Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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sieche, f.

sieche, f.
aegritudo Wachter 1520, unregelmäszige und sehr seltne abstractbildung zu siech an stelle des gewöhnlichen seuche, s. das., sp. 696: wenns blos sieche wäre; und nicht zugleich hindernisz, das jedes mittel dagegen aufhebet! — im todesschweisze aber mit opium träumen: warum den kranken stören, ohne dasz man ihm hilft? Herder 5, 557 Suphan. s. auch siech 8, e. in nd. form:
ey dasz dich och die siecken schend.
Rinckhart christl. ritter s. 24 neudruck (1, 3, v. 313).
vgl. Jecht 104ᵃ. nach Kleemann 21ᵃ noch jetzt nordthür. sîchen, f.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 846, Z. 21.

siechen, n.

sie-chen, n.,
s. sie II, 2, i, β.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 846, Z. 41.

siechen, verb.

siechen, verb.
siech sein, kränkeln. ein altes starkes verb dieser art ist nur im got. als siukan erhalten (nur in präsensformen belegt), vgl. Fick³ 3, 325. im deutschen erscheinen an dessen stelle schwache bildungen, und zwar im ahd. nach allen 3 classen ohne bedeutungsunterschied, siuhhan, siuhhên, siechôn languere, languescere, lassescere Graff 6, 139 f.; mhd. siechen, mitteld. sîchen und sûchen Lexer handwb. 2, 909; mnd. seken (fehlt bei Schiller-Lübben, beleg s. unter 1), suken Schiller-Lübben 4, 461ᵇ: egrotare, -ri hd. siechen, sichen, nd. suken, seken, siech sin. Dief. gl. 197ᵃ; seken, kranken nov. gl. 146ᵃ; infirmare .. hd. siechen, sewchen gloss. 297ᵇ; infirmari .. siech werden, sein, machen, siechen, sichin. ebenda; suken nov. gl. 215ᵇ; languere .. hd. syech, nd. sek sin, krancken, hd. syechen, suken vel queelen. gloss. 317ᵃ; languescere senen, begynnen zu sichen. 317ᵇ. das prät. wird mit haben gebildet. im nhd. zuweilen in der unregelmäszigen schreibung si(e)gen:
und do er solch unruh geendt,
hat jhm gott geschickt kranckheit zu,
hat schir gesiget jmmer zu.
Ayrer 715, 6 Keller.
in heutigen mundarten verbreitet (doch ist in vielen gegenden sochen üblicher), bair. sêichen. Schm. 2, 214, kärnt. siechn, siechet, gisiecht und gisouchn krank sein oder werden Lexer 233, siichen cimbr. wb. 231ᵃ, thür. síchen schwären, eitern, kränkeln Hertel sprachsch. 228, sîken, sôken, suchten schwären, eitern, neben sîchen kränkeln. Liesenberg 214; nd. süken brem. wb. 4, 744. Schütze 4, 222. Dähnert 472ᵇ. Danneil 216ᵃ. Mi 89ᵃ. Schambach 218ᵃ, sîken ten Doornkaat Koolman 3, 182ᵇ, süken 362ᵇ. das nd. süken, ebenso wie ahd. siuhhan, -en und mitteld. sûchen entspricht eigentlich dem nhd. ausgestorbenen seuchen, s. das., sp. 698, und Weigand 2, 710.
1)
im eigentlichen sinne, 'mit einer langwierigen, schleichenden krankheit oder schwachheit behaftet sein' Adelung: valetudine incommoda teneri, siechen, krancken. Corvinus fons lat. 702ᵇ. Schottel 416; siechen, et sücheln, motiunculis levibus tentari, longô et molestô morbô corripi, valetudinarium, vel clinicum esse, incommodâ valetudine teneri Stieler 2017 (vgl. Kramer unter siecheln); siechen verb. krank darnieder liegen, aegrotare. item, tenui valetudine esse Frisch 2, 274ᵇ.
a)
belege: de bischop Wichman ne was dar nicht, wante he sekede do unde starf. deutsche chron. 2, 234, 18; sih, das weyb Jheroboam geit ein, das sie ratz frage uber iren sun, wann er siechet. bibel v. 1483 164ᶜ; der bruder Lazarus kranck was. darumb sein schwestern santten zu im, sagend, herr sih den du liebhast, der siecht. 516ᵇ; darumb so siechent sy lang und kündent nit genesen. Braunschweig chir. (1498) 42ᵃ; sie wolt lieber siechen bisz an jren todt. Pontus 57; als der selbig (könig Ezechias) siechete bitz uff den tod. Keisersberg seelenpar. 92ᵃ; Cramer erreichte Bombay, siechte einige monate, und starb. Niebuhr kl. schr. 1, 28; der einst so starke mann kränkelte und siechte. Auerbach dorfgesch. 1, 53;
duͦ suchis nuͦ vil lange,
mit groʒen suͦchten bist duͦ bevangen.
Trierer Silv. 136;
ich hân gesiechet disen summer
und mich gar gezeret abe.
feldbauer 76 (Germ. 1, 347ᵃ);
das einig alte weib,
das do thet krüchlen und sichen.
pfaff von Kalenberg 1041;
wann wir ligent und yetz siechen
und gon nit mügen oder kriechen.
Murner narrenbeschw. 87, 9;
wer wünscht ihm doch zu siechen,
und üm die ofenbanck erbärmlich her zu kriechen.
Fleming 111 (113, 69 Lappenberg);
nein, nein, die weiber siechten alle,
wenn dieses übel schädlich wär.
