Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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sichte

sichte,
s. sicht 10.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 744, Z. 69.

sichten, verb.

sichten, verb.
I.
sieben.
A.
formales.
1)
sichten ist eine nd.-niederrheinische nebenform des niederd. siften, ags. siftan, engl. sift, vgl. Skeat 553ᵃ, also eine t - ableitung derselben wurzel, die auch in sieb (vgl. daselbst) steckt. diesen zusammenhang hat schon Steinbach 2, 589 erkannt ('forsan a voce sieb, hinc siebicht, contr. sibcht, abjecta litera b sicht, cum qua convenit notione'); die ableitung von siften steht schon bei Wachter 1522. Frisch 2, 274ᵃ stellt zwar sichten hinter sieb, leitet es aber trotzdem von sehen ab (mit dem merkwürdigen zusatz: sichten, woraus holländisch sifften, und ober - teutsch sieben); ihm widerspricht Adelung, der es mit seihen, säen u. s. w. zusammenstellt (ebenso Grimm gr. 2, 211 und Frommann 7, 188 f.) und in sieb ein andres suffix annimmt. s. ferner Scherz-Oberlin 1495. Andresen volksetym.⁴ 258 und zum ganzen Weigand 2, 706. Kluge⁶ 364ᵃ.
2)
sichten ist also zunächst im nd.-nl. zu hause, mnl. sichten, holl. zichten (neben ziften), s. Franck 1205 f.; mnd. sichten Schiller-Lübben 4, 203ᵃ. 6, 261ᵃ, erst aus dem 15. jahrh. zu belegen (die belege s. unten): cribrare ... hd. sichten. sychten, nd. zichten, schichten Dief. gloss. 157ᵇ, taratantarizare 573ᶜ. nov. gloss. 358ᵇ (nd.), nd. sichten pollitriduare Dief.-Wülcker 854 (durchweg aus nd. glossaren des 15. jh.). auch in heutigen nd. mundarten noch lebendig, s. Dähnert 423ᵃ. Danneil 191ᵇ. Stürenburg 245ᵇ. Woeste 235ᵇ. Frommann 5, 165, 103 (märkisch). dagegen siften brem. wörterb. 4, 780, beides neben einander ten Doornkaat Koolman 3, 181ᵃ (hat in den beispielen ausschlieszlich siften). ferner preusz. sichten Frischbier 2, 340ᵃ, in den Ostseeprovinzen Hupel 218 ('sichten sagt man fast durchgängig statt sieben, aussieben, durch ein sieb reinigen'). auch ins dän. und schwed. als sigte bez. sikta übernommen.
3)
in die nhd. schriftsprache ist sichten erst durch Luthers bibelübers. gekommen (s. die belege unter B, 2). so ausdrücklich angegeben: durch ein enges sieb reitern, sieben, vel ut rectissime reddit Lutherus Luc. 22. 31. siechten. Corvinus fons lat. 142ᵃ. wie fremd es den andern landschaften war, erhellt daraus, dasz der Baseler nachdruck v. 1523 es erklärt: sichten, seyhen, reütteren, s. Frommann 6, 44ᵃ. die Ingolstädter, Wormser und Züricher bibeln setzen reitern dafür ein, s. Kluge von Luther bis Lessing 82. Lindmeyr d. wortschatz in Luthers .. übers. des neuen test. 87. ferner ist zu beachten, dasz die ältesten (oberd.) wörterbücher sichten gar nicht kennen, die spätern es noch durchweg als landschaftlich bezeichnen: sieben cribrare, sichten saxonice Schottel 1416; sieben, et sax. sichten Stieler 2014; Steinbach 2, 589 bezeichnet es durch vorgesetztes kreuz als 'vox obsoleta'; Frisch 274ᵃ hat: sichten, in Ober-Sachsen, cribrare, cribro secernere, da er indessen die beiden stellen aus Luthers bibelübersetzung hinzufügt, so ist offenbar auch für ihn dies die einzige quelle. auch in den eigentlichen hochd. mundarten scheint sichten nicht vorzukommen (nach Adelung 'nur in den gemeinen sprecharten Ober- und Nieder - Deutschlands' — ?).
B.
bedeutung.
1)
