Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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sichtig, adj.

sichtig, adj.
sichtbar, deutlich, sehend. ahd. nur in der zusammensetzung ga-, ge-, kesihtîg, ungesihtig Graff 6, 124; mhd. sihtec, sihtic, sihtig Lexer handwb. 2, 920, vgl. Schm. 2, 245, mnd. sichtich Schiller-Lübben 2, 203ᵇ; nhd. in älterer zeit noch ganz geläufig, später ausgestorben (auszer in zusammensetzungen, vgl. 2, einl.). schon Frisch 2, 272ᵃ kennt es als simplex nicht mehr, Adelung nur als oberdeutsch (im sinne 1), doch gehört es nach Schm. a. a. o. auch hier nur der ältern sprache an.
1)
in passivem sinne, sichtbar: visibilis hd. sichtig, dz man sehen mag. Dief. gloss. 623ᵃ. Stieler 2022, s. unter sichtbarlich 1. so bis ins 17. jahrh. hinein nachweisbar.
a)
häufig im gegensatz zu unsichtig (vgl. dieses): ein schepper aller dinge, sichtiger unde unsichtiger; S. Pawel sprickt, dat me unsichteghe dingh begript by den sichtigen. quelle bei Schiller-Lübben 4, 203ᵇ; sichtige und unsichtige feinde. salus animae (1503) 2ᵇ. 4ᵃ. 31ᵇ. 193ᵃ. 218ᵃ; die verborgenhaiten gotes die uns unsichtig seind, beschawet man in den dinngen die da sichtig seind. Keisersberg granatapf. H 3ᵈ; wenn nitt seind alle ding sein (des teufels), als die Manichei sprechent. wenn die selben meynent, das der bösz geist hab geschöpfft alle sichttige ding, und das gott hab allein geschöpfft die unsichtigen ding. postille 2, 14ᵈ; je neher das sichtige ist, je ferner das unsichtige. Paracelsus (1589) 1, 379; dann dieweil wir fleisch sein in diser sichtigen welt, reden wir eben vom geist und jhener unsichtigen welt, wie der blind von der farb. Franck chron. (1531) 7ᵃ; wie aller sichtigen creatur ampt und werck sein solt, dz sy uns ins unsichtbar wesen eynfürten. weltb. (1542) vorr. 5ᵃ;
von nihte hât getihtet
dîn wîser gotlîcher list
swaʒ sihtic unde unsihtic ist.
Barl. u. Jos. 2, 24.
b)
sonst in demselben sinne: denn wie ein mönsch alle sichtige ding erkennen muͦsz, durch die farb, also sol er jm ouch in allenn menschen gott lassen inblicken. Keisersberg seelenparadies 8ᵃ; solte er darumb viel Christus seyn, das man yhn ynn so unzeligen sichtigen teylen austeylt, so müsten auch so viel Christi seyn als viel stellen der welt. Luther 19, 527 Weim. ausg.; dieweil wir an uns finden krankheiten, deren ursprung im sichtigen leib nit ergriffen mag werden. Paracelsus (1589) 1, 242; dasz das erst (das salz) sichtig, begreiflich und vergenglich ist. Thurneisser von wassern (1572) 35; dann alle eigenschafften des geistes sind in der grossen bewegnüsz des wesens aller wesen leiblich worden, und in ein sichtiges greiffliches eingegangen. Böhme de signat. rerum cap. 14, 39;
ich sûchte dich (gott) enbûʒen
an sichtiger schônheit.
pass. 422, 91 Köpke;
dû griffic, sihtic immer gebendeʒ iht.
Frauenlob kreuzl. 1, 8;
wie wol die sichtig form verschwindt,
die haimlich lieb doch des begyndt,
das die sel davon gnad gewynt.
Hätzlerin 2, 64, 120;
so besonders sichtiges bild, zeichen (für etwas unsichtbares): doch ist es ein sichtig bilde gewesen, das er (der engel, der mit Jacob rang) het angenomen. Luther 4, 181ᵃ; wie Christus selbs allenthalben im evangelio dem volck das geheimnis des himelreichs durch sichtige bild und gleichnis furhelt. 6, 77ᵇ; ein eusserlich sichtiges zeichen, das wir greifen und sehen mögen. J. Agricola 156 gem. fragestucke (1528) d 6ᵇ;
und sollen wir dann gott auff seines wortes bandt
nicht glauben unverbürgt und ohne sichtigs pfandt?
