Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

siebenschläfer, m.

siebenschläfer, m.
1)
in der legende sieben jünglinge aus Ephesus, welche bei der christenverfolgung unter Decius im jahre 251 in eine höhle des berges Kalion flüchteten, dort einschliefen, eingemauert wurden und erst 447 unter Theodosius bei zufälliger öffnung der höhle wieder erwachten. sie werden von der kath. kirche als heilige verehrt und ihr gedächtnis am 27. juni begangen. die legende stammt vielleicht aus einer antiken erzählung (beim jüngeren Plinius), wonach schon Epimenides in seiner jugend in einer höhle auf Kreta eingeschlafen und erst nach 57 jahren wieder erwacht sein soll. sie tritt im abendlande zuerst bei Gregor von Tours (mirac. 1, 95) und Paul. Diac. (1, 3) auf. s. Adelung. Weigand 2, 709. Borchart² nr. 1095. J. Grimm mythol.⁴ 794, anm. 3. W. Grimm kl. schr. 2, 219. Wiedemann hist. gefangensch. 11, 74. (ähnliche sagen auch sonst, z. b. Mones anzeiger 7, 54, s. unter siebenmal.)
a)
mhd. erscheint die bezeichnung zunächst als zwei getrennte wörter, so in einem besondern gedichte von den siben slâfæren (herausg. v. Karajan, Heidelb. 1839); ferner: anno 421 jar was Theodosius kayser. bey im komen die siben slaffer auff, die hetten geschlaffen 192 jar. d. städtechron. 4, 292, 6;
daʒ wil ich iu wiʒʒen lan
und mit warheit beweren
mit den siben slaferen.
Martina 286ᵈ, 100;
mît der sibin slafer urstende,
die hatten geslafen fürwar
mit der zal zwei hundert iar
und doch siben iar minder.
287ᶜ, 60.
s. auch Weigand a. a. o.
b)
dann auch in éin wort zusammengeschrieben: die sübensleffer bei Dangkrotzheim heil. namenb. 209. so nhd. stets: die sieben-schläfer, im calender, septem dormientes. Frisch 2, 274ᵇ; weiter am schwarzen meer hinab ist ein gewölb in einem berg, ein zimlich lange höle, darinn sollen die siebenschläffer geschlaffen haben; aber die historia ist darwider; dann sie zeigt an, dasz diese 7 christen männer im berg Celto, nahe bei der stadt Epheso 296 jahr geschlaffen haben. Sal. Schweigger reysz beschraibung nach Konstantinopel (1608) s. 134, s. Germ. 15, 101; laut zeugnisz der heiligen legende stiegen die frommen siebenschläfer, nachdem sie ihren hundertjährigen schlaf ausgeschlafen hatten, so munter und rüstig aus den römischen katakomben hervor, wie sie hinein gegangen waren, und hatten nur um eine einzige nacht gealtert. Musäus volksm. 3, 20 Hempel (s. auch siebenzigjährig); siebenschläfer Göthe 5, 272 (überschr. eines gedichts im 'buch des paradieses').
c)
das vollständige zusammenwachsen zu einem worte zeigt sich darin, dasz man (erst nhd.) auch den sing. ein siebenschläfer verwendet (anstatt einer der sieben schläfer): sieben-schläfer, m. uno de' sette dormienti sotto Decio imperatore. Kramer dict. 2, 805ᵃ; siebenschläfer, unus ex septem dormientibus in spelunca quadam tempore Decii, a. C. 251. et experrectis, a. C. 446. tempore Theodos. junior. Stieler 1804. so zumeist in übertragenen gebrauchsweisen, s. 2—4.
d)
der 27. juni heiszt nach ihnen der siebenschläfertag (wofür sehr gewöhnlich blosz siebenschläfer, m. oder plur., nd. sêbenslöæper Schambach 320ᵇ): das geschach auf der siben schlaffertag im 1386 jar. d. städtechron. 5, 32, 33; wenns am siebenschläfertag regnet, regnets sieben tage lang. Bartsch sagen aus Meklenb. 2, s. 293. die gewöhnliche fassung dieses weitverbreiteten aberglaubens ist indessen: wenn et up säbensläper rägent, denn rägent et sêben wêken, un wenn âk mant all dâge en pâr droppen fallet. Wander 4, 555 (ebenso Schambach a. a. o.); nach den siebenschläfern richten sich sieben tage und sieben wochen (bair. hauskal.); wenn die siebenschläfer regen kochen, so regnet es vier ganzer wochen. ebenda. (in einem cisiojanus der Mondsee-Wiener liederhandschr. 99, 42 dafür verslaffen, vgl. d. anm. s. 504.)
