seltsam adj
Fundstelle: Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 547, Z. 50
insolitus, abnormis.
I.
formales. umbildung aus mhd. seltsæne, ahd. seltsâni im anschlusz an die wirklich mit -sam zusammengesetzten adjectiva wie arbeitsam, ehrsam, heilsam, mühsam u. s. f. der erste theil des worts ist derselbe stamm, wie er in got. sildaleiks mit seinen entsprechungen und selten vorliegt (s. das letztere); der zweite ist ein zu sehen gehöriges verbaladjectiv vorgerm. *sēkní, germ. *sêni, das in ahd. unsâni, deformis selbständig auftritt. Franck anz. f. d. alterth. 13. 216 anm. eine nebenform dieses verbaladjectivs mit kurzem stammvocal, die germ. zu siuni wird, liegt vor in got. anasiuns, sichtbar, mnd. sûne, ersichtlich, mnld. siene, ansehnlich, schön, stattlich, günstig und in mndl. selsiene aus seltsiene. ebenda. nndl. tritt dafür das dem nhd. seltsam entsprechende zeldzaam ein. derselbe etym. woordenb. 1201. altnord. sjald-sénn Cleasby-Vigfusson 533ᵃ ist nicht mit diesem verbaladjectiv, sondern mit dem part. prät. von sjá, sehen gebildet, also nur entfernter mit mhd. seltsæne. mndl selsiene verwandt. schwed. sällsam, dän. selsom sind lehnwörter aus dem deutschen. das alts. bietet keine dem ahd. seltsâni entsprechende form. erst mnd. erscheint seltzen, seltsen, selsen, seltsam, selsem. Schiller - Lübben 4, 185ᵃ, nnd. ebenso selzen Klein 2, 153 (Duderstadt), seldsen, selsen brem. wb. 4, 746, seldsam ten Doornkaat Koolman 3, 171ᵇ. auch in älteren hochd. schriftquellen und in heutigen hochd. mundarten erscheint das wort in manchen leicht abweichenden formen, die sich jedoch wie im nd. alle mit ziemlicher sicherheit auf die beiden hauptformen seltsæne und seltsam zurückführen lassen. sæltsæin Leyser pred. 13, 21 (die stelle s. unter 2), seltsein Megenberg 269, 23 (s. 1) ist wol als falsche analogiebildung nach lancsein(e) (s. dies oben theil 6, 179 unter langsam) aufzufassen, der seltsæne zu grunde liegt. daneben erscheint auch seltseim bei demselben 439, 31 (s. 1), dem lancseim(e) (s. dies oben a. a. o., Megenberg schreibt allerdings lanksaim 245, 3) entspricht. dieser form steht seltsam nahe, das auszerdem bei ihm vorkommt. 35, 10 (s. 4). die form seltsine, die nach Pfeiffer Germ. 1, 461 in der Stuttgarter handschrift des Alexander von Ulrich v. Eschenbach an der folgenden stelle steht:
daʒ der furste unvorzeit
in ein ander lant bequam,
dâ er ein volk inne virnam,
seltsine ist ir geverte,
verzeichnet der herausgeber des Ulrich v. Eschenbach Toischer nicht unter den lesarten. im text steht an der stelle (vers 25095) seltsæn. seltsine wäre kaum mit mndl. selsiene zusammenzustellen, vielmehr als andere schreibung für seltsene aufzufassen. dasselbe gilt für das seltsin des folgenden belegs:
swer gar sich fleizzet an seltsin reime,
der wil ouch sînes sinnes leime
ûʒʒen an schœnen worten kleben
und lützel nützes darinne sweben.
Hugo von Trimberg renner 1248.
