Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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siechtag, siechtage, m.

siechtag(e), m.
krankheit. eigentlich zusammensetzung mit dem alten schwachformigen dago (wie lebtag, wehtag, ahd. ant-, endi-, fîra-, nachot-, suono-, tulditago), also 'dauer, zeit der krankheit', aber schon frühe zu einer bloszen abstraktbildung geworden. zuerst bei Williram bezeugt: daʒ ir mînemo sponso kundet mînen sîechetagon, der mir ane liget vone sîner minno. 85, 6, vgl. Graff 5, 361; mhd. siechtage und siechtac Lexer handwb. 2, 910, mnd. sekedage Schiller-Lübben 4, 175ᵇ f. (häufiger sukedage 461ᵃ): languor .. siechtage, suchte, zuucke dage. Dief. gl. 317ᵇ; morbus .. siechtag, siechde. 367ᶜ; egritudo ... langwor siechtag nov. gl. 146ᵃ. im nhd. ist siechtag besonders in der ältern zeit ungemein häufig, später wird es selten (wol im zusammenhange mit der unsicherheit der flexion, s. besonders 1, h), ohne indessen ganz auszusterben. mundartlich selten bezeugt, österr. der siechtagen Höfer 3, 274, nd. sükedage 'ein sieches leben, kränklicher zustand' brem. wb. 6, 298.
1)
die entwicklung der form im nhd. gestaltet sich folgendermaszen.
a)
die ursprüngliche flexion überwiegt, wie mhd. und mnd., so auch im ältern nhd. bedeutend: bekerung des siechtagen, crisis. voc. v. 1429 bei Schm. 2, 214; die dâ sterbent von des herzen siehtagen. Megenberg 27, 5; ein heiliger appet sprach zu sinen siechen iunger: sun trure nicht umb dinen siechtagen, eʒ ist die groste gnade geistlicher lute, ob sie got loben in ir sichtagen. veterb. 24, 4. 6 Palm; ain spill von ainem siechtagen, den hies man den tanaweschel, der was uberall in tewschen landen. fastn. sp. 1346; men vertribet ein siechtagen mit wider wertiger artzenige. Dief.-Wülcker 854; Claudius .. starb eines rehten siehtagen. d. städtechr. 8, 29, 12; eszich und sure spise ist für den sichtagen guͦt. 117, 23; der löw da er mangel hat, nam er sich an eins siechtagen. Keisersberg hellisch löw a 4ᵇ; wer sein siechtagen dem artzt verbirgt .., betrügt sich selber. narrensch. 76 (nach 85, richtig 78)ᵃ; es was uf ein mal einer von einem siechtagen von sinnen kummen. Pauli schimpf u. ernst s. 36 Österley (c. 36; andere ausg.: einer kam von sinnen siechtagens halben. 70ᵇ); fraget, .. ob er kein verborgen siechtagen an jm wisse. S. Franck chron. 473ᵇ; sy seind gar langes lebens, .. und schier on allen siechtagen. weltb. 235ᵃ; also muͦszt die guͦt alt muͦter von jrem angenummenen siechtagen aufston. Wickram rollwagenb. 77, 19; als der ritter ein geschwinden scharpfen siechtagen an ime selbs empfande. Zimm. chron.² 1, 31, 4 Barack; waver ir gemahl ir böse wort geben .., sölle sie uf den boden niderfallen, scharren und ein siechtagen simulieren. 3, 611, 30; den jungen kindern desz tages vielmal ein löffel voll zu mal zu trincken geben, vertreibt den siechtagen. Tabernaemont. kräuterb. 684 K (vgl. ferner unter 2);
der (minnepfeil) sie dô warf
in einen grôʒen siechtagen.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 1945;
so tuot er den siechtagen erst meren.
des teufels netz 9969;
hertzog Casymier der freundt dein,
thut .... clagen
ehr sey kranck von siechtagen.
Soltau hist. volksl. s. 442 (vom j. 1583).
b)
der nom. lautet mhd. mnd. auf -e aus: do sties in ein starker sichtage an. d. städtechr. 8, 39, 26; do kam in ouch der sichtage an der da heiszet etica. 56, 33; so ginge ime der siechtage abe. 361, 15; etwenne beschicht das langer siechtage ains mans husfrouwen also entschöpfet, daʒ irs tods ee dann irs leben wer zebegeren. Niclas v. Wyle transl. 124, 6 Keller. über das 15. jahrh. ist dieser ausgang nicht nachzuweisen, dafür tritt entweder die kürzung siechtag ein, s. unten e, oder die form der cas. obl. siechtagen dringt auch in den nom. ein: antrax usz siner gantzen naturen ist ein scharffer schedelicher siechtagen. qu. (vom j. 1500) bei Scherz-Oberlin 1498; ein fraw hat ein man, der ist ir lieb, sie meint leib und seel mit im zu behalten, da scheidet sie kein bresten noch siechtagen von im. Keisersberg brösaml. 2, 37ᵇ; und sein siechtagen nam zuͦ. Pauli 94 Österley (c. 129); das er gleich zu Menz sich legt und ine ain schwerer siechtagen anstiess. Zimm. chron.² 3, 118, 19 Barack. so auch bei Höfer 3, 274 angesetzt.
