Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sieb, n.

sieb, n.
gerät mit durchlöchertem boden, um gröberes von feinerem durch rütteln zu sondern. westgermanisches wort aus sonst nicht nachweisbarer wurzel; vielleicht liesze sich seifer (s. sp. 195) heranziehen. eine andre erklärung (zu altn. sef, dän. siv, engl. seave, schilf, binsen) bei Skeat 553ᵃ. (siebe aus flachsfäden kennt Plin. 18, 108 als spanisch, s. Hehn kulturpfl. u. hausth.⁵ 147.) vgl. ferner sichten. die formen sind: ags sife, sibi Bosworth-Toller 871ᵇ, mittelengl. sive, seve, engl. seave, vgl. Skeat a. a. o.; mnl. seve, holl. zeef (daneben die ableitung zifte), s. Franck 1196; mnd. seve Schiller-Lübben 4, 200ᵇ; ahd. sib, sip cribrum, cribellum, dazu hâsib, -sip cribellum, sedacium Graff 6, 65, mhd. sip, sib Lexer handwb. 2, 938. daneben eine weiterbildung mit t: nl. sif, sifte, seve, cribrum, incerniculum Kilian, oder mit übergang von ft in cht: sichte, sax. sicamb. vel sif, cribrum pollinarium. ebenda, wovon das verbum siften (ags. siftan, engl. sift, vgl. Skeat 553ᵃ), sichten, vgl. das letztere und Wachter 1522. 1518. auch schwed. sikt, sikta übernommen. s. ferner Kluge⁴ 327ᵇ. Weigand 2, 707. — der kurze vocal, der dem worte ursprünglich zukommt, hat sich mundartlich noch erhalten und erscheint zuweilen noch im ältesten nhd.: sipp, κόσκινος, cribrum, reiter. Alberus. dagegen kann die im 16. jh. herrschende schreibung sib auch den gedehnten vocal bezeichnen: grob sib, cribrum excussorium. sibe, incerniculum. Dasypod.; sib oder beütel, incerniculum, cilicium, capisterium, cribrum, excassorium, ruderarium. Maaler 372ᶜ. der pl. lautet mhd. sip und siber, letzteres noch im 15. jahrh., z. b.:
und siber und reitern machen
sind alles gewerb swache.
des teufels netz 12616, anmerk.
nhd. scheint nur sieb(e) vorzukommen: grosse grobe sib, cribra excussoria Maaler 372ᵈ. neben dem gewöhnlichen neutrum erscheint sieb zuweilen als masc.: das sieb und der sieb, cribrum Stieler 2, 67; man thut nun die sagomasse in den trog und knetet sie mit etwas wasser herum und gegen den sieb, durch welchen das feinste mehl geht. Oken 3, 652;
so dasz nur blosz das flüszigste, und das die meiste nahrung heget, ...
durch die subtille öffnungen der milchgefäsz', als einen sieb,
sich senkt.
Brockes 9, 205;
zu anfang wird die kost zerrieben,
darauf in einen saft verkehrt, dann, als durch einen sieb getrieben.
236.
auch als fem., s. Fischart unter 4. formen neuerer mundarten: schweiz. sïb ('feiner als ritere', mehrzahl ebenso) Hunziker 240, schwäb. sib (mehrzahl siber, sibere in einer quelle von 1693) Birlinger 386ᵇ f., bair. sib Schm. 2, 208, tirol. sip kleines sieb Zingerle 51ᵃ, cimbr. sip (dat. sibe) cimbr. wörterb. 230ᵇ, pfälzisch séb und sibb Autenrieth 131 f., luxemb. siff (plur. siffen) Gangler 417, köln. sif im 15. jahrh. s. Frommann 2, 452ᵇ, thür. sēb Hertel 44. sprachsch. 228, söbb Schultze 44ᵇ, nd. seve brem. wb. 4, 779, sewe, säwe Dähnert 423ᵃ, säve Stürenburg 209ᵇ, séfe, säfe, séve, säve (fries. säw) ten Doornkaat Koolman 3, 168ᵃ, sef, selt. sêf (gen. sêwes), auch sêwe und sêwet, n. Schambach 188ᵇ, sief Woeste 236ᵇ. Frommann 5, 165, 103 (märk.); altmärkisch mit weiterbildung sä̂ft Danneil 178ᵇ.
