meisten weisen meinung, aus dem gestirne oder vielmehr, wie wir Deutschen glauben, von gott seinen ursprung hat. Lohenstein Arm. 1, 139ᵇ. sie gehört zum himmel, der himmel ist ihre heimat: nû hân wir einen funken gesant zuo dem himel, daʒ ist diu sêle unsers herren Jêsû Kristî, diu bewîset uns, daʒ aller sêlen ruowestat nienân sî dan in dem himel, unt dâran ist uns bewîset, daʒ diu sêle genzlîche zuo dem himel gehœre. Eckhart 237, 1—4;
wo findet die seele die heimath, die ruh? ...
die heimath der seele ist droben im licht.
geistliches volkslied.
sie ist von gott geschaffen und dem menschen eingegossen (vgl.γ): dô got die sêle beschuof, dô greif er in sich selber und machte sî nâch sîner glîchnüsse. Eckhart 394, 8; so war der herr lebt, der uns diese seele gemacht hat. Jerem. 38, 16; weil er den nicht kennt, der jn gemacht, und jm die seele, so in jm wirckt, eingegossen, und den lebendigen odem eingeblasen hat. weish. 15, 11;
got gibt die sele, der neme si hin.
renner 6146;
empfindung, bist du wahr, als dürf' ich
frey mit dem schöpfer der seele reden?
Klopstock 1, 57.
nach einem andern bilde ist die seele von gott ausgeflossen: waʒ diu sêle ist, daʒ hât si von gote und ist alsô von im ûʒ gefloʒʒen. Eckhart 394, 20; dâr umbe muoz diu sêle, diu ze gote wider komen wil, von dannen si ist gefloʒʒen, elliu dinc lâʒen unde fliehen, diu gotes niht ensint. 396, 32 (s. auch 308, 30 unter γ).
β)
sie ist daher selbst göttlich: die seele des menschen, ist ein göttliches ding. Butschky Pathmos s. 941; wehre die sele in deinem leibe nicht ein göttlicher athem. hd. kanzl. s. 228; denn der seele wesen ist gott, von dem sie und ihr wissen entspringt. Lohenstein Arm. 1, 541ᵃ; wie der leib eine kleine welt, oder ein begrief der grossen ist; also ist die seele ein kleiner gott, und ein tempel oder wohnstadt des grossen gottes. 2, 543ᵇ. (doch auch: diu sêle ist ein mittel zwischen gote unde der crêâtûre. Eckhart 395, 2.)
γ)
häufiger wird dies so ausgedrückt, dasz die seele, wie ja der mensch überhaupt (eben nach seiner seele) nach dem ebenbilde gottes geschaffen ist: in der êwiger geburt, dâ der vater sînen sun gebirt, dâ ist diu sêle ûʒ gevloʒʒen in ir wesen und ist daʒ bilde der gotheit gedrüket in die sêle. Eckhart 308, 30 f. (vgl. 33); got hât niht beschaffen, daʒ im glîch sî, dan die sêle. wan als gote niemen keine gestalt geben mag, alsô mac man ouch der sêle keine gestalt geben, und als got untœtlich ist, alsô hât er ouch die sêle untœtlich beschaffen. 394, 10—13 (s. auch 47, 1—3. 113, 24. 480, 32 unter 6, d); dîn edele sêle die got nâch sînes selbes bilde geschaffen hât. Schönbach pred. 1, 84, 17; die sêle die er geschaffen und gebildet hât nâch ime selben. 251, 11; wan daʒ pilde unde die glîchnusse, dâ unser herre got den mennesken nâch im selbem mit gepildet unde gescafen hete, daʒ ist diu arme sêle. wan diu sêle diu hât rede unde sin. 3, 159, 14; alsam diu sîne hêre gothait lûhtet unde scînet an iwer sêle, die er nâch sîner gotlîchen natûre hât gepildet unde gescafen. 171, 29; sô ist aver unsers herren reht unde sîn munze diu sêle unde der gaist .. alsô hât ouch unser herre die sêle unde den gaist nâch im selben gemunzet unde geprâchet. 173, 21. 23; das bild gottes in dem menschen ist die gleichförmigkeit der menschlichen sele. Butschky Pathmos s. 52.
δ)
gott wohnt und wirkt in der seele: nû ist aber ein frâge: in welher mâʒe got in die sêle kome, sît er doch wesenlich in ir ist und sî mit sîme wesenlîchen werke enthaltet, unde wesen und leben in ir würket? Eckhart 395, 39; in des menschen sêle wont âne zwîvel got oder der tuͦvil. Schönbach pred. 1, 296, 14; das got mit seynen genaden zuͦ dir kommen wirtt in dein sel. Keisersberg granatapfel B 3ᵈ; denn, die sele des gerechten ist ein sitz oder wohnung der weisheit (gottes). Butschky Pathmos s. 984; es ist eben dieses die art, wie er (der geist gottes) in unsern seelen wirkt. Hamann 1, 91; vgl.:
o selig, wer in dieser welt
läszt diesem gaste haus und zelt
in seiner seel aufschlagen!
P. Gerhaldt s. 175, 87 Gödeke.
s. auch Lohenstein Arm. 2, 543ᵇ unter β. — daher übertragen: meine seele hat nicht raum für zwey gottheiten, und ich bin ein sterbliches mädgen! Schiller 2, 149 (räuber 4, 4 schausp.).
ε)
die seele ist mit gott enge verbunden: zwischen gott und der seele wäre eine feste verknüpffung. wie die wurtzel der sonnenstrahlen in der sonne, ihre spitzen aber auf der erdkugel wären; also wären die seelen zwar in menschlichen leibern, aber sie wären doch mit gott, als ihrem brunnquell verknüpfft. Lohenstein Arm. 2, 540ᵇ; sie kann ohne ihn nicht bestehen: swer sîme ebencristen vînt unde gehaʒic ist, der ist vor got mansleke, der ist ouch dâ mit gesundert von got, der st dâ mit tôt an der sêle. wan alsam der lîp leben muoʒ von der sêle, alsam lebt ouch diu sêle von ir schæphære; unde alsam der lîb stirbet, swenne diu sêle ûʒchumet, alsam stirbet ouch diu sêle, swen si gesundert wirt von ir schephære. Schönbach pred. 3, 122, 16—21; zû gelîcher wîs als die lylye dorret ân den tou .., alsô vortirbet die sêle ân die gotes genâde. 1, 61, 1;
ynn ihm so ist das leben
der seelen hie und dort.
bergreihen s. 53 neudruck (26, 9).
ζ)
diese innige verknüpfung wird sehr häufig unter dem bilde der ehe (oder des verlöbnisses) dargestellt; gott (Christus, der heilige geist) ist der bräutigam der seele, diese ist seine braut, sein gemahl: wan sîn (Christi) gemahel daʒ ist ellîu diu gemeinde der heiligen christenheit unde ist ouch sunderlîchen ein iegelich sêle. Schönbach pred. 3, 13, 27; daʒ nâch disem lîbe iuwer sêle immer muͤʒe sîn sîn gemahel. 41; der fingerringmacher wisse, dasz auch seine seele eine braut ist. Abraham a S. Clara etwas f. alle 2, 219;
gotis brûth dû sêli adilvrouwi,
vorchti dû der ir dûwi.
summa theol. 27, 1 (denkm.³ 1, 123, vgl. 2, 215 f.);
alsam der man unt daʒ wîp
peidiu sint ein lîp,
alsô ist uber die sêle der geist
aller prûtegaum meist,
iouch der beider chint
der (lies des) lîchenam guotû werich sint.
Diemer ged. 335, 15;
in dem jetzt meine seele schawt
wie inniglich doch eine braut
sich uber jhrem breutgam frewet:
so komm ich, heyland, recht darauff,
wie ich dir auch bin zugeträwet.
Königsberger dichterkreis s. 147 neudruck;
steig aus du hertzer gast,
spricht er, und sey ümfast
von deines buhlers armen.
komm seele, keusche braut,
dich hab ich mir vertraut.
Fleming 311 ('auf jungfr. Magdalenen Weinmanni ableben');
wie sehr viel gutes uns gethan
der bräutgam unsrer seelen.
P. Gerhardt s. 39, 327 Gödeke;
so auch:
an dem kreuze, da du stirbest
und üm meine seele wirbest.
40, 8;
dasz meine seele ruh
im schosz deiner liebe.
66, 59;
so wird doch deiner seelen
der bräutigam nicht fehlen.
Bürger 14ᵃ.
vgl. auch seelenbräutigam und:
zem gemahel hân ich dich erwelt
und wil dich zuo mir ziehen,
dîn herz dîn sêl mir wol gevelt.
'gott u. die seele' v. 42, s. erlösung s. 215.
ein gedicht des 14. jh. 'die minnende seele' s. ebenda s. 216 ff. (einl. xxxv ff.).
η)
sehr beliebt ist ferner die vorstellung der seele als schaf und Jesu als hirten: denn jr waret wie die jrrende schafe, aber jr seid nu bekeret, zu dem hirten und bischove ewer seelen. 1 Petr. 2, 25;
du bist der selen ein herte,
der uff des lebens weyde
sy bringt des hymmels werte.
Heinr. v. Mügeln (Göttinger handschr.) 204ᵃ;
o Jhesu Christ,   dein kripplein ist
mein paradies, da meine seele weidet!
P. Gerhardt s. 153, 2 Gödeke.
θ)
häufig sind allgemeinere wendungen, wie (gott ist) der seele teil, hort, trost, zier u. ähnl.:
so bleibst du doch mein gott und meiner seelen theil.
Rist Parnasz 28;
o meiner seelen zier.
P. Gerhardt s. 25, 4 Gödeke;
heile mich, o heil der seelen.
41, 17;
du sternlein meiner seelen.
100, 10;
ich will erhöhen immer fort
und preisen meiner seelen hort.
183, 2:
o meiner seelen sonn und zier.
218, 47;
schlaf, du frommer seelen weide,
schlaf, du frommer herzen freude.
314, 40 ('christ-wiegenliedchen');
schlaf, du paradies der seelen.
50;
vgl. auch:
er (Jacob) .. gab sich in den schirm
der neuerdachten götter,
hielt bestien und gewürm
und bilder von metallen ...
für seiner seelen kron (d. h. für gott).
281, 128.
so auch:
selig sey tag und stunde
darinne das göttlich wort
dir widderuͤmb ist kunde
der seelen höchster hort.
bergreihen s. 53 neudruck (26, 8).
b)
zustand und befinden der seele hängt wesentlich von der sünde ab.
α)
diese befleckt die seele:
men dine sele is bevlecket mit sunden unreine.
dodes danz 813 Bäthcke;
macht sie häszlich und ungestalt: si (die seele) ist ouch alsô schœne, die wîle si in gnâden gotes ist, unde sich mit sünden niht ungestalt machet. Eckhart 413, 29—31; die sêle wirt swartz von den suͦnden. Schönbach pred. 1, 69, 11; gewinnet der mensche bôse gedanken, sô wirt die sêle ubil getân. 253, 20.
β)
daher die seele reinigen, läutern von sünden u. ähnl.: als daʒ fiur daʒ golt unde daʒ silber erliutert, also erliutert och er alle die sêle von allen iren sünden die zuo zim chêren. 3, 24, 3; du weist, herr, das ich keins mannes begert habe, und meine seele rein behalten von aller böser lust. Tob. 3, 17;
Marîâ muoter, dar zuo sprich,
daʒ ich die sêle gevege
von sünden.
Marner xv, 19 a, 7 Strauch.
γ)
für die seele reinigen auch mit anderm bilde die seele verjüngen, weil man sich das kind zunächst als sündlos denkt; ein ähnliches bild der unschuld ist die jungfräulichkeit: vone diu minnont dih dîe iunkfrouuon, daʒ sint dîe sêla, dîe der geiunget sint in dero tôife. Williram 4, 2; idoch sô sule wir alle .. an der sêle vor got mait unde unschuldic sîn. Schönbach pred. 3, 261, 10.
δ)
andere bezeichnungen (vgl. dazu c): also wenn du in dir empfindest das deiner seel schaden bringt als die sünd so begynn zusuͦchen ertney. Keisersberg granatapfel B 3ᵈ;
wente alle stât bringet de sele in last,
wan he wert geholden nicht recht.
dodes danz 304 Bäthcke.
c)
die seele kann nicht ohne gott leben, s. a, ε, dafür auch: die seele kann so wenig ohne glauben leben, als der leib ohne die güter der natur. Hamann 8, 6; vgl.:
meine seele lebt in mir
durch die süszen lehren,
so die christen mit begier
alle tage hören.
P. Gerhardt s. 137, 73 Gödeke.
es scheint demnach, als ob sie auch sterben könne, was eigentlich ihrer unsterblichkeit (1, f) widerspricht. und in der that bezeichnet die kirchenlehre den zustand einer seele, die so fest in sünden verstrickt, so ganz der sünde anheim gefallen ist, dasz sie sich nicht mehr davon los machen kann, als geistlichen tod, und den zustand der verdammten seelen im jenseits als ewigen tod. die ausdrücke sind also nicht buchstäblich zu nehmen in dem sinne, dasz dadurch die fortexistenz der seele aufgehoben würde, sondern bezeichnen nur einen verderbten, verkümmerten zustand derselben durch eine metapher: an sô unsundigen blûoten uuard diu erda irslagen, nals sî, nube an iro sizzente, uuurden an iro sêlon irslagen. Notker 2, 457, 8 Piper (ps. 105, 39); denn der mund, so da leuget, tödtet die seele. weish. 1, 11;
wan de sele mit dôtliken sunden wert vordorven,
so is se dôt vor gode gestorven.
dodes danz 17 Bäthcke.
daher auch:
lebt ihre seele nur, ihr leib mag sterben.
Schiller jungfrau von Orl. 4, 8.
dieselben verbindungen begegnen ähnlich auch in nichtgeistlicher sprechweise, s. 8, c. (in ganz anderm sinne dagegen 4, h.)
d)
da der himmel die eigentliche heimat der seele ist (s. a, α), so wird ihr aufenthalt auf der erde häufig als gefängnis gedacht (vgl. auch 2, f, α); doch erscheint diese gefangenschaft meistens erst als folge der sünden, die die stelle der fesseln einnehmen: daʒ rêtet uns her Salomon der wîse in canticis unt spricht: revertere, revertere, Sulamitis. er spricht: kêre wider, kêre wider, suͤʒʒe minne oder gewangen (l. gevangen) sêle. Sunamitis interpretatur quelibet captiva anima in peccatis. Schönbach pred. 1, 19, 4; das ist nu die ander gefencknusz, welche unser arme seele betrifft, und vom teufel herrüret, und durch die sünde auf uns bracht, ja uns eingestempt und eingenaturt .. ist. Mathesius 130. psalm Dd 2ᵇ;
hier ist nichts denn finstre nacht,
blinde schatten, schwartze hölen,
da die einversperten seelen
kaum nicht werden ümmgebracht.
Fleming 297.
e)
die zahlreichen verbalen fügungen nehmen durchweg auf das schicksal der seele nach dem tode bezug, wären also streng genommen unter 20 einzureihen. sie sind in der biblischen sprache geprägt, treten aber hier, zumal im alten testamente, zunächst in einem ganz andern sinne auf, s. 4, der unmerklich in den heutigen übergeht.nicht reflexiv, die seele (eines andern) erlösen, retten, so gewöhnlich von gott oder Christo: eine seel erlösen, salvare, riscattare un' anima. Kramer dict. 2, 730ᶜ; mit Jesu Christi blut theuer erkaufte seele. 731ᶜ; Christus ist erschienen, die seelen der seinigen zu erlösen und selig zu machen. ebenda; dafür auch:
ich komm' auff meiner seelen kauff
den du dir hast zuthun verpflichtet
und durch dein blut ins werck gerichtet.
Königsberger dichterkreis 147 neudr.;
aber auch vom priester:
ich lœs die sêl ûʒ jâmers wê.
Kolm. meisterl. 171, 20.
so auch: das unser seelen versünet werden fur dem herrn. 4 Mos. 31, 50; wenn ihr gegen zehn, die ich zu grund richtete, nur einen glücklich macht, so wird meine seele gerettet. Schiller 2, 335 (räub. 5, 8 trauersp.). — ferner: seelen bekehren, gewinnen. Kramer dict. 2, 731ᶜ;
that is grôtara thing,
that man bisorgon skal   sêolun managa,
hwô man thea gehalde   te heƀan-rîkea.
Hel. 1867;
es wandern christenpriester wohl durchs land,
gewinnend ihrem herrn verwandte seelen.
Grillparzer⁴ 7, 66.
eine seele verderben, von gott: die seel in die helle verderben, perdere, disperdere l' anima nell' inferno. Kramer dict. 2, 730ᶜ; sament diên sundigen neferliêsest du mîna sêla. Notker 2, 87, 18 Piper (ps. 27, 3); von menschen: die seelen verführen, verleiten. Kramer dict. 2, 731ᶜ; seelen zu versorgen, zu verantworten, auf sich haben. ebenda; ha satan! worinn verstrickst du meine seele? Schiller 2, 156 (räuber 4, 5 schausp.);
das geheimnisz
durch indulgenzen sünde zu erleichtern
und seelen durch die sünde zu zerstören
mislang bei dem infanten.
dom Karlos 2, 13.
von dingen:
ni avir diu michil êre
iewiht wurre sînir sêlin.
Annolied 648;
allzu arm und allzu reich
ist nicht gut, stürzt beides gleich
unsre seel ins sündenreich.
P. Gerhardt s. 80, 14 Gödeke;
und was die welt vor freude schätzt,
pflegt seel und geist zu fällen.
82, 44.
ähnlich vom teufel. so auch:
ich ... bin fast so reich, wie —
der teufel, aber besser, denn ich ford're
die seele nicht, ich geb' mein silber so.
Hebbel (1891) 6, 161 (Dem. 4, 8).
f)
mit bezug auf die eigene seele; seine seele versorgen, erhalten, retten, erretten, verlieren etc. curare, conservare, liberare, riscotere, salvare, perdere etc. l'anima sua. Kramer diction. 2, 730ᶜ; oder was kan der mensch geben, damit er seine seele wider löse? Matth. 16, 26; wir aber sind nicht von denen, die da weichen und verdampt werden; sondern von denen, die da gleuben und die seele erretten. Ebr. 10, 39; diese seele nun zu bewahren, haben die heiligen gottes unterschiedliche mittel erdacht. Abraham a S. Clara etw. f. alle 2, 272; leer kam ich hierher — leer zieh ich wieder hin — aber meine seele ist gerettet. Schiller 2, 174 (räub. 5, 1 schausp.);
oder wollt ihr, maledeiten,
eure armen seelen retten?
Heine 1, 469 Elster.
dafür in der ältern sprache:
ein man sol haben êre,
und sol iedoch der sêle
under wîlen wesen guot.
minnes. frühl. 29, 34;
ebenso unpersönlich:
het is uwer sielen goet,
dat ghi hier penitencie doet.
Reinaert 7005;
ferner:
ic bem voortmeer so out,
ic moet miere sielen telen.
381;
daʒ wir der werlde uns bewegen
unde der armen sêle phlegen.
Lamprecht v. Regensburg Francisk. leben 5036;
miner selen salicheit hebbe ik noch nicht vele gesocht.
dodes danz 612 Bäthcke.
für die seele sorgen u. ähnl.: für seine seele sorgen, haver cura, pigliar cura dell' (attender' all') anima sua. Kramer dict. 2, 731ᵃ; man findet leider so viel grobs verstockts pöfels, das weder im leben noch sterben für seine seele sorget. Luther 3, 397ᵇ; o lieber mensch erbarm dich über dein seel so bist du gott wol gevällig. Keisersberg granatapfel B 2ᵈ; der über das heyl seiner seelen sorg traget, pflegt bey jeder verrichtung .. sich gewahrsam zu beobachten. Abr. a S. Clara etwas für alle 2, 276. — die seele vor sünden hüten: vor alle und uber alle ding sule wir huͦten unser selbis sêle. Schönbach pred. 1, 251, 14;
wie dû der sêle hüetest vor des meines mort.
Frauenlob 308, 5.
anderes:
dâ wolde er gote die sêl ergeben,
wand er geistlîcheʒ leben
zem êrsten begund aldâ.
Lamprecht v. Regensburg Franc. leben 3883;
es seyn fürnehmlich drey sachen, dadurch die sele eines christen versichert wird. Butschky Pathmos s. 769.
g)
das gegentheil heiszt gewöhnlich die seele verlieren; sehr häufig im mhd.:
florn hât er die sêle.
Kraus ged. s. 21, 171;
ist ime diu sêle danne verlorn,
sô wære er beʒʒer ungeborn.
d. arm Heinrich 605;
jâ ist dirre werlte leben
niuwan der sêle verlust.
689.
diese verbindung geht also nicht auf den verlust des lebens (mhd. den lîp verliesen), sondern auf das geschick der seele nach dem tode, die ewige verdammnis, so besonders deutlich:
ich swuor iu, edel wîp,
daʒ ich durch iuch wâgte   die êre unde ouch den lîp:
daʒ ich die sêle fliese,   desen hân ich niht gesworn.
Nibel. 2087, 3;
auch wird beides gern verbunden:
eʒ hât vil manic man sîn heil,
sîn lîp, sîn sêl von im (dem neide) verlorn.
Marner xi, 18 Strauch (vgl. dessen anmerk. und oben 2, c).
dafür mit einem kühnen zeugma:
ein armes junges kind nimbt offtermals ein messer
und spielet umb sich her, ein vatter weisz es besser,
beraubt es ohn gefahr: so thut der vater auch,
der alles hat erzeugt, und reiszt uns dem gebrauch
der scharpffen güter ausz, darein ein mensch sich stechen,
ja seel' und halsz zugleich darüber könte brechen.
Opitz 1, 64.
gleichbedeutende wendungen:
ich hân mit armer liute schaden
sünden vil ûf mich geladen ...
und hân daʒ êwige unheil
mîner sêle gekoufet.
Grimm Reinh. s. 321, 835;
was hülffs den menschen, so er die gantze welt gewünne, und neme doch schaden an seiner seele? Matth. 16, 26. — seine seele wagen, in gefahr, aufs spiel setzen: 'armer Georg', klagte sie, 'seele und seligkeit habt ihr in gefahr gesetzt'. 'nicht also, liebe jungfer, seele und leben hoffe ich zu bewahren, wenn ihr mich nicht verlaszt'. Freytag ahnen 4, 255;
und hab' ich diese unheilvolle macht,
so will ich auch sogleich auf sie verzichten,
damit ich nicht, von leidenschaft verblendet,
in irgend einer unglücksel'gen stunde
die seele wage!
Hebbel (1891) 6, 158 (Demetr. 4, 6).
ähnlichen sinn hat wol die bildliche redeweise seine seele an einen nagel, zaun hängen: es mus einer die seele an zaun hengen, der da jetzund einen handel anfahen sol. Mathesius Syrach 2, 4ᵃ;
(ich) gdenck nit fast an min arme seel,
ob sie darumb muͦsz liden quel:
min seel thuͦ ich an ein nagel hencken,
hoff, gott werd mirs uffs lest als schencken
und mir mein seel mit gnoden zieren.
Gengenbach s. 68.
daher auch:
was mit solcher angst und sorgen wird erkauffet,
wornach man mit gefahr der seelen rennt und lauffet.
Rachel sat. ged. 40;
vgl. auch: eh ich mirs schmeken lasz von dem geld, das mein einziges kind mit seel und seeligkeit abverdient. Schiller kab. u. liebe 1, 1. — auch die seele verschwenden:
kommt, die ihr durch geitz geblendet,
die ihr um der ehre tand,
und der wollust geilen brand,
seelen, zeit und gut verschwendet!
Brockes 1, 179;
wer die seele verschwendet, ist der gröszte
schwender.
Herder 27, 160 Suphan.
auch im einzelnen seine seele verpfänden, verschweren, verwetten, impegnare, incaricare, obligare l'anima sua per un giuramento. Kramer dict. 2, 730ᶜ; vgl. auch (nicht geistlich):
ihr (damen) spielt mit uns um unsre seele
und setzet nichts dagegen ein.
Immermann 13, 35 Hempel.
besonders seine seele dem teufel verschreiben u. ähnl.: nun war ein wild, wüst kind unter jnen gewesen, der hatte gesaget: wenn einer were, der jme eine gute zech weins schenckete, wolte er jhme darfür seine seele verkeuffen. Luther tischr. 459ᵃ; Stengelius schreibet gar, dasz einer dem teufel seine seel um sechs kreutzer verschrieben, damit er könne eine maasz bier trincken. Abr. a S. Clara Judas 3, 264; also verpfänd ich meine seele dem teufel. Schiller 2, 44 (räuber 1, 2 schauspiel); jeder verschrieb gerne seine seele dem teufel, dasz er ihn mit neuem schein der erfindung schmücke. Arnim 19, 6 (päpstin Johanna 1, 1). vgl. auch: in jener groszen zeit .. hätten wir alle uns lieber, die brust mit wunden bedeckt, in ein breites grab reihen lassen, als in das welsche heer, und unsere seelen eher dem leibhaftigen teufel übergeben, als dem französischen cardinal. C. F. Meyer J. Jenatsch¹⁰ 105.
h)
Kramer dict. 2, 731ᵃ giebt auch geradezu an: eine seele haben, havere un' anima, cioè coscienza, probità. er hat eine gute seele. ohne seele seyn, keine seele haben, esser senz' anima, non haver' anima cioè coscienza, timor di Dio; doch dürfte diese gebrauchsweise in der lebendigen sprache kaum verbreitet sein (vgl. indessen seellos 2).
11)
mit den zuletzt besprochenen redeweisen hängt der gebrauch von seele in beteuerungen enge zusammen.
a)
eine einfache beteuerung ist: so wahr meine seele lebt, ich bin euer hauptmann! Schiller 2, 48 (räuber 1, 2 schausp.); so wahr meine seele lebt! ich will euch niemals verlassen. 119 (3, 2). auch erweitert: so wahr gott lebt, und meine arme seele! 134 (4, 2). — dafür in der bibel stets, für uns auffällig, aber logisch untadelig: so war deine seele lebt, mein herr, ich bin das weib. 1 Sam. 1, 26; ebenso 17, 55. erweitert: so war der herr lebt, und so war deine seele lebt. 1 Sam. 25, 26; ähnlich 2 kön. 2, 2.
b)
daneben finden sich andre verbindungen, z. b.:
so mir myn sele ind myn lyff.
Karlmeinet 211, 64.
diese phrase ist wol nicht zu vervollständigen: 'so gewisz meine seele lebt', sondern 'so lieb mir meine seele ist'; so auch nd. as em sine sele un ere (leben und ehre) leev is. Dähnert 419ᵇ. eine ähnliche anschauung liegt einer sehr gewöhnlichen mhd. redewendung zu grunde: daʒ ich iu geseit hân daʒ ist wâr. des setze ich iu die wârheit ze einem geziugen unde mîne sêle ze einem pfande. Eckhart 47, 5;
des sî min sêle iuwer pfant.
Iwein 1236;
der pâbest sprach, mîn sêl sî pfant.
Lohengr. 5084.
man verpfändet seine seele, d. h. man erklärt sich schuldig, sie zu verlieren, wenn die so bekräftigte behauptung nicht wahr ist; ursprünglich wol in dem sinne, dasz man das leben verwirkt haben will, später aber in geistlichem sinne, von der seligkeit nach dem tode verstanden, vgl.: sine seele to'm düwel sweren, einen falschen eid thun. Dähnert 419ᵇ. — darauf beruhen noch folgende wendungen: alse ick dat uppe myne sele nemen will. urk. von 1382 bei Haltaus 1668; went der keyser Cunrad das uph seyne sele nam, das zo dem ryche neyn bethzer manen were; wenne es die jungkfraw auff jhre seele nimmet. quelle s. ebenda; ferner bi siner selen holden, eidlich erhärten. brem. wb. 4, 747. so auch von einem andern: einem etwas auf seine seele geben, committere aliquid conscientiae alicuius. Haltaus 1668; so sollen sie die leuthe fragen auff ihre seele. quelle s. ebenda.
c)
dieselben wendungen werden auch als nachdrückliche verschärfung von befehlen verwendet: was ist überzeugender und stärker, als ein hohes verbot bei strafe .. um deiner seelen seligkeit willen. (Karl) Lessing 13, 606;
mit recht befehl' ich d'rum,
bei deiner seele heil, des leibes marter,
dasz du ihn wo in fremdes land aussetzest.
Shakespeare winterm. 2, 3.
so auch: der sol ja bey leib und seel, nicht wider solch sein gewissen .. handelen. Luther 6, 4ᵇ. aber auch umgekehrt:
ich wil ir râten bî der sêle mîn,
durch keine liebe, niht wan durch daʒ reht.
minnes. frühl. 86, 9,
d. h. ich verpfände ihr meine seele, dafür, dasz der rat ganz ehrlich, nicht parteiisch oder eigennützig ist.
d)
die gewöhnliche redensart ist bey seiner seele schweren, jurare per animam suam. Frisch 2, 254ᵃ; der herr Zebaoth hat bey seiner seelen geschworen. Jerem. 51, 14;
dô man dem kunic von Bêheim sagte
dise geschiht niwe,
er swuor bî sêl und triwe,
eʒ wurd von im gerochen.
Ottokar reimchr. 8607;
bei gott im himmel kann ich's schwören,
bei meiner seele, meiner seligkeit!