c)
der gen. zeigt zuweilen den ausgang -ens: er sterb wie er wöll, siechtagens halb, gehlingen, oder bewart. Keisersberg trostsp. Aa 4ᵇ; als des siechtagens und des niderfallens kain ort sein wolt. Zimm. chron.² 3, 611, 35 Barack.
d)
natürlich kann siechtage auch im plural gebraucht werden: daʒ got die welt möht niderslahen in aim augenblick ân aller siechtagen hilf. Megenberg 112, 7; wenn da koment nüw siechtagen, so muͦsz man ouch darfür haben nüw arznien. Stretlinger chron. 46, 25; von den (drei) sichtagen ist gar vil lutes dot in den landen. und von den sichdagen sol nieman erschrecken: wer do erschricket, der ist dot zuͦhant. d. städtechr. 8, 117, 22 f.; mit den selben segen vertreip men ouch meniger hande gebresten unde siechtagen. 272, 7; wan zorn bringt vil siechtagen. Keisersberg narrensch. 81 (74)ᵇ; zuͦ Köln ein mal im quodlibet, ward ufgeben zuͦ determinieren und ercleren eim doctor in der artznei von den siechtagen der menschen. der selbig erklert, das da weren in einem menschen .ii. tausent. ccxxiiii. sychtagen. emeis (1517) 25ᵃ; wenn lange sichtagen wollen lange ertzney haben. kuchenmeist. d 4; thet er arzet kleider an und gieng in den spital und besahe allerhandt geschwere und siechtagen. S. Brant bei Steinhöwel 137ᵇ; do er nach vilen siechtagen wider in freuden lebte. Kirchhof wendunm. 1, 591 Österley (1, 2, 124); wie denn solches unwidersprechlich anzeigung gibt, das der mensch zur unsterbligkeit im anfang geschaffen, weil mancher so vil kranckheit, siechtagen, schmertzen, unnd plagen auszstehen kan. Mathesius Sar. 202ᵃ;
daʒs nâch ir ger
die tiuvel mehten verjagen
unt büeʒen alle siechtagen.
Walther v. Rheinau 131, 24;
seg an, was hat aber das mögen ertragen,
dasz du für alle strafen, siechtagen und plagen
hast die lüt gebet und sundere segen gelert?
Manuel 127 Bächtold (ablaszbr. 434).
s. ferner h.
e)
in anlehnung an das gewöhnliche tag nimmt siechtage später oft starke flexion an. doch läszt der nom. siechtag dies nicht deutlich erkennen, da er auch aus -tage gekürzt sein kann, umsomehr als ohnehin viele sprachquellen starke und schwache flexion unterschiedslos neben und durch einander gebrauchen. in jedem falle ist er im nhd. (seit dem 16. jahrh.) die alleinherrschende form: siechtag (der) morbus Maaler 373ᶜ; maladie Hulsius 298ᵃ; giorno di malatia, it. malatia lunga, cronica e dolorosa. Kramer dict. 2, 805ᶜ; aegrotatio Dentzler 2, 264ᵃ; und weret der siechtag an ym ein gantz jar. d. städtechr. 3, 280, 19; mich hat begriffen ein siechtag. Terent. (1499) 132ᵃ; ich fürcht übel, das der siechtag Philomene meer beschwert werd. 153ᵃ; gleich als er hin wolt, da stiesz jn ein siechtag an, und ward kranck. buch d. liebe 284ᵃ.
f)
deutlich tritt dagegen in den andern casus die starke flexion zu tage.
α)
im gen.: fürhtestû aber mêr anderr mensche beswærde, denne dînes siehtages, daʒ muostû ouch lîden. d. mystiker 1, 328, 15; nu begonder gnesn sines sichtages. veterb. 48, 32 Palm.
β)
im dat.: dannen must er scheiden vor siechtage. deutsche städtechroniken 8, 37, 2;
wer dem siechtag losen wil,
dem mag sîn werden wol ze vil.
Boner 47, 147;
he was dulgicht unde lam,
van sûkedâge sô mat.
van deme holte des hill. cruzes 463.
