seufzen verb
Fundstelle: Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 701, Z. 27
'geschieht auf zweyerley weise, entweder dasz man den athem stark und meistens unterbrochen zurückzieht ..., oder denselben samt der stimme von sich heraus stöszt'. Frisch 2, 266ᵃ; gewöhnlich sind beide bewegungen bei seufzen verbunden: seufzen, 'den athem mit einem diesem zeitworte angemessenen klange in sich ziehen und wieder ausstoszen.' Adelung; mhd. siufzen (älteres siuften verdrängend, s. oben seuften) mhd. wb. 2, 2, 722ᵃ. 723ᵃ. Lexer mhd. handwb. 2, 947; ahd. sûftôn ist verwandt mit dem starken verb. sûfan, nhd. saufen, eigentlich schlürfen (ohne unedlen nebensinn), bezeichnet also zunächst das einschlürfen der luft. gemere, suff-, seuff-, seunffzen Dief. 259ᵃ; ingemere, sifftzen, sifczen. 298ᵃ; gemere, ersaufftzen. nov. gloss. 190ᵃ; fast seufftzen, ingemere Dasypodius; seufftzen, als vom kumber. Maaler 371ᵇ; gunsen, seufftzen Henisch 1781, 66; seufftzen, den athem tieff holen. Hulsius dict. (1616) 297ᵃ; suspirare, den athem in die höhe lassen, seufftzen. Corvinus fons lat. (1660) 626ᵇ; seuftzen, gemere Schottel 1415; sîfzen, sûfzen Liesenberg 214. vgl. auch seunften, seunfzen.
1)
als zeichen unterdrückten kummers, stillen schmerzes, des bangens, des sehnens, des bedauerns, der resignation u. ähnl.: las fur dich komen das seufftzen der gefangenen. ps. 79, 11; ich wil meine aller-untertähnigste, treu-gehorsamste pflichtschuldigkeit hierinnen seufzend contestiren. Butschky Pathm. einführung; ists ein unglücklicher, der meiner hülfe bedarf? er soll nicht mit seufzen von hinnen gehn. Schiller räuber 2, 2 schauspiel;
die kiusche und die kurteise
ein siufzen dâ erscheinete.
H. von Freiberg Tristan 1491;
ich höre seines seufzens stimm.
P. Gerhardt 134 Gödeke;
er flieht von dannen, ich seufze.
E. von Kleist 2, 24 (1760);
du, der ewig um mich trauert,
nicht allein, nicht unbedauert,
jüngling, seufzest du.
Gotter 1, 12 (1787);
wie, du seufzest? — hast wohl schon gewählet?
Grillparzer⁴ 3, 15;
und er kehrte langsam, seufzend
heim zur vielgeliebten tulpe.
Immermann 12, 18 Boxberger.
mit sinnverwandten verben verbunden: klagen und seufzén, weinen und seufzen. Frisch 2, 266ᵇ; benimt traurn und üppigz seufzen. Megenberg 449, 28;
du wirst heut sufzen und karmen.
Homulus 656.
besondere stimmungen; sehnsucht, liebesverlangen (vgl. unten nach jemandem seufzen):
läuft eine fürstin Eboli gefahr,
umsonst und unerhört zu seufzen?
Schiller don Carlos 2, 8;
hätt' ich doch nicht geglaubt, dasz eine göttin selbst mich zum senfzenden liebhaber umschaffen könnte. Göthe 20, 110; inbrünstiges beten, fromme zerknirschung: andächtiges seuftzen einer frommen seele. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 790ᵇ; welcher heylig seufftzet, schreiet, klagt, rufft nit uber seyn eigen fleisch und boszen lust. Luther 7, 333 Weim. ausgabe. freier: und er seufftzet in seinem geist. Marc. 8, 12; dasz er das kamerale nicht zum fach genommen hat, werden die Sullys in ihren cabinetten seufzen Schiller räub. 1, 2 schausp. er seufzet sehr tief. Stieler 2012; laut seuftzen Steinbach 2, 585; innigst seuftzen, trahere suspirium ex intimo ventre. ebenda; heimlich seufzen Frisch 2, 266ᵇ; sol elend sein, und von hertzen seufftzen. Jerem. 15, 9; bitterlich soltu seufftzen. Hes. 21, 6;
sîn hôhe tugentlîche zuht
twanc in sufzen vil tief.
pass. 41, 31 Köpke;
mit leidigem mûte
sûfzete er vil sêre.
194, 77;
sie seuffzten scharff und sehnten sich.
Günther 58;
heut ist man objectiv gesinnt,
er ist denn objectiv;
doch morgen ahnt die welt und minnt,
da seufzt er brunnentief.
