Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

siechthum, n.

siechthum, n.
(langwierige) krankheit, abstractum zu siech, also gleichbedeutend mit siechtag(e), aber älter und verbreiteter, vgl. altn. sjúkdómr und Grimm gramm. 2, 639: ahd. sioͮhtôm aegrimonia Graff 6, 139: allerslahto sîechetûom hêileta Williram 93, 11; mhd. siechtuom Lexer hdwb. 2, 910; mnd. sekedôm Schiller-Lübben 4, 176ᵃ: egritudo .. langwor siechtag, -tumb. Dief. nov. gl. 146ᵃ (vgl. ferner 1, c). weitere abstractbildungen s. besonders seuche und siechheit; nur nd. ist sekede, sêkde Schiller-Lübben a. a. o., neund. sêkdôm und sêkte ten Doornkaat Koolman 3, 171ᵃ, vergl. indessen sicht 10, a, sp. 739 und cimbrisch siichte cimbr. wb. 231ᵃ; dem engl. eignet -ness, ags. séocness, neuengl. sickness.
1)
zur form ist folgendes zu bemerken:
a)
siechthum ist in allen ältern dialecten, auch mhd. mnd., consequent masc. so auch ursprünglich im nhd. wann der übergang ins neutr. eingetreten ist, lassen die belege nicht erkennen, jedenfalls im 16. oder 17. jahrh. von den wörterbüchern hat es Kramer dict. 2, 805ᶜ: siechthum, n. contract. sucht, seuche, f. malatia, infermità lunga; ebenso siechtum, n. morbus. Frisch 2, 274ᵇ; dagegen schwankend: siechtum, der et das ... valetudo infirma, aegra, tenuis, imbecillitas corporis. grausames siegtum, valetudo atrox, morbus exitiabilis, sive praeceps. Stieler 2017. in der litteratur belegt es Campe schon aus P. Gerhardt:
was zierest du den leib, das haus,
drinn alles siechthum stecket.
seit dem 18. jahrh. alleinherrschend. (cimbr. siichtom, masc.? s. cimbr. wb. 231ᵃ.)
b)
mhd. erscheint nicht selten der plur. siechtüeme: noch sint etelîche siechtüeme die der sieche hât. Berthold von Regensburg 1, 517, 26; (lorbeeröl) ist auch guot wider all siechtüem, die von kalter nâtûr koment. Megenberg 327, 29; für alle die siechtüem, angst und nôt, die uns anligent an leib und an sêl. 346, 27; mitteld. ohne bezeichnung des umlauts:
drî und sibenzic lût man sach
von allerhande siechtumen
in wol gesunt leben kumen.
pass. 46, 7 Köpke;
dô kôs er zû den siechtumen
durch des armen mannes vrumen.
207, 77.
nhd. dürfte ein plur. siechthümer kaum begegnen.
c)
sehr auffallend ist die namentlich im 15. jh. nicht selten auftretende entstellung siechtung: infirmitas .. siechtung. Dief. gloss. 297ᵇ; so wol auch zu lesen für sitztüng egretido. nov. gl. 146ᵃ (s. ferner 3, b); wenn ain kindlein den hochen siechtung (vgl. 3, e) hat. handschrift des 15. jahrh. bei Schm. 2, 214; hie hebt sich an ain guot vasnachtspil von aim siechtung, den hies man den tanaweschel, der was uberall in allen teutschen landen. fastn. sp. 468; folget nauch dem wysen ernieten artzat, die ain sölich gewonhait haben in grossen siechtungen, das sy ain zwyfelhaftig artznie dem krancken gebent, und lieber wöllent erfaren würckung sölicher artznie durch wagung des lebens, danne den siechen aun artznie verlaussen. Niclas v. Wyle transl. 61, 20 Keller (dagegen wenig später: und wirt diser siechtum mit kainem ding bas gearznet. 62, 14); hat dich langer siechtung unnd schwachait gesterbet? Schaidenreiszer (1537) 47ᵃ (Od. 11, 172); allain ihne verhinder ehehafte noth, nemblich unsägliche fenknuss, siechtung, dasz er kürchen und gassen nit besuechen mag. Salzb. taid. 32, 41 (handschrift von 1625). eine erklärung ist nicht gegeben. die grosze zahl der belege erlaubt nicht, an schreibfehler oder zufällige entstellung zu denken. contamination mit siechung anzunehmen, hindert erstens das durchgängige masc., zweitens der umstand, dasz dieses selbst nur ganz vereinzelt (mhd. s. Lexer handwb. 2, 911) bezeugt ist.