γ)
im acc.: wider solchen prästen und siechtag ist keyne artznei besser, dann das man den ochssen weder wasser noch ander ding lasse trincken. Sebiz feldb. 127;
eîn krancker, der so bgert artzny,
sol sinen siechtag zeigen fry.
trag. Joh. Cc 2.
δ)
im plur.: weret dat Tidericus van lemesse weghene, sukedaghe edder unmacht weghene nicht denen en konde. d. städtechr. 6, 253, 18; pfawen mist ist eyne treffliche artznei, wider allerley siechtage der augen. Sebiz feldb. 116; bis etwan grosze schreyende siechtage im volk die leute wieder auf die natur der dinge und auf die ersten bedürfnisse des menschen zurückführen. Pestalozzi 12, 437;
wer hüt lat (zur ader läszt),
der wirt aller siechtag an.
des teufels netz 10191;
kranckheyt usz sünden dick entspringt,
die synd vil grosser siechtag bringt.
Brant narrenschiff 38, 56.
g)
daneben bildet sich im nhd. ein andrer weg, die auffallende schwache flexion zu beseitigen und durch eine mundgerechtere form zu ersetzen. man behandelt nämlich siechtage als plural, wozu sowol die endung wie die bedeutung veranlassen konnte, der unterschied von d und f, δ liegt darin, dasz siechtage hier nicht mehr eine mehrheit von krankheiten, sondern eine einzelne krankheit meint. in dem häufigen dativ ist bei schwacher bildung ohnehin kein unterschied zwischen sing. und plur., vgl.: dar so vinde gy suntheit, sin gy kranck edder in sukedagen. d. städtechron. 16, 525, 18;
daʒ dû mit siechtagen strebest,
die wîle dû ûf erden lebest.
pass. 207, 75 Köpke.
h)
diese gebrauchsweise ist lexikalisch zuerst bei Kramer dict. 2, 805ᶜ gebucht (neben dem starken sing., s. e): stäte siechtage haben, stare ammalato di continouo; stete siech-tage haben, valetudinarium esse. Frisch 2, 274ᵇ. ebenso Adelung und Campe. seit etwa 1700 scheint demnach diese verwendung die herrschende zu sein. in der litt. ist sie schon viel früher (seit dem 12. jahrh.?) bezeugt; doch sind die folgenden belege nicht ganz eindeutig, da vielleicht auch der schwache dat. sing. vorliegen könnte (mit abschwächung des auslautenden m zu n beim art. u. s. w.): nit lang darnach ward sein stieffmuter auch kranck, eben in den siechtagen da der vatter an siech was gewesen. Pauli schimpf u. ernst s. 222 Österley (c. 339);
von diu sô hat dich got getân
gesunt von dînen siechtagen.
Trierer Silv. 494.
in folgender stelle ist wol eher wirklicher plur. anzunehmen: du kanst hir vil guttes tuhn, so lange du noch gesund; wann du aber krank bist, weis ich nicht, was du alsdann vermagst. ihrer wenig bessern sich nach den sichtagen. Butschky hochd. kanzl. s. 750.
2)
siechtag(e) steht in der ältern sprache in der allgemeinen bedeutung 'krankheit', auch von acuten krankheiten; erst in neuerer zeit hat es sich zu der bedeutung eines chronischen, meist allgemeineren leidens verengt, s. Kramer unter 1, e, wie siech, siechen u. s. w. überhaupt, vielleicht auch in zusammenhang mit der ausbildung der pluralischen verwendung (die ebenfalls Kramer zuerst verzeichnet, s. 1, h). übertragene gebrauchsweise (von liebesleid u. ähnl.) findet sich vereinzelt im mhd.bemerkenswert sind noch besonders die verbindungen mit adjectiven zur bezeichnung bestimmter krankheiten.
a)
der fallende siechtag(e), fallsucht, epilepsie: epilepsia der fallent siechtag. Dief. gloss. 204ᵇ; fallend siechtag, epilepsia, morbus comitialis. Dasypodius; den fallenden siechtag haben, mit dem hinfallenden siechtag behaftet seyn. Schm. 2, 214, vgl. Höfer 3, 274; Machemet hette den vallenden siechtagen. d. städtechron. 9, 533, 22; mit dem fallenden siechtag behaft. Hutten 5, 171 Münch; jegliche kranckheit hat jren besondern apotecker und doctor. S. Johann unnd S. Valentin heyln von wegen namens den fallenden siechtagen. Fischart bienenkorb 184ᵃ (vgl. b); da sie sich ein wenig erholte, gleich denen so den fallenden siechtagen haben. buch der liebe 208ᵃ;
der vallend und frölich siechtag werd dir ouch!