Grillparzer⁵ 2, 176.
wendungen mit präpositionen; für jemanden seufzen, in liebessehnsucht: im ganzen Genua ist kein edler, der nicht einst für die närrin seufzte. Schiller Fiesko 4, 10 bühnenbearbeitung. s. unter vor. nach: nach einem seufzen, desiderio alicujus gemere; er seufzet sehr nach dem gelte; ich seufzete nach nichts mehr, als dich zusehen. Stieler 2012; nach eines wiederkunft, nach geld und gut, nach einem amt seufzen; was das aug nicht sihet, darnach seufzet das hertz nicht; nach dem himmlischen vatterland seufftzen. Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 790ᵇ; sich selb und gottis gericht nit erkennen und nach seiner barmhertzickeit nit seufftzen. Luther 7, 439 Weim. ausg.; und ob es wol unmüglich ist, das wyr so volkomen mügen werden, so sollen wyr dennoch darnach seufftzen. 15, 499;
man seufzt nach einem frohen tage.
Cronegk 2, 253 (1765);
arme Narcissa, die in der blüthe des lebens, des alters
mangel schon fühlt, nach freuden seufzet.
Wieland suppl. 2, 265;
nach dir seufzen, dich vermissen,
wird der freundschaft treues herz.
Gotter 3, ⅬⅩⅩⅠⅤ (1802).
kühnere wendung:
hofnung der ewigen freide, (wohin wir ohne unterlas, als nach dem einzigen zwek unserer glückseligkeit seufzen).
Butschky hochd. kanz. 872.
über: über sein unglück, seine sünde seuftzen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 790ᵇ; über des landesherren grausamkeit seuftzen. Steinbach 2, 585; die kinder Israel suffzeten uber jre erbeit. 2 Mos. 2, 23; seufzt über die elenden zeiten. Schiller räuber 1, 2 schauspiel;
lasz unter der gewalt die völcker ja nicht schreyen,
ihr seufftzen über dich, das wird gen himmel steigen.
Olearius pers. rosenthal 1, 29.
um: es seuftzen ihrer viele um sie. Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 790ᵇ; Adelung hält solche wendungen merkwürdigerweise für veraltet; seufze dabei, um kraft aus der höhe. Butschky hochd. kanz. 724;
ich seufze wahrlich nicht um seltne stufenjahre:
wer wohl zu sterben weisz, stirbt allzeit gnug betagt.
Hagedorn 1, 29;
um das pfand, das sie verloren,
seufzt die mütterliche treu.
Gotter 1, 184.
unter: unter dem joche des eroberers, unter dem druck der armuth, unter schwerer armuth seufzen;
ganz Deutschland seufzte unter kriegeslast.
Schiller Piccolomini 2, 7.
vor: für mitleiden seuftzen. Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 790ᵇ; fur angst des geists seufftzen. weish. Sal. 5, 3;
ein buhler seufz vor liebe:
ich lache beim wein.
Cronegk 2, 234 (1765).
zu: zu gott seuftzen. Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 790ᵇ; darumb is es von nothen, das wir tzu Christo seufftzen. Luther 9, 158 Weim. ausgabe. für uns fremdartig: seufftzet nicht widernandern, lieben brüder, auff das jr nicht verdampt werdet. Jacob. 5, 9. das seufzen verbindet sich mit gesprochnen worten: so seufftze du mit der jungfrau Maria: mir geschehe wie du gesaget hast. Schuppius 194; ohne an die brust zu schlagen und zu seufzen: gott sey mir sünder gnädig. Schiller räuber 2, 1 schauspiel;
und also schien ihr sein — ist's möglich?
in tragischem tone so herzbeweglich
geseufzt, ein wenig lächerlich.
Wieland 21, 51 (liebe um liebe 3, 287)
denn, wer euch ziehen sieht, geweihte
des vaterlandes! seufzt in sich:
zu schön, zu grosz ist diese beute,
du ungeheuer, krieg! für dich.
Göckingk 1, 263 (1780);
wie der pilger den quell suchet, so sucht' ich dich,
ach, und seufzete: ruh, bist du, wie morgentraum,
mit den jahren der kindheit,
denn auf ewig von mir entflohn.
Hölty 75 Halm;
vielleicht gedenkt sie meiner,
beim erwachen, und seufzet: armer jüngling,
warum waltet ein anstern über unsrer
liebe?
84;
knirschend sich den platten busen schlagen,
und seufzen: sie ist wahrlich schön.
180.
