Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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seuche, f.

seuche, f.
krankheit, von siech abgeleitet, mhd. siuche, starkes f. und schwaches m. mhd. wb. 2, 2, 357ᵇ. Lexer mhd. handwb. 2, 945, ahd. siuhhi, f., aegritudo, molestia, languor Graff 6, 139, got. siukei; vgl. im übrigen siech, adj. mnd. suke Schiller - Lübben 4, 460ᵇ, neund. süke, sük brem. wb. 4, 743. Schütze 4, 222. Dähnert 472ᵇ. Mi 89ᵃ. Danneil 216ᵃ. Schambach 217ᵇ. Woeste 262ᵇ, mitteld. sîchen, f. Kleemann 21ᵃ, schweiz. süch, f. Hunziker 265. wirklich volksthümlich ist das wort nicht in den hochdeutschen mundarten, schon in Luthers bibelübersetzung klang seuche den oberdeutschen fremdartig (Kluge von Luther bis Lessing 82); aber in niederdeutschen gegenden bezeichnet noch wie in alter zeit süke jede krankheit (Danneil 216ᵃ), oder die bedeutung ist in andrer weise eingeschränkt als in der schriftsprache: süke, 'jede schleichende krankheit, besonders hektischer natur, die schwindsucht'. Schambach 217ᵇ. Luther braucht noch den starken plural seuche (s. unter 1) Marc. 9, 1 und apostelgesch. 19, 12. das schwache m., auch in älterer sprache nur vereinzelt vorkommend (vgl. noch Frommanns zeitschr. 1, 260), schwindet später völlig: treyb auss den sewchen des geytz. herzmaner 41ᵇ u. öfter.
1)
zunächst wird das wort in allgemeinem sinne für krankheit gebraucht, diese anwendung ist aber in der ausgebildeten neuhochd. schriftsprache aufgegeben: de vallende suke, stortende suke, epilepsie, der rorende suke, apoplexie, quinende suke, schwindsucht, suke der vrowen, menses. Schiller-Lübben 4, 460ᵇ. 461ᵃ; eyne igliche sewche und gebrechin. Germania 24, 383; fallende seuche, Sanct Valentins plage. Hulsius dict. (1616) 297ᵃ; dat is en mene word: de langhe suke is de wisse dod. Schiller-Lübben 4, 460ᵇ. vgl. brem. wb. 4, 743; die lange seuche ist der gewisse todt. Henisch 1604, 49; ein juncfrouwen wonte zu Lengefelt, die hatte zwei jar den jemerlichen suchin gehat den man nennet daʒ vallinde obil. Köditz Ludwig 90, 30; di vallende suche. 91, 14; alle sewch sint erger dy von übrigen hunger und durst kommen denn die von übrigen essen und trincken werdent. Ortolf v. Bayrlant 13ᵃ; ist dʒ ein frawe ir seuch nit ensicht. 35ᵃ; die seuche, der krebs genant. Luther 1, 539ᵇ; das fallübel, oder die fallende seuche. 8, 28ᵃ; heilet allerley seuche und kranckheit im volck. Matth. 4, 23; krancken, die mit mancherley seuchen beladen waren. Marc. 1, 34; gab jnen gewalt und macht uber alle teufel, und das sie seuche heilen kundten. Luc. 9, 1; der ward gesund, mit welcherley seuche er behafftet war. Joh. 5, 4; (dasz) die seuche von jnen wichen. apostelgesch. 19, 12;
(des panthers athem)
der allen tiern für seuch ist gut.
renner 6100;
daʒ kint mit einer sûche ranc,
di sîn herze sêre betwanc.
Bartsch mitteld. ged. 1, 1169;
Senecio hat eine seuche, daran er sterben musz;
es ist, wie ich berichtet worden, ein neuntzig-jährig flusz.
Logau 2, 216, 31.
die einschränkung des begriffes geht in verschiedner weise vor sich (vgl. oben vor 1); in älterer sprache wird z. b. auf das langwierige der krankheit gewicht gelegt: morbus curabilis est, sed diu durat eine seuche. Trochus prompt. N 5ᵃ; allmählich wird die vorstellung der ansteckung, des heftigen auftretens in einem zeitabschnitte der ausbreitung bestimmend: lues, eine gemeine seuche oder kranckheit, so beyde menschen und viehe betrifft, ein landsterben (hier werden also noch seuche und krankheit gleichwertig gebraucht). Corvinus fons latinit. 375ᵃ (1660); seuche ... idem fere quod siechtum, propr. tamen est morbus contagiosus. Stieler 2017; Adelung bezeichnet die weitere bedeutung als veraltet; indessen wird der prägnante sinn, den wir mit seuche verbinden, bis ins 19. jh. hinein nicht überall festgehalten: unbekante seuche; langwierige seuche, flechtende (a tactu serpens) seuche; erb-, land-, pest- sive sterbeseuche. Stieler 2017; mit der seuche anstecken, mit einer bösen seuche behaftet, die leidige seuche regiert daselbst. Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 790ᵃ; eine tödtliche seuche, die seuche streicht herum, von einer sehr ansteckenden seuche angefochten werden. Steinbach 2, 585; seuch unter dem vieh. Apin. gloss. (1728) 495; die seuche breitet sich aus, legt sich, hört auf. Frisch 2, 266ᵃ; schweiszseuche Adelung; eine schreckliche seuche wüthet. Campe. klauenseuche, lustseuche (syphilis, anders unter 3);