Manuel 262 Bächtold (Elsti Tragdenkn. 111).
dafür auch: da lieffen die bauren zuͦ unnd meinten, der sigrist hette den hinfallenden siechtagen. Wickram rollwagenbüchlein 175, 27 Kurz; wie man sagt, ist er des hinfallenden siechtagen davon genesen. Zimm. chron.² 2, 494, 38 Barack.
b)
dieselbe krankheit heiszt auch sanct Val(en)tins siechtage, vgl. Fischart unter a und: S. Ulrich het under andern gaben die gnad, dasz er allen den, die S. Valentin oder den fallenden siechtag hetten, zu hilff keme, und gesund mache. handschriftliche quelle bei Frommann 6, 4. weitere belege: also gat es denen die sant Veltins siechtagen hond: wen sie den siechtagen leiden, so entpfinden sie nit, waz man inen anthuͦt. Keisersberg emeis 38ᵃ; von der kranckheit die man nennt sant Veltins siechtag. also verstanden nuhn weiter, das der natürlich lauff der menschen, der durch die elementa unnd astra gegeben wirt, ein kranckheit macht, die den menschen niderwirfft, führt jhn in ein krampff, der jhm sein glieder hend und füsz streckt unnd biegt, die augen unnd den mund unnd dergleichen. Paracelsus opp. (Straszb. 1616) 1, 93 A; im teutsch hatt es (die fallende krankheit) auch ein sonder nammen, heist sanct Valtins siechtag. 542 C.
c)
der grüne siechtagen, engl. the green sickness, bleichsucht, cachexia. Höfer 3, 274: ist denen ein edle artzney, die mit dem grünen siechtagen behafft ... seyn. Tabernaemont. 14 B; wegwartwurtzel ... dienet wider den grünen siechtag, cachexiam. 471 F; der wegwartenwein ... vertreibet die geelsucht und den grünen siechtag. 474 H K. (beachte den wechsel zwischen siechtagen als dativ, auch 43 F, und dem häufigeren siechtag als acc., ferner 301 F. 475 F. 483 B. 485 G, als dativ 483 A.)
d)
der rote siechtage, ruhr: dissenterea .. der rot siechtag Dief. gloss. 185ᶜ; emerroyda der rotte siechtag. nov. gl. 149ᵃ.
e)
der schweinende siechtage schwindsucht: ethica .. oder swinend siechtag. Dief. gloss. 211ᵇ; swinender siechtag vel attich, swinde, swinen siechtage. ethicus wer den serwenden siechtagen hat. nov. gl. 157ᵇ; die den schweynenden siechtag habend, atrophi. Maaler 373ᶜ.
f)
der kalte siechtag, kaltes fieber Höfer 3, 274; er (der habicht) hat auch underweilen den kalten siechtagen. Mynsinger 35; isset er vische und trincket darczu wasser, so befelt yn der kalt sichtag. kuchenmeist. a 6.
g)
der reichen (leute) siechtag, podagra: es fügt sich uff ein zeit das der edelman kranck ward, und het der reichen lüt siechtagen, wie wol vil armer menschen den selbigen siechtagen auch haben das podagra. Pauli schimpf und ernst s. 41 Österley (cap. 44);
der lytt ouch das er laͤg zuͦ bett
und er der richen siechtag hett.
Brant narrenschiff 67, 70.
h)
anderes mehr vereinzelt: einem armen knecht, der den ungenanten siechtagen het. quelle von 1425 bei Lexer handwb. 2, 910; hastig siechtag. Sebiz feldb. 90 am rande (im text: die geschwind kranckheyt, die man sonst den acutum nennet); wer mit dem schweren sieg-tag beladen, und solche schwachheit empfindet, der solle alsobald einen löffel-voll dieses öls einnehmen. Hohberg 3, 1, 183ᵇ.
i)
sonst dient siechtag auch mit einem krankheitsadjectiv zur umschreibung des stammworts, der aussätzigen siechtag aussatz: das in got sluͦg mit der ussetzigen siechtagen. d. städtechron. 8, 276, 7. — ähnlich: disz aqua vite ist auch guͦt für alle melancolische siechtagen in dem haupt von dürren und schwermütigkeit. Braunschweig kunst der destill. (1500) 68ᶜ.
k)
sprichwörtlich scherzhaft: monophagi, er sihet nit gern mit den zenen dantzen. er mummelt ausz der faust. er hat den mumphenden siechtagen. Franck sprichw. 2, 10ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 852, Z. 47.

siechtag, siechtage, m.