2)
daher sagt man sprichwörtlich zur bezeichnung eines langen und festen schlafes: willst du mich einlullen, lieber alter? Leuth. aufstöhren, und schliefest du den schlaf der siebenschläfer V. Weber sagen 3 (1792), 606; und gott schlang die schleife des schlafs um unsere schläf' her, — dasz wir schliefen wie die siebenschläfer. Rückert (1882) 11, 345 (16. makame). aus dem vergleich ergibt sich leicht die übertragung: er ist ein siebenschläfer. Wander 4, 555, 7, breslauisch a îs a rechter sîbeschlæfer Frommann 3, 414, 541; sieben-schläfer ... it. dormiglione, endimione, poltrone. Kramer dict. 2, 805ᵃ; ein siebenschläfer, ist ein spott-wort, womit man einen der zu lang schläfft belegt, endymion, homo somnolentus. Frisch 2, 274ᵇ; unter diesen (bauern) war ein siebenschläffer, ... hatte sein ursprung von dem geschlecht Endymionis des hirtens. Schuppius 734;
so singe wie ein spatz, schreib' als ein siebenschläfer.
Thümmel reise 8, 4;
es war ein fauler schäfer,
ein rechter siebenschläfer,
ihn kümmerte kein schaf.
Göthe 11, 12;
könige erwacht!
siebenschläfer! —
Schiller 1, 342.
hierher: sonst wird der früling nicht viel bey den siebenschläffern vermögen. Fischart groszm., im kloster 8, 565 —? mit weiterer ausdeutung der zahl sieben: daher ist das sprichwort kommen, dasz man einen, der bisz umb 7. uhr schläfft, pflegt einen sieben-schläffer zu nennen. Wiedemann histor. gefangensch. 11, 74, s. auch Wander a. a. o. und Weigand 2, 709. in freier neubildung von sieben beliebigen schlafenden: aber ehe die siebenschläfer erwachten, waren sie bereits von einer bäuerin entdeckt worden. Musäus volksm. 2, 8 Hempel. dazu das fem.: guten morgen, ihr drei siebenschläferin. gespenst 190.
3)
dann auch auf thiere angewendet:
im winter ist der bär ein rechter sieben-schläffer.
Wiedemann histor. gefangenschaften 11, 32 (vgl. s. 73, anm. 21).
so feste bezeichnung eines zu den mäusen gehörenden, in aussehen und lebensweise den eichhörnchen ähnlichen, in hohlen bäumen nistenden thieres, das einen langen und festen winterschlaf hat, auch schlafratze, bilch(maus) u. s. w. genannt, myoxus glis Nemnich, sciurus glis Oken 7, 766, vgl. Brehm illustr. thierl. 2, 103 f. Adelung. Weigand 2, 709 ('weil das thier nach dem volksglauben einen winterschlaf von 7 monaten hat').
4)
pflanzenbezeichnung.
a)
die rosen- od. schlafäpfel, moosige auswüchse an den zweigen der wilden (oder hunds-) rose, welche den schlaf befördern sollen, s. Nemnich unter rosa canina, so besonders im Göttingischen, nd. sêbenslöæpers Schambach 188ᵇ.
b)
die gelbe rapunzel, rapunzelsellerie, ein aus Nordamerika stammendes salatkraut, senothera biennis. Pritzel-Jessen.
c)
ein bis in den december haltbarer, besonders zu apfelwein verwendbarer spitzapfel.
d)
siebenschläferchen, n. die küchenschelle oder osterblume, der ebenfalls schlafwirkende kraft zugeschrieben wird, auch schlafblume, schlafkraut, tageschlaf, tagschläferchen, -le, anemone pulsatilla. Nemnich. Pritzel-Jessen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 818, Z. 23.

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Zitationshilfe
„siebenschläfer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/siebenschl%C3%A4fer>, abgerufen am 27.10.2021.

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