1)
im eigentlichen sinne: cribrum sip, sipp, syp, siep, seip, sep, syb, sib, sieb, seb, sebe, side, redesiebe, .. zeve, zieve, seve, sef, syff. Dief. gl. 157ᵇ; cribellum sip, seep, hasip, ain klain sib. ebenda, s. auch nov. gl. 119ᵇ. Dief.-Wülcker 854; incerniculum .. ein sieb. Corvinus fons latinit. 144ᵇ; sieb, n. cribrum Schottel 1416; sieb, n. siebe, plur. crivello, buratto, vaglio di cose secche. Kramer dict. 2, 804ᵇ; siebe sind ein aützlicher hauszrath. Steinbach 2, 586; sieb, cribrum, eine gegitterte fläche zwey materien von einander zu sondern. Frisch 2, 273ᶜ. nähere beschreibungen s. Jacobsson 4, 154ᵇ f. Karmarsch-Heeren³ 8, 233ᵇ. öconom. lex.² 2723. Eggers 2, 906.
a)
sieb ist synonym mit den nur in beschränktem gebrauche erhaltenen wörtern räder, reder (theil 8, 48. 474) und reiter (theil 8, 780 f., nebenform reuter auch 850). beide werden zuweilen ganz ohne unterschied verwendet, bald mit der differenz, dasz sieb das kleinere und feinere gerät bezeichnet (vgl. oben): beutel, syb, sieb, rennen, reuter, beutel, dardurch man sichtet, cribrum, excussorium farinarium, incerniculum, estque setaceum. Henisch 355, 67; sib, reutter, f. crible, fas, estamine. Hulsius 297ᵃ; wann .... sie vielleicht drey dutzet sieb oder räuteren verkauffen. Abraham a S. Clara etwas für alle 554, s. auch Alberus oben. wenn sieb und beutel gleichgesetzt werden, ist wol der mehlbeutel (1, s. theil 6, 1867) in der mühle gemeint: grob sipp, beutel, quo furfur secernitur. Alberus. so auch: taratantara ... meelbudel, seve, tempse, syb. Dief. gl. 571ᵇ; eyn sichte budel, zeve. nov. gloss. 358ᵇ. vergl. darüber ferner Beckmann 2, 40 f.
b)
man unterscheidet: grob sib, cribrum excussorium Dasypodius; ein grobes sieb, weit sieb, vaglio cioè crivello largo, à fori un pò larghi. Kramer dict. 2, 804ᵇ; ein klares sieb, eng sieb, haar-sieb, crivello sottile, stamigno, setaccio. ebenda; ein enges sieb, cribrum rarum, et angustius. Stieler 2014, cribrum arctius Steinbach 2, 586; ein doppeltes sieb, das unter seinem durchlöcherten boden noch einen hat, der ohne löcher ist, damit das durchgesiebte nicht verstaube und verfliege. Frisch 2, 273ᶜ; man hat auch in haushaltungen gedoppelte siebe, die oben und unten mit einem tiefen deckel versehen sind, und hauptsächlich dienen, dasz das, was durchzusieben ist, nicht so stark verfliege, mithin auch nicht so leicht in die nasen stübe. frauenz.-lex.² 3265 f.
c)
das sieb besteht aus rahmen (kranz) und dem durchlöcherten boden. nach dem material, aus dem dieser hergestellt ist, werden die arten unterschieden. gewöhnlich ist er aus haar (roszhaar) oder draht gewoben bez. geflochten, vgl. Karmarsch - Heeren a. a. o.: sieb, ist ein zirkelrundes, von holze verfertigtes behältnisz, das einen löcherichten geflochtenen boden hat; bey groszen sieben ist dieser boden kreuzweise von lindenbast oder von eisen- und messing - drath, auch wohl von pferdhaaren geflochten, bey den kleinern aber, die man zum gewürze braucht, von beutel- oder anderm durchlöchertem tuche gemacht. daher man auch die siebe entweder hölzerne siebe, oder dratsiebe oder haarsiebe nennet. frauenz. - lex.² 3265; siebe aus pferdehaaren sollen zuerst die alten Gallier, siebe aus leinen zuerst die Hispanier gemacht haben. Beckmann 2, 40 f., s. auch Abr. a S. Clara etwas für alle 549; härnsipp Alberus; ein haar-sieb, cribrum e seta equina arctissimum. ein drat-sieb, cribrum e filis ferreis aut orichalceis. Frisch 2, 273ᶜ;
ein heren sieb die paucken sey,
die schlecht man mit dem querlen.
bergreihen s. 82, 13 neudruck;
so viel als löcher sind in einem härnen siebe.