selzene begegnet zunächst als md. form mit langem suffixvocal, so pass. 183, 80 Köpke (s. 2), dann entwickelt sich sowol daraus als aus seltsæne eine form selzen, seltzen mit kurzer endsilbe, die frühnhd. ziemlich häufig erscheint, so Waldis 4, 77, 70 (s. 2), daneben sälzen Morgant der riese 223, 21 Bachmann (s. 4). mundartlich hält sich diese gekürzte form bis heute, seltsen Albrecht 212ᵃ. auch schweiz. selza Tobler 421ᵃ. Bühler Davos 1, 155, selze Stalder 2, 370. Hunziker 239 geht wol auf seltsâni zurück. das frühnhd. seltzan städtechron. 4, 102, 12 (s. 3, b, β) beruht wahrscheinlich auf angleichung an seltsam. dies ist zuerst aus dem anfang des 14. jahrh. zu erweisen, so bei Megenberg 321, 16 (s. 1), Teichneer 1 (3, b, β) und im leben des heil. Ludwig 9, 2 (s. ebenda). im älteren nhd. tritt die schreibung seltsam, die allerdings nicht ganz verschwindet, vgl. Schade satiren und pasqu. 1, 3, 62 (s. 1), Logau 1, 40, 51 (s. ebenda), zurück hinter seltzam. so schreibt Luther und die meisten schriftsteller des 16. und 17. jahrh. (belege unten), so die lexicographen Dasypodius, Hulsius (1616) 296ᵃ. Henisch 769, 19. Corvinus fons latinit. 1 (1660), 418ᵃ. 540ᵃ und Schottel 1415. daneben erscheinen frühnhd. die schreibungen selzam Aventin kleine schriften 330, 7 (s. 4). geharn. Venus 12 (s. 1), sältzam Maaler 340ᵈ, seltzahm Rachel 21 (s. 2). pers. baumg. 9, 13 (s. 1). aus dem 14. jahrh. ist ein an seltsæne angeglichenes seltsæme bezeugt Ottokar 59667 (s. 1). auch hier tritt verkürzung ein: seltzem steht städtechr. 23, 440, 6 (s. 3, a). Murner schelmenz. 2, 8 (s. 3, b, γ), seltzem, selczem, rarus Dief. 484ᶜ, und auch heutige mundarten kennen selzem Stalder 2, 370, seltsem Frommanns zeitschr. 3, 214 (vorarlbergisch). 4, 461 (fränk.-hennebergisch), sältsem Spiesz 233. frühnhd. ist ein auffälliges flectiertes salzmen bezeugt. fastn. sp. 396, 19 Keller (s. 3, b, β). in der schriftsprache steht seit dem anfang des 18. jahrh. seltsam fest.
II.
bedeutung und gebrauch.
1)
selten, unhäufig, in alter sprache so als adj. zu dem nur adverbial gebrauchten selten, ahd. durch die glosse seldsâniu, rara Graff 6, 217 ziemlich sicher bezeugt, mhd. mehrfach belegt (s. unten), am meisten aus frühnhd. zeit, von den lexicographen bis Frisch (2, 263ᵃ) verzeichnet als rarus, nach Adelung nur noch mundartlich und so bis heute. Stalder 2, 370. Tobler 421ᵃ. Frommanns zeitschr. 3, 214 (Vorarlberg). Schmid 491. Schm.² 2, 272. Schöpf 669. Spiesz 233 ten Doornkaat Koolman 3, 171ᵇ: eʒ ist auch ainrlai trachen, der hât niht füeʒ und slingt neur auf der prust an der erden, und ainr ander lai trachen die hânt füeʒ, aber die sint seltsein. Megenberg 269, 23; borax ... ist zwaierlai. der ain ist weiʒ, der ist peʒʒer und ist seltsein. 437, 1; der stain ist gar seltseim und dar umb ist er tewr und schatzpær. 439, 31; græce underwand er sich nit vast, dan die griekesch sprach was noch seltzam, ward wenig brucht. Platter 49 Boos; solch erforschen ist gantz seltzam worden in diesem sacrament (der busze), man hat nur mit der rew, sünde, gnugthuung und ablas zuschaffen. Luther 1, 66ᵃ; das ist aber bey uns nicht seltzam, das einer dem andern sein knecht oder dienstmagd abspannet, oder entfrembdet, oder sonst mit guten worten abdringet. 4, 407ᵇ; die gesunden helden sind seltzam, und gott gibt sie thewr, und mus doch regirt sein, wo menschen nicht sollen wilde thier werden. 6, 142ᵇ; denn er hette wol auch den geitz, wucher, dieberey, reuberey, plackerey, mord, schwelgen, unzucht, und der gleichen erzelet, welche unter den jungherrn auch nicht seltzam pflegen zu sein. 164ᵇ; der gebrauch des weins ist bey jnen (den Lithauern) seltzam, ... sauffen medt bisz sy voll werden. Franck weltb. 55ᵇ; die frawen disz lands (Arabia felix) haben wunder grosse begird zuͦ weissen mannen, so bey jnen seltzam und gäst seind, als bey uns die moren. 186ᵇ; todtschlag ist seltzam und ein grosser greuel bey jn (bewohnern der insel Coluacana). 