Hebbel 6, 165 (Demetr. 4, 9).
mit andern verben: ok segede he uns by synre seile. livl. urk. v. 1440 bei Schiller-Lübben 4, 180ᵃ; N. N. hebben bekant by oren selen, by zalicheit orer selen. s. ebenda; ich hab damals bey meiner seele geflucht. Schiller räub. 4, 5 schausp.
e)
ohne verben: bey meiner seele! per ò sopra l'anima mia! Kramer dict. 2, 731ᵃ; bey meiner seele, ita vivam, ita sim salvus, incolumis, beatus. Stieler 1991; ja bei meiner selen sprach Otgier: und wo jr das thuͦnd, so sprich ich, das jr der best ritter der gantzen welt seindt. Aimon p 1ᵇ; bey meiner seele! ihr seyd irr. Klinger Otto s. 5, 17 ndr. (1, 1); nun bey meiner seel, wenn man so lange auf was wartet, unds denn kommt, denn nichts. 42, 25 (2, 8); bei meiner seele! so etwas sollte man drucken lassen. J. Paul uns. loge 1, 118;
(Mortimer) der doch, bey meiner seel, mit fleisz verrieth
das leben derer, die zum kampf er führte.
Shakesp. Heinrich IV, 1. theil, 1, 3.
f)
zuweilen treten adjectiva hinzu: nein, bey meiner grimmigen seele. Schiller 2, 191 (räuber 5, 2 schausp.). so ist stehend: bey meiner armen seele! ich thu es nur der interessen wegen! Lessing 1, 557 (Minna 3, 7);
bei meiner armen seel'! es war
ein mädchen zum entzücken.
Hölty 19 Halm.
auch mundartlich, schweiz. (bi) miner (arme) sél! Hunziker 238, nd. bi miner armen seel. Dähnert 419ᵇ; — oder auch bei seiner seelen seligkeit: jetzt geräth Schmeie Tinkeles auszer sich ... und verschwört sich bei seiner seele seligkeit mit lautem geschrei, er könne nicht unter 41. Freytag soll 1, 59;
bei meiner seelen seligkeit!
dich liebt' ich bis zum grabe.
Hölty 32 Halm.
dafür: bei meiner seel' und seligkeit. Musäus volksm. (1787) 2, 100.
g)
auch mit auf: auff mein elende seel, ich hab gesehen, das ich den teuffel anstelt mit arguiren. Garg. 154ᵇ; es duechte sie, das hätte afe sî seel ke gattig. Gotthelf Uli d. knecht s. 92 Vetter;
das weib triffts, auff mein seel, gar ebn:
wir nehmen lieber, dan wir gebn.
Hollonius somn. vil. hum. 47, 922 neudruck.
zu ergänzen etwa ich nehme es auf meine seele, s. b.els. ohne seele: uff mîn armi! Frommann 2, 506.
h)
aber man schwört auch bei der seele eines andern (s. auch a), wol stets eines verstorbenen:
nû hete der künec die gwonheit
daʒ er nimmer keinen eit
bî sînes vater sêle swuor
wan des er benamen volvuor.
Iwein 895;
aber bei meines vatters seel, wir wollen mit so vil volcks wider kommen. Aimon p 1ᵇ; so halb komisch: bei der seel des general Wallensteins, sie blasen zu sturm. Gryphius Horribilicr. s. 10 ndr.; bey der seele des groszvaters von Machomet, die erzbestien ziehen auff! 72. so auch noch nd. by myner moer seele. Strodtmann 209.
i)
als interjection wird gewöhnlich sowol verb als präposition ausgelassen, und man sagt
α)
entweder meiner seel(e): meiner seele! getroffen! rief der kleine dicke rathsherr. Wieland 19, 247 (Abd. 2, 7);
wo ist graf Hold, graf Hold, wo ist er? meiner seele!
Zachariä schnupft. 3, 338;
o wär' ich prinzessin heut' an deiner stell',
ich wüszt' mich vor freuden nicht aus, meiner seel'!
Raimund 1, 18 (barometerm. 1, 8).
so auch mundartlich, nd. miner seel nig. Dähnert 419ᵇ; österr. meiner seel und gott! Hügel 148ᵃ, henneb. meiner seel! 'wahrhaftig, so wahr ich lebe!' auch als ausruf frohen erstaunens, 'wahrhaftig? wirklich?' Spiesz 232. ebenso berlin. meiner seelen! Brendicke 181ᵇ.
β)
oder noch gewöhnlicher mit aufgabe auch der casusendung mein seel. hierbei wird jetzt die verkürzte form seel noch konsequenter angewandt als bei α. belege: meine seele! anima mia! cuor mio! anima mia dolce! Kramer dict. 2, 731ᶜ; sie hetts, mein siele, mit keinem besser treffen können. Schoch stud. leb. D 2ᵇ; mein seele, euer gnaden hätte mir den hals umgedreht haben können, eh' ich gewuszt hätte wie mir geschähe. Wieland 11, 187 (don Sylvio 1, 3, 3); getroffen, mein seel! rief Pedrillo. 233 (1, 3, 7); mein seel, gäb ein morgen ackerland drum, so was schöns gemacht zu haben. Fr. Müller 1, 229; mein seel'! ich will dir morgen eine flasche Tokay kaufen. Klinger 1, 146; er war doch, mein seel! ein gelehrter mann. Lenz 1, 9 (hofm. 1, 4); in eurem morast ersticke ich — treib 's nicht länger — mein seel' nicht! 181 (d. n. Menoza 2, 4); ich weisz euch pfiffe, die noch 'mal so gut sind, mein seel! Shakesp. Heinr. IV, 1 th., 2, 1;
Amma, so zuih i in krieg —
mei seil! i gang.
Erk liederh. s. 327 (²2, 361);
und dachte sich in seinem sinn:
mein seel', ein weib zum fressen!
Blumauer Aeneide 1, 31;
mein seel! den könig fragt ich gleich:
wie theuer, herr, sein königreich?
Bürger 24ᵃ;
ja, mein' seel'! dank für die frohe mär!
Müllner der 29. febr. 6;
die kommt, und: ach herr gott! ruft sie. und: Ruprecht!
was ist dir auch? mein seel', ich hob den fusz.
H. v. Kleist zerbr. krug 7;
mein seel', 's ist schwer, frau Marthe, dreist zu sprechen,
wenn das gewissen an der kehl' uns sitzt.
9;
mein seel, das dauert mir zu lange, Evchen.
ebenda.
so in mundarten, schweiz. mi sél und sëligkeit! Hunziker 238; tirol. mei sêl! auch mai sea! Schöpf 668; bair. mei^% sêl! auch sei^% seale wahrhlich! Schm. 2, 256; in Clausthal mej siel. Frommann 5, 422, 50. — auch blosz seel!, so luxemb. sél (meng dód)! Gangler 413, vgl. k.
k)
häufig erleidet seele dabei absichtliche entstellungen, wie auch sonst in beteuerungen und flüchen; so sagt man in der Schweiz (mî) sex!, im Elsasz mî secht!, auch mîn sex! mîn six(el)!, in Baiern (bei) meiner sechs! sachs'n! tausend, hell sachs'n! Frommann 1, 298, 2, 5. 2, 506. 563, 40; henneb. meiner sechs! als ausruf der überraschung, freude, verwunderung. Spiesz 232.
12)
beziehungen zwischen verschiedenen seelen.
a)
besonders ist es die liebe, welche die seelen verbindet, vereint u. ähnl.: 'reine liebe', sprach er, 'ist keinem wechsel unterworfen, und zwei vereinbarte seelen vermag auch die grosze kluft nicht zu scheiden, die zwischen himmel und erde befestigt ist. Musäus volksm. 3, 103 Hempel; meine seele ist von der deinen unzertrennlich. Siegw. 3, 281;
liebe, du der menschen göttlichster verstand, ...
knüpfe seel' an seele, knüpfe hand in hand.
Herder 29, 124 Suphan;
das überlebende verlangen
verkündigte der seelen bund.
Schiller 6, 271;
die seelen schienen ohne worteslaut
sich ohne mittel geistig zu berühren.
14, 71 (braut von Messina 2, 5);
und meine seele kettet freundlich sich
auf ihrer zauberbahn ...
mit leisem zug an ihre seele an.
Seume ged. (1826) 78 (Minna an d. harfe);
ich schwör' es dir bey Amors stärkstem bogen, ...
bei dem, was seelen knüpft, in lieb' und glauben.
Shakesp. sommernachtstraum 1, 1;
es ist ein schöner glaub' in meinem land,
die götter hätten doppelt einst geschaffen
ein jeglich wesen und sodann getheilt;
da suche jede halfte nun die andre
durch meer und land, und wenn sie sich gefunden,
vereinen sie die seelen, mischen sie
und sind nun eins.
Grillparzer⁴ 4, 98.
das schicksal trennt die vereinten seelen (d. h. eigentlich nicht die seelen, sondern die leiber, die menschen selbst):
dann trennt kein schicksal mehr die seelen,
die du einander, natur, bestimmtest.
Klopstock 1, 41;
und dennoch weiszt du, welch ein gedank' es war,
.... der, dasz du seelen
fühlender, und für einander schufest!
das weiszt du, schöpfer! aber dein schicksal trennt
die seelen, die du so für einander schufst.
59.
in ganz andrem sinne: die wochenlange beschränkung auf den engen raum (das zusammenleben auf einem schiffe) bei getrennten seelen, die doch im innersten verbunden waren. Keller 7, 117. — vgl. noch: die groben selen suchen sich sowie die feinen: aber was eigentlich das band der freundschaft zwischen ihnen ist, das weis ich nicht. Hermes Soph. reise 1, 195.
b)
stärker wird diese vereinigung der seelen in bildern zum ausdruck gebracht:
beglückt, beglückt, wer die geliebte findet,
die seinen jugendtraum begrüszt,
wenn arm um arm, und geist um geist sich windet,
und seel' in seele sich ergieszt.
Hölty 199 Halm;
seele rann in seele — erd und himmel schwammen,
wie zerronnen, um die liebenden.
Schiller 2, 109 (räuber 3, 1 schausp.).
c)
der (die) liebende giebt seine seele dem (der) geliebten, sie gehört ihm: der jüngling gab ihr ebenfalls seine ganze seele. Novalis 2, 49 Meiszner (Heinr. v. Ofterd. 1, 8); meine innerste seele gehört dein. Göthe br. 7, 139 (an Ch. v. Stein d. 12. dec. 1785);
ist doch die seele mein
so ganz geworden dein.
Storm ged. 15.
ähnlich auch:
du hast die seele mein
so ganz genommen ein,
dasz ich kein andre lieb,
als dich allein.
Erk-Böhme liederh. 2, 373.
d)
indem dieses von beiden seiten geschieht, kommt ein tausch der seelen zu stande:
hier, Hymenäus, der die menschen bindet ...
die seelen tauschest du? ei, gute götter!
ich will die meine nur für mich behalten,
wer weisz, ob eine andre mir so nütz?
Grillparzer⁴ 6, 4;
hast du etwas, so gieb es her und ich zahle was recht ist,
bist du etwas, o dann tauschen die seelen wir aus.
Schiller 11, 167 (votivtafel 6).
vergl. auch:
ich — ich lieb' ihn, seel' um seele,
wie man droben liebt im licht!
Müllner schuld 1, 6.
e)
infolgedessen nennt der liebende den geliebten geradezu seine seele, gewissermaszen den besten, innersten, wesentlichsten theil von sich, sein eigentlichstes, wahres selbst: seel, met. anima, cioè ... cosa più cara. Kramer dict. 2, 731ᵃ; so schon ahd.:
in then alteri er nan (Abraham seinen sohn) legita,   sô druhtîn imo sagêta,
thia liabûn sêla sîna   ûf in thia witavîna.
Otfrid 2, 9, 48;
besonders in der anrede:
wir wârun suorgênti   ther thîneru gisuntî;
waʒ mag ih quedan mêra,   mîn einega sêla?
1, 22, 52;
herze unde sêle mîn!
krone 26607;
Annchen von Tharau, mein reichthum, mein gut,
du meine seele, mein fleisch und mein blut!
Herder 25, 177 Suphan;
du meine seele, du mein herz!
Rückert (1882) 1, 367 (liebesfr. 1, 3).
dafür schwächer:
mîn halbe sêle dû bist.
pass. 165, 24 Hahn;
er hätte schmertzen gnung, dasz er die helffte seiner seelen etliche meilen hinter sich lassen solte. Weise kl. leute 17. oder nur als vergleich:
diu ist mir sam mîn sêle   und sô mîn selbes lîp.
Nibel. 376, 7.
da die redeweise im nhd. wesentlich der sprache der (geschlechtlichen) liebe im engern sinne angehört, so kann (liebe) seele geradezu für geliebte, liebchen eintreten: allem setzte er die spitze durch ein arzneigläschen auf, das er sich für seine liebe seele im walde, für Drotta, mit dem feinsten stachelbeeren-eise stopfen liesz. J. Paul leb. Fibels s. 58. vgl. auch:
sein geist war meine seel, ich wünscht ohn ihn zu sterben.
A. Gryphius 1, 218 (Carden. 3, 65);
ein eindringling seid ihr
dort nur, den man sich gern vom halse schafft;
im kleinen häuschen seid ihr seine seele.
Ludwig 4, 164 (engel von Augsb. 1, 3).
anstatt meine seele auch meine andre seele, indem der liebende gewissermaszen zwei seelen, die eigne und die des andern besitzt: alleine, wo steht geschrieben: dasz ich meiner andern seele des fürsten Zeno vergessen soll? Lohenstein Armin. 2, 218ᵃ; ich solte mich aufs neue von meiner andern seele, meiner liebenswürdigen Corlinde auf eine ungewisse zeit trennen. Plesse 3, 5. so auch: du bist meine beszre seele. Heinse Ardingh. 1, 226.
f)
eine art steigerung bildet die redewendung seele meiner seele: du aber seele meiner seele sei willkommen. polit. stockf. 333;
dasz du die einige wirst sein,
die, bisz der tod mich auff- wird reiben,
soll meiner seelen seele bleiben.
Schwieger geh. Venus s. 27 neudruck;
liebste seele meiner seelen,
fliehet jhr mich gantz und gar?
Königsberger dichterkreis s. 13 neudruck;
seele meiner seele! das bist du geliebte. die liebe
schuf zur seele dich mir, bildete dich in mein herz.
Herder 26, 21 Saphan (blumen aus d. gr. anth. 2, 5).
sie wird auch von gott gebraucht: gott du bist die seel meiner seele! Kramer dict. 2, 731ᵃ. — ähnlich:
die unglücksel'ge weint, er aber hört sie nicht,
und reiszt ihr aus der hand, bey seiner kleinen käle,
den kleinen liebes-gott, ihr einzigs augen-licht,
der ihrer seelen aug' und ihres herzens-seele.
Brockes bethlehem. kinderm. 3. buch, nr. 34.
g)
hier seien auch andre ausdrücke zusammengestellt, die die bedeutung des geliebten für die seele des liebenden ausdrücken (vgl. dazu ihrer seelen auge in der zuletzt citierten stelle):
sag', o sonne meiner seele,
sage doch, wo weidest du?
Opitz 3, 9;
unsrer wälder pracht, Clorinde,
meiner seelen keyserin.
Königsberger dichterkreis s. 13 neudr.;
meiner seelen lust und ruh
eilt von mir sich zu entfernen.
A. Gryphius 1, 208 (Card. u. Cel. 2, 2);
dein bildnis ist noch hier! ach soll es denn verbrennen!
.... ach must du denn, du gar zu wahrer schein
von meiner seelen sonn' vergehn und aschen seyn!
221 (3, 164).
ähnliche verbindungen im geistlichen sprachgebrauche s. unter 10, a, θ.
h)
im mhd. ist ein sehr beliebter ausdruck für die vereinigung zweier liebenden bez. für das eheliche verhältnis zwei seelen und ein leib:
sô daʒ der man und daʒ wîp
zwô sêle werdent und ein lîp.
Ottokar reimchron. 18228;
mîn sun, gedenke daʒ ir sint
ein sin zwô sêle und ein lîp,
dû ir man und sî dîn wîp.
Reinfr. von Braunschweig 12009;
nû hœrte ich sagen mære,   ein man unde ein wîp,
dâ sie mit einander lebten,   daʒ wære ein lîp
unde zwô sêlen.
Wolfdietrich D IX, 4;
gar dugentlich herging
der wirt und auch sin wib.
zwu seln und niur ein lib
brufft wir an irm gebarn.
Altswert 235, 32;
Hilla, gib her dein hant
und pis Hansen Schlauchen wol bekant
zu einem eelichem weib
und habt neur zwu sel und ainn leib!
fastn. sp. 518, 12;
kain ander gschelschafft sol man han
dann die fraw irn eelichen man,
deszglichen auch der man sein wyb:
es sind zwo seel und ist ain lyb.
Gengenbach 62, 300.
uns erscheint das umgekehrte natürlicher, da doch gerade die seelen durch die liebe vereinigt werden (s. a und b): (da zwei freunde) eine seele und zwei körper (sind), wie Aristoteles es sehr richtig definirt hat, so können sie sich einander weder etwas leihen noch geben. Bode Montaigne 2, 23.
i)
andre ausdrücke für die übereinstimmung der seelen bei liebenden: wie ist es möglich, dasz Zeno .. sich meiner liebe gäntzlich entschlagen könne. denn diese ist ein gemeiner geist zweyer seelen. Lohenstein Arm. 2, 135ᵃ;
zwo seelen haben éinen wunsch, ein hertz, ein dencken, ein verlangen,
sie sind zwo saiten einer laute, die lust und neigung gleich gestimmt.
Günther 441;
was ist denn liebe? sag'! —
'zwei seelen und ein gedanke,
zwei herzen und ein schlag!'
Halm sohn der wildnis 2.
k)
von menschen, die ganze übereinstimmen in ihren ansichten, neigungen u. s. w., sagt man gern sie sind ein herz und eine seele; auch diese redeweise stammt aus der bibel: die menge aber der gleubigen war ein hertz und eine seele. ap. gesch. 4, 32;
wie wir ein herz und eine seele waren.
Grillparzer⁴ 4, 173.
ähnlich: wandelt nur wirdiglich dem evangelio Christi, auff das .. jr stehet in einem geist und einer seele. Phil. 1, 27.
l)
daher redet man vielfach von einer menge, die von einem gemeinsamen gefühle, von der gleichen erregung beseelt ist, als wenn sie nur eine seele hätte: das ganze volk jauchzte dem begeisterten archon beyfall zu, und in dem augenblick athmete wieder nur éine seele in allen Abderiten. Wieland 20, 300 (Abd. 5, 10); angesichts der wälle wogte etwas wie ein strom von enthusiasmus .. der strom trug mich mit. die seele der menge drang in mein innerstes, — diese einzige seele all jener menschen. d. waffen nieder! (zeitschr.) 1 (1892), 2, 5.
m)
darauf beruht der ausdruck seele eines volks, volksseele. er dient vielfach nur zur zusammenfassung der seelen der einzelnen individuen, die das volk ausmachen, bez. zur bezeichnung des gemeinsamen in ihnen: denn des gantzen volcks seele war unwillig, ein jglicher uber seine söne und töchter. 1 Sam. 30, 6; wer in die seele der Deutschen zu blicken versucht, zu jener zeit, wo das sechzehnte jahrhundert emporstieg, der wird in den untern schichten des volkes eine geheimniszvolle unruhe erkennen. G. Freytag bilder 2, 2, 4; so wurde die begierde gelehrt zu werden, in der seele des volkes mächtig. 11; unterdesz sind es noch einmal die empfindungen eines lateinischen schülers, aus denen wir zu erkennen suchen, was in der seele des volkes arbeitete. 39; sie haben ... diese opferfähigkeit in Deutschland für alle zeiten in die seele des volkes gelegt. 3, 4; wir vermögen nicht mehr nachzuweisen, wie damals (im 13. jahrh.) in der seele des deutschen volkes die auswanderungslust zu einer mächtigen leidenschaft erwachsen ist. bilder (1859) 1, 2. vgl. besonders: in millionen seelen fluthet die seele des volkes dahin. 2, 402. zuweilen tritt auch bei volk der begriff der untern, minder gebildeten schichten hervor: zuerst, sollten also wohl für den sinnlichen verstand, und die einbildung, also für die seele des volks, die doch nur fast sinnlicher verstand und einbildung ist, dergleichen lebhafte sprünge ... so eine fremde böhmische sache seyn? Herder 5, 185 Suphan (von d. art u. kunst 46). — aber daneben stehen stellen, wo mit dem begriffe der volksseele als einer einheit (im sinne von l) voller ernst gemacht wird. so erklärt sie Freytag, der überhaupt den ausdruck mit groszer vorliebe anwendet: jeder mensch trägt und bildet in seiner seele die geistige habe des volkes ... die ganze sprache, das gesammte sittliche empfinden repräsentirt nicht das individuum, sie stellen sich nur dar, wie der accord in dem zusammenklingen der einzelnen verbundenen töne, in der gesammtheit, dem volke. so darf man wohl, ohne etwas mystisches zu meinen, von einer volksseele sprechen. bilder (1859) 2, 403. vgl.: auch die seele des volkes ist endlich und vor dem ewigen eine persönlichkeit, aber dem einzelnen gegenüber erscheint sie schrankenlos. bilder 2, 2, 69. sie wird bildlich wie ein einzelwesen aufgefaszt (vgl. 8): nach tödtlicher erschöpfung des volkes erhebt sich langsam, unbehülflich die gerettete seele, schwach, krank, ihre erdenhülle, den staat suchend. bilder (1859) 2, 401. von der volksseele wird besonders geredet, insofern sie sich in der sprache, religion, sitte u. a. äuszert, s. Eckermann unter 9, f; sie (poesie) war die blume der eigenheit eines volks, seiner sprache und seines landes, .. seiner musik und seiner seele. Herder 15, 314 Suphan; er sagte, dasz die kenntnisz der sprachen für die wissenschaft die beste hilfe sei, um das höchste zu verstehen, was der mensch überhaupt begreifen könne, die seelen der völker. Freytag soll u. haben 1, 282; der teufel verdankt aber seinen ursprung keiner volksreligion, d. h. keinem gottesglauben, in welchem die seele eines ganzen volkes sich schaffend und umformend abspiegelt. bilder 2, 2, 344; weniger bestimmt in folgenden stellen:
wo die seele des volks sich
still vereint in freierem lied.
Hölderlin 1, 177 Köstlin;
wie vom quellengebirg, rinnt
segen von da und dort in die keimende seele dem volke.
ebenda.
so redet man auch von einer deutschen seele: ich sah's mit dem süszesten freudengefühl im herzen, wie offen die deutsche seele für jedes schöne, grosze und erhabene sey. Schubart ges. schr. 1, 240; in zahllose territorien unter schwache fürsten getheilt, .. fehlte der deutschen seele, was ihr zum fröhlichen gedeihen unentbehrlich ist. Freytag bilder 3, 12. und neuerdings sogar: sie übersehen ganz, diese treuherzigen Preuszenhasser und Franzosenfresser, dasz die geistesströmungen, welche von einer nationalscholle über die andere gehen, ... den internationalismus — die europäische seele schon langsam vorbereiten. d. waffen nieder! 1 (1892), 3, 9. — ja der ganzen menschheit wird zuweilen éine seele zugeschrieben: wenn Averroës glaubte, dasz das ganze menschengeschlecht nur éine seele habe, an welcher jedes individuum auf seine weise bald thätig, bald leidend theilnehme: so würde ich diese dichtung eher auf den geist der zeit anwenden. Herder 17, 77 Suphan (human. br. 15). ähnlich: so wundert mich, dasz man noch nicht die geschichte unsers geschlechts und unserer seele von dieser seite näher zu untersuchen einen versuch gemacht hat. Hamann 1, 449 (über weltseele s. 23, a).
n)
aber beziehungen zwischen seelen werden auch auf weniger directem wege gestiftet. indem man sich nämlich in die werke, die geisteserzeugnisse eines verfassers, künstlers u. ähnl. versenkt, kommt man in berührung mit der seele desselben, die sich ja in seinem werke offenbart, darin eingeflossen ist (s. 9, e. f). insofern es sich um einen verstorbenen handelt, tritt hier eine art fortleben der seele ein, verschieden von dem in 20 behandelten (vgl. indes 20, w): das haben die seelen, sagt Plato, mit dem magneten gemein, dasz sie einander ihre kraft mittheilen und sich, wie in einer fortgehenden reihe von wundern beseelen. Herder 2, 255 Suphan;
wohl flieszen, sprach er zu sich selbst, gedanken
in mich, gedanken manch jahrhundert alt;
der längstverstorbnen nicht gestorbne geister
beseelen mich; ihr sprecht zu mir, Horaz,
Homer und Plato; ein verborgnes band
zieht von der ältsten bis zur neusten zeit
aus seele sich zu seele.
29, 207.
man nimmt so gleichsam die fremden seelen in sich auf: wer so viel fremde seelen in die eigene aufnehmen will, der bedarf nicht nur die fähigkeit zu fassen, noch mehr die kraft, sich frei zu halten. Freytag bilder 4, 451. so gewinnt ein mensch eine mehrheit von seelen, anders als in 3 zu ende. vgl. auch die nicht klare wendung: ach du herrlicher (sagte Karl, dessen seele aus seelen bestand). J. Paul Titan 2, 115.
13)
nachdem die verschiedenen nuancierungen und einkleidungen erörtert sind, deren der begriff der seele (im gewöhnlichen verstande) fähig ist, erübrigt es, die gewöhnlichen verbindungen, in denen der sprachgebrauch seele erscheinen läszt, soweit sie nicht schon erledigt sind, zusammenzustellen und durch beispiele zu belegen. zunächst seele mit adjectiven, und was dazu gehört. (vgl. 1, f. 3. 5. 7, f. g. h. u. a.)
a)
allgemein wird eine seele characterisiert als grosze seele: und nur dann und wann musz er ihn lassen einen effort thun, der auf wenige augenblicke eine dem schicksal gewachsene seele zu zeigen scheint, welche grosze seele den augenblick darauf wieder ein raub ihrer schmerzlichen empfindungen werden musz. Lessing 12, 57; auch im elendesten äsopischen krüppel kann eine grose, liebenswürdige seele, wie ein rubin aus dem schlamme glänzen. Schiller 2, 53 (räuber 1, 3 schausp.);
und singt mit süszer kehle
mir meinen blonden freund,
in dessen groszer seele
sich kunst und geist vereint.
Fr. Müller 2, 407.
daher grösze der seele: diese grösze der seele war die seite, von der Julius im anfange seiner leidenschaft ihr wesen am meisten ergriff. Schlegel Lucinde s. 175, vergl. seelengrösze. in ähnlichem sinne hoheit, adel der seele: er .. lenkte meine begierde zu gefallen nach und nach von solchen dingen, die das auge einnehmen, auf diejenigen, welche die hoheit der seele ausmachen. Gellert 4, 246; du würdest nicht die edle standhaftigkeit, die göttliche hoheit der seele erlangen, wenn nicht dinge da wären, die sie in dir erwecken hülfen. 5, 41; ein gespräch von der wahren hoheit der seele. Klopstock 11, 252 (überschrift); in Italien aber war .. eine bildung aufgegangen, welche adel der seele und freiheit fern von den pfaden der christlichen kirche suchte. Freytag bilder 2, 2, 7;
ach, ich weisz dem keinen tadel,
ob es gleich das herz mir bricht,
was so rühmlich für den adel
ihrer schönen seele spricht!
Bürger 44ᵃ.
das gegentheil der groszen ist die kleine seele, besonders in neuerer sprache: das riecht so nach kleinen seelen. Hauptmann eins. menschen s. 50. — schöne seele, vgl. dazu: die vollkommenste schönheit aber ist in der seele zu suchen. Lohenstein Arm. 2, 226ᵃ; Goethe sprach sodann über den charakter des Kreon und der Ismene, und über die nothwendigkeit dieser beiden figuren zur entwickelung der schönen seele der heldin. Eckermann gespr.² 3, 143;
jetzt wand sich von dem sinnenschlafe
die freye schöne seele losz.
Schiller 6, 270.
freie seele auch:
hier ist nicht Moskau: nicht despotenfurcht
schnürt hier die freie seele zu.
Demetr. 1, v. 309.
b)
eine bestimmtere characteristik geben andre adjectiva, die ebenfalls eine dauernde eigenschaft einer einzelnen seele angeben: eine fromme, heilige, gottesfürchtige etc. seel; eine christliche seel; eine niederträchtige, knechtische seel; eine feine, gewinnsüchtige, ums geld unterthänige seele. Kramer dict. 2, 731ᶜ; eine elende seele, anima misera. Steinbach 2, 576; und fur und fur gibt sie (die weisheit) sich in die heiligen seelen. weish. Sal. 7, 27; in ain bösze unrayne seel geet nitt der gaist der weiszhait. Keisersberg granatapfel B 3ᵃ; ich lese jedes gefühl dieser unverstellten, unverdorbenen seele auf deiner stirne. Göthe 10, 111 (Clavigo 4); wenigstens wird man von den wilden stürmischen empfindungen, worinn uns die räuberszenen herumwerfen, in ihrer sanften, weiblichen seele auszuruhen gedenken. Schiller 2, 365; von einer unbeschreiblich anziehenden durchsichtigkeit der zartesten, unschuldigsten und edelsten seele. Novalis 2, 42 (Heinr. v. Ofterd. 1, 3); so zutraulich sie auch sonst gegen ihren begleiter wurde, dem bald kein gedanke in ihrer himmlischen seele verborgen blieb. 49; rein ist ihre seele, fromm ihr gemüth. Grillparzer⁴ 6, 256 (Melus. 2); seine (Luthers) lehre, eine leidenschaftliche, hochgespannte, in erschütternden kämpfen einer ehrfurchtsvollen seele abgerungene lehre. Freytag bilder 2, 2, 68; alle höchsten fragen des lebens stürmten mit einer furchtbaren gewalt auf seine haltlose abgeschiedene seele. 73; alle guten eigenschaften des absterbenden ritterthums sind in der einfachen seele des besitzers von Hornburg vereint. 274; in der leidenschaftlichen seele eines spanischen edelmanns brannte das düstere feuer der neuen katholischen lehre auf. 3, 6; die gewissensangst einer unfreien, haltlosen seele. Treitschke d. gesch. 2, 33;
deine seele
ist weich, mein sohn.