Opitz 4, 327.
c)
leibhaftig, von gott und dem teufel: wane iʒ ne wart nie keine wîbis namen die deme vertuͦmeten slangen, daʒ ist deme sichtegen tuͦvele als vil leides ie getete, als unser vrowe sente Merie. Leyser predigten 101, 16; gewöhnlich von einem menschen, in dem der teufel gleichsam sichtbare gestalt angenommen hat: wie zörnlîche unser herre von den sprichet, die unreht gerihte habent. mali laici, mali religiosi. daʒ ist aber der sihtige tiuvel. Berthold von Regensburg 1, 131, 22 (ebenso 144, 25); alsô tuot der ketzer: er seit dir vor alle süeʒe rede von gote unde von den engeln, daʒ dû des tûsent eide wol swüerest, er wære ein engel. sô ist er der sihtige tiuvel. 403, 13. dafür:
vrowe, der mit der stangen:
der ist des sihtegen tiuvels kint
und kumet ûʒ der hellen.
Virginal 694, 7.
vgl. auch: es halff alles nit, dahin must er, und glaub, ... wen got sichtig in ime weer gewesen, sy hetten in ime gehenckt. d. städtechron. 15, 19, 27.
d)
als bergmännischer ausdruck sichtiges silber, gold, welches offen zu tage liegt, gediegen, im gegensatze zu dem, was in erzen gleichsam latent ist (?): uber solch gediegen silber, bricht nun sichtig silber inn allerley bergart. Mathesius Sar. 28ᵇ; wie auff Salomonis gang am Wernsperg auch solch ertz brach, wenn mans ins fewer legt, so sprosz sichtig silber herausz. ebenda; was aber unscheinlich ertz sein, da man nichts sichtigs von silber inne sihet. ebenda; goldertz bricht gedigen .. ich hab sichtig gold in einem eysenstein gesehen, wie auch in Steyrmarck weisz gold bricht, welches im fewer sein natürliche farb bekompt, so das quecksilber davon verrauchet. ebenda; jedoch auch: solch gut (reichhaltig) ertz ist offt sichtig, offt unsichtig und unkentlich. denn offt stehet an einem handstein, sichtig silber, glaszertz, oder rotgüldig ertz. man bawet auch wol ein derbe schwertz, oder gilbe, die zu 60. oder 100. marcken helt, ob wol nichts sichtiges dran ist. 28ᵃ. vgl. ferner: dis wässerlein führet mit jhm herausz an tag, schön gold, welches gar gedigen, und nahent fein ist, ... und ist dieses wasser nicht (nur) corporalisch und sichtig gold mit sich führent, sondern es ist auch ein recht natürlich goldwasser an jhme selbert, unnd füret also sichtig und unsichtig, das ist, auch corporalisch und spiritualisch gold mit sich. Thurneisser von wassern (1612) 235.
e)
in der ältern sprache oft in stärkerem sinne, in die augen fallend, leuchtend, schön und ähnl.: sichtig, als rot, und der gleychen, conspicuus. vast sichtig, wol anzesähen und zuͦ verwunderen, prospicuus. Maaler 373ᵇ (vgl. sichtbar 7); hell: es sol hinfür nyemands in diser stat, nachdem und es zwu hore in der nacht geschlagen hat, one ein sichtig prynent liecht auff der gassen geen. Nürnberger polizeiordn. s. 55 Baader; in der malerei: die kleidungen, sollen zwar sichtig und zierlich seyn, doch also, dasz deren grosze falten nicht überquär den leib oder arm durchschneiden. Sandrart acad. (1675) 1, 63ᵃ; es ist auch wol zu merken, dasz, bey den nackenden leibern, die gewänder, so gelblicht, rötlich, veilfarb, und von purpur, .. nicht übel stehen: wann man sie nur etwas dunkler hält, als gemeldte fleischfarbe, und die jenige bilder, so näher unter das gesicht kommen, sichtiger und klärer von farben sind, als die andere. 63ᵇ.
