Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

semperfrei, adj.

semperfrei, adj.
ausdruck der älteren rechtssprache, mhd. semper vrî, sempar vrî, der höchsten art der freiheit theilhaftig, von personen, nicht wie es nach der folgenden erklärung Stielers scheinen kann: semperfrey, in iure publico dicuntur semperliberi et equitibus aequiparantur, al. exponitur exlex, qui perpetuo immunis esse vult ab omnibus oneribus, vulg. ein libertiner. nachsch. 27ᵃ, wie Apin gl. 493, Frisch 2, 263ᶜ und Scherz-Oberlin 1483 angeben, mit dem lat. semper gebildet, sondern entstanden aus sendbar (vgl. dies) frei, mhd. sentbære (sentpêre) vrî. für sendbar bezeugt Haltaus 1679 aus dem 14. jh. die form semper auch alleinstehend: und seind ihme gemeiniglich genomben alle die recht, die ein semper hat. quelle von 1313 ebenda. vgl. auch sempermann unten und schöffenbar oben th. 9, 1444. die zusammensetzung mit frei kann nicht etwa den bezeichnen, über den der send keine gewalt hat, vielmehr darf als eigentliche bedeutung gelten: frei, gewisse vorrechte genieszend in bezug auf den send. vgl. schöffenbarfrei oben theil 9, 1444. ob send (s. d.) hier mit Lexer 2, 875. Gengler Schwabensp.² 308ᵇ eigentlich im sinne einer weltlichen versammlung gefaszt werden darf, nicht einer geistlichen, ist sehr zweifelhaft. vgl. Schröder d. rechtsgesch.² 570: wir zelen drîerhande frien der heiʒent eine sempar frien; daʒ sint die frien herren, als fürsten, und die ander frien ze man hânt. sô heiʒent die andern mittel frien; daʒ sint die, die der hohen frien man sint. die dritten frien daʒ sint die frien lantsäʒen, die gebûren, die da fri sint. Schwabenspiegel 2 Gengler; ist das kint semper fri, man sol eʒ mit sinen genoʒen überziugen. 54, § 8; eʒ ist nieman semper fri wan des vater und muter, und der vater und muter semper fri waren. die von den mittel frien sint geboren, die sint ouch mittel frien. und ist ioch diu muter semper fri und der vater mittel fri, oder ist der vater semper fri und diu muter mittel fri; so werdent diu kint doch niht wan mittel frien. 57, 6; und sprichet ein man den andern kemphlichen an, und ist im dar umbe niht tac gegeben: man sol im tac geben nach siner geburt, daʒ er sich da zu bereite, swes er da zu bedarf. dem semper frien git man tac über sehs wochen; dem mittel frien über vier wochen; dem dienstman und allen liuten über zwo wochen. 86, 2;
die ritter, grafen, semperfreien
die müssen all an meinen (des todes) reyen.
Cl. Stephani geistl. action (1568) D 8ᵇ.
substantivisch unflectiert: es haben die bürger und baurn, zumalen vor dem krieg, ihre tische und tresuren mit gülden und silbern bechern, schüsseln und kannen auszgebutzet und gezieret, da hingegen vor zeiten ein vornehmer semper frey sein hausz ausz allem seinem vermögen und einkommen nur etwan mit zin hätte auszstaffiren und butzen können. Schuppius 783. als titel bestimmter familien: semperfreyen, wie Limburg, Hewen, und etwan auch Rappoltstein und Reinstein in Sachsen. quelle bei Scherz-Oberlin 1483; her Albrecht her zu Limpurg, des h. r. r. erbschenck semperfrey. quelle ebenda. übertragen auf die ewige freiheit, die das jüngste gericht den frommen bringen wird: es wird ein ewigs frey jubel und halljar sein, da tod, sünd, teufel, scepter, joch, und der gantze fluch, so auff Adam und menschlichem geschlecht gelegen, sampt leiblicher dienstbarkeit und knechtschafft wird auffhören, und wir semperfrey, brüder und miterben Jesu Christi inn alle ewigkeit sein und bleiben werden. Mathesius Sar. 94ᵃ. in neuerer sprache nur durch gelehrte kenntnis wieder aufgefrischt: in den gassen sind keine schlaf-denuncianten mit guten ohren vertheilt, welche etwan den semperfreien bürger behorchten, wenn er im hemde ist, und die am morgen darauf ein reichsnachtjournal seiner träume ablieferten. J. Paul palingenes. 1, 25.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 569, Z. 18.

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Zitationshilfe
„semperfrei“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/semperfrei>.

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