die der seuchen pest auszehrt! die der nahe tod umfasset.
A. Gryphius 1, 57 (1698);
bey frembden seuchen greifft man fremde mittel an (sprichwörtlich, s. Wander sprichwörterl. 4, 547, 7).
58;
frau Baucis aber lehrt der wittrung eigenschaft,
der seuchen art, der kräuter kraft.
Hagedorn 2, 101;
welches geschick dich bezwungen des langhinbettenden todes?
ob auszehrende seuch'? ob Artemis, freudig des bogens,
unversehns dich getödtet?
Voss Od. 11, 172;
schwelgerei und hunger brüten seuchen.
Schiller 1, 221;
gräszlich preisen gottes kraft
pestilenzen würgende seuchen.
299;
(die völker,)
die ihm des hungers und der seuchen wuth
im leichenvollen lager langsam tödtet.
Piccol. 2, 7;
wenn durch das volk die grimme seuche wüthet,
soll man vorsichtig die gesellschaft lassen.
Göthe 2, 13;
(wenn) seuchen still durch stadt und dörfer schleichen.
11, 335;
ledige weibspersonen, die sich einem jeden ohne unterschied überlassen, sind vielfältig von der bösen seuche angesteckt, die manchen guten kerl ins hospital bringt. Möser patriot. phant. 4, 124 (1786); der ansteckenden seuche auszuweichen. Göthe 34, 114; auch von krankem feldgewächs: dat krigt glîk 'ne sü̂ke, et wasset et âwer wêer ût. Schambach 217ᵇ;
eure kartoffeln sollen nie bekommen die seuche,
eure schweine aber immer fette bäuche.
Hoffmann v. Fallersleben leben 4, 267.
2)
freierer und übertragener gebrauch:
ir siuche en was niht alzu grôʒ,
ir was der minne smerze
geslagen an daʒ herze.
H. von Freiberg Tristan 4616;
er hat unser swacheit auff sich genomen, und unser seuche hat er getragen. Matth. 8, 17; in diesem allgemeinen sinne kann das entwickelte nhd. bei übertragenem gebrauche seuche nicht mehr verwenden, es beschränkt sich auch hier auf die vorstellung der epidemie, der ansteckenden, gefährlich um sich greifenden krankheit; so ist uns liebesseuche, affectus amoris (Stieler 2017) fremdartig, aber wir sprechen von einer modeseuche. die weitere bedeutung von seuche wirkt auch bei übertragner anwendung lange nach, wie einige der im folgenden gegebenen belege zeigen: wenn diese seuche eingewurtzelt, so reisze sie der teuffel raus, ich nicht. Luther 20, 572, 19 Weim. ausg.; diese seuche (ehebruch) henget uns nicht an wie ein roter rock. 16, 511, 22; die seuch ist allen leuthen angeborn, dasz sie baldt glauben, was sie hören. Henisch 1636, 8; kein fürwitz, keine seuche zu schreiben. Lessing 4, 464; allein dieses ist schon die gemeine seuche des menschlichen verstandes. Kant 8, 68; bei der gegenwärtigen mode, kalender zu machen (seuche darf ich sie doch nicht nennen, denn man streitet, ob krankheiten aufkommen, die die alten nicht schon gehabt haben, und musenalmanache hatten sie doch wol nicht). Schiller 2, 376; ist diese begierde für's theater zu arbeiten .. fast zur seuche geworden. Göthe 36, 161; es gehört diese seuche (das spiel) mit unter die begleiter des kriegs. 43, 50;
bald bringt man auf die bahn
gereitzt durch aberwitz und dünckel-vollen wahn
ein unerhörte lehr.   (o seuche dieser zeiten!)
A. Gryphius 1, 18 (1698).
die zusammensetzung lustseuche braucht Luther im sinne von libido, s. oben theil 6, sp. 1350.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 696, Z. 47.

seuchen, verb.

seuchen, verb.
krank sein, aus älterem siuchen neben siechen. Lexer mhd. handwb. 2, 909, md. sûchen:
sûchen swînen mûʒ her in elden.
Bartsch mitteld. gedichte s. 89, 184;
mnd. sūken Schiller-Lübben 4, 461ᵇ. im nhd. ist das verbum verschwunden: seuchen, morbo affectum esse Schottel 1415; das geschlecht was in den siechenhäusern der städte zusammen seuchet. Möser patr. phant. 4, 41 (1786). Schottel und Möser sind vom nd. her beeinfluszt, seuchen wol dem nd süken nachgebildet. über dieses nd. süken vgl. brem. wb. 4, 744. Schütze 4, 222. Dähnert 472ᵇ. Danneil 216ᵃ. Schambach 218ᵃ. ten Doornkaat Koolman 3, 362ᵇ. sîken in der mundart von Stiege Liesenberg 214; ausseuchen: Nicanor fluchte gott, das muszte sein gantzes heer ausseuchen. Mestwert fluchspiegel (1674) 63. nhd. verseuchen ist von seuche gebildet.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 698, Z. 40.

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Zitationshilfe
„seuchen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/seuchen>, abgerufen am 18.10.2021.

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