f)
weithin sichtbar: ein sichtig ort, das der gesicht wol ligt, das man weyt, oder von verrnusz unnd allenthalben wol sicht, oculatissimus locus. Maaler 373ᵇ.
g)
ähnlich noch heute als seeausdruck sigtig wetter, 'helles wetter, bei dem man weit in die ferne sehen kann', holl. zigtig weêr Bobrik 639ᵇ. vgl. sicht 2.
h)
von abstracten, deutlich wahrnehmbar: sichtiger schaden, sichtige wunden, sichtiger gebrechen. quelle (von 1616) bei Schm. 2, 245, vgl. auch Frischbier 2, 340ᵃ; er hab in gewunt ... mit scharffem ort, das sichtig pog wuntten sint. qu. bei Haltaus 1687; es soll ein ieder auf seine zaunorten um das Dikach iederzeit ein mark sichtig und kenntlich machen. tirol. weisth. 1, 82, 38; marchstein ze lëgen, marchstecken schlagen oder in die pämb sichtige march ze machen. Salzb. taid. 29, 35; ähnlich: soll man sie (die ameisen) doch inn einer wand spüren, daran sie einen sichtigen pfat tretten, wenn sie offt drüber ausz und ein faren. Mathesius Sar. 23ᵃ;
in weissen schilde ein swarczer strich
ist sichtig und scheinperlich.
Sal. u. Markolf 241 (Bobertag narrenb. s. 307).
i)
mehr von geistiger wahrnehmung, deutlich merklich, offenbar, augenscheinlich, evident. so besonders sichtiger schaden: auch ist ainem ieden manne zu gelauben ... an seinem sichtigen schaden. tirol. weisth. 1, 205, 25; wollt aber der, dës das vich ist .. nit gesten, daʒ sein vich den schaden thann habb, so soll der pfenter daʒ vich zu gericht treiben und .. beschauen lasn, .. daʒ er seinen sichtigen schaden .. bewären mug. Salzb. taid. 220, 45; damit in negster nachbschau sichtiger nachtail nicht erfunden .. werde. 261, 8; es well dann der clager selb sweren auf seinen sichtigen schaden, das er im den getan hab. quelle bei Haltaus 1687; entsprechend: sy wellen auch in den laastetn kain verkauff noch wagnis auff dem saltz habn, allain an alle mue irnn sichttingn gwin. urkunde Max. s. 367 Chmel. erkennbar, unterscheidbar: unt sol auch ein iclicher herre oder stat ein sichtig zaichen uff sein muntz slahen, daʒ man sie awʒ andern muntzen wol erkennen müge. d. städtechr. 1, 241, 32 (münzgesetz von 1385). ferner sichtige urkunde: darum so haben wir geben diesen brief ze ainem sichtigen urchunde, und ze einem offen gezeige. quelle bei Scherz-Oberlin 1497; zu ainen waren sichtigen urkund und einer echten bestaetigung diser sachen. ebenda; weitere beispiele bei Lexer handwb. 2, 920. — anderes: die .. also zurück fallen von gott, den glauben verleugnen, und sich weder an sein wort, noch an solch sichtig exempel keren. Luther 5, 424ᵃ.
k)
sichtig als prädicat, sichtig sein: alse noch wol sichtig is. quelle bei Schiller-Lübben 4, 203ᵇ; alle und iede beschechnen und gethonen gschwent, reutung, und einfeng, .. die offenbar und sichtig oder durch uns .. gestrafft sünd. Salzburger taid. 255, 31;
der schein der glest gegen dem tag,
daʒ iʒ alleʒ sichtig was.
Suchenwirt 11, 63.
sichtig werden:
daʒ die wîssagen gehieʒʒen
iuweren altfordern,   daʒ ist nu sichtich worden.
fundgr. 2, 198, 37;
daʒ offenlich wart sichtech.
pass. 82, 95 Hahn.
in prägnantem sinne im bair. die kalben, die kuh wird sichtig, nämlich dasz sie trächtig ist. Schm. 2, 245. — sichtig machen:
sölliches hat gott auch betracht,
darumb sich ainen weib sichtig gemacht.
