senken schwaches verbum
Fundstelle: Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 591, Z. 44
sinken machen, causativum zu sinken. got. sagqjan, altnord. so̜kkva, ags. sencan, alts. bisenkian, ahd. senken, sankta Graff 6, 255, mhd. senken, sancte mhd. wb. 2, 2, 306ᵃ. Lexer mhd. handwb. 2, 885, mnd. senken, senkede Schiller-Lübben 4, 190ᵃ, nhd. senken, senkte. Steinbach 2, 773 schreibt säncken (vgl. Gryphius unter 1, a). ein miszgebildetes sank für senkte ist theil 5, spalte 1994 unter krambambuli aufgeführt.
1)
im eigentlichen sinne
a)
untersinken lassen, demergere: sencken, undertauchen Hulsius dict. 296ᵃ; das fischgarn sencken Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 768ᵃ; de rad von Lubeke leet senken vele groter kisten myt stenen .. uppe dat de strom alwege helde synen lop in dem middele. quelle bei Schiller-Lübben 4, 190ᵃ (nhd. versenken);
ther se nan sar tho sankta   so imo ther hugu wankta.
Otfrid 3, 8, 39;
ertränken:
man mûʒ iht ze worte hân
und etewaʒ erdenken,
swenne man den hunt wil senken.
schwänke 322, 316 Lambel;
mit richtungsangabe: ins wasser senken Stieler 2007; ein schiff sencken in grund ò in die tieffe. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 767ᶜ; die angel, den anker ins wasser senken; wenn sich diu taucherlein an den grunt oft senkent, daʒ bedäut ungewiter. Megenberg 207, 11; eben wie der vischer den hamen sencket ins basser, das man in nicht siecht, mitt einem regenwurm. Luther 9, 661, 22 Weim. ausgabe;
ê wir immer sîn
gemüet mit dem golde,   wir soldenʒ in den Rîn
alleʒ heiʒen senken.
Nib. 1074, 3;
wand eʒ (das thier) bî wîlen sancte
daʒ schif nider an den grunt.
pass. 334, 46;
und spüret ihr einigen wankel an mir,
so senket mich zu grunde.
wunderh. 2, 33 Boxberger;
o, hätte doch verschlungen dich das meer,
als du den leib in seine wogen senktest.
Grillparzer 6, 56.
das samenkorn in die erde senken (vgl. unten reben senken);
trauernd senk' ichs (das samenkorn) in die erde.
Schiller 11, 202;
freier: der baum senkt seine wurzeln in die erde. eine leiche, einen sarg ins grab, in die erde senken. prägnant: eine todtenkiste sencken, einen toden sencken. Kramer dict. 2, 767ᶜ; damit die leiche tieff genug gesencket, und nicht von hunden oder sonst ausgegraben werde. Lauenburgische kirchenordnung. einen pfal sencken, ihn eingraben, einstoszen. Kramer a. a. o. 768ᵃ. freier:
dasz ich .. hier thamm und wahl gesänckt.
A. Gryphius 1, 378 (1698).
sich senken in etwas, eindringen: dar umb, daʒ den dunst, dar auʒ der reif wirt, diu grôʒ kelten herticleicher durchgêt und sich tiefer dar ein senket. Megenberg 85, 18. in neuerer gehobener sprache: der dolch senkte sich ihm ins herz; einen vater, der seine tochter von der schande zu retten, ihr den ersten den besten stahl in das herz senkte. Lessing 2, 188 (ungewöhnlich, weil mit senken sonst die vorstellung der langsamen bewegung sich zu verbinden pflegt). in besondrer wendung:
wirke! das ist das grosze gesetz, in des tempels
tafel gehaun, dasz es kund sey, und von golde
in den parischen stein gesenket.
Klopstock 2, 79;
gesteine aller slahte
sô er beste erwerben mahte:
daʒ hieʒ er in das grap senken (als verzierung einlassen).