227ᵇ; ein sältzam und ungebraucht wort, das nit breüchig ist, insolens verbum. Maaler 340ᵈ; also gieng es auch zu Davidis zeiten, da war gottes wort auch nach Samuelis, unnd der erschlagenen priester zu Nobe tod, seltzam, und war wenig weissagung im lande. Mathesius Sar. 66ᵇ; Hans. grüsz dich got, lieber bruder in Christo! Peter. got danck dir, lieber bruder Hans! wann geestu? das ist mir ein seltzamer gast in meinem hawsz. H. Sachs 22, 69, 8 Keller-Götze; so war das geld auch seltsam um mich. Schweinichen 1, 279; die maulthier sein in etlichen landen, als inn Avernien, und an andern orten mehr, da die pferd und ochsen seltzam, und nicht zubekommen sein, in grossem und hohem gelt. Sebiz 163; das frommkeit und redlichkeit so seltsam ist, dasz viel zweifeln, obs ein ding oder ein wort seie. Opel-Cohn 30jähr. krieg 388, 10; das (ein kraut) ist nicht so gemein wie das erste, und ist seltzam zu finden. Tabernaemontanus (1664) 553 H; Urs. .. einen freundlichen guten tag. Bland. grossen danck jungfer Urselchen. das ist ein seltzamer gast. Weise comödienprobe 223; das geld macht sich nur bey den leuten so seltzam. 316; er ist ein seltsamer gast in der stadt, infrequens est urbi. Stieler 2006; weistu nicht, das die besuchungen deines freundes in deinem hause sehr seltzahm seyn werden, wenn er siehet, dasz der feind drinnen ist. persian. baumg. 9, 13; gewiszlichen rechte hochmüthige worte, welche aber bey dieser nation (den Franzosen) nicht seltsam sind. Sperling Nicodemus quaerens 2 (1719), 471; seltsam werden, rarescere Frisch 2, 263ᵃ; was ist seltsamer, als sich selbst kennen? H. Müller erquickst. 119: die schere war der jungen Kleebinderin unversehens entfallen und blieb mit der spitze in dem boden stecken; sie bückte sich darnach. 'glaubet' ich d'rauf', sagte sie, 'so bekämen wir bald ein' seltsamen besuch'. Anzengruber 1, 217;
owe, wu seltzen is nu an der werlde de sede
dat ummer ein minsche denke darto,
dat he den godeshusen gud edder ere do.
Eberhard reimchr. von Gandersh. 835 Weiland (deutsche chroniken 2);
dat lachent van dem munde din
schal selsen unde darto milde sin.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 185ᵃ;
ich bin nit so ein selzner gast,
dass man mich lang müess darumb fragen,
was man mir sol für win uftragen.
H. R. Manuel weinsp. 198 bei Bächtold N. Manuel 312;
zu der zeit ist nit vorhanden gewest die druckerei:
darumb ist die schrift seltsam gewest.
Schade sat. u. pasqu. 1, 3, 62;
(zwei landsknechte) hatten alle beid kein gelt,
welchs nit seltzam bey solchen knaben,
die mehr verzeren, denn sie haben.
Waldis Esop 4, 21, 5 Kurz;
man helt, es sey ein solcher man
so seltzam, als ein schwartzer schwan.
Alberus fabeln 29ᵇ;
wie selzam ist die heiligkeit,
wie weng helt man gottes gebot.
H. Sachs spruchged. 5, 72 Tittmann,
danckbarkeit, du teure tugend,
alterst bald in deiner jugend,
drum macht deine kurtze frist,
dasz du jmmer seltsam bist.
Logau 1, 40, 51;
keine wurzel war so ferne,
kein berümtes kraut so selzam, dasz auch mitten in der nacht
wenn die wolken-brüche rissen, und der luft geschüzz' erkracht',
einig nur zu meinem heil du nicht williglichst und gerne
hättest mir herzugebracht.
geharn. Venus 12 neudruck.
sprichwörtlich: grosse tyranney, wüst, wildt und seltzam row leben der obern hat das alte sprichwort selbst erweckt, das da sagt, ein fürst sey so seltzam im himmel, als wildtpreth in eins armen manns küchen. Kirchhof wendunm. 1, 65 Österley; was gut ist, ist auch seltsam, omnia praeclara rara. Stieler 2006. in prädicativer fügung mit dativ der person verbunden: des paums (eiben) holz ist gar hert und glat oder hæl und macht man meʒʒerheft dar auʒ. si sint uns aber seltsam. Megenberg 321, 16; denn x. ist, sonderlich uns Deudschen, seltzam im brauch, köndten sein wol gar emperen, in der deudschen sprache. Luther 8, 115ᵃ; so sein mir gäste auch nicht seltsam gewesen. Schweinichen 2, 210; deine briefe sind mir seltsam, raras tuas accipio literas. Stieler 2006; das geld ist uns zwar seltsam. causenmacher 69; so auch in bezug auf handlungen derselben person: den sichersten weg, die leut zuͦ betriegen, haben die mönch und was ires packs ist, denn sie schweren bey irer conscientz, die warlich nicht eng ist gespannen. solchs war ietzgenenten baalspfaffen auch nit seltzam. Kirchhof wendunm. 1, 540 Österley;
het er grôʒer kost gephlegen,
daʒ was im niht seltsæme (: næme).