siechtag(e), m.
krankheit. eigentlich zusammensetzung mit dem alten schwachformigen dago (wie lebtag, wehtag, ahd. ant-, endi-, fîra-, nachot-, suono-, tulditago), also 'dauer, zeit der krankheit', aber schon frühe zu einer bloszen abstraktbildung geworden. zuerst bei Williram bezeugt: daʒ ir mînemo sponso kundet mînen sîechetagon, der mir ane liget vone sîner minno. 85, 6, vgl. Graff 5, 361; mhd. siechtage und siechtac Lexer handwb. 2, 910, mnd. sekedage Schiller-Lübben 4, 175ᵇ f. (häufiger sukedage 461ᵃ): languor .. siechtage, suchte, zuucke dage. Dief. gl. 317ᵇ; morbus .. siechtag, siechde. 367ᶜ; egritudo ... langwor siechtag nov. gl. 146ᵃ. im nhd. ist siechtag besonders in der ältern zeit ungemein häufig, später wird es selten (wol im zusammenhange mit der unsicherheit der flexion, s. besonders 1, h), ohne indessen ganz auszusterben. mundartlich selten bezeugt, österr. der siechtagen Höfer 3, 274, nd. sükedage 'ein sieches leben, kränklicher zustand' brem. wb. 6, 298.
1)
die entwicklung der form im nhd. gestaltet sich folgendermaszen.
a)
die ursprüngliche flexion überwiegt, wie mhd. und mnd., so auch im ältern nhd. bedeutend: bekerung des siechtagen, crisis. voc. v. 1429 bei Schm. 2, 214; die dâ sterbent von des herzen siehtagen. Megenberg 27, 5; ein heiliger appet sprach zu sinen siechen iunger: sun trure nicht umb dinen siechtagen, eʒ ist die groste gnade geistlicher lute, ob sie got loben in ir sichtagen. veterb. 24, 4. 6 Palm; ain spill von ainem siechtagen, den hies man den tanaweschel, der was uberall in tewschen landen. fastn. sp. 1346; men vertribet ein siechtagen mit wider wertiger artzenige. Dief.-Wülcker 854; Claudius .. starb eines rehten siehtagen. d. städtechr. 8, 29, 12; eszich und sure spise ist für den sichtagen guͦt. 117, 23; der löw da er mangel hat, nam er sich an eins siechtagen. Keisersberg hellisch löw a 4ᵇ; wer sein siechtagen dem artzt verbirgt .., betrügt sich selber. narrensch. 76 (nach 85, richtig 78)ᵃ; es was uf ein mal einer von einem siechtagen von sinnen kummen. Pauli schimpf u. ernst s. 36 Österley (c. 36; andere ausg.: einer kam von sinnen siechtagens halben. 70ᵇ); fraget, .. ob er kein verborgen siechtagen an jm wisse. S. Franck chron. 473ᵇ; sy seind gar langes lebens, .. und schier on allen siechtagen. weltb. 235ᵃ; also muͦszt die guͦt alt muͦter von jrem angenummenen siechtagen aufston. Wickram rollwagenb. 77, 19; als der ritter ein geschwinden scharpfen siechtagen an ime selbs empfande. Zimm. chron.² 1, 31, 4 Barack; waver ir gemahl ir böse wort geben .., sölle sie uf den boden niderfallen, scharren und ein siechtagen simulieren. 3, 611, 30; den jungen kindern desz tages vielmal ein löffel voll zu mal zu trincken geben, vertreibt den siechtagen. Tabernaemont. kräuterb. 684 K (vgl. ferner unter 2);
der (minnepfeil) sie dô warf
in einen grôʒen siechtagen.
Heinr. v. Neustadt Apollon. 1945;
so tuot er den siechtagen erst meren.
des teufels netz 9969;
hertzog Casymier der freundt dein,
thut .... clagen
ehr sey kranck von siechtagen.
Soltau hist. volksl. s. 442 (vom j. 1583).
b)
der nom. lautet mhd. mnd. auf -e aus: do sties in ein starker sichtage an. d. städtechr. 8, 39, 26; do kam in ouch der sichtage an der da heiszet etica. 56, 33; so ginge ime der siechtage abe. 361, 15; etwenne beschicht das langer siechtage ains mans husfrouwen also entschöpfet, daʒ irs tods ee dann irs leben wer zebegeren. Niclas v. Wyle transl. 124, 6 Keller. über das 15. jahrh. ist dieser ausgang nicht nachzuweisen, dafür tritt entweder die kürzung siechtag ein, s. unten e, oder die form der cas. obl. siechtagen dringt auch in den nom. ein: antrax usz siner gantzen naturen ist ein scharffer schedelicher siechtagen. qu. (vom j. 1500) bei Scherz-Oberlin 1498; ein fraw hat ein man, der ist ir lieb, sie meint leib und seel mit im zu behalten, da scheidet sie kein bresten noch siechtagen von im. Keisersberg brösaml. 2, 37ᵇ; und sein siechtagen nam zuͦ. Pauli 94 Österley (c. 129); das er gleich zu Menz sich legt und ine ain schwerer siechtagen anstiess. Zimm. chron.² 3, 118, 19 Barack. so auch bei Höfer 3, 274 angesetzt.