Schiller 5, 1, 77 (dom Karlos 2, 3);
die wahnbegriffe meiner kind'schen seele,
wie schwanden sie vor seinem siegenden
verstand.
12, 420 (M. Stuart 1, 6);
grosz war sein herz, und seine seele schlicht.
Seume ged. (1826) 7;
auf, Tristan, hüten wir vor schmach
die treuen seelen, reinen leiber.
Immermann 13, 246 Hempel;
als sie im trauten hüttlein noch
bei lieben eltern wohnte,
und süszer gottesfriede noch
der reinen seele lohnte.
Lenau 1, 32 Koch.
so auch: der wirth .. in dem nichts weniger als eine sokratische seele lag. Schubart ges. schriften 1, 254. bildlich sind attribute, wie: es ist, als ob des Faustes nächtliche seele ihren schatten werfe über das antlitz des stillen mädchens. H. Heine 4, 28 Elster;
in diesem lachenden Aranjuez
sieht Karlos nichts — als seine finstre seele.
Schiller dom Karlos 1, 1;
sie tönen mir, o liebe Philomele,
das bildnisz wach,
das lange schon, in meiner trüben seele,
im schlummer lag.
Hölty s. 172 Halm.
c)
nicht selten steht eine solche verbindung fast als umschreibung der eigenschaft, also treue seele fur 'treue' (subst.), liebe seele für 'liebenswürdigkeit' u. ähnl.: du kannst meine treue seele auch daran erkennen, dasz ich auch meiner hiesigen inklination treu bin. Göthe briefe 6, 311 (an frau von Stein den 23. juni 1784); der eifer wie du in Kochberg deine haushaltung angreiffst .. läszt mich deine innerlich thätige und köstliche seele sehn. 319 (den 28. juni);
da du uns auf reich bebauter flur ...
manche leicht verhüllte spur
einer lieben seele zeigtest.
werke 1, 84.
die wendung scheint Göthe eigenthümlich; sie besagt, dasz die genannte eigenschaft zum eigentlichen wesen des trägers gehört.ähnlich auch: ja, Heorty, ich habe eine sehr hochmüthige seele. Weisze lustsp. 2, 49; bist ein guter, lieber junge, hast eine feine seele, die deine ist. Hamann 4, 387.
d)
noch öfter tritt eine solche ausdrucksweise für die person selbst ein, eine stolze seele — ein stolzer u. s. w.: superba anima (uberuuâne sêla) uuile menniscon oûgon lîchen, humilis uuile kote lîchen. Notker 2, 60, 24 Piper (ps. 18, 15); und der priester sol versünen solche unwissende seele mit dem sündopffer. 4 Mos. 15, 28; die liebe der leitstern aller zarten seelen. Lohenstein Arm. 2, 110ᵇ; meistens liegt dabei der nachdruck auf dem adjectiv, das vielfach den grund oder die erklärung des prädicats enthält (seine stolze seele ertrug es nicht er ertrug es nicht, weil er stolz war): die gräfin ..., deren reine seele einen solchen leichtsinn nicht ohne miszbilligung und ohne sanften tadel bemerken konnte. Göthe 18, 302; die profane weltlichkeit der humanisten wurde der glaubensfrohen seele Luther's nie recht heimlich. Freytag bilder 2, 2, 77;
verstellung ist der offnen seele fremd.
Schiller Piccolom. 1, 3;
ich will hinführo mehr ich selber seyn,
mächtig und furchtbar mehr als meine art,
die glatt wie öl und weich wie flaum gewesen,
und der verehrung anspruch drum verloren,
die stolzen nur die stolze seele zahlt.
Shakesp. Heinrich IV, 1. theil, 1, 3;
tief erschüttert hat die mär ...
ihre weich geschaffne seele.
Müllner schuld 2, 1;
ironisch:
nicht, weil's frevel, weil's gefährlich,
macht's der frommen seele bang?
Grillparzer⁴ 6, 215.
e)
es werden auch attribute der seele von äuszern verhältnissen der person hergenommen; so sagt man jungfräuliche seele für die seele einer jungfrau, doch meist mit dem sinne 'eine seele, wie sie eine jungfrau haben soll,' sodasz damit ein spezielles ideal aufgestellt wird, daher denn auch auf andre seelen von ähnlicher beschaffenheit angewendet: dasz ... das mädchen (ungeachtet der gefahr, vor welcher ihrer jüngfräulichen seele hätte schaudern sollen) so fröhlich und bey so guter laune war. Wieland 11, 277 (d. Sylvio 1, 3, 11);
jungfräuliche seelen gibt es,
die nach grüner seife riechen.
H. Heine 2, 370 Elster (Atta Troll 8).
weibliche seele s. Schiller unter b; vgl. geschlechtslose seele unter 8, c.so auch deutsche seele (sonst in collectivem sinne, s. 12, m.):
trotz jedem ausland stimmet begeisterung
in deutschen seelen.
Hölty 85 Halm.
f)
gleichwertig mit adjectivischen fügungen sind zusammensetzungen, wie: meine alltagsseele zitterte vor der seinigen. Thümmel reise 1, 119; Fulvia hat eine Phrynensele. Heinse Ardinghello 1, 287;
wem jetzt des himmels stimme nicht ...
in seine felsenseele spricht,
ist ewig todt für alle tugend.
Seume ged.⁴ 170.
g)
alle bisher aufgeführten verbindungen bezeichnen dauernde eigenschaften, den festen character einer seele; sie stehen sehr häufig auch zur kennzeichnung der person selbst, s. 18. dagegen gehen andre adjectiva auf den vorübergehenden, zufälligen zustand, so: Magelonens seele wurde hier zum erstenmale nach langer zeit ruhig und heiter. Tieck 4, 338 (Magel. 12);
o wie still ist hier zu fühlen,
was die seele glücklich macht.
Göthe 1, 46.
so besonders frieden der seele: wenn du durch ein wunderbares geheimes gefühl gewarnet wirst, gedanken in deinem gemüthe platz zu geben, welche den holden frieden deiner seele zerstören könnten. Wieland suppl. 5, 151 (sympath. 3); der friede meiner seele ist wieder gekommen, die qual hat ausgetobt. Schiller 2, 198 (räuber 5, 2 schausp.); immer wieder .. liesz er (Raimund) seine hörer empfinden, dasz alles glück in dem frieden der seele liegt. Treitschke deutsche gesch. 2, 24. ähnlich oder gleichbedeutend:
wie lange soll ich armes kind
der seelen ruh entbehren?
P. Gerhard s. 253, 9 Gödeke.
(so auch bildlich:)
und engelharmonieen gleiten,
aus ihrer seele harmonie gewiegt,
in mein entzücktes ohr.
Seume ged. (1826) 77;
der leib allein
stört das gleichgewicht der seele,
lehrt sie scheuen und begehren.
Müllner schuld 2, 1.
bestimmter und spezieller: nur hier und da zeigten sich kleinere oder gröszere stockungen, gewisse verknotungen in den irrgängen meiner zerstreuten gramseligen seele. Keller 2, 263;
giesz du mir, Minna, mit gesange
in meine wogende und bange
und öde seele deines himmels ruh.
Seume ged. (1826) 80;
war doch angstvoll und bang ihre seele.
Grillparzer⁴ 4, 65;
wenn jener list'ge priester
das, was dem andern fehlt, den muth, die thatkraft
ihm gösse in die unentschiedne seele.
8, 74.
h)
hierher gehören auch die häufigen fügungen mit der präposition mit, die fast den wert eines adverbs oder prädicativen adjectivs haben (mit froher seele = froh), nur dasz sie ausschlieszlich von seelischen zuständen gesagt werden: erkenne den gott deines vaters, und diene jm mit gantzem hertzen, und mit williger seelen. 1 chron. 29, 9; wenn doch einer und der andere von diesen unberufenen lesern mit nüchterner seele lesen wollte. Stockmann Wertherinn 12; noch einmal überblickte er die runde der landschaft und schied dann mit völlig befriedigter seele. Mörike maler Nolten² 2, 121; (Luther) ging in seine kammer, betete und weinte .. und kam mit gefaszter seele wieder hervor. Freytag bilder 2, 2, 72;
mein gott, (fing ich mit froher seelen an).
Brockes 1, 13;
sie sahen alles diesz mit froher seelen an.
166;
dasz ich, erwacht aus meiner stillen hütte,
den berg hinan mit frischer seele ging.
Göthe 1, 3;
dem glücklichen kann es an nichts gebrechen,
der diesz geschenk mit stiller seele nimmt.
7;
ich aber blieb mit kummervoller seele,
das wort bedenkend, das der böse sprach.
Schiller Tell 1, 2.
dichterisch auch im genitiv:
heiszer seele möcht' ich zu dir treten.
Seume ged. (1826) 116.
vgl. auch:
abendlich blasser wird es am meer,
und einsam, mit seiner einsamen seele
sitzt dort ein mann auf dem kahlen strand.
H. Heine 1, 184 Elster (nords. 2, 5).
14)
seele als object zu verben, vgl. 4, ce. 8, n. p. 10, b und besonders eg und 12, ad.
a)
mit sächlichem subject: der wein, zur notdurfft getruncken, erfrewet leib und seel. Syrach 31, 35; noch rührt das andenken an diesen frohen festlichen tag meine ganze seele. Stockmann Wertherinn s. 19; der siegesstolz der Schweizer .. und vor allem die religiöse bewegung .. setzten die seele des bauern in fieberhafte erwartung. Freytag bilder 2, 2, 181 (neue bilder 30: drangen tief in die seele des bauern); deshalb liegt hier, wo der bauer zum ersten mal durch die gelehrten der zeit mächtig beeinfluszt wird, mehr reiz in betrachtung der geister, welche ihm die seele aufwühlten. 182; die erscheinung des herzogs fesselte seine ganze seele. C. F. Meyer J. Jenatsch 115;
solche wollust musz man haben,
welche kan die seele laben.
Rist Parnasz 485;
hofnung des wiedersehns durchstralete plözlich die seel' ihm.
Voss 2, 12 (id. 1, 96);
ihr aug ist blau, durchstralt die ganze seele.
Hölty 180 Halm;
da ergreifts ihm die seele mit himmelsgewalt.
Schiller 11, 226;
um eines siegs,
der deine junge seele flüchtig reizt,
willst du das spiel der schlachten neu beginnen?
H. v. Kleist Penthesilea 1, 5.
hierher auch auf eine seele eindruck machen u. ähnl.: die natur selbst .. scheint .. durch die unmittelbaren eindrücke, die ihr majestätisches schauspiel auf unsere seele macht, die erste quelle derselben (d. schwärmerei) zu seyn. Wieland 11, 15 (d. Sylvio 1, 1, 3); nicht ohne einflusz blieb das unstäte leben der kinderzeit auf die seele des mannes. Freytag bilder 2, 2, 32.
b)
mit persönlichem subject: die seel erquicken, laben, erfreuen, mit gott vereinigen, purgare, illuminare l'anima; consolarla, confortarla, vivificarla, reficiarla, letificarla etc. unirla con dio. Kramer 2, 730ᶜ; so besonders in geistlicher redeweise, s. 10, c. zunächst nicht reflexivisch. jemandes seele stärken, trösten u. ähnl.: er erquicket meine seele. ps. 23, 3; (sie) stercketen die seele der jünger, und ermaneten sie. ap. gesch. 14, 22; daher auch der seele trost, im mhd. häufig von gott oder Maria:
wan dû bist unser leiterîn, der sêle trôst.
Frauenlob 290, 12;
der sêlen trôst, titel eines mnd. gedichts, s. zschr. f. d. alterth. 12, 374 (vgl. 10, a, θ). — seelen fesseln, beherrschen u. ä.: aber sie (kaiser Sigismunds tochter Elisabeth) fesselte doch die seelen andrer menschen fest an die ihrige. Freytag bilder 2, 1, 355; er war verantwortlich für jede seele, die er mit sich fortrisz. 2, 2, 86; weit über sein mäsziges gebiet hinaus beherrschte er (Friedrich d. gr.) die seelen. bilder (1859) 2, 399. anderes: in dieser periode, in welcher eine gemüthlose orthodoxie auch die seelen solcher verkümmern liesz, welche das evangelium der liebe zu predigen hatten. bilder 3, 438;
der infant,
(ich kenn ihn — ich durchdringe seine seele).
Schiller 5, 1, 138 (dom Karlos 2, 13).
c)
reflexivisch: die seele schleifen, polieren, verfeinern: die vornehmen leute haben es leichter, das schleift und schleift immer am herzen und der seele, dazu haben wir (die bedienten) nicht zeit vor messerputzen und andern verrichtungen. Tieck 17, 119. — seine seele recht setzen, in die richtige verfassung bringen: er wandelte nicht in groszen dingen, die ihm zu hoch: sondern sätzte und stillete seine sele, damit sie nicht würde entwehnet .. wer seine sele recht sätzen, seinen willen brechen, sein gemütte weislich moderiren und regiren kan; der hat, in seiner würde, den fus am festen und tiefsten gesäzt. Butschky Pathmos 778; ähnlich biblisch fassen: fasset ewre seelen mit gedult. Luc. 21, 19;
drum fasse deine seel' ein wenig mit geduld.
P. Gerhardt s. 5, 53 Gödeke.
seine seele jemand zeigen (ähnlich öffnen 7, h):
und da du meinem spiel dich neigtest,
und forschend nach der lieder sinn
die junge seele ganz mir zeigtest,
und aller himmel tiefen drin.
Geibel 3, 23.
seine seele worauf richten, vgl. 8, e.
er, dem der schlummer oft vom augenliede wich,
wenn er um mitternacht,
die seele auf das wohl der menschheit heftete.
Hölty 45 Halm.
ein anderes bild: also kunte Florindo nicht vorbey, er muste seiner seelen einen stosz thun, und auff folgenden tag zur reise anstalt machen. Weise kl. leute 15. (vgl. thür. seiner sêle a štûss jä̂n, etwas tief in den beutel greifen. Jecht 103ᵇ.) — seine seele verbinden, biblisch, sich verpflichten: wenn jemand dem herrn ein gelübde thut, oder einen eid schweret, das er seine seele verbindet, der sol sein wort nicht schwechen. 4 Mos. 30, 3. — die seele verschwenden u. ähnl., s. 12, g. so auch noch:
wir wöllen hingehn zu dem wein,
die seel vertrincken nach altem brauch.
H. Sachs 1, 529ᵃ.
d)
passivisch: die seele aber wird immer tiefer in sich selbst zurückgeführt iemehr man die menschen nach ihrer .. art behandelt. Göthe br. 5, 328 (an fr. v. Stein d. 3. mai 1782); — mit verbalsubstantiv: es werden anatomica zur erhohlung und ergötzung der seele vorgenommen. 6, 274 (d. 7. mai 1874). besonders erhebung der seele: Werner .. hatte sich gewöhnt, auch an sein gewerbe, an seine geschäfte mit erhebung der seele zu denken. Göthe 18, 53; aber diese erhebung der seelen brachte auch eine gefahr. Freytag bilder 3, 4.
15)
fügungen mit präpositionen.
a)
an die seele,
α)
zunächst in der bedeutung 4 in der biblischen redewendung gott hilff mir, denn das wasser gehet mir bis an die seele. ps. 69, 2 (wie sonst bis an die kehle u. ähnl., bis ans leben, sodasz ich in gefahr bin zu ertrinken); nun er sah, dasz mir's wasser an die seele ging. Göthe 8, 77; wenn die noth an mann geht wenn euch das wasser an die seele geht. Schiller 2, 188 (räuber 5, 1 schausp.); daher auch: in diesen pfandhausauctionen ,.. trift man alles was zu einer haushaltung gehöret, und man kann aus manchen stücken abnehmen, dasz dem versetzer die noth bis an die seele müsse gedrungen sein. Göttingen nach seiner eigentl. beschaffenh. (1791) 129. und mit einem andern bilde: da sie sagten, es wird friede bey euch sein, so doch das schwert bis an die seele reicht. Jerem. 4, 10.
β)
gewöhnlich seele als organ der empfindung gedacht, daher: einem etwas an die seel, it. durch die seel gehen, andare, penetrare, trapassare qualche cosa fin' al anima. das elend dieses menschen geht mir an die seel, la miseria di costui mi passa, mi cava l'anima, cioè mi fà pietà indicibile. Kramer dict. 2, 730ᶜ; es geht mir an die seele, miseret me hujus rei, it. stomachum mihi facit, his ardet dolore et ira animus meus. Stieler 1991; es geht ihm an die seele, interiora ejus moventur ad misericordiam. Frisch 2, 254ᵃ; überhaupt, das gefühl erregen:
die schnellen .. vögel singen
aus einem neuen ton, so lieblich, hell und schön,
dasz solche stimmen uns fast an die sele gehn.
Brockes 1, 122.
ähnlich: einem an die seel greiffen, toccar l'anima ad uno cioè sul vivo. wer ihm ans geld greift, der greift ihm an die seel. Kramer a. a. o.
γ)
dativisch schaden an seiner seele leiden (vgl. unter 10, g); an seiner seelen reich ò arm seyn; es an seiner seele zugeniesen haben. ebenda; den verdrusz, anstatt eines rüstigen, thätigen sohns .. einen kränkling zu finden, der noch mehr an der seele als am körper zu leiden schien. Göthe 25, 195. so besonders in gewissen bildlichen redensarten; etwas nagt, zehrt an meiner seele:
dasz nun die geierwuth der stygischen harpyen
uns an der seele nagt.
Seume ged.⁴ 146;
schon seh ich sie, zwo ungeheure schlangen,
furcht und verdacht, an deiner seele saugen.
Schiller 5, 1, 17 (dom Karlos 1, 1).
δ)
wenn seele mit einem correlatbegriff zu einem paar verbunden wird, so pflegt der artikel zu fehlen; so an seel und leib, s. 2, d, β. auch:
bist du nicht blos an sel und sinnen.
so wiss'! es ist entlöhnte war.
Rompler von Löwenhalt 39.
b)
auf.
α)
einem etwas auf seine seele legen, wie eine last, die er tragen soll; einem eine verpflichtung auferlegen, etwas zur pflicht machen; in allen den folgenden wendungen überwiegt bei seele die vorstellung des gewissens, welches wort auch geradezu dafür eintreten kann. belege: die grosze verpflichtung, welche die ahnen auf unsere seele gelegt haben, die pflicht, das zu vollenden, was ihnen miszlang. Freytag bilder 2, 2, 3;
und sagen sie ihm, dasz
ich menschenglück auf seine seele lege,
dasz ich es sterbend von ihm fordre — fordre!
Schiller don Karlos 4, 21.
β)
noch häufiger ist der stärkere ausdruck einem etwas auf die seele binden, s. Borchardt² s. 434; legare qualche cosa sull' anima ad uno, cioè incaricarglielò in coscienza, obligarloci per giuramento. Kramer dict. 2, 730ᶜ; commendare alicui aliquid ut tanquam vitam suam observet. Frisch 2, 254ᵃ; er .. machte mir die eindringlichsten vorstellungen, wie mein ganzes künftiges schicksal durch diese verse in gefahr gesetzt werden könnte, und band mir auf die seele .. es (d. spottgedicht) niemanden sehen zu lassen. Grillparzer⁴ 15, 30. auch in bezug auf menschen, sie jemandem dringlich anempfehlen, die sorge für sie ihm übertragen, ihn für sie verantwortlich machen: ich werde nehmlich nicht als ein hofmeister, nicht unter der last eines mir auf die seele gebundenen knabens .. sondern als der blosze gesellschafter eines menschen reisen. Lessing 12, 33; auf demjenigen (schiffe), das nach Brasilien ging, hatte er in der frühe bereits die Zambo nebst einer dienerin untergebracht und dem befehlshaber auf die seele gebunden. Keller 7, 257. so thür. einem was uff de sêle bingen, eindringlich anempfehlen. Jecht 103ᵇ. auch reflexivisch: auf (bey) seine seel binden, legare sull ò appresso l'anima sua cioè incaricarsi sulla coscienza. Kramer a. a. o. mit vermischung zweier redeweisen auch einbinden:
(er) band mir auf die seele ein,
nicht lasz zu seyn im streite.
Seume ged.⁴ 156.
γ)
daher auch unbildlicher:
der tiuvel riet dem kunic daʒ,
daʒ er in nîde und în haʒ
gevie die kunigin Margret,
die man im enpholhen het
ûf sîn sêl und ûf sîn triwe.
Ottokar reimchr. 9200.
so ferner einem etwas auf die seele geben, einen auf seine seele fragen, s. 11, b; auf meine seele als versicherung, 11, g.
δ)
entsprechend intransitiv etwas liegt auf jemandes seele, und zwar in doppeltem sinne, zunächst von etwas, das man gethan hat, und das einen nun 'drückt', reut:
ic bem een die sterven waent.
in laet niet ligghen up mijn siele.
Reinaert 2181.
erinnrung des vergangnen
liegt mir wie blei auf meiner bangen seele.
Grillparzer⁴ 4, 204.
so auch: meine that liege schwer auf deiner seele. Fr. Müller 3, 217 (Golo 3, 11). aber auch von etwas was man noch thun musz: und meine arbeit liegt mir auch auf der seele. Hauptmann eins. menschen s. 13. — so auch: wenn du auch eben so leicht den donner wegblasen könntest, der mit zehntausendfachem centner-gewicht auf deine stolze seele fallen wird! Schiller 2, 182 (räuber 5, 1 schausp.). häufig in der umgangssprache etwas fällt mir (bleischwer, wie blei, mit centnergewicht u. a.) auf die seele, wenn einem etwas schlimmes in die gedanken kommt. ähnlich gelinder: im begriff, das stück auseinander zu falten und es als leichte schützende decke über das bett und die leiche zu legen .., fiel mir doch die nutzlosigkeit einer so gezierten handlung in so ernster stunde auf die seele. Keller 3, 257.
ε)
dafür auch gern mit anderm bilde auf der seele brennen: und wem's hier, ich zeigte aufs herz, reumüthig auf der seele brenne, der solle in sein kämmerlein gehen und auf die knie fallen und gott um gnade und vergebung seiner sünden bitten. Gutzkow ritter v. geiste 1, kap. 6;
Michel, du bringest
thränen und blut! gott helfe, wenn einst auf der seel' es ihm brennet!
Voss 2, 27 (id. 3, 43).
ζ)
etwas auf (ob) seiner seel haben, havere qualche cosa sull' anima cioè sulla coscienza. Kramer dict. 2, 730ᶜ; seltener: du magst ruhig schlafen gegangen seyn, wenn du mohnköpfe abgeschlagen hast, aber einen mord auf der seele zu tragen. Schiller räuber 3, 2 schausp.am üblichsten ist einen menschen auf der seele (auf dem gewissen) haben, an seinem untergange oder seiner verschlechterung schuld sein: aber — ich hatte noch keine verwahrlosete tugend auf meiner seele. Lessing 2, 5 (miss Sara Sampson 1, 3); die kratzfüsser und schmeichler. o! die haben schon manchen guten fürsten auf ihrer seele. Claudius 3, 118; die hat der Anselmus auch auf der seele. E. T. A. Hoffmann 7, 348 (d. gold. topf 11); dann stand sie (Judith) still, sah mich an und sagte: 'weiszt du wohl, Heinrich, dasz du allbereits ein menschenleben auf deiner grünen seele hast?' Keller 2, 66.
η)
die vorstellung einer auf der seele liegenden last tritt auch zu tage in verbindung etwas von der seele wälzen: dasz ich mir zugleich was ich bisher erfahren und gedacht, von der seele wälze. Göthe 27, 25; dieser zentner musz von meiner seele eh es sie zur hölle drückt. Schiller 2, 113 (räuber 3, 1 schausp.); denn ich spürte inzwischen den alten druck von der seele weichen und wuszte, dasz ich frei und gesund war. Keller 3, 277.
θ)
seltener sind ausdrücke, die nicht in diesen vorstellungskreis fallen. sprichwörtlich he sitt up mi as de düvel up de seel, neckt mich u. ä. Schütze 4, 89. — auf eine seele eindruck machen s. 14, a gegen ende.ganz allein auf die seele gehen, sich beziehen:
des weibes keuschheit geht auf ihren leib,
des mannes keuschheit geht auf seine seele,
und eher zeigt sich dir das mägdlein nackt,
als solch ein jüngling dir das herz entblöszt.
Hebbel (1891) 5, 218.
ι)
bis auf die oder bis zur seele, vgl. a, α. dafür auch bis auf der seele grund:
wan sit ich, edel frouwe, erkôs
zem êrsten iuch, sô bin ich wunt
vil gar ünz ûf der sêle grunt
umb iuwer reine minne guot.
Konrad v. Würzburg Engelh. 2033.
eigenthümlich ist der ausdruck bis zur seele weh thun:
dan warlich, wie ich an jm seh,
so ist jm bisz zur sölen we.
Fischart flöhhaz 422 (dicht. 2, 14 Kurz).
ferner:
wer hat dich also zugericht,
das man dir bisz zur söl schier sicht?
425.
der gedanke ist wol der, dasz die seele ihren sitz im innern des hörpers hat und dasz daher durch die wunden und löcher des körpers deran sich blosz körperlicheschmerz, wie im andern beispiel der blick des beschauers, bis zu ihr hin eindringen kann. ähnlich auch in der (nicht sehr üblichen) redewendung bis auf die seele entkleiden, die das gewöhnliche bis aufs hemd noch überbieten will:
entkleiden musz sie sich hier, entkleiden bis auf die seele.
Wieland 4, 163 (Amadis 7, 26).
c)
aus.
α)
etwas weicht aus der seele u. ähnl.: beym ersten blicke, den die allzu reitzende Pasidora auf mich heftete, verschwand, wie durch bezauberung, aller unmuth aus meiner seele. Wieland 30, 443; oh, er wird euch die schmerz-erinnerung aus der seele lächeln. Schiller 2, 74 (räub. 2, 2 schausp.); weg aus meiner seele, ihr verrätherischen gottlosen wünsche! 149 (4, 4).
β)
häufiger etwas kommt, dringt, quillt u. ähnl. aus der seele:
willst du zu strophen werden, o haingesang?
willst du gesetzlos, Ossians schwunge gleich, ...
frey aus der seele des dichters schweben?
Klopstock 1, 5;
aus der seele
stürmt in die flügel dir des adlers muth.
Herder 29, 118 Suphan;
wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,
wenn es nicht aus der seele dringt.
Göthe 12, 36;
erquickung hast du nicht gewonnen,
wenn sie dir nicht aus eigner seele quillt.
38;
im ausgeführten bilde:
wie wenig
reicht sie (diese tugend) empor zu jenem ideale
das aus der seele mütterlichem boden
in stolzer schöner grazie empfangen
freiwillig sproszt und ohne gärtners hilfe
verschwenderische blüthen treibt.
Schiller 5, 1, 160 (dom Karlos 3, 2).
so auch causativ: an den haaren will ich dich in die kapelle schleifen, den degen in der hand, dir den ehlichen schwur aus der seele pressen. 2, 112 (räub. 3, 1 schausp.); kein schatz auf gottes erdboden, würde solche empfindung von glück und freude aus meiner seele hervor rufen, als es deine unerwartete erscheinung gethan hat. Thümmel reise 1, 155.
γ)
etwas aus vollster, tiefster seele, aus dem grunde der seele thun, gern, aus innerem antriebe und mit vollem antheil des gemüts: gott und seinen nächsten aus (von) gantzer seel, von grund seiner seel lieben, amare Iddio e 'l suo prossimo di tutta l'anima ò dal fondo dell' anima sua, it. svisceratamente. eine liebe, so aus dem grund der seelen kömt, amor cordiale, amore sviscerato, svisceratezza. Kramer dict. 2, 731ᵃ; denn ich bin in diesem augenblick nur da, um dir, mein lieber Anselmus, alles und jedes aus tiefem gemüthe, aus tiefer seele haarklein zu erzählen. E. T. A. Hoffmann (1857) 7, 321 (der goldne topf 8); ein kalligraphisches kunstwerk des calculators .., worin dieser .. der firma zum neuen jahr aus voller seele gutes wünschte. Freytag 4, 8;
bald fieng sein bleicher mund
mit lust zu singen an aus seiner seelen grund.
Rist Parnasz 28;
o höchstes gut, ...
hilfft recht zu bekennen
aus der selen grund.
bergr. s. 104, 31 neudr. (50, 2);
aus meiner vollsten seele thu' ich das!
Hebbel (1891) 6, 139 (Demetr. 3, 21).
vgl. auch h.ferner:
Alfar aus kalter seele lacht.
Lenau 2, 445 Koch (Albig. 23).
δ)
aber auch einem andern aus der seele sprechen, aus oder in seinem sinne, so wie er in seiner seele denkt und empfindet: sie werden sich über eine autorität freuen, die völlig wie aus ihrer seele spricht. Göthe 36, 232; mir aus der seele geschildert! rief Egon. Gutzkow ritter v. g. 5, 128; als die nachricht seines (Friedrichs d. gr.) todes kam, da rief ein schwäbisches bäuerlein, unzähligen Deutschen aus der seele: 'wer soll nun die welt regieren?' Treitschke d. gesch. 1, 85; es war der groszen mehrzahl der gebildeten aus der seele gesprochen, wenn Göthe das Franzthum anklagte. 117; der groszen mehrheit der (liberalen) partei hatte Rotteck wie immer aus der seele gesprochen. 2, 105.
d)
bei ist sehr häufig in der beteuerung und im schwur, s. 11, d. e. f. h. selten sonst. so nd. wat ikk bi de seele hebb, das letzte und beste, was ich aufgehoben habe. Dähnert 419ᵇ.
e)
durch die seele schneiden, s. 8, n. — ein gedanke, gefühl u. a. geht, zieht, fährt durch die seele: so schmeichelnde hoffnungen und bilder gingen ihm durch die seele. Göthe 17, 368 (wahlverw. 2, 17); ein thöricht ding, wie einem gesang an's herz greift, in verflossne zeiten wieder zurückrückt! es wehet einem durch die seele so nahe, als könnte man's nochmahls zu sich ziehn. Fr. Müller 3, 377 (Golo 5, 6); schluchzte er nicht den nachmittag, wo dir zur ader gelassen wurde ..., dasz mir's durch die seele ging! Hebbel (1891) 2, 92 (Mar. Magd. 1, 3); als ich die küchenthür hinter mir anzog und ich dachte: du trittst nun nie wieder hinein! ging mir ein schauer durch die seele. 135 (3, 8); das waren stunden, wo ein poetischer duft, der so oft durch die seelen der kinder zieht, das ganze haus erfüllte. Freytag 4, 7; eine ahnung der eigenen kraft und tüchtigkeit zog nach langer zeit zum ersten mal durch die seele der gemeinen. bilder 2, 2, 5;
mein könig, wenn du fühlst, dasz sich ein sanftes leben
und ruh durch deine seele gieszt,
so war ichs auch, die dir, in deine seele
des himmels frieden gosz!