Brixener pass. 4252 (passionssp. aus Tirol s. 424 Wackernell).
l)
adverbial: das Moses sichtig von gott das gsatz hab empfangen, vermeynt er. Franck chron. (1531) 407ᵃ; ein grosser kirchoff, da die todten alle jar ... auffstehn, und wie die schatten, weil das fest und der gotszdienst wehret, auff dem kirchoff sichtig stehn. weltb. 122ᵇ; dann wiewol das alles beschrieben ist, das sichtig den augen erscheint. Paracelsus (1589) 1, 239; diesz ist sichtig falsch, und streitet wider alle erfahrung. quelle bei Schm. 2, 245;
von dem an dem pfingstag herab
kamen desz heyling geystes gab
sichtig auff die apostel sein.
H. Sachs 4, 1, 100ᶜ.
2)
in activem sinne. so jetzt ebenfalls veraltet. doch ist gerade diese bedeutung in zusammensetzungen die gewöhnliche: sichtig, steht nur in den hierfolgenden compositis, an statt sehend, als scharfsichtig, für scharfsehend. Frisch 2, 272ᵃ. vgl. allsichtig (theil 1, 239), ansichtig (s. unten d), aufsichtig (theil 1, 739), beisichtig (1, 1393), blödsichtig (2, 142), doppelsichtig (2, 1270), engsichtig (3, 482), feinsichtig (3, 1464), fernsichtig (3, 1540), halbsichtig, hellsichtig, hintersichtig, kleinsichtig, kurzsichtig (5, 2853), nahsichtig, sauersichtig (8, 1874), scharfsichtig (8, 2198), schelsichtig (8, 2521), schnellsichtig (9, 1310), schwarzsichtig (9, 2344), stumpfsichtig, tiefsichtig (11, 492), übersichtig, weitsichtig. (kurz- und langsichtig in anderm sinne s. unter sicht 5, c. ein-, nach-, rück-, um-, vor-, zuversichtig sind von den betreffenden subst. abgeleitet.) passives sichtig nur in durchsichtig (theil 2, 1684 f.). — die nhd. wörterbücher geben zumeist diese bedeutung: sichtig, oculatus, oculeus Dasypodius; sichtig, sehend, voyant, qui voit Hulsius 297ᵇ; sichtig, oculatus Schottel 1415; beide nur bei Steinbach 2, 561: sichtig (adj.) visibilis, videns, oculatus. (Frisch kennt sie nicht mehr, s. oben.) sie ist indessen nur in bestimmten verbindungen üblich:
a)
attributiv nur in der erst nhd. bezeugten, hier aber bis ins 18. jahrh. hinein üblichen redeweise ich hab es mit sichtigen augen gesehen, je l'ay veu de mes yeulx Hulsius 297ᵇ. Steinbach 2, 561; dann ich sach mit meinen sichtigen augen, das sy vil mer jre ayde und pflichte dann gotes wort achteten. Th. Münzer bei Luther 15, 231 Weim. ausgabe; ich sehe nunmehro mit sichtigen augen, was ich vorhin kaum glauben konnte. Liscow 345;
Sanct Jago war stets sein geneigter patron,
er ritt ihm als knappe zur seite;
auch sah er mit sichtigen augen ihn schon
behelmt und bepanzert im streite.
Pfeffel poet. vers. 5, 101.
so auch: er wirt mit sichtigen augen blind gemacht, dieweil er das glaubt, das nit zuglauben ist. Agricola sprichw. 691. vgl. sichtiglich 2, c, sichtlich 2, a.
b)
dafür auch blosz sichtig schauen, sehen: also wirdts sichtig ersehen in tugenden unnd farben. Paracelsus opp. (1616) 2, 18 C; was aber Carlstad an denen orten auszgericht, und wie er schröcklich vor seim ende, von der cantzel den bösen geist sichtig gesehen. Mathesius Luther (1580) 60ᵇ;
als nun der frumb Pelopidas
in seinem zelt entschlaffen was
in dem veldläger, bey Leucra,
ist jm nicht anders gwesen da,
denn wie er gantz sichtig thet schawen
dise zwo ermördten junckfrawen.