Ottokar 59667 Seemüller.
auch unhäufigkeit der einzelnen theile eines collectivs bezeichnend, wo wir heute 'spärlich' brauchen: dünnes und seltsames haar. quelle bei Scherz-Oberlin 1481;
im wurden hâr und ouch der bart
dünne und seltsæne.
Konrad von Würzburg Engelhard 5151.
selten und wol erst in secundärer anwendung adverbial:
visch, vich, und vögel, grosz und klain,
auch höltzer, wasser, kräuter, stain,
metal, und was dj welt gebyrt,
der auszpund seltzam funden wyrt.
Schwartzenberg 129ᵇ;
dat kumt man seldsam för. ten Doornkaat Koolman 3, 171ᵇ.
2)
durch unhäufige, besondere art in gutem sinne ausgezeichnet, köstlich, kostbar, geschätzt, herrlich, schon ahd. durch die glossen seltsâner, seltsânaʒ, pretiosus (sermo) Graff 6, 217 und auch sonst bezeugt (s. unten), ebenso mhd. und im älteren nhd., meist hier im engen anschlusz an die bedeutung 1, sältzam, fürträffentlich, das man nit allenthalben findt. Maaler 340ᵈ, heute gleich dieser veraltet, aber noch mundartlich Stalder 2, 370. Frommanns zeitschr. 4, 461 (fränk.-henneb.): ob ein vaʒ volleʒ goldes were, der tugende were, so man ie mer druʒ nem, so des goldes ie mer werde unt wüechs, daʒ wer ein sæltsæin vaʒ. Leyser pred. 13, 21; wan die burger zuͦ zeitten göst luͦden, so gaben sie jetlichem menschen ain rephon, ... und gaben seltzamen wein zuͦ trincken, der aus fernen landen kam, und mit allen dingen, wie man es auff das aller kostlichest mocht bekomen. d. städtechron. 25, 115, 21 (Augsburg, v. 1519); das nicht auffrhürisch ist, die oberkeit straffen, wo es geschieht, nach der weise, die hie berürt stehet, nemlich, das es durch göttlich befolhen ampt, und durch gottes wort geschehe, offentlich, frey, und redlich, sondern es ist eine löbliche, edle, seltzame tugent. Luther 5, 151ᵇ; ein fromb gottsförchtig weib ist ein seltzam gut, viel edler und köstlicher denn eine perle. tischreden 313ᵃ; der ymbisz ward gerust mit so grosser kostligkeyt, das sy all verwundert, wo man sovyl sältzner spys funden het. Morgant der riese 173, 35 Bachmann; die zeyt, die bey mir sehr thewr und seltzam. Neander menschenspiegel (1587); das feder-wild aber, weil es in so grosser menge, wird nicht so seltzam und hoch als bey uns geachtet. Olearius pers. reise 3, 2; seltsames glück, fortuna insperata Stieler 2006;
ist thaʒ selba mâri   harto seltsâni,
harto rûmo oba unsan wân   sulîh racha gidân.
Orfrid 5, 12, 7;
iʒ ist zi lang manne   sus al zi nennenne,
al thaʒ selsâni   thes himiles gimâli.
17, 34;
er (Noah) phlanzte wîngarten.
dô die ze nutz wurden
durch den seltsæmen smac.
Hahn ged. des 12. und 13. jahrh. 25, 34;
mît den (händen) sô ruorte er unde sluoc
ursuoche und nötelîn genuoc
seltsæne süeʒe guote.
Gottfr. v. Straszburg Trist. 3553;
daʒ gûte volc dort kumen sach
ein harte selzêne schar (engel).
pass. 183, 80 Köpke;
Davit von Armenia
und der kunig von Avenia
seltsene kleynot und gaben rich
si santen im und gaben sich.
Ludwigs kreuzfahrt 83;
werens (pelze) noch so köstlich und so seltzen,
so kert man doch das rauh hinein
tregts für die kelt und nit zum schein,
welchs an den wolffen (wolfspelzen) nit geschicht.
Waldis Esop 4, 77, 70 Kurz;
hier blüht natur und kunst, und was man seltzam nennt.
A. Gryphius 2 (1698), 306;
in einem augenblick
so wohl gesegnet seyn, das ist ein seltzahm glück.
Rachel 21;
was seltsam in der see, was köstlich in der lufft,
was erd und bäume ziert, ward auff das mahl gerufft.