im ursprünglichen, eigentlichen sinne, durch ein sieb reinigen, besonders von korn und mehl; 'sichten, ausdruck für sieben, in der müllerei gebräuchlich' Karmarsch-Heeren³ 8, 232. in der gewöhnlichen schrift- und umgangssprache nicht sehr üblich: so dann noch etwas unsaubers übrig ist, das sichten sie mit dem siebe (cribro cernunt), damit es rein (sauber) getreide werde. Comenius sprachenth. 400; der söhne weiber kochen, waschen, malen, sichten, backen. Hennenberger preusz. landt. 161.
2)
vergleiche und bilder, in denen die eigentliche bedeutung deutlich erhalten ist: ich wil ... das haus Israel unter allen heiden sichten lassen, gleich wie man mit einem sieb sichtet. Amos 9, 9; der Satanas hat ewer begert, das er euch möcht sichten, wie den weitzen. Luc. 22, 31;
Walter. es fehlt an vorschriften, ganz recht. vielmehr,
es sind zu viel', man wird sie sichten müssen.
Adam. ja, durch ein groszes sieb. viel spreu, viel spreu!
H. v. Kleist der zerbr. krug 4;
zu lehren und zu bessern, zu sichten sonder scheu
den glauben von dem wahne, den weizen von der spreu.
Chamisso 1, 212 Koch (Abba Glosk Leczeka).
ebenso ist das bild des siebes in folgender stelle deutlich durchscheinend: die düstern hohen mauern mit den schmalen fenstern, die das helle freche welt-licht nur verdunkelt durchlassen, als ob sie es sichteten. Hebbel (1891) 2, 101 (Mar. Magd. 1, 5). vermutlich liegt es auch der folgenden ungewöhnlichen metapher zu grunde:
dat de radt wart so vornichtet
unde dorch de treppen sichtet (die treppe hinunter geworfen).
d. städtechron. 16, 118 (schichtsp. 525).
3)
wie das wort selbst im nhd. durch die bibelübersetzung verbreitet ist, so auch die darin vorliegende bildliche anwendung auf den menschen. namentlich den ältern belegen liegt deutlich die stelle Luc. 22, 31 als vorbild zu grunde: wenn uns gott vom teuffel sichten oder sieben lesset. Mathesius 130. psalm (1565) R 4ᵇ; (darum) füret gott die seinigen .. inn versuchung, unnd lesset sie tieff hinein in der hellen rachen sincken, unnd jhnen alles vertrawen, rhum, vermessenheit .. sichten, und auszredern. D 3ᵇ; wer in diser schul gewesen, oder ins teufels siebe gesichtet und gerüttelt ist, der erferts, was in solcher angst für sprew, staub unnd hülsen, vons menschen hertz und gerechtigkeit durchfelt. 4ᵃ;
wente nu is de rechte tit
(wo Lucas schrift mit vlit),
dat de satanas de menschen wil sichten,
de nu den rechten gloven bichten;
de averst dem gloven fallen af,
sint des duvels lichtferdige kaf;
mank den kettern werden de frommen probert,
als reine weite des heren bewert.
Daniel von Soest s. 244 Jostes (dial. 443);
Luce das zwey und zweintzigst on
zeigt Christus, sprach Simon, Simon,
der sathan hat ewer begert,
dasz jr durch jn gesichtet werd.
H. Sachs 4, 1, 87ᵃ;
aus eignen kräfften kan ich nicht
disz, was du mir befiehlst, verrichten.
ich schreite bald aus meiner pflicht,
die hölle suchet mich zu sichten.
Chr. Gryphius poet. wälder 50;
der satan sichtet mich umsonst durch hohn und spott.
88;
der feind, so mich und alle sichtet.
Günther 63.
die (eigentlich miszbräuchliche) anwendung von sichten auf den einzelnen menschen begegnet auch sonst in der ältern sprache und beruht wol überall auf ungenauem verständnis derselben bibelstelle:
sie pflegt, sie liebt den blöden mann, den viele schwere fälle sichten.
Günther 441;
du kennst mein hertzeleid, womit mich feinde sichten.
476;
vgl. auch:
die langmuth lacht, und thut nur so,
damit sie deine boszheit sichte.
131.
in wiedergabe fremder redeweise:
ich will in deinem breiten eardinalshut
dich sichten (l'll canvass thee), wo du fortfährst in dem trotz.