H. Sachs 4, 2, 62ᵇ.
ähnlich bei jemanden sichtig sein, so dasz man sich sieht, von angesicht zu angesicht: ob wol die glaubigen lust unnd verlangen haben, ausz diesem ellend abzuscheyden, und beim herrn Christo sichtig zu sein. Mathesius trostschr. (1565) L 4ᵃ. vereinzelt auch sonst attributives sichtig: ausz welcher sichtiger teglicher erfarung .. alle welt gezwungen wirt zusagen unnd zubekennen, dasz gott mehr hatt, denn er ye vergab. Agricola sprichw. 8ᵃ.
c)
sonst begegnet sichtig im mhd. und ältern nhd. (16. jh.) sehr gewöhnlich prädicativ in der formel sichtig werden gewahr werden, erblicken. diese verbindung hat im mhd. das object meistens im acc. bei sich:
dô die heiden wurden die kristen sihtic.
Oswald 2663;
got den guoten. werden,
den wirt er sihtic nimmer mê.
Frauenlob 16, 11;
sô uns der Berner sihtec wirt.
Virginal 673, 12;
und sol ein amman gebieten, wer in sichtig werd, daʒ der uff in schryen sol und zuo louffen, und helfen sol, daʒ er uff recht behefftet werd. urk. vom j. 1436 28. brachmonats im geschichtsfreund 7, 145. so noch zuweilen im 16. jahrh.: wie manchen blick Reinhart nach dir ins fenster sahe, und dich nit sichtig ward. buch der liebe 237ᶜ; jedoch ist hier der (vereinzelt schon mhd. bezeugte) gen. weitaus üblicher: das er des bawms auch der grüne sichtig ward. Wilh. von Österreich 9ᵃ; deszgleich die hertzogin als bald sye des ritters sichtig warde, als verlangen hindan satzte. Galmy (1540) 51ᵃ (ebenso buch der liebe 57ᵃ); als er nuͦn an die ende kam, da ward er unversehen der feind sichtig. Carbach Liv. (1551) 70ᵇ; bisz sie jrer beyder jungfrawen sichtig wurden. buch d. liebe 248ᵇ; in der landschafft Dalmatia ... soll ein meermensch gesehen seyn worden, welcher die anschawer sehr erschreckt, in dem dasz er sich auff die erden herausz gelassen, ausz begierd ein weib zu fahen, so bey nacht an dem gestad wandlet, welche als sie desz wunders sichtig worden, unnd geflohen, hat er sich zu stundt wider ins meer geworffen. Forer fischb. 104ᵇ, vgl. auch sichtlich 2, c.
d)
zu sichtig in dieser verwendung tritt gern ein adverbiales an, das später mit ihm zu ansichtig zusammengewachsen ist, s. dieses theil 1, 461 f. und Grimm gramm. 4, 756. hier überwiegt auch im nhd. der acc. getrenntes an sichtig (stets mit acc.) ist bis ins 16. jahrh. hinein üblich, z. b.:
wird ich den garten sihtec an.
Laurin 87;
die wart man schir da sichtig an
Suchenwirt 20, 179;
als pald er mich wirt sichtig an.
fastn. sp. 280, 11;
sobald er mich ward sichtig an.
H. Sachs 4, 3, 7ᵃ;
ich wil gleich in die kirchen gahn,
ob ich mein tochtr würd sichtig an.
4, 3, 13ᶜ (fastn. sp. 5, 56);
dem kan mein herr kein arges than,
sobald er sie wird sichtig an.
5, 260ᵃ.