Hoffmannswaldau hochzeitgedichte 35.
etwas durch besondere art vortheilhaft ausgezeichnetes meinen auch die folgenden frei gebrauchten verbindungen: dar umme is dat (gern zu leiden durch die liebe zu gott) wal eyn selsen krudeken und edel unde dat wert oick seldene ghevunden. Veghe 298, 1; ein reiche fraw sey ein seltzamer vogel auff erdtreich. Albr. v. Eybe 2ᵇ; weil jr von gottes gnaden der seltzamen vogel einer seid, denen das wort gottes, und reich Christi, mit trewen zu meinen von hertzen ernst ist. Luther 6, 275ᵃ; der dank ist ein seltsam wildpret, perraro grati homines reperiuntur. Stieler 2006;
truw ys hüden ein seltsam kruth.
Hollonius somnium vitae hum. 47, 917 neudr.
kühner: es ist ein seltzamer vogel umb einen Christen. Luther 3, 118ᵃ. prädicativ mit dativ der person verbunden:
mit triwen wirs (frauen die männer, die die frauen wirklich
ehren) enphiengen:
si wæren uns seltsæne.
Ulrich v. Lichtenstein 640, 9;
iʒ ist bisunder
ein uber groʒeʒ wunder
und seltsene mir,
als ich daʒ weiʒ an uch, daʒ ir
ie bi manheit wesen woldet.
Ludw. kreuzf. 2532;
ich wisse wohl, chüechleni (küchlein) seien den herrenleuten seltsam. Gotthelf Uli der knecht 20 Vetter; das es me ja e selzen esse. Frommanns zeitschr. 4, 461 (fränk.-hennebergisch).
3)
von der regelmäszigen, gewohnten art auffällig abweichend, der erfahrung oder berechtigten erwartung auffällig widersprechend, sonderbar, wunderlich, befremdlich, seit alter zeit reichlich bezeugt, die bis heute in der schriftsprache allein übliche anwendung.
a)
in bezug auf die naturordnung, das in der natur als regel beobachtete: Albertus spricht auch, daʒ ain seltzam dinch geschæhe under den zeiten, dô der kaiser Augustus lebt (ein delphin wird der gespiele eines kindes und stirbt aus kummer über dessen tod). Megenberg 236, 12; anno dni. 1462 am mäntag nauch sant Mathis tag zwischen drien und fieren da waren 3 regenbögen und stondend gein ainander und waren seltzen umb dieselben zeyt, wann es regnet weder vor noch nauch in ainer langen zeyt. d. städtechron. 4, 241, 8 (Augsburg); das jar (1501) fielen seltzemen kreitz und ander zaichen vom himel in dem land zu Litich. 23, 440, 6 (ebenda); denn keiner an dem ein feil ist, sol erzu tretten (zum opfer), er sey blind, lahm, mit einer seltzamen nasen, mit ungewönlichem gelied. 3 Mos. 21, 18; er (der schnee) ist so weis, das er die augen blendet, und das hertz mus sich verwundern, solchs seltzams regens (der so vom gewöhnlichen regen abweicht). Syr. 43, 20; daselbst (im meer) sind seltzame wunder, mancherley thiere und walfische. 27; sie entsatzten sich alle (über die heilung des gichtbrüchigen), und preiseten gott, und wurden vol furcht, und sprachen, wir haben heute seltzame ding gesehen. Luc. 5, 26; alle, die desz krebs ansichtig wurden (sie kannten keinen krebs), erschrocken, vorausz weil er hindersich kroch, so schwartz von seltzamen füssen und gestalt anzuschawen was. Kirchhof wendunmuth 1, 320 Österley; seltzame geschöpff hab ich in fremden landen, aber nit dieses gleichen (keinen krebs) gesehen. ebenda; dasz sich bey der creutzigung Jesu vil seltzams dings zugetragen. Ayrer proc. 2, 10; nun hab ich zwar etliche seltzame meer- und erdgewächse gesamlet, damit der herr wohl seine kammer zieren mag; aber was mich am allermeisten verwunderungs und auffhebens werth zu seyn bedüncket, ist gegenwertiges buch. Simplic. 2, 243, 22 Kurz; seltzame geschicht eines soldaten, welcher sein weib dem teuffel verkaufft. Abr. a S. Clara reimb dich, register; (im bilde:) die phantasey, der muthwillige affe der sinne gaukelt unserer leichtgläubigkeit seltsame schatten vor. Schiller räuber schauspiel 4, 5; eine seltsame miszgeburt; seltsame erlebnisse eines spiritisten;
er (der stern der drei weisen) kundta uns thaʒ in alanôt,   thaʒ andere uns ni zeinont,
thaʒ gouma mann es nâmi;   bi thiu war er seltsâni.