Klopstock 1, 93;
und wie uns schauer durch die seele fuhren
bei freundschaft und bei vaterland.
Seume ged. (1826) 9;
es war ein helles, reines feuer, ...
das durch die ganze seele fuhr.
97;
und doch geht jedes wort, das sie ihm gönnt,
mit neid und hasz durch meine trübe seele.
Grillparzer⁴ 7, 94;
wenn ich betrachte diese unglücksschrift,
so geht's durch meine seele wie verderben,
8, 56;
wo die empfindung aufwacht, das gefühl,
und süsze schauer durch die seele schreiten.
115;
durch die tiefste seele geht
mir ein süszes deingedenken.
Lenau 1, 53 Koch;
und so mag des lebens erzklang
durch die seele dröhnen!
Göthe 5, 21.
f)
in mit dat.
α)
etwas liegt, schlummert in der seele u. ähnl.: ich glaube, dasz nichts in unserer seele verloren geht. Hamann 5, 25; es war ihr dieses abschlägige betragen immer in der seele geblieben. Göthe 17, 268 (wahlverw. 2, 6); eure worte haben einen gedanken in mir erweckt, der schon seit lange in meiner seele schlummert. Tieck 4, 324 (Magel. 9); ein bauerbursch Engelmar hat ihm (Neidhart) das gröszte leid seines lebens bereitet ... der stachel blieb dem ritter in der seele, solange er lebte. Freytag bilder 2, 1, 54; der stolz, mit dem er (Luther) später ... den empfindlichen Erasmus verletzte, lag wohl schon damals in seiner seele. 2, 2, 77; so dauerte jeder blick, jedes flüchtige wort, das er zu einem der dorfschulzen sprach, als eine theure erinnerung, die sorgfältig von generation zu generation überliefert wurde und die noch heute in den seelen haftet. 3, 447; während einst die classischen dichter immer nur herausgesagt hatten, was der nation schon halb bewuszt in der seele lag. Treitschke d. gesch. 2, 14; in Platen's seele lebte ein kräftiger nationalstolz. 3, 693; der starke mystische zug, der in seiner seele dicht neben dem philosophischen erkenntniszdrange lag. 697;
die freiheit wohnet nicht in allen seelen.
Caniz 211;
die bürger schlimmer art, in deren kleinen seelen
nur niedrer eigennutz geboth.
Uz 175 Sauer.
verstärkt tief in der seele, in der seele grunde u. ähnl.:
und wenn ihr finger durch die saiten
im zauber auf dem flügel lief,
schien alle sympathie, die tief
geheim nur in der seele schlief,
zur seeligkeit heraufzugleiten.
Seume 5, 190;
ihr frommen zumal. .. seht lieber ein sichtliches vorbild
in dem göttlichen (Jesu) selbst, der nie es verschwieg, was ihm in der seele so tief lag.
Platen 282ᵇ;
ach, tief in meiner seele grunde
da schläft ein ahnen wundervoll.
Geibel 3, 97;
ist keine kraft in meiner seele tiefen?
Göthe 9, 85 (Iphig. 5, 3);
alles, was in den innersten winkeln seiner seele bisher geschlummert hatte, wurde rege. 18, 47 (Wilh. Meisters lehrjahre 1, 9). — ferner: auf der fürstenschule .. hat das lesen der Güntherischen gedichte aus meinem geiste einen feuerspeyenden Aetna gemacht, der .. die in meiner seele aufkeimenden pflanzen von vernunft in asche verwandelte. Gellert 10, 15; alle wunder der heiligen schrift geschehen in unserer seele. Hamann 1, 83; da ist belehrend, wie angst und gewissen in ihrer seele arbeiten. Freytag bilder 2, 1, 373;
wenn aber triebe sich in reiner sele rühren,
die von den sternen her ihr göttlich's wesen führen.
Postel Wittek. s. 154 (6, 829);
in der bewegten seele ging mir auf und ab,
was alles ich heut zu erwarten habe.
Göthe 10, 10 (Elpenor 1, 2);
in meines Karlos seele
schuf ich ein paradies für millionen.
Schiller don Karlos 4, 21;
ein denkmal, das ihm in vieler seelen gebaut ist.
Seume ged. (1826) 143.
etwas in der seele hegen, bewahren: etwas in seiner seele verborgen halten, tenere qualche cosa nascosta, segreta, celata nell' anima sua. Kramer diction. 2, 731ᵃ; aber ein jeder achte wohl darauf, welche träume er im heimlichsten winkel seiner seele hegt. Freytag 4, 9; er (Friedrich der grosze) lernte in stiller seele seine entschlüsse bewahren. bilder 4, 228. — in jemandes seele lesen s. 9, g.
β)
häufig begegnet die bildliche wendung etwas klingt in der seele (wieder): der (ton), den Herder auferweckt hat, der schon lang auch in meiner seele auftönte, hat nun dieselbe ganz erfüllt. Bürger briefe 1, 122; er fühlte, dasz der dichter ... nur solche empfindungen aussprechen darf, die in der seele der lebenden widerklingen. Treitschke d. gesch. 2, 30; in jenem wunderbaren liede, das immer leise in der seele widerklingt, so oft ein strahl himmlischer glückseligkeit in unser armes leben fällt. 43;
ein längstvergessenes lied
war in der seele bebend ihr erklungen.
Eichendorff² 3, 574.
auch vom licht genommene bilder: fürst Ratibor vernahm nicht sobald diese fröhliche botschaft, so ward's hell in seiner seele. Musäus 1, 16 volksm.; dasz aber das heulen mit den wölfen mir nicht schaden that ..., verhütete der freundliche stern Anna, der immer in meiner seele aufging, sobald ich ... allein war. Keller 1, 275.
γ)
in der seele sind gedanken: grosze gedanken dämmern auf in meiner seele. Schiller 2, 55 (räuber 1, 2 schauspiel). daher auch:
was sinnst du mir,
o könig, schweigend in der tiefen seele?
Göthe 9, 87 (Iphig. 5, 3).
besonders vorstellungen, phantasie- und erinnerungsbilder, vgl.: es bemächtigte sich die geschichte meiner einbildungskraft so, dasz sich mir, was ich von dem gedichte gelesen hatte, dunkel zu einem ganzen in der seele bildete. Göthe 18, 34 (W. Meisters lehrjahre 1, 7). so: immer schwebten ihr alle diese düstern bilder vor augen und in der seele. Stockmann Wertherinn s. 56; in der seele .. Starschensky's ging, reizender als je, das bild seiner gattin auf. Grillparzer⁴ 11, 235;
wie klar erscheinst du mir
in meiner seele grunde!
Geibel 3, 113.
auch: die goldne mayenjahre der knabenzeit leben wieder auf in der seele des elenden. Schiller 2, 129 (räuber 4, 1 schausp.). aber auch pläne, vorsätze leben in der seele: als eine reise nach England noch in meiner seele lebte — o freund, sie wissen nicht, wie sehr ich damals auch auf diese Schotten rechnete! Herder 5, 167 Suphan.
δ)
noch häufiger von empfindungen: selbst die weltkinder hatten damals die alte, einfältige wahrheit, dasz nur fromme völker frei und tapfer sind, in tiefster seele empfunden. Treitschke d. gesch. 2, 90;
ach, er fühlt's zu dieser frist, ...
fühlt's im tiefsten seiner seele,
dasz es mehr als märchen ist.
Grillparzer⁴ 3, 26.
so im einzelnen: den ich bin in meiner seelen betrübt. Elis. Charlotte 2, 23; übrigens bin ich ruhig und recht wohl in meiner seele. Göthe briefe 3, 92 (an frau von Stein den 21. oct. 1779);
rings die Achaier
zürnten ihm, heftig empört, und ärgerten sich in der seele.
Voss Ilias 2, 223.
auch mit acc.: da ward ich tief in die seele betrübt. Göthe 39, 339. so besonders in der umgangssprache: schäm' dich doch in deine seele hinein! u. ähnl.
ε)
so auch einem etwas in seiner seele wehe thun, sentire, risentire qualche cosa nell' anima sua. Kramer diction. 2, 731ᵃ; berlin. dat dhut mir in de seele weh. Brendicke 181ᵇ; wenn du weinest, so thut mir es in der seele weh! Iffland 1, 46 (jäger 2, 5); ein zufall, der mich tief in der seele kränkt. Göthe 18, 37 (Wilh. Meisters lehrjahre 1, 7); auch sie, mein freund, haben eine gewisse gefälligkeit gegen dieses geschöpf, ein betragen, das mich in der seele kränkt. 19, 198 (5, 10); die frau ist gut; die frau dauert mich in der seele! Iffland 6, 98 (aussteuer 4, 16); vergl. nd. dat geet mi an de seel na. Dähnert 419ᵇ. — wenn mir so was recht in der seele wohl thut. Göthe 14, 84; es thut einem so wohl in der seele. Fr. Müller 2, 3 (Faust zuschrift). — denn auch mir ist diesz schelmenpack in der seele zuwider. Wieland Luc. 3, 132;
all das groszthun ist mir in der seele
zuwider.
werke (1857) 34, 259 (Acharner 1);
der mensch, den du da bei dir hast,
ist mir in tiefer inn'rer seele verhaszt.
Göthe 12, 182.
etwas ergreift mich in der seele:
gewaltig
ergriff es mich in meiner tiefsten seele.
Schiller 12, 421 (M. Stuart 1, 6);
wie fühlte sich der junge Ludwig Richter in tiefster seele gepackt. Treitschke d. gesch. 3, 684. — selten steht in solchen verbindungen in mit dem acc.: dies verdrosz ihn in die seele, dasz ein fremder so sein vaterland verspotten sollte. Tieck 9, 76 (schildb. 16). — oder auch zu für in:
seht, leid thut's in der that mir tief zur seele,
dasz ich es öffentlich erklären musz.
H. v. Kleist zerbr. krug 7.
ζ)
man sagt oft jemand ist im grunde seiner seele z. b. ein herzensguter mensch, um sein eigentliches wesen zu bezeichnen, oft im gegensatze zu dem, was er auf den ersten blick dem äuszern aussehen nach zu sein scheint: dasz auch dieser im grunde der seele protestantische und moderne mensch (Just. Kerner) von dem mystischen hange der romantik nicht unberührt geblieben war. Treitschke d. gesch. 2, 33.
g)
in mit acc.
α)
von dingen:
die schönere natur warf in die seelen
sanft spiegelnd einen schönen wiederschein.
Schiller 6, 275.
etwas dringt in die seele u. ähnl.: alles ungemach, das er erlitten, kam frisch in seine seele. Tieck 4, 353 (Magel. 17);
du ... sagst mir dinge,
die mir beinahe nur das ohr berühren
und in die seele kaum noch übergehn.
Göthe 9, 110 (Tasso 1, 1);
sie reden durch die that, die in die seele trifft,
denn aus der seel' ist sie entsprungen.
Seume ged. 36;
ähnlich wird häufig das bild des blitzes gebraucht:
glut war die schrift, die sie mir täglich schickte;
und jedes wort ein feuerzug,
der doppelt heisz in meine seele schlug.
121;
das ist der liebe heilger götterstrahl
der in die seele schlägt und trift und zündet.
Schiller braut von Mess. 2, 5;
noch war er nicht ganz verdorben, als im schoosz der einsamen wünsche ein heiliges bild der unschuld in seine seele blitzte. Schlegel Lucinde 126; es war nichts neues und auffallendes in den worten des händlers, und doch schlugen sie als zündender blitz in die seele des freiherrn. Freytag 4, 34. — seltener ist in die seele fallen (für das gewöhnliche auf die seele, s. b, δ): ist es dir wohl schon je, vielgeliebter leser, so recht traurig in die seele gefallen, wie betrübt es sei, dasz das rauschende rad der zeit sich immer weiter dreht? Tieck 4, 292. — etwas verdrieszt mich in die seele u. dergl., s. unter f, δ. ε.
β)
mit persönlichem subject: nein, sagte Albert sehr ruhig: sie haben balsam in meine seele gegossen. Minor Lessings jugendfr. s. 373, 12 (Nicolai freuden des j. Werthers); ähnlich: so wenig ich nun mit der neuesten wirksamkeit Goethe's einverstanden war ... so war mir doch, als ob schon sein anblick hinreichend wäre, mir neuen muth in die seele zu gieszen. Grillparzer⁴ 15, 132. so mit intransitiven verben in causativem gebrauche; einem freude, muth in die seele strahlen, lächeln u. ähnl.:
der du einhergingst im gewand der nacht
und licht mir strahltest in die dunkle seele.
6, 105,
noch kühner:
und wenn ein weib dir mit verklärten blicken
ein hohes paradiesisches entzücken
in deine trunkne seele bebt.
Seume ged.⁴ 14.
ähnlich auch: tausende ihres geschlechts hätten's klug und listig verschwiegen und es erst dem mann in einer stunde süszer vergessenheit in ohr und seele geschmeichelt. Hebbel (1891) 2, 123 (Mar. Magd. 2, 5).
γ)
reflexivisch: so fasset nu diese wort zu hertzen und in ewre seele. 5 Mos. 11, 18; wahrscheinlich auch (hat sie, Lotte) es (Werthers letzten brief) mehr denn einmal gelesen und ein jedes wort .. tief in ihre seele geprägt. Stockmann Wertherinn s. 66; ruf dis bild noch einmal ganz in deine seele zurück, und Karl steht vor dir! Schiller 2, 52 (räuber 1, 3 schausp.).
δ)
einem in die seele reden, auf ihn einreden, sodasz die worte ihm in die seele dringen, gleichbedeutend mit ins gewissen reden: zornig schlug er ihr auf die hand, warf sie dann auf ihr bett .. und indem er auf sie hinkniete und ihre hände festhielt, fing er .. dergestalt an, ihr in die seele zu reden, dasz ihre verstocktheit endlich sich zu lösen schien. Keller 7, 393. ähnlich: entweder sollst du einmal treu und ehre halten, oder ich will es dir in die seele hinein beweisen, dasz du unrecht thust! 2, 243.
ε)
ganz verschiedenen sinnes ist eine gleichlautende verbindung, zunächst in eines (andern) seele schwören, sodasz der eid und die daraus erfolgende verpflichtung auf der seele desselben liegt, dasz es ist, als wenn dieser selbst geschworen hätte, an seiner stelle: seele, in eines andern schwören, in alterius animam iurare. Apin. gloss. 492; in (auf, bey) eines andern seele schweren, giurare nell' anima d'un altro. Kramer dict. 2, 731ᵃ; zur erhuldigungs- und lehens-pflicht, dasz er solche in unsre seelen ablegen soll. Dresdener urk. v. 1719 bei Dief.-Wülcker 851; der darunter befindliche eyd wurde actu corporali et more solito in ihre seelen abgeleistet. urk. v. Martinroda vom j. 1801 ebenda; vgl. auch: bevor graf Karl auf reisen ging, nahm sein vater einen eid von ihm, und graf Karl schwur den eid, in seine und seines vaters seele, sich niemals zu verheirathen. Klinger 1, 369 (schwur geg. d. ehe 1, 1); ich muszte in meines vaters seele schwören, mich niemals zu verheirathen. 385 (1, 3). in neuerer sprache findet sich hier auch der dativ: möge er den in seiner seele beschworenen vertrag halten. Raumer² 4, 102. weiteres s. unter schwören 5, h sp. 2740 (nicht zu verwechseln mit bei eines seele schwören, s. 11, h).
ζ)
diese ursprünglich officielle redewendung ist dann auch in die gewöhnliche sprache übergegangen, und so sagt man (besonders in der klassischen zeit) in jemandes seele sprechen, kaum verschieden von dem (jetzt üblicheren) aus jemandes seele (s. c, δ): höchstens spreche ich so, als ein zugegebner advocat für einen verbrecher spricht; und rede nur statt seiner; und rede nur, wie man es im gemeinen leben auszudrücken pflegt, in seine seele. Lessing 10, 228; sollen wir aber in seine seele sprechen, so fühlte er sich mumienhaft. Göthe 22, 49; jene ausführliche, in ihre seele verfaszte schilderung. 25, 196; verzeihen sie, wenn ich in ihre eigne seele läugne, und behaupte, sie verlangen das keineswegs. 38, 146; noch hört ich keinen, der in meine seele ganz gesprochen hätte. Klinger theater 3, 168 (Derw. 2, 10).
η)
so auch in jemandes seele handeln: in deine seele will ich handeln! Göthe 42, 309; Frizzen hab ich in deine seele geküsst. briefe 5, 101 (an Ch. v. Stein d. 31. märz 1781);
ich sündige nur, was ich musz,
und andern in die seele.
Seume ged.⁴ 162.
fühlen:
wiszt ihr, was ihr sprecht?
fühlt ihr es in meine seele?
Müllner schuld 4, 6.
so besonders: wie ich hörte dasz du deine zeit mit solchen schauspielen verderbest, so schämte ich mich ... in deine seele. Wieland Luc. 4, 376;
du sollst nicht knien!
hörst du? in deine seele schäm' ich mich;
so feig, so zahm!
Grillparzer⁴ 4, 7
(vgl. dazu f, δ, ende). — jetzt auch mit dem dativ: nun hörte er hinter sich ein feines lachen, während Apollonia, in seiner seele verlegen, die augen niederschlug. Arnim 3, 67 (kronenw. 1, 4); so triumphierte die Valtinessin in der seele des schicksals. Ludwig 2, 207; da schmerzt sie das in der seele des kleinen Liesle, als hätte sies verleugnen wollen. 226 (nach f, ε).
h)
mit steht besonders neben adjectiven, s. 13, h. so auch sehr häufig mit ganzer seele (vgl. 7, f): wenn ich mich jahr und tag mit ganzer seele abgemüht hatte, der welt mit einem neuen werke etwas zu liebe zu thun. Göthe bei Eckermann 3, 41; den ihm vom Pelikanwirth geborgten mantel über die füsze schlagend, gab er sich nun mit ganzer seele der überlegung alles dessen hin, was er anordnen wollte. Gutzkow ritter v. g. 1, 132; sie sind mit ganzer seele kaufmann. Freytag soll u. h. 1, 275; den behaglichsten eindruck machten noch die kinder, welche mit ganzer seele heulten. 2, 239; die freuden der welt mit ganzer seele zu genieszen war dem menschen nicht mehr erlaubt. bilder 2, 2, 218; mit ganzer seele bei der sache, dabei sein, sehr gewöhnlich, als berlinisch gebucht bei Brendicke 181ᵇ. in ähnlichem sinne auch mit leib und seele, s. 2, d, α. — ganz gleichbedeutend und ebenso gewöhnlich ist von ganzer seele: berl. von janzer seele, gänzlich, gern. Brendicke 181ᵇ; war Albert nicht der redlichste, unbescholtenste, nützlichste mann, der Lotten von ganzer seele liebte. Minor Lessings jugendfr. 368, 1 (Nicolai freuden d. j. Werthers); ich hasse die französische sprache von ganzer seele. Göthe 19, 239; er denkt der erziehenden weisheit desjenigen nach, an welchen er von ganzer seele glaubt. Mörike 4, 289. gern verstärkt durch hinzufügung von synonymen: dû minnegest dînen got von allemo dîneme herzen unte von aller dîner sêle unte von allem dînem muote. Graff Diut. 1, 283; wenn du aber daselbs den herrn deinen gott suchen wirst, so wirstu jn finden, wo du jn wirst von gantzem hertzen und von gantzer seelen suchen. 5 Mos. 4, 29 (ähnlich 2 chron. 15, 12); und solt den herrn, deinen gott, liebhaben, von gantzem hertzen, von gantzer seele, von allem vermügen. 6, 5; so wirst du dich bekeren zu dem herrn deinem gott, von gantzem hertzen, und von gantzer seele. 30, 10; du solt lieben gott deinen herrn, von gantzem hertzen, von gantzer seelen, von gantzem gemüte. Matth. 22, 37; ich ... wünsche von gantzem hertzen, von gantzer seele, und von gantzem gemühte, dasz, weil euch gott zusammengefügt hat, euch kein mensch scheide. Schuppius 977. so auch: ich habe euch von grund meiner seelen nach gehaltenen sponsalien offt gewünschet, dasz gott wolle auff euch auszschütten allen den segen. ebenda.ähnliche wendungen mit aus s. c, γ. (von, s. b, η und h).
i)
vor.
α)
vor der seele stehen, von bildern, vorstellungen, gedanken: wir .. lebten immer in der zukunft, wo ein groszes dämmerndes ganze vor unserer seele ruhte. Minor Lessings jugendfr. 381, 24 (Nicolai freuden Werthers d. m.);
nicht alles,
was klar vor meiner seele steht, ist reif
genug für meinen könig.
Schiller 5, 1, 178 (dom Karlos 3, 4);
ein meer von bildern schwimmt vor meiner seele.
Grillparzer⁴ 8, 58.
β)
vor die seele treten: kaum liesz das übermasz der ersten freude nach, so stellte sich das hell vor seine seele, was ihn bisher dunkel durchwühlt hatte. Göthe 18, 46 (lehrj. 1, 9); dasz den hörern die ganze unverstümmelte kraft und grösze des alten deutschen lebens mit einem male vor die seele trat. Treitschke d. gesch. 2, 21;
wo des vollbrîngens wahnsinn — glühnde lust
mit eins vor meine trunkne seele treten.
Grillparzer⁴ 3, 150;
und wenn mir je ein bild verfloszner tage
in süszer wehmuth vor die seele tritt.
201;
von euch kam der gedanke,
der leuchtend sich vor meine seele drängt.
204.
γ)
einem etwas vor die seele stellen u. ä.: dann zauberte er (Platen) den kundigen mit wenigen majestätischen worten eine welt groszer erinnerungen, die ganze farbenpracht der bilder Paolo Veronese's vor die seele. Treitschke d. gesch. 3, 692.
δ)
vor der seele vorbei fahren, schweben: wie im zackigen blitz fuhr die reihe ihrer freuden und leiden schnell vor ihrer seele vorbei. Göthe 17, 274 (wahlverw. 2, 6); alles dies .. ist mir vor der seele vorbei gegangen, mitten im gewühl der schlacht. 347 (2, 12).
k)
selten ist über. so biblisch (zu 4): so erseuffte uns wasser, strömen giengen uber unser seele (d. h. über uns). ps. 124, 4;
die wilden wasser gehen
hoch über meine seele hin mit brausen.
Geibel 3, 106.
ferner: betrogen, betrogen! da fährt es über meine seele wie der bliz! Schiller 2, 146 (räub. 4, 3 schausp.). vgl. d und g, α.
l)
auch zu nur vereinzelt an stelle andrer präpositionen, s. b, ι. f, ε, ende. zu leib und seele, s. 2, d, γ.
16)
sprichwörtliche redewendungen, deren zahl grosz ist, sind schon an geeigneter stelle angeführt. andre mögen hier zusammengestellt werden: nun hat die liebe seele ruh' sagt man sehr häufig, wenn jemand etwas lange ersehntes endlich erhalten hat, aber auch wenn etwas beendigt, zu ende oder zu grunde gegangen, verloren, zerbrochen ist, s. Wander 4, 494. Borchardt 435. Büchmann¹² 39. Brendicke 181ᵇ. die wendung beruht auf Luc. 12, 19 (s. 17) und wäre demnach bei 13, g einzureihen; wenn dafür indessen oft arme seele gesagt wird, so spielt dabei wol die vorstellung der erlösung einer seele aus dem fegefeuer (20, i) mit; so besonders in oberd. mundarten: jetz hàd di arm sêl e ̃ rue; sè! dás di arm sêl e ̃ rue hàd. Schm. 2, 256; es is nur dasz d' arme seel an ruah hat. Hügel 148ᵇ; jetzt hot die arme seel ruah. Sartorius 182. — sie achten nicht der seele, sondern des seckels. Eiselein 565. Simrock sprichw. 9444; proverb. animam debet, hyperb. er kan auch nicht mit der seel bezahlen, er ist alles schuldig. Corvinus fons lat. 51ᵃ; er verspielt sack und seele, das ganze vermögen. Albrecht 195ᵃ. — s. noch besonders 25, a, γ.
17)
in allen bisher behandelten verwendungen war die seele als ein theil des menschlichen wesens gefaszt. dieses zeigt sich besonders deutlich in den stellen, wo die seele angeredet, also dem redenden ich gewissermaszen als fremd und selbstständig gegenübergestellt wird. diese sprechweise stammt aus der sprache der psalmen: was betrübestu dich meine seele, und bist so unruͤgig in mir? ps. 42, 6; lobe den herrn meine seele, und was in mir ist, seinen heiligen namen. 103, 1; sey nu wider zufrieden meine seele, denn der herr thut dir guts. 116, 7; und wil sagen zu meiner seelen, liebe seele, du hast einen grossen vorrat auf viel jar. Luc. 12, 19; und so auch später: ermuntere dich meine seele, lobe den herrn meine seele! Kramer dict. 2, 731ᵃ; ein im finstern umtappender, das ist er, der hand an sein leben legt, und zu seiner seele spricht: von hinnen! Stockmann Wertherinn s. 13; aber warum meine seele, so immer, so wider willen nach diesem fremdling? Schiller 2, 149 (räub. 4, 4 schausp.);
entzünde dich in andacht, meine seele,
und lobe gott aus tiefster hertzens-höhle!
Caniz 35.
18)
aber in andern, sehr verbreiteten gebrauchsweisen tritt seele auch für das ganze wesen des menschen, für den menschen selbst ein: seel, anima cioè met. creatura humana, tutto l'huomo, e massime l'animo, lo spirito naturale. Kramer dict. 2, 731ᵃ; seel ... quin et pro ipso homine usurpatur. Stieler 1991; seel, für einen menschen mit leib und seel, allerley alters, homo, cujuscunque aetatis sit. Frisch 2, 254ᵃ; vgl. auch menschenseele, theil 6, 2067. diese redeweisen wurzeln zum groszen theile im biblischen sprachgebrauch, vgl. 4, b. h. i.
a)
nur scheinbar gehört hierher der ausdruck ganz seele sein, da hier doch das aufgehen des ganzen menschen im seelischen als etwas ungewöhnliches, ausnahmsweises anerkannt wird (vgl. ich bin ganz ohr): don Sylvio, der lauter auge, ohr, und seele für seine göttin war. Wieland 12, 155 (don S. 5, 14); sie ist so ganz seele, dasz ihr leib nur ein abglanz derselben scheint. 16, 263 (Araspes 2, 2);
die weise Dorilis, die lauter seele scheinet,
oft auf die weltlust schmählt und oft beym Cubach weinet,
vertrug den Ganymed.
Uz s. 296 Sauer (sieg des liebesg. 3, 21).
so auch: wahrlich, Scheffers Gretchen kann nicht beschrieben werden. sie hat mehr gemüt als gesicht. sie ist eine gemalte seele. Heine 4, 28 Elster.
b)
der biblischen sprache eigenthümlich ist seele mit dem possessivpronomen zur umschreibung des persönlichen pronomens, nach dem hebr. וֹשׁפְנַ 'er' u. s. w.: das dich meine seele segene, ehe ich sterbe. 1 Mos. 27, 4; ich wil meine wonung unter euch haben, und meine seele sol euch nicht verwerffen. 3 Mos. 26, 11; wolt gott, ewr seele were an meiner seelen stat. Hiob 16, 4; aber Elihu .. ward zornig uber Hiob, das er seine seele gerechter hielt denn gott. 32, 2; so auch: denn er hatte jn so lieb als seine seele. 1 Sam. 20, 17. diese letztere wendung findet sich auch noch später, wol unter einflusz der bibelsprache, nimmt aber für das sprachgefühl leicht eine andre nuance an:
zuvor liebt' ich als bruder dich, Johann,
doch nun verehr' ich dich wie meine seele (I do respect thee as my soul).
Shakesp. Heinr. IV, 1. theil 5, 4.
sonst kennt die spätere sprache solche wendungen nur bei hinzutritt von adjectiven: ich dancke dir meine geliebte für den beystand den mir deine liebe seele leistet. Göthe br. 7, 31 (an fr. v. Stein d. 16. märz 1785).
c)
im übrigen ist das eintreten von seele für den menschen selbst da am leichtesten und unauffälligsten, wo es sich eben um seelische vorgänge oder zustände handelt. hier ist eine scharfe grenze gegen die voranstehende bedeutungsgruppe (besonders 5) kaum zu ziehen: then keporan fona magidi erfurahtit eocalîh sêla (quem editum ex virgine paviscit omnis anima.) Murb. hymn. 24, 5, 2; es kam auch alle seelen furcht an. ap. gesch. 2, 43; eine seele, die sich eine erhabene art zu denken angewöhnt hat. Wieland suppl. 3, 153 (sympath. 3); was in dieser zeit in Lottens seele vorging, ... getrauen wir uns kaum mit worten auszudrücken, ob .. gleich .. eine schöne weibliche seele sich in die ihrige denken und mit ihr empfinden kann. Göthe 16, 156; fröhlicher, als wenn er das lieblichste glück genossen hätte, eilte er von dannen, .. um vor dem altare der jungfrau für die arme reuevolle seele zu beten. Keller 7, 394; das war wie eine erlösung für die gepreszten seelen. Sybel begr. d. d. reiches 3, 355;
glücklich allein
ist die seele, die liebt.