Rachel sat. ged. 66.
s. auch haarsieb th. 4, 2, 38. für bestimmte zwecke (s. f) werden auch siebe aus seide, kammgarn, leinen (mehlbeutel) verwendet. selten sind siebe aus holz (s. holzsieb theil 4, 2, 1781) und perforiertem blech (Karmarsch-Heeren a. a. o.). — weiter werden die arten nach der verwendung unterschieden und zubenannt, s. d. eine grosze zahl zählt auf Jacobsson 7, 346ᵃ.
d)
das sieb dient zum sichten, vgl. das.: siebe sind überhaupt ein nöthiges werkzeug, trockne sachen zu scheiden, und das feine vom groben abzusondern. frauenz.-lex.² 3266; ich wil .. das haus Israel unter allen heiden sichten lassen, gleich wie man mit einem sieb sichtet, und die körnlin sollen nicht auff die erden fallen. Amos 9, 9; besonders für getreide, vgl. kornsieb theil 5, 1831: incerniculum, cribrum frumentarium, kornsipp, reiter, è lino fit. Alberus; korn-sieb, crivello, vaglio da biade, v. wanne. Kramer 2, 804ᵇ (gewöhnlich aus draht); so dann noch etwas unsaubers übrig ist, das sichten sie mit dem siebe, damit es rein (sauber) getreide werde. Comenius sprachenthür 400; zuletzt reiterte man ihn (den hafer) noch durch ein sieb, ob keine heimlichen edelsteine oder pfefferkörner darunter seien. Hebel 3, 9;
gerôta iuer harto   selb ther widarwerto,
thaʒ muasi er redan iu thaʒ muat,   sô man korn in sibe duat.
Otfrid 4, 13, 16.
ferner mehlsieb s. th. 6, 1869, fegesieb für getreide, thür. fêséb, faesēb Hertel 44. sprachsch. 228. das Harter inventar von 1693 kennt khorensibere, rattensiber, gersten- und veesensibere, s. Birlinger 368ᵇ f. weitere verwendungen des siebes: weitsieb, cribrum loliarium, aliàs lulchsieb Stieler 2014; garten- sive steinsieb, cribrum ruderarium (s. auch theil 4, 1, 1414). zuckersieb, cribrum pro excutiendo saccharo. ebenda. — sieb zu anderm zwecke gebraucht: do nam Daniel esche mit eime sife und seigede de over alle den tempel. Frommann 2, 452ᵇ. zum fischen:
sô suochet uns ein sip her,
unt gê wir vischen.
pfaffe Amis 1207.
e)
verbale verbindungen u. s. w.: das sieb schütteln, scotere il vaglio. Kramer dict. 2, 804ᵇ; etwas durch ein sieb schlagen, passare, scotere qualche cosa per un crivello etc. v. sieben. ebenda, cribro subcernere Steinbach 2, 586; durch das sieb geht nur der sand. ebenda.
2)
bildliche gebrauchsweisen; im ausgeführten bilde: deszwegen, ihr liebe eltern, gebt ein sieb ab, und thut eure gute kinder von den bösen gesellen absönderen. Abraham a S. Clara etwas für alle 550; wir sehen die reife ernte der saamenkörner, die wir aus einem blinden siebe unter die völker verstreut, so sonderbar keimen, so verschiedenartig blühen ... sahen. Herder 5, 586 Suphan; dahin, wo das gewinsel verlorner seelen teufel belustigt, und des jammers undankbare thränen im durchlöcherten sieb der ewigkeit ausrinnen. Schiller 3, 81 (Fiesko 3, 1); ich will ihm (dem herzog) .. in die ohren schreyen, dasz .. das jüngste gericht majestäten und bettler in dem nämlichen siebe rüttle. 442 (kab. und liebe 3, 6); der freiherr hatte nach der novelle von seinen sechs geliebten viel und mancherlei hören lassen, was leider durch das sieb der geschichte gefallen ist. Immermann Münchh. 2, 28;
rede ich eʒ, vrowe, nû ze grobe,
sô lîch her nâch mir unde gip
ze stiure dîner helfe sip,
durch daʒ ich eʒ vil kleine rede (sichte, wortspielend mit 'rede').