Otfrid 2, 3, 22;
ther man (Christus) ther mâchot sînan ruam
mit zeichonon mâren   joh thrâto seltsânen.
3, 25, 8;
wio er selbo (Christus) quâmi   (thaʒ ist seltsâni)
bisparten duron thara zi in   joh stuant thâr mitten untar in.
5, 12, 13;
(im bilde:)
ich hân gesehen in der werlte ein michel wunder:
wærʒ ûf dem mer, eʒ diuhte ein seltsœne kunder.
Walther 29, 5;
diz wunderlîche wunder
dûchte sie seltzêne (dasz die bienen den heil. Ambrosius bedeckten und ihn nicht stachen).
pass. 241, 45 Köpke;
do erschinen zuo den stunden
an sînem lîbe die vünf wunden
an sînen füeʒen und an handen,
als er gekriuzet wær gestanden:
diz was ein gnuoc seltsæneʒ wunder.
Lamprecht von Regensburg Franc. 3434;
nu merket besunder
ein seltsæmeʒ wunder (heuschreckenplage ist gemeint).
Ottokar 95981 Seemüller;
seydt dw (Herodes) gewalt hast über den man,
der so vil manig seltzam wunder kan (Christus),
so schaff, dass er dich lass sechen
ain wundertzaichen, das durch in sey geschechen.
altd. passionssp. aus Tirol 97, 1538 Wackernell;
das mir wurd glich als wol anston.
als gieng ein kuͦ uf stelzen
und wöld ein suw die luten schlan,
das wär on zwifel selzen.
H. R. Manuel weinspiel 41 bei Bächtold N. Manuel 306;
indem ein seltzam getümmel
berührend plötzlich sein gehöhr
den abgrund fillend und den himmel
bethöret seine sehl noch mehr.
Weckherlin 346;
die ältesten im dorf' erzählen sich
von diesem baume schauerhafte mähren,
seltsamer stimmen wundersamen klang
vernimmt man oft aus seinen düstern zweigen.
Schiller jungfrau von Orl., prolog 2.
b)
sonst in bezug auf gewohnte, rechte, gebührende art, berechtigte erwartung.
α)
von gegenständen und geschehnissen: es ward mir aber nicht geglaubt, und konte der general-auditor nicht wissen, ob er einen narrn oder auszgestochenen böszwicht vor sich hatte, weil frage und antwort so artlich fiel und der handel an sich selbst seltzam war. Simpl. 1, 215, 11 Kurz; Apuleius ist verteutschet worden von Johan Sieder, secretarium des bischofs zu Würtzburg und mit vielen seltzamen figuren getrükt zu Augsburg anno 1538. Schottel 1181; seltzame gerichtshändel. titel eines buchs von Abele; ein seltsames kleid, un vestito bizarro. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 767ᵃ; ein seltsam latein, un latino stravagante. ebenda; kann das laster in diesem milden himmelsstrich fortkommen? — o es ist seltsam! Schiller kab. u. liebe 5, 7;
er truoc an seltsæniu cleit.
Hartmann von Aue Iwein 465;
die werden tavelrunder
die wundert ie besunder
der seltsænen geschicht (dasz ein vorher nicht besiegter ritter von einem unbekannten besiegt war).
Heinr. v. Freiberg Trist. 2273.
β)
von menschlichem wesen und seinen äuszerungen: eine seltsame wise her (der heil. Ludwig) an om hatte von jogent biʒ in sinen tot, daʒ her birs unde heringe noch ni enpeiʒ. leben des heil. Ludwig 9, 2; wann es unpillich und seltzan was, daʒ prüder und sogetan edel fürsten ainander und halt ir aigen lant solten verderben. deutsche städtechron. 4, 102, 12 (Augsburg, von 1395); seltzam gelüst der schwangern. Wirsung arzneib. (1597) 543 C; seltsame sitten, mores peregrini, ridiculi, rustici, inculti. Stieler 2006; ihm seltsame gedancken über etwas machen, farsi pensieri strani sopre qualche soggetto. Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 767ᵃ; seltsame sitten, geberden, costumi, movimenti strani, continenze bizarre. ebenda; sie scheinen seltsame begriffe zu haben. Göthe 14, 88;
(sie) entlihen ûʒ ir varnde guot
ûf einen seltsænen muot.
Hartmann von Aue Iwein 7192;
diu bete was ouch seltsæne.
Gottfried von Straszburg Trist. 12467;
zeinmâl bûren sich zertruogen,
daʒ sie an einander sluogen,
umb ein seltsam widerbieten.
Teichner 1;
du hast an dir ainn salzmen sitt.
fastn. sp. 396, 19;
dat he nicht keme to bade
dorch selsen nücke soghedan.
d. städtechr. 16, 242, 4526 (Braunschweig, v. 1491);
der bawr viel seltzam anschleg sucht,
das er dem todt entkommen mocht.