Göthe 8, 231;
und wenn ihr euch nur selbst vertraut,
vertrauen euch die andern seelen.
12, 99;
Mathildens herz hat niemand noch ergründet —
doch grosze seelen dulden still.
Schiller 5, 2, 172 (don Karlos 1, 4);
und die rohen seelen zerflieszen
in der menschlichkeit erstem gefühl.
11, 296;
entrüstet fand ich diese graden seelen
ob dem gewaltsam neuen regiment.
Tell 2, 2;
soweit kann aberglaube
schwache seelen irre führen.
Müllner schuld 3, 3;
das sehnlichste, das quälendste verlangen,
das schuldbewuszte seelen weichrer art
ergreift auf ihrer dunklen erdenfahrt,
ist der gedanke: hätt' ich's nie begangen!
Lenau 2, 400 Koch (Albig. 8).
d)
andere verwendungen entfernen sich ganz allmählich davon immer weiter. fast immer tritt zu seele ein adjectiv; nur in seltenen fällen fehlt ein solches: die herzoginn hat die ältste gräfinn sehr zu distinguiren fortgefahren. ich glaube den vereinigungspunkt beyder seelen zu entdecken. Göthe briefe 6, 286 (an frau von Stein den 5. juni 1784); sie thut als ob sie weine, als ob um mich eine seele weine. Schiller 2, 198 (räuber 5, 2 schauspiel);
sie hören nicht die folgenden gesänge,
die seelen, denen ich die ersten sang.
Göthe 12, 5;
o komm, o komm, lasz dich umfangen!
wo bist du, seele, die mich liebt?
Geibel 3, 42.
e)
am meisten verschmilzt seele mit gewissen adjectiven, die eine allgemeine charakteristik oder wertbestimmung enthalten, vgl. 13, wogegen die grenze natürlich auch flieszend ist.
α)
grosze seele: unser jahrhundert ist an groszen seelen fruchtbar, welche die reliquien des epicurischen systems .. sich zueignen. Hamann 4, 24; unglücklich preise ich mich, dasz die natur mich nicht dazu bestimmte, eine dieser groszen seelen zu seyn, und eine so hohe rolle zu spielen. Wieland 25, 42 (göttergespr. 2); aus der lärmenden rhetorik dieser tragödien (Schillers) sprach .. der hasz einer groszen seele wider die starren formen der alten gesellschaft. Treitschke deutsche geschichte 1, 101;
siegprangender, als Cäsar war,
schlägt sich durch diesen furchtbarn haufen
die grosze seele durch.
Uz s. 174 Sauer;
du jauchztest der beleidigte zu sein,
denn unrecht leiden schmeichelt groszen seelen.
Schiller 5, 1, 167 (dom Karlos 3, 2).
entsprechend kleine seelen:
nur kleine seelen knieen vor der regel,
die grosze seele kennt sie nicht.
161 (3, 2);
stirbt er nicht bald, wie ein groszer mann, die kleine kriechende seele! 2, 365.
β)
überaus üblich und fast zum terminus technicus geworden ist namentlich im 18. jahrh. die verbindung schöne seele. über herkunft und entwicklung der bedeutung s. schön 4, c sp. 1479. hier mögen einige weitere belege platz finden: etwas das .. mit allmächtigem reize unter allen himmelsstrichen auch schöne seelen fortgerissen, .. die einsamkeit. Zimmermann von der einsamkeit 6; eine schöne seele! Göthe 7, 123; die schöne gräfinn ist heute früh weg. sie sieht aus und ist wie eine schöne seele. briefe 5, 191 (an frau von Stein den 15. sept. 1781); so ringt eine schöne seele, die in gefahr kommt, ihr theuerstes zu verlieren. A. W. Schlegel krit. schr. 2, 226; denn der pelz ist einer ziege das, was schönen seelen ihr gemüth ist. Immermann 2, 78 Hempel (Münchh. 3, 9); während Charitas mehr von einer schönen seele hat, die sich aus der gemeinen wirklichkeit in den stillen verkehr mit verwandten geistern zurückzieht. Freytag bilder 2, 2, 250; in den gefühlsseligen conventikeln der schönen seelen begann der cultus der persönlichkeit. Treitschke deutsche geschichte 1, 94; sprichwörtlich: schöne seelen finden sich. Eiselein 565. Simrock sprichw. 9439. Büchmann¹² 471 f.
γ)
gute seele, gewöhnlich mit leichtem ironischen anstriche: ich hatte bisher nur den frommen gesang gekannt, in welchem gute seelen oft mit heiserer kehle, wie die waldvöglein, gott zu loben glauben. Göthe 19, 346; wie viel gute seelen z. b. in der musik an ängstlicher mechanischer ausübung hangen bleiben. 33, 32. doch auch lobend von jemand, der ein gutes herz hat, vgl. unter i: sieben jahre lang lebte ich mit der guten seele. Siegw. 3, 338. — ein ähnlich allgemeines lob enthalten: just als wäre diese treffliche seele eine verdächtige ware. Göthe 10, 85 (Clav. 3); war der umgang dieser herrlichen seele nicht mehr als alles? die schöne, sanfte, muntere und immer thätige frau! 16, 84. ferner edle seele: um den stillen vorwürfen zu entgehen, welche sie denn doch manchmal von jener edlen seele zu erdulden hatte. 18, 318; feine seele: wenn eine feine seele auf nachtwandlerischem pfade einer neuen bestimmung zuschreitet und aus sich selbst freundlich ist, so darf man sie nicht mit zu täppischen anmutungen aufschrecken. Keller 7, 209.
δ)
starke seele: hundert jahre früher waren es wenige starke seelen, welche ihr selbständiges leben gegen die gemeingültige mittelmäszigkeit setzen durften. Freytag bilder 3, 2;
verwandte sind sich alle starken seelen.
Schiller Piccolom. 4, 4;
harte, weiche seele:
wie oft verräth natur die eigne thorheit
und zärtlichkeit; und macht sich zum gespött
für härt're seelen!
Shakesp. winterm. 1, 1.
ε)
häufig fromme seele: diese einsiedelei, die bald von frommen seelen besucht wurde, weil jedermann mich für einen heiligen hielt. Musäus volksm. 2, 20 Hempel; emsiger aber und weiter ausgreifend sind jene frommen seelen, die das heil den völkern zu bringen sich durch alle welttheile zerstreuen. Göthe 23, 124; die stillen im lande .. jene frommen seelen, welche, ohne sich zu irgend einer gesellschaft zu bekennen, eine unsichtbare kirche bildeten. 26, 106; fromme seelen scheinen darnach zu lechzen, dasz ich ihnen irgend ein mirakel aufbinde. H. Heine 4, 158 Elster.
ζ)
unschuldige seele: diese neue verstäubungslehre wäre nun beim vortrag gegen junge personen und frauen höchst willkommen ... wenn sodann auch solche unschuldige seelen ... botanische lehrbücher in die hand nahmen u. s. w. Göthe 58, 177; man verführt die unschuldigen seelen. Hebbel (1891) 2, 119 (Mar. Magd. 2, 5). ähnlich: da er (Börne) in wechselnden formen immer dasselbe sagte, so gewann er den beifall aller jener naiven seelen u. s. w. Treitschke d. gesch. 4, 427;
Lysander nahm allein ein seltzam mittel vor,
und kauffte durch viel gold der kammer-jungfer ohr.
die ... ihn in das ruhe-zimmer
der keuschen seele führt.
A. Gryphius 1, 197 (Card. u. Cel. 1, 174).
η)
ehrliche seele: zum henker! glauben sie denn, dasz es einmal einer ehrlichen seele keine gewissensbisse verursachen musz, wenn sie ihre herrschaft für null und nichts betrogen hat? Lessing 1, 286 (der junge gel. 3, 12); die ehrliche seele sasz da oben sicher in seiner kammer. Grillparzer⁴ 11, 298. — das gegentheil:
die zahl der wahrheitsfreunde,
der redlichen, verliert sich in der menge
der falschen seelen.
Wieland suppl. 4, 226 (J. Gray 1, 1).
θ)
ähnlich auch schwarze seele (wobei schwarz natürlich bildlich als farbe der seele, nicht des menschen, verstanden wird, vgl. schwarz II, 1, b sp. 2315): der verbrechen, die du begehen musztest, um eine so liebenswürdige tochter aus dem herzen ihres vaters zu vertilgen, ist nur eine schwarze seele fähig! Wieland 25, 37 (göttergespr. 2);
wenn heuchlerische schwarze seelen
in ihrem kleid ihr gift verhehlen.
Seume ged. (1826) 41.
ι)
häufig auch arme seele (doch vgl. 20, m): eine arme seel, un povera animuccia. Kramer dict. 2, 731ᶜ; die armen seelen! murmelte Schach-Gebal zwischen seinem barte, .. denen wäre nun geholfen. Wieland 8, 335 (Danischm. 40); hier freut mich die kleine Staff am meisten, doch ist die arme seele auch schon stiller und in sich gebracht. Göthe briefe 4, 154 (an frau v. Stein den 20. dec. 1779). vgl. auch: eine arme seele im ranzen (persona miserabilis). Schmid (zweites) 624. in Kärnten ist àrma sealn spottname der bewohner von Kornat. Lexer 231.
f)
andre weniger feste, vereinzelte verbindungen:
für gewissenhafte seelen ist der tod ein zeitvertreib.
Platen 284ᵃ;
(sie) locken an sich die leichtfertigen seelen. 2 Pet. 2, 14; die schamhaften seelen! K. Lessing schausp. 1, 269; es fiel keinem ein, in das neue schlosz zu gehen, und dort mitleidige seelen um hülfe anzurufen. Göthe 18, 254; endlich kam eine mitleidige seele und führte mich als gast heim. Hoffmann von Fallersleben leben 1, 129;
mit golde kauft man immer feige seelen.
Seume ged.⁴ 134;
mit der freude pöbelhafter seelen
hängt er thierisch über seinem gott.
104;
die macht der geschichte, das tausendjährige recht der Capetinger erweckte in dieser trockenen seele (Ludwig Philipp) gar keine ehrfurcht. Treitschke d. gesch. 4, 18; einmal überrascht in der theologie das aufleuchten einer tiefsinnigen speculation von erhabenster grösze, aber sie ist eine art geheimlehre für die resignierten seelen im zwange des klosters. Freytag bilder 3, 1; gebt starck getrencke denen, die umbkomen sollen, und den wein den betrübten seelen. spr. Sal. 31, 6; denn ich wil die müden seelen erquicken, und die bekümmerten seelen settigen. Jerem. 31, 25; so spricht der herr der erlöser Israel .. zu der verachten seelen, zu dem volck, des man grewel hat. Jes. 49, 7; nur vor unheiligen fremden augen bewahren wir unsere heiligen empfindungen: nicht vor so angenehmen seelen, deren theilnehmung wir wünschen. Göthe 14, 18;
wenn einsam in betrachtungen nach mir
einst eine reinverwandte seele fragt.
Seume ged.⁴ 6.
g)
häufig werden diese attribute auch von äuszern verhältnissen hergenommen, so
α)
vom alter: so im vorübergehen eine junge seele zu zerpflücken wie einen verwelkten blumenstrausz. Hebbel (1891) 2, 195 (Jul. 1, 8).
β)
vom geschlecht: (ich) lebe der guten zuversicht, durch das in meinem büchlein verborgene manna mehr seelen beiderley geschlechts zu erobern, als die ganze legion unserer S. T.! Hamann 4, 176; das zu schauen, und der thränen und des wärmsten mitleids sich zu enthalten, kann keine männliche seele. Stockmann Wertherinn s. 37; im anfang des achten jahrhunderts lebte zu Alexandria in Aegypten ein wunderlicher mönch, namens Vitalis, der es sich zur besonderen aufgabe gemacht hatte, verlorene weibliche seelen vom pfade der sünde hinwegzulocken und zur tugend zurückzuführen. Keller 8, 386 (s. auch c und h).
γ)
von der nationalität: vom Deutschen wissen sie nicht mer, als was sie aus dem altäglichen umgange mit deutschen seelen gefast haben. Reiske Thucyd. vorr.; noch heut ist die sprache der bildung, poesie und wissenschaft, welche Luther geschaffen, das band, welches alle deutschen seelen zur einheit zusammenschlieszt. Freytag bilder 2, 2, 107 (vgl. dazu 12, m). so mit leichter ironie: auch in deinen ausschweifungen zeigtest du (Gellert), dasz eine teutsche seele keiner unedlen narrheit fähig sey. Lenz 3, 217 (Pandaem. 2, 1).
h)
gleichwertig mit solchen adjectivischen fügungen sind zusammensetzungen, so z. b.:
es giebt ein nervichtes geschlecht
von unerschrocknen männerseelen.
J. G. Jacobi 2, 204 (vgl. theil 6, 1576);
mit ihrem ton haucht ihre harmonieen
sie wilden unholdsseelen ein.
Seume ged.⁴ 53;
der stern ist nichts, wenn nichts darunter schlägt,
das seinen mann von reinem werthe
den dutzendseelen dieser erde
entrückt und zu den sternen trägt.
37;
dort wirft von dem hohen rednerstuhle
eine bonzenseele schleichend gift.
67;
du (der mai) machst die armen alle reich ...,
despotenseelen sanft und weich.
169.
vergl. auch ackerseele theil 1, 175 (Herder 29, 287 Suphan), fürstenseele theil 4, 1, 878 f., lachseele (possenreiszer) theil 6, 31, pöbelseele theil 7, 1955 (auch Seume ged.⁴ 20). wo der erste theil bereits eine personenbezeichnung ist, wird der sinn durch die zusammensetzung mit seele nur sehr leise modificiert.
i)
besonders klar tritt diese verwendung von seele zu tage, wenn von einem menschen geradezu gesagt wird, dasz er eine (irgendwie beschaffene) seele sei; so schon biblisch: und also ward der mensch eine lebendige seele. 1 Mos. 2, 7; ein verstendiger man ist ein thewre seele. spr. Sal. 17, 17; zwar ist Werther die gefälligste, liebenswürdigste seele von der welt. Stockmann Wertherinn s. 22; (er war) eine edle grosze seele. Göthe 10, 56 (Clav. 1); mein mädchen hängt auszerordentlich an ihr. auch ist sie die beste seele von der welt. 10, 133 (Stella 1); aus dem ton, den er in seinen meisten liedern angab, kennt man Höltyn als eine sanftschwärmerische, fromme, gelassene, halbmelancholische, aber doch ruhigtraurige, im anschaun der natur und ihrer schönheiten versunkne seele. J. M. Miller ged. 442; Viglius war ein gelehrter, aber kein denker, .. nicht starke seele genug, die fesseln des wahns .. zu brechen. Schiller 7, 137; dasz sie eine niedrig denkende seele ist, die einen mann von meinen meriten ins unglück hineinstürzen will. Raimund 2, 270 (alpenk. 1, 23);
das fräulein, in der that, war zwar die ehrlichste seele
die jemahls vegetierte, nur etwas zu material.
Wieland 4, 190 (Amadis 8, 27, vgl. 7, a).
in der umgangssprache oft: er (sie) ist eine gute seele, eine hertzens-gute seele. Kramer dict. 2, 731ᶜ. — ebenso im falle der apposition: die allerkeuscheste und vollkomneste seele Coelestina hält mich auff ewig gebunden. A. Gryphius Horribilicr. s. 71 neudruck; die zarte seele Angelika nahm das stück mit unglaublicher innigkeit auf. Göthe 27, 274; mein weib Pandora, die gute seele, hat euch gesäugt. Grillparzer⁴ 8, 236 (rabe 1); dasz sie, die früher die edelste, mitleidigste seele von der welt war, boshaft und schadenfroh geworden ist. Hebbel (1891) 2, 116 (Mar. Magd. 2, 3);
donna Laura, Karlos' mutter,
diese engelgleiche seele,
konnte das?
Müllner schuld 3, 3.
k)
ferner, wenn seele gesetzt wird, wo es sich um speziell körperliche eigenschaften oder vorgänge handelt. so dicke, feiste seele (wo indessen auch mit bildlicher ausdrucksweise nach art von 8 zu rechnen ist): solche feiste selen! Hermes Soph. reise 1, 107;
nachdem aus gnädigstem befehle
der seneschall, so fein als eine dicke seele,
wie er, nur immer kann, dem sultan zugesetzt.
Wieland 18, 186 (Pervonte 3).
besonders auch in bezug auf essen und trinken: kein arbeit solt jr drinnen thun, on was zur speise gehöret fur allerley seelen. 2 Mos. 12, 16; ich habe heütte morgen kurtz abbrechen muͤszen; den ich hatte viel hungerige seelen umb mich undt man rieff mich zur taffel. Elisab. Charlotte 4, 348; übrigens litt es seine jovialische gutmüthigkeit nie, dasz ein gast irgend eine andere mitessende seele in ein lächerliches licht setzte, als diese sich selber. J. Paul leb. Fibels s. 136.
l)
häufig ist im biblischen sprachgebrauch eine seele ganz allgemein für eine person, einer, irgend jemand (vgl. d): wenn eine seele dem herrn ein speisopffer thun wil, so sol es von semelmelh sein. 3 Mos. 2, 1; wenn eine seele etwas unreines anrüret, ... der ist unrein. 5, 2; wenn eine seele sundigt, und thut wider jrgent ein gebot des herrn. 5, 17; welche seele würde jrgent ein blut essen, die sol ausgerottet werden von jrem volck. 7, 27; wenn aber der priester eine seele umb sein geld kaufft, der mag davon essen. 22, 11; welche seele sündigt, die sol sterben. Hes. 18, 4; Levit. 20. wenn eine seele sich zu den warsagern und zeichendeutern wenden wird, ... so wil ich mein antlitz wider dieselbige seel setzen. Faustb. s. 126 ndr.ähnliches auch sonst: da ich in dem hause meines liebchens zu gaste war, so erwachte ich am morgen sehr früh, noch eh' eine seele sich regte. Keller 2, 38; gott sey dank, wieder eine lebendige seele! Göthe 11, 306; so auch:
ja — wer auch nur eine seele
sein nennt auf dem erdenrund.
Schiller 4, 1.
m)
mit der negation verbunden ist diese redeweise gerade in der umgangssprache überaus gewöhnlich (keine seele = niemand): es ist keine seele da, nullus et nemo adest. Stieler 1991. Frisch 2, 254ᵃ; aber keine seele fragte übrigens nach ihrem portwein. Thümmel reise 1, 198; nirgends keine seele war zu sehen. Göthe 21, 148;
ist diesz der nächste weg nach Bagdad, fragt er zwar
an jedem thore, doch von keiner seele verstanden.
Wieland 22, 10
(Ober. 1, 12; dafür ursprünglich — 1780 —: allein kein mensch verstand es, s. s. 47);
heute scheid' ich, heute wandr' ich,
keine seele weint um mich.
Fr. Müller 2, 339.
mit getrennter negation: dasz ich nicht nachrichten gelesen hätte von schiffen, die man ohne eine seele an bord, und mit wasser im raum herumschwimmend angetroffen hätte. Lichtenberg 6, 221;
es steht ihm an der stirn' geschrieben,
dasz er nicht mag eine seele lieben.
Göthe 12, 183.
gern wird ein adjectiv hinzugesetzt zum zwecke gröszerer emphase: es ist keine lebendige seele da. sagts keiner lebendigen seel. Kramer dict. 2, 731ᵃ; dasz unter keinem vorwand eine lebendige seele einen fusz hereinsetze. Göthe 14, 34; so musz es kein mensch erfahren, dasz er hier ist, hörst du! unsere tochter selber nicht, keine menschliche seele. Lenz 1, 93; so auch: ich wüszte nun keine liebe leidige seele mit der ich darüber conferiren möchte. Göthe an Zelter 6, 117; dagegen: aber da war keine bekannte seele weit und breit. Mörike maler Nolten² 2, 157. — auch die mundartliche rede wendet diese phrase gern an, so schweiz. es ist eke sél umewëg g'si. Hunziker 238, 's isch kai sel umme wäg. Seiler 267ᵇ; dafür gern keine (berl. keene) menschen seele. Brendicke 181ᵇ (allgemein üblich), nd. auch umgekehrt hier is keen seelen minsch. Dähnert 419ᵇ, ferner (besonders bair.-österr.) kain hund und kain sêl. Schöpf 668. Schm. 2, 256.
n)
ferner gebraucht man seele um eine vielheit von menschen zusammenzufassen, bei denen es nur auf die zahl ankommt, so zunächst alle seelen: also nam Abram sein weib Sarai ... mit aller jrer habe, die sie gewonnen hatten, und seelen die sie gezeuget hatten. 1 Mos. 12, 5; und Esau nam seine weiber, söne und töchter, und alle seelen seines hauses. 36, 6; und er schlug sie mit der scherffe des schwerts, und alle seelen die drinnen waren. Jos. 10, 30; so auch: do sprach der küng von Sodom zuͦ Abram: gib mir die seelen, die hab behalt dir. Zür. bib. v. 1531 6ᵈ (gen. 14, 21: da mihi animas; Luther: gib mir die leute); ähnlich später:
und erst, als am bezeichneten altar
versammelt waren alle seelen.
Schiller 6, 381 (Troj. 125);
ich überfalle Macduffs schlosz,
erobre Fife im sturme — mutter, kinder, alle
verlorne seelen seines unglücksstammes
erwürgt mein schwerdt.
Macbeth 4, 5.
o)
sehr gewöhnlich mit bestimmten zahlangaben, z. b. um die einwohnerzahl einer stadt zu nennen u. ähnl. (wie sonst auch kopf und bei thieren stück verwendet wird): wieviel seelen werden wol in Paris seyn? Kramer dict. 2, 731ᶜ; es sturben hier in der pestzeit mehr dann 200 seelen in einem tage. 731ᵃ; es sind in dieser stadt etliche tausend seelen, aliquot millia hominum. Frisch 2, 254ᵃ; das sind die kinder von Lea, die sie Jacob gebar in Mesopotamia, .. die machen allesampt mit sönen und töchtern, drey und dreissig seelen. 1 Mos. 46, 15; alle seelen die mit Jacob in Egypten kamen ... sind alle zusamen sechs und sechzig seelen. und die kinder Joseph die in Egypten geboren sind, waren zwo seelen, also das alle seelen des hauses Jacob, die in Egypten kamen, waren siebenzig. 26 f.; und sie füreten weg .. zwey tausent esel, und hundert tausent menschen seelen. 1 chron. 6, 21; und wurden hinzu gethan an dem tage bey drey tausent seelen. ap. gesch. 2, 41; da er aber noch nicht weisz, ob er zu den 100,000 seelen gehört, die Hildburghausen bekömmt. H. Heine 3, 120 Elster;
an einem tag auf fürstlichen befehl
bekehrten sich an sechzigtausend seelen,
und zwanzigtausend wandern flüchtig aus.
Grillparzer⁴ 8, 26.
in verspottung dieser redeweise sagt H. Heine (2, 23 Elster) scherzhaft: diese stadt (Osterode) hat so und so viel häuser, verschiedene einwohner, worunter auch mehrere seelen. — Hupel 216 bezeugt für die livländ. sprache seiner zeit seele für den männlichen kopf von leibeigenen bauern, z. b. dies gut hat 80 seelen. vgl. noch:
und die edeln menschenmäckler zählen
in des mammons groszem rechnungsbuch
ihre schätze nur nach menschenseelen.
Seume ged.⁴ 65.
p)
ferner ist überaus verbreitet der gebrauch von seele in der anrede. auch hier fehlt fast nie ein adjectiv daneben.
α)
als blosz schmückendes beiwort dient am häufigsten lieb, wie überhaupt in der anrede: geh, liebe seele, überlasz mich meinem elend. Göthe 8, 158; nimm deinen brief und geh, liebe seele! 42, 220;
gott behüte, liebe seele,
gott behüte dich davor!
Bürger 6ᵃ.
'die Berlinerin sagt liebe seele zur freundin.' Schütze 4, 88. im superlativ: ihr meine liebsten seelen, vos, meae carissimae animae. Steinbach 2, 576; adieu liebste seele. Göthe br. 5, 113 (an Ch. v. Stein d. 17. apr. 1781). — ähnlich in der ältern sprache:
du süsze sel,
was ich erzel
geschiht on scherzen.
Gödeke - Tittmann liederb. 32.
β)
ebenso üblich und oft farblos ist gute seele: gute seele! o dasz ich euch nicht für eure treuen dienste euer alter glücklich und zufrieden machen soll! Weisze tr. 5, 281; stille, stille, gute seele, frage mich nicht aus! Schiller 2, 51 (räub. 1, 3 schausp.); und du, gute seele, die du eben den drang fühlst, wie er, schöpfe trost aus seinen leiden. Göthe 16, 3;
mich erhältst du nicht, du gute seele!
meiner zweyten schwester gönnt man dich.
1, 245;
wie magst du, gute seele! wohl
Leanders angedenken,
mit lautem schluchzen, einen zoll
getreuer zähren schenken!
Hölty 29 Halm.
mit gröszerem nachdruck: doch du gute edle seele würdest dich selbst in deinem unglück eines fremden glückes herzlich erfreuen. Göthe 42, 309. superlativisch: schicke mir doch beste seele die briefe aus der Schweitz. br. 6, 116 (an fr. v. Stein d. 6. jan. 1783).
γ)
andre allgemein lobende beiwörter:
o schöne seele, die ich mit diesem ernst
so innig liebte!
Klopstock 1, 52;
sie weinen —
o, diese thränen kenn' ich, schöne seele!
Schiller don Karlos 4, 21;
so wirst du, reine seele, dich und uns
zu grunde richten.
Göthe 9, 71 (Iphig. 4, 4);
kannst du es, wohlan, so kühle,
reine seele, unsre glut!
Müllner schuld 1, 6;
habe dank, du reine seele.
Grillparzer⁴ 3, 38.
so auch:
du schönste, reinste seele, die sich je
in engelsbildung dieser erde zeigte,
ersinke nicht den leiden.
Wieland suppl. 4, 229 (Joh. Gray 1, 2).
ferner grosze seele: grosze seele! rief ich, musz es dahin mit dir kommen? Hölderlin 2, 162 Köstlin;
ich kann nicht leiden, dasz du grosze seele
mit einem falschen wort betrogen werdest.
Göthe 9, 49 (Iphig. 3, 1).
δ)
bestimmtern inhalt haben andre attribute: liebste wunderliche seele, warum wollen sie mich nun mit gewalt zwingen, einer kleinigkeit zu gedenken ...? Lessing 2, 19 (miss Sara S. 2, 3); unschuldige seele! wie kämest du dazu, die sultane zu kennen! Wieland 8, 358 (Danischm. 43); redliche seele! Lenz 3, 217 (Pandaem. 2, 1);
habe dank, du treue seele!
süszes wesen, habe dank!
Grillparzer⁴ 3, 44;
so bist du todt und hast mir nicht verziehn!
bist hingegangen, treue, fromme seele,
mit dem gefühl des unrechts in der brust.
5, 136.
so auch: du seele voll liebe! bete für mich. Göthe 42, 221.
ε)
mit tadelnden beiwörtern, so häufig bei Lenz, was Zacher zschr. f. d. phil. 5, 199 als livländische eigenthümlichkeit erklärt: geh mir aus den augen, du gottlose seele. 1, 269 (soldat. 1, 5); fort in deine kammer, den augenblick; du sollst heut nicht zu nacht essen — schlechte seele! ebenda; ihr lüderliche seele! schämt ihr euch nicht, einem honetten mann das zuzumuthen? 312 (5, 4); doch auch sonst: sie sollten nur reden und machen was sie könnten, sie verdammte seelen. Gotthelf 1, 439 Vetter.
ζ)
auch hier können zusammensetzungen eintreten:
du engelseele, wîe entzückst du mich!
Wieland suppl. 4, 280 (J. Gray 3, 2).
η)
ganz ohne attribut findet sich wol nur das deminutiv im nd.: min seelken. Schütze 4, 88; min (leev, old) seelken. min seelens kind. Dähnert 419ᵇ. vgl. seelchen 5.
θ)
in poetischer erweiterung der gebrauchssphäre wird diese anrede auch auf leblose dinge angewandt:
liebe, getreue flasche, du langgehälsete. gute,
runde seele, die mir öfters das leben erfrischt.
Herder 26, 25, 26 Suphan.
q)
endlich kommt seele von menschen in der umgangssprache auch prägnant vor, meist zur bezeichnung der gutmütigkeit, gewöhnlich in der fassung (berlin.) det is ne seele von mann, ein gutmütiger mann. Brendicke 181ᵇ; nd. 't is ene sele vam mann, grundfromm. brem. wb. 4, 747. vgl. auch: een kind as 'ne seel (sehr fromm, still). Dähnert 419ᵇ.
19)
von der ursprünglichen auffassung, wonach seele neben dem leibe die eine hälfte des menschlichen wesens bedeutet, hat sie sich auch nach einer andern seite weiter entwickelt, indem sie als ein selbstständiges, vom körper getrennt existierendes wesen gedacht wird, s. 20. den übergang zu dieser bedeutungsklasse bilden die zahlreichen mit seele gebildeten ausdrücke für 'sterben', die unmittelbar an das unter 4 behandelte anschlieszen.
a)
beim tode trennen sich leib und seele:
und schiet sich diu geselleschaft,
beidiu sêle unde lîp.
Hartman v. Aue Greg. 269;
dat is de dôt der natûr, des wi vorbeiden,
wan sik de sele van dem live schal scheiden.
des dodes danz 6 Bäthcke;
wenn seel und leib sich scheiden
und müssen schnel davon.
bergr. s. 59 ndr. (28, 14);
es soll dein tod und leiden,
bis leib und seele scheiden,
mir stets in meinem herzen ruhn.
