Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

siedeln, verb.

siedeln, verb.
(sich) niederlassen, seszhaft machen oder werden, sowol zu vorübergehendem wie zu dauerndem aufenthalt. eine alte causativbildung zu sedel, ahd. sedal, vergl. auch siedel. Kluge⁶ 364ᵇ (vgl. dazu anzeiger f. d. alterth. 11, 27). Weigand 2, 710. das wort ist nur im hochd. vorhanden, ahd. *sidaljan Graff 6, 311, gewöhnlich gisidalen (bei Otfrid), mhd. sidelen, sideln Lexer handwb. 2, 905. im späteren mhd. verschwindet sideln, das nie sehr häufig war, ganz aus der litteratur, um erst in der classischen zeit der nhd. litteratur wieder aufzutauchen. von den wörterbüchern vor Campe verzeichnet es keines. mundartlich lebt es im bair.-österr. gebiete fort: sideln Schm. 2, 226 f., österr. sideln setzen, sich sideln zu tische setzen Höfer 3, 141, tirolisch sîgln angesessen sein, sich häuslich niederlassen, kärnt. sîdln Lexer 233.
1)
zunächst transitiv, einen ansiedeln, seszhaft machen, ihm sitz anweisen. hierbei ist abzusehen von einer mhd. verwendung, wo sideln absolut oder mit dativ steht und 'sitze, gesidele herrichten (für jemanden)' bedeutet, z. b.:
die wîle hieʒ er sidelen   vor Wormʒ an den sant
den die im komen solden   in der Burgonden lant.
Nibel. 260, 3;
dô sold man uns gesidelet   haben nâher an den Rîn.
909, 4.
die gewöhnliche transitive verwendung findet sich bereits ahd. und ist in der ältern sprache die gewöhnliche.
a)
seszhaft machen, zu dauernder niederlassung bringen:
halbmönch' und barbarn siedelten euch.
Voss 3, 205;
staun' ich um euch, ihr greise, die fern ihr gekommen durch meerflut,
und hier Tyros gebaut, hier flüchtige götter gesiedelt,
Ovids verwandl. 1, s. 185 (19, 29).
in bezug auf einzelne menschen: der wildeste empfand, es muszte groszes sein, was diese männer (die christlichen sendboten) an den saum des bergwaldes gesiedelt hatte, wo der wolf nächtlich um ihre hütte kreiste. Freytag bilder 1, 226;
und wenn sie dich sideln wollen, wo nur zu gewinnen
ungemach ist, kehr nicht ein! brich auf und zieh von hinnen!
Rückert Hamasa 1, 138.
b)
in älterer sprache in bezug auf den himmel:
gisidalt er in himile   thie ôtmuatîge.
Otfrid 1, 7, 16.
setzen (vergl. die am eingang erwähnte mhd. verwendung): daʒ wir schiere vrœlîchen ze dem gotlîchen tische vor dînem antlütze müeʒen gesidelet werden mit dem lieben reinen sæligen ... gesinde. d. mystiker 1, 383, 35.
c)
zu vorübergehendem aufenthalte unterbringen, einquartieren, einen gast beherbergen:
in diesem palast sie siedelt' er so.
Rückert Firdosi 1, 80;
den boten befahl er angenehm
zu siedeln und ihm es zu machen bequem.
2, 68.
2)
entsprechend reflexiv.
a)
von dauernder niederlassung:
die den Kytoros bewohnt und um Sesamos rings sich gesiedelt
und um Parthenios' strom sich gepriesene hauser gebauet.
Voss Il. 2, 853;
in steinesklüften siedelt sich die taube.
Rückert (1882) 2, 291 (aprilreisebl. 12).
so auch: schon finden sie hier und da nachahmung in den dörfern und drängen sich mitten unter die charakterlosen wohnungen mit den starren, kahlen wänden ohne handhabe, die aus der stadt sich herübersiedelten. Auerbach dorfgesch. 2, 191.
b)
selten vorübergehend:
deswegen mit fleisz auch siedeltest du dich hier, um zu lauschen auf solches.
Voss Aristophanes 1, 343 (wolken 404).
c)
in übertragenem sinne:
gisah er queman gotes geist   fon himilrîche, sô thû weist;
in Krist er sih gisidalta,   so slium er nan gibadôta.
Otfrid 1, 25, 24;
wohl! wer auf rechter spur
sich in der stille siedelt (sich ein sicheres heim gründet).
Göthe 3, 292.
3)
in der neuern sprache auch intransitiv.
a)
'sich häuslich niederlassen'. Schm. 2, 226, dauernden wohnsitz gewinnen, nehmen; dazu umsideln, sich anderwärts niederlassen. 227, umziehen, auswandern. ähnlich das einfache verbum: darum meinen viele, die zeit sei gekommen, wo unser volk wieder siedeln musz jenseit der landesmark .. und wir fragen in den dörfern, wo ist leeres land zum besiedeln auf der männererde? Freytag ahnen 1, 123. — von vögeln, nisten:
schwalben hatten an meinem sims gesiedelt.
Rückert ged. (1841) 232.
b)
seltner als dauerwort, wohnsitz haben, ansässig sein, wohnen: die vorsteher und häuptlinge theilen alljährlich den geschlechtern und genossenschaften, welche zusammen siedeln, masz und stelle des ackers zu. Freytag bilder 1, 60; sie (die Heruler) senden aus Illyrien, wo sie damals siedeln, eine gesandtschaft nach Skandinavien. 77.
c)
für kürzere zeit, besonders für eine nacht, sich niederlassen, sich lagern, nachtquartier beziehen:
gesiedelt ward und übernachtet.
Rückert (1882) 12, 60 (Nal 15);
sie siedelten an des ufers rain, ...
der ganze plan ward voll hütt' und zelt'.
Firdosi 1, 411.
d)
im bilde:
die liebe, die im himmel
nur siedeln will,
vor niederem gewimmel
so keusch und still.
Overbeck in Voss musenalm. 1798, s. 92.
4)
Campe führt auch ein siedeln im sinne von 'zaudern' an (nach Berndt): ich weisz nicht, was du da so lange zu siedeln hast.
5)
ferner als deminutiv zu sieden, 'ein wenig sieden' — beides sonst nicht bekannt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1901), Bd. X,I (1905), Sp. 864, Z. 73.

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Zitationshilfe
„siedeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/siedeln>, abgerufen am 22.10.2021.

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