Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sichtbarlich, adj. adv.

sichtbarlich, adj. adv.,
gleichbedeutende weiterbildung zu sichtbar. schon im 15. jh. nachzuweisen, vgl. Weigand 2, 706: das es wol sichtperlich sei. steir. taid. 2, 35 (handschrift vom j. 1434 bez. 1448). der hier erscheinende umlaut der zweiten silbe ist den ältern bair.-österr. quellen eigenthümlich, vgl. Aventin unter 1, a. mit ausfall des t: weiter streckt sich solchs stuck von dem êgedachten flusz Erlafa .. pis mitten auf den perge bei den winden, Colomezza genant, do dan in zwaien paumen sichperliche zaichen angezaigt werden. Aventin werke 1, 163, 11. jetzt weniger üblich.
1)
als adj.: sichtbar, sichtig, sichtlich, et sichtbarlich, adj. et adv. aspectabilis, visibilis. Stieler 2022. schon von Adelung als veraltet bezeichnet, doch findet es sich in poetischer wie in volksthümlicher rede auch noch im 19. jahrh. die bedeutung gliedert sich wie bei sichtbar, das oft ohne jede sinnesnuance daneben steht.
a)
vgl. sichtbar 1: es sind zwar alle menschen natürlich eitel, so von gott nichts wissen, und an den sichtbarlichen gütern, den, der es ist, nicht kennen. weish. Sal. 13, 1; weil denn Lucas und Paulus mit den worten, das ist der kelch, nicht deuten auff den sichtbarn leib oder auff das sichtbare blut Christi, sondern auff den sichtbarlichen kelch, ... so müssen wir auch sagen, das Mattheus und Marcus eben von demselben sichtbarn kelch reden, und nicht vom sichtbaren blut Christi. Luther 3, 71ᵇ; nit das Christus das zeitlich sichtpärlich kaisertum, pabstum und künigreich hie auf erden in diser welt, .. sunder das unsichtpärlich himlisch ewig erlangt hab. Aventin chron. 1, 730, 20; ist also die mahlerey eine schöne kunst, welche die gestalt aller sichtbarlichen und unsichtbarlichen dinge fürstellet. Butschky Pathm. s. 392; ja ich kam so weit, dasz ich nicht allein von den sichtbarlichen creaturen, sondern auch von dem abgesagten ertzfeind desz menschlichen geschlechts, dem teufel selbst, zu lernen unterstunde. Simpl. schriften 3, 424, 19.
b)
sichtbar in relativem sinne, besonders prägnant, weithin zu sehen, in die augen fallend: so zeucht er (der saracenische prediger) ein schwert aus, und helts blos in der hand, so lange er predigt, oder stellets an einen hohen sichtbarlichen ort, zum schrecken. Luther 8, 26ᵃ; demnach und zu menigelichs nachrichtung wiert jedem wiert und gastgeben ain gleichfermige ordnung in seiner wiertsstuben an sichtbarlichen ort aufzuschlagen behendigt. tirol. weisth. 1, 20, 41.
c)
mehr geistig gewendet, vgl. sichtbar 7: als sie in der schul Christi länger unterrichtet worden, und hernach am pfingsttag die sichtbarliche gaben desz h. geistes empfangen haben. Schuppius 650; deutlich, evident, augenscheinlich, offenbar: er erzähle ihm die betrübte geschichte jenes griechischen fechters, an welchem die götter sichtbarliche zeichen und wunder gethan. Rabener (1777) 2, 194; aber der regen da, das ist ein sichtbarlich strafgericht vom himmel. Ludwig 2, 202; das ist sichtbarlich. 207;
und noch dazu die wangen gelb und grün,
des gift'gen neides sichtbarliche strafe.
Schiller 1, 327 (Semele 1);
es ist des himmels sichtbarliche fügung.
12, 81 (Piccol. 1, 2).
hier liegt eigentlich eine art verkürzter construction zu grunde, denn der genaue sinn der letzteren wendung z. b. ist nicht 'eine fügung welche sichtbar ist', sondern: 'es ist offenbar, dasz dies eine fügung des himmels ist'. gerade in dieser gebrauchsweise hat sich das adj. sichtbarlich am längsten gehalten.
d)
sichtbarlich in prädicativer fügung unterscheidet das heutige sprachgefühl nicht scharf vom adv.erkennbar:
sieh da! sieh da! am hochgericht
tanzt' um des rades spindel