P. Gerhardt s. 73, 59 Gödeke;
wenn seel' und leib sich trennen,
wird ihn sein meineid brennen.
Bürger 13ᵇ;
wenn leib und seele scheiden,
läszt herz und kummer nach.
Fr. Müller 3, 376 (Golo 5, 6);
ja, auf dem rosz fühl' ich voll jugend mich;
doch sitz' ich ab, da hebt ein strausz sich an,
als ob sich leib und seele kämpfend trennten!
H. v. Kleist prinz von Homb. 2, 1.
so auch: seel die ungern vom leyb scheidet (so der mensch noch unauszgezeert mit gewalt verscheiden muͦsz), vivax anima. Maaler 369ᵃ. — gleichbedeutende wendungen: ich sage euch, die seele ist glückselig, welche den leichnam so bald von sich ablegen ... kann. Weise erzn. s. 135 ndr.; wenn denn endlich durch den tod die gemeinschaft der seele mit der körperwelt aufgehoben worden. Kant 3, 69;
sô sich diu sêle entslieʒe
von des lîbes meisterschaft.
Lamprecht v. Regensburg Franz. leben 337;
du hast sie genommen und muͦst sie han,
und sött dir die sel vom lib usgan.
Manuel s. 262 Bächtold (Elsli Tr. 132).
b)
gewöhnlich einem die seel ausfahren, uscire l'anima ad uno; spirare, espirare. es möchte einem die seel drüber ausfahren, egli è una cosa da morire. Kramer dict. 2, 731ᵃ; die seele ist ihm ausgefahren, animam efflavit, spiritum emisit. Stieler 1991. Steinbach 2, 576. Frisch 2, 254ᵃ; ich möchte gerne wissen, was des menschen seele were, weil der leib wenn er tod, unnd die seele auszgefahren ist, nichts anders ist dann ein stein. Luther tischr. 106ᵃ; ich dachte immer gar, es würde ihr die seele ausfahren. Chr. F. Weisze d. teufel ist los 3, 6. — auszgehn: da jr aber die seele ausgieng das sie sterben muste. 1 Mos. 35, 18; ain leo ward ser krank von vily syner jar, daz er an synen kreften fast het ab genomen, so vil, als ob jm die sele usz wölt gaun. Steinhöwel Esop. s. 99 Österley;
swelch guot der mensch sô lange hât,
unz im diu sêle ûʒ gât,
daʒ mag er got niht gegeben.
Stricker 12, 696.
andre ausdrücke:
that sia thia haftun man .. hangon ni lietin
lengerun hwîla,   that im that lîf skriđi,
thiu sêola bisunki.
Heliand 5694;
das leben gleichet, gegen die ewigkeit,
dem schnellen hauche, welcher dem sterbenden
entflieszt; mit ihm entflosz die seele,
die der unendlichkeit ewig nachströmt!
Klopstock 1, 59;
ohne beicht', ohne nachtmahl, ohn' absolution
flog seine verzagende seele davon.
Bürger 35ᵃ;
(er) wankt' an die frische gruft, den dolch
dem herzen zugekehrt,
und sank.   folg! ruft ein teufel, folg!
und seine seel' entfährt.
Hölty 18 Halm;
sie lacht' und weint' und bet't' und schwur;
so fuhr die seel' von hinnen.
Göthe 1, 181;
vergl. auch:
o Edward, Edward! diese augen sahen
die deinen brechen; sahn das letzte lächeln,
das die beglückte seel' im scheiden noch
auf deinem bleichen angesicht zurückliesz.
Wieland suppl. 4, 255 (J. Gray 2, 4);
ausführlichere wendungen:
o kommt, geliebte bilder
von tod und sanfter ruh im stillen grabe,
und vom triumf der fesselfreyen seele,
die sich dem staub entschwingt.
234 (1, 3);
sâr sô sih diu sêla   in den sind arhevit
enti si den lîhhamun   likkan lâʒʒit.
Musp. 2;
fundun ina gifaranan thuo giu,
is sêola was gisendid   an sôđan weg.
Heliand 5703;
sô schît diu tiure sêla
von mennisclîchimo sêra,
von disimo siechin lîbi
in daʒ êwigi paradysi.
Annolied 765;
diu sêle muoʒ roumen daʒ vaʒ.
Diemer gen. 6, 8;
es wäre auch unrecht gewesen, wenn ihre seele die reizende wohnung, welche ihr zum aufenthalt angewiesen war, so eilfertig hätte verlassen wollen. Musäus volksm. 3, 108 Hempel. — ihre seele entschwebt in die lüfte! Stockmann Wertherinn s. 111;
vernahm ich darum die sprache,
darum die sage von euch, dasz immer trauernd die seele
vor der zeit mir hinab zu euern schatten entfliehe?
Hölderlin 1, 175 Köstlin;
dârnâch sô nimt er ordenlîchen ende,
diu sêle gên dem künege
der êren vert frî aller sorgen bende.
der jüngere Titurel 6155, 27.
c)
die entweichende seele wird oft in sichtbarer gestalt gedacht, vgl. 20 und Golther myth. s. 80 ff.; sie entschwebt in kindesgestalt, s. zschr. f. d. alterth. 9, 332, erscheint als blume, s. Grimm myth.⁴ 689 f., als vogel 690—2 u. a. weniger concret: mit diesen worten verschied der graf; ich sah's mit meinen augen, wie seine reine seele, als ein leichter schatten gestaltet, vom mund auf gen himmel emporschwebte. Musäus volksm. 3, 109 Hempel.eine eigenthümliche wendung begegnet bei H. Sachs:
ich wil mit jn thun einen tantz ...
das wir uber knorren im blut waten
und die seel im grasz umb hupffen.
3, 3, 17ᶜ;
und wenn der Neydhart kommen thu,
so reib ich bald auff alle ding
und schmitz jhn inn ein fiderling,
dasz sein seel musz im gras umm hupffen.
4, 3, 51ᵇ.
d)
die seele entweicht, wie der athem (als der sie ja ursprünglich gedacht wird), aus dem munde (s. auch Musäus unter c): der kümt zuo dem himelrîche swenne diu sêle ûʒ sînem munde gêt, der sich umbe den rehten kristengelouben martelen lât. Berthold v. Regensb. 1, 171, 21;
zehant dô sie daʒ wort verlie,
diu sêle ir ûʒ dem munde gie.
herz. Ernst 3576.
so auch: Achilles ergrimmt, und ohne ein wort zu versetzen, schlägt er ihn so unsanft zwischen back und ohr, dasz ihm zähne, und blut und seele mit eins aus dem halse stürzen. Lessing 6, 510 (Laok. 23). vgl. Grillparzer unter k sowie g. doch auch aus einer wunde:
ists nicht genung, dasz um dich und vor dir
ich diese stich' in meine brust empfangen,
durch die mir blut und seel ist ausgegangen?
A. Gryphius 1, 247 (Card. u. Cel. 5, 324).
e)
daher sagt man vom sterbenden oder einem, der dem tode nahe ist, die seele auf der zunge haben, haver l'anima frà (), tenerla coi denti. Kramer dict. 2, 731ᵃ; praecordiis conceptam mortem continere, die seel auff der zungen haben. Dentzler 1, 167ᵇ; die seel sitzet jhm auff den lippen. qu. bei Wander 4, 493, 65; denn es sind etliche so verseumlich, das sie nicht ehe lassen (die seelsorger) foddern oder ansagen, bis die seel auff der zungen sitzt, und sie nicht mehr reden können. Luther 3, 397ᵇ; also pflegt man die krancken got zu ergeben, die die seel under den zeenen haben, und man nit weiter rath mit jn weyss. S. Franck sprw. 2, 152ᵇ; was hilffts aber ein krancken, der die seel under den zenen hat, so man jm sagt, so er den gantzen Hipocratem und Avicennam lese, so werde er ein remedi seiner sucht finden. guldin arch (1538) vorr. 4ᵇ. so noch in oberdeutschen mundarten: die seel sitzt ihm scho' auf der zung'n. Hügel 148ᵃ; dem nacklt d sêl scho ̃, henkt d sêl scho ̃ 'raus, er ist dem tode nahe. Schm. 2, 256. auch: die seele an den fingerspitzen haben, die seele fällt ihm vor die füsze. Wander 4, 493.
f)
daher auch die seele ausblasen: seine herrschaft erreichte noch den sturm des grossen Salomins, welcher wie er unter dem grösten gethöne der waffen gebohren, also auch unter derselben krachen seine seele auszublasen versehen war. Lohenstein Arm. 1, 171ᵃ; dasz er für ungedult im lager seine blutdürstige seele ausblies. ebenda; hat auch kurz darauf, ohne busz und trost, seine unselige seele ausgeblasen. Sperling Nicodemus quaerens (1719) 2, 162. dafür jetzt der edlere ausdruck aushauchen: die seel sanft und selig in gott aushauchen etc., rendere, spirare l'anima, renderla à Dio suo creatore e salvatore. Kramer dict. 2, 730ᶜ; sag deiner königin, das allein habe mich geschmerzt, dasz sie vor mir geflohen ist, dasz ich meine seele nicht auf ihren knien aushauchen durfte. Immermann 13, 285 Hempel;
der edle Talbot hat die grosze seele
in meinen busen ausgehaucht.
Schiller jungfrau von Orleans 3, 10;
reflexivisch:
gott, (so hauchte sich
die heil'ge seele aus) nimm mich zu dir!
Wieland suppl. 4, 224 (J. Gray 1, 1).
pöbelhaft sind dagegen andre wendungen: die seel dem teufel ausspeyen, auswerffen, vomitare, gettare l'anima al diavolo. Kramer a. a. o.;
die seele speiten sie in das grasz.
Soltau hist. volksl. 2, s. 104, 12
(vgl. dazu nd. korrespondenzbl. 17, 34 und die unter d aufgeführten stellen aus H. Sachs).
g)
auf diesen letzten wendungen beruhen häufige redeweisen wie sich die seele aus dem leibe husten, sich zu tode husten, ursprünglich jedenfalls so verstanden, dasz bei heftigem husten die seele selbst als ein concretes etwas zugleich mit dem auswurf aus dem munde fährt, vgl. Lessing unter d und:
indesz ein dicker
pestaushauchender qualm graugelb emporqualmt:
der ... die verruchte hexe kizelt,
bis sie hustend die schwarze seel' herauswürgt!
Voss 3, 113.
so besonders in niederer und mundartlicher redeweise; auch (man mug) sik de seel ut dem liev breken (bei ekelhaften speisen) Schütze 4, 89. Schambach 189ᵇ. abgeblaszter in andern verbindungen: sek de sêle ût den lîve swatzen. ebenda; d' seel usschreje, summa contentione clamare. d' seel ilouffe, ex cursura anhelitum ducere, exanimari cursu. Schmidts idiot. Bernense bei Frommann 4, 14ᵇ; ganz erloschen ist die bildliche vorstellung in redeweisen der edleren sprache:
o ich könnte
aus meinen augen meine seele weinen!
Shakesp. Jul. Cäsar 4, 3.
das gewöhnliche sich die seele aus dem kopfe staunen besagt dagegen weniger 'sich zu tode staunen', als vielmehr 'sich dumm und stumm staunen', weil der heftig erstaunte wie starr und versteinert, ohne geist und seele erscheint: (die leute) werden sich die seele aus dem kopf staunen, wer das von ihnen wissen könne. Gotthelf 1, 341 Vetter.
h)
anderes für sterben: ich .. bin auch nichts anders vermuthend gewesen, als dasz ich meine seele durch einen schmertzlichen ausgang würde aus dem leibe schicken müssen. Weise kl. leute 170;
sô dû den zins ze hove gîst,
die sêle gote,   unt dû in armem melwe begraben lîst.
Marner 1, 12 Strauch.
auffälliger weise sagt man nicht leicht die seele aufgeben, während den geist aufgeben das allergewöhnlichste ist.
i)
gott (oder Christus) nimmt, fordert die seele vom menschen: raff meine seele nicht hin mit den sündern, noch mein leben mit den blutdürstigen. ps. 26, 9; denn was ist die hoffnung des heuchlers, das er so geitzig ist, und gott seine seele hin reisset? Hiob 27, 8; wenn gott wird meine seele wegnemen, so begrabe meinen leib. Tob. 4, 3; diese nacht wird man deine seele von dir foddern. Luc. 12, 20;
wente gi wetten nicht de stunde noch den dach,
dat Cristus juwe sele van ju nemen mach.
des dodes danz 130 Bäthcke.
ebenso der personifizierte tod:
stumm schüttelt der tod ihm die glieder,
risz ihm die seel aus dem herzen.
Kretschmann klage Rhingulphs 75.
k)
so auch vom menschen einem die seele aus dem leibe reiszen u. ähnl., einen töten:
sy machten menchen edelen geyst,
de selen sy versanden
van yren swerden vur yren handen.
Karlmeinet 41, 34;
ja, wie viel sehlen hat dein wöhr
den stoltzen cörpern auszgetrieben.
Weckherlin 371 (oden 1, 6);
ich schüttle dîr
die antwort mit der seel' aus deinem munde,
wenn du mir nicht gestehst: wo ist sie hin?
Grillparzer⁴ 4, 238 (vgl. d).
vom alp: sie hielt mit ihrer schwester Therba einen rath, worinnen beschlossen wurde, an ihrem gemeinschaftlichen verunglimpfer rache auszuüben und einen schwerbeleibten alp abzuschicken, der ihm die seele aus dem leibe drücken sollte. Musäus volksm. 4, 88 Hempel.
l)
ferner in freundlichem sinne von hilfeleistungen beim sterbenden: wehe! wehe! will mir keiner das haupt halten, will keiner die ringende seele entbinden? ... Amalia! botte des himmels! kommst du, meine seele zu lösen? Schiller 2, 73 (räub. 2, 2 schausp.). so auch vom geistlichen die seel aussegna, einen kranken mit den sterbesakramenten versehen. Hügel 148ᵃ.
m)
diesen umschreibungen für 'sterben' entsprechen ähnliche für '(noch) am leben sein': dieweyl mir die seel im leyb ist, als lang ich läben wirdt, dum spiritus hos reget artus. Maaler 369ᵃ; weil er das fleisch antregt, mus er schmertzen haben, und weil seine seele noch bey jm ist, mus er leide tragen. Hiob 14, 22; machet kein getümel, denn seine seele ist in jm. ap. gesch. 20, 10. so auch für 'wieder aufleben': und die seele des kinds kam wider zu jm, und ward lebendig. 1 kön. 17, 22. wiederbeleben: ein mensch aber, so er jemand tödtet durch seine bosheit, so kan er den ausgefaren geist nicht widerbringen, noch die verschiedene seele widerholen. weish. Sal. 16, 14. für 'am leben erhalten': sprichwörtlich, essen und trinken hält leib und seele zusammen. nd. (gôd) eten un drinken hold lief un sele tosamen. brem. wb. 4, 747. ten Doornkaat Koolman 3, 171ᵇ. vgl. auch: nur die gewalt eines gedankens, eines noch ungelösten gelübdes hält die reisefertige seele noch in dem verfallenden hause zurück. Ludwig 4, 221. — endlich ein kühnes bild für 'ein zähnes leben haben': die seel ist ihm angewachsen, er hat sterbens vergessen, ultra pensum vivit. Dentzler 2, 261ᵃ; nd. de sele is em an den rugge wussen, von leuten, die noch nicht das ansehen haben, dasz sie bald sterben werden. brem. wb. 4, 747; bair. dèr hàd d sêl nà de zwerhh drin, ein zähes leben. Schm. 2, 256. auch: die seel ist in jhm beklieben, ultra fatalem diem vivit. Schottel 1114ᵇ; die seel ist inn jhm verwurtzelt. Wander 4, 493, 64; die seel hat sich in jm verwirt (verirrt), die seel ist in jhm beklieben, die seel ist in jhm arrestirt, ultra pensum vivit. Eyering 1, 722 f.
20)
die seele nach dem tode. seel anima, metaph. umbra. Dasyp.; die seel so grad yetz vom leyb gescheiden ist, anima recens. die seelen der abgestorbnen, umbrae silentes. Maaler 369ᵃ; seelen so abgestorben seynd, f. les esprits et ames des trepassés. Hulsius 294ᵇ; verstorbene, vom leibe verschiedene, abgelösete seele, anima separata, astratta, sciolta dal corpo e dalla materia. Kramer dict. 2, 730ᶜ; verstorbene seelen, manes. Stieler 1991; die vom leib geschiedene seele, anima a corpore separata. Frisch 2, 254ᵃ; weil .. die liebe der von denen irrdischen leibern entladenen seelen alles eitlen rauchs befreyet, und reiner, als der lebenden, seye. Lohenstein Arm. 1, 168ᵇ.
a)
zunächst wird betont, dasz die seele beim tode nicht zugleich mit dem körper vergehe, vgl. 1, f.: fürchtet euch nicht fur denen, die den leib tödten, und die seele nicht mögen tödten. Matth. 10, 28; sintemahl wir von den indischen und chaldeischen weisen diese gründliche lehre angenommen, dasz alle geister insonderheit aber die seelen der menschen unsterblich sind. Lohenstein Arm. 1, 169ᵃ; Zarmar sey kein schüler des Dicearchus und Epicurus, welche gläubten, dasz die seelen mit dem leibe vergehen, sondern vielmehr der meinung, ... dasz der tod nur eine veränderung, aber keine verderbung der seelen sey. 695ᵇ; ich wünsche dir aber nur einen funcken von dem sehnlichen verlangen, welches ich nach dem künftigen leben meiner seele in mir unterhalte, und mir ein unfehlbares kennzeichen einer den leib überlebenden seele ist. 2, 543ᵃ;
sît an den buochen ist geschriben,
swie der rehte mensche stirbet,
daʒ diu sêle niht verdirbet,
dâ von sult ir gewis wesen,
si ist zer sêle wol genesen.
Stricker daz bloch 244—8;
der hilgen sint gewest gans vele,
den de tyrannen nemen dat lîf, men de sele
en konden se en genemen nenerleie wîs.
des dodes danz 104 Bäthcke;
ja sie beginnt dann erst recht zu leben: daʒ erbe der sêle beginnet danne anegengen, sô wir vorwandeln disen lîb und ist immer stête. Schönbach pred. 1, 271, 23; (er) erkennet seine todesstunde für den andern geburts-tag seiner seele. Lohenstein Arm. 2, 543ᵃ.
b)
doch findet sich in unentwickelteren religionsformen auch die vorstellung einer vernichtung der (animalischen) seele; sie herrscht z. b. im alten testament, s. 4, h. ebenso ist sie den materialistischen und atheistischen denkrichtungen der alten wie der neuen zeit eigen: schweig, geh in die hölle mit deinen beweisen! zernichtet wird die seele, sag ich dir. Schiller 2, 185 (räub. 5, 1 schausp.). — wenn man dagegen sonst vom tode der (vernünftigen oder empfindenden) seele spricht, so ist dies meist nicht von einem vollständigen aufhören zu verstehen, s. 8, c. 10, c.
c)
als aufenthalt der vom leibe getrennten seelen wird meistens ein abgesondertes gebiet gedacht, das gewöhnlich unter die erde oder in den äuszersten westen verlegt wird, schattenreich, unterwelt (auch hölle in diesem sinne): denn du wirst meine seele nicht in der helle lassen, und nicht zu geben, das dein heilige verwese. ps. 16, 40;
kamen dann bald zur Asphodeloswiese hinunter,
wo die seelen zugleich, die gebild' ausruhender, wohnen.
Voss Odyssee 24, 14.
d)
sobald eine religion sich zu ethischen gedanken entwickelt hat, tritt an stelle dieser primitiveren vorstellungen meist eine sonderung der seelen in böse und gute, und eine verschiedene behandlung beider arten:
so scheint auch dieses fest gestellt,
dasz uns'rer seelen theil' und stücke
nachdem sie gut und bös; zum glück und ungelücke
mit uns'rer seele, wenn wir sterben,
vermuthlich gleichen lohn erwerben.
Brockes 1, 329.
die christliche fassung dieser unterscheidung ist die lehre von himmel und hölle (wozu nach katholischer lehre noch das fegefeuer tritt): denn so bald du gestorben bist, nach abgelauffener lebens frist, wird die seele entweder gen himmel oder zur höllen fahren. Comenius sprachenth. 958; wenn die priester keiner seele den himmel oder die hölle aufzuschlüssen hätten, was wäre es anders, als dasz sie mit dem sterblichen leibe verschwinden müste? Lohenstein Arm. 2, 540ᵇ; ihre religiösen begriffe von dem zukünftigen aufenthalte der seelen schwebten zwischen furcht und hoffnung; sie wuszte nicht, ob sie den sammelplatz zur wiedervereinigung getreuer liebe in's fegefeuer oder in die vorhöfe des himmels verlegen sollte. Musäus volksm. 3, 102 Hempel.
e)
die entscheidung über das zukünftige schicksal der seele erfolgt durch ein gericht; diese vorstellung ist besonders in der ägyptischen und iranischen religion original und reich ausgebildet, findet sich jedoch auch bei den Griechen:
und die sehl wird gebracht
für Minos, der kein flehen
mehr pfleget anzusehen.
Weckherlin 388 (oden 1, 10, 4).
ins christenthum ist sie aus dem jüdisch-hellenistischen (alexandrinischen) gedankenkreise eingedrungen: die selbige wirds geniessen zur zeit, wenn man die seelen richten wird. weish. Sal. 3, 13. einige verwirrung herrscht in der christlichen lehre insofern, als diese entscheidung bald unmittelbar nach dem tode erfolgt, bald erst bei dem jüngsten gerichte nach dem weltende. erstere vorstellung wird in ältester zeit vereinzelt in das bild eines kampfes der engel und teufel um die seele gekleidet, s. besonders Musp. (2 ff.) und dazu Müllenhoffs anm., denkm.² s. 270 f. (³2, 37 f.). Grimm myth. 698:
vor dem tievel nam der sêle war
der erzengel Kerubîn.
Wolfram v. Eschenbach Willeh. 49, 10
(in ähnlicher weise entreiszen am schlusse von Göthes Faust die engel den teufeln Fausts seele).
f)
die seele des guten kommt in den himmel: sein seel in den himmel setzen, colligere animam in aeternos orbes. Maaler 369ᵃ;
than mugi kuman thiu sêola te himile
thes ôdagon mannes.
Heliand 3303;
die seele fährt dem himmel zu.
P. Gerhardt s. 272, 52 Gödeke;
ihre seele ward getragen
in den güldnen himmelssahl.
Rist Parnasz 187;
zu gott:
der lîp (Abrahams) den ente genam,   diu sêle fuͦr ze gotes êwen.
fundgr. 2, 35, 39 (gen.);
de sele veler hilgen sint to gode gekomen,
den ere levent hastigen hîr wart genomen.
des dodes danz 93 Bäthcke.
zur ewigen freude u. anderes: dâr nâ wart se krank unde starf sâlichlîken, und ere sêle vôr tô den êwigen vrouden. vruwenlof s. 15, 56 Schröder. vgl. auch:
nun todt ich bin,
der leib ist hin,
die seel' speist himmelsbrot.
Shakespeare sommernachtstr. 5, 1.
die seele wird von engeln geleitet oder getragen:
als man sie solt tragen in die erde,
dô kam von himele ein engelische schar
und nâmen dâ der sêlen war.
Oswald 3454 Ettmüller;
eyn engel von dem hymel kam,
Morolffs sele er mit synen henden nam,
er fuͦrte sy zuͦ gotte in syn hymelrich.
Morolf s. 209, 2 Vogt;
as de megede ir ende namen,
dat de heilgen engel quamen
unde croinden de selen algeliche
unde voeren up zo hemelriche.
d. städtechron. 12, 31 (Hagen v. 331);
alsbald schlieszt uns der engel schaar
mit freud in ihren bogen
und nehmen unsrer seelen wahr,
die, wann sie ausgeflogen,
in ihre hut   mit stillem mut
zu gott kommt angezogen.
P Gerhardt s. 291, 63 Gödeke;
verzweiflung schreiet aus des leichnams zügen;
die seele aber hebt ein engelchor
ins empyräum.
Immermann 13, 39 Hempel.
g)
seelen im himmel, mentes à terrestri labe sejunctae. Stieler 1991; eine seel im himmel, die seelen im himmel, l'anima nel paradiso, le anime del cielo è dell' empireo v. selig. Kramer dict. 2, 730ᶜ;
di sêlen dar inne
und di engelische scare.
Lamprecht Alex. 6868;
Eliä, hole mich geschwind
und bring mich dahin, da mein kind
und so viel liebe seelen
so schöne ding erzählen.
P. Gerhardt s. 102, 87 Gödeke.
bestimmtere angaben ihres aufenthalts: aber der gerechten seelen sind in gottes hand, und kein qual ruͤret sie an. weish. Sal. 3, 1; und da er das fünffte siegel auffthet, sahe ich unter dem altar die seelen, dere die erwürget waren umb des wort gottes willen. offenb. Joh. 6, 9. — bestimmte, benannte einzelseelen: dies war unstreitig der grusz, welchen die Wertherische seele der kommenden ... entgegen gejauchzt haben wird! Stockmann Wertherinn s. 112;
mein Schmidt, ich sterbe, sehe nun bald um mich
die groszen seelen, Popen und Addison.
Klopstock 1, 48;
und im himmel ist kein geist verklärter,
als die seele Röschens ist.
Hölty 59 Halm.
zusammensetzungen:
schon warten dein mit rosenfarbnen flügeln,
auf ewig grünen hügeln,
die kinder-seelen dort, im bessern sonnenglanz.
J. G. Jacobi 3, 8 ('an ein sterbendes kind').
blumenseele s. 23, e, α.
h)
die gewöhnliche bezeichnung der seelen im himmel ist selige seelen: (Christus) dâ mite alle sâlige sêlan gelabôt werdint, engele unde mennisgen. Wackernagel leseb. 1², 192, 22 (pred. des 12. jahrh.);
thaʒ ih iamêr, druhtîn mîn,   mit themo droste megi sîn, ..
fon êwon unz in êwon   mit thên sâligen sêlon!
Otfrid 1, 2, 58;
hie ist der engel land,
der selgen seelen stand.
P. Gerhardt s. 144, 74 Gödeke;
läszt dort der sel'gen seelen heer
in hundert tausend tausend chören,
bey'm ewigen alleluja
das heilig, heilig, heilig hören.
Brockes 1, 308;
der nur kan
sich ein etwannigs bild von jenen freuden-quellen,
so weit zu dencken ihm erlaubt, vor augen stellen,
die dort der seel'gen seelen heer ...
in stets vermehrter lust und anmuth werden träncken.
3, 594.
ebenso heiszt der zustand der seele daselbst, auch überhaupt, dasz sie dahin kommt, seligkeit: so werdet jr .. das ende ewers glaubens davon bringen, nemlich der seelen seligkeit. 1 Petr. 1, 9; der fürnemeste artickel christlicher lehre ist von der seelen seligkeit. Luther tischr. 137ᵃ; er vermahnte auch, dasz jedermann wohl wahrnehmen sollte seiner eignen seele seligkeit und die seiner verstorbenen und lebendigen freunde. Freytag bilder 2, 2, 42. es ist bemerkenswert, dasz in dieser formel häufig der schwache gen. seelen erhalten ist, wenigstens bei voranstellung (vielleicht in anlehnung an die form seelen- in zusammensetzung): die gesinnung des ersten märkischen Hohenzollern .. spricht aus dem fieberischen diensteifer des soldatenkönigs, der sich immer bewuszt blieb mit seiner seelen seligkeit dereinst einstehen zu müssen für das wohl seines volkes. Treitschke d. gesch. 1, 46;
(du) betest, wenn dich neue himmel blenden,
die seligkeit der seele zu vollenden,
für uns um theil an deinem glück.
Seume ged.⁴ 72.
gleichbedeutend das heil der seele, la salute dell' anima. Kramer dict. 2, 730ᶜ. ausdrücke der alten sprache:
hêt sie wara godes,
sin-lîf sôkean,   thâr is sêolôno lioht,
drôm drohtînes.
Heliand 2084;
niuʒit thâr in wâra   sâlida thîn sêla,
iamêr mammunti,   joh êwînîg gimuati.
Otfrid 5, 23, 213.
so auch selig machen: nempt das wort an mit sanfftmut .., welches kan ewer seele selig machen. Jac. 1, 21. anderes hierher gehörige s. unter 10.
i)
die weniger vollkommenen seelen kommen nach katholischer ansicht vor ihrer aufnahme in den himmel auf bestimmte zeit in das 'fegefeuer' (purgatorium), wo sie zur läuterung und abbüszung ihrer sünden (mit feuer) gepeinigt werden: eine seel, die seelen im fegfeuer, un' anima, le anime nel (del) purgatorio. Kramer dict. 2, 730ᶜ; so finden wir noch gewisse zeugnussen unserer altvätter, dasz vil seelen mit grossem poltern und feurspeien erschienen sein, unnd deutlich verkündet haben, dasz sie im fegfewr schwerlich gepeiniget werden. Fischart bienenk. 112ᵃ;
herr Ulrich spricht.
ich bin kein teuffel ausz der hel,
sonder bin gleych wie du ein seel.
ich musz auch jm fegfewer leiden.
Heintz Düppel spricht.
lieber thu mich noch eins bescheiden:
sindt wir zwo seel im fegfewr allein?
herr Ulrich spricht.
ja wol, du arme seel, nein, nein;
es sindt etlich tausendt seel hinein,
H. Sachs 3, 3, 62ᵇ;
hochwürd'ger herr, ich kann nicht dulden,
dasz meines armen neffen seel' ...
im fegefeuer brennt und sengt.
Immermann 13, 169 Hempel.
sie können daraus erlöst werden durch fürbitte und gute werke der überlebenden, namentlich durch die von priestern gelesenen seelmessen (vgl. daselbst): gedachter jüngling neben menge der laster und sünden hatte diese eintzige tugend an jhme, dasz er für die arme seelen im fegfewer gern gebetten. Abr. a S. Clara reimb dich 162;
so wellend wir inen (den priestern) erlich lonen;
damit man mög die seel erlösen
vom fegfür und von allem bösen.