Gellert bei Adelung;
mein oheim sîecht, der Kärnthen nach mir läszt.
Grillparzer⁴ 5, 32;
im dunkeln zimmer siecht ein knabe,
ganz still und stumm, verfall'n dem grabe.
Immermann 13, 145 Hempel ('Tristan d. sieche');
und siehst ein mädchen du, schön und wild,
— vor jahren hat's eine weile gesiecht.
Droste-Hülshoff 1, 302.
an etwas siechen: ein solliche krankheit, dasz sie den, so daran siechen, wohl thut. Hutten 5, 264 Münch. s. ferner 2, c.sprichwörtlich lang sichen ist gewiser tod. Wander 4, 556.
b)
siechen bezeichnet in allen diesen fällen einen andauernden zustand. um den eintritt desselben zu bezeichnen, müssen hilfsverben hinzutreten, so mhd.:
daʒ der herre siechen began.
Trierer Silv. 44.
nur in der cimbrischen mundart ist incohative bedeutung üblich: (dor) siichen, ammalarsi, infermarsi, krank werden. cimbr. wb. 231ᵃ.
c)
als synonyme dienen zunächst kränkeln, ferner nach Adelung nd. quimen und kudeln. dazu führt Campe an: 'Eberhard unterscheidet siechen und quinen und das letzte bezeichnet nach ihm denjenigen mangel an kräften und wohlbefinden, welcher den vollen genusz der gesundheit, das wachsthum und das gedeihen der nahrung hindert' u. s. w.
d)
von einzelnen gliedern; mhd. in der sprichwörtlichen wendung:
swen sô daʒ houbet siechet, sô ist al dem lîbe wê.
minnes. 3, 5ᵇ Hagen;
nû habt ir alle wol vernomen,
swenn daʒ houbet siechet, daʒ ouch danne ist komen
wêtage unt smerz mit krancheit sînem lîbe.
Lohengr. 5802;
wann siecht das haubt durch ploden wanck,
die glider werden alle kranck.
Oswald v. Wolkenstein 26, 209.
s. ferner unter 2, b. c.
e)
von thieren, besonders bei Megenberg: wenne die hund siechent, sô eʒʒent si ain kraut. 125, 32; wenne der leopard inwendig siechet, sô trinket er ainr wilden gaiʒ pluot und wirt gesunt. 145, 13; der ochs ... siecht niht lang. 159, 35; welbeu hüenr ob irn airn niht ruoent, die siechent und werdent krank. 196, 14; die peinen (bienen) sint krank und siechent allermaist sô die pluomen kaltent. 292, 6. sonst wenig üblich. in Kärnten von einer bestimmten frühjahrskrankheit des viehes Lexer 233.
2)
übertragen, auf seelische zustände.
a)
so allgemein: der eitle, und noch mehr die eitle, hassen eitle viel zu stark, die doch mehr am kopfe, als am willen siechen. J. Paul Tit. 1, 122; mein geist hat hier jahre lang gesiecht, ich möchte an deinem herzen unter anderem himmel gesunden. Freytag 2, 222 (Valentine 5). vgl. c.
b)
häufig von verzehrender liebessehnsucht: uuanta ih mînes uuines minnon sîechon. Williram 31, 3; daʒ ih sînero minnon sîechon. 85, 3; mhd. nâch minne siechen:
daʒ er muost âne lougen
nâch hôher minne siechen.
troj. krieg 2743;
ir minne zôch in ir gewalt
des mâles vil der Kriechen,
die siufzen unde siechen
nâch ir begunden iemer mê.
7558.
zuweilen zu körperlicher krankheit führend: das Absolons des suns Davids schöniszten schwester, mit namen Thamar, liebhet Ammon der sun David, und verdarb groszlich in ir, also das er siechet umb ir lieb. bibel 1483 147ᵈ. in milderem sinne:
mein einig- und allen geliebter,
ferne von meinem blick, schmachtet und siechet und krankt.
Herder 27, 322 Suphan.
so auch:
die lippe siecht, sobald sie nicht
von liebchens kusz durchdrungen ist.
Platen 89ᵃ (gasel. 144)
c)
siechen an etwas; nach an steht bald der leidende seelentheil oder das, an dem man mangel leidet:
an hôhem muote siechen
begunde frouwen unde man.
troj. krieg 23406;
er muoʒ an êren siechen.
12438;
des muoʒ daʒ sende herze mîn
an vröuden iemer siechen.
29321.
bald die krankheit, so besonders nhd.:
wir Deutschen siechen
am neid, am neid!
Voss 5, 190.
3)
in übertragener bedeutung steht siechen auch mit sächlichem subject. mhd. besonders mit abstracten, die so personificiert erscheinen:
des hinket reht und trûret zuht und siechet schame.
Walther v. d. Vogelweide 102, 27;
nû wolde ouch halden sîne wort
der keiser an den Crîchen,
daʒ icht mochte siechen
an im die rechte wârheit.
pass. 51, 18 Köpke.
ähnlich nhd.:
in frost und unbehagen siechte des festes lust.
Spitteler balladen (1886) 31.
aber auch von concreten dingen:
der blasse äther siecht.
Droste-Hülshoff 1, 102.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 846, Z. 42.

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Zitationshilfe
„siechen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/siechen>, abgerufen am 13.10.2021.

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