3)
wörter gleicher lautform, aber verschiedenen ursprungs und gebrauchs.
a)
sichtig für süchtig, s. dieses, österr. sichti wund, wundmachend Castelli 255, für krankheiten, besonders eiterungen empfänglich (i hab a sichtige natur, bei mir thuat alles glei' g'schwiern) Hügel 149ᵇ; erzgebirgisch sichtch schadenbringend (von nähnadel, schere u. ähnl., durch deren berührung eine wunde schlimmer wird) Göpfert 47, ebenso thür. Kleemann 21ᵃ. Jecht 104ᵃ, bayreuthisch sixteg entzündet, s. Baierns mundarten 2, 267. diese bedeutung scheint auch in folgender stelle vorzuliegen:
dasz Damon nicht die schwulst des krancken fingers dämpfft,
das bringt ihm keinen schimpff, die ursach ist ja wichtig:
es hat sein vornehm kind mit fleisch und blut gekämpfft,
der satan kam darzu, da ward die wunde sichtig.
Günther 531.
ist auch in der nachstehenden stelle sichtig als süchtig, ungesund, unzuträglich zu fassen: hette ich nimmermehr ... geglaubet, das di luft zu hofe so sichtig, und deinem gedächtnüsse so gefährlich, das es dir auch das andänken einer person, so dich so inbrünstig .. libet, auszuwinden vermöchte. Butschky hd. kanzl. s. 66 — ? (oder zu 1, g?).
b)
so vielleicht auch in folgender stelle, wo noch ein wortspiel mit sicht 'sieb' (s. unter sichten) beabsichtigt scheint:
seht, spricht er, diesen tagedieb,
er ist so sichtig wie ein sieb.
Lichtwer fab. 2, 7
(erste fassung, vgl. Mendelssohn 4, 2, 373, in den schriften s. 51 geändert).
c)
preusz. sichtig nasz, sichtiger boden, auf dem man das wasser sieht. Frischbier 2, 340ᵃ, sichtiges fett, zerfliezendes. ebenda. vgl. nd. korrespondenzbl. 15, 90.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 747, Z. 66.

sichtiglich, adj. adv.

sichtiglich, adj. adv.,
gleichbedeutende weiterbildung zu sichtig, mhd. sihteclîch Lexer handwb. 2, 920. Schm. 2, 245.
1)
seltener als adj.
a)
in dem gewöhnlichen passiven sinne, sichtbar: do wolde unsir herre Jesus Christus .. diz gotishus wirdige mit sichticlichin zeichin .. unde wolde daʒ dar umbe tun daʒ wir bi der sichteclichen gnade hoffin unde ilen sullin zu der zukumftigin unsichtigin froide. Ködiz 70, 6. 9; den bapst und seine rott .., wilche das reich Christi eraus furen und ein christlich leben binden an eusserlich sichtiglich ding. Luther 15, 754, 21 Weim. ausgabe; das sacrament ... ist ein sichtiglich wort. Melanchthon apol. Augsb. conf. im corpus doctr. christ. (Leipzig 1560) 148;
alle sichticlîche plâge.
Nic. v. Jeroschin 683.
b)
als prädicat (aber in adverbialer form, vgl. 2, d): auszgenomen es schlach das wetter oder es verwintert das sichtiglichen ist. steir. taid. 271, 11.
c)
als adj. in activem sinne nur in der zu sichtig 2, a angeführten wendung:
daʒ hat man offt und dik gesehen
mit sichtikleichen augen an.
Suchenwirt 10, 85.
2)
als adverb: visibiliter sichtlichen, sichtberlich vel sichtigklich. Dief. gloss. 623ᵇ.
a)
so gewöhnlich für 1, c (vgl. sichtig 2, b): sichtiglichen gesechen worden ist. Steinhöwel decam. s. 4, 6 Keller; schick uns ein anzal .. arn und raben, das mäniglich sichtiglich sech in lüften ob uns schwebend. Aventin chron. 1, 385, 32;
was ich hab gsehen sichtigklich.
Schmelzl aussendung 9ᵃ;
dann also wolln wir öffentlich
bezeugen, das wir sichtiglich
gesehen habn an diser stell,
das sei bei euch ein junger gsell
gelegen.
Rebhun Susanna 3, 2, v. 94;
seid er sich angenommen hat
auff dem berg der gfangen jungfrauen,
hat man sichtiglich können schauen,
das er beedes an leib und gut ...
alle tag hat genommen ab.
Ayrer 1764, 22 Keller;
(der himmel,) da um und an
gott selber sichtiglich beschauet werden kan.