Konrad v. Würzburg gold. schmiede 126;
es liebe die mägtchen, wem solches gefällt,
sie machen den beutel zum löchrichten siebe.
Steinbach 2, 586.
sieb satans u. ähnl., s. sichten 3, sp. 745 f.: wenn nun die heyligen inn jrem de profundis unnd sathans siebe, disz erfaren unnd gewar werden. Mathesius 130. psalm D 4ᵃ; unter andern wunderbarlichen reden, liesz doctor in seim de profundis unnd Petri siebe von sich lauten, das er auch sein blut gern, Christo .. zu ehren, vergossen hette. M. Luther (1580) 60ᵃ;
er wil, wenn leib und seel in sterbens-schmertzen kracht,
und wenn der matte mensch auffs teuffels siebe schmacht,
durch disz, was Jesus spricht: uns helffen überwinden.
A. Gryphius 2, 410.
übertragen auf menschen: Hugo. du sollst es gleich erfahren, sofern du schweigen kannst. vogt. ihr kennt mich. Hugo. als ein sieb. Immermann 9, 141 Hempel; in anderm sinne:
bei gott! er ist ein sieb.   von oben schüttet
der herrgott; unten liest das armut auf.
Ludwig 3, 155.
ähnlich auch:
was ist ihr (der mädchen) herz? ein sieb für kleinigkeiten!
was schätzen sie? verstand vielleicht und witz
und sitten ohne tadel? albernheiten!
Göckingk 2, 233 (schlittenf. 5, 15).
3)
daran schlieszen sich sprichwörter und redensarten.
a)
besonders characteristisch ist am siebe der durchlöcherte boden, daher:
der schilt dürkel als ein siep.
Parz. 599, 4;
ein künk hieʒ Senacherip,
des treue was dürkel als ein sip.
renner 20506;
du wirst demnach nicht sehen gar.
hest so viel augen (glaub mir gantz!),
als ein pfau hat an seinem schwantz,
oder als ein sieb löcher hat.
Ayrer 2679, 31 Keller;
die haut ist wie ein sieb
voll löcher.
Lichtwer 145.
im bilde:
entweder mein gedächtniszkasten
hat so viel löcher als ein sîeb.
13.
so auch:
er ist so sichtig, als ein sieb —?
s. sichtig 3, b.
b)
daher sehr gewöhnlich als ausdruck für etwas unmögliches oder aussichtsloses, thörichtes, vergebliches in, mit dem siebe schöpfen u. ähnl.: wasser in ein sib schöpfen. Eiselein 567, schon mhd. oft bezeugt, vgl. W. Grimm zu Vridanc 77, 16:
er schepfet waʒʒer mit dem sibe,
swer âne vrîe milte
mit sper und mit dem schilte
ervehten wil êr unde lant.
troj. krieg 18548;
künd ich den tac mit secken îngevüeren,
vieng ich den wint in stricken und in snüeren,
unt schepfte ich waʒʒer mit eim sibe.
Frauenlob 394, 3;
willst du, bei strenger wachsamkeit
nicht wasser schöpfen mit dem siebe,
so halt die herrchen weit weit weit.
Kotzebue dramat. sp. 2, 266.
ähnlich: wasser im siebe tragen ò mit dem siebe schöpfen wollen, portare l'acqua nel crivello, voler attignerne collo staccio, met. far' opera perduta. Kramer dict. 2, 804ᵇ; wasser im siebe tragen, aquam cribrô haurire, i. e. ex supervacuo laborare, laborem frustrari Stieler 2014;
wer auf verträge baut, die unvernunft versprach:
faszt wasser in ein sieb, jagt leeren schatten nach.