Flore 2103.
b)
in den bisher angeführten stellen prägt sich die bedeutung in der richtung aus, dasz etwas in ein umgebendes ganz oder theilweise eingeht. diese nebenvorstellung kann aber fehlen, so dasz es sich um bloszes nach unten sinken, herabgleiten oder auch ein sich herabbeugen, neigen, handelt; die bewegung ist eine allmähliche. sich senken, sidere, nidsichsincken Maaler 370ᵃ. den degen senken, z. b. als zeichen, dasz die truppe sich in bewegung setzen soll; als zeichen der ergebung, als huldigung. ebenso: die fahnen senkten sich vor dem nahenden fürsten; heil ihnen — senket die fahnen tief! — herzog von Genua. Schiller Fiesko 5, 12. ein geschützrohr senken (zum tiefschusz); den speer senken, zum angriff (so typisch im mhd. epos). in älterer sprache auch: das segel senken, es herablassen. das getreide senket sich, seges ad terram diffluit. Stieler 2007; bäume senken ihre wipfel unter dem windstosz tief herab, senken ihre blätter bei der hitze. nebel senkt sich herab: wann der erdisch dunst in den lüften entslôʒ sich in die nebel und wart sô dick, daʒ er sich zuo der erden sankt. Megenberg 111, 5. vögel senken sich herab. das hausz hat sich gesenket (ist etwas ein- oder vornüber gesunken). Hulsius dict. (1616) 296ᵇ. die brücke hat sich etwas gesenkt; freier:
diese mauern, diese wände
neigen, senken sich zum ende.
Göthe 41, 98;
gravitieren: ein system ..., dessen mittelpunct die sonne ist, gegen welche sich alles senkt. Kant 8, 250. vgl.senkung 1, senkungskraft. das haupt senken, zeichen der betrübnis, ergebung, beschämung:
eʒ sancte der gotes werde
daʒ houbet zuo der erde.
Hartmann Greg. 3331;
rolle einen schleir um dein gesenktes haupt,
er starb.
Hölty 45 Halm;
(sie) treten auf im stummen trauerzug, mit gesenkten häuptern, und verhüllten gesichtern. Schiller räuber 5, 2 schauspiel; (er) nähert sich wankend und kniet vor dem könige nieder, mit gesenktem haupt. don Karlos 3, 7; alter:
wenn, alter herr, nicht Lethes trübe fluthen
das schiefgsesenkte, kahle haupt durchschwommen.
Göthe 41, 99.
der hund senkt die ohren:
ha! da liegt er mit gesenkten ohren,
der mir oft noch muth ins herz gebellt.
Göckingk 3, 27 (1782).
die augenlider, die wimpern, die augen senken, in befangenheit, scham, beschämung, demuth u. a.; freier: den blick senken;
ein verborgner gram
senkt deiner blicke feurge kraft zur erde.
Schiller Phädra 1, 1;
demuth soll ihr höchstes kleinod seyn.
sie geht mit freundlich halbgesenkten blicken.
Göthe 13, 232;
seh' ich diese reinen züge,
senkt zu boden sich mein blick.
Grillparzer 3, 70.
anders gewendet: auf jemanden den blick senken, zu ihm hinabblicken:
doch in deiner überwinderkrone
senkst du noch den engelblick auf mich.
Hölty 63 Halm.
der blick des forschers senkt sich in verborgne tiefen; das knie senken vor jemandem, huldigend, sich unterwerfend.
2)
der reich entwickelte bildliche, freie und übertragene gebrauch des wortes folgt den beiden im vorigen absatze unter a und b gekennzeichneten richtungen; in neuerer sprache ist die reflexive anwendung des verbums beweglicher als die des einfachen verbums; im allgemeinen gehört senken der gehobenen rede an. in die hölle senken (ältere sprache): unde swie klein ein steinlîn ist, daʒ sinket sâ zehant an den grunt, swie tief halt der wâg ist. B. von Regensburg 1, 385, 9;
ir hot mich gar verwont
und gesencket in der helle grunt.
Alsf. pass. 2015;
der senkt sein sel in die spelunken,
dor in mancher liger ist ertrunken
in schwefels hül in peches pfuczen.
Rosenplut (Wagners archiv 1, 218);
anders:
dasz meine phantasei, voll kraft,
vernichtet welten, welten schafft,
und höllenab, und himmelan
sich senken und erheben kann.
Bürger 12ᵇ.
(die schlange) senkt den slâf in den menschen mit ir vergift. Megenberg 272, 8 (vergl. 1, a); dagegen nach 1, b: schlaf senkt sich auf ihre lider. beispiele für den freieren und bildlichen gebrauch des wortes bieten sich in reicher fülle aus alter und neuer sprache:
alsô sancte sich in sînen sin,
vrou Minne unz daʒ er sie erkante.
krone 13637;
dichselben in mîn herze senke.