2)
von thieren: o wie seufftzet das vihe, die rinder sehen kleglich. Joel 1, 18; jre jungfrawen werden seufftzen, wie die tauben. Nahum 2, 7. auf die kirche gedeutet: stetes seuftzen der taube, das ist der heiligen kirche. Kramer deutsch - ital. dict. (1702) 2, 790ᵇ; so offt ich höre ein belästigtes, hungriges, oder sterbendes tier, seuffzen und schreyen. Butschky Pathm. 159; die armen (vögel), eingebauert seufzen sie um freyheit. Klinger 1, 199; besonders vom klageton der nachtigall:
(sie) seufzt unaufhörlich und jammert.
E. v. Kleist 2, 31 (1760).
3)
auf unbelebtes übertragen; vom winde: (ich höre) den seufzenden windlaut durch die rizen des thurms. Schiller räuber 4, 5 schauspiel;
wie dem, der glücklich ist, die ganze schöpfung lächelt,
seufzt jenem (dem unglücklichen) Zefyr selbst, der Florens busen fächelt.
Wieland 17, 139 (Idris u. Zen. 3, 11);
(wenn) der west im laube seufzt.
21, 204 (Klelia u. Sinibald 2, 176)
wellen: die wellen schlagen seufzend an's ufer. Bettina tagebuch 69. von abstracten: die mitternacht seufzte in den bäumen. Hebel 2, 214. knarrende geräusche: es seufzten mir die thürangeln des langsam aufgehenden stadtthors .. entgegen. Arnim Hollins liebeleben 78 Minor;
man schreibt, es seufzen pult und pressen.
Cronegk 2, 253 (1765);
vermenschlicht:
seufzet er mit, wenn von erndtelasten
der wagen seufzt.
Klopstock 2, 45.
4)
freierer gebrauch in gehobener sprache; besondere wendungen, mit dem accusativ des objects: seufzer seufzen; kein printz wird leichtlich gefunden, der nicht einen von diesen dreyen seufzern müsse seufzen. Butschky Pathmos 715;
der arme dulder zieht zuvor aus tiefer brust
den längsten seufzer heraus, der je geseufzet worden.
Wieland 4, 136 (Amadis 6, 24);
mit einem empor geseufzeten dank für diese pfingststunden. J. Paul Hesp. 3, 200;
was sie weint, das weinet sie mit wonne;
was sie seufzt, das wehet himmelan.
Bürger 98ᵇ;
liebe seufzet ihre kehle;
o wie könnt' es klage seyn.
115ᵇ;
schon vor der morgen-sonn,
hab' ich einsamer ihren nam
am wasser-fall geseufzt.
Geszner 3, 126;
seufzt ihr dem heuchler jedes hohle ach
mit der geschwätz'gen echo redlich nach.
Arndt ged. 403 (1840).
ungewöhnlich für beseufzen:
mag seufftzen einen streit,
den wieder sich noch führt die arme christenheit.
P. Fleming 197 (1666).
der kummer selbst ist es, der seufzt:
tief seufzt aus mir der kummer:
o himmel, wär ich noch ein kind.
Gotter 1, 175 (1787);
kühner:
sag' es mit einem durchdringenden ach, das meinem ach gleichet,
das aus innerster brust klage seufzet.
Klopstock 1, 22.
angabe der wirkung: einem die ohren voll seufzen; ach mademoiselle, sie würden mich zu tode seufzen. Möser patriot. phant. 3, 51 (1778); reflexiv: wo liebende sich zu schatten seufzten. quelle bei Campe; ich seufftze mich müde und finde keine ruge. Jerem. 45, 3; von jungen stutzern, die sich fast zu krüpeln seufzen. Rabener schriften 1, 124 (1777);
wir sehnen und seufzen uns krank.
Bürger 56ᵃ.
besondere wendung:
(die nachtigall) scheint bey jeglichem seufzer
aus sich ihr leben zu seufzen.
E. v. Kleist 2, 32 (1760).
einem seufzen: nicht mehr nach ihm weinend, nicht mehr ihm seufzend. Klinger theater 2, 326;
gott, sein gott, du hast ihn verlassen!
dir, dir seufzet er.
Klopstock Mess. 10, 700.
freierer gebrauch des part. präs.: so seer erbeite ich in einem seufftzenden leben. Luther 3, 17ᵇ;
ein seufzender roman zu dieser zeit gelesen.