c)
der gen. zeigt zuweilen den ausgang -ens: er sterb wie er wöll, siechtagens halb, gehlingen, oder bewart. Keisersberg trostsp. Aa 4ᵇ; als des siechtagens und des niderfallens kain ort sein wolt. Zimm. chron.² 3, 611, 35 Barack.
d)
natürlich kann siechtage auch im plural gebraucht werden: daʒ got die welt möht niderslahen in aim augenblick ân aller siechtagen hilf. Megenberg 112, 7; wenn da koment nüw siechtagen, so muͦsz man ouch darfür haben nüw arznien. Stretlinger chron. 46, 25; von den (drei) sichtagen ist gar vil lutes dot in den landen. und von den sichdagen sol nieman erschrecken: wer do erschricket, der ist dot zuͦhant. d. städtechr. 8, 117, 22 f.; mit den selben segen vertreip men ouch meniger hande gebresten unde siechtagen. 272, 7; wan zorn bringt vil siechtagen. Keisersberg narrensch. 81 (74)ᵇ; zuͦ Köln ein mal im quodlibet, ward ufgeben zuͦ determinieren und ercleren eim doctor in der artznei von den siechtagen der menschen. der selbig erklert, das da weren in einem menschen .ii. tausent. ccxxiiii. sychtagen. emeis (1517) 25ᵃ; wenn lange sichtagen wollen lange ertzney haben. kuchenmeist. d 4; thet er arzet kleider an und gieng in den spital und besahe allerhandt geschwere und siechtagen. S. Brant bei Steinhöwel 137ᵇ; do er nach vilen siechtagen wider in freuden lebte. Kirchhof wendunm. 1, 591 Österley (1, 2, 124); wie denn solches unwidersprechlich anzeigung gibt, das der mensch zur unsterbligkeit im anfang geschaffen, weil mancher so vil kranckheit, siechtagen, schmertzen, unnd plagen auszstehen kan. Mathesius Sar. 202ᵃ;
daʒs nâch ir ger
die tiuvel mehten verjagen
unt büeʒen alle siechtagen.
Walther v. Rheinau 131, 24;
seg an, was hat aber das mögen ertragen,
dasz du für alle strafen, siechtagen und plagen
hast die lüt gebet und sundere segen gelert?
Manuel 127 Bächtold (ablaszbr. 434).
s. ferner h.
e)
in anlehnung an das gewöhnliche tag nimmt siechtage später oft starke flexion an. doch läszt der nom. siechtag dies nicht deutlich erkennen, da er auch aus -tage gekürzt sein kann, umsomehr als ohnehin viele sprachquellen starke und schwache flexion unterschiedslos neben und durch einander gebrauchen. in jedem falle ist er im nhd. (seit dem 16. jahrh.) die alleinherrschende form: siechtag (der) morbus Maaler 373ᶜ; maladie Hulsius 298ᵃ; giorno di malatia, it. malatia lunga, cronica e dolorosa. Kramer dict. 2, 805ᶜ; aegrotatio Dentzler 2, 264ᵃ; und weret der siechtag an ym ein gantz jar. d. städtechr. 3, 280, 19; mich hat begriffen ein siechtag. Terent. (1499) 132ᵃ; ich fürcht übel, das der siechtag Philomene meer beschwert werd. 153ᵃ; gleich als er hin wolt, da stiesz jn ein siechtag an, und ward kranck. buch d. liebe 284ᵃ.
f)
deutlich tritt dagegen in den andern casus die starke flexion zu tage.
α)
im gen.: fürhtestû aber mêr anderr mensche beswærde, denne dînes siehtages, daʒ muostû ouch lîden. d. mystiker 1, 328, 15; nu begonder gnesn sines sichtages. veterb. 48, 32 Palm.
β)
im dat.: dannen must er scheiden vor siechtage. deutsche städtechroniken 8, 37, 2;
wer dem siechtag losen wil,
dem mag sîn werden wol ze vil.
Boner 47, 147;
he was dulgicht unde lam,
van sûkedâge sô mat.
van deme holte des hill. cruzes 463.