L. v. Regensburg tochter Syon 1049;
er scholt es in seins herzen grunt
senken, das es niemant kunt
würd.
fastn. sp. 779, 35;
sencke dich, zufried'nes hertz,
in das meer der frühlings-freude.
Brockes 1, 31 (1739);
(farben der blumen)
sencken ihren zarten schein
unsichtbar in einander ein.
6, 75 (1739);
in thier, auch in insecten, so viel verstand und weisheit sencken.
531;
das gefühl für einen in unergründliche tiefe sich senkenden ernst. Göthe 53, 162; (ungewöhnlich:) die armen im tiefen schacht des mönchthums gesenkten menschen. J. Paul kom. anh. z. Titan 1, 33; eine sabbathstille hatte sich in ihre busen gesenkt. Immermann Münchh. 3, 64 (1841); alle wurzeln seines lebens haben sich tief in den glauben seines volkes gesenkt. Freytag werke 17, 210; die keime des lebens, die er in den ackergrund und in die seelen der menschen gesenkt hatte. 348. diese nachricht senkte mich in tiefste bekümmernisz (geläufiger versenkte);
(du) solt dîn herz in riuwe senken.
Walther 37, 5;
Praedo wil noch lieber hencken,
als sich in die wirtschafft sencken (sich versenken, vertiefen).
Logau 1, 78, 17;
alles leiden in vergessenheit zu senken.
Wieland bei Campe;
dasz man die schlüsse der vergangenen sitzungen in vergessenheit senken solle. Schiller 7, 153. im sinne von 1, b:
unser lîp sich zuo der erde senket,
unser sêle gen himel ûf gedenket.
si wil hin, der lîp her.
renner 6133;
wie sie mir mein leben senken
dahin, da kein licht mehr scheint.
P. Gerhardt 307 Gödeke,
die tulipanen gelb und weisz,
die silbernen glocken,
die goldenen flocken,
senkt alles zur erden (der tod).
wunderhorn 1, 98 Boxberger;
schluchzend, an Schmidts busen gesenket.
Hölty 58 Halm;
wie oder wie wird man doch können, von einem solchen geist begehren,
der sich, mit solcher groszen mühe, so viele jahre, tag und nacht,
zu einer höh empor geschwungen, und sich auf einen berg gebracht,
dasz er sich wieder abwerts sencken .. solle.
Brockes 6, 528 (1739);
senkt die sonne den strahl.
Klopstock Mess. 3, 738;
nacht senkt sich herab; je tiefer der winter sich senkte. Göthe 17, 249; senkte der stehenssatte gewissensrath seinen rumpf endlich in den ... sorgestuhl. J. Paul Hesperus 1, 82; sie senkt sich in den stuhl. Grillparzer 6, 54;
da lehnt er, weich, mit matt gesenkten gliedern.
6, 31.
der vogel senkt den flug, lenkt ihn nach unten:
so schwebt in tief gesenktem bogen
um fischbewohnter klippen rand
die möve.
Schiller 6, 398;
bildlich:
hier schwebt sie (die schönheit), mit gesenktem fluge,
um ihren liebling, nah' am sinnenland.
267;
sie (göttinnen) senkten ihren sanften flug
herab zu diesen hainen.
9;
die seele, jüngst so hoch getragen,
sie senket ihren stolzen flug.
Uhland ged. 15 (1864).
eigenartig ist der gebrauch von senken in der bei H. Sachs häufigen wendung seufzen, einen seufzen senken (sinken, entgehen lassen):
fraw königin, da wolt ich mich
gegn dem könig gantz traurig stellen,
seuftzen sencken und zeher fellen.
12, 246, 31 Keller-Götze;
so oft ich seines todts gedenck,
ich einen tieffen seuftzen senck.
388, 14;
(sie) thet vil tieffer seufftzen sencken.
407, 5;
ach wie manchen seufftzen ich senck,
wenn ich vergangner zeit gedenck.
fastn. sp. 2, 105, 1 neudruck.
vergl. Schm. 2, 314. niedriger machen, herabdrücken:
ein himmlischer senkte die fluten.
Voss bei Campe.
übertragen, erniedrigen, schwächen, mindern:
des herzen freude ich senke
swenn ich an sî gedenke.
g. Gerhard 1565;
sîn rîchheit was unmâʒen grôʒ,
unz daʒ sîn got selbe verdrôʒ,
des wart er sô gesenket,
daʒ man sîn noch gedenket.
