Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

sied, adj. adv.

sied, adj. adv.
in dieser lautform vereinigen sich mehrere wörter bezw. bedeutungen, deren zusammenhang (bez. identität) sowol unter sich, wie auch mit seit und seite (s. diese, sp. 370 und 379) nicht genügend klar ist. sie sind durchweg dem hd. fremd, dagegen auszer im nd. auch im engl. und den nordischen sprachen, wenn auch nicht gleichmäszig, verbreitet.
1)
niedrig, tief gelegen, seicht (vom wasser), so besonders nd.: mnd. sît, side; bassus nedder vel side. Schiller-Lübben 4, 217; sid, nidersächs. niedrig, humilis, inferior, demissus, depressus. Frisch 2, 273ᵇ; side bömekens virgulta. Chytraeus 466, s. ebenda; von der niedern gerichtsbarkeit: sidest infimus: mit aller nut und vrucht, mit aller orbede, mit dem richte hoghest unde sidest. quelle bei Scherz-Oberlin 1496, vgl.dat sideste recht die untere gerichtsbarkeit. Dähnert 423ᵇ. häufig in bezug auf den stand: de stad (macht eine sünde schwerer): de hoghe de sundiget mer an gelik den de side. mnd. katechismus in d. zschr. f. d. phil. 13, 26. so auch mnl. side. in heutigen nd. mundarten allgemein verbreitet, besonders in den verbindungen sied water, niedriges, seichtes wasser, wenn die flut abgelaufen ist, ebbe; dat water is sider wurden, ist gefallen; een siden stool; woor de tuun am siedsten is, daar stigt elkeen aver; side bene kurze beine, een sied-beenden osse. brem. wb. 4, 783 f.; en sietbeenigen ossen (als besonders fett), siet sitten Schütze 4, 102, s. ferner Dähnert 423ᵇ. Danneil 193ᵃ; sîd, comp. sîer, sup. sîeste, adv. sîe: en sîd ôrd, an sîen steden, sîe genaug kan men de beine (des stuhls) noch jümmer krîgen, de sîe brûne kâl, düse swîne sint noch sîer (kurzbeiniger), de snei werd sîe (wenn er allmählich wegschmilzt); sek sîd (tief) bücken, sprichwörtlich set dek en beten sîe, sau felst de nich sau hâch. Schambach 191ᵃ f.; sied in Duderstadt. Klein 2, 154; preusz. sîd, sît, sîdet land, water, öck huck sîd (sitze niedrig), de bôm hat sîte äst', das dach ist zu sîd. Frischbier 2, 340ᵃ; westf. entstellt zu sige (sigger-siggest): sprichw. bai sige stêt, fällt nitt hoge. Woeste 236ᵇ. zuweilen greift sîde in die benachbarten hd. mundarten hinüber, so hess. s. Vilmar 383 (an der Werra bis Eschwege aufwärts; sûde, sûdchen, sutjes langsam, das man auch in Hannover hört, hat natürlich nichts damit zu thun, vgl. holl. zoetjes), und nordthür. s. Kleemann 21ᵃ. auch Frisch (s. oben), Adelung (unter seit I: sieder stuhl, das wasser ist sieder geworden) und Campe verzeichnen es, aber nur als nd.auszerhalb des deutschen findet sich das wort mnl. (s. oben, nicht holl., wie es scheint), fries. (altfries. einmal side falla, nordfries. sid Richthofen 1012ᵃ) und dän. schwed. als sid; hier ist wol entlehnung aus dem nd. nicht ausgeschlossen.
2)
ein *sîd in der bedeutung 'wenig, gering' ist zu entnehmen aus dem altn. compar. síđr weniger, superl. sízt; nd. siden verringern Dähnert 423ᵇ.
3)
damit hängt kaum zusammen ein wort für 'weit, ausgedehnt', so ags. síd Bosworth-Toller 870ᵇ; nur dieses begegnet auch ganz vereinzelt ahd.: laxe uuîto, sîto Graff 6, 158. auch sonst fast nur als adv. in formelhafter zusammenstellung mit weit: ags. síde and wíde, mnd. wyde unde side, wiet und(e) siet, wyden ind syden, wyde syde Schiller-Lübben 4, 217ᵇ, neund. wied un sied brem. wb. 4, 783, sît un wît Danneil 193ᵃ, sîd un wîd, wîd un sîd Schambach 191ᵇ als besonderes wort. andre idiotiken kennen nur diese verwendung (nicht 1): sid un wid weit und breit, danach auch gebildet sid un brid überallhin Mi 79ᵃ, wîd un sîd ten Doornkaat Koolman 3, 180ᵃ, van wîd un sîd Woeste 236ᵃ; so auch holl. wijd en zijd.
4)
ags. síd bedeutet auch 'lang, herabhängend', von kleidern, haaren u. ähnl.; nur diesen sinn hat das altn. adj. síđr demissus Cleasby-Vigfusson 531ᵇ (dazu composita wie knésíđr bis zum knie reichend, Síđho̜ttr, beiname Odins wegen seines tief ins gesicht gezogenen und dasselbe verhüllenden hutes, u. a.), ebenso dän. sid (weit herabhängend, von gewändern), neben der (entlehnten) bedeutung 1. diese verwendung liesze sich sowol mit 1 wie mit 3 vermitteln, weicht aber in ihrem verbreitungsgebiete von beiden ab.
5)
vgl. auch siedend.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 858, Z. 26.

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Zitationshilfe
„sied“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/sied>, abgerufen am 22.10.2021.

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