Waldis Esop 4, 99, 281 Kurz;
wan ich bin widerspenstig gar:
mein sin selzam, eglisch und wunderlich.
H. Sachs spruchged. 9, 5 Tittmann;
lieben getrewen, euch vieleicht
gar lächerlich und seltzam deucht,
das wir itzt disen vollen man
zu hoffe haben bringen lan.
Hollonius somn. vit. humanae 22, 313 neudr.;
sein kopf entbrennt von einer seltsamen
chimäre.
Schiller don Karlos 2, 10.
γ)
von personen, in bezug auf ihr wesen:
dar an wart volleclîche schîn
daʒ diu werlt nie gewan
deheinen seltsænern man.
Hartmann v. Aue Erec 4635
der (knecht) was sô seltsæme,
daʒ er den hern was genæme
umb sîn fuore baltlich,
wan er im alle gemlich
niht lieʒ entslîfen.
Ottokar 42973 Seemüller;
seltsame frau (δαιμονίη), wie dir vor den zartgebildeten weîbern
fühllos schufen das herz der olympischen höhen bewohner!
Voss Od. 23, 166;
darab wol abzunemen, wie er ain seltzamer herr und der schier gar zu superstitiosus gewesen ist. Zimmerische chron.² 1, 224, 25; die weibsbilder sind seltzam und vorsichtig in ihren anschlägen, dasz man sich nicht gleich anfangs so leicht darein schicken kan. Simpl. 1, 369, 30 Kurz; einen seltsamen herrn haben, stravagante, fantastico. Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 767ᵃ. scherzhaft: er ist ein seltsamer heiliger, mirabile caput est. Stieler 2006, insolenter agit Frisch 2, 263ᵃ. so, dasz seltsam einen widerspruch mit der durch das nomen bezeichneten art enthält:
es ist eyn volk, das sindt iuristen,
wie sindt mir dasz so seltzem christen!
sy thuͦndt das recht so spitzig biegen
und kynnendts, wo man wil, hyn fiegen.
Murner schelmenz. 2, 8 neudruck.
auch in gegensatz gestellt zu selten, dem gegenüber es als begrifflich minderwerthig erscheint. s.selten 4 und 5.
δ)
bisweilen verschlimmert sich gerade im gebrauch von personen die bedeutung des worts oder spitzt sich in bestimmter richtung zu, seltzam, dem niemandts kan rächt thun, discolus Maaler 370ᵃ, seltzam, krütlich, unleidlich, homme difficile et facheux. Hulsius 296ᵃ, wunderlich und mürrisch, morosus Corvinus fons latinitat. 1 (1660), 418ᵃ, morosus Schottel 1415, eigensinnig, ungeduldig, übelgelaunt, miszmuthig, griesgrämig Spiesz 233, krickelig, unzufrieden, launisch, tadelsüchtig, eigen in der wahl der speisen Stalder 2, 370: das alter macht mich seltzam und müysälig, avariorem me facit senectus. Maaler 370ᵃ, alte leute werden seltsam, morosi, iracundi et difficiles. Frisch 2, 263ᵃ. ebenso auch: sältzam unnd müysälig alter, morosa canities Maaler 340ᵈ.
c)
prädicativ, mit dativ der person verbunden: las dir nicht seltsam sein, ob du dasselb jar nicht zum sacrament gehest. Luther 1, 399ᵃ; es ist mer doch selza gsih. Tobler 421ᵃ;
solch stimm der gsellschaft seltzam war.
Fischart 2, 188, 367 Kurz;
dat is my vorwar lyden selsem.
quelle von 1605 bei Schiller-Lübben 4, 185ᵇ;
in neuerer schriftsprache kaum noch so, dafür: einem seltsam erscheinen, vorkommen; das letztere verzeichnet auch Kramer deutsch-ital. dict. 2 (1702), 767ᵇ. in den folgenden fügungen ist das wort augenscheinlich adverb: mi ward so selsen, mir wird übel, wunderlich zu mute. brem. wb. 4, 746, mek is selsen, ich bin nicht wol Klein 2, 153 (Duderstadt). ebenso wol hochd.: mir wird so seltsam, lieber seltsam zu muthe.
d)
andere adverbiale fügungen:
er hieʒ im ein tôrencleit
an der stete machen,
von wunderlîchen sachen
einen roc seltzên getân
und eine gugelen dar an.
Heinrich von Freiberg Trist. 5133;
wo rechte selsen dat mi do dromede!
des dodes danz 1304;
ir tribt das redlin um so selzen,
das der gloub schier gat uf stelzen,
bis er den hals ein mal abstürzt.