Manuel s. 31 Bächtold (vom papst v. 9);
der (vogel) schnurrt heraus aus seiner höhle,
so froh wie eine arme seele,
die aus des fegfeur's flammennacht
ein frommer klausner frey gemacht.
Wieland 18, 375.
dagegen: den seelen im fegfewer ist mit den feyertagen so viel geholffen, als einem mit einer faust ins aug. quelle bei Wander 4, 491, 5.
k)
die seelen der bösen und gottlosen werden beim tode von den teufeln in empfang genommen:
dô was de dûvel dâr behende
unde nam de sêle an sîne walt.
van dem holte des hill. cruces 292;
die bosen geist warten uff die sele sonder wan,
ab sie icht rechtes kunden an ir gehane.
Alsfeld. passionssp. 2187;
vgl. auch:
dâr was de konink gestorven,
ik (Satanas) had syn sele na erworven.
Theoph. 585;
entgeht dir gleich der leib, so bleibt dir doch die seele.
Hofmannswaldau bei Steinbach 2, 576.
ihr aufenthalt ist die hölle:
lêđa wihti
bisenkidun is sêola   an thena swarton hel.
Heliand 3358;
daʒ in den landen überal
grœʒer wurd der sêle val,
die scharhaft füern ze helle.
Ottokar reimchron. 93992;
o grimmer todt mit deinem strick
komb her und mich im augenblick
erwürg das mein trawrige seel
mit jr jetz abfare gen heel.
H. Sachs 3, 2, 107ᵇ.
auch die frommen der vorchristlichen zeit denkt man in der hölle:
de wortel van deme bôme sach he blôt,
de lêp in der êrden in de helle.
dâr sach he de sêlen van Abelle.
van d. holte des hill. cruces 174.
doch nimmt man meistens an, dasz Christus sie bei seiner höllenfahrt mit herausgeführt habe: du fuôrtost mîna (Christi) sêla fone hello, do ih andere sêla dannan fuôrta. Notker 2, 93, 2 f. Piper (ps. 29, 4). die bösen werden in der hölle gequält, daher höllenpein, besonders in der ältern sprache:
niht hilfet al der werlde hort gekoufet
unt durch den hort diu sêle hin besoufet
in hellepîne sunder ende.
Reinmar v. Zweter 208, 8 Roethe;
stant uff, almechtiger gott, ...
und troste die armen selen din,
die do ligen in der helle pin!
Alsfeld. passionssp. 7031;
Sathanas, was betudet das,
dasz die selen an hasz
singen und frolich sin
alhie in der helle pin?
7078.
und zwar werden sie nach der gewöhnlichen vorstellung durch feuer gequält:
swer die (armut) durch triwe lîdet,
hellefiwer die sêle midet.
Parz. 116, 17;
daʒ er (der teufel) brinnen siht
der sêle mit im vil.
Ottokar reimchron. 44885;
(Lucifer) mir willen widder in die helle,
die armen sele siden und quellen.
Alsfeld. passionssp. 459.
hierauf beruht vielleicht die redewendung: da habt ihr gleichwohl. 5. gsch .. ne gröschl, wan ihrs bösszer braucht als i. i gib uis (euch es) auf eure brinede seel aufi. Kiennast altbair. possensp. (vom j. 1759) s. 19 Brenner (vgl. dessen anm. s. 38: 'auf die gefahr hin, dasz eure seele wird brennen müssen'?). scherzhaft werden geräucherte seelen als speise der teufel aufgeführt:
nun zum nachtisch, Puhx, noch ein paar geräucherte seelen.
diese bewohnte vordem den geilsten schwelger, mit ablasz
körnte der pater sein gut, und gab mir die seele zum räuchern.
Voss s. 130 Sauer (id. 13, 65—67).
vereinzelt finden sich andre vorstellungen von den höllenstrafen, gewöhnlich in recht derb körperlicher ausmalung: wie er in der hölle ... des Homerus an einen baum gehenckte und mit schlangen umgebene seele gesehen. Lohenstein Arm. 1, 667ᵃ; so auch: ein bauer ... sei vom teufel gepackt und hoch an das gewölbe geschleudert worden; der leib sei herabgefallen, die arme seele aber droben festgeklebt. P. Heyse nov. 15, 197.
l)
die seelen in der hölle heiszen die verdammten seelen: eine verdammte seel, die seelen in der hellen, un' anima dannato. Kramer dict. 2, 730ᶜ; die verdammten seelen aber sind mit soviel angst und schmertzen überschüttet, dasz sie der gewesenen dinge gerne vergessen. Lohenstein Arm. 1, 170ᵃ; aber wie wird eine solche verdammte seele ihren leib grüssen und empfahen? S. Clara etwas f. alle 2, 691. — auch: verlorne seele, vgl. die sprichwörtliche redensart verloren wie eine judenseele: aber was hilffts, es ist geschehen, und ist verspielt wie eins juden seel. Ayrer proc. 728.
m)
ähnlich arme seel, doch begreift diese bezeichnung auch die seelen im fegfeuer in sich (vgl. unter i. — arm ist dabei nicht ausdruck des mitleids, sondern der verurtheilung wie in arme sünder, vgl. th. 1, 555): eine arme seel, un povera anima, met. anima nel purgatorio, ò nell' inferno, it. un pover' huomo. Kramer dict. 2, 730ᶜ. wunderlich ist folgende wendung:
herr Ulrich spricht.
ja du bist an eim trunck verdorben,
dein leyb ist schon begrabn auff erden.
der pawr spricht.
erst wil dem schimpff der bodn auszwerden.
so bin ich nur mein arme seel.
H. Sachs 3, 3, 62ᵃ (vgl. i).
doch begegnet arme seele auch sonst oft, vielfach wol in übertragung dieser bedeutung, vielfach auch im gewöhnlichen wortsinne, vgl. 18, i und besonders die unter 13, g angeführte redeweise.
n)
in hinblick auf das künftige schicksal befiehlt (empfiehlt) der sterbende seine seele gott, in gottes hand:
in hant, fater, thîna   sô gib ih sêla mîna.
Otfrid 4, 33, 23;
die sêlan bevâlen sú gote von himelrîch.
Cecilia 758 (zeitschr. f. d. alterth. 16, 187);
nim mi, here, ût dessem elende;
mine sele bevele ik in dine hende.
des dodes danz 882 Baethcke;
befehlt an seinem letzten end
sein seel in gottes gnad und hend.
Hollonius somn. vit. hum. 1525;
disz gesagt, hat sie befohlen
ihre seel' in gottes händ'.
Rist Parnasz 187;
empfiehl ihm deine seele!
Grillparzer⁴ 5, 147;
darumb, welche da leiden nach gottes willen, die sollen jm jre seelen befelhen. 1 Pet. 4, 19; als er (J. V. Andreä) zu sterben kam, empfahl er seine seele inmitten von sieben hochgelehrten, glaubensstarken geistlichen in die hände gottes. Keller 7, 39; so zuweilen auch schon während des lebens: immer hatte er (Schweinichen) über sein eigenes leben buch geführt; ... am ende jedes jahres ... hatte er seine seele gott befohlen und dahinter die getreidepreise des vergangenen jahres notirt. Freytag bilder 2, 2, 284. — dafür auch:
unde stuont vrou Lûnete
ûf ir knien an ir gebete
und bat got der sêle pflegn
und hete sichs lîbes bewegn.
Iwein 5159;
hîrumme ik gode alle desse sake bevele
unde ik bidde em, dat he wille entvangen mine sele.
des dodes danz 754 Baethcke.
in directer rede:
bescher uns auch ein seligs end,
nim unser seel in deine hend.
Luther dicht. s. 51, 47 Gödeke.
o)
ebenso bitten andre für abgeschiedne seelen:
von êwen zuo den êwen
got gnâde ir aller sêle.
Ezzos gesang 1, 12;
(sie) bat got den guoten   sîner sêle phlegen.
Nibel. 1043, 3;
daʒ er im bitende wese
der sêle heiles hin ze gote.
d. arm. Heinrich 25;
got der muͤeʒe si sezzen dâ,
dâ ir sêle genâde habe.
krone 2447;
gott sei gnädig — deiner seele!
Müllner schuld 4, 10;
der allmechtig gott müesz ir selen pflegen immer und ewiglich. d. städtechron. 5, 138, 1; ein fremder drückt mir gleichgültig die augen zu, spricht höchstens: gott sey seiner armen seele gnädig. Leisewitz Jul. v. Tarent s. 112, 2 ndr. (5, 2); wer die glocke hört oder das todtenfeuer sieht, betet für die abgeschiedene seele. Vernaleken 312; formelhaft: mein heutig' wirtshausgehen wirf du mir nit vor, wo .. ich mich dort nur verhalten hab', um 'n vetter Vinzenz — gott tröst sein arme seel' — alle erdenkliche ehr' im tode nachzusagen. Anzengruber³ 4, 27. — der sterbende selbst bittet um solche fürbitte:
er sprach: 'ir reinen frouwen bitt,
daʒ got unser sêl enphâch.
Ottokar reimchr. 3423;
den schöpffer bittent für mich vast,
dasz er mein sel nem eyn zuͦ gast.
Herm. v. Sachsenheim Jesus als arzt 149;
sein letztes war: 'für meine seele betet!'
Uhland herzog Ernst 3.
p)
zu solcher fürbitte hat die kirche einen eigenen feiertag eingesetzt, der danach allerseelen(tag) heiszt: aller seelen - tag, feriae pro defunctorum manibus, dies omnium animarum. Frisch 2, 254ᵃ; an aller sele tag. auch aller glaubigen sele tag, s. Schm. 2, 257; schweizerisch z' aller sêle. Hunziker 238; dan er (papst Johannes 19.) bestetigt aller seelen tag, der neulich erfunden, ... und inn der aptei zu Cluny von Odilion erstlich eingesetzt was. Fischart bienenk. 218ᵃ; nach mündlichen erzählungen hat es sich in der nacht vor dem allerseelentag zugetragen, an welchem die kirche feierlich das gedächtnisz der abgeschiedenen seelen begeht. Grimm d. sagen 176; dies glocken-wehklagen hatte den tag aller seelen eingeläutet. Fontane kriegsgefangen s. 119; an aller seelentag. Birlinger volksth. 2, s. 210; vergl. auch: item das leiten aller globigen seelen amb samstag ist gestift gewest mit ablasz. s. 168.
q)
wirksamere mittel der fürsorge für die einzelne sind namentlich die seelmessen, vgl. daselbst und:
ic seit ooc in waren woorden, ...
wie daer der siele vers sanc
ende wie die siele lesse las.
Reinaert 448 f.
daneben auch andere stiftungen, vgl. seelgeräth, seelding, seelbad u. a.alle dieses wird von den verwandten, erben u. s. w. bezahlt:
umbe sîne sêle   wart manic tûsent marc gegeben.
Nibel. 1000, 4;
si teilteʒ sîner sêle,   ir vil lieben man.
1221, 3.
in diesem sinne sagt der sterbende vater zu Gregorius:
ich bevilhe dir die sêle mîn.
Greg. 259.
man sorgt auch selbst dafür im letzten willen:
ein man an sînem tôde lag,
vil guoter witzen er enphlag:
er schihte sîner sêle ding.
Boner edelst. 89, 3;
der man lît an dem tôde, und schaffet sîner kinde dinc und sîns wîbes und sîner sêle. Schwabensp. 141, § 1; aber auch ohne solche bestimmung des erblassers wird vom nachlasz ein theil für die seele bestimmt: ist der vater âne geschefede verfarn, daʒ er niht geschaffet hât von dem varenden gûte, man sol der sêle ir teil geben, und dâr nâch gelîche teilen under wîp und under kint. 8, 1 (vgl. d. glossar s. 307ᵃ). — dem allen entgegen steht die protestantische auffassung: dann mit zeitlichem gut könne man der seelen nicht helffen. Ayrer hist. proc. s. 685;
wer seine ding setzet allezeit zu gott,
seiner arme seel wird viel gut radt.
bergreihen s. 35 neudruck (16, 3).
r)
neben den behandelten ansichten über das schicksal der seele nach dem tode finden sich rohere und primitivere vorstellungen bis in die gegenwart hinein; so besonders, dasz die seele sich in der nàhe des leichnams oder des grabes aufhält: und bezeuget die öfftere erfahrung, wie unruhig der entleibten geister um ihre gräber zu schwärmen, der gottlosen gespenster ihre wohnungen zu beunruhigen, der frommen seelen die betrübten zu trösten mehrmahls bemüht sind. Lohenstein Arm. 1, 169ᵃ; meine seele schwebt über dem sarge! Stockmann Wertherinn s. 88;
und blutig sich der schatten hebt
am blut'gen märtyrer der scheibe,
wie neben dem gebannten leibe
die seele schwebt.
A. v. Droste-Hülshoff 1, 315;
ein riese sank danieder, und starb;
aber er blieb nicht todt: denn es kam ein geist und belebte
den todten wieder.   der richtet sich auf,
steht, und schauet umher mit feuerblicken.   die seele,
nun schatten, umirret ihn, bebet vor ihm.
Klopstock 2, 124;
vgl. noch: es kam ihnen in dieser stillen rührung oft mit erschrecken vor als wehe der klingende flug abgeschiedener seelen vorüber. J. Paul Titan 1, 187. — daher in der ältern litteratur die zahlreichen gespräche zwischen seele und leib (leichnam), s. z. b. Germ. 3, 396 ff. Bartsch erlösung s. 311 ff.
s)
ja die seele wird geradezu im grabe gedacht: bey nächtlicher fürsetzung weyrauchs, weines und brodts, in die gräber ..., wormit sie die der speise noch dürftige seelen zu laben vermeynet. Lohenstein Arm. 1, 347ᵃ;
banger seelen heere,
am scheideweg begraben und im meere,
man sieht ins wurmbenagte bett sie gehn.
Shakesp. sommernachtstraum 3, 2;
deines leisen fuszes lauf
weckt aus tagverschlosz'nen höhlen
traurig abgeschiedne seelen,
mich, und nächt'ge vögel auf.
Göthe 1, 52.
scherzhaft:
welch tödtender gestank hier, wo Lukrin begraben,
der unbarmherz'ge filz! — ich glaube gar, sie haben
des wuchrers seele mit begraben.
Lessing 1, 6.
vgl. auch:
schlummre sanft, du gute fromme seele,
bis auf ewig dieser schlummer flieht!
Hölty s. 61 Halm (eleg. auf ein landmädchen).
t)
abgeschiedne seelen können aber auch zu den lebenden in beziehungen treten; zunächst indem sie ihnen erscheinen, s. Fischart unter i: der musz es noch nicht wissen, wie eine bekümmerte, beängstigte seele den menschen zu nacht heimsucht. Stockmann Wertherinn s. 57. ferner: dasz ein priester sey gewesen, der seinen zuhörern hat wollen beweisen, dasz die seelen nach ihrem absterben wieder kämen. Hammer roseng. 195; namentlich können sie beschworen werden, vgl. indessen: seintemmal der mehrertheil diser seelen, welche die todten beschwerer vermeinen durch opffer herfür zuziehen, nichts anders dann teuffel seind. Fischart Bodin 93ᵇ. dagegen: abgeschiedene seelen und reine geister können zwar niemals unseren äuszeren sinnen gegenwärtig seyn, .. aber wohl auf den geist des menschen .. wirken. Kant 3, 74. — sie können aber auch den lebenden gutes oder böses zufügen, vgl. Lohenstein unter r: dasz kein schutz-geist, .. sondern vielmehr hertzog Friedebalds eigener geist oder seele Olorenen wohlgethan habe. Arm. 1, 169ᵃ; die alten steckten sonst vor jaren in diesem wohn, als übten die seelen der gemördten unabläszliche raach an den mördern, und liesen jhnen nimmer keine rhu nicht. Fischart Bodin 92ᵃ.
u)
daher werden die seelen auch angerufen: ir hêiligen sêla, ir dir durhtân birt in gotes minna, stûret mih mit iuuu gûoten biliden. Williram 31, 4; auch vernehmen die herrlichsten seelen, sie hätten gleich, nach des Plato meinung, ihren sitz bey den gestirnen, ... so wenig die ihnen zugeschickte anruffungen .. als in ihrer gewalt stünde den flehenden zu helffen. Lohenstein Arm. 1, 344ᶜ; diese anruffung der seelen wäre auch nur nach und nach, und aus einem miszbrauche dessen, was anfangs, zum blossen gedächtnüsse der todten und zum trost der überlebenden, angezielt worden, entsprungen. 347ᵃ. über wirklichen seelenkult vgl. E. H. Meyer myth. 69 ff. Golther myth. 90 ff.
v)
es ist zu beachten, dasz seele im gegensatz zu geist, auch wo es ein für sich existierendes gespenstisches oder dämonisches wesen bezeichnet, doch immer als der überlebende theil eines gestorbenen menschen gedacht, daher nicht auf die geister auszermenschlichen ursprungs, z. b. elementarwesen, angewandt wird. auch die unter t angezogene stelle aus Fischart erkennt diesen unterschied an, ebenso folgende aus Hertz bruder Rausch s. 91, wo ein 'feuermännlein', ein heruntergekommener ursprünglich deutsch-heidnischer naturgeist, sagt:
das wasser ging mir an die kehle:
da ward ich eine arme seele.
es ist das wohl ein saures brot,
doch nährt es seinen mann zur not.
(über irrlichter als verdammte seelen vgl. E. H. Meyer myth. s. 63.)
w)
in einem ganz andern, weniger materiellen sinne lebt die seele eines menschen in seinen werken fort, vgl. 9, f. 12, n: ich habe auch dabey die genüge und ruhe empfunden, welche man schöpft aus dem geheimen gespräch und gemeinschaft der groszen seelen, die seit hundert, ja tausend jahren mit uns reden. Hamann 1, 503; einige stille augenblicke habe ich angewendet im Rousseau zu lesen ... wie wunderbar ist es und angenehm die seele eines abgeschiednen und seine innerlichsten herzlichkeiten offen auf diesem oder ienem tische liegen zu finden. Göthe br. 6, 324 (an fr. v. Stein d. 9. juli 1784);
herrliche tempel, in euch, die der Urbiner gemalt,
schlich sich abscheuliches ein, die abscheuliche seele Loyola's.
Platen 140ᵃ.
21,
a)
die der fortdauer nach dem tode entsprechende vorstellung einer präexistenz der seele vor der geburt findet sich nur ganz vereinzelt angedeutet, vgl. eine ungeborne seel, anima non nata, humana creatura in potenza. Kramer dict. 2, 731ᵃ; gleichwohl aber gebe er willig nach, dasz die seelen der verstorbenen allerdings unsterblich wären, ob er zwar der Egyptier meinung dem buchstaben nach nicht beypflichtete, dasz die seele schon für dem leibe ein absonderes himmlisches wesen wäre, und durch den gestirnten krebs .. sich in den menschlichen leib herab lasse. Lohenstein Arm. 1, 169ᵇ;
got der schephet alle zît
niuwe sêl, dier giuʒet unde gît
in menschen, dâ si wirt verlorn.
Vridanc 16, 25;
wâ verdient diu sêle gotes zorn
ê si zer werlde wirt geborn?
17, 2;
seele der frucht im mutterleibe:
wer hat gesorgt, da deine seel
im anfang deiner tage
noch in der mutterleibeshöl
und finsterm kerker lage?
P. Gerhardt s. 220, 25 Gödeke.
(bildliches dieser art s. 23, e, α.)
b)
in gewissem sinne ist sie indessen enthalten in derbesonders bei den Indern ausgebildetenlehre von der seelenwanderung; diese hat zwar in den deutschen volksglauben keinen eingang gefunden, wird aber in der litteratur begreiflicherweise oft erwähnt (früher meist als pythagoreisch): dieser Pythagoras hat die unschätzbare perle, nemlich die lehre von der seelen unsterbligkeit in eine stinckende auster-schale versteckt, da er aus der seele eine vierfache sich selbst bewegende zahl gemacht, die lufft mit viel tausend umschwermenden seelen angefüllet, .. am allermeisten aber mit den albern Egyptiern die welt mit der wanderung der seelen in andere menschliche und viehische leiber bethöret hat; vorgebende: dasz nachdem die seele sich einmal aus dem gestirne in einen irrdischen leib herab gelassen hätte, müste sie durch allerhand andere leiber herum wandern ... also rühmte sich Pythagoras: seine seele wäre anfänglich in einem pfauen gewest, hernach in Euphorbus, von dar in Homerus .. gefahren. Lohenstein Arm. 1, 666ᵇ f.; denn die Benjanen (Inder) ... halten dafür, dasz die seelen und geister der verstorbenen menschen in den thieren, und sonderlich der klugen, in den meer-katzen wohnen. Mandelslo morgenl. reisebeschr. 45ᵃ; sie bekennen sich zu des Pythagoras lehre, und gläuben zwar, dasz die seelen der menschen unsterblich sind, müssen aber zuvor, ehe sie in jene welt angelangen, wol 3 oder viermahl in andere cörper der menschen, der thiere und gewürme wandern, und jegliche seele, nachdem der mensch alhie gelebet hat, ist er from gewesen, so geht seine seele in ein schaaf, taube, huhn oder dergleichen .. wann nun solch ein thier stirbet, so fähret die seele in ein anders und so fortan, bisz sie endlich erlöset, in die andere welt fähret, also werden nach ihrer meynung alle thiere von menschen-seelen bewohnet. 80ᵃ; sie sind .. in der stunde und minute geboren, als viele dolche, durch das verhängnisz geleitet, die grausame seele Schach Nadirs aus seinem riesenkörper in das enge baufällige behältnisz des ihrigen verwiesen. Thümmel reise 1, 122; Davoust, Daru, Caulaincourt u. s. w., in ihnen wohnen die seelen des Menelaos, des Odysseus, des Diomedes. Heine 3, 120 Elster;
wie Pythagoras ehemals leert,
wenn ein seel beym esel einkehrt,
so bekem er menschen verstand.
froschm. N 2ᵇ;
van gott des minschen seel
int lyff gegaten wert, als siner krafft ein deel,
sins wesendes en part.   desülve seel must wandern
so bald de minsche sterfft, van einem lyff thom andern:
ein kriegsman und soldat, wenn em de seel entföhr,
keem se woll in ein peerdt, edr in ein olde sör (sau) u. s. w.
Lauremberg schertzged. 1, 13—18.
22,
a)
das führt mit notwendigkeit dazu, auch thieren und pflanzen seele zuzuschreiben, vgl. besonders noch: ob sie nicht, wie Pythagoras, die wanderschafft der seelen in thiere und kräuter glaubten, welcher daher lieber in die hände seiner mörder verfallen, als in die wachsenden bohnen sich verstecken, und die darinnen ruhenden seelen hätte beunruhigen wollen? Lohenstein Arm. 1, 664ᵇ; warum aber die heiligsten unter ihnen (den Brahmanen) wegen der auch denen kräutern eingepflantzten seele ihnen ein gewissen machten, ein kraut mit seiner gantzen wurzel .. auszureissen. ebenda;
in summa, jede seel van levendigen deeren,
vernüfftig edder nicht, sick nemals kond verlehren,
sündern verwesselt würd.
Lauremberg schertzged. 1, 23.
b)
aber eine seele der pflanzen und thiere kennt auch die abendländische anschauung, der diese theorie fremd; doch wird dabei seele in einem andern, geringeren sinne genommen als bei menschen, s. 3: die seel in einem gewächs: lebende, webende seel, l'anima vegetante ò vegetativa d' una pianta. die seel in einem thier: empfindende ò fühlende, thierische seel, l'anima sentiente ò sensitiva, animale. it. spirito animale. Kramer dict. 2, 730ᵇ. doch findet sich seele von thieren in diesem sinne ohne weitern zusatz (animalische seele u. ähnl.) nicht leicht auszer in Luthers bibelübersetzung: und solt dem herrn heben .. von fünff hunderten eine seele beide an menschen, rindern, eseln und schafen. 4 Mos. 31, 28; und der ander engel gos aus seine schale ins meer ... und alle lebendige seele starb in dem meer. offenb. Joh. 16, 3; (im bilde:) du woltest nicht dem (raub-) thier geben die seele deiner dorteltauben. ps. 74, 19; wie solte sie (unsere seele) denn nicht tauerhaffter seyn, als die irrdische seele des viehes? Lohenstein Arm. 2, 544ᵃ.
c)
seele im vollen sinne legt dagegen die dichtung den thieren bei, indem sie sie vermenschlicht; zunächst in der fabel:
laet mi doch lesen een pater nooster
der hoenre sielen van den clooster
ende den gansen te ghenaden.
Reinaert 1738;
o wie erschrak des geisbocks seele.
Lichtwer 153 (fabeln 4, 26).
vgl. auch: als er (d. teufel) aber merkte, dasz er betrogen war und man ihm eine blosze wolfsseele geliefert hatte, erzürnte er .. zum andenken gosz man den wolf und seine seele, die dem tannenzapf ähnlich sein soll. Grimm d. sagen 187.
d)
aber auch sonst bei poetischer auffassung:
seiner kleinen Philomele
sang aus tiefer voller seele
ihr Aëdon noch sein lied.
Herder 29, 124 Suphan.
scherzhaft: die gute seele von nilpferd spuckt mich auf der stelle aus, wischt sich die thränen aus den augen. Immermann Münchh. 1, 12.
e)
ebenso bei pflanzen, vgl.:
der schule lehrer kennet des thiers um ihn,
kennt aller pflanzen seele.   der dichter weisz
so viel nicht; aber seiner rose
weibliche seele, des weines stärkre,
den jene kränzt, der flötenden nachtigall
erfindungsvolle seele, die seinen wein
mit ihm besingt, die kennt er besser,
als der erweis, der von folgen triefet.
Klopstock 1, 113;
des baumes seele dringt hervor in blüten.
Geibel 3, 11.
dagegen gilt für die nüchterne betrachtung: ein stock hat keine seel. Lehmann 182.
23)
aber noch weiter wird das reich der seelen ausgedehnt, indem auch leblose dinge hineingezogen werden, meist nur in dichterischer übertragung, vgl.: dem ding die seel geben, dar l'anima, la vita a qualche cosa; animarla v. beseelen. Kramer dict. 2, 731ᵇ. in gewissem sinne gehört schon 9, e. f hierher.
a)
der ganzen welt wird eine einzige seele zugeschrieben: dasz dem wesen nach nur eine eintzige seele in der welt wäre, und nichts minder die steine, kräuter und thiere, als den menschen begeisterte. Lohenstein Arm. 1, 664ᵇ. der pantheistischen weltbetrachtung gilt gott als solche: Brahma ... welchen euer Plato die seele der welt heiszt. 666ᵃ. aber auch: der menschliche verstand ist wie die grosze weltseele, ... belebend, ja selbst neuorganisirend dringt sie aus allen in alle körper. Herder 17, 212 Suphan (human. br. 42, weiteres s. unter weltseele). ähnlich auch: ob wir beseelte menschen nun zwar uns selbst, nicht weniger den grossen gott die seele aller seelen kennen. Lohenstein Arm. 2, 227ᵃ.
b)
seele der natur, zunächst das innere, der seele vergleichbare wesen derselben: daran .. erkenn' ich sie, die seele der natur, an diesem stillen feuer. Hölderlin 2, 118 Köstlin;
durch der begierde blinde fessel nur
an die erscheinungen gebunden,
entfloh ihm, ungenossen, unempfunden,
die schöne seele der natur.
Schiller 6, 268.
vielfach äuszerlicher gedacht:
dasz des feuers wahres wesen
ofne bildung und figur
sey die seele der natur.
Brockes 1, 286.
ähnlich wird die sonne oft die seele der erde genannt:
des himmels zier, der erden seel' und geist,
die sonn', aus der des lichts und lebens flut,
als einer nie versieg'nen quelle, fleuszt.
148;
licht ist unsers lebens-öle,
und sein freuden-voller schein
scheint vielmehr der erden seele,
als was cörperlichs, zu seyn.
268;
willkommen, güld'nes morgen-licht,
o sonne, seele dieser erden!
392.
vgl. noch:
denn seine wonnelieder sind sie! blumen
der ersten frühlingsseele! sind sie bräute
der morgenröthephantasie.
Herder 29, 347 Suphan ('zu einer sammlung Klopstockscher oden').
c)
aber auch den einzelnen dingen wird seele beigelegt: und schrank und ofen leben, denn ein mensch hat ihnen einen teil seiner seele eingeflöszt. H. Heine 3, 32 Elster; an den alten holunder .. denkt sie nicht; und wenn sie an ihn dächte, er hat andre leiden und freuden, und sie musz ihm erst die seele leihen; seine seele ist ihr eigen mitleid und ihre eigne mitfreude mit sich selbst. Ludwig 2, 257. meist beruhen solche ausdrücke auf einem vergleiche:
und der schwankende seemann steht am steuer
und schaut beständig nach der bussole,
der zitternden seele des schiffes.
H. Heine 1, 181;
die seele der taschenuhren, die stahlfeder. Lichtenberg (1802) 4, 527; das meerweib sasz seit dem mondaufgang auf ihrem steine, .. und sang dazu leise vor sich hin, dasz die wellen von weither herzugewallt kamen und einen ringelreihen um sie herumtanzten, wobei sie ihre schaumseelen vor vergnügen in die luft spien und wechselweise wieder einschluckten. Ric. Huch teufeleien 148.
d)
abgeblaszter, die quintessenz von etwas, so von concretem nur bei ältern dichtern:
denn disz pulver ist nicht gemein,
es ist der philosophen stein,
die oberst seel aller metallen.
froschm. M 8ᵃ;
wie man die form und farb vom golde
fein meysterlich abscheiden solte,
das ein schneeweisses silber bleibe,
als die seel abscheidet vom leibe.
und wenn man denn des goldes seel
einem andern metall befehl,
das ausz demselben werden solt
auch also bald pur lauter gold.