Göthe 7, 17.
seufz, seufze, seufzen m
Fundstelle: Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 700, Z. 47
seufzer. mhd. sûfz (Elisabeth 9604), st. m., siufze, sûfze, sw. m. mhd. wb. 2, 2, 722ᵇ. Lexer mhd. handwb. 2, 946. 1290; das z ist wie in siufzen (s.seufzen) aus älterem t entstanden: seufft, gemitus Dief. nov. gl. 190ᵃ; mhd. siufte, sûft; nld. zucht. vgl. althochd. sûftôd, gemitus, singultus Graff 6, 173. im nhd. ist seufze durch seufzer verdrängt worden, hat sich aber doch sehr lange gehalten: gemitus, seunfftz, seyftz, suffczen Dief. gloss. 259ᵇ; suspirium, seunfftz 569ᶜ; sünftz nov. gloss. 190ᵃ; seufftze, gemitus Dasypodius; der seufftzen, suspiratio, suspirium, gemitus Maaler 371ᵇ; seufftze, m., un gemissement, un souspir Hulsius dict. (1616) 297ᵃ;
vil manger herter seuffzen stôs.
O. v. Wolkenstein 46, 1, 10;
ja meine seuftzen, sünden, pein,
also mich überwinden.
Weckherlin (1648) 139;
ein seufz ausz einer edlen brust.
450;
die seufftzen die mein' angst und qual genug bezeugen,
nicht seufftzen seyn, weil sich nicht seufftzen so ereugen.
die seufftzen halten ja biszweilen inn' und still',
und von viel hauchzen ich doch kein' erleuchtrung fühl.
D. von dem Werder Ariost 23, 207;
er hört die seufzen deiner seelen
und des herzens stilles klagen.
P. Gerhardt 275 Gödeke;
nicht dieser thränen bach, nicht dieser seufftzen wind.
A. Gryphius 2, 340 (1698);
bisz an letsten seufftzen oder an letsten zug, usque ad extremum spiritum. Maaler 371ᵇ; ein unauszsprechlicher seufftz zuͦ got. Franck paradoxa 124ᵃ; weil .. gott der herr .. alle seufftzen der frumen in seinen sack samlet. Gretter erkl. d. ep. Pauli a. d. Römer (1566) 499; wiewol er manchen schweren seufftzen von jm hören thet. buch d. liebe 250ᶜ. besondere wendungen: einen seufzen lassen: ein seufftzen lassen, ein grossen seufftzen ausz grund seins hertzens lassen; ein buͦler seufftzen lassen, mit seufftzen anzeigen, dasz einer ein buͦler ist. Maaler 371ᵇ; mine süftzen die ich dick gelassen hab. N. v. Wyle transl 33, 14 Keller; darumb so liesz sie einen herten seufftzen. Fierrabras (1533) C 5ᵇ; darumb liesz er eynen grossen seuftzen Aimon (1535) t 2ᵇ; hat er den grafen grasz und scheuzlichen angesehen, auch ein grosen seufzen gelasen. Zimm. chron.² 4. 83, 39; abermals ain schwären seufftzen liesz. Montanus schwankb. 146, 1 Bolte; liesz ein groszen und schweren seufftzen. Frey garteng. 84, 14 Bolte; liesz er einen seufftzen uber den andern. buch d liebe 11ᵃ; nehmen: einen tieffen seufftzen nemmen. Maaler 371ᵇ; seufze geht von herzen: da das die frauw vernam, ihr ein grosser seufftz von hertzen gieng. Montanus schwankb. 196, 16 Bolte; gehen, fahren lassen: liesz also ein seufftzen uber den andern auszgehen. buch d. liebe 18ᵃ; die jungfraw schweig still, aber sie liesz gleichwol manchen seufftzen von jhr fahren. 16ᶜ; einen seufzen thun: wie manchen tieffen seufftzen er ausz glauben, uber solche seine sünde gethan hat. Gretter ep. an die Röm. (1566) 147; senden, nachsenden:
mein hertz jr manchen seuffzen send.
Ambr. liederb. nr. 57, 43;
manchen hertzlichen seufftzen und süssen segen jhn nachhin sandten. buch d. liebe 249ᶜ; meine deszwegen in die lufft geschickte seufftzen gezehlt hätte. Simpl. 4, 23, 31 Kurz; meine ineinander gesetzte seuffzen. unw. doctor 310. seufzen senken, s. oben senken 2, sp. 594.
seufzen verb
Fundstelle: Lfg. 4 (1900), Bd. X,I (1905), Sp. 704, Z. 6
rinnen: und ob das bluͦt nit gleich verstünde, und noch seuffzen oder rynnen würd das loch. Gersdorf feldbuch der wundarznei (1528) 54; vgl. oben seufern und seuften.
Zitationshilfe
„seufzen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/seufzen>, abgerufen am 09.12.2019.

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