γ)
im acc.: wider solchen prästen und siechtag ist keyne artznei besser, dann das man den ochssen weder wasser noch ander ding lasse trincken. Sebiz feldb. 127;
eîn krancker, der so bgert artzny,
sol sinen siechtag zeigen fry.
trag. Joh. Cc 2.
δ)
im plur.: weret dat Tidericus van lemesse weghene, sukedaghe edder unmacht weghene nicht denen en konde. d. städtechr. 6, 253, 18; pfawen mist ist eyne treffliche artznei, wider allerley siechtage der augen. Sebiz feldb. 116; bis etwan grosze schreyende siechtage im volk die leute wieder auf die natur der dinge und auf die ersten bedürfnisse des menschen zurückführen. Pestalozzi 12, 437;
wer hüt lat (zur ader läszt),
der wirt aller siechtag an.
des teufels netz 10191;
kranckheyt usz sünden dick entspringt,
die synd vil grosser siechtag bringt.
Brant narrenschiff 38, 56.
g)
daneben bildet sich im nhd. ein andrer weg, die auffallende schwache flexion zu beseitigen und durch eine mundgerechtere form zu ersetzen. man behandelt nämlich siechtage als plural, wozu sowol die endung wie die bedeutung veranlassen konnte, der unterschied von d und f, δ liegt darin, dasz siechtage hier nicht mehr eine mehrheit von krankheiten, sondern eine einzelne krankheit meint. in dem häufigen dativ ist bei schwacher bildung ohnehin kein unterschied zwischen sing. und plur., vgl.: dar so vinde gy suntheit, sin gy kranck edder in sukedagen. d. städtechron. 16, 525, 18;
daʒ dû mit siechtagen strebest,
die wîle dû ûf erden lebest.
pass. 207, 75 Köpke.
h)
diese gebrauchsweise ist lexikalisch zuerst bei Kramer dict. 2, 805ᶜ gebucht (neben dem starken sing., s. e): stäte siechtage haben, stare ammalato di continouo; stete siech-tage haben, valetudinarium esse. Frisch 2, 274ᵇ. ebenso Adelung und Campe. seit etwa 1700 scheint demnach diese verwendung die herrschende zu sein. in der litt. ist sie schon viel früher (seit dem 12. jahrh.?) bezeugt; doch sind die folgenden belege nicht ganz eindeutig, da vielleicht auch der schwache dat. sing. vorliegen könnte (mit abschwächung des auslautenden m zu n beim art. u. s. w.): nit lang darnach ward sein stieffmuter auch kranck, eben in den siechtagen da der vatter an siech was gewesen. Pauli schimpf u. ernst s. 222 Österley (c. 339);
von diu sô hat dich got getân
gesunt von dînen siechtagen.
Trierer Silv. 494.
in folgender stelle ist wol eher wirklicher plur. anzunehmen: du kanst hir vil guttes tuhn, so lange du noch gesund; wann du aber krank bist, weis ich nicht, was du alsdann vermagst. ihrer wenig bessern sich nach den sichtagen. Butschky hochd. kanzl. s. 750.
2)
siechtag(e) steht in der ältern sprache in der allgemeinen bedeutung 'krankheit', auch von acuten krankheiten; erst in neuerer zeit hat es sich zu der bedeutung eines chronischen, meist allgemeineren leidens verengt, s. Kramer unter 1, e, wie siech, siechen u. s. w. überhaupt, vielleicht auch in zusammenhang mit der ausbildung der pluralischen verwendung (die ebenfalls Kramer zuerst verzeichnet, s. 1, h). übertragene gebrauchsweise (von liebesleid u. ähnl.) findet sich vereinzelt im mhd.bemerkenswert sind noch besonders die verbindungen mit adjectiven zur bezeichnung bestimmter krankheiten.
a)
der fallende siechtag(e), fallsucht, epilepsie: epilepsia der fallent siechtag. Dief. gloss. 204ᵇ; fallend siechtag, epilepsia, morbus comitialis. Dasypodius; den fallenden siechtag haben, mit dem hinfallenden siechtag behaftet seyn. Schm. 2, 214, vgl. Höfer 3, 274; Machemet hette den vallenden siechtagen. d. städtechron. 9, 533, 22; mit dem fallenden siechtag behaft. Hutten 5, 171 Münch; jegliche kranckheit hat jren besondern apotecker und doctor. S. Johann unnd S. Valentin heyln von wegen namens den fallenden siechtagen. Fischart bienenkorb 184ᵃ (vgl. b); da sie sich ein wenig erholte, gleich denen so den fallenden siechtagen haben. buch der liebe 208ᵃ;
der vallend und frölich siechtag werd dir ouch!