2,
a)
die bedeutung ist, wie bei dieser ganzen gruppe, zunächst die von krankheit überhaupt: die newen leut .. pawent pei den waʒʒern; daʒ ist gar schad und pringt vil siehtums und vil unzeitiger tœd. Megenberg 95, 35; siht aber er (der caladrius) den siechen an ,... sô geniset er, wan er bekant sein antlütz und nimt sein siechtum an sich. 173, 32; ein sun eins weybs einer muter des ingesindes siechte. und der siechtumb wz so starck, also das der atum nit belib in im. bibel von 1483 166ᶜ; und ein siecher Lazarus was von Bethania .. und da es Jhesus hoͤrt, er sprach zu in: diser siechtumb ist nit zu dez tod. 516ᵇ; gleicher weis als ein guter arzt pflegt, erstlich die ursach des siechthums hinweg nehmen. Hutten 5, 264 Münch;
des gienc er gesunder hin
von des siechtuomes sêre
und geruort in niemer mêre.
Lamprecht v. Regensburg Francisk. leben 2730;
in den selben zellen
begunde er geswellen
von des siechtuomes sûche
an beinen füeʒen und an bûche.
3721 (vgl. das glossar);
do er den siechtuom überwant.
herzog Ernst 5597;
daʒ dâ ein rîche vrowe lac
zû Jêrûsalem unde pflac
siechtûmes, der was sô grôʒ.
pass. 276, 51 Köpke;
si dorfte ouch niht zanger
durch siechtum gemachen dar,
wand in nimmer mêr geswar
weder ouge noch zant.
Ottokar reimchron. 563;
wan ich an mînem siechtuom tar
gebaden niht.
minnes. 3, 239ᵇ Hagen;
der sichtum niht entzuhet sich
zu dem tode sicherlich.
Alsfeld. passionssp. 2133;
herr, land mich iwern brunnen sehen
und fahend in in ain glas,
das ich den siechtum kenn dest bas.
des teufels netz 9997.
b)
in neuerer zeit ist auch hier die beschränkung auf eine langwierige, zehrende krankheit, ein allgemeinleiden regel, ohne eine scharfe scheidung zu gestatten: im grunde fragt kein teufel viel nach meinem siechthum. J. Paul unsichtb. loge 3, 43; eine harte krankheit war in langsames siechthum übergegangen und hatte Sami zu jeglichem dienst unfähig gemacht. Gotthelf Käthi cap. 3; die müllerin hat ein zehrendes siechthum. Gutzkow ritter vom geist 7, 269; in der familie des freiherrn sasz das siechthum, wie der wurm in einer pflanze. Freytag 5, 273; da ihr gestern, wo sie der erste schreck fast sinnlos machte, weder hand noch fusz versagte, achtete sie sich des siechtums ledig. Anzengruber³ 2, 320; würf' s' mal ein siechtum auf'n strohsack. 3, 274;
und zum lohne will ich dann
eine kunde euch ertheilen,
die schnell euer siechthum heilen,
euch mit lust erfüllen soll.
Grillparzer⁴ 3, 102 (ahnfr. 4);
die gesichter schön und edel,
aber fahl und welk von siechtum.