N 2ᵇ.
sogar, das beste für etwas:
bring zucker und kanehl,
succat und ingwer auch, desz schwachen magens seel'.
Fleming 38.
e)
häufiger von abstracten; so zunächst von kunstwerken und ähnlichem.
α)
seele eines liedes, indem dies in kühner personification als lebendes wesen gedacht wird:
wenn schon die seelen werdender lieder mir
das haupt umschweben, eh' das nachahmende
gewand der sprache sie umflieszet.
Stolberg 1, 12.
in demselben sinne liederseelen C. F. Meyer ged. s. 6 (überschr.). so auch in folgender stelle, wo die anwendung dieser personification noch ungewöhnlicher ausgedehnt ist:
ach, die seelen der abende,
die wir brüder verkost, werden oft vor mir stehn,
schön und lächelnd wie seraphim,
und die seelen des sangs, welcher dem harfengriff
meiner lieben entstürmete.
Hölty 92 Halm.
(hier könnte man seele, von 21 aus übertragen, etwa mit 'erinnerungsbild' umschreiben.) dieselbe übertragung auch in folgender stelle:
ich kann sie nicht vergessen,
die hingeschiednen seelen
der küsse, nicht zu zählen,
umathmen alle mich.
Klamer Schmidt bei Gödeke elf bücher 1, 639.
ferner (von 18, h) übertragen:
hundert farben
kleiden schöner die braut an,
Edens wohnerin, blumenseele.
Herder 29, 351 Suphan ('Klopstocks lyrischen poesie').
β)
dagegen wird das kunstwerk als unbelebt, der seele entbehrend, vorgestellt:
malet keine todten bilder, ...
denn am tage des gerichtes
werden sie vor euch hin treten,
leben fordernd, seel' und geist.
Grillparzer⁴ 1, 65.
γ)
seine seele im gewöhnlichen sinne erhält das kunstwerk nach der allgemeinen anschauung vom künstler, s. 9, e. aber auch vom modell:
ach, ich kenne malerhände,
die beleben ihr gemälde
schöpferisch mit wahrem leben;
doch die seele, die sie geben,
ward dem urbild erst geraubt.
ebenda (unm. anschlieszend).
δ)
ähnlich seele der gedichte von einem menschen, der ihr gegenstand, und zugleich die treibende kraft, die quelle der poetischen begeisterung ist: seit den sechs monaten, dasz ich von ihr getrennt bin, ist sie mein einziger gedanke — sie ist der inhalt, die seele meiner gedichte. Schiller parasit 1, 1. abgeblaszter vom inhalte:
anmut'ge märchen wunderbaren klanges,
naive weisen dir vom munde quellen,
drin liebe sich und spott und witz gesellen;
— das sind die seelen deines zaubersanges.
Leuthold ged.⁴ 182 (auf Heine).
ε)
seele eines liedes: die unverwüstliche seele des liedes und die frische stimme .. bewirkten das gegenteil eines lächerlichen eindruckes. Keller 7, 327.
ζ)
ähnlich auch: die seel eines sinnbilds, l'anima dell' impresa (divisa) cioè il motto, it la divisa. lat. lemma v. obwort. Kramer dict. 2, 731ᵇ (sonst nicht bekannt).
f)
auch sonst in mannigfacher übertragung im ausgeführtern vergleiche: jede (biblische) geschichte trägt das ebenbild des menschen, einen leib, der erde und asche und nichtig ist, den sinnlichen buchstaben; aber auch eine seele, den hauch gottes, das leben und das licht, das im dunkeln scheint. Hamann 1, 50; so hängt unsere zeit mit der ewigkeit zusammen, dasz man sie nicht trennen kann, ohne beyden das licht ihres lebens auszublasen. ihre verbindung ist die seele des menschlichen lebens, so ungleich sie auch ihrer natur nach sind, wie die verbindung der seele mit dem leibe das zeitliche leben ausmacht. 81. — häufig ist im 17. und 18. jh. eine abgegriffene bedeutung, wo seele für 'die hauptsache, der wesentlichste bestandtheil, mittel, bedingung von etwas' u. ähnl. steht: seel, figürlich für das vornehmste bey einigen dingen, anima. der vocal ist die seel des consonanten, vocalis est anima consonantis. Frisch 2, 254ᵃ; die liebe gottes ist die seele aller wahren tugenden und gaben, l'amor di Dio (la Caritá) è l'anima ò la forma di tutte le vere virtù e doni. die musik ist die seel eines gastmals und anderer frölichkeit, la musica è l'anima, la vita d'un convitto. das gesang ist die seel eines reimgedichts. Kramer dict. 2, 732ᵇ; ihr (der satire) vornemstes aber und gleichsam als die seele ist, die harte verweisung der laster und anmahnung zue der tugend. Opitz poet. s. 23 neudruck; weil .. das epigramma eine kurtze satyra ist: denn die kürtze ist seine eigenschafft, und die spitzfindigkeit gleichsam seine seele und gestallt. ebenda; die Saphischen gesänge belangendt, bin ich des Ronsardts meinung, das sie .. nimmermehr können angeneme sein, wann sie nicht mit lebendigen stimmen und in musicalische instrumente eingesungen werden, welche das leben und die seele der poeterey sind. 48; doch ich musz die sache in seiner ordnung erzählen: diesz ist die seele der erzählung. C. F. Weisze lustspiele 3, 309; denke dir noch hinzu, was die seele der schönheit ist, den ausdruck der zerlegten einbildungskraft. Wieland 30, 445; die begierde ihnen gutes zu thun, welche die seele aller meiner handlungen und entwürfe gewesen war, hatte aufgehört. 2, 152 (Agathon 8, 5); die seele aller pflichten, die achtung gegen die gattung. Schiller Thalia 11, 48; die seele des christenthums, seine herzbesserende kraft blieb mir unbekannt. Schubart ges. schr. 1, 26. sogar von concreten toten dingen wird gesagt, dasz sie die seele von etwas sind: das geld ist die seel im regiment, pecunia est nervus rerum gerendarum. Frisch 2, 254ᵃ; stroh füllet die dungstätte und füttert das vieh. stroh ist die seele der wirthschaft. Westenrieder beitr. 1, 197.
g)
so auch: die lebens-geister, die gleichsam die seele der sinnen, und der zweyte anfang des lebens sind. Lohenstein Armin. 1, 326ᵇ; sie (die seele) begreiffet den himmel und die erde mit ihrem verstande, welcher die seele der seele, wie der augapffel das auge des auges ist. 2, 543ᵇ.
h)
sehr oft sagt man von einem menschen, dasz er die seele von etwas ist, z. b. von einem werke, das er lenkt und in gang bringt, wobei er die treibende kraft und der richtungangebende geist ist: man fühlte bald, dasz Serlo die seele des ganzen war. Göthe 19, 84. — wiewohl man den keinen schwärmer nennen kann, der so künstliche maschinen mit so viel klugheit und mit feinen handgriffen zu ausführung eines werks, wovon er selbst die seele ist, zu verbinden weisz. Wieland 28, 133 (Peregr. Prot. 8);
er ist die seele jeder kühnen that
Körner Rosamunde 2, 1;
drin liegt des werkes seel, der müller tot,
drausz klappt indes die mühl mechanisch fort.
Ludwig 4, 220 (engel von Augsb. 3, 1);
die seele des geschäftes war aber die frau und von ihr aus gingen alle befehle und anordnungen. Keller 1, 59; nd. hê is de sêl fan't geschäft. ten Doornkaat Koolman 3, 171ᵇ. so im einzelnen: derjenige, der die seele aller dieser schändlichen anschläge war. Wieland 8, 426 (Danischm. 47); das war der graf Schlottheim, die eigentliche seele des auszugs (der Göttinger studenten im j. 1790). Oppermann hundert jahre 2, 7; dies .. ziel ist uns mit dem groszen todten (Gustav Adolf) entrückt und der seiner seele beraubte krieg entartet zur reiszenden bestie. C. F. Meyer J. Jenatsch¹⁰ 129; hielt sich herr Thomas (Becket) abseits vom königlichen angesichte im frieden seiner bischöflichen wohnung, so zürnte und klagte herr Heinrich um so herzzerreiszender, dasz sein vertrautester, früher die seele seiner rathschläge, .. sein herz verrathe. d. heilige⁶ 158. — seele eines kreises: derjenige, der bisher die seele der partey gewesen war. Wieland 7, 203 (der goldne spiegel 2, 9); (Ligarius zu Brutus:)
seele Roms!
du wackrer sohn, aus edlem blut entsprossen!
Shakesp. Julius Cäsar 2, 1;
unsre kleine gesellschaft, oder doch wenigstens die damen, welche die seele davon ausmachten, fanden den spaziergang so angenehm. Wieland 11, 135 (don Sylvio 2, 6); (es gebrach nicht) an schöner, anmuthiger jugend von beiden geschlechtern, die die eigentliche seele reizender feste ausmachen. Novalis 2, 37 Meiszner (Heinrich v. Ofterd. 1, 3). — wenn man sie an den schönen festen ... erblickte, wie sie den wettgesängen der begeisterten sänger mit tiefem lauschen zuhörte und erröthend einen duftenden kranz auf die locken des glücklichen drückte, dessen lied den preis gewonnen hatte: so hielt man sie für die sichtbare seele dieser herrlichen kunst, die jene zaubersprüche beschworen hätten. 39.
i)
in ähnlichem sinne die seele von jemand:
der höchste rang, im schoosz des gröszten königs sitzen,
des fürsten seele seyn und königreiche stützen.
Göttinger musenalm. 1770, 129.
in anderm sinne nennt der liebende den geliebten seine seele, s. 12, c. noch anders:
liebster nach dem liebsten du,
o du meiner freunde seele.
Fleming 327
(an H. Martin Christenien).
k)
endlich, etwas ist jemandes seele, sein höchstes verlangen, sein ein und alles, seine hauptsächliche oder lieblingsbeschäftigung (wie sonst auch sein leben): das spielen, das jagen, das bulen etc. ist seine seel, il guocare, il cacciare, l'amoreggiare (donneare) è l'anima sua. Kramer dict. 2, 732ᵇ;
und trotz ist, widerspruch die seele mir!
H. v. Kleist Penthesilea 1, 5.
24)
während in den behandelten fällen meist freie übertragungen vorliegen, wobei man sich der eigentlichen bedeutung bewuszt bleibt, wird seele in volksthümlicher sprechweise auch von dem innern concreten gegenstande gesagt: seel, anima, met. mezo, midolla; centro etc. Kramer diction. 2, 731ᵇ. so namentlich in einigen festen gebrauchsweisen.
a)
seele des herings, vergl. heringsseele theil 4, 2, 1107: herings-seel, anima cioè vescica d'arenga. Kramer dict. 2, 731ᵇ; seel, für das inwendige einiger dinge, als: vulg. heringsseele, vesica ad dorsum halecis, aere vacua et argentei coloris. Frisch 2, 254ᵃ; so häufig in mundarten, vergl. Hügel 148ᵃ. Albrecht 211ᵃ (rückenmark der heringe). Frischbier 2, 335ᵃ. Danneil 191ᵃ: recipe heringsz selen abgedortt zu pulver. quelle bei Schm. 2, 256; dann in den mehristen orthen des Teutschlands pflegen die gemeine leute zur fasten - zeit die blasen von dem häring, welche sie die seel nennen, ober dem tisch in die höhe zu werffen. Abraham Judas 3, 264; vgl. auch: do hat in sein beichtvater zu ainer buss und rew über seine sünde vermanet, damit er seiner armen seelen rath thue. darauf hat er den priester befragt, ob er denn ein selen hab. hat der priester ja gesagt. spricht der gotlos man: 'hab ich dann ain seel, so hab ichs an ainem hering gefressen'. Zimm. chr.² 4, 305, 15—20. — nach Schambach 189ᵇ 'schwimmblase der fische' überhaupt; aerea s. natatoria vesica Nemnich.in Tirol sagt man hâringsseel für eine dünne, schwächliche person Schöpf 245.
b)
federseele, vgl. th. 3, 1406: hilum, -us ... hd. feder-, fedder-, feddern-, nd. vedernsele, keilzele, ... sele peyne (= penne), leicht, licht vel ring ding das da in der federn ist. Dief. gloss. 277ᵇ, abilon ('aus ilus?') sele in einer feder. 3ᵃ (voc. v. 1482), medulla penne, vgl. nov. gl. 205ᵇ; seel im federkiel, anima cioè midolla del cannone di penna. Kramer dict. 2, 731ᵇ; medulla calami. Stieler 1991; das innere wesen in einer feder, quibusdam dieb, medulla penne. Steinbach 2, 576; die seele im feder-kiel, interiora pennae, sive calami scriptorii. Frisch 2, 254ᵃ; die eingetrocknete haut der blutgefäsze in einem federkiel. mundartl. Hunziker 238. Hügel 148ᵃ, tirol. söele, lockere masse in den gänsekielen. Hintner 214, nd. sêl innere haut des gänsekiels. Danneil 191ᵃ. Schambach 189ᵇ, mark der feder Woeste 235ᵃ; daher in einem rätsel (von der feder):
sêl unt lîp sô hât daʒ wunder beide.
Reinmar v. Zweter 188, 8 Roethe.
wortspielend mit seele im gewöhnlichen sinne auch in folgender stelle: nun helfft mir bitten für die lieben seelen, die da verschieden seynd ausz den federkielen. Svarmus spurca loqu. 6.
c)
seel im knopf, der model, anima cioè il legno del bottone di seta. Kramer dict. 2, 731ᵇ. ähnlich in vielen oberd. mundarten vom kern eines knäuels; ein zusammengerolltes stück papier, oder ein stück holz, worüber das garn gewickelt wird. häufig in der zusammensetzung fadenseele (schweiz. fadăsêl), s. Stalder 2, 367. Tobler 173ᵇ f. Bühler Davos 2, 35. Hunziker 238. Schm. 2, 256. Schöpf 668.
d)
so auch der kern eines seils. Hunziker 238; die schnur am rosenkranze, worauf die kügelchen gereiht sind. Stalder 2, 367.
e)
seel, ein dünnes eisen innen an dem schützen bey den tuchmachern, woran die spule gesteckt wird. Frisch 2, 254ᵃ; spindel der kleinen spule, worauf das einschlaggarn zum tuch gewickelt ist, und die in die schütze gesteckt wird. Jacobsson 4, 117ᵃ, vgl. auch Brosemius technol. (Lz. 1806) 167.
f)
eisen oder hölzchen mit einem loch für den bratspiesz, das in ein stück geflügel gesteckt wird. Schm. 2, 256.
g)
eine nicht völlig durchgebackene mehlspeise hat noch eine teigartige sêl, ist sêlig. ebenda.
h)
in Davos schwînsêl, schmeerlager um die nieren des schweines, s. schweinseele, sp. 2453.
i)
ostfries. für den birnenkern: peren sünder sêlen, birnen ohne kern, auch kurz sündersêltjes, nd. zonderzieltjes. ten Doornkaat Koolman 3, 171ᵇ.
k)
bei den bildhauern die erste, im groben entworfene form von stuckfiguren, ehe sie mit gips bedeckt werden. Jacobsson 4, 117ᵃ.
l)
seele bezeichnet auch einen hohlraum im innern eines gegenstandes, so besonders
α)
in der artillerie die höhlung eines groben geschützes. Jacobsson a. a. o. Eggers 2, 877; seel im stück, l'anima cioè il cavo del cannone. Kramer dict. 2, 731ᵇ; die seele oder der lauf der kanone, engl. the bore or caliber. Bobrik 371ᵃ, vgl. 367ᵃ. Kehrein weidmannsspr. 270, ostfries. de sêle fan 'n kanone. ten Doornkaat Koolman 3, 172ᵃ.
β)
seele der rackete, ame de la fusée, die kegelförmige öffnung in dem satze einer rakete. Eggers a. a. o. Jacobsson a. a. o.
γ)
ostfries. auch de sêle fan de flesse, die höhlung im fusze einer (wein-) flasche. Stürenb. 243ᵃ. ten Doornkaat Koolman 3, 171. (ebenso nl. ziel in een flesch.)
25)
weniger deutlich ist der ursprung anderer gebrauchsweisen.
a)
in verschiedenem sinne wird seele in der bäckerei gesagt (vgl. auch 24, g).
α)
eine art weiszbrot, das in Schwaben nur an allerseelen gebacken wird, auch seelweck, -zopf (seele wol daraus verkürzt). Schmid 491. Birlinger wörterb. z. volksthüml. 84; an allerheiligen und allerseelen geben in der Rottenburger gegend .. die dotte und der dötte ihren dotten- und döttiskindern sae ̃lə (seelen), eine länglichte, oben und unten zugespizte art mitteldicke kuchen mit eiergelb bestrichen. Birlinger volksth. 2, s. 167; item an aller seelentag pflegen die nobiles in körblin oder zainlin mütschelin oder brotlaiblin (welche man ausz alter gewonhait seelen nennet) auf den fronaltar hieoben in der statkirchen zu stellen. 210 (Mühlheimer pfarrurbar v. 1610).
β)
unklar ist der sinn in folgender stelle: die peken mugen pachn pretzn von nachmel oder von staub umb j dn., und die sullen dhain sel haben. sy sullen oben einen slechten pogen haben an der sel stat. Münchner bäckerordn. bei Schm. 2, 256 (der es mit 24, f zusammenstellt).
γ)
hierher gehört auch die häufige sprichwörtliche redensart der becker hat seine seel ins brod gebacken, il fornaro hà rinchiuso l'anima sua nel pane (dice si quando vi sono caverne nel pane). Kramer diction. 2, 731ᵃ; phrasis de pane spongioso, cum interior pars et medulla panis nimis porosa et tumescens est. Stieler 1991; sonsten kähme der becker auch damit fort, der das liebe brot auffblehen lässet mit seinen hefen etc. damit es, dem augenscheine nach, denen unwissenden und leichtgläubigen grosser scheine; da er hingegen seine erlogene schelmische seele (wie man sagt,) hineingebacken hat. M. J. Praetorius d. abentheuerl. glücks-topf (1669) s. 282; nd. de bekker hett sin seel in 't brod bakt. Schütze 4, 89. es werden also die mit luft gefüllten löcher im brote als dessen seele gedacht (vgl. 24, l), zugleich aber angedeutet, dasz der bäcker durch diese unehrlichkeit seine seele aufs spiel setzt (10, g).
b)
seele vereinzelt für mittlere theile der bekleidung. so
α)
specie di sottoveste da donna sopra la camiscia. Kramer dict. 2, 731ᵇ.
β)
luxemb. sél, gelenkstück, stück leder am schuh, das zwischen sohle und brandsohle gesteckt wird, le cambrillon, la langue. Gangler 413 (wol nach dem nl. ziel in een schoen, mittelsohle).
c)
stimmhölzchen in geigen (l'âme) ebenda.
d)
die seel in rueben, nervi, filamenta, crines. voc. v. 1618 bei Schm. 2, 256; seele der rüben, rapi filamenta, nervi, crines. Stieler 1609.
26)
manche thiere werden wegen ihrer leichtigkeit und beweglichkeit seelen genannt.
a)
name des lauben oder weiszfisches, cyprinus leuciscus, wenn er noch klein ist, in der Schweiz. Nemnich. Campe. Oken 6, 308; der felchen, fölchen, falche im Bodensee im ersten jahre. 361. Siebold süszwasserf. 245. Schmid 491; seel, kleine lauck oder ein stüb oder gangfisch imm ersten jar. Gesner de pisc. 208; seel, stüb und gang-fisch, ist einerley fisch, ändern aber den nahmen nach den jahren. im ersten jahr werdens genannt seelen, im andern jahr stüben. Hohberg 3, 2, 307ᵃ; er (d. blaufölchen, salmo lavaretus) heiszt im ersten jahr heuerling, seelen, mydel (mittelfisch); im zweyten stüben u. s. w. Oken 6, 361; wir habent von vil weidelúten ... vernomen, daʒ zemale schedlichen sye, daʒ man allerleye junge vische, die man nennet selen, und ungeminte vische (die noch nicht gelaicht haben) vohen soll, do durch die vische und daʒ weidewerck vast abegat ... wa man dann vogel oder vische, die man nennet selen oder ungemynnete vische fúnde. schreiben des raths zu Straszb. an d. gemeinde Rust im amt Ottenheim vom 27. febr. 1434, in Mones zschr. 4, 78. — vgl. auch: meerseele (ein fisch) apua vel aphya vera. meerseelchen (ein fischchen), encrasilochus. Steinbach 2, 576. (fernzuhalten ist nat. seel, seehund, robbe, s. daselbst.)
b)
eine so grosse menge mücken, eine arth von den Pyraustis oder fewermücken, die umbs licht fliegen und sich selbst zuverbrennen pflegen ... die einwohner nenneten sie die russische seelen. Olearius pers. reisebeschr. 9ᵃ.
c)
schneidersêl, dämmerungsvogel, sphynx, vgl. sp. 1276, so in Tirol (im Zillerthal). Schöpf 668. Schm. 2, 256.
d)
aber auch für einen schwachen, hagern menschen. Schöpf a. a. o. vgl. heringsseele, 24, a, zu ende.
27)
in manchen fällen scheint seel(e) infolge mundartlicher aussprache für ein anderes lautlich nahestehendes wort einzutreten, so
a)
für seil (vgl. daselbst)?:
denn, ausser flegeln und den forken, das korn zu anfangs anzulegen,
und dasz, wenn zweymal zugedroschen, die seel' sie abzureissen
pflegen;
wird es mit gaffeln umgekehrt.
Brockes 7, 535.
wortspielend mit seele im gewöhnlichen sinne ist arme seele für 'strick'. die seiler thäten ohne das auf den wochenmärkten derley arme seelen verkauffen. Abele 2, 302.
b)
nd. findet sich sêl für sâl, m. (saal), s. Schiller-Lübben 4, 178; diese form dringt auf nd. boden auch zuweilen in die schriftsprache ein: wofern aber die verbrechere auf vorgegangene gewöhnliche botte nicht gehorsamen wollen, als dann (können die ämter sie) mit urthel und recht auf den seel für alle ämpter .. bringen. Emminghaus 325 (Soestische policey-ordn. v. 1650, art. add. II, 4); und will der rath nach der überwindung dieselbe wieder an den seel und von dannen an das ampt, dagegen sie gehandelt, zur abtracht weisen. 326.
28)
zahllos sind die zusammensetzungen von seele. sie geben zu einigen allgemeinen bemerkungen anlasz.
a)
über die form vgl. I, 3. die älteste bildung mit seele- ist im nhd. sehr selten und begegnet besonders in zusammensetzung mit participien, s. seeledurchwebt, -mäszig, -vergiftend, -zerschneidend, auszerdem vereinzelte nebenformen zu bildungen mit seelen, s. seelenbewahrer, -register, -verkäufer, -voll, -wärter.
b)
auch die zusammensetzungen mit seel- treten im nhd. immer mehr zurück. die hauptmasse bilden wörter, die im geistlichen sprachgebrauche des mittelalters geprägt sind und im nhd. gewissermaszen als termini technici fortleben. viele von ihnen treten in der neuern sprache zurück oder bilden nebenformen mit seelen-. hierher gehören: seelbad, -buch, -ding, -feger, -frau, -geräth, -glocke, -haus, -hof, -knecht, -lehen, -lösung, -messe, -napf, -nonne, -pfennig, -recht, -schenkengelage, -schürger, -sorge, -spende, -träger, -versorger, -vesper, -wartung und ableitungen dazu. zuweilen steht seel- vor vokalischem anlaut, so in seeleigen und besonders vor den verbalpräfixen ent-, er-, s. seelenthüllung, -entzückend, -ergötzend, -ergründend, -ermördernd, -erstorben; indesz gehören nur zwei von ihnen der neuern sprache (18.—19. jh.) an (seelenthüllung, seelerstorben) und selbst vor ent- ist seelen- durchaus das gewöhnliche. seeleigen und seelhaft sind nachbildungen zu leibeigen, -haft. auszerdem finden sich in älterer sprache seelgewinnend, -raubend, -rührend, -sack, -tyrann, -verloren, -wechselig u. a., in neuerer nur seelgewimmel, -kundig. — seelhund gehört von haus aus gar nicht hierher.
c)
sehr oft stehen im nhd. formen mit seel- und seelen- neben einander, fast immer so vertheilt, dasz seel- älter als seelen- ist, s. seel(en)arznei, -arzt, -dieb, -erquickend, -führer, -garten, -geliebt, -geräth, -gespräch, -haft, -haus, -heil, -hirt, -hund, -jäger, -krank, -messe, -mörder, -netz, -räuber, -sack, -sorge, -strick, -wärter, -wecken, -würger. sie sind im folgenden meist getrennt behandelt (mit verweisen). zuweilen tritt ein bedeutungsunterschied hinzu, s. seelamt, -bad, -brod, -gut, -knecht, -los (2), -mann, -schwester, -weib, -wein und die entsprechenden bildungen mit seelen-. jene gehören immer dem geistlichen sprachschatze an (vgl. b), diese zuweilen der unter f characterisierten klasse. bei einigen wörtern stehen alle drei formen neben einander, so seel-, seele-, seelen-verkäufer, -voll, -wärter.
d)
bei einigen wörtern (aus der unter e behandelten klasse) finden sich neuerdings auch formen mit seelens-, so bei seelenfroh, -gut, -vergnügt. hier haben wol die gleichbedeutenden parallelbildungen mit herzens- eingewirkt.
e)
der bedeutung nach zeigen die composita von seele die gewöhnlichen arten der zusammensetzung zugleich mit den verschiedenen bedeutungen von seele (besonders zu II, 8. 10. 12. 20). sie lassen sich durch den subjektiven oder objektiven genetiv auflösen, bezeichnen das, was aus der seele kommt, sich auf die seele bezieht u. a. andre zeigen seltnere bedeutungscombinationen, s. z. b. seelenanblick, seelenauge 2. hier sind besonders zwei klassen herauszuheben. zunächst steht seelen- gern vor ausdrücken für ein gefühl, nicht, um ein seelisches gefühl von einer rein körperlichen empfindung zu scheiden (wie bei seelenleid, -schmerz), sondern um einen hohen grad des gefühls zu bezeichnen, s. seelenangst, -bange, -freude, -froh, -gaudium, -glücklich, -heiter, -hold, -jammer, -jubel, -kummer, -liebe, -treu, -vergnügt, -vertraut. sonst steht verstärkendes seelen- nur in (mutter-) seelen allein, vgl. daselbst und Frommann 5, 21. 25. die form ist immer seelen- (bez. seelens-, s. d).
f)
endlich werden in neuerer zeit mit seelen- (immer in dieser form) gern kosewörter und zärtlichkeitsausdrücke gebildet, vgl. seele II, 5, f. 12, e. seele wird hier also genau so verwendet wie auch herz, und seelenfreund bezeichnet nur einen besonders lieben freund. hierher gehören seelenbruder, -freund, -geliebter, -junge, -kind (1), -mann, -schwester, -weib. manche erscheinen daneben in andrer verwendung; so bedeutet seelenschwester in den mitgetheilten belegen eine, die nur der seele, nicht aber dem blute nach mit jemandem nahe verwandt ist, und dasselbe ist bei den andern verwandtschaftsnamen möglich. als kosewort werden auch seelengesicht, seelenherzchen gebraucht. sogar eigennamen können mit seelen- zu einer koseform zusammengesetzt werden: so ofte hab' ich auf meinen bloszen knieen vor gott gelegen und für mein selen-Gustelchen um einen mann nach meinem herzen geflehet. d. erzähler des 18. jahrh. 107, 9 Fürst.ähnlich sind auch seelenmädchen und seelenmensch 2, wo seelen- nicht zum ausdruck der empfindung des redenden, sondern zur characteristik dient, vgl. dazu seele II, 18, q.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1899), Bd. IX (1899), Sp. 2851, Z. 5.

selle, f.

selle, f.,
schweiz. schwelle, wagerechter grundbalken eines aufbaus, eines hauses, einer thür. Stalder 2, 370. Hunziker 239, sell, f. Tobler 421ᵃ, wol etymologisch mit schwelle zusammenhängend, s. dies oben theil 9, 2487. besonders zu beachten ist die dort angeführte gleichlautende mittelengl. form: es war den siebenundzwanzigsten märz, da die selle zu meiner hütte gelegt wurde. Bräker 126 Bülow (Reclam). auch für schwelle im sinne von damm, wehr begegnet schweiz. in älterer sprache selle. s. oben theil 9, 2492.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 538, Z. 6.

selle, subst.

selle, subst.
ein fischnetz, 'stäckhamen', aus einem flachen sack von netzwerk bestehend. Jacobsson 7, 335ᵇ. 419ᵃ. vgl. nd. sele, netz Schiller - Lübben 4, 179ᵇ. wol mit seil zusammenhängend. vgl. oben sell als nebenform zu diesem.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 538, Z. 15.

selle, f.

selle, f.
salweide, nebenform zu sale, vgl. dies oben theil 8, 1696: was sonsten in der römisch catholisch kirchen für aberglauben umb des palm esels fehl willen geschieht, da sie salweyden oder sellen beschweren oder wyhen. anmut. weisheit 362.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 538, Z. 19.

selle, m.

selle, m.
für geselle, das in einigen mhd. handschriften überliefert ist, doch, besonders für das oberd., weit weniger sicher steht, als es nach den ausgaben scheint (vgl. W. Grimm kleinere schriften 4, 60. Lachmann zu Iwein 2704. Bech Germ. 17, 44), ist in neuerer zeit nur für das nd. bezeugt. brem. wb. 4, 749 (als veraltet bezeichnet). Dähnert 421. Frommanns zeitschrift 5, 136ᵃ. vgl. sellen, gesellen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 538, Z. 24.

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Zitationshilfe
„selle“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/selle>.

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