H. v. Neustadt Apollon. 17;
sô wolte er nu gedenken
ir und an in senken
des ungelouben irrekeit.
pass. 201, 20 Köpke;
anders gewendet:
mit gesencter (tiefer, sich selbst erniedrigender) dêmût
was Bernhardus alsô gût,
daʒ er minnete snôde kleit.
401, 87.
den mut senken, ihn in demütiger niedrigkeit halten, bei Fischart: wie (während) jene den kopff auff die schultern hencken, und wie die kirchen-eulen finstere augen machen: also wollen wir den mut innerlich senken, und das haupt gegen himmel erheben. Garg. 273ᵇ; herabdrücken (wie in älterer sprache): das senken seines standes hatt' ihn ein wenig — stolzer gemacht. J. Paul Hesp. 4, 155; gesenkt, vom schmerz gebeugt: wie sie langsam an dem sonnigen berg ... hinunterschlich und gesenkt lauter heitere, blühende wege des vormittags ging. Titan 3, 50. die stimme, den ton senken, leiser sprechen; die stimme senkte sich zum flüstern. Grimm mit gesenktem ton: mein hauptmann. Schiller räuber 5, 2. gedachte bewegung, zur veranschaulichung räumlicher verhältnisse, sich senken: der pfad senkt sich ins thal; die ebene senkt sich zum flusse hin u. ähnl.;
bald leitet ihn ein sanft gekrümmter pfad,
der sich allmählich senkt zu einer schmalen brücke.
Wieland Oberon 8, 2;
endlos gieszet sich die breite,
grundlos senkt die tiefe sich.
Schiller 11, 304;
zu der alpe grüngesenkten wiesen.
Göthe 41, 7;
auf festen mauern senkt er (der thurm) sich hinab,
bis wo die see an seinen füszen brandet.
Grillparzer 6, 44;
die brücke senkte sich mit ihm wieder ins duftende dämmernde geniste. J. Paul Titan 2, 50; der fels, auf welchem die gebäude lagen, senkte sich hier steil in ein schmales thal. Freytag werke 6, 73.
3)
besondere anwendung:
a)
reben senken (vgl.senke), beschrieben z. b. bei Coler öcon. (1680) 262; von einem guten stocke wird eine rebe abgezogen, so dasz sie am stocke hängen bleibt, und in eine grube (senkgrube) geführt; man deckt die rebe in der mitte mit erde zu und läszt das eine ende etwa vier oder fünf finger weit herausgehen, so dasz ein paar augen in der freien luft bleiben. einige senken blind d. h. ehe noch ein auge ausgeht; später, wenn die senkrebe eingewurzelt ist, wird sie von dem mutterstock abgeschnitten. Jacobsson 4, 140ᵇ; freier für pflanzen: (er hat) edle reben drin (in den weinberg) gesenkt. Jes. 5, 2.
b)
in bergmännischer sprache: man grebt under sich in die tieffe, dasz sie (die bergleute) senken heiszen. quelle bei Veith bergwörterb. 447; einen schacht senken, ihn niederbringen; merkwürdig: über sich senken, einen schacht nach oben führen. Veith a. a. o. einen brunnen senken, die gemauerte brunnenumfassung einsinken lassen. Jacobsson 4, 140ᵇ (vgl.senk-brunnen, -spaten); ab der eyner eynen schacht by den muwer graben adir senken wolde. Magdeb. fragen 1, 19, 1; durch eingesenktes sperren: se senckeden dar mit clenen schepen de havene. quelle bei Schiller-Lübben 4, 190ᵃ.
c)
das herstellen von punzen oder stempeln durch einschlagen weicher stahlstängelchen in eine vertieft gravierte, harte stahlplatte. Karmarsch techn.³ 8, 220; statt der platten benutzt man auch einen würfelförmigen stahlklotz (senkklotz); die prägestempel werden im senkungsverfahren hergestellt. Karmarsch-Heeren a. a. o. 6, 191.
d)
beim skatspiel heiszt senken oder drücken: statt der aufgenommenen zwei im skat liegenden karten zwei andere (oder auch dieselben wieder) aus dem spiele legen. nach Frischbier 2, 338ᵇ. auch senkenbergern; nach demselben bedeutet senken ferner: das spiel eines anderen umwerfen.
Zitationshilfe
„senken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/senken>, abgerufen am 21.09.2019.

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