Opitz 3, 321.
b)
so auch freier: die groszmütigen streiter, in den man der groszen risen stercke und manliche keckheit sichticlichen mocht prüefen. herzog Ernst s. 262, 21; darümb das die ungebrochene blöde natur sich schwerlich ergibt und auff got erweget, das sie gewarte, das sie nyrgend sihet noch empfindet; und sich des eusere, das sie sichtiglich empfindet. Luther 19, 567, 34 Weim. ausgabe; am jüngsten tage, da alle gottlosen greiffen und sichtiglich empfahen werden, was sie hie auff der welt nicht haben wollen gleuben. J. Greff Lazarus vorr. A 3ᵇ;
sichtiglich jetzt befunden han,
das jr seind schöner denn der schwan.
B. Waldis Esop 1, 11, 29.
c)
so auch (mit annäherung an d) sichtiglich zeigen, beweisen u. ähnl.:
daʒ er (gott) uns der wâren dinge
nâch disem lîbe sihteclîche
in dem himel inne bringe.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 1243;
das jr nit denckt, es sey umb sunst
ein gdicht und losz betriegerey,
will ichs mit einem stücklin frey
vor euch jetzt sichtiglich beweisen.
B. Waldis Esop 4, 66, 123.
so auch reflexiv: weil sich alda gott selbs von himel sichtiglich offenbaret, und mit leiblicher stim hören lesst. Luther 6, 285 (l. 287)ᵃ; da sich die göttliche maiestet ... vom himel offenbart, und sich sichtiglich erzeiget, sehen, und hören lest. 8, 271ᵇ.
d)
passivisch (vgl. 1, a und sichtig 1, l), offenbar, öffentlich, so dasz man es sehen kann, vor jemandes augen: nu mus man ungezweivelt dafür halten, das Henoch nicht heimlich hinweg sey gestolen, .. sondern das er sichtiglich und scheinbarlich für jren augen hinweg genomen sey. Luther 4, 43ᵃ; so bald er aus dem wasser trit, thut sich der gantze himel auff, das die göttliche maiestet sichtiglich herab kompt und erscheinet. 6, 286 (l. 288)ᵃ; denn wenn er (Christus) auff erden wer bliben sichticklich fur den leutten. 12, 562, 20 Weim. ausg.; darnach so sahen sie auch die wolckenseule und das fewer tag und nacht für inen hergehen .., welches ein offentlich zeichen gewesen ist, das gott als ein herzog und oberster feldherr für inen sichtiglich herzoge. 16, 279, 13; last uns vor allen andern göttern, Minerve zum ersten opffern, welche mein fest personlich und sichtigklich besuͦcht hatt. Schaidenreisser Odyss. 12ᵇ; der teuffel aber hat mit grossem ungestüme diesen, so die grausam gottslesterung gefüret, sichtiglich hinweg gefüret. Kirchhof wendunm. 1, s. 271 Österley (1, 220);
swaʒ sich doch sichticlîchen wil verliesen,
daʒ lât sich umbe trîben.
Hadamar v. Laber 290;
daʒ unser hêre Jesus Christ
nâch der urstend, als im zam,
an sînem werden lîchnam
behîlt di vumf wunden sîn
sichticlich, gar zû schîn.
Joh. v. Frankenstein kreuziger 10996;
die nechst nacht hernach da ward fallen
das zeichen des creutzes in allen
leynen kleydern gantz sichtigklich,
darinn sie bliebn augenscheinlich.
H. Sachs 4, 1, 107ᶜ;
kein königreich fur dir ichts gilt,
du kanst erheben gwaltiglich,
zu boden stossen sichtiglich.
Voith Esther 3, 1, v. 450 (s. 170 Holstein).
3)
ganz isoliert begegnet ein andres, zu sichten (I) gebildetes sichtiglich: taratantarisabilis ... sichteklichen Dief. gloss. 573ᵇ; vgl. sichtbarlich 3, sichtlich 3.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 751, Z. 75.

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Zitationshilfe
„sichtiglich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sichtiglich>, abgerufen am 17.10.2021.

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