Lichtwer 252.
ferner: he is nicht al wys, de bastart (rosinenwein) güt in dat seve. (mentis inops cribro committens nectar et undam.) Tunnicius 644; so auch als sprichwörtliches bild der dummheit: ein ander mal sah er zwey philosophen, die ein paar ausgemachte kalbsköpfe waren, in einer sehr ernstlichen disputation begriffen, so dasz der eine immer absurde fragen that, und der andere immer die queere antwortete: dünkt euch nicht, meine freunde, sagte Demonax, der eine von diesen wackern männern melke einen bock, und der andere halte ein sieb unter? Wieland Lukian 3, 247. — das geht durch ihn, wie wasser durch ein sib. Eiselein 567; dann in der hand eines bettlers bleibt das geld so bestandig, als die gedult im kopffe eines verliebten, und das wasser im siebe. Olearius persian. rosenthal 10ᵇ;
es ist bei ihm verschlossen
wie wasser in ein sieb gegossen.
Simrock sprichw. 9515;
ein sib, als ihr sehet wol,
das wird nimmer wassers vol.
Eiselein 567;
ein sieb wird nimmer voll,
wie lange man auch schöpfen soll.
Wander 4, 551, 5.
vgl. auch: er ist geheber (?) dan ein sib. Schottel 1115ᵃ.
c)
durch ein weites sieb sichten u. ähnl.: was ists, das man so eng sip nymet yn den euserlichen gesetzen, das man auch ein mück auffehet, und so ein weit sip nympt in den rechten wercken, das man auch ein cameel durchfaren lesset. Luther 7, 797, 26 Weim. ausgabe; anders dagegen:
Walter. es fehlt an vorschriften, ganz recht. vielmehr,
es sind zu viel', man wird sie sichten müssen.
Adam. ja, durch ein groszes sieb. viel spreu, viel spreu!
H. v. Kleist zerbr. krug 4.
d)
durch das sieb fallen, eigentlich von der spreu, daher bildlich enen dör't seve fallen laten, einem den korb geben. brem. wb. 4, 779, vgl. Wander 4, 551, 10; auch in anderm sinne, durchs sieb fallen, ein unehelich kind bekommen:
ich weisz ein schöne bauren maid ...
sie ist neulich durchs sieb gfallen.
Ayrer 2713, 18 Keller.
hai es dört sief, bankerott, Woeste 236ᵇ. — einen durch die siebe werfen: wie bemühte er (satan) sich, Petrus durch die siebe zu werfen! was gewann er? dasz Petrus, bekehrt, stärken konnte seine brüder. H. Müller erquickst.² (1842) 56. — dör't grâte sef fallen (vgl. c) von widerrechtlichen vortheilen. Schambach 188ᵇ. etwas durch das grobe sieb gehen lassen, es nicht genau nehmen, nur obenhin untersuchen. Wander 4, 551, 11.
4)
gebräuche und aberglauben.zahlreiche sitten, bei denen ein sieb eine rolle spielt, s. bei Mannhardt mythol. forschungen s. 357 ff. (hochzeitsgebr.) 366 ff. (kindbettsbräuche). — maren, hexen u. s. w. fahren im siebe durch die luft, s. E. H. Meyer mythol. s. 123. 135. 175. — ein früh bezeugter und weit verbreiteter aberglauben ist das siebdrehen, siebtreiben, sieblaufen, um einen unbekannten übelthäter zu ermitteln, das Grimm mythol.s. 927 folgendermaszen beschreibt: das weib faszte ein erbsieb zwischen ihre beiden mittelfinger, sprach eine formel aus und nannte nun die namen der verdächtigen her: bei dem des thäters fieng das sieb an sich zu schwingen und umzutreiben. auch in anderer form geübt, s. ebenda s. 928. 930 f. nachtr. 321. Strehlke wb. zu Göthes Faust s. 126ᵃ: das sieb laufen lassen, propr. gyrare cribrum, deinde est species quaedam vaticinandi, seu hariolandi ex cursu cribri, cum certa adjuratione. Stieler 2014; das sieb laufen lassen, eine aberglaubische art, ein sieb auf einer spitze umzudrehen, da es im gleich - gewicht liegt, und so bald nicht still steht, cribrum magicum adhibere. Frisch 2, 273ᶜ; als wann man die sieb dantzen machet: welchs bei den alten zu jedem fürnemen ist bräuchlich gewesen .. daher das sprüchwort kommen, durch die sieb