Manuel 262 Bächtold (Elsti Tragdenkn. 111).
dafür auch: da lieffen die bauren zuͦ unnd meinten, der sigrist hette den hinfallenden siechtagen. Wickram rollwagenbüchlein 175, 27 Kurz; wie man sagt, ist er des hinfallenden siechtagen davon genesen. Zimm. chron.² 2, 494, 38 Barack.
b)
dieselbe krankheit heiszt auch sanct Val(en)tins siechtage, vgl. Fischart unter a und: S. Ulrich het under andern gaben die gnad, dasz er allen den, die S. Valentin oder den fallenden siechtag hetten, zu hilff keme, und gesund mache. handschriftliche quelle bei Frommann 6, 4. weitere belege: also gat es denen die sant Veltins siechtagen hond: wen sie den siechtagen leiden, so entpfinden sie nit, waz man inen anthuͦt. Keisersberg emeis 38ᵃ; von der kranckheit die man nennt sant Veltins siechtag. also verstanden nuhn weiter, das der natürlich lauff der menschen, der durch die elementa unnd astra gegeben wirt, ein kranckheit macht, die den menschen niderwirfft, führt jhn in ein krampff, der jhm sein glieder hend und füsz streckt unnd biegt, die augen unnd den mund unnd dergleichen. Paracelsus opp. (Straszb. 1616) 1, 93 A; im teutsch hatt es (die fallende krankheit) auch ein sonder nammen, heist sanct Valtins siechtag. 542 C.
c)
der grüne siechtagen, engl. the green sickness, bleichsucht, cachexia. Höfer 3, 274: ist denen ein edle artzney, die mit dem grünen siechtagen behafft ... seyn. Tabernaemont. 14 B; wegwartwurtzel ... dienet wider den grünen siechtag, cachexiam. 471 F; der wegwartenwein ... vertreibet die geelsucht und den grünen siechtag. 474 H K. (beachte den wechsel zwischen siechtagen als dativ, auch 43 F, und dem häufigeren siechtag als acc., ferner 301 F. 475 F. 483 B. 485 G, als dativ 483 A.)
d)
der rote siechtage, ruhr: dissenterea .. der rot siechtag Dief. gloss. 185ᶜ; emerroyda der rotte siechtag. nov. gl. 149ᵃ.
e)
der schweinende siechtage schwindsucht: ethica .. oder swinend siechtag. Dief. gloss. 211ᵇ; swinender siechtag vel attich, swinde, swinen siechtage. ethicus wer den serwenden siechtagen hat. nov. gl. 157ᵇ; die den schweynenden siechtag habend, atrophi. Maaler 373ᶜ.
f)
der kalte siechtag, kaltes fieber Höfer 3, 274; er (der habicht) hat auch underweilen den kalten siechtagen. Mynsinger 35; isset er vische und trincket darczu wasser, so befelt yn der kalt sichtag. kuchenmeist. a 6.
g)
der reichen (leute) siechtag, podagra: es fügt sich uff ein zeit das der edelman kranck ward, und het der reichen lüt siechtagen, wie wol vil armer menschen den selbigen siechtagen auch haben das podagra. Pauli schimpf und ernst s. 41 Österley (cap. 44);
der lytt ouch das er laͤg zuͦ bett
und er der richen siechtag hett.
Brant narrenschiff 67, 70.
h)
anderes mehr vereinzelt: einem armen knecht, der den ungenanten siechtagen het. quelle von 1425 bei Lexer handwb. 2, 910; hastig siechtag. Sebiz feldb. 90 am rande (im text: die geschwind kranckheyt, die man sonst den acutum nennet); wer mit dem schweren sieg-tag beladen, und solche schwachheit empfindet, der solle alsobald einen löffel-voll dieses öls einnehmen. Hohberg 3, 1, 183ᵇ.
i)
sonst dient siechtag auch mit einem krankheitsadjectiv zur umschreibung des stammworts, der aussätzigen siechtag aussatz: das in got sluͦg mit der ussetzigen siechtagen. d. städtechron. 8, 276, 7. — ähnlich: disz aqua vite ist auch guͦt für alle melancolische siechtagen in dem haupt von dürren und schwermütigkeit. Braunschweig kunst der destill. (1500) 68ᶜ.
k)
sprichwörtlich scherzhaft: monophagi, er sihet nit gern mit den zenen dantzen. er mummelt ausz der faust. er hat den mumphenden siechtagen. Franck sprichw. 2, 10ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 852, Z. 47.

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Zitationshilfe
„siechtage“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/siechtage>, abgerufen am 26.10.2021.

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