Shakesp. Heinrich IV, 1. theil 1, 3.
meist in freierem sinne, prüfen:
sey freund von allen; aber lange sichte
und prüfe scharf und fass' in jedem lichte,
und blicke tief bis auf den grund
dem manne, dem du in die arme sinkest.
Seume ged. (1826) 12.
auch für reinigen, 'verfeinern': sein (Lessings) Tellheim ist ein von allen seiten geprüfter, militairischer charakter; alles, was um ihn steht, was ihm begegnet, sichtet ihn das ganze stück hindurch moralisch. Herder 17, 185 Suphan (hum. br. 37); ein solcher schwärmer, ein dreimal gesichteter phantast will vom denken sprechen? Tieck 3, 278;
so, und so feingesichtet, schienest du
(such and so finely bolted didst thou seem).
Shakesp. Heinrich V, 2, 2.
4)
jetzt wird sichten meist im allgemeineren sinne gesagt für (das gute vom schlechten) sondern überhaupt, ohne dasz man dabei noch an das sieb als mittel dächte. so zuweilen eigentlich vom reinigen des flachses:
dasz er euch gelenk und weich sey
wuszt' ich feinsten flachs zu sichten.
Göthe 41, 34 (Faust II, 1).
besonders aber bildlich in mannigfachen übertragungen und nuancen: ich werde diese einsamkeit zu nutzen suchen, um meine grillen zu sichten. Hamann 7, 324; dieses aber sollte man auch wissen, unterscheiden und sichten. Göthe 26, 342; man konnte dieses buch bequem zum grunde legen, das alte wunderbare nach und nach sichten und auslöschen. 54, 19; wenn dann die sterne ausgelöscht, und die himmel gespaltet, und die berge gesichtet werden sollen. Klinger 7, 138; Kant ... prüfte und sichtete das ganze philosophische system. W. v. Humboldt an Schiller s. 37 Muncker; es giebt eine redensart, dasz man nicht nur niederreiszen, sondern auch wissen müsse aufzubauen, welche phrase von gemütlichen und oberflächlichen leuten allerwegs angebracht wird, wo ihnen eine sichtende thätigkeit unbequem entgegentritt. Keller 3, 19; (sie) hielt aber sehr verständige und sichtende reden darüber. 4, 232;
und flieget gleich das herz nicht mehr
der larve des gefühls entgegen;
weisz es den freund vom schmeichlerheer
zu sichten, und verdienst zu wägen.
Gotter 1, 464;
wie soll ich meine kinder unterrichten?
unnützes, schädliches zu sichten
belehre mich!
Göthe 4, 346;
da regte phantasie mir manches bild,
die schätze der erinnrung sichtend, auf.
9, 347;
und nun, wie bunt, was alles wir vollführt!
ich wag es nicht zu sichten und zu sondern.
Grillparzer⁴7, 94;
nachdem ich manchen wahn der welt gesichtet.
Platen 100ᵃ (son. 51).
als object steht dabei gewöhnlich die zu sondernde masse, zuweilen auch das auszuscheidende schlechte (Göthe 4, 346. 54, 19) oder das auszusondernde gute (Gotter 1, 346).
5)
westf. sichten auch für 'ganz fein regnen'. Woeste 235ᵇ.
II.
in der schiffersprache sichten als ableitung von sicht (vgl. daselbst 3), in sicht erhalten: kurz nach tagesanbruch wurden die dampfer .. gesichtet. Hamburger courier vom 24. febr. 1899, s. 10. vgl. besichten theil 1, 1620.
III.
nd. sichten, ableitung von sichte (s. sicht 10, b), mit der sichel schneiden, abmähen, korn schneiden, s. Schiller - Lübben 4, 203ᵇ (nicht meyen noch sichten). jetzt noch ostfriesisch, s. Stürenburg 245ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 179ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 744, Z. 70.

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Zitationshilfe
„sichte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sichte>, abgerufen am 23.10.2021.

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