Heine 1, 401 Elster (span. Atriden);
durch frühes siechthum schwer gebeugt
und jeglichem beruf verdorben.
Droste-Hülshoff 1, 159;
ferner stellt euch stramm und fest
und vernichtet euer siechtum.
Keller 10, 205;
die freude
bezwang schon manches siechthum.
Geibel 7, 188;
allgemeiner, schwäche, anlage zu krankheiten:
nicht ruhen können nach des leibes mühen!
den staubleib tragen! mit seiner todtenfarbe
und seinem siechthum! seinem gräbergeruch!
Schubart 2, 72 (der ewige jude).
3)
häufig, besonders in der ältern sprache, dient siechthum (wie siechtage, s. daselbst 2) zur bezeichnung bestimmter krankheiten, meist mit adjectivischem zusatz. eine grosze anzahl derartiger ausdrücke enthält Megenberg, s. das glossar. besonders sind zu bemerken:
a)
der aussätzige siechthum, aussatz: sô gibt man eʒ in trinken .. wider den auʒsetzligen siechtum. Megenberg 285, 4; auch siechthum allein, vgl.:
wol drîʒic ûʒsetzen oder mê
dâ sâʒen, den ir siechtuom wê
tet. ir suht si sêre twanc:
mit grôʒem siechtuom maneger ranc.
Ulr. v. Liechtenstein 330, 10. 12;
lasz in demut mich mein siechtum tragen!
Chamisso 2, 182 Koch (d. arm. Heinr. 343).
b)
epilepsia .. fallende sucht, var. sichtung; hinfallender sichtum, var. siechtumb, der fallent siechtag, der hinfallende siechtung. Dief. gloss. 204ᵇ; der vallend siehtum. nov. gloss. 152ᵃ; daʒ die wahteln under allen tiern auf erden allein den vallenden siehtum leident sam der mensch. Megenb. 183, 19;
die von dem vallnden siechtuom nider
vielen, den half Jêsus wider.
br. Philipp Marienleben 5486.
c)
der rote siechthum wird verschieden erklärt. mnd.: de den roden segdom (ruhr) heft. quelle bei Schiller-Lübben 4, 176ᵃ;
der rôte siechtuom und das vîc
macht iuch bleich unde gel.
Seifr. Helbling 2, 1190,
im mhd. wb. als 'blutflusz' erklärt, wie es sicher in folgender stelle gemeint ist: ein wip, di den roten siechtum hat gehabt zwelf iar. quelle bei Schm. 2, 214.
d)
er starb am kalten siechtum, (das ist am fieber). Frisch 2, 274ᶜ; vgl.: febris 'fieber, schittel, pos siechtum, kaltwê'. Aventin werke 1, 390, 23.
e)
der hohe siechtum '(frais?)' Schm. 2, 214: für den hohen siechtum ... wenn ain kindlein den hochen siechtung hat. quelle s. ebenda.
f)
weiteres aus Megenberg: daʒ sei guot für der pain siehtum, der podagra haiʒt. 357, 5; er hailt auch der füeʒ siehtum, der ze latein podagra haiʒt. 452, 31. — wenn der siehtum (menstruation?) den frawen kümt, sô vallend si dick hin. 326, 28. — sô ist eʒ guot für den nagenden siehtum, der ze latein ignis persicus haiʒt und haiʒent in etleich laien daʒ hellisch feur. 410, 13; wan si machent si für den fäuhten siehtum, der morphea haiʒt. 411, 4; der stain .. hailt auch der zungen siehtum .. und schäuht den grausamen siehtum, der daʒ antlütz negt und haiʒt ze latein noli me tangere. 457, 31 f. (vgl.: noli me tangere ein schmertz im angesicht .. vallende, fulende sucht, sucht von der roten saichung. Dief. gl. 382ᵇ).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 856, Z. 8.

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Zitationshilfe
„siechthum“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/siechthum>, abgerufen am 05.12.2021.

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