Murner narrenbesch. 20, 29 Gödeke;
seltsam mit einem umgehen, einen seltsam tractiren, straneggiare, straniare uno. Kramer deutsch - ital. dict. 2 (1702), 767ᵇ; erst reichgewordene leute führen sich seltsam auf, nihil insolentius est novitio divite. Frisch 2, 263ᵃ; aber warum sollte mein sohn so seltsam thun. Cronegk 1, 49; sich seltsam betragen. Adelung. bei adjectiven: ein seltsam unglücklicher mensch, und wenn er auch schuldlos wäre, ist auf eine fürchterliche weise gezeichnet. Göthe 17, 375;
ein par tropfen blut
in seltsam-süsser lust vergossen.
Brockes 1 (1739), 327.
seltsam als einfacher ausruf, adverbial, aber auch adjectivisch erklärbar:
seltsam! seltsam!
find ich diese frucht hier?
Göthe 14, 47.
4)
im weiteren sinne von fremd, unbekannt, nur in älterer sprache: nu wil ich für paʒ niht mêr sagen von den glidern, wan guot siten und zuht mahten eʒ niht geleiden in gemainer sprâch, daʒ si doch wol leident in seltsamer sprâch. Megenberg 35, 10; dise hielten gar für unbillich, ja für unglückhaftig, das si also gehling ôn allen grus oder gesegnung, gedenkzeichen, schenk oder letz, solten in so ferre und selzame lender von einander ziehen. Aventin kl. schriften (1881) 330, 7; deren (der heiden) waͮrend mer dann sechzig tusend usz sältznen landen. Morgant der riese 223, 21 Bachmann; sy sǎssend wyder uff jre pfert und fuorend fŭrbas über vyl sältzne land, stett und schlösser. 306, 1;
des name in disen kreiʒen
seltsæne ist und wilde.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 18139;
o helf der friedens-gott, das ihr ein neues pflüget,
den frieden, der bisher gewesen seltsam gnung.
Opel-Cohn 30jähr. krieg 200, 19.
prädicativ, mit dativ der person verbunden:
thâr (im himmelreich) ist sang scônaʒ   joh mannon seltsânaʒ.
Otfrid 5, 23, 175;
waʒ daʒ sî, als ich wæne,
daʒ ist niemanne seltsæne.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 70;
vil liebe gevater mîn,
daʒ ir sælic müeʒit sîn,
wie mag daʒ immer geschên,
daʒ ir mir sît sô seltsæn? (so fremd werdet).
gesammtabent. 2, 161, 140 Hagen;
ör namen synt uns nicht selsen.
d. städtechr. 16, 244, 4606 (Braunschweig, von 1491).
5)
das seltsame, etwas seltsames, meist im sinne von 3: do fragetin on (Klingsor der die sterne beobachtet) di di da keinwertig waren, ab er icht seltsames und sundirliches merkte an dem gestirne des himels. leben des heil. Ludwig 11, 3; ir lieben, lasset euch die hitze so euch begegnet, nicht befremden (die euch widerferet, das jr versucht werdet) als widerfüre euch etwas seltzams. 1 Petr. 4, 12; es ist nichts seltzamers (wunderbarlichers) als queck-silber: das ist flüssig, und doch nicht feucht (nasz). Comenius sprachenthür (1657) 102; du wirst etwas seltsames hören. Schiller Fiesko 2, 18; wie im traum das seltsamste aus dem seltsamsten sich entwickelnd uns überrascht. Göthe 18, 325; die zeit, welche dem seltsamsten das fremde abstreift und es als etwas bekanntes vor uns hinstellt. 60, 24; fühlst du nicht oft, fuhr Rudolph fort, einen wunderbaren zug deines herzens dem wunderbaren und seltsamen entgegen? Tieck 16, 227;
wanta inan (Lazarus) druhtînes wort   fon tôde fuarta widorort,
thô quam ther liut mit drîuon   thaʒ seltsâni scouon.
Otfrid 4, 3, 6;
thaʒ wir (im himmel) thaʒ seltsâni
scowon thâr in wâri   joh thio êwenîgun ziari.
Hartmann 161 (vgl. oben 2);
an gabeln tregt man auffgericht
was ider seltzams bringt.
bergreihen 82, 20 neudruck.
aufs seltsamste, adverbialer superlativ: so wil ich (gott) auch mit diesem volck wünderlich umbgehen, auffs wünderlichst und seltsamst, das die weisheit seiner weisen untergehe, und der verstand seiner klugen verblendet werde. Jes. 29, 14.
Zitationshilfe
„seltsam“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/seltsam>, abgerufen am 21.10.2019.

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