reden, das ist, κοσκίνω μαντεύεσθαι, cribro divinare. Fischart Bodin 71ᵃ; ich bin selbst einmal zu Parisz inn einem fürnemen hausz, ungefährlich vor zwentzig jaren, darbey gewesen, da ein junger mensch vor vilen ehrenleuten, unangerhürt ein sieb sich bewegen machet, und dasselb ausz keiner anderen geschicklichkeit oder geheimnusz, dann dasz er zu etlichen malen etliche besondere frantzösische wort darzu gebrauchte. ebenda; ich hab auch von dem herren Anthonio von Lonan ... verstanden, dasz ein zauberer gewesen, der einen anderen zauberer allein mit einer siep hat verrhaten, nachdem er etliche wort darzu gesprochen, unnd man alle die, so verdächtig waren, nach einander darbei genandt gehabt. dann alsbald man den rechtschuldige nante, so regt unnd bewegt sich die siep ohn unterlasz, unnd der schuldbar zauberer kam gleich inn frischer that ins hausz geloffen .. aber man solt dem, so die sieb gepraucht, gleich so wol als jenem sein recht gethan haben. dann disz alles geht mit teuffelischen künsten zu. 179ᵇ; ich kon kroittig lassen (kräuter lesen), ich lusse das sib loffen, ich kon wachs gissen. Gryphius die geliebte Dornrose 3, s. 90, 22 Palm (vgl. s. 36). s. ferner Bartsch sagen und gebräuche aus Meklenburg 2, s. 330 ff. 1601ᵃ. 1603. 1610. dafür auch durch ein sieb ziehen:
Meph. was soll das sieb?
der kater holt es herunter.
wärst du ein dieb,
wollt' ich dich gleich erkennen.
er läuft zur kätzin und läszt sie durchsehen.
sieh durch das sieb!
erkennst du den dieb!
Göthe 12, 123 (Faust I. hexenk.).
daher: der muss wohl sehr blind seyn, der nicht durch ein sieb sehen kann, sagt das sprichwort. Wieland 30, 293; ei, herr bartkratzer, herr bartkratzer, wie blind müszte doch der sein, der nicht durch ein sieb sehen könnte! Tieck don Quixote⁵ 2, 9 (6, 3);
schon spricht sie deutlicher.   itzt muss er's doch verstehen!
man ist sehr blind nicht durch ein sieb zu sehen.
Wieland 10, 279 (Kombabus 401).
vgl. auch siebbeschwörer, siebdreher.
5)
technisches und besonderheiten.
a)
in vielen gewerben spielt das sieb, oft in besonderer ausgestaltung, eine rolle. so wird z. b. in pochwerken ein sieb, dessen boden von scharfem draht ist, zum sichten des kleingepochten erzes verwendet, s. Jacobsson 4, 154ᵇ; bei den nudelmachern eins von seide zum sichten des grieses. 155ᵃ.
b)
sieb zum vogelfange: auch kan man sie (die goldammern) bey dem schnee mit einem siebe, oder einer thüre, oder hierzu gemachten horte fangen, wenn man einen stock drunter setzt, und an selbigen eine lange schnure oder bindfaden macht, da man denn darunter spreu und körner mit unter streuet. finden sich denn welche drunter, so rückt man mit dem bindfaden den stock weg, so fällt die thüre oder horte herunter, und sind sie also gefangen. Döbel 2, 261ᵇ. von da aus bildlich verwendet:
nun erfahr ich, schnöder feind,
wie dus habst mit mir gemeint;
du hast warlich mich mit macht
in dein netz zu ziehn gedacht.
hätt ich dir zu viel getraut,
hättst du, eh ich zugeschaut,
mir zu fall ein sieb gebaut.
P. Gerhardt s. 233, 28 Gödeke.
der 'pfaffe Amîs' gebraucht ein sip zum fischen, s. 1, d:
'so suochet uns ein sip her,
unt gê wir vischen', sprach er,
'in den selben brunnen'.
1207.
c)
sieb (cribrum) in der orgel, fundamentalbrett, pfeifenbrett, der deckel der windladen mit den löchern für die einzusetzenden pfeifen. Riemann musiklex.⁵ 1052ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 773, Z. 61.

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Zitationshilfe
„sieb“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sieb>, abgerufen am 16.10.2021.

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