halb sichtbarlich bei mondenlicht
ein luftiges gesindel.
Bürger 15ᵃ.
leibhaftig: denn wenn auch die weisheit selbst in person zu ihnen herab stiege und sichtbarlich unter ihnen wohnen wollte. Wieland 25, 95 (göttergespr. 6).
2)
häufiger als adverb. so schon gegen 1500 sichtberlich, visibiliter, im voc. incip. teuton. t 6ᵃ, s. Weigand 2, 706. Dief. gloss. 623ᵇ. die ältern nhd. wörterbücher kennen es ebenfalls nur als adv.: sichtbarlich, aperte, dilucide Maaler 373ᵇ, viliblement Hulsius 297ᵇ, sichtbar, sichtbarlich, visibilmente Kramer dict. 2, 739ᶜ, visibiliter Steinbach 2, 561. (Adelung und Campe scheinen das adj. nur aus der unter 1, a angeführten bibelstelle zu kennen.) jetzt ist es auch in dieser verwendung minder üblich geworden und meist durch sichtlich ersetzt (mit dem es schon in der stelle aus Luther wechselt). in bezug auf die wahrnehmung des äuszern auges: also lebete Christus da ynn got verporgen und heymlich, darnach fur er auff sichtbarlich, also wird er auch sichtlich widderkomen am jungsten tage. Luther 20, 428, 32 Weim. ausg. (vgl. 1, d); da er auch sichtbarlich gen himmel gefaren (ist). Franck weltb. 179ᵇ; gottes sohn ist sichtbarlich im fleisch erschienen. er wird auch wiederum sichtbarlich aber herrlich kommen alle welt zu richten. Kramer diction. 2, 739ᶜ;
erst that es an der linken
nur ganz verstohlen blinken;
doch an die rechte traut
gott sichtbarlich die braut.
Körner 1, 82 Fischer (schwertlied).
so dasz man es sehen kann, deutlich, merklich, zusehends: er hielt inne, wurde sichtbarlich unruhiger. Schiller 4, 230; sie erschrak sichtbarlich, da sie meine schattenlosigkeit bemerkte. Chamisso 2, 291 Koch (Pet. Schlem. II);
doch, was sie sagen mag, ihm steigt die fieberhitze
mit jedem pulsschlag sichtbarlich.
Wieland 5, 119 (Amadis 16, 11);
verdrossenheit und trübsinn mahlte sich
in blick und gang und stellung sichtbarlich.
9, 3 (Musar. 1);
so schlug doch unter ihrem mieder
ihr kleines herz so sichtbarlich empor.
21, 175 (Klelia 1, 192);
indess arbeitet ...
in ihres fräuleins brust ein mächtiges geheimniss,
und drückt und preszt sie sichtbarlich.
364 (8, 259);
und dieses alles malte sich
so unverkennbar in geberden, mienen, zügen,
als hätt' ihm auf die stirne sichtbarlich
natur geätzt: 'kehr' ein, mit deinem trosz, vergnügen!
hier ist ein feenschlosz für dich!'
Gotter 1, 321;
sein blutend herz, als sucht' es mich,
schlug dreimal hoch empor,
und dreimal flog es sichtbarlich
aus seiner wund' hervor.
Hölty 185 Halm.
von geistigem wahrnehmen, vgl. 1, c: sichtbarlich unsinnig sein, apertissime insanire Maaler 373ᵇ; bester Agathon! erwiederte sie, in diesem augenblicke betrügt dich doch wohl deine fantasie sichtbarlich! Wieland 3, 418 (Agathon 15, 3); er nannte mir verschiedene prinzen, welche sichtbarlich gestraft worden wären, weil sie juden, christen, gebern und banianen in ihre staaten aufgenommen. 6, 209 (gold. spieg. 1, 8);
allein von Hüon wich zur stunde sichtbarlich
sein guter geist.
22, 263 (Oberon 6, 28).
in activer bedeutung (vgl. sichtbar 9): demnach sollen die falten jederzeit mit bescheidenheit natürlich geleitet werden, dasz man die gliedmaszen darunter sichtbar- und erkantlich .. wahrnehmen möge. Sandrart acad. 1, 63ᵇ.
3)
ein ganz anderes sichtbarlich (zu sichten I) findet sich in dem Nürnberger voc. teuton. von 1482: taratantarisabilis ... sichtperlich Dief. gl. 573ᵇ. vgl. sichtiglich 3 und sichtlich 3.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 742, Z. 76.

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Zitationshilfe
„sichtbarlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sichtbarlich>, abgerufen am 27.10.2021.

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